Weiberha Und Weiberverachtung Eine Erwiderung Auf Die In Dr Ott

Chapter 5

Chapter 53,332 wordsPublic domain

Aussprüche, die in ihrer Verrennung und Verblendung gerade das Verkehrte treffen, dürfen uns bei einem Manne nicht wundern, dessen Sucht, alle Erscheinungen in einmal aufgestellte, an Zahl und Charakteristik mehr als dürftige »Klassen« einzupferchen, sei es auch mit blinder Gewalt, sich zu den lächerlichsten Etikettierungen versteigt. Da das Weib _nur_ »Mutter« oder nur »Dirne« sein kann, wird das weibliche Geschlecht folgendermaßen »beschrieben«: Die _Dirne_ ist es, die die gute Tänzerin ist, nach Unterhaltung, Geselligkeit, nach dem Spaziergang (!! welch ein Dirneninstinkt) und dem Vergnügungslokal, nach Seebad und Kurort, Theater und Konzert verlangt, während die »Mutter« eine stets geschäftige, stets _geschmacklos gekleidete_ Frau ist (wörtlich!), die sich auch daran erkenntlich macht, daß sie -- Speisereste aufhebt. Eine recht erschöpfende Einteilung! Nun wollen wir mal etwas ähnliches aufstellen: Die Männer -- sagen wir -- bestehen aus »Vätern« und »Strizzis«. Die Väter sind geschmacklos gekleidet, lassen bei schlechten Schneidern arbeiten, rauchen die Pfeife etc. Die »Strizzis« gehen zum Ronacher, in Seebäder, Theater und in die Schwimmschule: Eine würdige Analogie!

Etwas »anderes« kann das Weib nicht sein; ja selbst »die Existenz eines _verbrecherischen_ Weibes kann nicht zugegeben werden: die Frauen stehen nicht _so hoch_!« Ist sie große Verbrecherin, so ist sie eben »vermännlicht« -- gerade so wie der Zuhälter, Kuppler etc. »eigentlich kein Mann« sei, sondern zu den »sexuellen Zwischenstufen« gehöre.

Ich greife mir an den Kopf: Ausführungen, die mit solchen Mitteln arbeiten, die fast durchwegs aus Konstruktionen solcher Art ihre Beweise und Argumentationen zusammensetzen, wurden genial genannt! Der König hat neue Kleider! Er hat prachtvolle Kleider! Alles schreit, er hat sie, denn die Parole ist ausgegeben, er _muß_ sie nun haben, trotzdem seine Blößen sichtbar sind: ein Märchen mit tiefem Sinn, das sich bei uns öfters abspielt, als man glauben sollte.

Gibt es Verkehrtheiten und Verlästerungen in dem Buche, die eines humoristischen Beigeschmackes nicht entbehren, so daß man sie mitunter recht heiter finden kann, so gibt es hingegen auch Ausführungen darin, wo aller Humor schweigt, wo einem eine starre Entrüstung das Blut stocken macht. Ein wilder Haß gegen alles Natürliche, eine bösartige Verdächtigung und Verfolgung jeder sinnlichen Daseinsfreude, eine auf Kosten alles Körperlich-Fröhlichen entartete Geistigkeit, die den Leib und seine Pflege verachtet, eine schier bankerotte Phantasie, die sich in Verleumdung und Verleugnung alles Irdisch-Sinnlichen ergeht und sich gleichzeitig im Übersinnlichen zu den willkürlichsten Hypothesen versteigt, zeitigen ihre Blüten in den Anschauungen, die sie verkünden: So hätte zum Beispiel für den höherstehenden Mann das Mädchen, das er begehren, und das Mädchen, das er »lieben, aber nie begehren könnte« (?) eine ganz verschiedene Gestalt! Ein schmachvoller Dualismus, will mir scheinen! Ferner: Es gibt _überhaupt nur_ platonische Liebe! »Was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue!«

Nur wer nie ein Weib in Liebe gewonnen, sondern es nur unter den Schauern der Prostitution besessen hat, wer überhaupt nie ein Weib gekannt hat, sondern nur sein Zerrbild, -- die Dirne, -- nur wer sich eines krankhaften Defektes noch mit Überhebung brüstet, konnte diesen Ausspruch tun -- und die anderen ähnlichen Aussprüche und fulminanten Offenbarungen über »das« Weib! Nur der kann auch behaupten, daß der Mann, sofort nachdem er das Weib _besessen_ hat, es _verachtet_, -- der es in Wahrheit nie besessen hat!

