Weihnachtsabend

Part 2

Chapter 23,735 wordsPublic domain

Na, wer weiß denn, was es für Gründe hat, sagte Anton ihr zuwinkend. Man kann zu allerlei Schaden kommen, man weiß selbst nicht wie, und heut zu Tage steht die Welt auf dem Kopf, es geschehen Geschichten, wie man sie nie erlebt hat. Mags also sein, wie es will, soviel ist gewiß, daß es für diesmal keine Gefahr mehr hat. Draußen ist Alles ruhig geworden, denn nachdem sie in allen Winkeln umhergeschnüffelt haben und geflucht haben wie sich's gehört, sind sie abgezogen, und hier können Sie nun so lange bleiben bis Sie auf den Beinen fort können.

Das heißt spätestens bis es Tag wird, fiel Guste wiederum ein. Jeder muß am besten wissen, was er zu thun hat und ob er sich bei Tage sehen lassen darf.

Ich danke Ihnen von Herzen für die Güte, welche Sie mir erwiesen haben, sagte die Fremde mit mattem und sanftem Ton, indem sie die Hand von ihrem Gesicht nahm. Ich hoffe in einer halben Stunde schon mich fortbegeben zu können, und nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie Mißtrauen gegen mich hegen. Die Verkleidung, in welcher Sie mich finden, betrifft eine Angelegenheit, welche für Sie kein Interesse haben kann. Durch einen Zufall gerieth mein Begleiter mit einem Polizeisoldaten in Wortwechsel. Der brutale Mensch wollte ihn verhaften, er schleuderte ihn von sich, es kamen zwei andere herbei, die sofort Gewalt brauchten.

Siehst Du wohl, Guste, rief Anton frohlockend, da haben wir die Geschichte, wie ich dachte.

Sie zogen ihre Säbel und in dem Bemühen, uns zu schützen, in der Verwirrung und Bestürzung, empfing ich einen harten Schlag und wurde von meinem Begleiter getrennt, der sich fortgesetzt vertheidigte. Plötzlich fiel ein Schuß, ich floh, verlor die Besinnung und weiß nichts weiter.

Und wer sind Sie denn? Wo ist Ihre Wohnung? fragte die Frau, halb nur gläubig, wie es schien.

Das, Madame, erwiderte die Fremde, muß ich Ihnen verschweigen, aber ich werde Ihnen dankbar sein, gewiß, ich werde dankbar sein, -- wenn auch nicht sogleich, fuhr sie fort, denn im Augenblick besitze ich nichts, was ich für Ihre große Güte und Freundlichkeit Ihnen bieten könnte.

Der Ton ihrer Stimme und die Art, wie sie dies sagte, hatte eben so viel Herzliches wie Bestimmtes. -- Wir haben nichts um Lohn gethan, erwiderte der Schuhmacher großmüthig. Bleiben Sie hier, bis es hell wird, wir wollen schon mit einander auskommen.

Nein, nein! ich darf nicht bleiben, versetzte die Fremde aufstehend, und von heftiger Unruhe erfüllt, die ihr Gesicht röthete, setzte sie mit größerer Lebhaftigkeit hinzu: Ich fühle mich wohl, und kann nicht länger zögern. Man wird sehr besorgt um mich sein. Oeffnen Sie die Thür und seien Sie überzeugt, daß ich nicht vergessen werde, was mir hier geschehen ist. Leben Sie wohl, Madame, leben Sie wohl! -- Sorgen Sie nicht, es geht mit mir, es geht recht gut, ich fühle mich kräftig genug.

Nach einigen Minuten kam Anton lachend zurück. -- Fort ist sie, sagte er. Es ist rabenfinster und eben schlägt es Eins. Wie ein Schatten schlüpfte sie an den Häusern hin und verschwand. Die Hand hat sie mir gedrückt, die war so klein und fein und warm. Es muß was Vornehmes sein, Guste.

Aber die Tücher, rief die Frau plötzlich erschreckend. Wo sind die Tücher?

Ja, die hat sie wahrhaftig alle beide mitgenommen.

