Weiberhaß und Weiberverachtung Eine Erwiderung auf die in Dr. Otto Weiningers Buche »Geschlecht und Charakter« geäußerten Anschauungen über »Die Frau und ihre Frage«

Part 4

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Eine »echt weibliche Anlage« darin zu sehen, daß viele Frauen ihre Männer belügen und betrügen und nur kleinliche Wirtschaftsinteressen kennen, scheint eine Verblendung, die nur in dem überraschenden Bekenntnis des Autors, daß »jeder hervorragende Mensch zeitweise an fixen Ideen leide«, ihren Schlüssel haben dürfte. Ist es ein »Naturgesetz«, daß viele Frauen lügen und trügen oder tun sie dies nicht vielleicht deshalb, weil sie abhängig und wirtschaftlich ewig bevormundet sind?! Und wenn sie sich nur für Kleinlichkeiten interessieren, dürfte das nicht darin seinen Grund haben, daß größere Interessen in ihrem armseligen Hausdasein überhaupt nicht an sie herantreten? Und haben Männer in ähnlich eingeengtem sozialen Wirkungskreis etwa einen größeren Horizont? Und muß dies so bleiben, unabänderlich -- ein »Naturgesetz«?!

Die Anwürfe gegen das weibliche Geschlecht, die den Hauptteil und Kernpunkt dieses vielbesprochenen Werkes bilden, zerschmelzen bei der geringsten kritischen Beleuchtung wie dünner Schnee in der Wärme. Man staunt, daß die Tendenz des Werkes überhaupt ernst genommen werden konnte, da deren Argumente ihre Hohlheit und Plattheit so sichtlich zur Schau tragen, soferne nicht geradezu _ohne jedes_ Argument Aussprüche von gehässiger Unwahrheit als »Tatsachen« vorgetragen werden; zum Beispiel der, W verfüge überhaupt nur über _eine_ Klasse von Erinnerungen: solche, die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängen!! Andere Erinnerungen als an den Geliebten, Bewerber, Hochzeitsnacht, Kind und Puppen, »Zahl, Größe und Preis der Bukette, die sie auf dem Balle erhielt, und an _jedes Kompliment ohne Ausnahme_, das ihr je gemacht wurde«, habe das »echte« Weib aus seinem Leben überhaupt nicht!! Das »echte« Weib! Ja, wo steckt es denn, das Urtier?!

Es existieren gewiß weibliche Gehirnchen, in denen Erinnerungen solcher Art vorherrschend sind: aber das beweist doch nur, daß kein anderes Material für die Erinnerung vorhanden ist, daß keine wichtigeren Erlebnisse in solch ein Dasein getreten sind, daß dieses also um seinen besten und wertvollsten Inhalt betrogen wurde. Man gebe ihnen Beruf und Beschäftigung, und die Kotilloneindrücke dürften merklich verblassen. Daß es dem psychischen Leben der Frauen aber nicht nur an Gedächtnis, sondern auch an »Kontinuität« gebricht, wird daraus abgeleitet, daß sie sich eher und leichter in äußerlich veränderte Verhältnisse hineinfinden als Männer. Während zum Beispiel Männer, die plötzlich reich geworden sind, noch lange den Parvenü verraten, finden sich die Frauen viel schneller in die veränderte Stellung; nun, das scheint mir eher eine ganz gute Qualität zu sein als eine schlechte, nämlich die, daß sie eben in Äußerlichkeiten nicht verwurzeln.

Einen merkwürdig frömmelnden Beigeschmack hat die Lobpreisung der _Pietät_. So sehr _Ehrfurcht_ vor allen echten Werten geboten ist und den, der ihrer fähig ist, selbst ehrt, umso weniger erscheint die bloße _Pietät_ als ein wirklich wertverratendes Phänomen. Unantastbare Verehrung zu fordern für Vergangenes und Gewesenes, oft aus gar keinem anderen Grunde als eben weil es tot und vergangen ist, scheint mir ein gewaltsames Einengen aller Kritik und daher auch der Möglichkeit einer Weiterentwicklung und führt zweifelsohne zu blinder Glorifizierung des Vergangenen und prinzipieller Verdammung alles Werdenden und Künftigen, wie sich dies auch tatsächlich in Weiningers Buch ganz auffällig zeigt: seit 150 Jahren, -- so behauptet er, -- sei Deutschland ohne großen Künstler und ohne großen Denker. Eine sehr kühne Behauptung! Und wie verträgt sie sich mit seiner Stellung zu Wagner, den er den größten Genius aller Zeiten nennt?!

