Weh dem, der lügt Lustspiel in fünf Aufzügen
Chapter 4
Leon. Wes immer auch! Hier sind nur wir und Feinde. Auch ist sie kaum allein.
Atalus. Sie ist's. Ich seh's.
Leon. Nun, so verplaudern wir die Zeit der Rettung.
Atalus. Sie hilft uns wohl mit einem neuen Fund. Geh immer, wenn du willst, ich harr auf sie.
Leon. Nun denn, so streck ich wehrlos meine Hände; Wenn's doch mißlingt, ich trage nicht die Schuld.
(Edrita kommt.)
Edrita. Hier seid ihr ja. Nun, das ist recht und gut.
Atalus. Sei mir gegrüßt!
Edrita (zu Leon). Was wendest du dich ab? Du fürchtest, ich verzögre eure Flucht? Doch umgekehrt. Jetzt tut euch Zaudern not.
Atalus. Siehst du?
Edrita. Was soll er sehn?
Atalus. Ich wollte weilen, Er trieb zu gehn.
Edrita. Da hatt' er recht, du nicht, Da ihr nicht wußtet, was nur ich kann wissen. Die Unsern gehn zu Roß die andre Straße, Insoweit ist es gut. Doch dieser Pfad, Er trifft am Saum des Walds mit jenem andern, Und da ihr Pferde doch nicht überholt, So wär' euch schlimm, kämt ihr zu früh dahin. Im Rücken ihrer aber geht ihr sicher.
Leon. Nun aber noch um aller Himmel willen: Wie kommst du her?
Edrita. Ich, meinst du? Ei, ja so! Ihr habt es gut gemacht, bis nur auf eins.
Atalus. Ei, er macht alles klug.
Edrita. Ja, alles andre. Ihr wart kaum fort, da wollten sie mich töten, Der Vater hob den Spieß in seiner Hand. Da lief ich fort, ein Endchen in den Wald, Bei Tagesanbruch wollt' ich wiederkehren. Doch kam der Tag, da sah ich euern Fußtritt Im weichen Boden kenntlich eingedrückt; Das, dacht' ich, das verrät sie; und am Saum Des Rasens gehend, wo kein Fußtritt haftet, Bestreut' ich eure Spur mit Sand und Erde. So kam ich weiter, weiter und bin hier. Und nun ich da, kehr ich nicht mehr zurück.
Leon. Was fällt dir ein?
Atalus. Ja ja, bleib nur bei uns.
Edrita. Bedenk nur selbst. Kehrt nun mein Vater heim Und fing euch nicht, was euer Gott verhüte! So schlägt er mich und wirft mich in den Erker, Wo ich schon einmal lag, wie einst die Mutter. Und dann wird jener Galomir mein Mann. Ich will ihn nicht. Ich sag euch's nun, ich will nicht. Nehmt mich mit euch, ich bin euch wohl noch nütz. Die Wege kenn ich hier und alle Schliche. Ihr seid noch nicht so sicher, als ihr glaubt. Sie führen Hunde mit, ich hört' es wohl, Die wittern euch und schlagen bellend an, Mich aber kennen sie und jeder schweigt, Und streichl' ich ihn, legt er sich auf die Pfoten. Ich will zu deinem Herrn, zu seinem Ohm, Und dort den frommen Lehren horchend lauschen, Die er wohl weiß von Gott und Recht und Pflicht. Will mich mein Vater, soll er auch nur kommen Und lernen auch, ist er gleich grau und alt. Das ist ihm nütz. Sie sind auch gar zu wild.
Leon. Ich aber duld es nicht!
Edrita. Wie nur, Leon?
Leon. Ich habe meinem frommen Herrn versprochen. Nichts Unerlaubtes, Greulichs soll geschehn Bei diesem Schritt, den nur die Not entschuldigt. Hab ich den Sklaven seinem Herrn entführt, Will ich dem Vater nicht die Tochter rauben Und mehren so den Fluch auf unserm Haupt.
Edrita. So hör doch nur!
