Weiberhaß und Weiberverachtung Eine Erwiderung auf die in Dr. Otto Weiningers Buche »Geschlecht und Charakter« geäußerten Anschauungen über »Die Frau und ihre Frage«

Part 2

Chapter 23,144 wordsPublic domain

Um aber auf jene »unechten« Männer oder Weiber -- solche z. B., die sich unerotische Kollegialität mit dem anderen Geschlechte vorstellen können -- zurückzukommen, sei hier eine auf sie bezügliche »Forderung« mitgeteilt, die Weininger als neu und zuerst von ihm ausgehend bezeichnet: -- und das ist sie in der Tat, -- ebenso wie sie an Monstrosität kaum zu übertreffen ist. Er verurteilt nämlich den Brauch, daß die Menschen bei ihrer Geburt nach ihren äußerlichen, primären Geschlechtsmerkmalen in das Geschlecht, auf welches jene hinweisen, eingereiht werden, anstatt daß man auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale (wie Beschaffenheit _anderer_ Körperteile als der Zeugungsorgane, Anlagen, Neigungen etc.) in Betracht ziehe, bevor man die schicksalsschwere Einreihung vornehme!!! Das ist das Hexeneinmaleins, und wer es ersonnen hat, dem wird eins zu drei und drei zu vier, der verwechselt in geradezu blinder Konfusion alle Beziehungen der Dinge zu einander. Daß die Verschiedenheit zwischen Männlichem und Weiblichem an jedem Körperteile zum Ausdrucke kommt[3], daß z. B. auch ein Mann weibliche Hände oder eine Frau knabenhafte Hüften haben kann, ist eine bekannte Tatsache; daß aber das Geschlecht in den Zeugungsorganen, diesen »Brennpunkten des Willens«, wie sie Schopenhauer genannt hat, _kulminiert_, ist doch wohl eine so einleuchtende Tatsache, daß die Berechtigung, nach ihr das Geschlecht zu bestimmen, wohl nur einem krankhaft verstrickten Geiste zweifelhaft erscheinen kann. Man stelle sich diese neue »Forderung«, die einen köstlichen Stoff für Lustspieldichter darbietet, in _Wirklichkeit_ durchgeführt vor: vor allem wird die Geschlechtsbestimmung, die jetzt die Hebamme mit echt weiblicher Oberflächlichkeit auf den ersten Blick am Neugeborenen vornimmt, aufgeschoben werden müssen, bis sich die »sekundären« Geschlechtsmerkmale sichtbar entwickelt haben. Also: »Geschlecht unbekannt« wird es fürderhin heißen müssen. Wächst dann das Kind heran und zeigt solche Merkmale, vermag es z. B. als (wahrscheinlicher) Jüngling oder als (wahrscheinliches) Weib kollegialen, unerotischen Umgang mit Altersgenossen des (mutmaßlich) anderen Geschlechtes zu pflegen, so ist es klar, daß es kein »richtiger« Mann, respektive kein »richtiges« Weib ist, und eine Einreihung in das andere Geschlecht, mit dem sich so verdächtig ungefährlich verkehren läßt, scheint geboten. Bei den modernen pädagogischen Tendenzen, die sogar auf Ko-Edukation (gemeinsame Erziehung beider Geschlechter) hinzielen und wahrscheinlich die Möglichkeit einer unerotischen Massenkollegialität, eines von Scheu und Komödie befreiten kameradschaftlichen Verkehres der jungen Menschen untereinander mit sich bringen dürften, -- müßte die Umstellung in das andere Geschlecht gleich in Massen erfolgen und die Vertauschung von Höschen und Röckchen am besten wechselseitig vorgenommen werden. Man muß solche Menschen (die unerotische Kollegialität mit dem anderen Geschlechte zu halten vermögen) kennen und sich die »Anregung«, daß sie auf Grund dessen nicht die »schicksalsschwere Einreihung« in ihr Geschlecht erfahren hätten, sondern ins andere übergehen sollten, ausgeführt denken, um die Ulkigkeit eines solchen Effektes voll zu begreifen!