Wenn er diese kühne Behauptung zu unterstützen meint, indem er ausführt, man müsse immer wieder nach den Werken der Klassiker greifen, man müsse zum Beispiel _Klopstock_ immer wieder aufschlagen, um ungeduldige Erwartung bei der Lektüre zu empfinden (?!), so dürfte er das Beispiel nicht allzu überzeugend gewählt haben! Seit 150 Jahren kein Dichter in Deutschland, der so bedeutend fesselnd und anregend wäre wie -- Klopstock?!

Pietät für das Vergangene bedingt aber, nach Weininger, vor allem Pietät gegen sich selbst, gegen die eigene Vergangenheit. Ja, warum soll sie denn aber durchaus mit Pietät verehrt werden, diese wie immer geartete Vergangenheit?! Und ist es wirklich ein »Merkmal des hervorragenden Menschen«, daß er mit »weihevoller Sorgfalt« den scheinbar geringfügigsten Dingen aus seinem Leben einen Wert beilegt?! So sehr instruktiv es ist, in Nebensächlichem, »scheinbar Geringfügigem« treibende Momente der Entwicklung zu erkennen, vielleicht kleine Anstöße größerer Konsequenzen, -- so sehr übertrieben muß es erscheinen, einen »weihevollen« Selbstkult mit solchen Erinnerungen zu treiben, denn dann wäre ja die vorerwähnte allzu getreue Erinnerung des »echten« Weibes an Ball- und Liebesabenteuer und die weihevolle Sorgfalt, mit der diese Erinnerung angeblich gepflegt wird, auch »ein Merkmal des hervorragenden Menschen«.

Aber nein: denn dem Weibe geht die Pietät ab, was schon aus dem Beispiel der -- Witwen zu ersehen sei, mit deren Pietät für den heimgegangenen Gatten es so schlecht steht, daß die Frevlerinnen manchmal sogar einen zweiten nehmen.

Daß sich die indischen Witwen pietätvoll verbrennen ließen, um an Stelle des im Tode vorausgegangenen Gatten rücksichtsvoll die dunkle, schwere Pforte, die sich nach indischer Vorstellung dröhnend hinter dem vom Leben Geschiedenen schließt, aufzufangen, beweist also wohl ihre »Vermännlichung« (denn das ist identisch mit Höherstehung) gegenüber den vom Geiste frecher Aufklärung erfüllten Europäerinnen?! Warum eine besondere Pietät der Witwen für ihren verstorbenen Gatten zu verlangen sein sollte, wenn nicht auch bei seinen Lebzeiten ein inniges Verhältnis zwischen den Eheleuten herrschte, ist nicht recht ersichtlich. War dies aber der Fall, so bleibt auch eine treue, warme, schmerzliche Erinnerung, ja nicht selten ein nie wieder zu bannendes Leid und oft eine fanatische Hingabe an den Toten zurück, wofür Sage und Geschichte genügende Beispiele liefern. Von »edlen Frauen«, die die Witwenhaube nie wieder ablegten, wird uns schon im Lesebuche erzählt, aber vom trostlosen Witwer ist noch nichts vermeldet worden. Wie steht's denn mit seiner Pietät?