Leon. Es soll, es darf, es kann nicht.
Atalus. Er ist nicht klug.
Edrita. Ei, klüger, als du glaubst. Er ist der Mann des Rechts, des trocknen, dürren, Das eben nur den Gegner nicht betrügt. Allein durch ungekünstelt künstliches Benehmen Vertraun erregen, Wünsche wecken, denen Sein wahres Wort dann polternd widerspricht, Das mag er wohl und führt es wacker aus. (Zu Atalus.) So nimm denn du mich mit.
Atalus. Ja doch, wie gerne.
Leon. Ich duld es nicht.
Edrita. Wir fragen dich auch nicht. Wir sind zu zweit, da gilt denn unsre Meinung.
Leon. So trenn ich mich von diesem Augenblick.
Edrita. Auch das! Wir helfen ohne dich uns weiter. Die Wege kenn ich alle bis zum Strom, Von dort an weiß sie der.
Atalus. Ich weiß sie nicht.
Edrita. Nun denn, dann sind wir nahe deinem Land, Und jeder bringt uns auf die sichre Fährte.
Leon. Viel Glück dazu!
Atalus. Siehst du, er streitet immer.
Edrita. Dann treten wir vor deinen Oheim hin Und sagen ihm: dein Knecht hat schlimm getan, Wir aber halfen selbst uns, wie wir konnten. (Zu Leon.) Du bist ja trüb.
Leon. Ich lieh dir meine Laune.
Edrita. Siehst du? Man muß nur artig sein und wollen, Sonst kommt das Müssen und dann fehlt der Dank.
(Der Ton eines Horns von weitem.)
Leon. Hör doch! Nun zitterst du, und warst so kühn.
Edrita. Und wenn ich zittre, ist's um euch.
Atalus. Nur fort!
Leon. Ich bleibe.
Edrita. Keine Torheit, die nur quält. Das ist kein Trupp; ein einzelner, Verirrter, Der die Genossen sucht mit Hornesruf. Er wird vorüberziehn, weil er allein, Und, zwei zu fangen, mehr als einer nötig. Dort rückwärts ist, ich weiß es, ein Versteck, Wo dichte Sträuche sich zum Schirmdach wölben. Dort warten wir, bis seine Schritte fern, Vielleicht könnt ihr beschleichen ihn, bewält'gen. Wie immer, nur hinein, und zwar im Umkreis, Daß ihm der Tritt nicht unsre Spur verrät. (Sie führt sie leise auf den Zehen bis an die Bäume rechts, dann rasch am innern Umkreise zurück und in die Höhle.)
(Kurze Pause; dann kommt Galomir von der linken Seite, einen Spieß auf der linken Schulter, das Schwert an der Seite, ein Horn um den Leib. Er sucht gebückt nach den Fußtritten am Boden.)
Galomir. Da, da!--Eh, eh! die Kleine! Oh!--Nach dort! (Die Spur mit dem Finger verfolgend.) Wart! wart!--Verirrt. Kein Mann da! Wo? Ah weit. Uf!--heiß! (Seine Beine befühlend.) Und müd!--Da.--Ah! Dort Schatten! Baum. Ruh aus, Mann, ruh! dann weiter. (Er setzt sich.) Heiß die Haube! (Er nimmt den Helm ab und legt ihn neben sich.) Noch einmal rufen. (Er ruft durch die hohle Hand.) Hup! (Er horcht eine Weile, dann nach rückwärts gekehrt.) Ah!--Niemand hören. Wozu das Horn? Blas an!--Verwirrt, verwirrt! (Er lehnt den Spieß an den Baum und wickelt die verworrene Schnur des Hornes auseinander.) Ah, los! Nun an den Mund! (Er setzt das Horn an.)
(Edrita, die schon während des letzten sichtbar geworden ist und Ruhe gebietend zurückgewinkt hatte, tritt jetzt vor.)
Edrita. Stoß nicht ins Horn!
Galomir (sie erblickend). Ah. Ah.
