Wegweiser durch das sächsisch-böhmische Erzgebirge

Part 6

Chapter 63,346 wordsPublic domain

In Scharfenstein überschreitet man auf der »Kuhbrücke« die Zschopau, geht fast bis zur Griesmühle (Griessbachmühle) und wendet sich dann links lehnan in einen angenehmen Wiesengrund. Bei der Gabelung des Baches geht man geradeaus und kommt so nach +Venusberg+ (1164 E.), von wo ein Weg durch das Rittergut hindurch, bei einem Göpel vorbei, in ¾ Std. nach +Herold+ (850 E.), führt. Man ist hier auf der Weissbach-Annaberger Chaussee und diese verfolgt man, bis sich der Grund etwas erweitert; dann geht man rechts, überschreitet auf schwankem Stege (bei einem Wehre) den Wiltschbach, erreicht Stadt +Thum+ und steigt von da, hinter dem Rathskeller weg, zu dem Greifenstein empor. -- Man kann auch auf der Weissbach-Annaberger Strasse bis +Ehrenfriedersdorf+ gehen und von hier aus (am besten mit Führer) den Greifenstein besteigen; doch ist der Weg etwas weiter.

Der +Greifenstein+, 2234´ ü. M., im Ehrenfriedersdorfer Freiwalde gelegen, ist eine merkwürdig-groteske, auch von der Sage vielfach umwobene Felsbildung. Auf einem Sockel von Gneis sind 7 freistehende, 30--50 Ellen hohe Granitmassen aus lauter über einander gelagerten Platten aufgethürmt, so dass man Cyklopenmauern oder die Reste einer grossen Burg vor sich zu sehen meint. Die eine Gruppe ist besteigbar und gewährt -- in der benachbarten Restauration erhält man ein gutes Fernrohr -- eine glänzende Umschau. Südwärts liegt der ganze Kamm des Erzgebirges vor uns und lässt die wichtigsten Höhepunkte, als Auersberg, Fichtel- und Keilberg, Scheibenberg, Pöhlberg, Bärenstein, Hassberg pp. deutlich erkennen; im Westen und Osten schliessen sich die wellenförmig gestalteten, von Thälern und Einschnitten reichlich durchsetzten Abhänge des Erzgebirges an und im Norden sieht man den Kolmberg, die Rochlitzer Berge und selbst den Petersberg bei Halle. Dazwischen begegnet das Auge in allen Richtungen den Wohnplätzen der Menschen. Man erblickt die Schlösser Frauenstein, Augustusburg und Sachsenburg, die Städte Thum, Geyer, Schlettau, Scheibenberg, Annaberg, Sayda, Frauenstein, Schellenberg, Mittweida, Hohenstein, Altenburg, Leipzig pp. und eine Menge von Höfen und Dörfern.

Vom Greifenstein gelangt man auf angenehmem Waldweg nach der nur ½ Stunde entfernten Bergstadt +Geyer+.

+Thum+, Stadt, 1579´ ü. M., mit 2625 E., treibt Feldwirthschaft, Bergbau, Strumpfwirkerei und Posamentirerei. In der Nähe kommt ein besonderes Mineral, der Thumer Stein, vor. Bei Thum hat am 15. Januar 1648 ein Gefecht, des 30jährigen Krieges letzter Kampf in Sachsen, statt gefunden, weshalb vom Annaberger Zweigverein der Gustav-Adolph-Stiftung 1848 allda ein Denkstein errichtet worden ist.

+Ehrenfriedersdorf+, Stadt, 1676´ ü. M., mit 3026 E. Gleiche Erwerbsquellen wie Thum. Ringsherum und besonders am Sauberge bedeutende Berghalden von früheren Zinn- und Silbergruben. (An eine der Gruben knüpft sich auch eine merkwürdige Erzählung: »Die lange Schicht«). Für Mineralien ist die Gegend von Ehrenfriedersdorf ein reicher Fundort. -- Zwischen Ehrenfriedersdorf und Thum standen früher Arsenikwerke (»Gifthütten«) in deren Nähe von den ausströmenden Dämpfen alle Vegetation erstickt wurde. Die also verödete Gegend hat davon den Namen »Elend« bekommen.

