Part 15
Wir wollen nicht die Herrlichkeiten des stattlichen Aufbaues beschreiben, aber es war für alle Theilnehmer etwas vorhanden. Der Professor ergötzte sich mit einem eleganten Lesepulte und sah ungemein feierlich und erhaben aus, indem er betheuerte, täglich seine Studien daran machen zu wollen. Obwohl schon jetzt wenige Mathematiker sich mit ihm zu messen vermöchten, würde nun unfehlbar keiner mehr, wenigstens unter bekannten Nationen, vorhanden sein, der den Vergleich aushalten könnte. Herr Zippelmann betrachtete seinerseits gerührt einen feinen Wollenshawl und bunte Morgenschuhe, die er mit einem innigen Lächeln streichelte und befühlte. Hehe! rief er, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, aber damit hält man die deutsche Einheit allenfalls aus. So ein Shawlchen drei Mal um den Hals geschlungen und die Füße warm und ein neuer Schlafrock -- hehe, liebster Geheimrath, da lassen wir sie kommen, da warten wir sie geduldig ab bis an unser seliges Ende.
Der Assessor vertiefte sich inzwischen im Anblick eines von Perlen gestickten Notizbuches, in welches Elise einige widmende Zeilen geschrieben hatte, aber sie, die schöne Braut flog von Stuhl zu Stuhl, von Tisch zu Tisch, denn überall fand sie eine Fülle der reizendsten Gaben. Hier glänzende Stoffe, dort Putz und Schmuck. Verwandte und Freunde hatten die Gelegenheit benutzt, ihre Theilnahme durch eingesandte glückwünschende, beziehungsvolle Briefchen nebst Beilagen auszudrücken, und selbst Herr Zippelmann hatte ein billig auf einer Auktion gekauftes und neu aufgesottenes Armband, nach Gott weiß wie vielen Seufzern sich abgerungen. Jetzt aber faßte plötzlich der Professor in seine Tasche und überreichte Elisen ein Schachspiel, da er selbst sie früher in Schach unterrichtet hatte, und in einem dreieckig gefalteten äußerst wichtigen Briefe, den er vorlas und auf jede Anspielung mit hoch gezogenen Augenbrauen, den Finger an der Nase, vorbereitete, erklärte er die Bedeutung der Figuren und die Wichtigkeit und Macht der Königin, welche zum Schutz ihres Gemahls nach allen Richtungen schlage, Alles niederwerfe und besiege, was das Wohlsein ihres theuern Lebensgefährten bedrohe; dennoch aber wohl auf ihrer Hut sein müsse, damit man nicht auf verbotenen Wegen sie ertappe, wohl gar umringe und einsperre, wobei es vorkommen könne, daß sie an einem gemeinen Bauer ihre Freiheit verlöre.
Stephani lachte Beifall klatschend am lautesten über diese Auslegung, auch der Geheimrath stimmte ein. Herr Zippelmann umarmte den Professor und grinste ihn zärtlich an. Hehe! schrie er, ausgezeichnet! Das muß gedruckt werden, ausgezeichnet! Sie Spaßvogel Sie! die ganze deutsche Einheit haben Sie abgemalt. Die Könige sind nichts ohne die Bauern und die Königinnen verlieren ihre Freiheit an die gemeinen Unterthanen, wenn sie nicht pfiffig sind und sie bei Zeiten beseitigen. Professor, Sie müssen einen Orden bekommen. Hehe! Sie müssen einen Orden bekommen und in den Staatsrath gesetzt werden.
Ich bitte Sie, Zippelmann, kein Wort mehr! rief der Professor mit Entrüstung. Orden! hier habe ich meinen Orden -- er setzte den Finger auf seine Brust. Staatsrath! hier ist mein Staat! Er schlug mit der Hand vor seine Stirn. Mehr brauche ich nicht, mehr braucht kein Mensch! Aber Sie verstehen mich nicht, Freund. Niemand versteht mich! wiederholte er mit einem schwermüthigen Kopfschütteln, denn Geister giebt's, die einsam wandeln müssen! sagt Shakespeare.
