Wegweiser durch das sächsisch-böhmische Erzgebirge
Part 2
=Fussreisen.= -- Zu Wanderungen verwendet man nicht neues, sondern schon etwas getragenes Schuhwerk. Wer mit den Fussnägeln Mühe hat, muss dieselben einige Tage vor der Reise in besondere Pflege nehmen, sie mässig beschneiden und etwa zu starke Nägel nach einem Fussbade in überschlagenem Wasser (17--18° R) wiederholt mit einem Glasstücke etwas dünner schaben. Auf der Reise selbst wird früh aufgebrochen und die grössere Hälfte des Weges Vormittags zurückgelegt. Während der Mittagsstunden, d. i. vor und nach der Mittagsmahlzeit, sei Rast. In den ersten Reisetagen stelle man seine physischen Kräfte nicht auf eine zu harte Probe; später kann man grössere und anstrengendere Touren zurücklegen. Beim Marschiren hat sich von jeher die Regel bewährt, dass man gleichmässig und nicht zu schnell ausschreite, sich aber auch nicht zu oft der Ruhe hingebe, sondern in möglichst abgemessenen Entfernungen pausire. Auf solche Art geräth Puls und Lunge in nicht zu schlimme Aufregung. Bergan wähle man daher ein langsames Tempo: ein von Anfang an gleichmässig anhaltender, wenn auch gemächlicher Schritt, bringt schneller und besser zum Ziele, als zu grosse Hast. Auf einer Höhe angelangt, werde der Rock fest zugeknöpft und der Plaid umgehangen; findet man droben ein Wirthshaus, so kühle man sich darin durch langsames Herumgehen eine Viertelstunde ab; erst dann setze man sich der Zugluft aus. Jeder rasche Uebergang von grosser Anstrengung zur Ruhe -- wie das plötzliche Niederlegen nach starken Tagesmärschen -- ist zu vermeiden. Die Abkühlung will angebahnt, die Ruhe vermittelt sein; fühlt man sich dann ja einmal sehr erschöpft, so wird Waschen mit kaltem Wasser, Einreiben der Waden und Füsse mit Kornbranntwein oder Rum gute Dienste leisten. Sind die Füsse wund geworden, so bestreiche man sie mit Hirschtalg, doch werden auch einige Tropfen Collodium hierbei, wie auch bei Schnittwunden, erfolgreich wirken. Blasen dürfen nicht aufgeschnitten, sondern nur vermittelst einer Nadel mit wollenem Faden durchzogen werden.
=Reisepläne.= -- Die später mitgetheilten Reisepläne sollen für den Wanderer nichts als unmassgebliche Vorschläge sein, doch werden sie ihm das Material bieten, sich eine seiner Zeit und Absicht entsprechende Tour zusammenzustellen. Die Bereisung des ganzen Erzgebirges erfordert 3--4 Wochen. Als geeigneter Eintrittspunkt ist im Osten +Dresden+, im Westen +Zwickau+ und im Centrum +Chemnitz+ zu empfehlen. Interessante Ausflüge lassen sich von jedem erzgebirgischen Orte aus machen. Die angegebenen »Nebentouren« werden am besten in +Döbeln+ begonnen.
Damit der »Wegweiser durch's Erzgebirge« nicht zu stark und theuer wurde, musste die Beschreibung der einzelnen Routen und Ortschaften etwas knapp gehalten werden; eben darum wurden etwaige Sagen nur angedeutet, nicht ausführlich mitgetheilt.
Das Erzgebirge.