[3] Wohl erst nach der Pubertät.

Man würde es nicht für möglich halten, daß in einem Buche, das sich ernsthaft gibt und ernsthaft in den weitesten Kreisen aufgenommen wurde, solche Vorschläge entwickelt werden, man traut seiner Auffassung nicht recht, bis man es mehrfach und unzweideutig wiederholt findet! Der Autor spricht auch -- in fetten Lettern -- von Individuen, die »zur Hälfte Mann und zur Hälfte Weib sind« (?!), -- und nicht in der Pathologie bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailey ausgestellte Mißgeburten, sondern Individuen mit menschlichen Weichheiten (das sind die verweiblichten) oder menschlichen Härten (die vermännlichten), die angeblich auf ihr Geschlecht nicht »passen« und sie daher in das andere verweisen! Das _Neue_ der eigenen Darlegung wird dabei mit besonderer Deutlichkeit betont, gewöhnlich um irgend etwas besonders Monströses zu verkünden. So sei z. B. die Homosexualität nicht als Anomalie zu betrachten, sondern als die normale Geschlechtlichkeit der sexuellen »Zwischenstufen« (?), indeß »die Extreme nur Idealfälle sind!« (!) Jeder Satz beinahe -- Zeile für Zeile -- windet neue Irrschlüsse ineinander. Daß bei eingesperrten Stieren oder abgesperrten Menschen (Matrosen, Gefangenen, Mönchen) die Homosexualität gebräuchlich ist, beweist ihm -- nicht etwa, daß ein gezwungenes Vorliebnehmenmüssen mangels andersgeschlechtlicher Komplemente sie dazu treibt, sondern -- er erblickt darin »eine der stärksten Bestätigungen des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung«. (!)

Der Schlußresolution dieses Kapitels, die dafür eintritt, daß Homosexuelle weder durch das Irrenhaus noch durch das Strafrecht zur Verantwortung zu ziehen sind, sondern man sie einfach Befriedigung suchen lassen soll, wo und wie sie sie finden, ist vollständig beizustimmen, -- natürlich nur soferne es sich um _Erwachsene_ handelt und nicht um die Verführung minderjähriger Kinder. Weininger selbst glaubt nicht an Homosexualität durch Verführung oder Gewohnheit, sondern nur durch angeborene Anlage wie er überhaupt überall _wurzelhafte_ Anlagen sieht, wo es sich oft um sichtlich Erworbenes, Erzogenes handelt. Er begründet diesen Unglauben an »Verführung« mit einem wahrhaft unglaublichen Argument -- nämlich: »Was wäre es dann mit dem _ersten_ Verführer? Würde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen?«

Nachdem uns endlich noch enthüllt wird, daß dem gewöhnlichen, sozusagen dem »normalen« Homosexuellen das typische Bild des Weibes _seiner ganzen Natur nach ein Greuel ist_, eine Enthüllung, die umso interessanter ist, als sie den Schlüssel für so manche »wissenschaftlich fundierte« Weiberverachtung enthalten dürfte -- wird abschließend von der ganzen eigenen Theorie ausgesagt -- »daß sie _völlig widerspruchslos_ und in sich geschlossen erscheint und eine _völlig befriedigende_ Erklärung aller Phänomene ermögliche«. Von der Bescheidenheit, ja Demut, die dem Autor dieses Buches im persönlichen Verkehr eigen gewesen sein soll, ist jedenfalls in dem Buche selbst nichts zu merken. In vielen Fällen ist ein unsicheres, verschüchtertes Auftreten -- eben diese Bescheidenheit -- auf Mangel an _physischem_ Selbstbewußtsein zurückzuführen -- und ein umso eifrigerer Grimm gegen eine bestimmte Vorstellung stammt meist aus derselben Quelle.

