Part 10
Plötzlich hob die Uhr aus und schlug zehn mal, und als der letzte Schlag verklungen war, legte Clara die Arbeit zusammen und stand geräuschlos auf. Sie trug den Stuhl an seinen Platz, stellte das Arbeitskörbchen fort, und trat an das Instrument, um es zu schließen. Aber indem sie den schweren Deckel hob, hielt sie inne und horchte nach der Straße hinaus. Es war als stände draußen Jemand still, der mit schallendem Schritt nahe heran gekommen war. Das junge Mädchen schien die festen Läden mit ihren heißen Blicken durchbohren zu wollen, dann legte sie leise den Deckel wieder nieder. Sie setzte sich und ihre feinen schmalen Finger flogen leicht über die Tasten hin, ihre Lippen zitterten den Tönen nach, sie sang mit reiner Stimme, die mit jedem Worte voller und inniger wurde, das schöne Lied: »Auf Flügeln des Gesanges;« doch mitten darin brach sie ab, um mit ihren Händen die widerspenstigen Augen zu bedecken.
In dem Augenblick, wo die Stille zurückkehrte, wurde ganz leise an eine Fensterscheibe geklopft und sogleich stand Clara auf, schraubte die Lampe herunter bis auf ein mattes Lichtgeflimmer, warf den Mantel über, band die Kappe eilig zusammen und verließ mit leisen Schritten das Zimmer durch die große Eingangsthür, welche sie hinter sich verschloß.
Eben so leise öffnete sie die Thür des Corridors und befand sich nun auf dem dunklen Hausflur. Sie trat in den Hof hinaus, nirgend war Licht. Der Himmel hing gleichmäßig schwarz über der Erde, feine Schneenadeln flogen durch die Luft und drangen kühl in Clara's heißes Gesicht, die schweigend das schmeichelnde Schnauben eines großen Hundes abwehrte, der sich ihr genähert hatte.
Ohne Zögern ging sie an dem Fabrikgebäude hin und blieb einen Augenblick an der Mauer stehen. Es war ihr, als hätte ein Fenster geklirrt. Als jedoch nichts sich weiter regte, zog sie einen Schlüssel hervor und schloß die Thür auf, welche durch die Grenzmauer auf ein Seitengäßchen führte.
Mit eiligen leisen Schritten ging sie das Gäßchen hinauf und blieb an der Ecke eines freien Platzes stehen.
Es war der Kirchplatz, in dessen Nähe das Grundstück des Fabrikanten lag. Der alterthümliche, mächtige Bau löste seine düstre Masse in ungewissen Linien von der Finsterniß der Nacht ab. Die kleinen Häuser, welche ihn umringten, waren meist finster, nur da und dort fiel ein einzelner Lichtstrahl aus einem Fenster und schlüpfte über zwei oder drei alte Leichensteine, deren graue verwitterte Platten in den Boden gesenkt, die einzigen noch übrigen Spuren eines ehemaligen Kirchhofs waren. Ein paar hohe Bäume klapperten in ihren Gittern und Ecken mit nackten Zweigen und leise klingend fielen dann und wann von den ungeheuren Bogenfenstern der alten Kirche kleine Glasstückchen herunter, die der Wind mit hohlem Rauschen abbrach und der Vernichtung zuschleuderte.
Eine Minute stand Clara wankend an jener Stelle, dann ging sie mit langsamen Schritten über den dreieckigen kleinen Platz fort, an dessen entgegengesetzter Seite die Kirche dicht an die Häuser trat. Als sie bis in die Mitte gekommen war, hörte sie den Schritt eines Mannes, der ihr entgegen kam und wartend still stand, als er die dunkle Gestalt entdeckte.
Du bist es, Clara, sagte er leise, ich habe meine Sehnsucht kaum beherrschen können.
Ich bin es, mein Herr, ja, ich bin es, erwiderte sie gefaßt und ruhig, dicht an ihn herantretend. Ich habe Ihren Wunsch erfüllt, weil ich wissen will, wie viel Wahrheit oder Lüge in Ihrem räthselhaften Briefe enthalten ist.