=1. Ausdehnung und Gestaltung.= -- Das Erzgebirge ist ein mächtiger 18--20 Meilen langer Gebirgszug des mittleren Deutschland. Bei ostnordöstlicher Richtung erstreckt es sich von den Quellen der (weissen) Elster, wo es durch das voigtländische Hügelland mit dem Frankenwalde und dem Fichtelgebirge zusammenhängt, bis zu den Quellen der Gottleuba, wo es in das Elbsandsteingebirge übergeht. Im Süden fällt es steil wie eine Mauer ab und findet seine Begrenzung bis Kaden durch die Eger und, nach der kurzen Strecke Kralup-Kommotau-Görkau, durch den Bielafluss, welcher über Brüx, Bilin und Aussig der Elbe zurinnt. Im Norden dacht es sich allmälig zum sächsischen Tieflande ab, wobei Hügelwelle hinter Hügelwelle erscheint und das ganze Gelände sich als eine von vielen Flussfurchen durcharbeitete Berglehne darstellt.
=2. Eintheilung.= -- Der Hauptrichtung nach zerfällt das Erzgebirge in 3 Theile: in das +westliche+, in das +Central-+ und in das +östliche+ Erzgebirge. Das +westliche+ Erzgebirge liegt zwischen der oberen Elster und dem Schwarzwasser, beziehentlich der Zwickauer Mulde; das +Central-Erzgebirge+ zwischen dem Schwarzwasser und der Freiberger Mulde und das +östliche Erzgebirge+ zwischen der Freiberger Mulde und der Gottleuba, beziehentlich der Elbe.
In der Richtung von Süd nach Nord unterscheidet man das +obere+ und das +niedere+ Erzgebirge; jenes reicht von dem zusammenhängenden Kamme, der eine durchschnittliche Höhe von 2500 Fuss hat, etwa bis Falkenstein, Schneeberg, Thum, Wolkenstein, Frauenstein und Schmiedeberg; dieses von den genannten Orten bis in die Gegend von Zwickau, Lichtenstein, Chemnitz, Frankenberg, Hainichen, Siebenlehn und Tharandt. -- Im Centralgebirge kommt der jähe Absturz des Kammes nach Süden und die sanfte Abdachung nach Norden am meisten zur Geltung.
=3. Gebirgsarten.= -- Das Erzgebirge besteht vornehmlich aus +Urgebirgsarten+, d. h. aus Thon- und Glimmerschiefer, Gneis und Granit. Am verbreitetsten zeigt sich der +Gneis+. Er ist nicht nur vorherrschend im ganzen östlichen Gebirge, sondern reicht auch weit in's Centralgebirge hinein, und zwar bis Schlettau, Wolkenstein und Schellenberg. Ihm sind zugleich die wichtigsten Erzgänge[2] eingelagert, welche von dem sächsischen Bergmanne abgebaut werden. Am mächtigsten ist darnach der +Glimmer-+ und +Thonschiefer+. Diese Gebirgsarten bilden besonders den südwestlichen Theil des Gebirges und den Südrand des Steinkohlenbeckens zwischen Zwickau und Chemnitz. Das dritte Gestein, der +Granit+, tritt nur an mehreren Stellen aus dem Glimmer- und Thonschiefer heraus und hat seine grösste Ausdehnung um Eibenstock und Kirchberg. Ausser diesen Hauptgebirgsarten zeigt sich an mehreren Orten +Porphyr+, +Syenitporphyr+ und +Quadersandstein+; wie denn auch der häufig vorkommende +Basalt+ daran erinnert, dass im Erzgebirge einst bedeutende vulkanische Durchbrüche stattgefunden haben.
=4. Berge.= -- Auf dem Rücken des Erzgebirges erheben sich mehrere Gipfel, welche zum Theil an Höhe sogar die obersten Spitzen des Thüringer Waldes und des Harzes übertreffen. Wenn sie trotzdem nicht so gewaltig als diese erscheinen, so hat dies seinen Grund darin, dass sie auf einer sehr hohen Unterlage ruhen.