Er wendete sich langsam um, denn eben stieß Elise einen lauten Schrei der Freude aus. -- Auf einem Nebentischchen stand ein Kästchen, welches sie so eben geöffnet hatte und dessen Inhalt eine ungemein schöne Broche von künstlichster Arbeit in Gold und römischer Mosaik war.
O! Alfred, rief sie mit einem schmelzenden Liebesblicke, das ist Dein Geschenk. Ich weiß, es muß Dein Geschenk sein; denn ich erinnere mich, daß, als ich diesen reizenden Schmuck gesehen hatte, ich Dir davon erzählte.
Dennoch, erwiderte Gravenstein beharrlich, ist es nicht mein Geschenk.
Elise wandte sich von ihm ab, während er ihre Hände fest hielt und blickte Stephani an. -- So müßten Sie es denn sein, sagte sie erregt, Sie waren gegenwärtig, als ich davon sprach.
Stephani antwortete mit einem vielsagenden Lächeln, Gravenstein aber hatte inzwischen einen ziemlich unscheinbaren Ring mit einem kleinen Brillant von seinem Finger gezogen. Theure Elise, sagte er, ich habe den bunten Tand verschmäht, den man gewöhnlich schenkt. Was ich besitze, wird auch Dein sein, was Du wünschest, wird Dir zu Gebote stehen. Trage diesen einfachen Ring als ein Zeichen des Bundes zwischen uns; er gehört zu dem Liebsten, was ich mein nenne. Meine Mutter gab ihn mir als ich von ihr ging in die Welt; wenn ich ihn an Deiner Hand sehe, wird er wie ein Magnet mich beherrschen, und wenn irgend eine dunkle Wolke sich zwischen uns drängen wollte, dann wird er die Sonne sein, die alle Nebel zu überwältigen vermag.
Elise war sichtlich überrascht, das hatte weder sie noch irgend Jemand vermuthet. Sie erwartete, reich und überreich beschenkt zu werden; alle ihre Freundinnen hatten im Voraus neugierig Glück gewünscht zu den auserwählten, kostbaren Gaben des reichen und verliebten Bräutigams, und jetzt hielt sie den werthlosen Ring in ihren Fingern, die Augen fest darauf geheftet, im Kampfe um ein geheucheltes Lächeln, das ihr empörter Stolz und ihre Eitelkeit nicht hervorzurufen vermochten. Sie hörte zu ihrer Seite ein Flüstern und konnte in Stephani's Gesicht den Ausdruck des Hohns erkennen. Deutlich glaubte sie zu hören, wie er vor sich hin sagte: Immer die gute Selige, immer diese unvergeßliche Mutter, die als Schutzengel über dieser Ehe schweben und ihr als Vorbild voranleuchten wird.
Ich danke Dir für dies Geschenk, brachte sie endlich über die Lippen, es wird mir immer sehr werth und lieb sein. Aber der Ton war kalt, und ohne daß sie es vermochte, die Augen zu Alfred zu erheben, legte sie den Ring mit einer Hast, als würfe sie ihn von sich, auf den Tisch. Er rollte darüber hin, fiel und kollerte auf dem Boden weiter zu Alfreds Füßen, der sich schweigend bückte, um ihn aufzuheben.
Bei dem Falle des Ringes sah Elise ihren Verlobten an und sie erschrack vor seinem Blicke. In seinen Mienen war keine Spur von Zorn oder Aufregung, kein finsterer Zug, der sonst so leicht sein hartes Gesicht noch mehr verdüsterte; aber in seinen Augen brannte ein Schmerz, der sie bestürzt machte. Eine ahnungsvolle Frage lag darin, die wie erwachte Reue und erkannte Täuschung sie anleuchtete.
Laß mich suchen, Alfred, laß mich suchen, ich muß meine Unbesonnenheit büßen, rief sie in ihrer alten neckischen Weise, indem sie sich ebenfalls bückte und seine Hand ergriff, die wie Feuer brannte.
Gravenstein steckte den Ring wieder an seinen Finger und sagte so mild er konnte, aber mit Entschiedenheit: Ich habe ihn wieder, er ist zu mir zurückgekehrt und vor der Hand will ich ihn für Dich verwahren.