Das Ehepaar sah sich stumm an. Die sind fort auf Nimmerwiedersehen, rief die junge Frau endlich voller Aerger. Das haben wir für unsere Dummheit, oder für Deine Dummheit vielmehr, denn Du bist an Allem schuld. Es dauerte lange, ehe Anton den Sturm besänftigen konnte.

Die glänzende Wohnung des Geheimeraths Wilkau zeigte am folgenden Morgen deutlich genug die Spuren des Festes, welches am Abend vorher hier gefeiert wurde; allein mit dem ersten Licht des Tages waren fleißige Hände geschäftig, die gewohnte Sauberkeit und Ordnung wieder herzustellen. Drei oder vier rüstige Frauen und Mägde, ein Bedienter mit bedenklich rother Nase und eine Wirthschafterin von gereiftem Alter, die mit leiser Stimme Befehle und handgreifliche Püffe in aller Stille austheilte, liefen auf Socken durch die Zimmer, räumten die Geschirre fort, setzten Stühle und Geräthe an Ort und Stelle, lüfteten und wischten, fegten und bohnten die Fußböden und säuberten jeden Fleck, dem sich beikommen ließ, bis nach einigen Stunden Alles so stattlich, prunkend und nobel aussah, als je vorher.

Endlich wurden die Oefen geheizt, die Fenster geschlossen, die Vorhänge niedergelassen, und wenn die Wirthschafterin bisher mit aller Strenge darauf gehalten hatte, daß kein Gepolter und Gelärm entstand, so kehrte nun die tiefste Stille in diese schönen, dämmernden Räume zurück, in denen das Geräusch des Lebens auf der Straße lange Stunden träumerisch wiederhallte.

Zehn Uhr war vorüber, als eine Flügelthür geöffnet wurde und eine junge Dame, fröstelnd in einen Morgenmantel gewickelt, hereintrat. Die Thür blieb offen stehen und zeigte einen Ecksalon mit Decken belegt; auf der Mitte des großen Tisches waren alle Vorbereitungen zum nahen Frühstück getroffen.

Dem Fräulein folgte eine Zofe, welche dienstfertig und geschmeidig die Vorhänge in dem Wohnzimmer aufzog und eine lustige Bemerkung machte, daß die Sonne schon bis auf die Straße gelangt sei.

Ist meine Mutter aufgestanden? fragte das Fräulein.

So eben aufgestanden, sagte das Mädchen. Auch der Herr Geheimerath waren schon munter. Friedrich mußte Erkundigung einziehen wegen des Skandals vor unserm Hause.

Nun, was ist es denn gewesen? fragte Fräulein Elise gähnend.

Ein paar Vagabonden, erwiederte die Kammerjungfer, die sich lange schon umhertrieben und an unserer Thür Posto gefaßt hatten. Wahrscheinlich hatten sie die Absicht, sich einzuschleichen und wenn Alles zu Ende war, unser Silberzeug näher zu besehen. -- Die Schutzmänner nahmen sie ins Gebet, da schoß der eine Kerl eine Pistole ab, und richtig sind sie davongekommen.

Wie? davongekommen?

Es ist merkwürdig, sagte das Mädchen lachend. Der Eine ist verschwunden, wie ein Gespenst. Der Andere lief mitten durch Alle, die ihn halten wollten und schlug mit seiner Pistole Einen noch an den Kopf, daß er das Aufstehen vergaß. Ein Dutzend waren hinter ihm her, die Kirchstraße hinunter, wo er mit einem Satz über die Kirchhofmauer sprang. -- Da standen sie nun wieder und besannen sich, denn nachspringen wollte und konnte Keiner. Endlich halfen sie sich hinüber, aber stundenlang haben sie mit Licht jeden Winkel untersucht und nichts gefunden.

Das Fräulein verließ ihre geschwätzige Dienerin, denn sie hörte die Stimmen ihrer Eltern im Nebenzimmer. -- Der Geheimerath saß schon am Kaffeetisch, die Zeitung in der Hand, seine Gattin versenkte sich so eben an der andern Seite in den bequemen Polsterstuhl.