Recht auffällig macht sich das Bedürfnis bemerkbar, an jeder Erscheinung, sei sie auch noch so einfach und sinnfällig, solange herumzudeuteln bis sie kompliziert und verwickelt erscheint -- um dann eine umständliche Lösung dieses selbstgewundenen Knotens vorzunehmen. Das Selbstverständliche -- durch sich selbst Verständliche -- durch seinen Tatbestand sich Erklärende -- scheint ihm weitschweifiger Erklärungen bedürftig -- so z. B. die Tatsache, daß kein Mensch ganz so ist wie der andere. Die psychologische Verschiedenheit der Menschen erklärt er damit, -- daß jeder Mensch zwischen Mann und Weib »oszilliere«, und der Grad dieser »Oszillation« ergebe ihre Verschiedenheit. Darauf sei auch das wechselnde körperliche Aussehen zurückzuführen!!! So fühlen z. B. »manche Menschen am Abend `männlicher´ als am Morgen«; -- recht begreiflich ... Die Vergewaltigung aller Erscheinungen durch Formeln, gegen die sich diese meist ihrer ganzen Natur nach _sträuben_, ruft nach und nach den Eindruck einer beherrschenden maniakalischen Vorstellung hervor. Erstaunlich ist die Oberflächlichkeit, mit der die Merkmale der »Männlichkeit« und »Weiblichkeit« aufgezählt werden. So heißt es z. B. als das Merkmal »männlicher« Weiber, daß sie -- studieren, Sport treiben _und_ -- kein Mieder tragen!!! Sollen dies wirklich die Anzeichen »männlicher Anlagen« sein -- nicht vielleicht eher _die Resultate einer vernünftigen Propaganda_?!

Freilich -- Nietzsche hat ja schon in dem _Zeitungslesen_ der Weiber ihre Vermännlichung und damit die »Verhäßlichung Europas« befürchtet! Übrigens tritt Weininger nicht etwa _gegen_ diese Vermännlichung auf; nur nennt er Vermännlichung schlechtweg alles, was von rechtswegen _Vermenschlichung_ heißen soll und dem Manne zumindest ebenso nottut wie der Frau. Alle Kultur geht ja dahin, das _Urtümliche_ zu differenzieren, das Individuum über die bloße Gattungssphäre emporzuheben und in diesem Sinne soll jede Nur-Weiblichkeit, _aber auch jede Nur-Männlichkeit_ einer verfeinerten und vertieften Menschlichkeit Raum geben; ohne aber das Eigentümliche, _Unersetzliche_, zum Fortbestand der Gattung Notwendige der eigenen Art und Gattung preiszugeben -- wie es Weininger in seinem Haß gegen _weibliche_ Art im besonderen und gegen den Fortbestand der Gattung _im weiteren_ -- verlangt. Daß aber seine blinde _Verneinung_ des Weiblichen ihn in letzter Konsequenz dahinführt, eine allgemeine Vermenschlichung zu befürworten -- nennt er sie auch fälschlich »Vermännlichung«, -- gibt die Berechtigung, ihn und sein Werk als einen Teil »von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, zu betrachten.

Nach diesen weitschweifigen Präliminarien kommt der Verfasser endlich zu jener Frage, deren »theoretischer und _praktischer_ (!) Lösung dieses Buch gewidmet ist« -- nämlich zur Frauenfrage -- »_soferne sie nicht_« -- man höre und staune über die merkwürdige Klausel -- »theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie, also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist«. Das _ist_ sie aber doch in eminentester Weise! Von ihrem wirtschaftlichen Hintergrunde _absehen_, heißt, einen metaphysischen Begriff, der erst in letzter Linie in Betracht kommt, an Stelle des wahrhaft treibenden, ehernen Motives der Frauenbewegung setzen -- der gebieterischen, wirtschaftlichen Gründe, -- die sich gegenüber dem tragischen Mißverhältnis zwischen blühender, brauchbarer, unbenützter Kraft und materieller Not oder Abhängigkeit nicht mehr länger zurückweisen ließen. Aber nicht die wirtschaftlichen, die gesellschaftlichen, die moralischen Bestrebungen der Frauenbewegung will Weininger als Emanzipation bezeichnet wissen -- sondern -- (man rate erstaunt, was sonst noch bleibt) -- »das Phänomen des Willens der Frau -- dem Manne `innerlich gleich´ zu werden«. Aber den hat sie ja gar nicht!