Der ganze Auftritt hatte etwas Peinliches. Niemand mischte sich ein. Der Geheimrath und seine Gemahlin lächelten bald, bald blickten sie ernsthafter und flüsterten sich zu. Herr Zippelmann machte alles nach und brummte dem Professor etwas ins Ohr von der Einheit Deutschlands, die ganz akkurat so sich die Ringe vor die Füße würfe, wobei er sich ungeheuer vergnügt die Hände rieb. Der Professor stand in würdevoller Starrheit, abgetrennt von Zeit und Raum und nur Stephani schien unbefangen wie immer zu sein und mit vollkommener Ruhe sich an den Ofen zu lehnen.
Ehe jedoch irgend eine Wendung Elisens erstauntes und erzürntes Gesicht erheitern konnte, öffnete der Bediente mit der rothen Nase die Thür und sagte in seiner weihnachtsfreudigsten Unterthänigkeit: Ein Herr wünscht den Herrn Baron zu sprechen. Seinen Namen will er nicht nennen, aber wie der Knecht Ruprecht sieht er aus, als hätte er unter seinem Mantel den ganzen Weihnachtsmarkt.
Herein mit ihm! rief der Geheimrath, der froh war, eine Unterbrechung zu finden. Das ist eine Ueberraschung von Ihnen, Alfred; jetzt kommt das Beste, Elise. Ich dachte es wohl, daß Du vollkommen Unrecht haben müßtest; daß noch irgend etwas im Hintergrunde wäre.
Mit süßem Erröthen und mit Blicken, die Freude und Verzeihung ausdrückten, wandte sich Elise zu dem stummen Freunde, allein schon im nächsten Augenblicke war ihr hoffendes Lächeln winterlich verwandelt. Denn was sie nie gemeint hatte, hier zu sehen, der Mensch, welcher ihr am widerwärtigsten war und dessen Anblick sie jetzt mit Angst und Abscheu erfüllte, Felix Herzer trat herein und sein Auge fiel zunächst auf sie, dann auf Gravenstein, dem er sich mit einem leichten Gruße näherte.
Das Erstaunen und Entsetzen der Gesellschaft, deren erster Freudenslaut, als er über die Schwelle trat, mitten im Tone erstarrte, der zurückprallende Professor und Herr Zippelmann, welcher, von jäher Furcht ergriffen, sich hinter den Assessor flüchtete, mochte eben so wohl die Ursache des spöttischen Zuckens sein, das um den Mund des gefährlichen Gastes schwebte, wie die verdüsterten Gesichter des geheimräthlichen Paares, das über die Frechheit dieses Eindringens alle Fassung verloren hatte.
Verzeihen Sie mein störendes Erscheinen an diesem Orte, sagte Felix umherblickend, ich glaube jedoch dazu berechtigt zu sein. Herr von Gravenstein, ich habe mit Ihnen wenige dringende Worte zu wechseln. Wollen Sie mir diese gestatten?
Alfred schien unschlüssig, er antwortete nicht. Elise hatte den Arm in seinen Arm gelegt und abgewendet von Felix ihm etwas zugeflüstert, was er mit einem finstern, fragenden Blicke auf den jungen Herzer beantwortete.
Nur wenige Minuten, fuhr dieser auf das offene Nebenzimmer deutend fort, schenken Sie mir Gehör. Es ist wichtig, so wohl für mich wie für Sie, daß Sie mich hören.
Nein! flüsterte Elise halb laut, sich gegen Alfred lehnend, Du darfst diesen Menschen nicht hören. Er hat Böses im Sinne. Gerüchte, die ich nicht wiederholen mag, sind verbreitet worden über Dich und ihn, die mich auf's Aeußerste beunruhigt haben.
Was wünschen Sie, Herr Herzer, sagte Gravenstein hart und abstoßend. Sie wählen in der That die unpassendste Stunde, um mich aufzusuchen.
Es ist nicht meine Schuld, antwortete Felix gelassen, aber ich beharre darauf, Ihnen jetzt zwei oder drei Minuten lästig zu werden.
Wenn es so sein muß, rief Alfred, einen Schritt vortretend, warum nicht hier auf der Stelle? Ich habe keine Geheimnisse zu bemänteln. Reden Sie, mein Herr, was haben Sie mir mitzutheilen?