In einer Fußnote wird ganz unumwunden erklärt, daß es keinen bedeutenden Menschen geben könne, der in -- der geschlechtlichen Vereinigung (es wird dort kürzer und brutaler ausgedrückt) -- »mehr sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar das tiefste, heiligste Mysterium«.

Alle bedeutenden Menschen -- so wird weiter gefolgert -- müßten daher sicherlich ihre Sexualität durch die (sogenannten) geschlechtlichen Perversionen befriedigen, da sie unbedingt am gewöhnlichen geschlechtlichen Akte »vorbei wollen«!!!

Gewiß wäre es unrichtig, in diesem Akte »an sich« etwas Heilig-Mystisches zu sehen, da er unter Umständen gewiß eine Erniedrigung bedeuten kann; immerhin aber ist es doch etwas, was jeden gesunden, lebensmutigen, menschlicher Empfindungen fähigen Menschen mit Entrüstung und schier verächtlichem Mitleid erfüllen muß, den natürlichsten Lebensvorgang verunglimpft und gebrandmarkt, die Flamme, von der die ganze Welt glüht, als höllisches Feuer verdächtigt zu sehen!

Als Kriterium des bedeutenden Menschen abnorme Sexualtriebe fordern und Verachtung, »Vorbeiwollen« am normalen Liebesakt voraussetzen, heißt einen Goethe z. B. mit jämmerlichen Füßen treten, und ein solcher Ausspruch eines Menschen macht alle seine andern befremdlichen Aussprüche -- begreiflich!

Während die Frau durch den Gedanken an die Vereinigung irgend eines Paares angeblich in »fieberhafte Erregung« gerate, gewinne ein solcher Gedanke über einen Mann keine Gewalt, er stehe »außer und über einem solchen Erlebnis!« Wirklich?! Die Welt wird einfach auf den Kopf gestellt. In Wahrheit bedarf es gar nicht erst einer deutlichen Vorstellung jener Vereinigung, um bei M Erregung hervorzurufen, bekanntlich genügt dazu schon das Rauschen eines seidenen Kleides.

»Als der Mann sexuell ward, da schuf er das Weib.« Aus diesem tiefen Grunde ist »das Weib die Schuld des Mannes«; die Kuppelei sei da, »weil alle Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet«. Überall sieht er Zweck und Absicht, Schuld und Grund: überall ein »damit«, nirgends ein »daher« -- außer ein solches, hinter dem wieder eine »Bestimmung« steht. Alle seine Argumentationen bezeichnet er kurz und bündig als »unwiderleglich«, alle Gegenmeinung als »völlig unannehmbar«, jeden, der widerspricht, als »frechen Schwätzer«. Basta!