Der lange, hagere Herr, leicht ergrautes Haar um seine hohe Stirn, sein eckiges Gesicht mit hervortretender gerader Nase voll scharf ausgeprägter bureaukratisch stolzer Züge, bildete einen grellen Gegensatz zu seiner wohlbeleibten Frau, deren vollwangiges Antlitz einige kupferfleckige Stellen enthielt.

Nach der ersten Begrüßung trat ein Schweigen ein, während Elise Theil am Frühstück nahm, der Geheimrath weiter las und das Klappen der Tassen allein die Stille unterbrach.

Wird Gravenstein heut Vormittag kommen? fragte die Dame endlich, nachdem sie einige halblaute Worte an ihre Tochter gerichtet hatte.

Er hat es versprochen, erwiederte diese.

Nun, und? sagte sie mit einem lächelnden Blick, der Elisen erröthen machte.

Ich glaube beinahe, daß Du Recht hast, flüsterte diese.

Die Geheimeräthin lachte auf. -- Du glaubst es beinahe, rief sie, wir haben nichts dagegen, Kind. Unsere Ansichten kennst Du. Gravenstein ist ein herrlicher Mensch, und Du weißt, was seine verstorbene Mutter, meine gute Cousine Clara, immer gewünscht hat. Deßwegen ist er gekommen, er hat uns überrascht.

Der Geheimrath legte die Zeitung auf den Tisch und mischte sich in's Gespräch, als seine Tochter eine Antwort gab, die ihm nicht ganz zu gefallen schien.

Wenn Gravenstein nur gekommen ist, sagte Elise, weil seine Mutter es begehrte, würde ich mich doch sehr besinnen, meine Zukunft davon abhängig zu machen.

Possen, sprach der Geheimrath. Alfred ist viel zu selbstständig und starrsinnig, wie wir wissen, um etwas so wichtiges zu thun, wenn er es nicht aus Ueberzeugung thun will.

Aus wahrer Herzensneigung, fiel die Dame ein.

Meinetwegen, sagte ihr Gemahl, aber das kann ich Euch versichern, daß er nicht auf Wunsch der Verewigten gekommen ist, sondern weil ich ihn darum ersucht habe.

Du?! riefen Mutter und Tochter zu gleicher Zeit.

Ich, erwiederte der Geheimrath lächelnd, weil ich mit ihm eine für ihn wichtige Angelegenheit zu besprechen habe.

Welche Angelegenheit, Papa?

Vor der Hand ist das nichts für Euch, sagte Wilkau; übrigens ist es eine Geld- und Geschäftssache. -- Alfred kam gestern eben noch zur rechten Zeit, um an dem Balle Theil zu nehmen. Heut Vormittag aber wird er nicht allein Dich, sondern auch mich besuchen. -- Ich habe mit Vergnügen gesehen, daß er sich mit alter Freundschaft bei uns gefallen und mit Dir viel getanzt hat.

Er war der schönste Tänzer auf dem Balle, rief die Geheimräthin.

Nun, was das anbelangt, Mutter, erwiederte Elise spöttisch, so ließe sich wohl Manches dagegen einwenden.

Also ist er nicht der beste Tänzer, fiel der Geheimrath mit amtlicher Entschiedenheit ein. Ich glaube es gern. Alfred scheint mir zu schwer und zu ernsthaft, es mag sich mancher flinker drehen, Assessor Stephani zum Beispiel, aber darauf kommt es nicht an. Gute Tänzer, liebe Elise, sind nicht immer gute Männer. Ein Mann aber, der ein bedeutendes Vermögen und ein paar Rittergüter besitzt, mag immerhin ein schlechter Tänzer sein. --

Man kann es sich wenigstens gefallen lassen, lachte das Fräulein. Du hast ganz Recht, Papa.