Aus Pietät für das Vergangene, Vergehende erkläre sich auch das Unsterblichkeitsbedürfnis, welches angeblich den Frauen »völlig abgeht«. Im Gegenteil, die meisten haben es. Aber das Unsterblichkeits_bedürfnis_, ja selbst die Erklärung des (leicht begreiflichen) Wunsches nach psychischer Unsterblichkeit, die Weininger zutreffend in Gefühlsgründen findet, können noch nicht den _Glauben_ an ein individuelles Fortleben nach dem Tode demjenigen geben, der ihn nicht hat, wenn er auch noch so stark das Bedürfnis danach empfindet: denn Gefühlsgründe ändern kein Titelchen an der Auffassung der Vernunft.

Natürlich hat das Weib auch keine Logik. Es kennt weder logisches »Gesetz« noch moralische »Pflicht«. »Also« hat es überhaupt _kein Ich_. »Das absolute (?) Weib hat kein Ich.« Dies ist nach Aussage des Verfassers »ein letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt«. Als historische Stützen seiner Anschauung beruft er sich auf -- die Chinesen! Seit ältester Zeit sprechen sie dem Weibe eine eigene Seele ab. Sie zählen nur die Knaben, haben sie nur Töchter, so betrachten sie sich als kinderlos, -- die Chinesen! Nun wissen wir, wie wir es zu machen haben!

Übrigens geht's auch bei uns diesbezüglich noch recht chinesisch zu: Las man doch jüngst in einer Tageszeitung in einem Bericht über das italienische Königspaar, der es den Lesern offenbar »menschlich näherbringen« sollte, die Königin Elena habe bei ihrer ersten Entbindung den König und ihre Schwiegermutter »mit Tränen in den Augen« »um _Verzeihung_ gebeten«, daß das Kind ein Mädchen sei! Chinesenfreunde können also zufrieden sein.

Daß unter den Kirchenvätern Augustinus eine höhere Meinung vom Weibe gehabt habe als Tertullian und Origenes wird dem innigen Verhältnis des ersteren zu seiner Mutter zugeschrieben. Es scheint also die Bewertung des Weibes von Privaterlebnissen abzuhängen, weshalb wir uns auch über die Seelenlosigkeit, Ichlosigkeit etc. beruhigen können; ebenso über die »Verhältnislosigkeit« des Weibes. W hat nämlich »kein Verhältnis zu --« nun folgt irgend ein Phänomen (Wahrheit, Ethik, Scham, Mitleid etc.) -- eine ständig wiederkehrende Phrase.

Die Seele des Menschen -- des Mannmenschen natürlich -- sei ein Mikrokosmus: er habe »alles« in sich und könne daher alles werden, je nachdem, was er »in sich begünstige«: Höchst- oder Tiefststehender, Tier, Pflanze, ja sogar Weib! (Ja, aber -- in Parenthese bemerkt -- wie erfährt man denn nur, da er doch nur das eine oder das andere wirklich wird, was »alles« in ihm steckt?) »Die Frau aber kann nie zum Manne werden!« Wehe, wehe über sie! Überhaupt ist sie eigentlich nichts anderes als ein »rudimentärer Mann«! Die »Vollendung« zum Ganz-Mann bleibt ihr natürlich versagt. So _Strindberg_ in seiner Apotheose des Weiningerschen Werkes, die man als die Meinung einer Autorität immer wieder anführen hört: eine beinahe lachhafte Vorstellung, jemanden als Autorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner _eigenen_, weltbekannten fixen Idee, seiner _eigenen_ manischen Vorstellung, ohne deren Erwähnung sein Name gar nicht genannt werden kann, bedeutet. Strindberg, der seit mehr als dreißig Jahren vor der breitesten Öffentlichkeit »am Weibe leidet« (um das bekannte Nietzsche-Wort »am Leben leiden« passend zu variieren), -- als kritische Autorität für ein Buch des Weiberhasses! Jawohl, er, Strindberg, hat die Tendenz des Buches und die auf sie bezüglichen Ausführungen ernst genommen! Aber Strindberg, der einst ein großer Dichter war, nimmt nun auch Legenden für konkrete Ereignisse, sieht Halluzinationen für Wirklichkeit an, glaubt sich überall von Gespenstern umgeben und hält sich selbst, seines ehemaligen Atheismus halber, für einen Höllenbraten, nach dem Satan selbst (in leibhaftiger Gestalt!) die Krallen ausstreckt und dem er nur entrinnen zu können glaubte durch bußfertige Rückkehr in den Schoß der -- Kirche! Ist er also wirklich Autorität, und gar da, wo seine eigene schmerzensreiche Wahnidee in Frage kommt?!