Wohin eine krankhafte Sucht, Willen und Zweck hinter alle Erscheinungen zu verpflanzen, führen kann, möge ein Satz wie der folgende illustrieren: »Wir erschrecken vor dem Gedanken an den Tod, wehren uns gegen ihn, klammern uns an das irdische Dasein und beweisen dadurch (!), daß wir geboren zu werden _wünschten_ als wir geboren wurden, indem wir noch immer in dieser Welt geboren zu werden verlangen.« (!!!) Ein spekulatives _Zurückgreifen_, das mit den abenteuerlich phantastischen Schlüssen mittelalterlicher Scholastik viel Ähnlichkeit besitzt, tiefe Verstricktheit in buddhistische Vorstellungen und die vollständige Umneblung eines ursprünglich kritischen Geistes durch religiös-mystischen Wahn, erhellt aus solchen Aussprüchen. Gewisse Experimente der Wissenschaft, z. B. die Geschlechtsbildung, erklären zu wollen, bezeichnet er, aus derselben mystisch-theosophischen Befangenheit, als »ein unkeusches Anpacken mysteriöser Vorgänge«. Ein kurioser Standpunkt in der »Wissenschaft«! Die »unkeuscheste« Wissenschaft ist demnach die Chemie, der sich »daher« auch so viele Juden zuwenden. Mit den Juden verfährt er genau so wie mit den Weibern. Er sagt von ihnen die scheußlichsten, niedrigsten Qualitäten aus. Stimmt es aber nicht, dann war es eben kein »echter« Jude. Dem Juden räumt er auch die Möglichkeit ein, sich vollständig über das Jüdische zu erheben, während er der Frau die Möglichkeit dieser Erhebung ins Reinmenschliche abspricht; da er selbst Jude war, schien diese vorsichtige Klausel geboten. Daß nicht nur »das _Jüdische_«, sondern auch jedes andere »nur Nationale« abstoßend ist, weil es immer eine enge Begrenzung des Menschlichen bedeutet, bleibt natürlich ungesagt. Das Kapitel über das Judentum enthält übrigens viel des Geistreichen und Tiefen -- soweit es analytisch vorgeht, -- und überschnappt sofort ins Groteske, sowie die eigenen »Folgerungen« einsetzen.

Dieselben Merkmale weisen viele der früheren Kapitel auf, und aus diesem Grunde werden auch solche Leser, die mit dem Autor sympathisieren, den Eindruck haben, daß die einzelnen Kapitel immer groß angelegt und vielversprechend erscheinen, Tiefen und Höhen verheißend einsetzen, um dann abzufallen und zu enttäuschen; dort nämlich, wo die eigenmächtige Synthese beginnt, das eigene »Aufbauen« nach der oft sehr scharfsinnigen Analyse: da wird alles merkwürdig flach und oberflächlich und vor allem unrichtig, blind neben den wirklichen Tatsachen vorbeisausend, auf ein »gedachtes«, vorherkonstruiertes, popanzartiges »Ziel«. Immer wieder verschlingt sich oft Gesagtes ineinander, bis wieder neue Glieder zappelnd daraus hervorschießen, um sich wieder zu verschlingen und zu verknäueln.

Überall sieht er »Ideen«, »Prinzipe«, wurzelhafte Anlagen, wo es sich meist um historisch Er-Wachsenes handelt; überall ist die Blindheit für das geschichtliche und wirtschaftliche Element, welches formenbildend und artenändernd wirksam ist, ersichtlich, die große Rolle, die ihm bei allen Vorgängen und Erscheinungen zufällt, wird geleugnet und alles auf eine Art metaphysischer Bestimmung zurückgeführt.

