Weihnachtsabend

Part 14

Chapter 143,667 wordsPublic domain

Hier ist mein Sohn, fuhr der Fabrikant fort, sich zu seinen Kindern umwendend. -- Felix hatte sich Clara genähert, er sprach leise mit ihr und schien bemüht, sie zu beruhigen; jetzt aber, als er Antons Stimme hörte, ließ er sie los und rief erstaunt: So wahr ich lebe, da ist unser Freund Mertens. Was ist geschehen? Hat der Professor wieder dumme Streiche gemacht? Ist es deswegen, daß Sie zu mir kommen? Will er sich durchaus nicht beruhigen? Was, zum Henker! soll ich noch einmal über den lächerlichen Patron kommen und ihn in die Flucht schlagen?

Ei ja! ei ja! rief Anton bei jeder Frage, indem er heftig nickte, aber immer mit einer gewissen Scheu das rothe faltige Gesicht des alten Herrn betrachtete. Dann fuhr er mit der Hand durch sein schwarzes Haar und sagte verlegen stockend: Wenn ich nur die Ehre haben könnte, auf ein paar Minuten -- er winkte verstohlen nach der Thür und machte eine sehr lebhafte Geberde, indem er mit seinem Finger rund um den Hals fuhr, die Felix aber durchaus nicht verstand.

Was, schrie dieser lachend: der Professor will sich den Hals abschneiden?

I, nein doch, nein doch! erwiderte Anton bestürzt.

Was will er denn? So reden Sie doch, Mertens.

Ja, erwiderte der Schuhmacher bedächtig, ich thäte es wohl, wenn ich nur wüßte -- hier sah er wieder den Fabrikanten an, der immer aufmerksamer geworden war.

Wer ist der Mann? fragte er in seiner entschiedenen Art.

Ein Mann, erwiderte Felix, den ich Dir dringend empfehle, lieber Vater, und um dessentwillen es mir lieb ist, ihn Dir persönlich bekannt zu machen. -- Merkwürdiger Weise, fuhr er dann fort, hat der berühmte Mann, welcher immer nur mit vornehmen Freunden umgeht und den wir alle genugsam kennen, eine besondere Zärtlichkeit für die naive reine Naturwahrheit gefaßt, welche er bei Mertens gefunden haben will. Er hat ein eben so empfängliches Herz wie Don Juan, aber er ist völlig unschädlich, Mertens, sie können es sich ruhig gefallen lassen. Ich sollte freilich meinen, meine Gegenwart hätte wie Assa foetida auf ihn gewirkt, denn unter Allen, die ihn je verhöhnt und verspottet haben, bin ich ihm stets der Widerwärtigste gewesen. Ich habe ihn also nicht vertrieben? Er ist wiedergekommen mit neuen Narrheiten? Heraus denn mit der Sprache, ohne alle Umstände. Hier ist mein Vater, der Alles hören kann und hier meine Schwester, der er oft genug seine verkehrten Augen und sein noch verkehrteres Geschwätz zum Besten gegeben hat, bis wir es glücklich dahin brachten, daß er uns sämmtlich gründlich verachtet.

Die Sache ist die, sagte Anton noch immer bedenklich, daß er heut Abend kam und durchaus wissen wollte -- von wegen -- na, Sie wissen wohl, was ich alleweil meine. Er wollte mich absolut mitnehmen zu dem Geheimrath, da sollt ich eine Erklärung abgeben vor Gericht, oder so dergleichen, wegen des Schusses, na, sie wissen ja schon und von wegen der jungen Dame, denn die Tücher hatte er einmal gesehen und erzählt war es auch worden. Nein, nein! fuhr er fort, indem er Clara zuwinkte, und die Hand wie zum Schwure aufhob; gar nichts hat er erfahren, und eher wollte ich meinen Kopf auf den Block legen, und Guste legte ihren Kopf dazu, ehe ein Mensch von uns etwas erführe.