Und darum nur, darum allein bist Du gekommen? fragte er mit sanft und traurig klingender Stimme.
Ich wüßte nicht, gab sie zur Antwort, welchen Grund ich sonst haben könnte.
Es ist noch nicht lange her, wo Du nicht so gesprochen haben würdest, fuhr er fort. Ich habe oftmals in der Laube dort hinter der Mauer in nächtigen Stunden Dich erwartet; in meinen Armen hast Du nie gefragt, ob meine Briefe Lügen sagten, und was darin stand nie bezweifelt, denn Du wußtest, wie sehr ich Dich liebe.
Er streckte die Hände nach ihr aus und wollte sie umfassen, aber sie wich einen großen Schritt zurück. -- Wir kennen uns beide genau genug, wie ich denke, sagte sie mit sanfter, aber fester Stimme. Leider muß ich in Demuth zugeben, daß es eine Zeit gab, wo ich so thöricht war, Alles zu glauben. Sie können nicht erwarten, daß dies jetzt noch der Fall sein soll; im Gegentheil, selbst die Wahrheit in Ihrem Munde wird an meinem Unglauben zur Lüge werden.
Sie fürchten oder verabscheuen mich also? fragte er, oder Beides zugleich ist mein Loos.
Weder das Eine noch das Andere, erwiderte Clara, zu Beidem gehört eine Reizbarkeit, die ich überwunden habe.
So geben Sie mir die Hand zur Versöhnung, sagte er lauter. -- Wie verdammt dunkel ist diese Nacht, daß ich Dein reizendes, zürnendes Gesicht nicht sehen kann.
War es sein rasches Nähertreten, oder die lebhafte Sprache, oder die Hast, mit der sie noch weiter zurückwich, sie schien vom heftigen Schrecken gefaßt zu sein, als er ihren Mantel festhielt und lachend fragte: Was fürchtest Du denn, Clara? Mein Wort darauf, Du hast nichts zu fürchten!
Sie haben einen Brief an mich gerichtet, erwiderte sie, in welchem Sie mir sagen, daß über meines Vaters Haupt eine große Gefahr schwebe, die Sie abwenden können und wollen, wenn ich mich zu einer Unterredung einfinde. Ich bin gekommen, trotz meines Widerwillens. So reden Sie denn, welche Gefahr droht meinem Vater, und was wissen Sie von Handlungen, die meinen Bruder verderben können?
Laß uns unter den Schutz der Kirchenmauer treten, erwiderte der Herr. Der Wind pfeift über den Platz, es ist ziemlich unangenehm hier zu stehen. Du zitterst, Clara.
Antworten Sie mir, sagte sie, indem sie ihm folgte.
Wir wollen uns unter das Eingangsportal stellen, fuhr er fort, auf den gothischen Schwiebbogen deutend, der einige Schritte von ihnen tief und schwarz in das Gemäuer lief. Es könnte Jemand vorübergehen, der uns störte.
Nein, nicht weiter, gab sie zur Antwort. Sprechen Sie kurz und bestimmt, wenn ich nicht glauben soll, daß Sie zu vielen Lügen eine neue ersonnen haben.
Du bist eine kleine Thörin! rief der Herr, und seine Stimme schwankte zwischen Aerger und Spott, aber wie Du willst, ich kann Dein Mißtrauen nicht verdammen. Du zürnst auf mich, Clara, weil ich Dich vernachläßigte. Du hältst mich für treulos, weil die Verhältnisse mächtiger sind, als unsere Vorsätze und mein vernünftiger Wille sich ihnen beugen muß. Wo sollte ich noch eine Erfüllung für möglich halten, wie Du sie forderst? Meine Liebe, die unwandelbar ist, mein Herz, das Dir gehört und immer gehören wird, hast Du zurückgewiesen; meine Leidenschaft, die zu Deinen Füßen die Menschen und ihre Satzungen verachtete, hat Dich kalt und bedächtig gemacht. Du liebst mich nicht, wie ich Dich liebe.
Genug, genug! fiel sie ein. Ich habe keine Antwort dafür.
So habe ich denn alle Hoffnung verloren, sagte er. Keine Stimme in Dir spricht für mich?