Sie wollen es, versetzte Felix, und indem er eine kleine rothe Mappe hervorzog, fügte er hinzu: Mein Vater glaubte Ihnen und uns noch heut, am Weihnachtsabende, die Freude machen zu müssen, die Kapitalschuld zu tilgen, welche Ihnen zukömmt. Hier ist Geld, Herr von Gravenstein. Nehmen Sie es mit unserem besten Danke. Die großen Scheine lassen sich leicht übersehen, ich wünsche durchaus weiter nichts.
Aber mein Herr, erwiderte Alfred erstaunt und unwillig, warum heut, warum hier? Ich bin nicht im Stande, mich mit einem Geschäft einzulassen.
Ich forderte nichts als die Annahme des Geldes, sagte Felix, das uns so große Sorgen gemacht hat, und -- die Rückgabe des Unterpfandes.
O! diese Papiere -- diese Papiere! fiel der junge Edelmann ein, dessen Stirn sich erhellte. -- Ich begreife es. Sie wollen Sie am Weihnachtsabend zurück haben. Hier sind sie, doch lassen Sie alles Weitere bis morgen.
Er faßte rasch nach seinem Taschenbuche, öffnete es und blickte erstaunt in die leere Abtheilung. -- Was ist das? rief er heftig aus, indem er die andern Fächer durchsuchte, und plötzlich schien er von einem Gedanken jäh ergriffen zu werden, den er eben so schnell wieder von sich warf. -- Unbegreiflich! sagte er vor sich hin. Die Papiere sind fort.
Fort?! antwortete Felix. Ihr Ehrenwort, dem ich vollen Glauben schenkte, hat mir Bürgschaft geleistet.
Mein Ehrenwort! rief Gravenstein, dunkel erröthend, ja gewiß, mein Ehrenwort! Diese Papiere -- es ist unmöglich!
Ruhig, mein theurer Alfred, ruhig! sagte der Geheimrath, seinen Arm fassend und den furchtbaren starren Blick auf sich lenkend, den Gravenstein jetzt auf Elisen heftete. Sind es diese Papiere? fuhr er fort, indem er die Wechsel aus seiner Tasche holte und sie zwischen seinen Fingern in die Höhe hielt. Sind es diese werthlosen Dinger mit betrügerisch nachgemachter Unterschrift, welche man Ihnen als Unterpfand übergab mit der pfiffigen Clausel: auf Ehrenwort sie keinem Menschen zu zeigen? Er brach in ein lautes Gelächter aus und schlug die Zettel auseinander. -- Zweitausend Thaler in drei Monaten zahlbar -- Johannes Zippelmann. -- Und hier dasselbe und nochmals dasselbe. So reden Sie doch, Herr Zippelmann. Wollen Sie zahlen? Reden Sie doch, Herr Stephani. Wie nennt man ein Unternehmen dieser Art? Was sagen unsere Gesetze dazu?
Zahlen? lächelte Herr Zippelmann, mit einem scheuen und triumphirenden Blick auf Felix. Es schaudert einem bis ins Herz hinein, daß so viel Laster auf Erden ist. Hehe! Laster und Sünde, die seit dem Freiheits- und Einheitsschwindel zehnfach größer geworden sind; aber zahlen -- keinen Groschen! Nicht um eine Welt -- keinen Groschen!
Es ist Fälschung und Betrug hier jedenfalls anzunehmen, sagte Stephani.
Also Fälschung und Betrug! rief der Geheimrath, und davor hat unsere Besorgniß Sie zu bewahren gesucht, theurer Alfred. Es blieb uns nicht verborgen, welche Künste man anwendete, um Ihr edelmüthiges Herz zu bestricken, um Sie in Sirenennetze zu ziehen, die für Sie gewebt waren.
Netze! sagte Gravenstein erblassend und seine krampfhaft geballten Hände öffnend. Was verstehen Sie darunter, Herr Geheimrath?
Ein andermal davon, Alfred; gewiß, wir wollen ein andermal davon reden, erwiderte Wilkau fein lächelnd. Jetzt handelt es sich darum, mit diesem beabsichtigten Betrug zu Stande zu kommen.