Man komme nicht immer wieder mit der abgeschmackten Phrase, die man der Frauenbewegung (und der Sozialdemokratie) _fälschlich_ in den Mund legt und die in der plumpen Formel gipfelt: alle sollen »gleich« sein! Auf Aufhebung aller individuellen Variation, die allein das Leben reizvoll und beziehungsreich gestaltet, zielt weder die Frauenbewegung noch die Sozialdemokratie ab, indem sie gleiche _oder einander analoge_ wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten für jedes Individuum verlangen. Nach Weininger hat aber das »echte« Weib gar nicht die Fähigkeit zu diesem Emanzipationsziel (das glücklicherweise gar nicht existiert, ihn aber das wahre und rechte dünkt) zu gelangen. Das »echte« Weib ist das, welches kein oder nicht genug »M« in sich hat, während hingegen alle Frauen, die irgendwie geistig oder künstlerisch hervorragen, dies lediglich dem starken Einschlag an »M« danken, der in ihnen steckt! Eine für den, der sie handhabt, ebenso bequeme, als für den, dem sie zugemutet wird, kuriose Logik!

Es scheint wahrlich ein ebenso billiger als terroristischer Spaß -- alles das, was klug, tüchtig, hervorragend an Frauen ist (da es nun einmal doch nicht wegzuleugnen und wegzudisputieren geht), dem in ihnen wirksamen Anteil an »M« zuzuschreiben -- und alles Kleine, Feige, Schwache der männlichen Menschheit einfach ihren Prozentsatz an »W« zu nennen! Eine Debatte über solch eine These wäre mehr als lächerlich, da das leere Aufeinanderdröhnen selbstkonstruierter Fiktionen sie selbst und ihren Wertgehalt genügend charakterisiert. Wo sich diese Fiktionen gar in der Wirklichkeit nach Beweisen umsehen, werden sie immer erfinderischer und immer humoristischer. So seien z. B. hervorragende, bedeutende Frauen auch durch »ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen« erkennbar! Ein Lachen allein kann die Antwort auf diese Behauptung bilden, der ein einziger Blick in die Wirklichkeit widerspricht.

Diese tiefsinnig vorgebrachte Beobachtung scheint aus »Meggendorfers Illustrierten« geschöpft; jede Bewegung bringt ja gewiß neue Karikaturen mit sich, die in weit übers Ziel hinausschießenden Äußerlichkeiten ihre Gesinnung dokumentieren wollen. So mag es auch kleine Frauenzimmer geben, die einen männlichen Habitus sich anzuzüchten bemüht sind, -- um beachtet zu werden. Daß die Bedeutenderen sich unter ihnen befinden, ist rundweg zu verneinen -- ebenso die Behauptung, daß körperlich-maskuline Anlagen einer bedeutenden Frau eigen sein müssen und sie als solche »erkennbar« machen. Vielmehr kenne ich hochbedeutende Frauen, die gleichzeitig einen reizenden, berückenden weiblichen Typus repräsentieren. Die deutsche Dichterin, die im vorigen Jahre hier zu Gaste war und die das stärkste deutsche Romantalent der Gegenwart repräsentiert, ein Talent, das an Kraft, Wucht und erschütternder Tiefe seinesgleichen derzeit in Deutschland nicht hat, ist ein entzückendes »molliges Weiberl« (ich wähle absichtlich, um des Kontrastes willen, diesen Ausdruck), eine sieghafte, blonde, rheinische Schönheit, die nichts »Männliches« in ihrem äußeren Habitus aufweist, man müßte denn (wie Weininger dies tatsächlich auch tut) eine gut entwickelte Stirn, ein prächtiges Schädelgehäuse und vielleicht zwei in Klugheit strahlende schöne Augen a priori als »männlich« bezeichnen.