+Geyer+, Stadt, 1856´ ü. M. mit 4260 E. hatte ehemals blühenden Bergbau, auf welchen die am 11. Mai 1802 entstandene, gegen 70 Ellen tiefe Binge deutlich hinweist; jetzt ist derselbe erloschen; dafür treibt man Posamentiererei und Strumpfwirkerei. -- Durch heftiges Sturmläuten beim sächsischen Prinzenraube sprang (1455) in Geyer die grosse Glocke und wurde darnach auf kurfürstliche Kosten umgegossen. -- In der Nähe von Geyer liegt +Siebenhöfen+; bekannt, weil der um die sächsische Baumwollenspinnerei sehr verdiente +Eli Evans+ sich daselbst 1812 eine eigne Spinnmühle errichtete.

XVI. Route: Von =Olbernhau= über =Zöblitz= nach =Marienberg=.

Von Olbernhau nach +Grundau+ (53 E.), dann auf einem Fusswege, welcher die Chaussee links lässt, nach dem mittleren Theil von +Ansprung+ (926 E.) und weiter auf der Strasse nach +Zöblitz+. Besuch der Serpentinsteinbrüche und einiger Werkstätten für Serpentinsteindrechselei. Am nordwestlichen Ende der Stadt, in der Nähe des Forstamtes, rechts hinab in das Thal der schwarzen Pockau, um die Ruine +Niederlauterstein+ zu besteigen. Von dieser zurückgekehrt, auf angenehmem Wiesenpfade, welcher an der Pockau aufwärts führt, zum Gasthofe »Kniebreche« an der Zöblitz-Marienberger Chaussee. Unterwegs zeigt sich zur Linken bald ein Felsenvorsprung, auf welchem vormals die Burg +Oberlauterstein+ gestanden hat; zur Rechten lugen später von der Höhe einzelne Häuser herab, welche zu dem Dorfe Rittersberg (312 E.) gehören. Von der »Kniebreche«, bei der die rothe und die schwarze Pockau zusammenrinnen, folgen wir (mit Führer!) dem Thal der letzteren und gelangen so zum »schwarzen Grund«, der wildesten Gegend des ganzen Erzgebirges. Nachdem wir die hohen, fast senkrecht aufsteigenden Felsen und die tosende Pockau betrachtet haben, erklimmen wir den Katzenstein und geniessen von einer weit vorspringenden Felsenplatte die Aussicht auf das eben verlassene Thal und dessen Umgebung. Vor uns liegt in jäher Tiefe der »schwarze Grund«; zur Linken gewahren wir eine ungeheure Felsenwand, die Ringmauer genannt, gegenüber eine fast isolirte Bergspitze, auf welcher ehemals ein Raubschloss gestanden haben soll, und dahinter den grossen Kriegwald. -- Vom Katzenstein gehen wir durch den Wald nach dem Dorfe Pobershau (1426 E.) und von da über Wildenburg nach Marienberg.

+Zöblitz+, Stadt 1728´ ü. M., mit 1824 E. Mehrmals, besonders 1854, durch Brandunglück heimgesucht. Die Serpentinsteinbrüche befinden sich auf dem nach Ansprung hin streichenden Höhenzuge, »die Harthe« genannt. Die Schichtung ist also: oben liegt der untaugliche Kammstein, dann folgt der blaue Horn- oder Lawetzstein und zu unterst erst die brauchbare Masse. Seit 1613 hat Zöblitz eine besondere Steindrechslerzunft: 40 Innungsmeister fertigen Apothekerschalen, Wärmsteine, Büchsen, Schreibzeuge, Briefbeschwerer, Grabsteine pp. -- Neuerer Zeit sind die Brüche, welche nicht sonderlich gehalten waren, in den Besitz einer Actiengesellschaft übergegangen und werden nun rationell abgebaut.