Als die ansehnlichsten, aus Urgebirge bestehenden Gipfel sind zu nennen: der +Keilberg+ und der +Fichtelberg+ bei Oberwiesenthal (jener 3812, dieser 3708 P. F. hoch); der +Spitzberg+ bei Gottesgabe (3444´), der +Eisenberg+ bei Unterwiesenthal (3166´), der +Auersberg+ bei Wildenthal (3120´), der +Hirschkopf+ bei Karlsfeld (2992´), der +Rammelsberg+ bei Sachsenberg (2972´), der +Wieselstein+ bei Langewiese (2944´), der +Kahlberg+ bei Altenberg (2803´), der +Kupferhügel+ bei Kupferberg (2790´), der +Lugstein+ bei Zinnwald (2752´), der +Schneckenstein+ bei Gottesberg (2690´), der +Rabenberg+ bei Johanngeorgenstadt (2636´), der +Eselsberg+ bei Sosa (2635´), die +Morgenleite+ bei Schwarzenberg (2488´), der +Kuhberg+ bei Stützengrün (2426´), der +Schwartenberg+ bei Seifen (2394´), der +Kapellenberg+ bei Schönberg (2337´), die +Tellkuppe+ bei Bärenburg (2323´) und der +Greifenstein+ bei Geyer (2234´).
Daneben giebt es mächtige Basaltberge, welche als hohe, freistehende Pyramiden oder Kegel erscheinen. Wir erwähnen: den +Hassberg+ bei Pressnitz (3051´) den +Bärenstein+ bei Weipert (2762´), den +Pöhlberg+ bei Annaberg (2567´), den +Geising+ bei Altenberg (2534´), den +Scheibenberg+ bei der gleichnamigen Stadt (2470´), den +Spitz-+ oder +Sattelberg+ bei Schönwald (2235´), den +Luchberg+ bei Glashütte (1782´) und den +Wilisch+ bei Reinhardsgrimma (1466´). -- Eine schöne Aussicht gewähren ausser den genannten Bergen noch: der +Reischberg+ bei Pressnitz, die +Luisensteine+ bei Brandau, der +Glöselsberg+ bei Niklasberg, das +Mückenthürmchen+ bei Graupen (2511´), die +Nollendorfer Höhe+ bei Peterswalde (2142´), der +Stein+ in Schöneck (2301´), Schloss +Augustusburg+, die +Schönerstädter Höhe+ bei Oederan, die +Saydaer Höhe+, die Burgruine +Frauenstein+, der +Burgberg+ bei Lichtenberg und die +goldene Höhe+ zwischen Dippoldiswalde und Dresden (1054´).
=5. Waldungen.= -- Reichlich die Hälfte des Erzgebirges ist mit Wald bedeckt. Die grössten Forste befinden sich in den Revieren +Auerbach+, +Schöneck+, +Schwarzenberg+ und +Crottendorf+. Vorherrschend ist Nadelholz; doch treten neben Fichtenwald zusammenhängende Buchenbestände auf: so bei Tharandt, Olbernhau, Marienberg und Steinbach. Der grösste Theil der Waldungen ist Eigenthum des Staates und wird musterhaft bewirthschaftet.
=6. Flüsse.= -- Das Erzgebirge ist der Quellort für zahlreiche Flüsse, Flüsschen und Bäche, welche allesammt dem Elbgebiete angehören. Die wenigsten von ihnen haben den Abfluss nach Süden, wie die +Zwota+ und +Biela+; bei weitem die meisten rinnen nach Norden und münden unmittelbar in die Elbe, wie die beiden +Mulden+ als vereinigte Mulde, die +Weisseritz+, +Müglitz+ und +Gottleuba+, oder fallen zuvor in die Saale, wie die +Elster+ und +Pleisse+, oder in die Mulden, wie alle übrigen.
Die nordwärts laufenden Gewässer haben beim Herabgleiten die im Boden vorhanden gewesenen Spalten nach und nach erweitert und zahlreiche Vertiefungen und Kessel, Gründe und Thäler gebildet und so der Landschaft besondere Reize verliehen. Am anmuthigsten sind die Thäler der +Elster+, der +Zwickauer Mulde+, +des Schwarzwassers+, der +Sehma+, der +Zschopau+ und der +Müglitz+; am wildesten die der +schwarzen Bockau+ im schwarzen Grund bei Pobershau und der +rothen Weisseritz+ im Rabenauer Grunde.