Aber ich! fiel hier Herzer ein, der seinem Sohne befehlend zuwinkte, welcher Anton zum Schweigen zu bringen suchte, ich will Alles wissen, von wem ich es auch erfahren mag.

Es wäre besser, lieber Vater, sagte Felix, wenn Du mir gestattetest, mit diesem wackeren Manne auf mein Zimmer zu gehen.

Nein! erwiderte Herzer mit Strenge, nein! -- Vielleicht sind meine Ahnungen schlimmer, als die volle Wahrheit, und es ist leichter diese zu ertragen, als länger in halben Ungewißheiten umherzutappen. -- Ich befehle Dir, mir nichts mehr zu verbergen! -- Reden Sie, Herr Mertens, was wollte der Geheimrath wissen? Was sollten Sie beschwören?

Es trat eine Pause ein, die Keiner zu unterbrechen wagte. Der alte Mann mit bleichen, zitternden Lippen und weit geöffneten Augen, aus denen eine düstere Entschlossenheit leuchtete, stand vor dem armen Anton, der seine Blicke ängstlich zu Boden schlug, oder sie scheu und hülfebittend zu den Geschwistern hinüber sandte. -- Ohne Regung und bleich, wie ein Marmorbild, stützte Clara den angespannten Arm, dessen Muskeln und Sehnen sich krampfhaft zusammengezogen hatten, in die Hand ihres Bruders. Ihr Gesicht war stolz aufgerichtet, ihre Augen glänzten furchtlos darein, aber ein schmerzliches Lächeln zuckte um die feinen Lippen und mit gewaltsam schweren Athemzügen hob sich ihre Brust.

Haben meine Kinder keine Antwort für mich? rief Herzer mit der Bitterkeit des Unglücks. Ist es mit uns dahin gekommen?!

Antworte, Felix, sagte Clara mit leiser, fester Stimme. Du wirst nicht wollen, daß ich es thun soll.

Was verlangst Du zu wissen, Vater, sprach der Sohn entschlossen vortretend. Soll ich Dir nochmal die Geschichte erzählen, die Du vor wenigen Tagen von mir hörtest? Von einem Mädchen, die schamlos betrogen und verrathen wurde und keinen Schützer hatte, als ihren entfernten Bruder, der endlich, als er nach Hause zurückkehrte, ihren Kummer bemerkte und in sie drang, die Kette von Nichtswürdigkeiten erfuhr, deren Opfer sie geworden war.

Ich weiß, erwiderte Herzer, ihm langsam zunickend, ich kenne diese Geschichte. Weiter, weiter!

An jenem Abend, wo Wilkau den glänzenden Ball gab, hatte ich sie erfahren, fuhr Felix fort. Ich wollte den Elenden aufsuchen, wollte in dem Ballsaale selbst Gericht halten über ihn; ich war in der wildesten Aufregung und war bewaffnet. Clara, in Schrecken vor meinen Vorsätzen, drang in mich, davon abzustehen; sie wollte mich nicht verlassen. Sie besaß männliche Kleider, er selbst hatte ihr diese früher verschafft, in Zeiten, wo seine Verlockungen den Reiz des Romantischen in einem Herzen voll Muth und Liebe zu erwecken wußten.

Schande! Schande! murmelte der Fabrikant mit erlöschender Stimme.

Wir irrten durch die nächtlichen Straßen, sagte Felix ruhiger, ich sah ihn aus dem Wagen steigen, und wollte ihm nach. Clara hielt mich fest und zog mich fort. Sie beschwor mich ruhig zu sein, und zeigte mir, welch Unglück ich über sie, über Dich und uns Alle bringen würde, wenn ich öffentlich machte, was bis jetzt ihr alleiniges Geheimniß war. Ich mußte es anerkennen und gelobte zu schweigen. Wir kehrten zurück und gingen nochmals bei Wilkau's hellem Hause vorüber, als wir angehalten wurden und verhaftet werden sollten. Ich vertheidigte mich und riß endlich zum Schutz für mein bedrohtes Leben eine Pistole heraus, die sich entlud. Clara floh verwundet, ich entkam. Sie fand bei diesem wackeren Manne und seiner Frau Beistand, ihre Wunde war unbedeutend, unter ihrem Häubchen ließ sie sich leicht verstecken. Du hast nichts davon erfahren, Vater; Niemand hat es ahnen können.