Der Geheimrath legte über den Tisch fort seine Hand auf Elisens Arm und sagte freundlich blickend: Du siehst heute angegriffen aus, gestern blühtest Du wie eine Rose. Alfred war entzückt, wie er Dich sah; er sprach von Deiner prächtigen Entwickelung mit dem Feuer, dem man anmerkt, woher es stammt. -- Du bist ein Schmetterling Elise, es kann jedoch kaum anders sein. Das Hofmachen verdreht allen Mädchen die Köpfe, und Du machst keine Ausnahme von der Regel. Ich wundere mich auch nicht darüber, daß man Dir zu gefallen strebt. Du bist jung, hübsch, lebhaft und bist meine Tochter, aber eines möchte ich Dir empfehlen. Zeichne keinen Deiner Anbeter ferner aus, auch wenn sie noch so schön tanzen und schwatzen; behandle den jungen Herrn Stephani wie Du unsern würdigen Hauswirth, den alten Rentier Zippelmann behandelst, das heißt, jeden in seiner Weise, wenn Du meinst, es sei wohlgethan, an ein ernsthaftes Einlassen mit Alfred zu denken. Er ist stolz, reizbar und von strengen Grundsätzen. -- Unseren Segen hast Du auf jeden Fall. Alfred von Gravenstein ist ein junger Mann, wie es wenige giebt. Alle anderen Vorzüge abgerechnet, ist er ein gediegener Charakter; durchaus konservativ in jeder Beziehung, sowohl in der Liebe, wie in der Politik. Vielleicht geht er darin fast zu weit, selbst bis zum Extrem, denn er hat mit Wort und Schrift und That gegen die Umstürzer gekämpft, und sich nicht gescheut, seinen Namen bei allen Bestrebungen voran zu stellen. Dafür findet er jetzt die gebührende Anerkennung und, wenn er will, eine glänzende Zukunft. Ich weiß, daß er in die Kammer gebracht werden soll, wo er eine Rolle spielen wird. Seine Partei hofft etwas von ihm, seine Verwandten können ihn durch ihren Einfluß unterstützen; er kann leicht einmal in's Kabinet kommen.

Ich zeige Dir das alles nur, Elise, fuhr er fort, als er sah, daß das Fräulein einige stolz lächelnde und nachsinnende Blicke auf ihn richtete, weil Du Verstand und Takt hast. Mische Deine Karten, Ihr Weiber versteht das; ich sage nur das noch: Von allen den jungen Herren, die hier umherschweben, weiß ich keinen, der solche Zukunft hätte. Stephani ist ein ehrgeiziger Kopf, aber sein Vermögen ist unbedeutend. Die Uebrigen kommen nicht weiter in Betracht. Bedenke also wohl, was Du thust. Ich lege Deinem Herzen keinen Zwang an, wünschenswerth würde mir diese Partie aber gewiß sein. Sie brächte mich auch politisch Personen näher, die alberner Weise mir manches nicht vergessen können, was sie nicht besser gemacht haben.

Hier wurde das Gespräch durch den Bedienten unterbrochen, der den Polizei-Kommissarius des Bezirks meldete.

Was will denn der? fragte der Geheimrath verdrießlich. Die Polizei ist ein Institut, ohne welches kein civilisirter Staat bestehen kann. Es ist ganz richtig: je mehr Polizei, je mehr wahre Freiheit, denn um so besser werden Verbrecher gefaßt und gestraft; aber dennoch ist mir persönlich alles was Polizei heißt zuwider. -- Doch was hilft's, laß ihn herein kommen.

Nach einigen Minuten trat ein breitschultriger starkbärtiger Herr herein, den der Geheimrath mit herablassender Freundlichkeit empfing.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Kommissar, aber ich halte es für meine Pflicht, Ihnen einen Besuch zu machen, Herr Geheimerath.

Es betrifft die nächtliche Ruhestörung vor Ihrem Hause, fuhr er fort, als der Geheimerath mit einer einladenden Handbewegung antwortete.

Die beiden Vagabonden oder Diebe, fiel die Geheimeräthin erfreut ein. Sie haben sie also gefangen?

Noch nicht, gnädige Frau, erwiederte der Beamte, aber auf keinen Fall werden sie uns entgehen. Der Eine ist durch mehrere Hiebe verwundet worden, der Andere wahrscheinlich auch. Wir werden uns die größte Mühe geben, diese Verbrecher in unsere Gewalt zu bekommen, denn die Frechheit, eine Pistole abzufeuern und mit dem Kolben Löcher in Gesichter und Köpfe der Polizeiwache zu schlagen, ist noch nicht dagewesen.

