Part 4
Aus redlichem Gemüthe ist es gesagt, fuhr Herr Zippelmann fort, aber junge vornehme Herren sind selten geeignet solche Sachen zu betreiben, und bei aller Sorgfalt kann doch viel oder Alles verloren gehen. -- Es ist ein Mann der Herzer, der in alle Schuhe paßt, aber es wäre zu versuchen, ich möchte beinahe um die Hälfte gehen. Wirklich ich könnte mich entschließen um die Hälfte zu gehen. Es ist auch so eine Geschichte, accurat wie die deutsche Einheit. Wenn man das ganze Reich nicht zusammenkriegen kann, nimmt man mit ein Stückchen Union vorlieb, kommt zuletzt mit der schönen Idee nach Haus, und verliert am Ende auch die unterwegs aus der Tasche. Hehe! Herr Geheimrath, was meinen Sie dazu?
Ich meine, sagte der Geheimrath, daß es hier allein auf den Willen des Herrn von Gravenstein ankommt, Ihren Vorschlag anzunehmen.
Aber der junge Freiherr schüttelte schweigend den Kopf.
Nun, wie Sie wollen, rief Herr Zippelmann süß grinsend; wie Sie wollen, Herr Baron, ich habe nichts dagegen. Zwei Tausend fünf Hundert Thaler will ich geben, baar, heut noch oder vielmehr sie können auf die Minute Geld bekommen. -- Hehe! was ich für ein dummer Teufel eigentlich bin, will mich da mit Geschichten einlassen, die mich nichts angehen. -- Also Sie wollen nicht, Herr von Gravenstein, oder wollen Sie?
Alfred schwieg noch immer, indem er Zippelmann betrachtete, während der Geheimrath sich zu ihm neigte und mit leiser Stimme sagte, Sie sollten es thun, aber vier Tausend fordern.
Ich thue es allein darum, weil ich ein Menschenfreund bin, fuhr inzwischen Herr Zippelmann fort. Wenn ich bedenke, daß Sie um Ihr Geld kommen sollen, fühle ich ein Mitleid in meinem Herzen, und bedenke ich wieder, daß Herzer die volle fünf Tausend Thaler bezahlen soll, bei seiner jetzigen Noth, so bin ich wieder davon ergriffen.
Sie wollen also eigentlich zum Vortheil Ihres Verwandten mir die Schuld abkaufen, um ihm zu dienen? fragte Alfred.
Freilich, rief Herr Zippelmann seine langen Hände faltend und einen andächtigen Blick nach oben sendend, das ist mein gutgemeinter Wille. Es ist eine sündhafte Familie, die von Gottesfurcht nichts weiß und ihr zeitliches und ewiges Verderben verschuldet. Aber dennoch werde ich thun, was ich thun kann, was zu ihrem wahren Besten gereicht.
Aus den kleinen glänzenden Augen des Wucherers drang ein triumphirender Blick, der zugleich so boshaft und doch so heuchlerisch demüthig war, daß er den Widerwillen des jungen Mannes nur verstärken konnte.
Ich danke für Ihr gütiges Anerbieten, sagte er kalt, ich werde die Schuld nicht verkaufen.
So, so! sagte Herr Zippelmann, ihm freundlich zunickend, das heißt Sie wollen die vollen dreitausend haben.
Auch die will ich nicht haben, fiel Alfred ein.
Ich glaube nicht, Herr Zippelmann, sagte der Geheimrath, daß es der Baron unter viertausend thut.
Meinen Sie? rief Herr Zippelmann. Aber der arme Herzer! Man muß doch einiges Mitgefühl haben selbst für Menschen, die es nicht verdienen.
Ich habe kein Mitgefühl für Menschen dieser Art, sprach Alfred. Es giebt für mich also keinen Grund mein Geld auch nur theilweis zu verlieren. Da Hoffnung vorhanden ist, daß ich bekommen kann was mein ist, so will ich dies selbst versuchen und danke Ihnen nochmals.