Geben Sie mir diese Wechsel zurück, sprach Gravenstein, indem er gebieterisch die Hand ausstreckte.
Wenn Sie es wünschen, will ich es thun, antwortete der Geheimrath, ihm freundlich zunickend; aber bedenken Sie wohl, Alfred, um was es sich dabei handelt.
Um mein Ehrenwort! sagte der junge Baron rasch, und um eine Sache, die, wie ich denke, mich allein angeht. Ich habe von diesem Herrn, Felix Herzer, diese Papiere als ein Unterpfand angenommen, gleichviel ob sie Werth haben, ob nicht; gleichviel, ob ich wußte, sie seien eine Posse in Wechselform oder ein Scherz, den wir uns Beide machten. Ich wußte genau, was ich that, und weiß eben so genau, was ich jetzt thun muß.
Er faßte die Papiere zusammen und wandte sich zu Elisen, die in einem Lehnstuhle neben ihrer Mutter saß, welche sie zu beruhigen strebte.
Ich habe nur noch Eines zu fragen, sagte er. Wie sind diese Papiere aus meinem Taschenbuch gekommen? Rede, liebe Elise, rief er, die Hände nach ihr ausstreckend, ich weiß, Du wirst wahrhaft sein.
Mein Gott! erwiderte die Braut ungeduldig lächelnd, Du wirst mir doch hier das Examen schenken?
Dann sprich einfach zu mir: Ich weiß es nicht! forderte er bittend.
Nein, sagte sie lachend, wir wollen den Scherz allseitig nicht weiter treiben, Alfred. Du weißt, heut morgen die Tropfen, dabei wurde Dein Taschenbuch untersucht.
Du -- also Du! murmelte er tiefathmend.
Man hatte mir gesagt, Alfred, daß sie Dich betrügen wollten -- vielleicht sind wir Alle getäuscht worden, Alle betrogen -- aber ich verheimliche es nicht, meiner Liebe und meinem Glücke sollten Gefahr drohen von einer ränkevollen Nebenbuhlerin, die alle ihre Künste anwendete, um Dich und mich zu verderben.
Und darum, fiel Felix ein, der bisher still auf derselben Stelle gestanden hatte, darum verübten Sie einen Diebstahl für die gute Sache.
Elise wandte sich glühend vor Zorn zu ihm um, aber diese Röthe erlosch augenblicklich, denn über Felix Schulter fort sah sie in Claras Gesicht, die in Begleitung ihres Vaters so eben hereintrat.
Unverschämt! rief der Geheimrath, indem er Herzer anblickte. Was führt Sie hierher? Welche Versammlung soll hier gehalten werden? -- Mein lieber Alfred, ich behalte mir vor, Ihnen alle nöthige Aufklärung zu geben, aber in meinem Hause bin ich Herr, und wenn Personen, die nicht hierher gehören, sich eindrängen, so machen Sie ihnen begreiflich, daß dies nicht der Ort sei, wo ihre Gegenwart irgend eine Berechtigung haben könne. Keine Berechtigung? erwiderte der Fabrikant, der sein gebeugtes Haupt aufhob und mit sanfter aber fester Stimme hinzufügte: Keine Berechtigung hätten wir an diesem Orte zu erscheinen, wo meine Ehre, die Ehre meiner Kinder auf immer vernichtet werden soll? Wo wir nichts wollen, als unsern unerbittlichen Widersachern zurufen: Gedenkt des Tages und dieser Stunde. Gebt uns Frieden und laßt ab, Unrecht und Schmach auf uns zu häufen.
Der Geheimrath wandte sich mit einer verächtlichen Handbewegung von ihm ab zu Alfred. -- Noch einmal, sagte er, machen wir dieser Scene ein Ende. Sie ist peinlich genug für mich, wie für uns Alle. Thun Sie, was Sie wollen; ich für mein Theil kann in dem, was geschehen ist, nur eine schändliche, ehrlose Handlung erkennen.