Nein! ich hoffe zu Gott, nein! erwiderte sie mit Anstrengung.
Also Haß wo Liebe war, unversöhnlicher, bitterer Haß!
Auch der nicht, sagte sie leise bebend. Wir wollen Beide unsern Weg gehen, Beide glauben, daß wir uns täuschten und daß es nicht anders sein sollte.
Fromm und schön! rief der Herr lauter, aber mir genügt es nicht. Ein Anderer hat meinen Platz eingenommen. Antworte auf meine Frage. Ist es nicht so? Ich weiß mehr, wie Du meinst.
Ich habe keine Antwort darauf, sagte sie kaum hörbar.
Gravenstein! flüsterte er, indem er ihren Arm hart anfaßte. Wie Du zitterst! Ja, Gravenstein!
Es ist Wahnsinn! rief sie verächtlich.
Du lügst es Dir vor, fuhr er hastig fort. Er weiß es, er hat es in Deinen Augen gelesen; oder glaubst Du, der ehrenfeste Baron nachtwandelte umsonst an Deinen Fenstern vorüber? stände umsonst dort und hörte Deine Lieder? Und wenn er Abends spät von Deiner beglückten Nebenbuhlerin, von seiner Braut kommt, von Elisens Küssen noch warm ist, was treibt ihn dann hierher, um an Deiner Thür zu seufzen? -- Es ist möglich, rief er höhnisch lachend, daß Du selbst nicht weißt, welchen Schaden Deine zärtlichen Blicke angestiftet haben; aber die Wirkung ist da, es kommt darauf an, wie man sie benutzt.
Und dies Gewebe von Verläumdung und Gemeinheit soll ich hier erfahren? sagte sie stolz. Ist es fertig oder fehlt noch etwas daran?
Nicht ganz, erwiderte er. Gravenstein war entschlossen, Euch auspfänden zu lassen, er sah Dich und seine Entschlüsse wankten; er suchte einen Ausweg, den Dein Bruder ihm bot. Du kennst diesen Ausweg?
Herr von Gravenstein handelte edelmüthig, als er den Vorstellungen meines Bruders nachgab und meinem armen hart geprüften Vater eine Frist bewilligte.
Edelmüthig allerdings, aber Dein Bruder that mehr als er nöthig hatte. Er wußte nicht, wie lammweich das Tigerherz des Barons geworden war. Er gab ihm Wechsel.
Wechsel! wiederholte Clara und plötzlich lief es wie ein Blitz durch ihren Kopf, sie dachte an die Fragen und Antworten ihres Vaters und Bruders.
Wechsel! erwiderte der Herr, indem er sich zu ihr neigte und mit höhnischem Ausdruck hinzufügte: Papiere besondrer Art, die keines Menschen Auge sehen darf.
Warum nicht? Was sagen Sie da? fragte sie fast unhörbar.
Weil sie falsch sind! flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie legte die Hand an die eisige Mauer, als suche sie eine Stütze, plötzlich aber richtete sie sich auf und sagte mit großer Festigkeit: Wem Sie diese Nachricht auch verdanken mögen, sie ist nichtswürdige Verleumdung. -- Herr von Gravenstein wird pünktlich wie mein Bruder es ihm zugesagt, sein Geld empfangen.
Es ist möglich, erwiderte der Herr gleichgültig lachend, aber das ändert nichts. Ich bin es nicht allein, der von dem Verbrechen weiß, auch Andre wissen es, die Deines Vaters und Bruders Todfeinde sind. Jeden Augenblick kann das Beil auf Euch niederfallen.
Mein Gott! mein Gott! seufzte das junge Mädchen.
Darum habe ich geschrieben, fuhr er fort, jetzt weißt Du es, aber ich habe die Mittel in meiner Hand, alles Uebel von Euch abzuwenden. Versöhne Dich mit mir, mein süßes Clärchen, flüsterte er bittend, indem er den Arm um sie legte, schenke mir Dein Herz und Deine Liebe wieder und ich schwöre Dir mit tausend Eiden, Alles soll sich fügen, wie Du es wünschest. Nicht allein die Fälschung soll auf immer begraben bleiben, ich will, wenn ich Dein Beichtvater sein darf, Dich so glücklich machen, wie Du es nicht ahnen kannst, und wenn etwa wirklich der steife, ehrenfeste Gravenstein Dir behagt, nun, so giebt es Wege genug, um ihn aus Elisens Armen zu reißen, wenn uns Beiden damit gedient ist und wir als Freunde verfahren.