Die Tiefe und Breite der ganzen Anlage des Buches, die Versenkung in alle Disziplinen der Wissenschaft erscheint wie eine tragische Versprengung der besten Kräfte, wenn man die greifbaren Resultate, -- die Aussprüche, die dieses Hinabtauchen zum Urquell aller Weisheit zeitigte, vernimmt: »Das Denken des Weibes ist eine Art Schmecken«, oder: »selbst die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die des Mannes hingegen erst höhere Wahrheit«! Jeder Mann kann zum Genie werden, wenn auch mancher erst in seiner Todesstunde! (Es verliere also keiner die Hoffnung!) Ja, die Frau ist nicht einmal antimoralisch, denn das würde »ein Verhältnis zur« Moral voraussetzen, -- sondern »sie ist nur amoralisch, _gemein_«. Auch das Mitleid und die Schamhaftigkeit der Frau hänge nur mit ihrer Sexualität zusammen. »Im alten Weib ist nie ein Funken jener angeblichen Güte mehr.« Wirklich? Ich kenne alte Frauen, die wie Priesterinnen -- so gut, so klug, so hehr -- erscheinen! Man lese den Artikel »Die alte Frau«, der in Hedwig Dohms Buche »Die Mütter«[4] enthalten ist! Verstattet man aber der Frau nur jenen Interessen- und Pflichtenkreis, der mit ihrer Sexualität in Verbindung steht, dann freilich schwindet mit dieser ihr ganzer Inhalt! Ist es dann aber ihre »Anlage« oder ihre Erziehung, die Schuld trägt an dieser barbarischen Beengung?! -- Der Verfasser scheint seine Anschauungen über »das Weib«, soferne sie sich nicht auf die Dirne beziehen, aus Kaffeekränzchen geholt zu haben: »Eine Frau konversiert oder schnattert, aber sie redet nicht.« Frauenversammlungen, Frauenvorträge und die Parteitage der über die ganze zivilisierte Welt verbreiteten Frauenvereine, die in ihrer Propaganda wohl nicht um einen Zoll weiter kämen, würden sie sich nicht strengster Sachlichkeit befleißen, geben beredtes Zeugnis für die Haltbarkeit dieses Ausspruches. Die Tauglichkeit der Frauen zur Krankenpflege -- ein Beweis ihres Mitleids? Im Gegenteil. Der Mann allein hat Mitleid, denn »er könnte die Schmerzen der Kranken nicht mitansehen, .. Qualen und Tod nicht mitmachen«. Und der Arzt? Ist er eine Art verweiblichter Bestie, weil er die Schmerzen der Kranken mitansehen kann?

[4] Verlag S. Fischer, Berlin.

Auch »schamhaft« ist nur der Mann! Er wisse es! Als Beweis werden Behauptungen aufgestellt, die vielleicht auf Dirnen passen, die ich aber bei anständigen Frauen noch nie beobachtet habe .. Auch daß der einzelne Mann kein Interesse für die Nacktheit des anderen Mannes hat, ist falsch, besonders seit sportliche Betätigung bei allen gesunden jungen Leuten überhand genommen hat und sie schon deswegen Interesse an der körperlichen Bildung der andern haben. Dieses Interesse, respektive die Freude am eigenen Körper als Schamlosigkeit zu verdammen, ist eine Anschauung, die der fanatischen Mystik des Mittelalters entspricht, die nur den »Geist« anerkannte, ohne zu bedenken, daß derselbe _in einem elenden Körper_ ebenfalls entarten muß.