Sie haben Recht, grinste Zippelmann, ganz Recht Herr Baron. So wahr ich lebe, ich bin froh darüber. Fassen Sie ihn nur ordentlich an; Alles oder nichts! Gerade so wie die deutsche Einheit, Herr Geheimrath. Man muß nur zusehen, daß nicht etwa das Nichts übrig bleibt, wenn man die Hand aufmacht.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und ein noch junger Mann trat herein, dessen einnehmendes kluges Gesicht Alfred schon gestern bei dem Balle bemerkt hatte. Als der Geheimrath ihn Assessor Stephani nannte, erinnerte er sich auch des Namens wieder, aber eine dunkle Wolke schwebte an ihm hin, als er dem stattlichen Mann nachblickte, der die Damen mit zwangloser Feinheit begrüßte.
Der Assessor war ein junger schlanker Herr mit dunklen lebhaften Augen und geistvollen Zügen. Leicht gelocktes Haar lag auf seiner Stirn; er bewegte sich rasch und frei, seine Blicke hatten etwas Kühnes und scharf Beobachtendes, seine ganze Erscheinung aber etwas sehr Einschmeichelndes und Angenehmes. Es war unmöglich ihn nicht mit Wohlgefallen zu betrachten. Sein freies Gesicht mit dem einnehmenden Lächeln gab nicht allein Anlaß dazu, die feinen und gefälligen Formen trugen mehr noch dazu bei. -- Was er sagte und erzählte hatte den Reiz der Frische, der unmittelbar anregt und belebt. Seine Fragen flogen nach allen Seiten: er wußte den ganzen Kreis zu beschäftigen und was er mittheilte war für Alle berechnet.
Alfred von Gravenstein hörte eine Zeitlang zu wie er den Professor aufs Lustigste aufzog und ihn zu einer Reihe lächerlicher Aufschneidereien verführte. Der Geheimräthin erzählte er in drolliger Weise eine Anzahl Klatschgeschichten vom Hofe, sammt Neuigkeiten aus der Stadt, und sprach dann mit Elisen von den Herrlichkeiten des Balles mit allerlei Neckereien und pikanten Ausfällen auf Personen, die er dazu ausersehen hatte.
Von Zeit zu Zeit fiel sein Blick auf Alfred und ging gleichgültig weiter. Während er alle Anwesenden erheiterte, selbst mit Herrn Zippelmann scherzte und die Einen auf Kosten der Anderen belustigte, stand Gravenstein steif und nachdenkend bei dem Wucherer, der noch immer nicht die Absicht aufgegeben hatte, den Schuldschein an sich zu bringen.
Wie sich Alles gut trifft und paßt, sagte der Geheimrath endlich. Da ist der Herr Assessor Stephani, ein Sohn des Präsidenten und ein so hoffnungsvoller junger Mann, daß er Gehülfe der Ober-Staatsanwaltschaft geworden ist. -- Hören Sie einen Augenblick, lieber Assessor, rief er laut, ich möchte eine Frage an Sie richten.
Mit der freundlichsten Miene unterbrach der junge Herr seine Unterhaltung mit Mutter und Tochter. -- Was befehlen Sie, Herr Geheimrath? fragte er lächelnd.
Zuvörderst weiß ich nicht, ob sich die Herren schon kennen, erwiederte Wilkau. Herr Alfred von Gravenstein. --
Ich habe gestern schon die Ehre gehabt, fiel der Assessor ein, und bin sehr erfreut, Herr von Gravenstein, heut Ihre Bekanntschaft zu erneuen.
Sagen Sie mir, fuhr Wilkau fort, als Alfred sich schweigend verbeugte, kennen Sie die Familie Herzer?
Herzen genug, aber keine Herzer, lachte Stephani. Wahrscheinlich soll es jedoch der Fabrikant sein.
Hier ist ein Dokument, was ist damit zu thun?
Der Assessor blickte hinein, las und sagte dann: damit ist nichts zu thun, als morgen das Geld fordern und wenn nicht gezahlt wird, sofort von Gerichtswegen in Beschlag zu nehmen, was sich auffinden läßt.
Macht das Umstände?
Nicht die geringsten. Ich will die Sache heut noch in Ordnung bringen, wenn es Ihnen gefällt.