Die Behauptung, »der echte Jude wie das echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten«, wird durch das Wörtchen »echt«, mit dem sie sich vorsichtig verklausuliert, als das empfunden, was gewöhnlich als »jüdische Dreherei« bezeichnet wird, besonders, da schon auf der nächsten Seite die Bemerkung folgt, »es gibt einen absoluten Juden so wenig als einen absoluten Christen« (und ein »absolutes« Weib). »Nur seichteste Oberflächlichkeit« könne glauben, »daß der Mensch durch seine Umgebung gebildet werde«. Nur seichteste Oberflächlichkeit kann _leugnen_, daß der Mensch durch seine Umgebung zumindest beeinflußt wird, und daß diese Beeinflussung oftmals zu Bildungen, Neubildungen, Herausbildungen führt! Wer dies leugnet, _leugnet alle Entwicklungsmöglichkeit_. Warum gibt es denn eben keinen »absoluten« Juden oder Christen, keinen »echten« Mann oder kein »echtes« Weib? Weil eben äußere Eindrücke beständig erziehlich wirksam sind. Aus eben diesem Grunde konnte auch der Jude kein »Monadologe« werden (wie ihm Weininger vorhält), so lange er im Ghetto lebte; darum ward er -- was richtig ist -- ein »Grenzverwischer«, darum seine »Gemeinsamkeit«, sein »Zusammenhalten« auch in der Familie: es erklärt sich all dies historisch dadurch, daß gleichgestellte Existenzen, die unter Ausnahmsgesetzen in fremdem Land leben, auf engen Anschluß untereinander angewiesen sind. Warum das jüdische Volk keine Aristokratie besitzt, daher keinen grenzenfixierenden Sinn beweist?! Erstlich besaß es sie, so lange es im eigenen Lande als freies Volk lebte. Zweitens kann man nicht mehr von einem »Volk« reden, wenn es sich um Angehörige einer Nation handelt, die durch Zersprengung über die ganze Welt längst aufgehört haben, ein »Volk« zu sein. Endlich erscheint mir der Mangel an Kastengeist nur günstig und wertvoll und »Grenzverwischung« in diesem Sinne nur ersprießlich.

Von gänzlicher, schier unbegreiflicher Verblendung zeugt aber der Vorwurf, daß der Jude »gleich dem Weibe« (die Analogien werden krampfhaft herbeigeholt) im Fremden »keinen Halt« hat, in ihm »keine Wurzeln schlägt«. Symbolisch erscheine daher »sein Mangel an irgend welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital«.

Herr des Himmels! Soll man sich vielleicht ankaufen auf einem beständig zitternden, unterwühlten, bedrohten Boden?! Ist es gar so »symbolisch«, daß die Juden, die in riesigen Scharen aus Rußland oder Rumänien hinausgetrieben, die in Kischenew abgeschlachtet und geplündert wurden, in solchem Boden keine »Wurzeln schlugen«, und daß auch die Juden anderer Länder ihre ewig unterwühlte Situation erfassen und lieber nach mobilem, _in Bewegung zu setzendem_ Kapital trachten, als nach »Bodenständigkeit«?!

Die großen Persönlichkeiten des Judentums werden natürlich vom Verfasser als solche angezweifelt. Als »fast jeder Größe entbehrend« bezeichnet er Heine -- Heine, der der Menschheit einen so beseligenden Schatz hinterlassen hat, einen schier unerschöpflichen Brunnen, in den hineinzutauchen immer wieder Mut, Trost, Befreiung und Erhebung gewährt -- nicht etwa durch seinen Witz und Sarkasmus, sondern durch seine nie wieder erreichte, tiefinnige, tief vergeistigte Lyrik. Als ebenso »überschätzt« betrachtet wird auch Spinoza. Diese Wertung -- besser Entwertung -- zu beurteilen, habe ich zu wenig Wissen. Doch auch da scheint mir ein terroristisches Aufpflanzen von dem, was gerade er, Weininger, Größe nennt, als willkürliches Kriterium zu dominieren. Daß man auf hundertfache Art groß und genial sein kann, auch wenn man nicht genau in der Richtung, die abzustecken ihm gerade beliebt, sich bewegt, scheint er nicht in Betracht zu ziehen. Er hält Spinoza vor, daß ihm alles weniger »Problem« denn »mathematische Methode« war, die alles _selbstverständlich_ erscheinen lasse. Es scheint aber nichts weniger als ein Nachteil einer Methode, wenn sie dies vermag; umgekehrt jedoch kann einen nachgerade ein Grausen erfassen, wenn das Einfachste und Selbstverständlichste in so viele Formeln verstrickt wird, bis es wirr und kompliziert erscheint, so daß die umständliche »Lösung« dieses »Problems« sich dann als »Tat« gebärdet, auch wenn sie sich mit dem Resultate deckt, das man mühelos auf den ersten Blick gewinnt. Menschen aber, denen selbst das Einfachste erst begreiflich wird, wenn sie sich durch ein Gewirr von Umwegen dazu durchgewunden haben, die in _jedem_ Fall durch ein Gestrüpp von Philosophie durch müssen, die sogar imstande sind, auch dann noch an der offen zutage liegenden Wahrheit vorbeizutappen, bloß weil sie irgend ein Irrlichterchen der Spekulation weglockt, beweisen einen Mangel _gesunder Instinkte_, sind daher zum _Urteil_ »an sich« sozusagen physiologisch unfähig. Den Gesamteindruck einer Erscheinung _wahrnehmen_ kann nur, wer über seine physiologischen Sinneswerkzeuge vollzählig verfügt: da darf auch der Instinkt nicht fehlen, denn er ist das, was man als das Geruchsorgan der Seele bezeichnen könnte.