Er hielt einen Augenblick inne, denn die Uhr im hohen Thurme über ihren Köpfen hob aus und schmetterte elf dumpfe Schläge durch die Luft, die in dem Werk der Mauern langsam verhallten.
Die Mitternachtsstunde beginnt und die Geister wachen auf, fuhr er dann schmeichelnd fort. Laß uns gehen, mein armes, erschrockenes Clärchen, ich begleite Dich. Die Nacht verschweigt alle Geheimnisse der Liebenden. Hier heult der Wind, in Deinem Stübchen ist es warm. Bei Allem, was heilig ist, ich will Dein treuester Freund und Diener sein.
Mit einer plötzlichen Anstrengung machte sie sich frei; aber er faßte sie fester in seinen Mantel. Du willst nicht? fragte er lachend, Du mußt wollen. Du bist zu verständig; ich habe Dich in meiner Macht; bedenke Alles, ich liebe Dich ja.
O! wäre mein Bruder hier, sagte sie mit stolzer Heftigkeit. Laß meinen Arm los, erbärmlicher Mensch!
Und wenn ich nicht will, Clärchen?
Ich befehle es, rief eine tiefe Stimme aus dem Dunkel des Portals und drinnen regte es sich. Eine mächtige Gestalt löste sich aus dem Schatten los; es klirrte und rauschte auf den Steinplatten. Die Ueberraschung war so groß, daß der Unbekannte, von Furcht ergriffen, eilig zurücksprang und über den Platz fortlaufend entfloh.
Nach einigen Augenblicken sah Clara die Gestalt hervortreten und sich ihr nähern. Ein lähmender Schrecken hatte sie erfaßt; an die Wand der Kirche gelehnt schien sie in diese versinken zu wollen, keines Wortes mächtig und des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt. -- Sie fühlte endlich, daß sie unterstützt und fortgeführt wurde bis zu der Thür in der Mauer, die unverschlossen geblieben war.
Eine Hand streckte sich aus und öffnete diese Thür, dann trat die dunkle Gestalt zurück und ohne ein Wort zu sagen, wandte sie sich um und ging mit festen raschen Schritten das Gäßchen hinauf. -- Wo die Straße mündete, flimmerte ein Lichtstrahl aus einem gegenüber liegenden Hause herein, Clara's Augen starrten dorthin. Sie sah einen hohen Mann, der ohne umzublicken schnell um die Ecke bog, und von Fieberschauer ergriffen, glühend und zitternd, eilte sie über den Hof, wankte unbemerkt ins Haus und sank erschöpft auf ihr Bett.
»Du kannst es mir aber doch sagen, wer der Mensch gewesen ist!« mit diesen Worten war Frau Mertens am Abend endlich eingeschlafen, als Anton das Licht ausgepustet hatte und gar nicht mehr antwortete, und mit denselben Worten erwachte sie am nächsten Morgen.
Anton schien Anfangs keine Lust zu haben einen Laut von sich zu geben. Er unterhielt sich mit seinem Kinde, das er aus der Wiege nahm, hob es zu dem Zeisig empor, der in dem kleinen Bauer am Ofen saß, und ließ es in die Lampe schauen, nach der es jauchzend seine Händchen ausstreckte.
Was er mich ärgert! rief die Frau von Zeit zu Zeit dazwischen. Ich will es wissen; ich sage, es ist schlecht von Dir, mich so zu quälen. Antonchen? willst Du mich denn wirklich so kränken? Gut kannst Du mir nicht sein, magst Du sagen was Du willst, Du kannst mir nicht gut sein, sonst wär's unmöglich, daß Du mich so verachten könntest.