Und jetzt, fiel Herzer die Worte angstvoll hervorstoßend ein, jetzt ist es entdeckt! -- Gott! Gott! meine Tochter -- verfolgt, angeklagt, entehrt!

Lieber Herr, rief Anton gerührt von seinem Schmerze, verlassen Sie sich darauf, kein Wort kommt über meine Lippen. Der Professor hat es auch gemerkt, fügte er eiliger hinzu. Ihr wollt nichts sagen, schrie er, als er von uns ging, aber sie sind dennoch verloren! Es ist aus mit ihnen, die Wechsel sind entdeckt!

Mit furchtbarer Gewalt hob der alte Mann seine Hände auf, und schlug sie über seine weißen Haare zusammen. Ein Stöhnen rang sich ihm aus der Brust; Clara stieß einen Schrei aus, indem sie auf ihn zu flog und beide Arme um ihn schlang. Die verzweiflungsvolle Energie im Gesicht ihres Bruders gab Antwort auf ihre flehenden Blicke.

Vertheidige Dich, sagte Clara mit schwankender Stimme, vertheidige Dich, mein geliebter Bruder! Verläumderische Gerüchte habe auch ich hören müssen. Es ist nicht wahr, es kann nicht sein. Nein, nein! rief sie mit großer Heftigkeit, der es mir sagte war ein Schelm, den ich verachte.

Wiederholen Sie noch einmal, Mertens, was Sie so eben sagten, erwiderte Felix.

Ich will es nicht hören, rief Herzer, ich weiß Alles und Du, fuhr er fort, indem er seinen Sohn kummervoll anblickte, Du mußt wissen, daß er Wahrheit sprach. Hast Du nicht an Gravenstein Wechsel gegeben? Hast Du nicht, -- o! daß ich es sagen muß -- hast Du nicht eine Fälschung begangen?

Ich habe es gethan, erwiderte Felix mit ruhiger Entschlossenheit, denn es blieb keine andere Wahl. Entweder war Alles verloren, entweder gelang es diesen Elenden, uns zu verderben, oder, es mußte Etwas geschehen, uns vom Aeußersten zu befreien. Es ist möglich, fuhr er fort, daß ich gesündigt habe in den Augen der Menschen, daß ich gefrevelt habe gegen ihre Satzungen, aber vor meinem Gewissen nicht. Gravenstein gab mir sein Ehrenwort bis zum Ablauf der Frist zu schweigen. Es war mir so, als verstehe er Alles, was ich that. Sein Blick schien bis in meine Seele zu dringen, es leuchtete etwas darin, was aussah wie eine Billigung. Er nahm die Papiere, steckte sie ein und sagte: Verlassen Sie sich darauf, keine Hand wird daran rühren, ich hoffe jedoch, daß Sie zur gestellten Zeit dies Pfand, was für mich keinen Werth hat, zurücknehmen. Ich versprach es ihm mit meiner Hand, die er annahm. Ich kann nicht glauben, daß er gemein und verächtlich gehandelt haben sollte.

Du hörst es ja, seufzte Herzer. O! jetzt verstehe ich den falschen, lauernden Blick Wilkau's, als er mich nach den Wechseln fragte, die Zippelmann unterzeichnen sollte.

Wie dem auch sein mag, sagte Felix, ich will vor ihn hin treten und Rechenschaft fordern auf der Stelle. Sein Geld liegt bereit, ich fordere mein Pfand zurück. Wehe ihm! wenn er es nicht herausgiebt; wehe denen, die ihn dazu vermochten! Was auch geschehen möge, Vater, ich habe es zu tragen, ich allein! Beruhige Dich, Dein Name, Deine Ehre sollen nicht leiden, und welchem Richter ich auch Rechenschaft geben muß, ich will mein Haupt stolz vor ihm aufrichten, stolzer bei jedem Verdammungsurtheil, denn ich habe gethan, was ich mußte.