Zahllose andere schweben mir vor -- jene großen Frauen der Bühne -- bei denen gerade der Zauber ihres Geschlechtes kulminiert, große, »einsame Seelen« mit echt weiblichen Schicksalen; an eine Bildhauerin muß ich denken, an ihre Werke, an diese gewaltigen Steine, denen eine imponierende Geistigkeit und eine imponierende Kraft _Seele_ gegeben, so daß sie zu leben, zu rufen, zu ringen und zu leiden scheinen wie das Leben selbst; und die Person dieser (noch nicht allgemein bekannten) Künstlerin: ein zartes Mädchen von vielleicht allzu zartbesaiteter Weiblichkeit, das fast scheu unter seinen Werken wandelt.

Die »Männlichkeit« im Weibe ist nach Weininger die »Bedingung ihres Höherstehens«, daher auch -- man höre! -- »homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr ehrt als das heterosexuelle Verhältnis«! Denn was das Weib zum Weibe zieht, wäre die ihm innewohnende Männlichkeit (wie steht's dann aber mit der Partnerin?), während es »das Weibliche ist, das das Weib zum Manne treibt«; gewiß: Weiblichkeit ist nun aber einmal ein »Greuel«, daher »ehrt« sie die homosexuelle Liebe! Jedenfalls recht interessante Resultate einer pathologischen Aversion, die nur aus dem einen Grund verdient ernstlich diskutiert zu werden, weil sie mit ungeheuerlicher Anmaßung konsequent das Krankhafte für das Gesunde einsetzt und dementsprechend ihre »Gesetze« konstruiert. Ein weiteres Merkmal, wodurch bedeutende Frauen »ihren Gehalt an Männlichkeit« offenbaren, sei der Umstand, daß ihr männliches sexuelles Komplement fast nie ein »echter« Mann ist. Ja, aber warum ist er es meistens nicht? Weil es deren, wie mir scheint, überhaupt nicht allzu viele gibt. _Finden_ sich bedeutende Menschen, werden sie einander wohl zu würdigen wissen, was gerade die Beispiele beweisen, die Weininger zur Unterstützung _seiner_ Anschauung anführt: die Schriftstellerin Daniel Stern war die Geliebte von Franz Liszt, der nach Weininger »etwas Weibliches an sich hatte«, ebenso wie -- nun kommt in der Tat eine sensationelle Enthüllung -- wie -- Wagner! Wagner der Gigant -- verweiblicht! Nun, jedenfalls wäre es selbst bei den bedeutendsten Frauen nicht zu verwundern, wenn _solcher Unmännlichkeit_ ihr ganzes Herz zufliegt. Auch daß Mysia, die berühmte pythagoräische Philosophin, dem stärksten Athleten ihres Landes ihre Hand versprach, zeigt nicht gerade von der Abneigung der bedeutenden Frau gegen das »echt Männliche«. Daß Vittoria Colonna, die Dichterin, die Liebe eines Michel Angelo genoß, beweist wohl, daß sie gewaltiger Männlichkeit nicht abhold war; -- ebenso die selten erhabene Liebes- und Ehegeschichte der englischen Dichterin Elisabeth Barret, an deren Krankenlager der gefeierte Browning trat -- schön und strahlend wie ein junger Gott, gefeiert, berühmt, stark und liebreich -- um sich nie wieder von der von ihm angebeteten Frau zu trennen; und diese beiden Menschen, die beide zu den bedeutendsten ihrer Epoche gehörten, die in ihrem dichterischen Schaffen beide nicht erlahmten, führten das innigste, verständnistiefste, zärtlichste und glücklichste Eheleben!