Die Burg +Oberlauterstein+ ist in dem Hussitenkriege, Burg +Niederlauterstein+ im 30jähr. Kriege zerstört worden.

+Marienberg+, Stadt 1864´ ü. M., mit 5518 E. Verdankt seine Gründung -- sie geschah 1521 durch Herzog Heinrich d. Frommen -- dem Bergbau, treibt jetzt aber meist Feldwirthschaft, Grenzhandel und Spitzenklöppelei; auch hat es neuerer Zeit eine Flachsbereitungsanstalt. Die Stadt ist regelmässig angelegt, hat einen schönen, mit Linden bepflanzten Markt und eine sehenswerthe gothische Kirche. In der Kirchenbibliothek befindet sich ein werthvolles Manuscript, »die Coss« betitelt, von Adam Riese (vgl. Programm d. Annaberger Realschule v. J. 1860).

XVII. Route: Von =Marienberg= über =Wolkenstein= nach =Annaberg= und =Buchholz=.

Auf der Marienberg-Wolkensteiner Chaussee bis an den Wald, dann auf dem in das Holz einmündenden Fahrwege bis an ein Bergwerk und von da auf einem Fusssteig über das bereits sichtbare Dorf +Geringswalde+ nach dem +Wolkensteiner Warmbad+, welches ausser der Quelle und den verschiedenen Wirthschaftsgebäuden angenehme Anlagen und Spaziergänge darbietet. Nach Besichtigung des Bades kann man sich direkt nach Wolkenstein wenden, gerathener aber ist es, an dem vorhandenen Bache, durch einen wilden Grund hinab ins Thal der Zschopau zu gehen, hier den Flossplatz und den Lauf der Eisenbahn anzusehen und nun erst -- der Weg führt einige Zeit an dem Flusse aufwärts -- nach Wolkenstein emporzusteigen. Allda besucht man vor Allem das Schloss, welches auf einem 250 Fuss hohen, jäh' nach der Zschopau abstürzenden Felsen erbaut ist. Die südlichen Schlossfenster und mehrere Stellen am Schlossrande gewähren eine prächtige Aussicht auf das Zschopauthal und die in demselben sich hinwindende Eisenbahn, sowie auf die umliegenden Höhen und einen Theil des Obergebirges. Auch ladet der ganze Bergabhang, von seinem reichen Bestande an Bäumen und Sträuchern der »Haag« genannt, zu einem Spaziergange ein, wenn auch die Wege mühsam dem Boden abgewonnen und etwas steil sind.

Von Wolkenstein kann man verschiedene Wege nach Annaberg (Buchholz) einschlagen. Entweder geht man auf der Chaussee, an den untern Häusern von Schönbrunn vorbei, nach +Wiesenbad+, betrachtet hier die Sehenswürdigkeiten und wendet sich dann auf der Strasse nach Annaberg. Oder man benutzt von Wolkenstein bis Wiesenbad die Eisenbahn, sieht sich in dem Orte um und fährt mit einem späteren Zuge nach Annaberg. Oder endlich man geht von Wolkenstein durch den Haag nach dem sogenannten Prinzessinnenweg, verfolgt diesen und wendet sich kurz vor Einmündung der Pressnitz linkshin nach Finsterau und von da über Streckewalde und Himmelmühle nach Wiesenbad, von wo Annaberg leicht zu erreichen ist. -- Der dritte Weg ist der empfehlenswertheste, doch würde er noch angenehmer sein, wenn an der Spitze, welche Zschopau und Pressnitz mit einander bilden, ein Steg über Letztere führte und man so im Zschopauthale aufwärts nach Himmelmühle und Wiesenbad gelangen könnte.

+Bad Wolkenstein+ ist der wärmste (30° C.) Gesundbrunnen Sachsens und mit Vortheil gegen Gicht, Rheuma und ähnliche Krankheiten anzuwenden. Die ziemlich tief liegende Quelle ist in neuerer Zeit frisch gefasst und dadurch gegen Zufluss von »wilden Wässern« geschützt worden.