=7. Klima.[3]= -- Während gewöhnlich die Temperatur von Norden nach Süden zunimmt, ist es im Erzgebirge wegen des Ansteigens des Bodens umgekehrt. Dieser Umstand wirkt ungünstig auf das Klima ein. Engelhardt's Vaterlandskunde von Sachsen sagt: »Lange Winter mit viel Schnee, späte Einkehr des Frühlings und rascher Uebergang aus diesem zum Sommer, schöner klarer Herbst, Spätfröste noch im Mai, frühzeitige schon im September -- das sind die Hauptkennzeichen des Klimas; ganz wesentlich hat jedoch zu dessen Verbesserung die Entwässerung der Sümpfe beigetragen.« Dabei sind aber die Thäler mild und die Höhen eigentlich nur wenig kälter, als die entsprechenden anderer deutschen Mittelgebirge. Auch ist die Luft leicht und rein und für Brustkranke, deren Leiden noch nicht zu weit fortgeschritten, sehr zuträglich. Cholera ist dem obern Erzgebirge bisher fern geblieben, und Wechselfieber gehören allda zu den seltensten Fällen.
Für das erzgebirgische Klima spricht auch, dass der Getreidebau bis weit in die Berge hinauf reicht. Bei einer Höhe von 1800 bis 2000 Fuss erntet man noch Raps, Roggen und Weizen; am rauhen Gebirgskamme, wie bei Gottesgab und Oberwiesenthal, allerdings nur Hafer, Flachs und Kartoffeln. Am ergiebigsten zeigen sich die Kartoffeln. Sie sind auch gegen Ende des 17. Jahrhunderts zuerst in dem Dorfe +Würschnitz+ bei Adorf angebaut und von dort aus erst später weithin verbreitet worden. -- Wer Näheres über die Pflanzenwelt des Erzgebirges wissen will, dem empfehlen wir: Dr. +Stössner+: Die Vegetationsverhältnisse von Annaberg und Umgegend, Annaberger Realschulprogramm vom Jahre 1859; +A. Israel+: Schlüssel zum Bestimmen der bei Annaberg und Buchholz wild wachsenden Pflanzen, und +O. Wünsche+: Excursionsflora für das Königreich Sachsen.
=8. Einwohnerzahl und Staatsangehörigkeit.= -- Das Erzgebirge gehört zu den dicht bevölkertsten Gegenden Sachsens, ja Deutschlands. Was urbar zu machen war, hat man urbar gemacht; man verfuhr nach dem Grundsatze: »Wo der Pflug kann gehn, soll der Wald nicht stehn!« und half, wenn der Pflug wegen der Steilheit des Bodens doch nicht gehen konnte, auch noch mit Grabscheit und Hacke nach. Daher findet man, wo man schlichte Bauerndörfer vermuthet, ansehnliche Städte, und wo man in waldigem Thal kleine Weiler voraussetzt, langgedehnte Dörfer. Dabei hat jedes Haus zahlreiche Insassen: auf die Quadratmeile kommen im Gebirge eben mehr als 10,000 Einwohner.
Die Bevölkerung des Erzgebirges erscheint viel gleichartiger als die von anderen deutschen Mittelgebirgen. Abgesehen von der geringen Gliederung des Bodens, welche ein Abschliessen nicht begünstigt, und von dem regsamen Handel, welcher unwillkürlich ein Annähern der Leute herbeiführt, trägt dazu sicherlich bei, dass die Landschaft nur zwei Staaten angehört und dadurch einen angenehmen Gegensatz zu Thüringen und dem Harze bildet, wo die politischen Grenzen so merkwürdig ausgezackt und vielfach verschlungen sind. Der Südabhang des Erzgebirges und ein Theil des Kammes gehören zu Böhmen, der andere Theil des Kammes und die Nordabdachung zu Sachsen. Dabei stellt die staatliche Grenze zugleich die Scheidung zweier Kirchengebiete dar: wer aus dem protestantischen Sachsen über die böhmische Grenze schreitet, wird an den errichteten Kreuzen und Heiligenbildern bald merken, dass er auf gut katholischem Boden wandert.