W ist herzlos, nur M besitzt Gemüt. Beweis: »Nichts macht M so glücklich, als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn gefesselt hat, ist dann doch die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr groß.« Rührend! Rührend! Daher die Millionen verlassener liebender Mädchen und Frauen! -- Es gibt eine Fülle von »Symptomen echter Gemeinheit« an der Frau: z. B. der Neid der Mütter, wenn die Töchter anderer eher heiraten als die eigenen. Nicht die bange, entsetzliche Angst, daß die einzige Karte, auf die törichterweise die ganze Zukunft gesetzt wurde, verliert, spricht aus diesen Müttern -- sondern »echte Gemeinheit«.

Ins Unendliche ließen sich diese Aussprüche einer kaum glaublichen Verblendung anführen. Aber es drängt uns, zur Hauptsache zu kommen, nämlich der famosen Einteilung der Frauen in _Mütter_ und _Dirnen_. Beide Gattungen werden von Weininger gleich bewertet, ja die verächtlichere scheint nach seiner Darstellung noch die »Mutter«. Den Nachweis, daß jede Frau in eine seiner Kategorien gehört, macht er sich, wie alle seine auf _reale_ Tatsachen bezüglichen »Beweise«, recht leicht. Da er aber schon »die Bereitwilligkeit, sich flüchtig berühren oder streifen zu lassen«, -- »Dirneninstinkte« nennt, ja, was ist dann um Himmelswillen der Mann, der meist noch ganz andere »Bereitwilligkeiten« hat?!

Was die Prostitution betrifft, so meint Weininger, eine solche Erscheinung müsse »in der Natur des menschlichen Weibes liegen«, ein solcher Hang müsse »in einem Weibe organisch, von Geburt an liegen!« Nun verläßt mich beinahe die Langmut ruhiger Kritik. Wie?! Nicht in dem unerbittlich abwärts treibenden Elend, in der Brotlosigkeit, in der erbärmlichen Entlohnung weiblicher Arbeit, der Stellenlosigkeit, der Ehelosigkeit, mit einem Wort: nicht in den Grundzügen unserer herrlichen, vom Manne für den Mann gemachten gesellschaftlichen »Ordnung« liegt die Ursache der Prostitution, sondern in der Vorliebe für diesen beglückenden Beruf?!

Muß nicht, im Gegenteil, in der Natur solcher _Männer_ eine Vorliebe für die Prostitution liegen, die ohne Zwang, ohne damit nach Brot zu streben, sondern aus freier Wahl die Nächte ihrer besten Jahre mit geschlechtlichen Ausschweifungen verbringen?!

Mit kindlicher Einfalt wird gefragt, warum denn der verarmte _Mann_ nicht die Prostitution zum Broterwerb wähle! Warum??

Erstens: weil er mehr Stellen findet als das Weib.

Zweitens: weil er damit schlechte Geschäfte machen würde, da die Zahl der Weiber, die männliche Prostituierte auszuhalten das Bedürfnis haben, immerhin (trotzdem es ihrer gibt) eine geringe ist.

Drittens: weil er von »unehrlichen« Berufen für den des Schwindlers, Betrügers, Hochstaplers mehr Gelegenheit hat als das Weib.

Viertens endlich: weil er es physisch nicht leisten könnte.

Das ist brutal ausgedrückt, aber die empörende Fragestellung zwingt zu unzweideutiger Antwort!

Übrigens hat jede »alleinstehende« Dirne ihren Zuhälter, und der steht gewiß nicht höher als die Dirne selbst. Im Gegenteil: noch unendlich tief unter ihr!

Die Polemik wird aber geradezu -- schändend, wenn behauptet wird, um den Dirneninstinkt, der zum Teil in _jedem_ Weibe stecke, zu beweisen, »daß ein letzter Rest sexueller Wirkung von _jedem Sohn_ auf seine Mutter ausgeht!«

Ein Ausspruch von geradezu scheußlicher Entartung!