Herr von Wilkau, antwortete Gravenstein, indem er seinen Platz verließ, dem Geheimrath entgegentrat und ihm starr ins Gesicht sah, ich muß bekennen, daß ich eine andere Ansicht von Ehre und Ehrlosigkeit habe. Ich frage in diesem Augenblick nicht, wie jene Papiere in Ihren Besitz gelangten, aber ich würde in Ihrer Stelle sehr glücklich sein, wenn dies so geheim wie möglich bliebe.
Sie haben gehört, Alfred, welche Sorgen uns drückten, sagte der Geheimrath, und wenn Sie sich selbst fragen, fügte er mit einer halb drohenden, halb lächelnden Kopfbewegung hinzu, werden Sie sich eingestehen müssen, daß ich alle Ursache hätte, ganz anders gegen Sie zu verfahren.
Ich kenne keine Ursache, gab Gravenstein stolz zurück, die Sie bewegen konnte, sich selbst in eine Lage zu bringen, welche ich nicht näher erörtern mag.
Genug und übergenug! rief Wilkau zwischen Heftigkeit und erzwungener Mäßigung schwankend. Wir wollen von Ihren abenteuerlichen Irrfahrten schweigen, allein das darf und will ich aufs bestimmteste verlangen, daß diese junge Dame da, in Gegenwart meiner Tochter, Ihrer Verlobten, nicht länger hier verweilt. Sehen Sie mich an, wie Sie wollen, Alfred. Ich halte Alles für gänzlich abgethan; mich verlangt wahrlich nicht danach, irgend wie den Gerichten vorzugreifen; ich will auch Nichts wissen, Nichts hören! Ich will es sogar zugeben, daß Frieden zwischen uns sein und bleiben soll für ewige Zeiten, was ganz von diesem Herrn Herzer und den Seinigen abhängen wird. Aber nun, wenn Sie mich recht verstanden haben, machen Sie der Sache ein Ende; Ihnen gegenüber werde ich mich vollkommen rechtfertigen.
Nein, mein Herr, sagte Clara, indem Sie Ihren Vater verließ und mit strahlenden Augen sich vor den großen Mann stellte, mir gegenüber haben Sie sich zu rechtfertigen.
Ihnen gegenüber, mein schönes Kind? fragte Wilkau, indem er sie mit frivoler Herablassung betrachtete. Wir wollen vergnügt und verträglich sein, wir wollen vergessen und vergeben; allein, fügte er hinzu, sich zu ihr niederbeugend, und seine Stimme wurde leise, obwohl er sehr deutlich und langsam sprach -- wenn Sie wieder nächtliche Promenaden machen und romantisch auf Kirchhöfen umherschwärmen, so wählen Sie einen andern Freund als den, der hoffentlich sich niemals mehr dazu herbeilassen wird.
Ist es möglich! -- o! -- ist es möglich! flüsterte Clara todtenbleich ihre Hände im tiefsten Schmerze zusammenfaltend. Ihr Auge heftete auf Alfred mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Vorwurfs und der Anklage, dann aber wandte sie sich zu ihrem Bruder um, der neben sie getreten war, und den Geheimrath in einige Bestürzung versetzt hatte.
Herr von Wilkau, sagte Felix, ich weiß, wie Sie über mich denken, und erlaube Ihnen gern von mir zu behaupten oder auszusprechen, was Ihnen gefällt. Wagen Sie es aber meine Schwester zu beleidigen, mit verläumderischer Bosheit die anzutasten, deren natürlicher Beschützer ich bin, so werde ich Ihnen die ganze Reihe Ihrer unsittlichen Bestrebungen vorhalten und Sie öffentlich so behandeln, wie Sie es verdienen.
Wirklich! rief der Geheimrath von geheimer Furcht und Wuth erfüllt. Sie wollen das -- Sie? -- Entfernen Sie sich augenblicklich -- wir werden uns weiter sprechen. Diese Frechheit ist unglaublich!
Unglaublich! schrie der Professor, sich an der Binde in die Luft ziehend.
Hehe! der Bursche wird gemein, schrie Zippelmann, über den Professor stolpernd, als Felix sich nach ihm umsah.