Könnten Sie es? fragte Alfred.
O! mit dem größten Vergnügen, sagte der Assessor verbindlich, es kostet nur ein paar Gänge, die ich gern thue.
Und rathen Sie mir dazu? fragte Alfred.
Es ist das Einzige was geschehen kann, erwiederte Stephani. Ich würde kein Bedenken haben, wenn sonst nicht Rücksichten vorhanden sind.
Ich glaube kaum, fiel der Geheimrath ein, daß dergleichen in Betracht kommen.
Ich denke allerdings noch immer darüber nach, sprach Gravenstein ernst, ob ich mit solcher Strenge gegen einen Mann verfahren soll, der meiner Mutter Freund einst war.
Der aber jetzt ein Mensch ist, den die Verewigte hassen und verabscheuen würde, flüsterte der Geheimrath mit Blicken des Unmuths.
Ach richtig! lachte der Assessor, dieser Herzer ist ein Dunkelrother. Er ist neulich erst in eine Untersuchung verwickelt worden, wegen heimlicher Versammlungen und Beleidigung der Obrigkeit.
Aber die Familie, murmelte Alfred vor sich hin.
Es ist an der ganzen Familie nichts, wie Sie mehrseitig gehört haben, sagte Wilkau, indem er den Kopf über die Schwäche seines Verwandten schüttelte.
So will ich nicht länger mich bedenken, sagte Alfred, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. -- Würden Sie die Güte haben, die Einleitungen zu treffen?
Mit Freuden, erwiderte Stephani. Wir wollen die Sache nachher ordnen und morgen früh soll der Exekutionsdirektor bereit sein, Ihre Anordnungen zu vollziehen.
Jetzt aber, fuhr er fort, dürfen wir den Damen Gesellschaft leisten, die ohne Zweifel sehr neugierig sind, welche wichtige Geheimnisse hier verhandelt werden, und gar keine Aufmerksamkeit mehr für unseren geistreichen Professor haben, der nächstens einen neuen Verein zum vielgetreuen Schäfer gründen wird.
Am nächsten Morgen, als es kaum Tag geworden war, wurde Alfred von Gravenstein in seinem Hotel von dem Besuche des Assessors überrascht. -- Der höfliche, junge Herr brachte ihm die Nachricht, daß Alles bereit sei, um sofort die Exekution eintreten zu lassen. -- Ich habe es so veranstaltet, sagte er, daß, sobald sie gewiß sind, Ihr Kapital wird heut Mittag nicht gezahlt, Sie nur nöthig haben, den Executions-Direktor zu benachrichtigen, der mir versprochen hat, einen Augenblick bei Ihnen einzutreten, um nähere Abrede zu nehmen.
Ich bin Ihnen zu vielem Danke verpflichtet, sagte Gravenstein, ohne zu wissen, wie ich ihn abtragen soll.
Ich betheure Ihnen, es gern zu thun, erwiderte der Assessor lachend; diene Ihnen aber um so mehr mit Freude, weil der Geheimrath sich dafür interessirt, der mich gestern Abend noch dringend mahnte, nichts zu versäumen. Es wäre unnöthig gewesen, was ich übernehme, versäume ich nie. Wenn es irgend möglich ist, sollen Sie jedenfalls zu Ihrem Gelde kommen.
Es ist mir in der That weniger um die Summe zu thun, als darum, daß ich von einem Manne, der mir von allen Seiten als verkehrt und entsittlicht geschildert wird, mich nicht betrügen lassen will.
Sie haben Recht, sagte Stephani, nichts ist empörender als die heuchlerische Lüge, die unter der Maske der größten Ehrlichkeit und Biederkeit abgefeimte Gaunerkünste verbirgt.
Auch das habe ich also zu gewärtigen? fragte Alfred.
Ich weiß es nicht, fuhr der Assessor fort, aber ich bin als Kriminalist zu bekannt mit dergleichen heruntergekommenen Leuten, um nicht zu wissen, wie sie es gewöhnlich machen, um die Herzen ihrer Gläubiger oder Richter zu erweichen.