Als er sich rasch entfernte, schien Herzer ihm nacheilen und ihn aufhalten zu wollen, aber er blieb nach den ersten Schritten stehen. Er hat Recht, sagte er dann weit ruhiger und gefaßter, was geschehen soll, muß sogleich geschehen. Aber er soll nicht allein gehen, ich will ihn begleiten. Was ihn trifft muß mich mit treffen, denn ich -- ich habe es gewußt, murmelte er vor sich niederstarrend und -- ich habe geschwiegen.

Was willst Du? fragte er sich aufrichtend, als er sah, daß Clara schweigend Hut und Mantel nahm und sich anschickte ihn zu begleiten.

Mein theurer Vater, antwortete sie sanft, Du darfst nicht gehen ohne mich. Wenn es so sein muß, daß wir vor denen erscheinen sollen, die uns hassen und verfolgen, um ihnen zu sagen, da sind wir, denen ihr Uebles gethan habt, aber gerechter, als ihr und ehrenvoller in unserer Unehre, so darf ich nicht fehlen. Ich bitte Dich, fuhr sie dringender fort, laß mich nicht hier allein. Wenn wir Gravenstein aufsuchen wollen, können wir ihn nicht anders finden, als bei Wilkau. Mehr als einmal haben wir ein frohes Weihnachtsfest gefeiert, jetzt werden wir Alle dort beisammen finden, die uns wie böse Geister empfangen.

Der Vater bewegte leise beistimmend den Kopf, und ohne einen weiteren Einspruch machte er sich zu dem schweren Gange bereit.

Während dieser ganzen Zeit stand Anton an der Thür völlig ungewiß, was er thun sollte. Einige Male machte er eine Wendung, als wollte er seinem Gönner Felix nacheilen, aber ehe er seinen Entschluß auszuführen vermochte, traf ihn wieder ein Blick aus den gramvollen, düsteren Augen des alten Herrn, oder das bleiche Fräulein sah ihn so liebreich und doch so traurig an, daß er bleiben mußte, weil es ihm war, als könne sie ihn nöthig haben.

Das Herz des gutmüthigen Mannes war mit warmer Theilnahme gefüllt. Alles, was er hörte und sah rief diese hervor, obenein aber war Herzer ein seiner Grundsätze wegen Verfolgter und diese Grundsätze theilte Mertens aus voller Seele. Seine Augen glänzten in Hingebung und Treue. Arm und ohnmächtig wie er war, hätte er doch gern irgend etwas thun mögen, um zu zeigen, wie mächtig das Band der Zuneigung sei, daß ihn an diese verfolgte Familie fessele.

Mit Eifer nahm er den Augenblick wahr, als Herzer seinen Rock beim Ausziehen nicht gleich auf die Schulter ziehen konnte, um ihm zu helfen, und während er diese Arbeit verrichtete, konnte er nicht umhin, seine Trostworte zu wiederholen. Es ist alleweil eine Schande, sagte er, wie es hergeht. Die es redlich meinen mit ihren Mitmenschen, werden gehetzt, wie wilde Thiere, aber man muß sich nicht unterkriegen lassen. Von mir sollen sie nichts erfahren und darum mögen sie ruhig sein, Herr Herzer. Wenn's auch so kommt wie ich denke, es wird nichts daraus, niemals nichts daraus!

Herzer drückte ihm die Hand, aber er erwiderte kein Wort, Clara jedoch sah ihn so dankbar und gütig an, daß er ihnen langsam nachfolgte, und als er endlich beide in das Haus des Geheimraths treten sah, blieb er unten stehen und sah langsam hinauf zu den hell erleuchteten Fenstern, während seine Unruhe mit jeder Minute wuchs.