Edrita. Ich bin's! Was mehr?
Galomir. Eh, fangen, fangen! (Er hascht nach ihr.)
Edrita. Was braucht's zu fangen, die du ja schon hast. Laß mir ein bißchen Raum, sitz ich zu dir.
Galomir (hastig rückend). Eh, eh!
Edrita. Du wirst mich doch nicht fürchten?
Galomir. Du schuld an allem!
Edrita. Ich? Was fällt dir ein!
Galomir. Der Vater!
Edrita. Nu, er wird wohl etwas zürnen, Doch, sprech ich ihn, setzt alles sich ins Gleis.
Galomir. Nein, nein!
Edrita. Nun, dann bist du mein Bräutigam Und ich die Braut, du mußt, du wirst mich schützen.
Galomir. Ha, ha!
Edrita. Ei, das gefällt dir!
Galomir (mit dem Finger drohend). Du!
Edrita. Wie, nicht? Je, weil ein wenig etwa ich gelacht, Als du in Graben fielst? Das war ein Sprung.
Galomir (den Arm reibend). Ah.
Edrita. Schmerzt's noch etwa?
Galomir (nach unten zeigend). Uh!
Edrita. Und auch der Fuß. Ein Ehmann muß an manches sich gewöhnen. Nun ziehst du aus und willst die beiden fangen?
Galomir (nach ihr greifend). Du, du!
Edrita. Nur mich allein? Wo bleibt dein Mut? Nein, nein! Du selber mußt die Flücht'gen haschen. Sie sind nicht fern!
Galomir (aufstehend). Ah! Wo?
Edrita. Nicht grad vor dir, Doch auch nicht weit. Sind zwei, doch du bewaffnet. Hier lehnt dein Spieß. (Da Galomir danach langen will.) Er liegt auch gut am Boden. Und dann dein breites ritterliches Schwert.
Galomir (ans Schwert schlagend). Ah, oh!
Edrita. Ich weiß, dein Arm ist stark. Nur neulich Schlugst du dem Stier das Haupt ab einen Streichs. Doch war der Kampf nicht billig. Du bewaffnet, Er blank und bar. Gib künftig auf den Vorteil, Dann kämpft ihr gleich mit gleich. Allein auch so. Ich will mich nur auf jene Seite setzen. (Sie setzt sich auf die andere Seite. Er macht ihr Platz.) Hier ist dein Schwert, das gut und stark. Doch schmucklos. Was gibst du mir, so knüpf ich dir ein Bändchen, Das, etwa blau, ich trug an meinem Hals (sie macht eine Schleife am Halse los) Wie, schau nur, dies. Das knüpf ich an dein Schwert.
Galomir (mit offner Hand ihr ins Gesicht greifend). Eh!
Edrita. Nur gemach!--Das wär' ganz artig, deucht mir. Zieh aus dein Schwert und lehn es zwischen uns, So machen sie's bei der Vermählung auch, Da liegt ein Schwert erst zwischen beiden Gatten.
(Er hat das Schwert neben sie gelehnt.)
Edrita (das Band um das Schwertheft windend). So knüpf ich denn--dann so--und wieder so (Sie hustet wiederholt.)
Galomir. Wie?
Edrita. Ei, ich bin doch allzu scharf gelaufen. Nun steht es schön. Nicht wahr? Ei, ei, wie artig.
(Sie schlägt wie erfreut die Hände zusammen; die Jünglinge, die schon früher leise vorgetreten, sind ganz nahe.)
Edrita (das Schwert umstoßend). O weh, es fällt!
Galomir. Mein Schwert!
Edrita. Heb's auf vom Boden.
(Sie tritt mit dem Fuße darauf. Galomir bückt sich.)
Edrita (stehend und auf Leon sprechend). Nur hier! Da liegt sein Speer. Nimm ihn nur auf. (Zu Galomir herabsprechend.) Was zögerst du?