Ich möchte nicht in Ihrer Stellung sein, sagte Alfred. Sie müssen oft entsetzliche Beobachtungen machen und die Verworfenheit der menschlichen Gesellschaft im allerschlimmsten Lichte kennen lernen.
Richter und Aerzte, erwiderte Stephani, sind allerdings die wahren Beichtväter der Menschen; sie erfahren und bewahren mehr Geheimnisse als Priester, und vermögen die besten psychologischen Beobachtungen zu machen, um sogenannte Menschenkenner zu werden.
So vermögen sie auch die beste Abhülfe zu schaffen, sagte Alfred, um durch gute Gesetze und Einrichtungen unseren Irrthümern und Fehlern entgegenzuwirken.
Da irren Sie, sprach der Assessor spottend. Die Gesetze machen nicht die Menschen, sondern die Menschen die Gesetze. Die Richter sind keine Erzieher, sie sind die unerbittlichen Rächer der beleidigten Gerechtigkeit, das heißt der Gesetzparagraphen.
Aber doch der Schutz aller Unschuldigen und unschuldig Verfolgten?
O! gewiß, lachte Stephani, aber es ist mit Schuld und Unschuld oft eine eigenthümliche Sache. -- Ich, als Staatsanwalt, habe häufig die Aufgabe, Menschen auf Tod und Leben anzuklagen, und mit allem Aufwand von Gründen und juristischer Beredtsamkeit ihre Schuld darzuthun und festzustellen, die trotz dessen völlig freigesprochen werden.
Weil ihre Unschuld sich ergiebt, sagte Alfred.
Gott bewahre, entgegnete der Assessor, vielleicht blos durch eine Zufälligkeit, durch eine Meinungsverschiedenheit, durch eine Ansicht, die ein pfiffiger Advokat geltend macht; oder weil einer der Herren Richter auf die Jagd ging und nicht in die Sitzung kam, oder weil sechs Geschworene den Angeklagten für einen Verbrecher, die anderen sechs für einen Unschuldigen erkannten. Hat man das Jahre lang gesehen und erfahren, so weiß man, daß Schuld heute Unschuld und morgen dieselbe Unschuld schwere Schuld genannt und solche bestraft werden kann.
Sie meinen also, daß Schuld und Unschuld überhaupt wankende Begriffe sind; auch der Unschuldigste sich aber in Acht zu nehmen hat, vor den Richter gestellt zu werden?
Das meine ich aus Herzensgrunde, lachte Stephani. Es ist noch immer wahr, was ein berühmter englischer Richter einst ausrief: Gebt mir drei geschriebene Worte von dem Unschuldigsten, und ich bringe ihn an den Galgen!
Sie haben wenig Vertrauen und Glauben zu ihrem eigenen Stande, sagte Alfred.
Ich thue meine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen, erwiderte Stephani, mehr kann man nicht verlangen. -- Wird mir befohlen, einen Prozeß einzuleiten, so handle ich danach und beweise meinen Scharfsinn, meine Gesetzeskenntniß und meine Beredtsamkeit.
Ich würde lieber richten als anklagen, wenn ich zwischen beiden zu wählen hätte, erwiderte Alfred.
Es kommt darauf an, welches Ziel Ihnen vorschwebt, sprach der Assessor. Die Staatsanwaltschaft ist die Bahn der Ehre und des Ruhmes. Wer Carriere machen will, muß sich da hinein werfen. Der Richter scheint allerdings unabhängiger, der Ankläger mehr Werkzeug des Regierungswillens; wenn jedoch des Richters Ansicht nicht zu den Regierungsansichten von Schuld und Unschuld paßt, so bringt er es nicht allein zu nichts, sondern man versetzt ihn an einen Platz, wo er unschädlich ist.
Glauben Sie, daß das geschieht? fragte Alfred, ihn streng betrachtend.