Ich wünsche sehr, daß es Ihnen gelingt, ein Beispiel zu geben, sagte der Geheimerath, was mich jedoch betrifft, so weiß ich von den beiden Dieben nichts, auch nicht, daß wir bestohlen wären.

Ich komme eben deßwegen, sprach der Kommissar höflich, um Ihnen die Mittheilung zu machen, daß allem Vermuthen nach auch kein Einbruch beabsichtigt wurde.

Nicht? fragte Wilkau. Und was denn?

Ein Mord! erwiderte der Beamte.

Himmlischer Vater! schrie die Geheimeräthin auf. Wer sollte ermordet werden?

Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, beruhigen Sie sich, sprach der Kommissarius mit Selbstgefühl. Kein Haar soll Ihnen gekrümmt werden.

Darf ich um näheren Aufschluß bitten, was die mörderische Absicht der beiden Schelme beweist? fragte der Geheimerath.

Ich habe hier die Aussage des Mannes, der zuerst die Inculpaten bemerkte, beobachtete, festhielt und den Kampf mit ihnen begann. -- Er zog einige Bogen Papier hervor und las:

»Gegen neun Uhr bemerkte ich zwei Männer, welche vor dem Hause auf und abgingen, und wohl eine Stunde lang trotz des bösen Wetters nicht vom Platze wichen. Es kamen immer noch Wagen, welche bei dem Geheimerath vorfuhren, und jedesmal sah ich, daß die Verdächtigen die Aussteigenden genau beobachteten. -- Ich drängte mich in ihre Nähe, allein ich konnte von ihren Gesichtern wenig sehen, da sie die Kragen ihrer Ueberzieher bis über die Ohren hochgezogen hatten. -- Ihr Flüstern aber und ihr ganzes Benehmen verstärkte meinen Verdacht. Endlich, es hatte eben zehn Uhr geschlagen, fuhr wieder ein Wagen vor, aus welchem ein großer schlanker Herr stieg, der schnell ins Haus ging.

Ist er das? rief der Eine mit gedämpfter Stimme. Der Andere nickte, hielt seinen Kameraden aber am Arm fest. -- Laß mich los, fuhr der Erste fort, ich will ihm nach, ich treffe ihn auf der Treppe. Aber der Andere schien mich bemerkt zu haben, er zog ihn zurück und sagte flüsternd: Noch nicht, hier nicht!

Der Elende! rief nun der Erste, er tanzt, aber ich will ihm Musik machen. Sei sicher, der Verräther soll uns nicht entkommen. Bei diesen Worten gingen sie fort und über eine Stunde lang war nichts von ihnen zu sehen. Dann aber kamen sie nochmals vorüber, und da ich mit meinen Kameraden inzwischen Abrede genommen, vertrat ich den beiden Menschen den Weg und forderte sie auf, mich zu begleiten, was sie trotzig verweigerten.«

Das Uebrige ist bekannt, sprach der Kommissar. Es kommt aber nun darauf an, ob Sie, Herr Geheimerath, Ihre Frau Gemahlin oder das gnädige Fräulein sich nicht erinnern, wer von Ihren Gästen so spät gekommen ist?

Der Geheimerath warf einen raschen Blick auf Frau und Tochter, und zuckte die Achseln. -- Es sind um zehn Uhr und gegen zehn Uhr mehrere Herrn gekommen, die ich nicht genau nahmhaft machen kann, sagte er.

Ist aber nicht Jemand dabei, der sich durch seine Gesinnung den besondern Haß wüthender Anarchisten zugezogen haben kann? fragte der Beamte.

Glauben Sie, daß es solche Subjekte waren? erwiederte der Geheimerath.

Der Eine trug einen Hut mit breiter Krempe und breitem Bande, der Andere soll einen dichten Bart rund um's Gesicht gehabt haben. Man erkennt den Vogel an den Federn.

Herr Alfred von Gravenstein, sagte der Bediente eintretend, indem er dem Geheimerath eine glänzende Karte hinhielt.

Sehr willkommen, erwiederte dieser, doch halt! Führe den Herrn von Gravenstein in mein Zimmer, ich komme sogleich.