+Wolkenstein+, Stadt, 1446´ ü. M., mit 2075 E. Lebt von Ackerbau, Spitzenklöppeln und Posamentiererei. Sehenswerthe Kirche. Das Schloss besteht aus einem älteren, in Trümmern liegenden, und einem neueren, noch erhaltenen Theil. Auf Schloss Wolkenstein haben im 15. und 16. Jahrhundert wiederholt sächsische Fürsten, besonders Georg d. Bärtige und Heinrich d. Fromme gewohnt; an Letzteren erinnert auch das von Wolkenstein ⁵/₄ Stunde entfernte Lehngut +Heinzebank+ (Heinrichsbank).

+Wiesenbad+, freundlicher Kurort im Zschopauthale, hat ausser dem nahen Lustwäldchen noch andere interessante Punkte: so den +grossen Riss+, den +Chocoladenfelsen+ und den +Amethystenbruch+. Die Quelle, 26° C. warm, hat ähnliche Wirkungen wie das Wolkensteiner Bad, zeigt sich aber von ganz besonderem Nutzen bei scrophulösen Kindern. -- In der Nähe des Bades ist eine grosse Flachsspinnerei.

+Annaberg+, wichtigste Stadt des Obererzgebirges, an dem der Sehma zugekehrten Abhange des Pöhlberges, ziemlich abschüssig, -- 1700 bis 1980´ ü. M. -- gelegen, mit 11,693 E. Verdankt seine Entstehung dem Silberbergbau, welcher der Sage nach durch +Daniel Knapp+, den Urkunden nach durch +Kaspar Niezelt+ aus Frohnau in Aufnahme gekommen ist (1492). Die reiche Ausbeute lockte viele Bergleute und Grubenherren, Handwerker, Händler und Glücksritter herbei, so dass die »wilde Ecke« -- so hiess damals die in Rede stehende Gegend -- zahlreich besiedelt wurde. Dies gab Herzog Georg dem Bärtigen Veranlassung, allda (21. Septbr. 1496) eine Stadt zu gründen, welche anfangs »Neustadt am Schreckenberge«, darnach aber »St. Annaberg« genannt wurde. Am ergiebigsten zeigten sich die Erzgänge im 16. Jahrhundert, und diese Zeit ist es, wo die Annaberger Bergherrn wegen ihrer Ueppigkeit[10] verrufen waren. Annaberg hatte damals seine eigene Münzstätte (an sie erinnert die heutige Münzgasse) und schlug Geldstücke, welche von dem Fundorte »+Schreckenberger+« und von dem Gepräge »+Engelsgroschen+« hiessen. Die Ausbeute war bisweilen so gross, dass das Silber in Erzkuchen, also ungemünzt, vertheilt werden musste. Aber wie anderwärts, so hielt auch bei Annaberg der reiche Bergsegen nicht aus. Und als im 30jährigen Kriege noch Noth und Elend an die Bewohner herantrat, da kam der dasige Bergbau fast zum Erliegen und hat sich seitdem trotz mehrfacher, namentlich in neuester Zeit gemachter Versuche nicht wieder in Aufschwung bringen lassen. Das Sinken des Bergbaues war jedoch die Ursache, dass das durch +Barbara Uttmann+ (1561) aufgebrachte Spitzenklöppeln in und um Annaberg rasche Verbreitung fand und die Stadt dadurch, sowie durch die von +Georg Einenkel+ (1589) in Buchholz eingeführte und von da nach dem Nachbarort gekommene Posamentiererei eine ganz neue wirthschaftliche Grundlage erhielt. Was Annaberg damals als Bergstadt verlor, das gewann es bald darauf als +Handels-+ und +Industriestadt+ wieder und eine solche ist es auch bis auf unsere Tage, wo zu den vorhandenen Erwerbszweigen noch die Seidenweberei, die Crinolinfabrikation u. s. w. gekommen sind, geblieben.