Galomir (immer gebückt). Der Fuß--
Edrita (Atalus nach der andern Seite winkend). Du hier herüber. (Zu Galomir.) Ja so, mein Fuß, er steht auf deinem Schwert. Der böse Fuß! (Zu den beiden.) Nur hier.
Galomir (sich vom Boden aufrichtend). So heb ihn. (Er erblickt Leon, der, auf der linken Seite stehend, den Spieß gerade gegen seine Brust hält.) Ah! (Er sinkt auf den Sitz zurück.)
(Atalus ist indessen von der andern Seite gekommen und hat das Schwert aufgenommen.)
Edrita (steht auf und eilt auf Leons Seite). Du, reg dich nicht, sonst bringen sie dich um!
Atalus. Mich weht es an, hab ich doch nun ein Schwert!
Edrita (mit den Händen zusammenschlagend). Ei, das ist gut, ei, das ist gut! Fürwahr! (Zu Atalus.) Du, droh ihm auch!
Atalus (mit gehobenem Schwerte). Hier bin ich.
Leon (zu Galomir). Mir tut leid, Muß also ich an Euch die Worte richten. Es war nicht meine Wahl, doch ist's geschehn, Und da es ist, benütz ich es zur Rettung. Bleibt sitzen, Herr, Ihr seid in unsrer Macht. (Seinen Gürtel lösend.) Mit dieser Schnur bin ich genötigt, Herr, Zu binden Euch an dieses Baumes Stamm. Es hält nicht lange gegen Eure Kraft, Doch sind wir fern, kehrt ruhig zu den Euern.
Edrita. Ich halte dir den Spieß, doch regt er sich, Ist flugs er wieder dort in deiner Hand. (Galomirn den Speer zeigend, den sie umgekehrt gefaßt hat.) Du sieh!--Ja so! (Sie kehrt ihn um. Zu Atalus.) Du, droh ihm--droh ihm auch!
(Während Galomir nach Atalus blickt, der einen Schritt näher getreten, zieht Leon rasch die Schnur zwischen Galomirs Leib und Arme, auf die er sich rückwärts stützt, und bindet letztere am Baume fest.)
Galomir. Ah, oh!
Leon. Euch wird kein Leid, wenn Ihr Euch fügt.
Edrita. Du, bind ihn fest, er hat wohl Kraft für viele.
Leon. Es ist getan, und wohl für jetzt genug. Kommt, Atalus, Ihr seid mir anvertraut.
(Atalus tritt zu ihm.)
Edrita. Ich nicht? Da sorg ich denn nur selbst für mich. (Laut, wobei sie aber den Kopf verneinend schüttelt.) Wir gehn nun grade in den Wald hinein.
(Galomir hat indessen heftige Bewegungen gemacht.)
Leon. Er macht sich los.
Edrita (zu Atalus). Sorg du!
(Atalus nähert sich ihm.)
Edrita (leise zu Leon). Wenn auch! Wenn auch! Allein genügt er nicht, Ihr seid bewaffnet, Und zieht er unsre Leute zu sich her, Wird frei der untre Weg, der näh're, beßre, Und so erreichen wir den Strom vor ihnen. Leb wohl denn, Galomir, auf lange, hoff ich.
Leon. Und kehrt Ihr zu dem Vater dieses Mädchens, Sagt ihm, nicht ich--
Edrita. Ich selber, meinst du, nicht? Ich selber nahm die Flucht? Nun, sei bedankt Um all die Sorglichkeit für meinen Ruf. Doch weiß ich ja, daß du die Wahrheit sprichst; So laß uns schweigen, dann sind wir am wahrsten Und brauchen um nichts minder unsern Fuß. Komm, Atalus! (Sie geht nach der rechten Seite ab.)
Leon (Atalus nach sich ziehend). Ja, kommt!
Atalus. Er regt sich immer. Ich dächt', ein ringer Streich--
Leon. Was fällt Euch ein!
(Er zieht ihn fort. Beide Edriten nach, ab.)