Von den Juden kommt der Verfasser wieder zu den Weibern. Es drängt ihn offenbar, sich noch einmal zusammenfassend über sie zu äußern: So wenig wie der Jude, ist das Weib eine »Monade«. Aber wie alles und jedes in der Welt, repräsentiert auch »es« eine »Idee«: »W repräsentiert die Idee des _Nichts_.« Er kommt nun zum köstlichsten aller Resultate: »Da« die Frau =a=moralisch und =a=logisch ist, alles Seiende aber ein moralisches und logisches Sein ist, so -- _ist sie überhaupt nicht_. Ganz abgesehen von dem witzigen Resultat: man beachte nur die wirre Verkehrung der einzelnen logischen Glieder! Anstatt zu folgern: alle Logik und Moral muß sich im Sein, im Wesenhaften dokumentieren, heißt es in monströser Verkehrung: In allem Sein ist Moral und Logik. Da die Frau aber nach seiner Aussage keine hat, muß natürlich »herauskommen«, daß sie überhaupt »nicht ist«. Wahrscheinlich ist sie also nur eine Art Spuk, ein Massenaberglauben!

Überraschend wie alle seine Resümierungen sind auch seine letzten. Trotz allem, was er von der Frau ausgesagt hat, verlangt er für sie die »gleichen Rechte« wie für den Mann. Er tritt für ihre Emanzipation ein, nur muß sie vollkommene Entgeschlechtlichung bedeuten!! Auch den letzten Schluß, der sich aus dieser Forderung ergibt, zieht er in Betracht, nämlich den Aussterbe-Etat, auf den logischerweise die Menschheit geraten müßte: Die Ausrottung der menschlichen Gattung scheint ihm aber sogar ein erstrebenswertes Ziel! »Alle Fécondité ist ekelhaft.« Dieser Satz charakterisiert eine das Leben hassende Natur, die notwendigerweise nur Vernichtungstendenzen produzieren kann. Bedarf der Ausdruck dieser Endtendenzen überhaupt einer Antwort, so wäre es die, daß nicht einzusehen ist, warum wir bedacht sein sollten, diesen Planeten zu räumen -- für irgend ein zweifelhaftes anderes Geschlecht, das sich dann auf ihm zum Leben entwickeln könnte ...

Übrigens weiß auch er die »Rechte«, die er angeblich für die Frau verlangt, »weise« zu beschränken. Von der Gesetzgebung, von der Leitung eines Gemeinwesens sei »vorderhand« die Frau fernzuhalten gleich -- »Kindern, Schwachsinnigen und Verbrechern«. Denn -- »Recht und Unrecht der Frau kann ganz genau ermittelt werden, ohne daß die Frauen selbst mitbeschließen«.