=9. Menschenschlag.= -- Der erzgebirgische Menschenschlag ist ein ursprünglich kräftiger, wie man ihn heute noch am Südabhange und in den Wald- und Ackerbaudistrikten antrifft; in den Fabrikgegenden aber ist er durch Stubenarbeit oder allzu geringe Nahrung, welche fast nur aus Kartoffeln und dünnem[4] Kaffee besteht, mehrfach verkümmert.
=10. Volkstracht.= -- Eine eigentliche +Volkstracht+ ist im Erzgebirge nicht mehr vorhanden. Namentlich auf der nördlichen Seite »hat die Kultur fast Alles beleckt« und die Mode beinahe jedes altväterische Kleidungsstück beseitigt. Unter den Männern haben nur die Bergleute noch einen besonderen Anzug und unter den Frauen tragen nur die Bäuerinnen, welche in den entlegensten Dörfern wohnen, noch faltenreiche Röcke und steife Haubenschleifen oder glatte Pelzmützen.
=11. Volkscharacter.= -- Der Erzgebirger ist höflich, gefällig und äusserst genügsam. Gern steht er dem Fremden Rede und im Zwiegespräch sucht er unaufgefordert das Beste zur Unterhaltung beizutragen. Von seiner Genügsamkeit zeugen die einfache Wohnung und die noch einfachere Kost. Dazu kommt Frohsinn, eine ungemeine Verträglichkeit und grosse Liebe zur Reinlichkeit. Im Erzgebirge wird eifrig gesungen und noch eifriger musicirt; Breitenbrunn und Klostergrab, Kupferberg und Gottesgabe, vor allen aber Pressnitz, senden Schaaren von Musikern hinaus in die Welt. Während es anderwärts oft nicht gut thut, wenn zwei Familien in demselben Hause wohnen, so hausen im Erzgebirge oft drei bis vier Familien in einer Stube, ohne dass man viel von unfriedfertigen Auftritten hört; sicherlich ein Beweis, dass die Bewohner sanft und schmiegsam sind. Der Sinn für Reinlichkeit tritt dem Fremden ungesucht entgegen. Die steinernen Gebäude gefallen meist schon durch ihren gut erhaltenen Bewurf und Anstrich und das Innere der Häuser und Hütten erfreut noch mehr durch die daselbst herrschende Sauberkeit. Die Zimmerwände sind reinlich getüncht, die Dielen weiss gescheuert, die Haus- und Küchengeräthe blank geputzt! Und wenn der Maassstab Liebig's richtig ist, dass man die Kultur von Volksgruppen nach dem von ihnen verbrauchten Quantum Seife beurtheilen könne, so wird den Erzgebirgern eine bevorzugte Stellung einzuräumen sein; denn nirgends wird wohl mehr, als bei ihnen gewaschen und gescheuert. In der That macht auch der geringe Mann im Erzgebirge eher den Eindruck eines verarmten Gebildeten, denn eines armen Natursohnes.
Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die wesentliche Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher zur Antwort bekommen: »Die Gemüthlichkeit!« Ein vieldeutiges Wort! worunter man aber im Allgemeinen das Streben zu verstehen hat, sich und Anderen das Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam beachtet, nicht nur +was+ man sagt und +was+ man thut, sondern auch +wie+ man es sagt und +wie+ man es thut. Gewandte Personen gelten als »manierlich« und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen werden mit zweifelhaftem Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet. Durch die genannte »Gemüthlichkeit« wird allerdings die Geselligkeit erhöht und ein angenehmer Ton im gegenseitigen Umgang geschaffen, doch auch die Thatkraft und der Trieb zur Selbstverwaltung etwas abgeschwächt.