Es ist nichts! sagte der Geheimrath zu dem Beamten. -- Wenn einer unserer Freunde wirklich von den mörderischen Drohungen fanatischer Schurken berührt werden könnte, so müßte es Alfred von Gravenstein sein. Ist er nicht etwas spät gekommen, Elise?

Gewiß, lieber Vater, er kam spät; ich glaube jedoch nicht, daß es zehn Uhr war.

Unsinn! fuhr der Geheimrath, die Hände reibend, fort. Gravenstein ist gestern erst hier angekommen, er ist seit Jahren nicht hier gewesen, wer sollte ihm auflauern? -- Die ganze Geschichte scheint mir, offen gestanden, wenig auf sich zu haben; vielleicht kommt uns nähere Aufklärung durch weitere Nachforschungen und jedenfalls haben wir nichts mehr damit zu thun. Wir lassen die Damen Toilette machen, Herr Kommissar, sobald sich jedoch irgend etwas ermittelt, hoffe ich es von Ihnen zu hören, während wir in der Stille ebenfalls unser Heil versuchen wollen.

Nach einigen scherzenden Worten begleitete er den Beamten hinaus, aber im Vorzimmer hielt er ihn plötzlich fest.

Ich bin dennoch beunruhigt, sagte er, denn eine Möglichkeit ist allerdings vorhanden, daß die energische patriotische Gesinnung unseres jungen Freundes ihm wüthende Feinde gemacht hätte. Jedenfalls würde es gut sein, ihn genau zu beobachten.

Wo wohnt er? fragte der Kommissar.

Für jetzt noch im russischen Hofe, aber er wird heute oder morgen eine Privatwohnung nehmen.

Ich werde dafür sorgen, daß ihm keine Gefahr zustößt, sagte der Kommissar zuversichtlich.

Sie werden mich auf's Erkenntlichste verbinden, erwiederte der Geheimrath, ihm die Hand drückend, wenn Sie bestmöglichst für ihn sorgen.

Er soll keinen Augenblick ohne eine Sicherheitswache sein.

Aber er darf nichts davon merken, fuhr Wilkau leise fort. Er ist stolz und empfindlich.

Seien Sie unbesorgt, flüsterte der Beamte lächelnd, er wird nicht ahnen, daß er keinen Schritt thun kann, ohne gut beschützt zu sein.

Und darf ich darauf rechnen, daß Sie mir Nachricht geben über Alles, was ihn betrifft?

Sie sollen jeden Morgen einen kleinen Rapport darüber erhalten, wie Herr von Gravenstein seinen Tag verlebte.

Vortrefflich, sagte der Geheimerath, dem Kommissar nochmals die Hand reichend, ich hoffe mich Ihnen erkenntlich zeigen zu können. Alfred von Gravenstein ist der Sohn meines theuersten Freundes. Er steht mir und meiner Familie sehr nahe. Ich darf meiner Frau und Tochter nicht die geringste Besorgniß erregen. Sie verstehen!

Ich verstehe vollkommen, sagte der Kommissar sich verbeugend.

Und ich kann mich auf Sie verlassen?

Auf's Bestimmteste, Herr Geheimrath. Ich versichere nochmals, er soll keinen Schritt thun können, ohne daß wir es wüßten.

Der Geheimrath nickte ihm lebhaft zu, öffnete dann selbst die Glasthür des Corridors und ging mit Befriedigung nach seinem Zimmer.

Mein theurer Alfred! sagte er hereintretend und beide Hände dem jungen Herrn entgegenstreckend, der sich von dem Platze am Fenster erhob, wo er wartend mit einem Buche in der Hand gesessen hatte, entschuldigen Sie mich und so auch die Meinigen. Wir haben sämmtlich bis in den Tag hinein geschlafen. Wie ist Ihnen der Abend bekommen?

So gut mir Ungewohntes bekommen kann, erwiederte Alfred von Gravenstein. Ich bin heut in aller Frühe schon umhergelaufen, um eine für mich passende Wohnung zu finden, weil das Gasthausleben mir tief zuwider ist.

Sie sind ein Mann der Ruhe und Ordnung, lachte der Geheimrath. Ich erinnere mich, daß als Sie noch hier studirten und in unserem Hause wohnten, Alles in Ihrem Zimmer aufs Sauberste aussah und Ihre Pünktlichkeit bewundernswerth war.