Dieser Satz ist -- es läßt sich anders nicht bezeichnen -- eine Schamlosigkeit. (Trotzdem in diesem Buch so viel von »Schamhaftigkeit« die Rede ist.) _Wie_ schön »Recht und Unrecht« für die Frau »ermittelt« wurde, muß selbst Blinden und Tauben klar werden aus einer Gesetzgebung, die das Weib in seiner katastrophalsten, hilflosesten Lage recht-, schutz- und hilflos läßt. Von all dem andern, was zu ihrer Beschränkung und Einengung für sie »ermittelt« wurde, will ich jetzt ganz absehen, nur das Krasseste soll berührt werden, die Tatsache, daß die arbeitsunfähige Schwangere, die sich also, falls sie subsistenzlos ist, im Zustand absolutester _Hilflosigkeit_ befindet, keine Ansprüche an den Vater des Kindes hat, er sei, wer er sei, er habe, was er habe; die Tatsache, daß sie auch für die Kosten der Entbindung keinen rechtlichen Anspruch weder an den Vater noch an die Gesellschaft besitzt, daß sie -- die Gebärende!! -- keinen Anspruch auf Unterschlupf und Pflege für sich und das Kind hat (im Findelhaus finden nur die wenigsten Aufnahme und unter Umständen, denen ein abschreckendes Odium anhaftet), und daß sie erst nach der schwersten Stunde Alimente für das Kind beanspruchen kann, die aber niemals ausreichen, die Kosten seiner Erhaltung auch nur annähernd zu decken. So schön kann Recht und Unrecht für die Frauen ermittelt werden, »ohne daß sie selbst mitbeschließen«.

Zum Schlusse schlägt in dem Buche Weiningers ein beinahe irrsinniger Ton durch: es wird nämlich festgestellt, »daß dieses Buch die größte Ehre ist, welche den Frauen je erwiesen wurde«. Aber können uns die tollsten Sprünge wundern in einem Buche, das noch auf derselben Seite den einzigen wahrhaftigen, richtigen Ausspruch tut, der allein dem ganzen Buch ins Gesicht schlägt, der allein genügt, um es zu richten und zu werten, da es ihn als eine (verspätete) Vorschrift für andere gibt, während es ihn selbst mit Füßen trat, nämlich den Ausspruch:

»Man hat die Frau als Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen (!), nicht nach einem aus der Empirie (?!) oder aus den Liebesbedürfnissen des Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen.«

Und so richten diese letzten spärlichen Worte die eigene Tat und das eigene Werk.

Die Berechtigung des Weiberhasses und der Weiberverachtung erkennt man aus den Argumenten, auf denen sie steht und mit denen sie fällt.

Aus jenen Weiningers, die sich offensichtlich als Verkehrung, Verleugnung oder Verblendung gegenüber den Tatsachen darstellen, erhellt am schärfsten, daß sie immer identisch sein müssen und nur identisch sein können mit _Vernichtungstendenzen_, die das Leben zielsicher _ausstoßt_. Vom Wahne geboren, gleichen sie spukhaften Gespenster-Erscheinungen, die nur für den existieren, dessen fieberndes Hirn sie beschwor, und die trotz der Hartnäckigkeit seiner Halluzination auch nicht um einen Schatten wirklicher werden.

Es gibt eine Tatsächlichkeit, eine harte Wirklichkeit der Dinge (immer in dem relativen Bereich unserer Sinnesorgane natürlich), die von hypothetischen Konklusionen, die mit ihr selbst durch keine wirkliche Beziehung verbunden sind, nicht im geringsten verändert oder gar umgestoßen werden kann. Eine Methode, die sich darin ergeht, in der Luft hängende metaphysische, höchst subjektive Voraussetzungen solange mit einander zu multiplizieren, auf jede Art zu verkreuzen und zu verschlingen, bis ein vorgewolltes Resultat herauskommt, in welches dann das wirkliche Leben hineingepreßt wird, mag es nun mit dem »Luft-Schluß« übereinstimmen oder nicht, enthält nicht die Möglichkeit, beachtenswerte Resultate zutage zu fördern. Das hieße, dem wildesten geistigen Abenteurer- und Don Quixotetum Tür und Tor öffnen, hieße jenen grotesken Versuchen und »Berechnungen« wissenschaftliche Existenzberechtigung geben, mit denen die Scholastiker zum Beispiele »ausrechneten«, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können, hieße von neuem den absurden Terrorismus der Spekulation aufpflanzen, der mehrmals in der Geschichte der Philosophie dieselbe zum Gegenstand des Widerwillens und der Lächerlichkeit für alle gesunden Geister machte, aus welcher Entwertung sie sich in der neueren Zeit erst durch Kant und Schopenhauer wieder erhob -- um unter deren Nachfolgern wieder in Mißkredit zu sinken -- bis sie von Herbert Spencer auf den festen Boden der Tatsachen gestellt und dadurch aus der Sphäre leerer Gaukeleien in die einer unanzweifelbaren Disziplin verpflanzt wurde.