Herr von Gravenstein, sagte Stephani lächelnd, Sie sind ein treuer Freund des Rechts und der Regierung, ein Politiker und Parteimann, dabei auf dem Wege, ein Staatsmann zu werden, denn wie ich höre, ist Ihnen ein Platz in der Kammer zugesagt. -- Eine Regierung, welche es auch sei, muß vor allen Dingen sich der Richter versichern, wenn sie Macht und Ansehn behaupten will. Wenn die Richter sie in ihren Prozessen verlassen, ist sie verloren. Die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet ihr daher, die Gerichtshöfe so zu purifiziren, daß sie nichts zu fürchten hat.
Ich sollte meinen, erwiderte Alfred stolz, daß die Regierung dergleichen nicht nöthig habe; daß ihre gute Sache vielmehr ganz von selbst die Richter und das Recht auf ihre Seite stellen.
Die Verwirrung ist groß und die Köpfe verdorben, sagte der Assessor. Die Erfahrung hat das hinlänglich bewiesen. Die Regierung hat daher meines Erachtens sehr wohl gethan, vorsichtig zu handeln und die Böcke auszusondern und anzubinden. In unserer Zeit der politischen Prozesse müssen die Richter Männer sein, auf deren Gesinnung man sich verlassen kann. Bei alledem aber können sie parteilos das Recht handhaben, fiel Gravenstein ein.
Nein, versetzte der Assessor, das können sie nicht, wir dürfen uns den Irrthum wohl eingestehen. Bei politischen Verbrechen ist Parteilosigkeit ein Unding, namentlich in einer Zeit, wo Alles Partei ist. Man kann von dem Richter nicht verlangen, daß er seine menschlichen Empfindungen abstreife und in göttlicher Objektivität über Etwas urtheile, was ihn als Bürger im Staate zunächst mit angeht. Eben deßwegen aber handelt die Regierung auch vollkommen richtig, wenn sie nur solche Bürger zu Richtern in Israel einsetzt, von denen sie keine Parteinahme für diejenigen voraussetzen darf, die sie verfolgen läßt.
Was mich betrifft, fuhr er dann fort, als Alfred von Gravenstein schwieg, so bin ich in der That objektiv, das heißt, ohne allen Haß und ohne Parteileidenschaft.
Also eine Ausnahme von der Regel, die Sie selbst aufstellen, sprach Alfred ihn fixirend.
Ich habe einigen Ruf in politischen Prozessen erlangt, fuhr der Gehülfe des Staatsanwalts fort, und diese sind die eigentliche Schule für Staatsdiener wie die Regierung sie braucht. Es ist mein eifriges Streben, mich hervorzuthun, doch von Fanatismus bin ich weit entfernt. Steht man auf solchem Standpunkte, so überblickt man die Verhältnisse mit diplomatischem Takte und handelt im Gefühle der Nothwendigkeit.
Das heißt, erwiderte Alfred, wenn ich recht verstehe, Sie widmen sich Ihrem Berufe voller Eifer, in der Ueberzeugung, daß dies das Beste für Sie sei.
In der Ueberzeugung, daß ich damit mir den Weg zu einer Stellung bahne, die meinen Fähigkeiten angemessen ist, sagte Stephani gleichgültig ihm zunickend. Die Staatsanwaltschaft ist einmal die hohe Schule für fähige Köpfe. Es wäre Thorheit, wenn man sein Licht nicht leuchten lassen wollte. -- Halten Sie mich nicht für anmaßend, Herr von Gravenstein, fuhr er lachend fort, aber wir sind beide jung, beide gewiß auch ehrgeizig. Ich biete Ihnen die Hand zu unserer Befreundung und gestehe Ihnen, daß ich mich gern Ihnen nähere.
Ich bin sehr erfreut darüber, erwiderte Alfred höflich, die dargebotene Hand annehmend.
Wir werden manche Anknüpfungspunkte finden, die uns vereinbaren, fuhr Stephani fort. Mein Vater, der Präsident, hat keinen ganz geringen Einfluß, Ihnen ist eine bedeutsame Zukunft geöffnet. Hoffentlich sehen wir uns bald beide in der Kammer und unterstützen uns als Freunde dort auf denselben Bänken, da ich glaube, wir wissen, wohin wir uns, Recht und Vernunft gemäß, zu setzen haben. -- Der Geheimrath Wilkau ist Ihnen verwandt?