Der Glanz der Kron- und Armleuchter überstrahlte feenhaft die prächtige Wohnung, in welcher jedoch jetzt nur die Familie im engen Kreise beisammen war. Der große Saal war leer, eben waren die letzten der neunzig Kinder auserwählter Mitglieder des Vereins gegangen, denen hier der Weihnachten aufgebaut worden war. Der Bediente mit der rothen Nase hatte den großen Christbaum in das Familienzimmer getragen und neue Lichter aufgesteckt; jetzt räumte er im Saale mit einigen Mädchen die Tafeln ab und reinigte den Fußboden von Nußschalen, zerbröckelten Kuchen- und Apfelstücken.

Es ist doch eine Schande, was solch Volk für Schmutz macht, sagte er ärgerlich.

Und Keiner hat für Herrn Friedrich nicht einmal ein Zweigroschenstückchen nicht, lachte eines der Mädchen.

Zweigroschenstückchen, grinste Friedrich ingrimmig; als ob wir nicht Alles aus christlicher Liebe thäten.

Ach was, christliche Liebe! rief eine Andere. Das ist eine Marotte von den Herrschaften jetzunder, damit wollen sie sich was zeigen und wir haben die Arbeit davon. Die halbe Nacht habe ich Aepfel abwischen müssen, damit die ja recht blank aussähen, ehe sie die Bälger vertilgen.

Louise, sagte der Bediente mit der rothen Nase feierlich, Sie sprechen wie eine Gans über die großen Angelegenheiten der Menschheit. Wir haben das Alles überlegt und wissen, was wir uns dabei denken, wenn es auch einige Mühe macht.

Na, meinte Louise trotzig, der Herr Geheimrath hat vorhin selbst gesagt, den Skandal wolle er hier nicht wieder haben und die Geheimräthin wird sich im Stillen auch davor bedanken.

Das wird auf die Umstände ankommen, erwiderte Friedrich bedächtig, und gehört ins Gebiet der Pulletük, was wir im Verein erst näher überlegen müssen. Wenn wir bald Hochzeit haben und unser Schwiegersohn sich so macht, wie wir denken, so können wir freilich etwas anders auftreten.

Herr Je! das wird eine Hochzeit werden, rief Louise dazwischen. Was ist denn morgen los?

Morgen essen wir bei Ministers, erwiderte Friedrich im Gefühl seiner Würde, und übermorgen giebt Gravenstein das erste Souper in seiner neueingerichteten Wohnung. Nächstens aber werden wir etwas erleben, meine Damen, worüber Sie sich Alle außerordentlich wundern werden.

Was werden wir denn erleben, theuerster Herr Friedrich? rief die Jungfer lachend. Etwa das erste Aufgebot? Als ob wir das nicht schon längst wüßten?

Friedrich blinzelte mit den Augen und nickte dazu. Sie wissen es also schon, sagte er verwundert. Gleich nach Neujahr geht es los. Es kommt eine frohe Zeit für uns, meine Damen. Der Stern des Morgenlandes ist uns in Pommern aufgegangen. Knickrig ist er nicht, ich habe das verschiedentlich zu bemerken Gelegenheit gehabt; also aufgepaßt, Fräuleins, es wird vielleicht mehr setzen als heute. -- Die Zeiten sind schlecht, man muß überall Ersparnisse machen, sagte die Frau Geheimräthin zu mir.

Na, damit soll sie uns nicht kommen, riefen die Mädchen im Chore. Wenn sie sparen will, braucht sie nicht alle die Bettelei sich auf den Hals zu laden. Großthun mit den vielen Wohlthaten und: lasset die Kindlein zu mir kommen, worüber der verrückte Professor heut Abend wieder eine lange unvernünftige Rede gehalten hat, ja, das möchten sie wohl; aber die Leute scheeren und ihnen ein paar Thaler abzwacken -- nicht wahr? Nein! schrieen sie einmüthig erhitzt, wenn es so geht, so sagen wir auf, und machen, daß wir fortkommen. Seit sie hier patriotisch und fromm geworden sind, ist so nichts mehr anzufangen.