=12. Geschichtliches.= -- Vor Alters war das Erzgebirge ein grosser zusammenhängender Wald, der +Miriquidi+ genannt wurde. In der Völkerwanderung nahmen die +Sorben+, ein slavischer Volksstamm, Besitz von dem Lande zwischen Saale und Elbe und siedelten sich auch an dem Fusse des Erzgebirges an. Mit der Gründung der Mark Meissen (928) begannen jedoch die Deutschen, sich als Eroberer in dem genannten Gebiete festzusetzen und Burgwarten und Klöster anzulegen. Dadurch wurden die Sorben genöthigt, bergaufwärts zu rücken und sich in dem unwirthlichen, aber für sie freien Miriquidiwald niederzulassen. Sie gründeten um jene Zeit die Städte Lössnitz, Zwönitz, Zöblitz, Chemnitz, Schlettau, und Zschopau, so wie mehrere darum liegende Dörfer, deren Namen sich auf itz, itzsch, ig, en, und au endigen.[5] Noch rascher ging der Anbau des Erzgebirges von statten, als die Silbergänge in der Gegend des heutigen Freiberg fündig wurden (1163). Zahlreiche Bergleute aus dem Harze, aus Franken (aus dem »Reiche«) und Böhmen strömten herbei und legten neben den Gruben verschiedene Flecken und Dörfer an. Freiberg wurde der Mittelpunkt eines regen Bergmannslebens, dessen wohlthätige Wirkungen, zumal man an mehreren Orten Zinn brach, sich auch nach Westen hin verbreiteten. Im obern Erzgebirge entstanden im 12--14. Jahrhundert die Städte Wolkenstein, Elterlein, Schwarzenberg, Aue, Grünhain, Ehrenfriedersdorf, Thum und Geyer. Einen besonderen Aufschwung aber nahm das Gebirge, als man nun 1471 in der Nähe des Kammes zahlreiche Silbergruben erschürfte. Der Abbau wurde eifrigst betrieben; die Ausbeute war gross und so lange der Bergsegen reichlich floss -- was bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts geschah -- nahm auch die Bevölkerung bedeutend zu. In einem Zeitraum von ungefähr 60 Jahren wurden nicht weniger als 11 neue Bergstädte gegründet, nämlich: Schneeberg 1477, Annaberg 1496, Buchholz 1504, Joachimsthal 1516, Gottesgabe, Eibenstock und Jöhstadt 1517, Marienberg 1521, Scheibenberg 1522, Wiesenthal 1526 und Platten 1532. -- Von Einfluss dabei war, dass die Erzgebirger, wie fast alle Bergleute Deutschlands, auf die Seite der Reformation traten und mit Begeisterung die Lehren des kühnen Bergmannsohnes annahmen.
Sobald aber die Silbergruben sich nicht mehr »so höflich und freundlich«, als früher zeigten und manche Zechen geradezu »versagten«, da stellte es sich heraus, dass die dichter gewordene Bevölkerung von dem Bergbau allein nicht zu leben vermöge. Waren doch die edlen Metalle seit der Eroberung Mexiko's und Peru's überdies sehr im Werthe gesunken! Man musste sich daher nach anderen Erwerbsquellen umsehen. Zunächst griff man zur Verarbeitung der einheimischen Roherzeugnisse und so entstand die Blech-, Löffel- und Nagelschmiederei, die Herstellung von Gold- und Silberdrahtwaaren, die Holzschnitzerei, die Serpentindrechselei, die Bereitung von Feuerschwamm und die Gewinnung von Arzneimitteln. Aber hierbei wurden immer nur wenig Leute beschäftigt. Da führte im 16. Jahrhundert (1561) +Barbara Uttmann+,[6] die Frau eines reichen Bergherrn zu Annaberg, im Erzgebirge das +Spitzenklöppeln+ ein, welches sie der Sage nach von einer flüchtigen Brabanterin erlernt hatte. Die neue Kunst verbreitete sich rasch unter den erzgebirgischen Frauen und legte den Grund zu einer echten Hausindustrie, die sich darnach auch bei noch anderen Erwerbszweigen herausbildete. In demselben (16.) Jahrhundert verpflanzten ausgewanderte Schweizer auch die +Musselin-+ und +Schleierweberei+ nach dem Voigtlande und dem daranliegenden Erzgebirge, ebenso liess sich (1589) der erste Posamentier +Georg Einenkel+ aus Dinkelsbühl in Schwaben zu Buchholz nieder und gab da die Anregung zur +Posamentenfabrikation+.