+Sehenswürdigkeiten+: In Annaberg besucht man zunächst die Haupt- oder Annenkirche, welche mit reiner Kreuzesform im gothischen Style erbaut (1499--1519) ist. Der Hauptaltar enthält 10 Sorten Marmor und stellt in herrlicher Skulptur den Stammbaum Christi dar. Ausserdem sind noch drei Altäre: der Bergaltar (mit interessanten Bildern aus dem früheren Bergmannsleben), der Münzeraltar und der Bäckeraltar vorhanden, wie denn überhaupt die Kirche mit grosser Schonung für den protestantischen Kultus umgewandelt worden ist. Beachtenswerth sind ferner: die steinerne mit vieler Bildhauerarbeit gezierte Kanzel, die goldene Pforte, (1577 aus dem hiesigen Kloster entnommen), der becherförmige Taufstein (1560 aus dem Grünhainer Kloster anher versetzt) und neben anderen Gemälden besonders das von Lukas Kranach herrührende Bild (die Ehebrecherin vor Christus). An den Emporen sieht man 100, in gebrannter Erde ausgeführte Darstellungen aus der biblischen Geschichte; doch haben sich unsere Vorfahren auch nicht versagt, an der Brüstung der beiden Seitenchöre die Lebensalter der beiden Geschlechter sinnbildlich in humoristisch-satyrischen Reliefs anzubringen. -- Der kegelschiebende Engel, welcher sich über dem Eingang zur »alten« Sakristei befindet, wird von Vielen für ein Wahrzeichen der Stadt gehalten. Die Thüre zu dieser Sakristei trägt interessante Schlösser, wahre Muster der alten Schlosserkunst. In der Sakristei selbst ist ein Tetzel'scher Ablasskasten zu sehen. -- Im Jahre 1833--34 sind durch architectonisches Missverständniss aus den schadhaften Fenstern die gothischen Verzierungen und steinernen Zwischenrahmen herausgenommen und durch schlichtes Holzwerk ersetzt worden; neuerer Zeit aber werden die Fenster stylgemäss mit steinernem Maass- und Laubwerk wieder hergestellt. -- Die ganze Kirche macht sowohl in Grösse als Bauart einen erhebenden Eindruck. Dies geht auch aus den Worten Johann Friedrich des Grossmüthigen hervor, der zu Herzog Georg, nachdem er mit diesem einem katholischen Gottesdienst in der Hauptkirche beigewohnt, sagte: »Der Gebauer ist wohl schön, nur der Vogel darin singt nicht gut.«

Ausser der Hauptkirche besuche man die Bergkirche, die einzige Sachsens, und die Hospital- oder Trinitatiskirche sammt dem dahinter liegenden Gottesacker. An der Hospitalkirche ist aussen, nach dem Friedhofe zu, eine Kanzel angebracht, von welcher am Trinitatisfest die Predigt gehalten wird. In dem vordern Theile des Kirchhofes steht ein Kruzifix, dessen Umgebung früher in hohem Ansehen stand, weil man annahm, dass bei der Einweihung des Gottesackers (1519) die aus Rom geholte heilige Erde daselbst verstreut worden sei (vergl. jedoch: »Der Gottesacker zu Annaberg« von Dr. Spiess, S. 131). Rechts davon sieht man die weitberühmte Linde, deren flachgewachsene Aeste durch 23 Pfeiler gestützt sind. Der Sage nach soll dieser Baum vormals umgekehrt gepflanzt worden sein, um einen Zweifler zum Glauben an die Auferstehung zu bekehren. Etwas vor dem Kruzifix steht das Denkmal der +Barbara Uttmann+, der Erfinderin des Spitzenklöppelns. Dasselbe ist der unvergesslichen Wohlthäterin des Erzgebirges im Jahre 1834 durch August Eisenstuck, damaligen Chef der Eisenstuckschen Handlung, errichtet worden und trägt die Inschrift:

Ein thätiger Geist, eine sinnige Hand, Sie ziehen den Segen ins Vaterland.