Meine Damen, sagte Friedrich sehr belustigt, und den Finger an die Nase legend, Sie verstehen zwar nichts von den großen Ideen der Menschheit und der Pulletük, aber wenn Sie etwas pullitüsch nachdenken, so werden Sie doch ihre grausamen Vorsätze uns zu verlassen aufgeben, indem Sie sich an die Hochzeits-Geschenke erinnern.

In diesem Augenblick dröhnte durch die Flügelthüren aus dem Familienzimmer ein lautes und anhaltendes lebhaftes Sprechen und der Lärm froher Geselligkeit herüber.

Da geht es los! rief der Bediente, die Bescheerung geht los. Nun kommen wir auch bald an die Reihe! schrieen die Mädchen.

Die gesammte Dienerschaft drängte sich um das Schlüsselloch. Was das Fräulein nur bekommen wird, flüsterten sie sich zu. -- Sie ist so neugierig, sie konnte die Zeit nicht erwarten. -- Ach, er ist gefährlich reich, er wird ihr schon aufbauen. -- Schade, daß man hier gar nichts sehen und hören kann.

Während sie sich vergebens bemühten, einzelne Worte und Ausrufungen zu erhaschen, endlich aber von der eintretenden Wirthschaftsmamsell verjagt wurden, hatte wirklich die Scene des gegenseitigen Beschenkens in der Familie stattgefunden.

Alfred von Gravenstein war der Einzige in dem kleinen Kreise, der eine ärgerliche Falte auf der Stirn nicht ganz überwinden konnte, wie viele Mühe er sich auch damit gab. Er hatte gehofft, mit Elisen und ihren Eltern allein zu sein, aber die Geheimräthin hatte entweder den Professor festgehalten, als die Kinderbeschenkung im Saale vorüber war, oder der Professor hatte sich an die Geheimräthin festgekettet, kurz er erschien auf die Spitzen tretend und in rosenrother Verklärung aufs süßeste grinsend an ihrer Seite in dem Familienzimmer, wo er sogleich wieder die Ehre hatte zu bemerken, daß er eigentlich eingeladen worden sei, bei seinem Freunde, dem Grafen Buchwald den Abend zu verleben, aber nicht widerstehen könne hier zu bleiben, wo er sich so gern festhalten lasse. Ich habe so viele Einladungen, rief er auf einige eingehende Worte der Geheimräthin, indem er nachdenklich die Augen nach oben richtete, so viele Einladungen, der Kopf schwindelt mir. Mein Gott! theilen kann man sich doch nicht; es ist doch nicht möglich, an sechs Orten zugleich zu sein. Ich möchte es gern; möchte wahrhaftig herzlich gern alle meine Freunde befriedigen, aber es geht doch nicht an. Es soll keine Beleidigung, keine Zurücksetzung sein, es geht aber durchaus nicht an.

Der Professor hatte trotz jener Täuschung, die er in demselben Zimmer erlebte, seine freundschaftliche Stellung zu Fräulein Elisen nicht im Geringsten geändert. Kein einziges Merkmal der Empfindlichkeit oder der Verlegenheit konnte ihm vorgeworfen werden. Von seinem höheren Standpunkte aus empfand er nur für diejenigen Wesen ein gewisses Etwas, welche durch ein bewunderndes Anstaunen seiner geistigen Erhabenheit seine Aufmerksamkeit verdienten. Dabei war es ihm im Grunde einerlei, ob er von Elisen oder Gusten angebetet wurde; allein sobald er merkte, daß er sich geirrt habe, bedauerte er nicht sich, sondern die mißgeschaffenen, unglücklichen Geschöpfe, die es nicht weiter verdienten, daß er ihnen zürne oder ihnen eine Aufregung zeige, weil sie ihn nicht zu begreifen vermochten.

