Weiberha Und Weiberverachtung Eine Erwiderung Auf Die In Dr Ott
Chapter 6
Wohin das Hineintragen subjektivster Vorstellungen, das willkürliche Herstellen von Beziehungen, die gewalttätige Einpressung in selbstgeschaffene Kategorien, die Deduktion alles Bestehenden in vorgegossene Formen den verirrten Weininger schließlich führten, geht nicht nur aus seiner Behandlung der Probleme »Weib« oder »Juden« hervor, sondern auch aus der in seinem Nachlaßwerk enthaltenen »Tierpsychologie«. Da wird der Hund »erkannt« als die Idee des Verbrechers, das Pferd als die des Irrsinns, Floh und Wanze als »Symbole für etwas, wovon Gott sich abgekehrt hat« u. s. f. Aus denselben »inneren Gründen« betrachtet er jede Krankheit als »Schuld« und findet die Auffassung, welche die Kranken und Aussätzigen fragen läßt, »was sie _verbrochen_ hätten, daß Gott sie züchtige«, sehr tief. Die absonderliche »Zurück-Dreh-Tendenz« all seiner Auffassungen offenbart sich in der Annahme, der Mord sei eine »Selbstrechtfertigung« des Verbrechers, »er sucht sich durch ihn zu beweisen, daß nichts ist«!!
Mit einer schier organischen Verkehrtheit legt er allen Erscheinungen die verdrehtesten Ursachen unter und muß ihnen daher auch natürlich die entgegengesetztesten Absichten zuschreiben und die konfusesten Folgerungen aus ihnen ziehen: »Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, daß man sie _erwählt_ hat.«!!! Oder: »Die Fixsterne `bedeuten´ (?) den Engel im Menschen. Darum orientiert sich der Mensch nach ihnen; und darum! besitzen die Frauen keinen Sinn für den gestirnten Himmel: _weil ihnen der Sinn für den Engel im Mann abgeht_.«!!!
Diese Proben aus Weiningers Nachlaßwerk werden manchen vielleicht als nicht unter den Titel dieser Schrift gehörig erscheinen. Dennoch sind sie es, da sie unzweideutigen Aufschluß geben über die Stellung, die eine urteilende Intelligenz, welche sich in der Art Weiningers zum Problem der »Frau und ihrer Frage« verhalten hat, charakteristischerweise anderen Problemen gegenüber einnimmt. Die Annahme liegt daher nicht fern, daß bei allem, was Weiningers große Intelligenz und geistige Elastizität erfaßte und berührte, die Sensitivität des Epileptikers das Verzerrende war, diese Sensitivität, die alles aus den natürlichen Dimensionen heraustreibt, die die Umrisse aller Dinge entstellt und verkehrt, bis ihr alles in Nacht, Wirrnis und wütender Ekstase versinkt. Sein Biograph teilt uns mit, daß Weininger Epileptiker und gleichzeitig ein mit Verbrecheranlagen belasteter Mensch war.[5] Da aber die _Sehnsucht_ nach dem Guten und Sittlichen ohne Zweifel in ihm _überwiegend_ war, erklärt sich auch seine innige Verherrlichung der Kantschen Ethik, die er hoch über die selbstverständliche Sittlichkeit der schönen Seele stellt. Wenn aber auch jene Sittlichkeit die gegen ihre triebhaften, bösen Anlagen den Kampf führt, eben dieses Kampfes halber vielleicht die ergreifendere ist, so ändert das doch nichts an der Tatsache, daß die von der Welt wie eine strahlende Gabe empfundene Individuation der selbstverständlichen Sittlichkeit die _gottähnlichere_ ist und daher als die vollkommenere empfunden wird.
[5] Ersteres wurde von Weiningers Vater in einem öffentlichen Briefe in Abrede gestellt, der Biograph berief sich aber in seiner Antwort auf die wiederholte eigene Aussage des Verstorbenen.
Ein krankhafter Geist kann und wird niemals die Meinung der Welt revolutionieren. Bedeutungslos bleibt daher seine manische Verfolgung irgend eines Gegenstandes einer seiner -- gewöhnlich physischen -- »Aversionen«.