Galomir (ihnen nachsehend, dann gegen seine Bande wütend). Ah!--Schurken--Oh--Mord Donner!--Oh, das Band! (Er versucht, mit den Zähnen sich der Schnur zu nähern.) Geht nicht! Und dort mein Horn. Blas an! (Das Haupt hinabgeneigt.) Geht auch nicht. (Rüttelnd) Verdammte Schurken! (Er sinkt ermüdet auf den Sitz zurück. Plötzlich mit einem listigen Gesichte.) Ih! (Es ist ihm gelungen, den rechten Arm zum Teil aus dem Bande zu ziehen, er rüttelt aber gleich wieder von neuem.) Sei ruhig, Mann! (Laut rufend.) Uh! Uh!--Hört nicht!--Der Arm! Es geht! Der Arm. Geht, Galomir, der Arm--Ah! Eh! (Er hat den rechten Arm aus dem Bande gezogen und greift sogleich nach dem Horne.) Er bläst. (Stößt ins Horn. Horchend.) Horch!--Nein! (Macht sich mit dem andern Arme los, den Weg der Fortgegangenen am Boden verfolgend.) Da! Da! In Wald--Eh, eh, kein Schwert. (Auf die leere Scheide schlagend. Er bleibt am Ausgange rechts stehen und stößt von neuem ins Horn. Ein entfernter Ruf antwortet.) Ah. Ha! Wo Männer, wo? (Neue Antwort, näher.) Ah, dort. Heran.
(Einer der Burgmänner kommt. Es ist der Schaffer. Nach und nach sammeln sich mehrere.)
Schaffer. Seid Ihr's?
Galomir. Ja, ja!
Schaffer. Saht Ihr die Flücht'gen?
Galomir (auf den Weg der Abgegangenen zeigend). Ah!
Schaffer (nach rückwärts zeigend). Kommt dort hinüber. Dort ist unser Pfad.
Galomir (auf den Weg rechts zeigend). Da, da!
Schaffer. Allein, der Herr befahl--
Galomir. Nein, da.
Schaffer. Doch sie entwischen uns, ich sag's Euch, Herr. Nach dortaus treffen allseit sich die Pfade.
Galomir. Ich selber sie gesehn. Gebunden.--Da. (Auf den Baum zeigend.)
Schaffer. Sie banden Euch?
Galomir (den Weg bezeichnend). Nur da. Und mir ein Waffen. (Er nimmt einem der Knechte den Kolben, ihn schwingend.) Aha!--Nur da!
Schaffer. Nun denn, wenn Ihr befehlt, Doch wasch ich nur in Unschuld meine Hände.
(Sie gehen nach rechts ab.)
Veränderung
Offene Gegend am Strom, der im Hintergrunde sichtbar ist. Am Ufer die Hütte des Fährmanns.
Der Fährmann und sein Knecht.
Fährmann. Die ganze Herde, sagst du, trieb er fort?
Knecht. Der Kattwald, ja. Wir waren auf der Weide, 's ist nun der zweite Tag. Und als er schied, Befahl er grinsend mir, Euch nur zu sagen: So treib' er Schulden ein, sobald sie fällig.
Fährmann. Die ganze Herde für so kleine Schuld? So sag ich mich denn auch für immer los, Der Wilden Trutz ist nicht mehr zu ertragen. Die Franken zahlen besser, sind auch besser. (Auf einen Baum zeigend, in den ein Bild eingefügt ist.) Sie schenkten dort mir jenes fromme Bild, Und wenn die Frucht man kennet aus der Saat, Gilt mehr ihr Gott als Wodan oder Teut.
Doch früher räch ich mich an jenen Argen. Dem Kattwald fang ich nur ein Liebstes weg, Ein Kind, ein Weib, den Nächsten seines Stamms, Und das soll bluten, zahlt er nicht mit Wucher, Was ungerecht er meiner Habe stahl.