Wenn Alfred von der Gegenwart des Narren schon unangenehm berührt wurde, so ward er es noch weit mehr, als der Geheimrath die Herren Zippelmann und Stephani hereinführte. Der Assessor war höchst liebenswürdig, ungezwungen und lachlustig. Er scherzte mit Elisen über den Christbaum und die Geschenke, zog den Professor so vortrefflich auf, daß das Fräulein und Herr Zippelmann nicht aus dem Lachen kamen, und hänselte den alten Zippelmann so prächtig, daß der Professor nicht aufhörte, sich die Hände zu reiben, an seiner Halsbinde zu ziehen, und unter einigen unverständlichen Redensarten in der seligen Gewißheit umherzulaufen, daß er selbst diesen Zippelmann jetzt eben mit dem köstlichsten Witz tractire.

In dem Ecksalon wurden inzwischen die Thüren angelehnt, um Elisens Geschenke aufzustellen, und während Alfred, der stumm und halb abgewandt dem ganzen Possenspiel zuschaute, von der Geheimräthin zur Hülfe gerufen wurde, nahm Stephani seinen Platz ein und führte am Fenster ein langes, schnelles und leises Gespräch mit der erregten Braut, das bisweilen bis zum tonlosen Geflüster sank, und dann wieder von einem schlecht unterdrückten Lachen unterbrochen wurde.

Das haben Sie vortrefflich gemacht, sagte Stephani ihr endlich in's Ohr. Es war das einfache und doch einzige Mittel, die Wechsel in unsere Hände zu bringen. Herr von Gravenstein muß entzückt sein, wenn er Ihre List erfährt.

Ich besorge, erwiderte Elise, daß er bei seiner eigenthümlichen Schwere in einige Verwirrung darüber gerathen wird.

Sie meinen, flüsterte der junge Herr lächelnd, er könnte es wagen, diesen schönen Beweis einer Hingebung ohne Gleichen mißzuverstehen, die mich zur Bewunderung fortreißt.

Ich muß wenigstens darauf gefaßt sein, erwiderte sie leichtfertig.

Dann, ja dann! sagte er, indem er sein Auge bedeutsam auf sie heftete.

Nun, dann? fragte sie.

Dann verdient er das Glück nicht, das die Götter nur zu oft wunderlich austheilen, war die Antwort. Das launenhafte Glück, welches schon die Griechen so fein und sinnig auszudrücken wußten, wenn sie Venus mit dem rohen, plumpen Vulkan vermählten.

Herr Assessor Stephani! rief Elise ein wenig lauter, drohend aber mit einem schalkhaften Blicke und einem reizenden Lächeln.

Er führte die schmale Hand an seine Lippen und fuhr dann leise fort. Ach! Vulkan war wenigstens ein höchst nachsichtiger Eheherr; wenn aber dieser, wie ich leider glauben muß, schuldbeladene Freier oder Freiherr von Gravenstein Ihnen mit Prätensionen entgegen treten wollte, so mag er sich hüten. Denn sind nicht in Ihrer Hand alle Mittel, um ihn erröthen und verstummen zu machen?

Ei gewiß! erwiderte sie lebhaft. Die Mittel besitze ich.

Und eigentlich verdient dieser klägliche Sünder Ihre Verzeihung nicht, sagte Stephani. Wie gütig sind Sie, wie sanft schlägt dies schöne Herz! Welche edle Selbstüberwindung gehört dazu, einem Bräutigam zu vergeben, für welchen eine so unbedeutende Erscheinung noch Anziehungskraft besitzen konnte.

Elisens Augen glänzten unwillig, ihr Gesicht röthete sich. Stephani hatte den rechten Ton getroffen. Ich weiß nicht, sagte sie, was Sie meinen können, aber, wie es scheint, bin ich schon bis zu Ihrem Bedauern herab gesunken.

Nein, bis zu meiner innigsten, aufrichtigsten, mein ganzes Herz erfüllenden Theilnahme, flüsterte er, ihre zitternde Hand leise drückend.

Jetzt öffnete die Geheimräthin die Thür des Ecksalons, aus welchem der große Christbaum leuchtete. Geschwind, Elise, rief sie mit frohem Tone, und Sie Alle, meine lieben Freunde, treten Sie ein, treten Sie Alle ein!