Die »Mutter« stehe übrigens intellektuell sehr tief. Sie sei verächtlich, weil ihre Liebe wahllos und zudringlich ist, weil sie blinde Zärtlichkeit besitze für »alles, was je mit ihr durch eine Nabelschnur verbunden war«. »Bedeutende Menschen können deshalb stets nur Prostituierte lieben!« Merkwürdige und recht nette Eigenheiten haben diese »bedeutenden Menschen«. Natürlich »stützt« sich das alles wieder auf die blinde Verschanzung in die eigene lächerliche Einteilung. Daß es Menschen -- weibliche Menschen -- gibt, die außer »Mutter oder Dirne« noch Künstler oder Kaufleute, Sportgeschöpfe oder Botanikerinnen, Stickkünstlerinnen oder Mathematikerinnen und hunderterlei anderes ihrer innersten Veranlagung nach sind, weiß der Verfasser offenbar nicht.

Dafür berichtet er feine Unterschiede zwischen Dirne und Mutter; der Dirne liege nur am Manne, der Mutter am Kind. Falsch! Der Dirne liegt gewöhnlich gar nichts am Mann, sondern nur am Geld, und der Mutter liegt gewiß nicht nur am Kind, sondern auch am Vater des Kindes, soferne der nur ein rechter Vater ist.

In endloser, ermüdender Länge wird ein einmal aufgestellter »Satz« variiert, wiederholt, verknäult und wieder gelöst. Manch interessante Parallele blitzt dabei auf, zum Beispiel die, zwischen Eroberer und großer Dirne, die beide als Gottesgeißeln empfunden werden. Köstlich ist die Verwicklung in die eigenen gewundenen Fäden zum Beispiel dort, wo über die _Treue_ gesprochen wird:

Ist nämlich die _Frau_ untreu, so ist sie es, weil sie überhaupt »kein der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat«, daher »ganz gedankenlos« ist und ohne »Verständnis für die bindende Kraft eines Vertrages«.

Ist aber der _Mann_ untreu, so ist er es nur, weil er sein intellegibles Ich nicht hat zu Worte kommen lassen! (Und wo bleibt sein »Verständnis für die bindende Kraft eines Vertrages«? Es schlief wohl gerade?)

Ist _er_ treu, so ist er es eben seines intellegiblen Wesens halber.

Ist _sie_ aber treu, so ist sie es aus »Hörigkeitsinstinkt« -- »hündisch nachlaufend ... voll instinktiver, zäher Anhänglichkeit«!

Preisfrage: Wie soll sie also sein, treu oder untreu, um weniger verächtlich zu erscheinen?

Eine erstaunlich _tief verwurzelte_ Konfusion im Kopfe eines Dreiundzwanzigjährigen, ein wahres Phänomen von einem Rattenkönig! So selbstsicher wird oft das genaue Gegenteil von der Wahrheit vorgetragen, daß man erst durch die ins Auge springende Absurdheit zur Widerlegung veranlaßt wird. Der Mythos von Leda wird als Beweis angeführt, daß die Frau zur Sodomie mehr Neigung habe als der Mann! Was beweist aber der Mythos gegenüber der Wirklichkeit? Wer benützt heute noch -- im Orient ist dies an der Tagesordnung -- Ziegen, Stuten, Hennen zu geschlechtlichem Mißbrauch, -- _Mann_ oder _Weib_?!