Nun rüste mir den Kahn, ich will hinüber. Man sagt, die Franken brechen wieder los Und wollen jenes Ufer sich gewinnen, Das streitig ohnehin, bald des, bald jenes, Und spärlich nur bewohnt, zwei Tag' im Umkreis. Sie zielen wohl auf Metz, wo jene Teufel Ob ihrem Land die plumpe Wache halten. Doch wird's wohl nicht so bald; drum noch Geduld, Bis dahin heißt's verbeißen seinen Ärger. Nur jenem Kattwald tu ich's früher an. (Er geht in den Hintergrund, wo er sich am Flusse beschäftigt.)
Edrita (tritt von der linken Seite kommend rasch auf). Wir sind am Strom! (In die Szene sprechend.) Verbergt die Waffen nur, Im Notfall nehmt ihr leicht sie wieder auf.
(Die Jünglinge kommen.)
Hab ich mein Wort gehalten oder nicht?
(Leon eilt mit schnellen Schritten dem Ufer zu, von dort zurückkehrend, erblickt er den Baum mit dem Heiligenbilde und kniet betend davor nieder.)
Edrita (zu Atalus). Wie unvorsichtig! Jetzt dorthin zu knien.
Atalus. Da hat er recht. Man muß wohl also tun. (Er kniet auch hin.)
Edrita (zum Fährmann, der, die beiden betrachtend, vom Ufer nach vorn gekommen). Seid Ihr der Fährmann?
Fährmann. Wohl, ich bin's.
Edrita. Dem Grafen Im Rheingau ob nicht hörig, doch verpflichtet?
Fährmann. Dem guten Grafen Kattwald, ja.
Edrita. Nun denn! Die beiden, die du siehst, sind Knechte Kattwalds, Sie tragen seine Botschaft in das Land. Drum rüste schnell ein Schiff, ein gutes, rasches, Das sie hinüberführt und mich mit ihnen.
Fährmann. Des Grafen Kattwald?
Edrita. Wohl. Damit du glaubst, (leiser) Das Wort heißt: Arbogast.
Fährmann. Ja wohl, so heißt's. Das kommt mir recht gelegen, o fürwahr. (Seinen Knecht rufend.) He, Notger, hier! Die wackern Leute da, Sie tun für Grafen Kattwald ihre Reise, Des frommen Manns, der unsre Herden schützt. Mach immer nur das Schiff bereit. (Die Kappe ziehend, zu Edrita.) Verzeiht! Ich muß dem Knecht da Auftrag geben. (Leise zum Knecht.) Führ sie zum Schein in Strom. Dann suche Säumnis, Indes versamml' ich Freunde, Fischersleute--
Leon (der aufgestanden ist). Wo ist der Fährmann?
Fährmann. Hier.
Leon. Wir wollen über.
Fährmann. Ich weiß, ich weiß, in hohem Auftrag, ja!
Leon. Was spricht der Mann?
Edrita. Ich sagt' ihm, was du weißt, Daß ihr, die beiden, mit Graf Kattwalds Botschaft--
Fährmann. Und da gehorcht ein niedrer Mann, gleich mir.
Leon. Wenn Ihr's nur deshalb tut, und nicht für Lohn, Um dessen willen nicht, der prangt dort oben, (auf das Heiligenbild zeigend) So wißt: nicht in Graf Kattwalds Auftrag gehn wir, Und nicht mit seinem Willen sind wir hier.
Edrita. Leon.
Leon. Es ist so, und ich kann nicht anders.
Fährmann. Gehört ihr nicht zu Kattwalds Freunden?
Leon. Nein.
Fährmann. Ihr habt nur erst vor jenem Bild gekniet. Seid ihr vielleicht von jenen fränk'schen Geiseln? Es ward um einen kurz nur angefragt.
Leon. Wer fragte?
Fährmann. Wie es hieß, von seiten dessen, Der ihren Gläub'gen vorsteht in Chalons.
Atalus. Leon!
Fährmann. Ihr seid erwartet drüben; doch Liegt feindlich Land dazwischen weit und breit.
Leon. Nun, Gott wird helfen. Wer wir immer sei'n, Willst du den Strom uns nicht hinüberbringen, Versuchen wir denn anderwärts das Glück.