Weiningers Werk, das mit ungeheuerer Mühe ein großes, begriffliches Material nach einer vorgezeichneten Tendenz zusammenschmiedete, um seine abnorme, lebensfeindliche Aversion als normal und einzig sittlich darzustellen, ist mit allen Merkzeichen manischer Verblendung an den Tatsachen vorübergesaust, und seine Argumente zerschellten beim ersten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit. So hat es denn mit der »Frau und ihrer Frage« in Wahrheit nichts zu schaffen.
Was diese Frage selbst betrifft, so ist eine Erörterung derselben unter dem Gesichtspunkt, ob die Frauen »höher« oder »tiefer« stehen als die Männer, von vorneherein verfehlt. Darum habe ich mich nirgends für die weibliche Genialität ins Zeug gelegt, habe auch nicht berühmte weibliche Namen aufmarschieren lassen, denn darauf kommt es wahrhaftig beim heutigen Stande dieser Frage gar nicht an. Erstlich könnte ein Vergleich der positiven Fähigkeiten nur in einer Epoche vollständiger sozialer Gleichberechtigung der beiden Geschlechter ein vernünftiges, unverfälschtes Resultat ergeben, zweitens lautet die zwingende Parole heute nicht nur, die Frau _will_ leisten, sondern sie _muß_ leisten: gebieterisch verweisen sie die wirtschaftlichen Verhältnisse auf eine eigene Berufswahl, da die »Versorgung durch die Ehe«, durch den immer schwierigeren Existenzkampf, den heute auch der Mann infolge des immer mächtiger werdenden Großkapitals und der immer unheimlicher anwachsenden Belastung der Staatseinkünfte durch den Militarismus zu führen hat, mehr als illusorisch geworden ist. Ein Mädchen für diese einzige Chance zu erziehen und es mit Blumengießen, Staubabwischen und Klavierklimpern seine besten und tüchtigsten Jahre verlieren lassen, hieße heute ein verbrecherisches Spiel mit menschlichen Kräften und menschlichen Schicksalen treiben. Überdies müßte ein auf solch _einziger_ Chance sich aufbauendes Schicksal auf _alle_ Fälle ein _entehrendes_ werden, durch die absolute _Wahllosigkeit_, mit der dann danach gegriffen werden müßte.
Die Frau muß also für die Möglichkeit einer Berufswahl vorbereitet und erzogen werden. _Selbstverständlich_ muß daher auch ihr Bemühen erscheinen, diese Möglichkeit auf die weitesten Gebiete auszudehnen, sie aus engherzigen Beschränkungen frei zu machen und auf größere und befriedigendere Wirkungskreise zu übertragen. Ist sie dazu »weniger begabt«, so lasse man das nur ihre Sorge sein. Sie wird dann eben mehr Mühe aufwenden müssen, um den vorgeschriebenen Bedingungen zu entsprechen. Praktisch hat sich indes eine solche mindere Begabung der Frau noch nirgends dokumentiert, es ist nirgends beobachtet worden, daß eine Frau von einem neu erschlossenen Posten hätte entlassen werden müssen, weil sie den üblichen Anforderungen nicht entsprach. Es ist auch wahrscheinlich, daß man sich nicht gegen alle Anlage und Fähigkeit zu irgend etwas drängt, sondern immer das der eigenen Natur Passende zu erringen trachtet.
»Minderbegabt« und durchaus ungeeignet scheint mir die Frau nur für einen einzigen Beruf, und das ist gerade der, zu dem man ihr seit altersher unbeschränkten »freien Zutritt« gelassen hat: der Beruf der schweren Taglöhner- und Fabriksarbeit.
Von der Hungergeißel hineingetrieben, büßt die Unselige mit schweren Schädigungen an ihrem Geschlechte und an ihrer Nachkommenschaft, Schädigungen, die die _Rasse_ treffen, -- die Schuld des Kapitalismus, der dem Arbeiter für Einsetzung seiner ganzen Kraft nicht soviel Einkommen gewährt, daß er Weib und Kind erhalten kann. Und während dieses Weib selbst hinaus muß in einen unnatürlichen Frondienst, bleibt das Heim unversorgt, die Kinder ohne Aufsicht und Pflege, denn soviel, um eine helfende Hand zu bezahlen, kann auch die Arbeit beider nicht erschwingen: darum ihr Herren, wendet euch mit eurem Ruf: »Die Frau gehört ins Haus«, vor allem an die Proletarierin, die tatsächlich hineingehört, da es ohne sie verfällt, wendet euch mit diesem Ruf an das Unternehmertum, damit es ihr diese Möglichkeit gewähre!