Auch daß Schriftstellerinnen »so oft« (?) einen Männernamen annehmen, hat nach Weininger einen »tieferen« Grund, als man glaubt: »das Motiv zur Wahl eines männlichen Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen Natur korrespondiert«. So? Nicht viel eher in dem Vorurteil, welches lange Zeit gegen die literarische Betätigung der Frauen herrschte, und das selbst noch in der Zeit der Sonja Kowalewska so stark war, daß ihr Vater deren Schwester aus dem Hause jagen wollte, als er erfuhr, diese habe dem Dostojewsky für seine Zeitschrift eine Novelle »verkauft«, -- indem er seinen Zorn damit begründete, -- eine Frau, die heute ihre Novelle »verkaufe«, -- verkaufe morgen ihren Leib! -- Heute noch ist es Frauen sehr schwer, redaktionelle Stellungen zu erlangen, welche Männer, die ihnen an literarischer Befähigung und an Namen gleichstehen, mühelos erlangen; ein weiblicher Theaterreferent -- fix angestellt und besoldet -- scheint noch immer eine ungeheuerliche Vorstellung, die, um sich durchzusetzen, mit tausend Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so daß es nicht verwunderlich wäre, wenn ein männliches Pseudonym für dieses Amt benützt würde -- lebten wir nicht in einer Zeit, wo es schon aus Prinzip geboten erscheint, auch in den angefochtensten literarischen Situationen die weibliche Autorenschaft zu bekennen ....

In dieser zum Kampfe drängenden farbebekennenden Zeit der neueren Literaturperiode sind denn auch die männlichen Pseudonyme weiblicher Autoren immer seltener geworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges Überwiegen wohl kaum in maskulinen Anlagen, sondern in äußeren Verhältnissen zu suchen ist.

Die »wahre« (innerliche) Emanzipation des Weibes wird von Weininger nicht verworfen (wohl aber für unmöglich erklärt), -- _aber_ -- »der _Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_, in der _Agitation_«.

»Unsinn« -- der entsetzliche Kampf nach Brot, »_Unsinn_« der endlich erfolgte Zusammenschluß der als einzelne Hilflosen, »Unsinn« die planmäßige Organisation der nur durch ihr Geschlecht von zahllosen wichtigsten Erwerbszweigen Ausgeschlossenen, die auf die immer seltener gewordene »Versorgung durch den Mann« -- oder aber auf Hunger, Prostitution oder erdrückende Familienabhängigkeit angewiesen waren! »Unsinn« die mächtige Propaganda, die die Ringenden kampfesfähig machen, die ihnen die Mittel erkämpfen soll, sich vor _widerstandslosem_, sicherem Untergang zu retten, »Unsinn« das Sichaufraffen aller jener weiblichen Existenzen, die _nicht_ »als Leichen auf dem Wege liegen bleiben« wollen, wie dies nach der Ansicht eines mir bekannten, sonst bedeutenden Philosophen »nun einmal sein muß«.

Und warum ist diese Bewegung, diese Agitation nach Weininger »Unsinn«? Weil »nur durch diese« (und außerdem »aus Motiven der Eitelkeit -- des Männerfanges!« -- Herrjemine!) viele Frauen jetzt Bildungs- und Berufsbestrebungen entwickeln, deren bloße »psychische Bedürfnisse« sie _nicht_ dazu getrieben hätten!

Daß es noch andere als »psychische Bedürfnisse« gibt, nämlich zwingende ökonomische Bedürfnisse, wird bei Weininger mit keiner Silbe in betracht gezogen. Angenommen selbst, es wären wirklich nicht immer echte und tiefe psychische Bedürfnisse, die jemanden zur Ausübung eines ernsten Berufes und zu ernstem Bildungsstreben führen, so wird doch wohl jedermann, der die Mühen, Lasten, Verantwortungen und Schwierigkeiten eines Studiums oder eines Berufes auf sich nimmt und zu erringen sucht, ernste und zwingende Gründe hiefür haben -- und kaum einer bloßen Mode folgen!