Daß ein Mensch wie Weininger, begabt mit feinster Sensitivität und Reaktionsfähigkeit, stumpf und blind sein konnte gegen die einfachste Logik der Tatsachen, erklärt sich vielleicht aus der Gefahr, die gerade diese Fähigkeit des innerlichen Erlebens für solche Geister birgt, denen das harte, reinigende, alles Falsche ab- und ausstoßende Element der gesunden Instinkte, die Grundbedingung der Urteilsfähigkeit, fehlt, so daß sie den Eindruck hervorrufen, als fräße ein Wurm an ihrem besten Mark, als müßten sie mit schier physischer Notwendigkeit, sowie sie die Hand ausstrecken, unbedingt -- unter dem Zwange ihrer _Art_ -- immer das Falsche, das Dunkle, die Verwesung ergreifen. Charakteristisch für ihn, dem scheinbar »alles« zum Problem wird, ist die Tatsache, daß ihm in Wahrheit nur das Gedankliche, nur das Begriffliche zum Probleme ward, während er an die großen Tatsachenprobleme, deren Lösung für die Menschheit Wohl oder Wehe, hinauf oder hinunter, Zermalmung oder Erhebung, unsäglichen Jammer oder unendliche Glücksmöglichkeit bedeuten, nicht einmal mit einer Ahnung anstreift. So hat er in seinem Werk lange Betrachtungen, die oft weitab von seinem Thema lagen und die er sich nach der Art übervoller junger Menschen scheinbar vom Herzen schreiben wollte, angehäuft: über Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit, Gedächtnis, Logik, Ethik, Philosophie, Psychologie etc. Dagegen kommt er nicht ein einziges Mal zum Beispiel auf das Problem des _Krieges_ zu sprechen, auch das Problem des Sozialismus streift er nur flüchtig und oberflächlich, trotzdem beide seinem Thema naheliegen. Fast denkt man ein wenig an Ibsens Professor Begriffenfeld (Peer Gynt), der nur zum Metaphysikum in Beziehungen steht, für den nichts anderes eine »Frage« ist.

Gerade die Innerlichkeit, mit der er alles, was überhaupt für ihn zum Problem wird, erlebt, birgt für ihn, den ungesunden Geist, die Gefahr, daß sie ihn zu den subjektivsten Schlüssen verleitet, die nur durch und für seinen Wunsch und Willen vorhanden sind und die wie nächtliche Visionen vor dem Lichte des Tages -- der objektiven Wirklichkeit -- zergehen. In der Deutung der platonischen Ideen, die in den Dingen liegen, ist für ihn die Gefahr enthalten, Dinge in Beziehung zu einander zu bringen, die sie in Wahrheit nicht haben, Beziehungen, die jedes einzelne Individuum anders verknüpfen würde, ins Gegenteil umkehren könnte, und die daher zum Verluste jedes gemeinsamen Bodens führen, zur Einbuße aller Wahrscheinlichkeit. Was wir schlechthin Wirklichkeit nennen, ist ja natürlich nicht das wahre Wesen der Dinge, aber es ist zumindest die durch die gleiche Beschaffenheit der Sinnesorgane konstruierte allgemeine Wahrnehmbarkeit, die einen Boden der Verständigung bietet und als _allgemein gültiger Ersatz_ der ewig unerforschlichen »wahren« Wesenheit des Seins einzig annehmbar.