Ziemlich entfernt durch seine Frau.
Da sehen Sie das Beispiel eines Parteimannes, fuhr der Assessor fort. -- Das sind die Folgen, wenn man begangene Fehler wieder gut machen muß.
Was hat der Geheimrath gut zu machen?
Nun, sagte Stephani, es ist nicht ganz unbekannt, daß er im vorigen Jahre die Lage der Dinge verkannte und sich von den Ereignissen fortreißen ließ. Er glaubte an den erwachenden Völkerfrühling und wahrscheinlich wurde es ihm unheimlich bei dem Bewußtsein, das Unglück zu haben, Geheimrath zu sein. Kurz und gut, er hat Mancherlei zu bereuen und Sie wissen, wer zu bereuen hat, will wieder gut machen. Auch seine tiefe Entrüstung gegen den ehemaligen Freund, Herzer, liefert den Beweis dafür.
Ich weiß von allen diesen Hergängen nichts, erwiderte Alfred.
Und ich mag davon nichts wissen, rief der Assessor lachend. Der Geheimrath hat vom Baume der Erkenntniß gekostet und ihm ist vergeben worden. Sein Ansehen, sein Vermögen, seine Verbindungen, seine aufrichtige Besserung und sein Eifer für die gute Sache haben ihn gerettet. Er steht mit an der Spitze eines sehr wirksamen patriotischen Vereins, umgiebt sich mit Leuten, die fleckenlos sind, wie z. B. der Professor Viereck, eine höchst lustige Person wie Viele meinen, aber ein ausgezeichneter Patriot, und scheut keine Mühen und keine Opfer, um zu beweisen, wie ernst es ihm mit der innern Menschwerdung ist.
Das erklärt allerdings seine tiefe Abneigung gegen einen Mann, der fortfährt auf schlechten Wegen zu gehen, fiel Alfred ein.
Was das betrifft, fuhr Stephani fort, so habe ich gestern einige Aufschlüsse darüber erhalten. Herzer blieb nicht allein ein Verstockter, er trieb seine Roheit sogar so weit, dem Geheimrath die bittersten Vorwürfe öffentlich zu machen, und dieser hat den wohlbegründeten Verdacht, daß leidenschaftliche, höhnende Angriffe in den Blättern der Demokraten, die dem Geheimrath sehr gefährlich und fatal sein mußten, von Herzer herrühren.
Das ist niederträchtig! rief Alfred.
Aber ganz wie es sein muß, sagte Stephani. Schonung kennen die erbitterten Parteien nicht. Lüge, Verläumdung, jede Gemeinheit ist ihnen Waffe. Die Familie hat viel darunter gelitten, um so mehr, da die gegenseitige Verbindung früher sogar eine zärtliche Wendung genommen zu haben scheint.
Welche zärtliche Wendung? wiederholte Alfred von Gravenstein.
Ich sage was ich gehört habe, lachte der Assessor. -- Ich bin seit einem Jahre mit der Familie näher bekannt und weiß nichts davon, aber dem Gerüchte nach soll der junge Herzer früher ein begünstigtes Verhältniß zu Fräulein Elise angeknüpft haben.
Das ist nicht wahr! rief Alfred und eine plötzliche Röthe färbte sein Gesicht. Es ist undenkbar, setzte er ruhiger hinzu, denn Wilkau in seiner Stellung, bei seinem Vermögen und wie ich ihn kenne, wird nicht ein Verhältniß begünstigt haben, das einem unbedeutenden Menschen seine einzige Tochter zuwirft.
Sie haben gewiß Recht, sagte Stephani. Die liebenswürdige, feine und edle Elise und der rohe Sohn des Handwerkers sind kaum neben einander zu denken. Ich glaube, daß man auch dies der Familie zur Schmach erdacht hat; verbreitet aber wurde das Gerücht und wahr ist wenigstens, daß zur Zeit, als noch Freundschaft zwischen den beiden Vätern war, diese sich ganz natürlich auch zwischen den Kindern fortsetzte.
Man sollte sich hüten, verläumderischen Gerüchten Nahrung zu geben, die für eine junge Dame von Stande ehrenrührig sind, sagte Alfred stolz.