Liebste Guste, sagte er endlich, bist alleweil aufgebracht über Nichts. Deine Tücher hast Du wieder und in jedem ein blankes Zweithalerstück eingeknüpft. Hätte ichs gewußt, ich hätt's nicht genommen, doch weils kleine Zettelchen sagte, es sollte für das Püppchen hier sein, so mag's darum hingehen, aber Gutthaten soll kein Mensch sich abkaufen lassen, und obenein -- nun ja, ich hab' Dir's gesagt -- obenein weil ich weiß, wer unsere Christenpflicht erfahren hat.
Siehst Du wohl, fiel Guste heftig ein, Du weißt es, warum also soll ich es denn nicht wissen? Ich bin Deine angetraute Ehefrau, und seiner Frau muß ein ordentlicher, rechtlicher Mann Alles sagen, gar nichts darf er ihr verschweigen. Willst es mir sagen, Antönchen? fuhr sie schmeichelnd fort, ich habe Dir auch den Kaffee recht süß gemacht. Du lieber Gott! wenn wir uns nicht einmal Alles anvertrauen sollten! Ich könnte Dir nichts verheimlichen, und wenns mein Leben kosten müßte. Also, jetzt sage es mir, wer ist es gewesen? Einen Bart hatte das Gesicht, ich will es beschwören. Es ist eine Schande, Anton, daß Du sehen kannst, wie es mir das Herz abdrückt. Das ist also der Lohn für alle meine Liebe und Treue. Als ob er keine Ohren hätte, als ob ich ein hergelaufenes Weib wäre, als ob ich -- hier stieß Guste mit der Kaffeekanne wüthend an die Tasse, die sie umwarf und zerbrach, daß die braune Fluth weit über den Tisch floß.
Ist es denn möglich! schrie sie im höchsten Zorn, so weit kann er es treiben, dahin bringt er es mit seiner Schlechtigkeit, daß ich die Tasse zerbrechen muß. Willst Du es nun sagen, Anton, willst Du es auf der Stelle sagen. -- Sieh her, wie ich zittre; ich muß krank werden, es ist nicht anders, und wenn ich da liegen werde aus Aerger und Gram über Deine Behandlung, so sieh zu, was Dein Gewissen sagt.
Anton legte schweigend das Kind in die Wiege und schüttelte den Kopf.
Du hast kein Gewissen, rief Guste, Thränen in den Augen, wenn Du ein Gewissen hättest, würdest Du ein anderer Mensch sein, ein Mann der seine Frau achtet. Keiner würde es so machen wie Du, Keiner der seine Frau liebt. Und heut haben wir Weihnachtsabend. Du lieber Gott! jeder Mensch freut sich heut und ist einig und vergnügt. Ich habe gemeint heute Freudenthränen zu vergießen, wenn das Christbäumchen brennt und unser Kind vor Glück springt und seine kleinen Händchen ausstreckt und -- nun -- nun -- sie hielt sich die Augen mit der Schürze zu.
Die Thränen einer Frau, und wären sie noch so thöricht, verfehlen selten ihr Ziel bei einem Manne, der Mitleid und Liebe in seinem Herzen hegt. -- Anton hatte längst alle Vernunftsgründe erschöpft, er wußte recht gut, daß damit nichts mehr zu erreichen war; jetzt, als er die Aufregung seiner Frau sah, wurde ihm bange, sie könnte wirklich krank werden und großes Leid über ihn bringen.
Bist gut, liebste Guste, sagte er, noch sanfter wie gewöhnlich und voller Theilnahme. Ich wollte es Dir gerne sagen, aber ich habe es versprochen, stille zu schweigen, und ein ehrlicher Kerl muß doch sein Wort halten, wenn's ihm auch schwer werden mag.
Wenn Du verständig wärest, antwortete sie eifrig, so würde es Dir gar nicht einfallen, daß der Herr Deine Frau auch damit gemeint haben könnte, nachdem ich es doch gewesen bin, die das Meiste damals für das junge Frauenzimmer gethan hat.