Zu den Flüchtigen und Zerstreuten, das heißt, zu den liebenswürdigen Verwirrten habe ich nie gehört, erwiederte Alfred lächelnd. Ich halte den Sinn für Ordnung für Etwas, was mit dem Lebensglück der Menschen in engster Wechselwirkung steht. Eben dieser Sinn für Ordnung ist es, der den Meisten leider fehlt, daher die Unordnung, der Leichtsinn, die wachsende Verarmung, und so in Kettenschlüssen weiter: die wachsenden Verbrechen, die Eingriffe in die Rechte und das Eigenthum Anderer, der Aufruhr, der Verrath.

Sehr wahr, nur zu wahr! rief der Geheimrath, der diese Worte mit beifälligem Kopfnicken begleitete, aber wer will der Prophet in der Wüste sein, und was nützt es den Leidenschaften Weisheit zu predigen? Sie haben dazu die volle Energie gehabt, Alfred, haben sich dem Strom entgegengeworfen, haben Sie aber nicht dafür auch den Haß und die Rache einer ganzen Partei auf sich geladen.

Der junge Herr von Gravenstein lächelte verächtlich. Er schlug die Arme über seine breite Brust und hob stolz seinen Kopf auf, der nicht aussah, als wohne ein Gefühl der Furcht darin. Die hohe kräftige Gestalt sah ritterlich genug aus, um Helm und Harnisch seiner Ahnen aus dem vierzehnten Jahrhundert wieder umzuschnallen. Kurzes blondes Haar fiel auf eine eckige Stirn, unter welcher große blaue Augen glänzten, die nur zu starr blickten, um schön zu sein. Ein kurzer blonder Bart hielt Lippe und Kinn besetzt, und dies Gesicht voll entschlossener, fester Züge hatte etwas zurückschreckend Strenges und Hartes.

Die Feigheit dieser sogenannten Partei, sagte er, ist wenigstens eben so groß wie ihre Verworfenheit.

Nun, sprach der Geheimrath, es kommen doch noch immer Fälle vor, an denen man sieht, daß verwegene Bursche, die zum Aergsten entschlossen sind, der Rotte nicht fehlen.

Sie nennen das rechte Wort, erwiderte Alfred. Eine Rotte von Elenden aller Art soll uns jedoch nicht mehr beschäftigen, als unumgänglich nöthig ist.

Ich fürchte dennoch, fiel Wilkau lächelnd ein, daß Sie mancherlei mit ihr zu thun haben werden, eben weil es unumgänglich nöthig ist. Ich habe Sie in meinem Briefe darauf vorbereitet.

Sie haben mir geschrieben, sagte Alfred, daß die fünftausend Thaler, welche meine verstorbene Mutter dem Herrn Herzer geliehen hat, in Gefahr sind, verloren zu gehen, und mich aufgefordert, die nöthigen Schritte zu thun.

So ist es, gab der Geheimrath zur Antwort, und ich halte mich doppelt verpflichtet Ihnen beizustehen, weil ich es war, der Ihre Mutter bewog, das Geld herzugeben. -- Es sind jetzt zehn Jahre her, Herzer war damals uns genau befreundet, er brauchte das Geld zur Vergrößerung seiner Fabrik musikalischer Instrumente, zum Bau einer Schneidemühle und Dampfmaschine, und da er ein eben so geschickter Künstler wie spekulativer Kaufmann war, trug ich gern dazu bei, Ihre Mutter zu bestimmen, ihm ein Kapital anzuvertrauen. Haben Sie die Schuldverschreibung mitgebracht?

Hier ist das Instrument in bester Form Rechtens, erwiederte der junge Mann. Das Kapital soll in zehn Jahren nicht gekündigt werden, es sei denn, daß die Zinsen nicht pünktlich erfolgen.

Haben Sie diese stets richtig erhalten?

Pünktlich und richtig bis auf Tag und Stunde.

Für das Kapital, fuhr der Geheimrath fort, bürgen alle Einrichtungen, Geräthe, Maschinen und Bestände der Fabrik, überdies aber sämmtliches Mobiliarvermögen des Schuldners.