Was die bürgerlichen Berufe, um deren uneingeschränkte Zulassung heute gekämpft werden muß, selbst betrifft, so glaube man ja nicht, daß ich die Berufstätigkeit der Frau als ein Glück betrachte. Glück und Befriedigung gewährt wohl nur künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung -- die sogenannten freien Berufe -- im Gegensatz zu den sicheren Brotberufen. (Die Verfasserin dieser Zeilen gehört selbst zu den Menschen, die nur mit großer Überwindung auch nur zwei Tage hintereinander ganz das gleiche tun können.) An dem grauen, trostlosen Einerlei der meisten Brotberufe leiden aber auch die Männer. Daß die Frauen um Zulaß zu diesen Berufen kämpfen, beweist am besten, daß nicht Abenteurerlust, sondern zwingende soziale Gründe sie aus dem »Hause« heraustreiben. Aus innerer Vorliebe strebt man wahrhaftig nicht ins Amt oder ins Bureau: aber wenn man die Wahl hat, zu verhungern oder sich bei Verwandten herumzudrücken, oder aber sich zu prostituieren -- mit oder ohne Ehe -- so geht man eben doch noch lieber ins Bureau; ja, selbst dann schon, wenn man ganz ohne jede ernste Beschäftigung in tödlicher Langeweile und Inhaltslosigkeit und in beständiger Abhängigkeit »im Hause« herumstreift.
Führt man als störendes Hindernis weiblicher Berufstätigkeit die Geschlechtsfunktionen, vor allem die Mutterschaft an, -- denn selbstverständlich muß die Erwerbsmöglichkeit auch für die verheiratete Frau beansprucht werden, -- so ist gegen diesen Einwurf einzuwenden, daß die _schuldige Rücksicht_, die man der berufstätigen Frau zur Zeit, da sie der Schonung bedarf, _ganz gewiß zu erweisen hat_ (nicht, daß sie ihrer überhaupt nicht bedürfte, wie viele Feministinnen meinen), einfach als eine soziale Pflicht zum Wohle der Rasse zu betrachten ist, deren Erfüllung aber nicht mehr Zeit beansprucht als etwa das Militärjahr des Mannes, welches doch noch nie als Grund für die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben, angeführt wurde.
In der Tat, selbst wenn wir annehmen, daß die Mutterwerdung der Frau zwei Monate Urlaub beansprucht, einen vor, einen nach der Entbindung, mehr bedarf es bei vernünftiger Lebensweise ganz gewiß nicht, so müßte die sehr stattliche Ziffer sechsmaligen Kindersegens angenommen werden, um dem Militärjahr gleichzukommen. Was endlich die verflixten drei Tage im Monat betrifft, so verursachen sie vielen Frauen überhaupt kein wesentliches Unbehagen und bedürften daher kaum besonderer Berücksichtigung; angenommen aber selbst, es würde einer derartigen Indisposition Rechnung getragen, so könnte und dürfte dies einen wohlgeordneten Betrieb so wenig aus dem Geleise bringen, als etwa die Waffenübungen, die gleich auf Wochen hinaus den jungen Mann abberufen.