Nach der Einleitung einer Beweiskette wird diese gewöhnlich mitten drin abgebrochen und unbewiesen wird der »Schluß« angehängt, während man die entscheidende Wendung noch erwartet. So wird zum Beispiel auseinandergesetzt, daß die Frau meist Scheu empfinde vor männlicher Nacktheit, und dies wird -- man staune! -- als Beweis betrachtet dafür, »daß die Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern -- etwas anderes!« Von der Liebe werden sie wohl die Liebe wollen, und »die« Schönheit in ihr zu finden hoffen. Die vorangehenden Ausführungen über männliche und weibliche Nacktheit sind von beinahe obszöner Brutalität und von einem fast wilden Hasse gegen alles Natürlich-Geschlechtliche erfüllt. Schon die Debatte überhaupt, ob diese Vorgänge und ihre Organe »schön« oder »nicht schön« sind, verrät einen falschen Standpunkt, da es sich um Naturnotwendiges handelt, das schon durch seinen eminenten Zweck für eine solche Bewertung gar nicht geeignet ist. Es ist ihm ein »Rätsel«, warum gerade die Frau vom Mann geliebt wird! _Warum gerade die Frau??_ Ja, soll denn der Mann _nur_ Hennen, Ziegen, Stuten oder Knaben lieben?! Und warum wird denn »gerade der Mann« von der Frau geliebt? Vermutlich weil es nur diese zwei Arten Menschen gibt. Weininger weiß übrigens für dieses »Rätsel«, warum die Frau geliebt wird, eine hochpoetische Erklärung: bei der Menschwerdung habe nämlich der Mann durch einen »metaphysischen Akt« (?) die _Seele_ für sich allein behalten! Aus welchem Motive vermöge man freilich »noch nicht« abzusehen! (Wirklich nicht? Vielleicht läßt sich's durch Algebra herausbringen?) Dieses sein Unrecht büßt er nun in der Liebe, durch die er ihr »die geraubte Seele zurückzugeben sucht«! Er bittet ihr also seine Schuld durch die Leiden der Liebe ab! Aber halt! Wie ist's denn, wenn _sie ihn_ liebt? Was bittet _sie ihm_ durch die Leiden ihrer Liebe ab?

Will sie ihm auch eine »geraubte Seele« schenken? Aber richtig, sie hat ja keine!

Was das Weib _nicht_ ist, _nicht_ kann und _nicht_ will, wurde bislang erörtert. Wozu es also überhaupt da ist, welchen Zweck es hat, wird nun auseinandergesetzt. Und nun folgt sorgfältig vorbereitet die herrliche Entdeckung, auf die der Verfasser nicht wenig stolz ist. Nicht etwa selbst den niedrigsten, den Gattungszweck spricht er der Frau zu, sondern sie ist nur um der »Kuppelei« willen da! Was er da vorbringt in endloser Wiederholung und Ausspinnung (das Buch könne schlechthin auch tausend Seiten haben anstatt fünfhundert) ist so verworren, verfilzt, mit Ekelhaftem und Unwahrem vollgestopft, daß man es kaum entwirren kann. Der Gedanke an die sexuelle Vereinigung irgend eines Paares sei der dominierende im weiblichen Dasein! Er versteigt sich zu folgender Behauptung, die ich hier _wörtlich_ zitiere: »Die Erregung der Mutter am Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von Prévost oder von Sudermanns `Katzensteg´.« Keine andere?! In der Tat, ein tiefer Menschenkenner!

Das Weib sei überhaupt vollständig _unfrei_, denn es stehe immer unter dem »Bedürfnis (!), vergewaltigt zu werden« (!), es sei ganz und gar im Banne männlicher Sexualität. (Es wird dort noch anders ausgedrückt.) Ist nicht, ohne einen Anwurf daraus machen zu wollen, gerade umgekehrt, eher der Mann weit abhängiger von der sexuellen Befriedigung und ihrer -- in den meisten Fällen -- sicher bedürftiger als das Weib, schon um des Detumeszenztriebes willen, den ja das Weib nicht hat?! Der simple Beweis dafür ist die Tatsache, daß kaum ein Mann, der nicht durch Krankhaftigkeit irgend welcher Art daran gehindert ist, stirbt, ohne je ein Weib besessen zu haben (war es nur _eines_, so ist er auch schon ein Unikum), während tatsächlich tausende von Frauen virgines intactae bleiben, gänzlich geschlechtslos leben.

Es soll durchaus keine Tugend aus wahrscheinlicher Not gemacht werden, wir wissen ganz gut, daß sie nur selten aus freier Wahl, sondern meist aus wirtschaftlichen oder moralischen Bedenken Jungfrauen bleiben; wäre aber der Geschlechtstrieb in ihnen dominierend und sie ganz und gar Sexualgeschöpfe, so würden wohl auch sie Mittel und Wege finden, ihre Virginität los zu werden.