Von dem ehemaligen Franziskaner-Kloster, welches 1502 gegründet und 1540 aufgehoben worden ist, stehen nur noch geringe Ueberreste zwischen der Oberforstmeisterei und dem neuen Bezirksgericht. -- Zu Annaberg hat auch von 1515--59, anfangs als Probirer und dann als Gegenschreiber, der weltbekannte Rechenmeister +Adam Riese+[11] gelebt, und noch jetzt heisst das Gut in der Nähe der Stadt, das er besessen, die »Riesenburg.« Ebenso ward allda 1726 der Kinderfreund Ch. F. +Weisse+ geboren, zu dessen Ehren man bei seinem hundertjährigen Geburtstage eine milde Stiftung errichtet hat.

+Ausflüge:+ Der Pöhlberg gewährt auf seinem Plateau eine gute Aussicht und zeigt an seinem Nordostabhange mächtige Basaltsäulen, von dem Volke »die Butterfässer« genannt. Ausser Besteigung dieses Bergkegels sind Spaziergänge nach der Wolfshöhle und der Wäsche, nach dem Markus Röhling und dem Schreckenberge, nach der Bäuerin und dem Teufelsfelsen, sowie in die Umgebung von +Buchholz+ (s. weiter unten) anzurathen; als weiterer Ausflug empfiehlt sich ein Besuch des Greifensteins (s. S. 93) oder des unteren Pressnitzthales, von Finsterau bis Schmalzgrube (s. T. XVIII. S. 53).

+Buchholz.+ -- Nur zehn Minuten von Annaberg, am linken Ufer der Sehma, den östlichen Abhang des Schottenberges bedeckend, liegt die Stadt +Buchholz+, eigentlich St. Katharinenberg im Buchholz geheissen, 1793´ ü. M., mit 4854 E. Sehenswerth sind hier: Die gothisch gebaute Hauptkirche und die Begräbnisskapelle, beide mit werthvollen Gemälden aus der Wohlgemuth'schen Schule. Auch verdienen die Waldanlagen und das Waldschlösschen einen Besuch.

Die Nähe der beiden Städte Annaberg und Buchholz erklärt sich daraus, dass bei der Ländertheilung 1485 die Sehma einen Theil der Grenze zwischen dem albertinischen und ernestinischen Sachsen bildete, so dass die Gegend von Annaberg herzoglich und die von Buchholz kurfürstlich war.[12] Der angegebene Umstand ist auch der Grund, warum in Buchholz die Reformation früher (1523) als in Annaberg (1539) eingeführt wurde. Im Allgemeinen aber haben beide Städte, die fast gleichzeitig (A. 1496; B. 1504) und aus gleichem Anlass (wegen Auffindung von Silber) entstanden sind, eine gleichmässige Entwicklung gehabt. Wie Buchholz die Heimath für die Posamentirerei, so ist Annaberg die für das Spitzenklöppeln gewesen, und noch heute gelten beide für einen gemeinsamen Vorort der Spitzen- und Posamentenfabrikation.