Fährmann. Halt noch! Und habt ihr Geld?
Leon (Münzen vorweisend). Wenn das genügt.
Fährmann. Nun denn, ich führe selber euch hinüber. Nicht weil ihr Kattwalds, nein doch, weil ihr's nicht. Denn wärt ihr's, lägt inmitten ihr des Stroms. Er ist mein Feind, und Rache lechzt die Brust.
Leon (zu Edrita). Siehst du, man ist nicht klug, wenn man nur klügelt.
Edrita (sich von ihm entfernend und auf Atalus zeigend). Ich geh mit dem. Was soll es weiter nun?
Fährmann (zu dem sein Knecht gesprochen hat, der sogleich wieder abgeht). Nun kommt, denn Reiter streifen durch die Gegend. Seid ihr entflohn, verfolgen sie wohl euch. Seht dort!--Folgt rasch!--Und dankt dem droben, (auf das Bild am Baume zeigend) Der euern Fuß, der euer Wort gelenkt.
(Sie gehen.)
Ein Krieger (der im Vorgrund auftritt). Halt da!
Fährmann. Halt selber du! Es liegt ein Wurfspieß Und auch wohl zwei im Kahn. Willst sie versuchen?
(Sie gehen ab.)
Krieger (zurückrufend). Hallo!
Zweiter Krieger (der im Hintergrunde links aufgetreten). Dort sind sie. (Er ist vorgeprellt, jetzt zurückweichend und sein Haupt schirmend.) Blitz! Sie haben Waffen.
Kattwald (auftretend). Wo da! Wo da?
Zweiter Krieger. Sie sind schon, seht, im Strom.
Kattwald. Verfolgt sie!
Zweiter Krieger. Ja, da ist ringsum kein Kahn. Doch an der Sandbank müssen sie vorüber, Dort rechts, da reichen wir mit unsern Pfeilen.
Kattwald. Schießt immer, schießt! Und träft ihr auch mein Kind, Weit lieber tot--verwundet wollt' ich sagen--, Als daß entkommen sie, mein Kind mit ihnen.
(Knechte haben sich rechts am Ufer aufgestellt.)
Knecht. Es ist umsonst. Sie staun mit Macht den Strom Und halten ihren Kahn scharf nach der Mitte.
Kattwald (wieder hineilend). Nicht also sie! Nicht sie? Nicht Rache! Rache! So werf ich mich denn selber in den Strom, Und kann ich sie nicht fassen, mag ich sterben.
Knecht (ihn zurückhaltend). Laßt ab! Vielleicht erreicht sie Galomir. Am Ende seines Wegs ist eine Furt, Da kommen dann noch drüben sie zu Schaden.
Kattwald (an seinem ausgestreckten Arm die Stellen bezeichnend). Die Hand, den Arm in ihrem Blute baden.
Fünfter Aufzug
Vor den Wällen von Metz. Im Hintergrunde ein großes Tor, die daran fortlaufenden Seitenmauern zum Teile von Bäumen verdeckt. Rechts im Vorgrunde eine Art Scheune mit einer Flügeltüre. Es ist vor Tag und noch dunkel.
Leon (öffnet die Tür der Scheune und tritt, jene hinter sich zuziehend heraus). Die Sonne zögert noch, 's ist dunkle Nacht, Und dunkel wie das All ist meine Brust.
(Zurückblickend.) Da liegen sie und schlafen wie die Kinder, Ich aber, wie die Mutter, bin besorgt. O daß ein Teil doch jenes stillen Glücks, Der Freudigkeit am Werk mir wär' beschieden.
(Nach vorn kommend.) So weit gelang's. Der Strom ist überschritten, Wir sind im Jenseits, das so fern uns schien. Zwar wohnen Feind' auch hier, doch weiß ich nicht, Die Gegend, sonst belebt und menschenvoll, Ist öd und leer, und der Begegner flieht. Zwar sichert das vor allem unsern Weg, Doch fehlt auch, der den Weg uns deutend künde.