Gewiß, erwiderte Stephani, aber durch heftigen Widerspruch macht man ein Gerede oft noch schlimmer. Der junge Herzer ist, wie man mir sagt, ein junger Mann von mancherlei Gaben, voll Kühnheit, wilden begehrlichen Sinnes und männlicher Schönheit. Ein schöner, stolzer Mann erobert Mädchenherzen, selbst wenn diese Gräfinnen und Prinzessinnen gehören.
Sie halten also die Gerüchte für wahr? fragte Alfred gereizt.
Ich halte sie eben für Gerüchte, sagte Stephani im leichten Tone, bei denen es mir ganz gleichgültig ist, ob sie wahr oder falsch sind, denn so viel ist gewiß, daß das liebenswürdige Fräulein jetzt vollkommen von jeder Neigung geheilt ist. Sie spricht von der ganzen Familie mit der allertiefsten Verachtung.
Hier wurde das Gespräch der beiden jungen Männer von dem Executionsdirektor unterbrochen, der seinem Versprechen gemäß erschien und nach Darlegung des Schuldinstruments und des gerichtlichen Befehls sich bereit erklärte, sofort die Beschlagnahme zu veranstalten, sobald Alfred unbefriedigt seinen Schuldner verlasse. Es wurde Abrede dafür genommen und Stephani empfahl sich mit dem Diener des Gesetzes, nachdem er Alfred gebeten, am Abend mit ihm zu speisen und ihn mit seinem Gegenbesuch zu erfreuen.
Nach einigen Stunden ließ sich Alfred zu der Wohnung des Fabrikanten Herzer fahren. Er war in einer tief mißmuthigen, gereizten Stimmung. Was er von dem Assessor gehört hatte, war ihm im höchsten Grade verletzend und erfüllte ihn mit Unruhe und Zorn. Daß ein gemeiner, roher Mensch Elise von Wilkau's Ruf in solcher Weise anzutasten vermochte, wie es der Sohn dieses alten Betrügers gethan, erbitterte ihn um so mehr, je länger er darüber nachdachte. Nicht der leiseste Hauch eines Fleckens darf auf Elisen haften, murmelte er vor sich, aber was kann sie dafür, wenn solche Elenden ihren Weg durchkreuzen. Welcher Abgrund von Schlechtigkeit aller Art muß bei diesen Menschen aufgespeichert sein. Der Vater macht verläumderische Pasquille auf seinen Freund, der ihn vom Verderben retten will, der Sohn bringt die Tochter in's Gerede. Ich will mit dieser Rotte ein schnelles Ende machen. Stephani hat Recht, keine Maske darf mich täuschen, keine Heuchelei erweichen. Man muß einen kalten, unantastbaren Standpunkt einnehmen, und keinen Glauben haben, um keinen verlieren zu können.
Der Wagen hielt vor einem großen Hause, entfernt von dem fashionablen Theile der Stadt, aber in einer lebhaften Geschäftsgegend. Ein großer Hofraum war mit weitläuftigen Gebäuden besetzt, aus denen ein hoher Dampfschornstein aufragte. Einige Holzvorräthe lagen unter einer Bedachung, in einem lichten Saale mit hohen Fenstern sah Alfred eine Anzahl Arbeiter hämmern und klopfen. Es schien kein geringes Geschäft hier noch immer in voller Thätigkeit zu sein, und seinem geübten Blick entging es nicht, daß wenigstens kein äußeres Zeichen der Zerrüttung irgendwo zu erkennen sei. Auf einem großen Messingschilde in Mitte der Hauptthür des Erdgeschosses las er den Namen: »Comptoir von Franz Herzer,« und widerstrebend ergriff er den Drücker und trat hinein.
Ein Doppelpult war am Fenster aufgestellt, darüber lehnte ein Mann schreibend und beschäftigt, der nicht aufsah als er zuerst den Schritt des Fremden hörte, dann aber den Blick flüchtig auf ihn richtete und mit wohlklingender, starker Stimme sagte: Einen Augenblick, ich stehe sogleich zu Dienst.