Welch entsetzlicher, abscheulicher Auftritt! rief Elise in den Armen ihrer Mutter, welche der Assessor unterstützte. Giebt es denn kein Mittel uns von dieser Gesellschaft zu befreien? Alfred, wenn ich denken müßte -- ich verlange von Dir, diesen Menschen offen zu erklären, daß Du nichts mit Ihnen gemein hast.
Sei ruhig, mein Kind, sagte der Geheimrath, sei ganz ruhig. Von einer Gemeinschaft kann nicht die Rede sein. Fräulein Clara wird schweigen, sie wird gewiß schweigen, denn sie wird nicht wollen, daß ich sprechen soll. Oder meinen Sie etwa nicht? rief er mit Hohn auf das junge Mädchen niederblickend, die ihre volle Fassung wieder gewonnen hatte. Wenn ich schweige, so habe ich meine Gründe, im Uebrigen aber --
Hier unterbrach ihn die volle stolze Stimme Clara's, die im Gefühl ihres Rechtes ihn mit überlegener Kraft anblickte. Reden Sie, rief sie ihm zu, ich befehle es Ihnen! Sie sollen mich nicht verläumden, wo Zeugen vorhanden sind, die ich im Namen der Wahrheit nicht vergebens auffordern werde.
Gewiß nicht, erwiderte Alfred, der sich ihr näherte und mit steigender Wärme zu ihr sprach. Es scheint, fuhr er lächelnd fort, als habe man eine strenge und geheime Ueberwachung zwar über uns verhängt, dennoch aber die rechten Fäden nicht gefunden. Jene nächtliche Scene, Herr Geheimrath, hat allerdings statt gehabt und ich bin dabei zugegen gewesen. Der, den sie zunächst angeht, wird wahrscheinlich den Muth nicht besitzen, Ihnen jemals die Wahrheit zu bekennen; ich aber betheure Ihnen mit meinem Ehrenworte, daß ich in jener Nacht mit Hochachtung für Fräulein Clara nach Haus zurückkehrte, und daß ich dem Zufalle sehr dankbar bin, der mich in Besitz eines Geheimnisses setzte, durch welches ich mich überzeugen konnte, wie nichtswürdig die Ränke sind, welche das Glück und die Wohlfahrt dieser jungen Dame anzutasten wagten.
Anzutasten wagten! wiederholte Elise mit glühenden Wangen. Was soll das heißen, Papa? Was ist geschehen? Was hast Du mir verschwiegen?!
Da haben Sie es, Alfred! rief Wilkau mit einem bitteren Lächeln. Schütten Sie kein Oel ins Feuer, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, Elise darf nichts weiter hören.
Alles soll sie hören, Alles! erwiderte Gravenstein. In welche unwürdige und elende Intrigue bin ich verstrickt worden?
Das ist das richtige Wort, sagte der Geheimrath; aber, mein Lieber, lassen wir doch die Details.
Nicht wo es sich um meine Ehre handelt; nicht wo ich die Ehre einer verfolgten und gekränkten Dame zu vertreten habe.
Der Geheimrath war mit seiner Geduld zu Ende. Der Zorn lief über seine Vorsicht hin; er verwünschte den tölpelhaften Eigensinn, den er schonen mußte, und der ihn dafür rücksichtslos an den Pranger stellte. -- Die trotzige straffe Gestalt des Freiherrn war so unbiegsam wie ein Eichbaum, und sein Gesicht sah so roh ehrlich aus, als wolle er einen offenen Bruch herbeiführen.
Mein Gott! rief Wilkau, Sie müssen genachtwandelt haben, Herr von Gravenstein, oder was war es sonst, das Sie antrieb, Abends spät dem ehrenwerthen Fräulein hier Fensterpromenaden zu machen, und Briefchen aufzulesen, die hinausgeworfen wurden. -- Nun, es waren Grillen, nichts als Grillen, fuhr er besonnener fort, als er den Eindruck bemerkte, den seine Enthüllungen auf Gravenstein machten. Man kann sich ja denken, was Sie bewog, und es ist nichts geradezu Unrechtes. Sie lieben Saitenspiel und Gesang und dazu kömmt der Reiz des Wunderbaren, das verlockende Entgegenkommen. Nicht wahr? Haha!