Die Stadt hier deucht mich Metz, der Feinde Burg, Wo sie die Wache halten übers Land. Ist die im Rücken, nähert sich die Heimat. Ich wünschte Flügel unserm Zauderschritt, Doch wag ich's nicht, das Schläferpaar zu wecken, Sie sind ermüdet bis zum bleichen Tod. Trag du allein, Leon, trag du für alle.
Und wenn wir nun vor meinem Herren stehn! Wie tritt mit eins sein ehrfurchtheischend Bild Durch Nacht und Dunkel vor mein irres Auge! Sein letztes Wort war Mahnung gegen Trug, Und nun, wie bunt, was alles wir vollführt. Die Tochter aus dem Vaterhaus geraubt. Geraubt! Gestattet mindstens, daß sie folge. Wie werd ich stehn vor meines Herren Blick?
Und dann, was wird aus ihr, die uns gefolgt In kinderhaft unschuldigem Beginnen, Vertrauen schöpfend aus dem Gaukelspiel, Des Zweck war, zu entfernen das Vertrauen? Ich kann nicht glauben, daß sie jenen liebt, Den Jüngling Atalus, ist gleich sein Wesen Verändert und gebessert seit der Zeit, Als er hinweg schied aus der wilden Fremde. Erst schien sie mir mit Neigung zugetan, Doch trieb mein Weigern, achtlos ernstes Mahnen Von mir sie fort zu ihm.--Sie liebt ihn nicht, Und doch geht jedes Wort, das sie ihm gönnt, Wie Neid und Haß durch meine trübe Seele.
Nur in der Nachtruh' erst, da fiel ihr Haupt Im Schlaf herabgesenkt an meine Brust, Ein stärkrer Atemzug klang wie ein Seufzer, So warm das Haupt, so süß des Atems Wehn, Mir drang es fröstelnd bis ins tiefste Mark: Vielleicht denkt sie an ihn.--Da stand ich auf, Gab einem andern Kissen ihre Schläfe Und ging heraus und plaudre mit der Nacht.
Der Osten graut, der Tag, scheint's, will erwachen. Vielleicht erkenn ich nun des Weges Spur, Vielleicht, daß in der sonderbaren Öde Ein Wanderer--Horch, war das nicht ein Schritt? Was soll die Vorsicht da, wo Vorsicht hemmt?
(An der linken Seite leise rufend.) Ist hier ein Mann? Geht jemand diese Wege? Nun wieder still.--Doch nein. Wer geht? Gebt Antwort!
Knecht Kattwalds (der hinter ihm auftritt und ihn rückwärts faßt). Die Antwort hier!
Leon. Verrat.
Erster Knecht. Du selbst Verräter!
Zweiter Knecht (links im Vorgrunde auftretend). Ist er's?
Erster Knecht (mit Leon ringend). Er macht sich los!
Zweiter Knecht. Ich komme.
Leon (hat sich losgerungen). Fort! Eh' nicht mein Amt vollendet, fängt mich niemand. (Er geht wieder nach der andern Seite.)
Kattwalds Schaffer (kommt). So habt ihr sie?
Erster Knecht. Dort einer.
Schaffer. Nu, wo der, Dort sind die andern auch. Kommt nur heran!
Galomir (tritt auf). Ha du! Das Mädchen wo? Eh, oh, mein Schwert. (Er zieht sein Schwert.)
Schaffer. Seid ruhig nur, sie können nicht entrinnen.
Leon. Lechzt ihr nach meinem Blut, wohl denn, hier bin ich; Die Rache sucht des Schadens Stifter ja. Wollt ihr das Mädchen, eures Herren Tochter? Ich will sie bitten, daß sie mit euch zieht, Und geht sie, gut; wenn nicht, so steht mein Blut (die Hand an ein dolchartiges Messer legend, das er im Gürtel trägt) Für sie auch ein, wie ganz für jenen andern.
Schaffer. Wo sind die beiden, sprich! Hier hilft kein Leugnen.