+Spitzenklöppeln:+ Ueber das Spitzenklöppeln sagt der Verfasser der Lebensbilder vom sächsischen Erzgebirge ungefähr Folgendes: »Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster eifrige Klöpplerinnen; in der schönen Jahreszeit trifft man ganze Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien; im Winter kommen die Klöppelmädchen Abends zusammen und arbeiten gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der Klöpplerin ist allerdings nicht sonderlich anmuthig, indem sie beim Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugt; die reizenden Bewegungen ihrer Hände aber lassen sich eben so schwer darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers. Wirklich erinnert das federleichte und blitzschnelle Spiel der klöppelnden Hände ebenso sehr an die Fingerfertigkeit der musikalischen Virtuosen, als an die der Taschenspieler. Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleich zum Gebrauch der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Und die Verwunderung über die Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das äusserst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient. Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuss langen, mit Kattun umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelkissen (Klöppelsack), das mit einer grossen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der Klöppel selbst ist ein 4--5 Zoll langes, zur Form eines Trommelklöppels gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne Hülse von 2 Z. Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man um einige Pfennige. Zu schmalen Spitzen gehören 2--4, zu breiten wohl Hundert Paare. Um die Mitte des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchem das Muster durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief, geschlungen. Zunächst werden so viele Fäden, als das Muster erfordert, auf ebenso viele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln, welches im Wesentlichen nichts ist, als eine kunstvolle Art zu flechten. Die Arbeiterin fasst mit den Fingerspitzen bald der rechten, bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten. Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben gebraucht wurden und bis auf Weiteres entbehrlich sind, dadurch, dass sie dieselben mit einer grossen Aufstecknadel seitlich am Kissen feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter zu arbeiten. -- Es ist begreiflich, dass die Fertigkeit, mit welcher die Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur durch Uebung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch Kinder schon im 4. und 5. Lebensjahre zu klöppeln anfangen. Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst ausser den Familien mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.«

XVIII. Route: Von =Annaberg= über =Satzungen= nach =Kommotau=.

Bei'm Annaberger Schiesshause, rechts auf dem Fahrwege, zu dem vorliegenden Höhenrücken empor und dann auf einem Fusspfade hinab nach dem grossen, an den Ufern der Pöhla gelegenen Dorfe +Königswalde+ (2454 E.). Nach Ueberschreitung der Brücke geht man links um die Kirche und steigt auf einem Feldwege das anstehende Gelände hinan; oben gelangt man in einen jungen Fichtenwald und, in diesem sich links haltend, auf die Jöhstadt-Grumbacher Chaussee, welche bald nach Grumbach (1291 E.) hineinleitet. Ohne Aufenthalt wird dieses kahle Gebirgsdorf durchwandert, um, mit einer Wendung nach rechts, zu dem malerisch an der Pressnitz gelegenen Dorfe +Schmalzgrube+ (327 E.) hinabzusteigen. Dieser Ort erfüllt den engen, aber reizenden Thalkessel, der durch Einmündung des von Jöhstadt kommenden Schwarzwassers in die Pressnitz gebildet und fast ringsum von trefflich bewaldeten Bergwänden umgeben wird. Nunmehr wendet man sich dem Dorfe +Satzungen+ (1088 E.) zu. Der Weg dahin, eine Halbchaussee, geht von Schmalzgrube links den Abhang hinan und ist wegen Steilheit und Länge der Berglehne anfangs etwas beschwerlich, wird aber nach Erklimmung der Höhe, wo er durch einen schönen Buchenwald führt, wieder bequemer. Von Satzungen, in dessen Nähe man den Hirtstein und Hassberg gut sehen kann, begiebt man sich, das Dorf Ulmbach links lassend, nach der böhmischen Grenzstadt +Sebastiansberg+ (Bassberg) und erreicht hier die Reitzenhainer Strasse, welche über Krima, Domina, Schönlind und Oberdorf nach +Kommotau+ führt und eine prächtige Aussicht auf das böhmische Mittelgebirge und die reiche Gegend zwischen Saatz und Postelberg gewährt. -- Wer einen Erlaubnissschein löst, kann von Krima auch der Weipert-Kommotauer Eisenbahn folgen und so die Windungen beobachten, welche der Schienenstrang überhaupt und besonders am Borberge machen muss, um von dem Bassberger Plateau nach dem Kommotauer Flachlande hinabzusteigen.

+Sebastiansberg+, Stadt, fast am Gebirgskamme gelegen, mit 2000 E., hat Grenzverkehr und viel Holz- und Viehhandel.

+Kommotau+ s. S. 85.

XIX. Route: Von =Annaberg= über =Jöhstadt=, =Pressnitz=, =Sonnenberg= und den =Hassenstein= nach =Brunnersdorf=.