Natürlich folgt die »Resolution« -- in fetten Lettern -- auf dem Fuße: freien Zulaß zu allem -- aber _nur_ denjenigen Frauen, deren »wahre psychische Bedürfnisse« sie zu »männlicher Beschäftigung« treiben! »_Fort_ mit der `unwahren´ Revolutionierung -- weg mit der ganzen Frauenbewegung!«

Solches wird großartig und pompös in Doppelfettdruck verkündet! -- Ganz abgesehen von der bereits erörterten Verlogenheit -- oder Verblendung -- welche in den Berufsbestrebungen der Frauen andere als ernste und zwingende Gründe zu sehen vermag, -- möchte ich doch gerne wissen, wie man bei der Zulassung zu den Universitäten, zum Studium und zum Erwerb die »wahren psychischen Bedürfnisse« denn erkennen soll, um die, die von ihnen getrieben werden, von den anderen -- fernzuhaltenden -- solchen, die vielleicht »nur« von ökonomischen Bedürfnissen getrieben sind, zu sondern? Vielleicht an dem »männlichen Habitus« -- den sie gewöhnlich gar nicht haben?

Des weiteren wird vorgeschlagen -- zwecks Konstatierung weiblicher Minderwertigkeit -- ein Verzeichnis bedeutender Männer mit dem bedeutender Frauen zu vergleichen und die erdrückende Überfülle auf dem ersteren zu ersehen. Ganz gewiß hat es unvergleichlich mehr und stärkere männliche Genies gegeben als weibliche. Aber sie gingen auch anders gerüstet, von anderen Voraussetzungen und Anforderungen der Mitwelt geleitet, in den Kampf! Was beim Manne als seine selbstverständliche Aufgabe _gefordert_ wurde, daß er sich Stellung und Bedeutung in der Welt erringe, tauchte bei der weiblichen Erziehung vergangener Jahrhunderte nicht einmal als Erwägung auf, und weibliche Ausnahmswesen mußten einen entsetzlichen, erbitterten Kampf gegen Familie, Herkommen, Sitte, Gesellschaft -- ganze Berge wegverrammelnder Traditionen -- bestehen, um nur überhaupt auf den Platz zu kommen, _auf dem sie beginnen konnten_, um nur überhaupt jenen Boden unter die Füße zu bekommen, der für den Mann, als ihm gebührend, selbstverständlich da war. Daß nur wenige diesen gewaltsamen Sprung aus den tausend Fesseln, mit denen man ihr Geschlecht umschloß, vollführen konnten -- nur die Überragendsten -- daß auch diese Wenigen nicht die Höhe der größten Männer erreichten, erklärt sich ersichtlich genug daraus, daß sie eben schon mit erschöpften Kräften am Kampfplatz anlangten, daß eine Unmenge Energie für die _Vorarbeiten verbraucht_ werden mußte. Und daß das Anwachsen des weiblichen Genies auf jenen Gebieten, die ihm wahrhaft freigemacht wurden, mit jenem der Männer gleichen Schritt hält, beweisen die großen weiblichen Dichternamen, welche in den letzten kaum fünfzig Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungsstätten _gangbarer_ gemacht wurde, auftauchten, beweisen die Namen der genialen Schauspielerinnen, welche von denen der männlichen Kollegen nicht überstrahlt werden, obzwar man auch _für diesen Beruf die Frau für unbefähigt hielt_, Weiberrollen von Männern spielen ließ und sie ihn erst seit kaum drei Jahrhunderten ausübt, in welcher Zeit sie seine höchsten bisher erreichten Gipfel, vollwertig und gleichwertig mit dem Manne, erklommen hat.