Dies Samenkorn fiel auf keinen schlechten Boden, denn Anton nickte leise dazu, aber im nächsten Augenblick sagte er dennoch: Ich weiß nicht, Guste, aber es ist mir doch alleweil noch immer so, als ob es besser wäre, Du wüßtest es nicht; wenn es Dir aber keine Ruhe läßt, nun in Gottes Namen denn, so sollst Du es erfahren.
Als ob er sich jedoch in diesem stillen Raume noch scheute, was er wußte laut herauszusagen, so flüsterte er seiner Frau einige rasche Sätze und Namen ins Ohr, die diese mit Verwunderung anhörte, dann in die Hand schlug und alle Zeichen halb gesättigter Neugier, die überall auf Zweifel stößt und weitere Aufklärung fordert, in ihren Mienen und Augen zur Schau trug.
Ich kann es noch gar nicht recht glauben! rief sie; aber jetzt fällt mir das Gesicht wieder ein und die Aehnlichkeit.
Aber kein Wort, Guste, zu keinem Menschen, sagte Anton warnend. Wenn sie es herauskriegten, daß der es war, das vergäßen sie uns nicht.
Was machen wir denn aber mit dem Professor, der es durchaus wissen will, fragte sie.
Das wäre der Rechte, erwiderte Anton trotzig. Ich wollte, wir wären den überhaupt los; ich wollte, ich hätte den Nußknacker nie gesehen. Element! Guste, ich habe ihn satt; und es läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich an den Verein denke. Gehe mir weg, es brennt mir Innen wie Feuer und die Finger zucken mir, daß ich da wieder hin soll und mein Gewissen will's nicht leiden.
Du bist ein Narr, sagte die Frau lachend, als ob Einem das Gewissen satt machte. Fang' nicht die alten Geschichten an, Anton, aber mit dem Professor will ich schon fertig werden. Da kommt er über die Straße, rief sie zum Fenster aufblickend und erschrocken in die Hände schlagend. Er kommt, meiner Seele, in aller Frühe schon, und hat ein großes Pack Schriften unter dem Arm.
Anton zog rasch seinen Rock an, stülpte den Hut auf und fuhr in die Stiefeln.
Wo willst Du denn hin? schrie Guste, ihn am Kragen festhaltend.
Fort, sagte er hastig, ich will ihn nicht sehen. Mach, was Du willst, ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich lügen soll, ohne die Wahrheit zu sagen. Brings in's Geschick, liebste Guste, es soll nicht lange dauern, so bin ich wieder da.
Er lief durch die Hinterthür in die Küche hinaus, als der Professor bedächtig eben die Treppe hinabstieg. Die Frau packte die Tassen zusammen in den Spülnapf und warf einen listigen Blick durch das Glasfenster, als der Besuch draußen klopfte.
Ach, mein Gott! rief sie, die nassen Hände an der Schürze trocknend, der Herr Professor, und wie sieht es hier aus.
Häuslich und wirthschaftlich, erwiderte Viereck. Ohne alle Störung, Frau Mertens, guten Morgen. Ich habe Sie wohl überrascht? Und wo ist der Mann?
Ich bin ganz allein, sagte sie mit koketter Verlegenheit ein wenig verschämt und doch mit gehöriger Dreistigkeit lachend.
Und so hübsch, so zierlich, so allerliebst! rief der gelehrte Herr, indem er mit der Hand an ihr schwarzes Polkajäckchen hinabstrich.
Blos wie es sich gehört, erwiderte Guste ausbeugend. Aber der Herr Professor sind schon so früh auf der Straße.
Aus Theilnahme für Sie, kleine Frau, sagte er mit seinem freundlichsten Grinsen; aus einem Zuge meines Herzens, der mich zu Ihnen reißt.
Na, wer das glauben wollte! Wenn's eine Brücke wäre, ich ginge nicht drüber! rief die hübsche Frau, ihre großen blauen Augen schelmisch aufschlagend.
Der Professor griff in seine Halsbinde und deutete mit drei Fingern auf sein Herz. Zweifeln Sie nie, sprach er mit Würde. Wenn ich sage: Es ist so! so steht es fest, es ist so! Meine Freundschaft ist treu, und eben weil ich ein treuer Freund bin, geben Sie mir Ihre Hand.