Der dritte Grund, warum eine Wertung von vorneherein auf falschem Boden steht, die davon ausgeht, ob der Mann oder das Weib »geistig höherstehend« oder für diesen oder jenen Beruf »begabter« sei, liegt in der einfachen Tatsache, daß solche Vergleiche, die gewiß von Individuum zu Individuum jedesmal andere Resultate ergeben, überhaupt nicht geeignet sind, den _Wert_ einer Persönlichkeit oder gar einer Gattung zu bestimmen. Ob eine Frau als Bahninspektor, Zahnärztin, Agentin, Telephonistin, Mathematikerin oder Malerin tüchtiger oder untüchtiger ist als ein männlicher Kollege, ist höchst gleichgültig für ihren _Wert_. Es kann höchstens ihren (eng an ihre Person geknüpften) Wert als Malerin, Zahnärztin etc. bestimmen und wird sie allein die Konsequenzen ihrer eventuellen Untüchtigkeit wirtschaftlich zu tragen haben, kommt aber bei der Bewertung des ganzen Geschlechtes gegenüber dem anderen Geschlechte überhaupt nicht in Frage. Es gibt Frauen genug, die überhaupt keinen Beruf ausüben, die vielleicht gar keine besonderen Talente haben, und die durch ihr bloßes Dasein ihre ganze Umgebung erheben und beglücken. (_Sein_ und _Wesen_ entstammen nicht umsonst sprachlich derselben Wurzel.) Kein Geschlecht kann »wertvoller«, keines »minderwertiger« sein als das andere, denn schon durch ihre unersetzliche unentbehrliche Funktion der gegenseitigen Ergänzung sind beide Geschlechter für einander gleichwertig.
Eine vergleichende Wertung gibt es nur von Mensch zu Mensch, von Fall zu Fall, aber nicht zwischen den Typen Mann und Weib.
Die _Schnecke_, die hermaphroditisch ist, repräsentiert schon als einzelnes, ungepaartes Individuum den Typus _Schnecke_. Aber erst Mann und Weib zusammen ergeben den Genus »Mensch«. Männerhaß oder Weiberverachtung sind abnorme Erscheinungen, die ihre Hinfälligkeit im eigensten Wesen tragen. Der Haß eines Geschlechtes gegen das andere und seine Herabsetzung und Herabwertung war immer das Zeichen des Verfalls, der Entartung, der Verwesung -- des einzelnen, wenn vom einzelnen geübt, ganzer Völker, wenn in Massen um sich greifend. Die sexuellen Perversitäten, die diese Erscheinungen in unmittelbarem Gefolge hatten, waren stets der Ruin noch so gesunder Kräfte; Griechen und Römer waren im Stadium des Verfalls und Niederganges, da die Knabenliebe bei ihnen Überhand nahm, und der Orient, der das Weib am tiefsten drückt, ist auch politisch ein lendenlahmer »kranker Mann«.
Hinter uns aber stehen nicht die ersatzbereiten Kräfte unverbrauchter Völkerstämme, wie die Germanen hinter dem zugrunde gehenden Altertum. An Spannkraft und Nerven werden von einem auf die Spitze getriebenen Daseinskampf so hohe Anforderungen gestellt, daß es Wahnsinn wäre, die Glücksmöglichkeiten, die in herzlichen, achtungsvollen Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern liegen, auch noch gewaltsam zu verwüsten. Es bedarf keiner »Vermännlichung« des Weibes, um es zu erheben, wohl aber wird eine stete, unaufhaltsame _Vermenschlichung_ des Mannes und des Weibes beide einander nur inniger zuführen, ihre Beziehungen vertiefen und adeln und durch natürliche Züchtung eines immer vollendeteren Typus die Gesamtheit heben und der Vervollkommnung näher bringen.
Von =GRETE MEISEL-HESS= sind im Verlag von Hermann Seemann Nachfolger erschienen:
»=In der modernen Weltanschauung.=« Broschiert M. 2.50
»=Fanny Roth.=« Eine Jung-Frauengeschichte. 2. Auflage. Broschiert M. 2.50
»=Suchende Seelen.=« Drei Erzählungen. Broschiert M. 2.--
»=Annie-Bianka.=« Eine Reisegeschichte. 2. Auflage. Broschiert M. 1.--
In Vorbereitung:
»=Eine sonderbare Hochzeitsreise.=«
Neue Novellen.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
die Verkündigung eines »neuentdekten Gesetzes« über die Affinität der die Verkündigung eines »neuentdeckten Gesetzes« über die Affinität der
bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailay bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailey
Autoren immer seltener gegeworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges Autoren immer seltener geworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges
Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungstätten Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungsstätten
ungestörten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmöglickeiten«. Die ungestörten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmöglichkeiten«. Die
betreibt? Führt er auch ein »bebewußteres« Leben als »das Weib«, oder betreibt? Führt er auch ein »bewußteres« Leben als »das Weib«, oder
Aurorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner Autorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner
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