So gedieh das Gebirge, bis es von den Drangsalen des 30jährigen Krieges arg zu leiden hatte. Dörfer und Städte, besonders Freiberg wurden verwüstet; mehr als die Hälfte der Einwohner starb durch Schwert, Hunger oder Krankheit; das Gewerbe war zum Stillstand, der Bergbau fast zum Erliegen gekommen. Nichts desto weniger erholte sich darnach die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit besser gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung von böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus der Heimath vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte Dorf als »Wustung« liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenig Jahre nach dem Westphälischen Friedensschluss, im Jahre 1654, von böhmischen Exulanten angelegt worden.
Doch half auch zur Hebung des Gebirges, dass in den nächsten Jahrzehnten +neue+ Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden +Baumwollindustrie+, der sich später die +Wollenindustrie+ anschloss. Der damalige Faden war Handgespinnst, und es mussten Tausende von Leuten sich rühren, um den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte man den Faden auf Handmaschinen, von denen jede 10--30 Spulen zählte; noch zu Anfang unseres Jahrhunderts gab es 18,000 Menschen, welche auf solche Art Baumwolle spannen. -- Zu der Spinnerei gesellte sich die +Weberei+ und +Strumpfwirkerei+. Vor dem 30jährigen Kriege hatte in Chemnitz ausser der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte Tuchmacherei geblüht; nunmehr wandte man sich mit Erfolg der Baumwollenweberei zu und fertigte anfangs (1715) Barchent und dann (1725) Musseline und Kattune und allerlei bunte Waaren. Fünfzig Jahre nach dem Betreten der neuen industriellen Bahn mögen in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein. Die Strumpfwirkerei war in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden; sie gewann aber erst grosse Bedeutung als es dem Kaufmann +Esche+ in Limbach (1776) gelungen war, mit Hülfe zweier geschickten Arbeiter den von dem Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.
Auch die erzgebirgische Frauenindustrie erhielt im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtige +Clara Angermann+, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das +Tambouriren+ -- das Sticken mit der Häkelnadel -- gelernt und verpflanzte es (1775) nach Eibenstock.
Rechnet man zu dem Allen, dass der Bergbau durch die 1765 in Freiberg errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun im Stande war, in grösseren »Teufen« abzubauen und minder edle Erze zu verhütten, so wird man begreifen, dass schon im verflossenen Jahrhundert das Erzgebirge ein +Hauptindustriegebiet+ für +Sachsen+, ja für ganz +Deutschland+ wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, dass die +Grossindustrie+ erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung des fabrikmässigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der Gebrauch der Spinnmaschine (erfunden 1775 durch +Richard Arkwright+ in England), die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen Webstuhles und die Benutzung des Rundstuhles (Strumpfstuhles) wirkten entscheidend. Wurde auch die Handspinnmaschine in die Rumpelkammer verwiesen, wurde auch das Webeschifflein der Hand des Arbeiters entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten beschränkt, so wuchs die Production doch ungemein und wurden bei ihr überhaupt vielmehr Leute beschäftigt, denn früher.