Er streckte die Hand aus und blinzelte einladend unter seiner Brille, indem er ihr zunickte.
Guste zuckte rechts und links mit den Schultern und fuhr mit den Händen bald vor, bald zurück. Ach, nicht doch, Herr Professor, sagte sie sich sträubend; ich darf es gar nicht wagen; meine Hände sind nicht darnach, die müssen arbeiten was vorkommt, und sehen Sie einmal hier, wie zerstochen Daumen und Zeigefinger sind von allem Nähen.
Köstlich! rief der Professor, seine braunen runden Augen weit aufmachend, indem er bald die Hände betrachtete, welche er beide endlich festhielt, bald von seinem Stuhle nach oben sah in das kräftige blühende Gesicht, das sich mit schalkhafter Sprödigkeit zur Seite wandte, als wollte es seinen Blicken ausweichen.
Diese Naivität! dieser Humor! er ist unerreichbar, flüsterte Viereck, und diese appetitlichen Händchen! fügte er mit einer begeisterten Anstrengung hinzu. Gerade wie Gretchen im Faust von ihren Händchen sagt: Wie mögt ihr sie nur küssen und dennoch -- hier drückte er einen Kuß auf Gustens Finger, die sie rasch fortzog und lachend drohte: Wenn Anton das wüßte! Warten Sie, Herr Professor, der ist eifersüchtig wie ein Türke; ich darf es ihm gar nicht sagen.
Der Professor war entzückt, daß Jemand auf ihn eifersüchtig sein könnte. Er schlug übermäßig lachend mit der Hand auf sein Knie und schleuderte ein Paar triumphirende Blicke auf den Gegenstand seiner Hingebung.
Lassen Sie ihn eifersüchtig sein, wir wollen es ihm schon abgewöhnen, sagte er. Ich denke ihn zu erziehen, zu bilden und zu uns zu erheben. Kommen Sie her, kleine Frau, kommen Sie her, wir wollen Frieden schließen; ich denke, Sie fürchten sich nicht vor mir.
Guste machte ein listiges Gesicht. Sie war eine Hand breit größer, als der Professor, und offenbar zu Vergleichen aufgefordert. Ich fürchte mich gar nicht, erwiderte sie, wovor sollte ich mich denn auch fürchten?
Allerliebst! lachte der Professor, die Hände mit ungeheurer Schnelle reibend, allerliebst, und doch so natürlich. Nein, Furcht dürfen Sie nicht haben, haha! Furcht ist ganz überflüssig, ich will Ihnen ja nur Liebes und Gutes erzeigen. Er grinste sie entzückt an, und Guste stimmte vergnügt in sein Gelächter ein, während etwas sich um ihre Brust zusammenzog, was bis in ihre Fingerspitzen ärgerlich zuckte. Nun sehen Sie her, fuhr Viereck fort, ich will Ihnen auch sogleich den Beweis dafür geben. Heut ist Weihnachtsabend und gestern spät haben wir noch über die Vertheilung der gesammelten Geschenke und Geldspenden beschlossen. Aepfel und allerlei Süßigkeiten, sammt Spielzeug für den kleinen Burschen da, sollen heut Abend noch folgen, aber das Beste bringe ich gleich mit, heda! Er schlug an seine Tasche, faßte hinein, zog eine Hand voll Thaler heraus und zählte langsam und laut funfzehn Stück auf den Tisch.
Streichen Sie ein, rief er, streichen Sie Alles ein, und keinen Dank jetzt, ich werde ihn mir später einfordern. Mertens soll mir morgen den Empfang bescheinigen, aber ich denke, kleine Frau, Sie sollen öfter blanke Thaler einstecken. Ich habe die Mittel, um Anhänglichkeit zu belohnen; nun, was meinen Sie -- bin ich Ihr Freund oder nicht? He, Gustchen? Ist ein treuer Freund nicht eine gute Sache in aller Noth?
Ums Himmels Willen! rief Guste seinen annähernden Bewegungen ausweichend, wenn Jemand käme! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, lieber Herr Professor. Ach Gott! wie wird Anton sich freuen!
Wo steckt er denn eigentlich? fragte er.