Wege und Umwege

Part 9

Chapter 93,492 wordsPublic domain

Die Welt kennt den Nachruf, den er ihr widmet, weiß von dem Freundschaftstempel mit den korinthischen Säulen, den er im Park von Sanssouci zu ihrem Gedächtnis errichten ließ. Bis zu seinem Lebensende pilgerte er gerne zu dieser Stätte hin, wo sich, inmitten von Bildnissen der Heroen der Freundschaft, ihre Statue erhob und er die stille Sprache der Erinnerung mit ihr führte.

Ein Tempel war in der Tat der gemäße Ausdruck für die Harmonie, welche diese beiden großen Herzen umspann.

Und der Markgraf?

Zwar tritt er in Wilhelminens letzten Jahren hinter ihrer Teilnahme an dem mächtigen Geschicke ihres Bruders etwas zurück; dennoch bleibt sie ihm bis ans Ende ihrer Tage leidenschaftlich zugetan, sodaß sie die eifersüchtigen Regungen, zu welchen er ihr auch nach der Marwitz-Affäre mehr denn einmal Anlaß gibt, nie ganz unterdrücken kann. Es fällt uns ja heute nicht leicht, den Zauber zu begreifen, den dieser nichtssagende Mann auf eine Frau wie die Markgräfin auszuüben vermochte. Aber wir wissen, daß er auch an ihrer jüngeren Schwester nicht verloren ging, und daß sie mit Vergnügen den eigenen Verlobten mit dem Wilhelminens eingetauscht haben würde. Er gehörte also wohl zu jenen typischen »Menschen des Augenblicks«, die gleichsam mit jedem Tage die Summe ihres Wesenswertes ganz und voll verausgaben und die nichts überdauert, deren Reiz aber nicht selten umso mächtiger fesselt, je illusorischer er ist. Wo immer der Markgraf Proben selbständigen Urteils abzugeben hat, versagte er gänzlich, und als er einmal auf eigene Faust im Interesse seines Hauses eine Reise nach Dänemark unternimmt, kehrt er unverrichteter Sache heim. Aber die Markgräfin, als die loyalste Gattin, die sich denken läßt, hält stets zu ihm und macht mit wahrer Vorliebe seine Verdienste und seine Fähigkeiten geltend.

Im ganzen gehörte sie zu den Menschen, die wenig positives, aber reichliches Glück im Unglück haben; so fällt ihr in ihrer aufgezwungenen Ehe zwar eine geringe Partie, zugleich aber ein Prinz zu, den sie passionément liebt, was mehr ist, als man von einer Vernunftehe erwarten darf. Der geistigen Sphäre der Geschwister freilich gehört er nicht an, und daß er die große Illusion und nicht der wahre Gefährte ihres Lebens war, blieb ihr wohl nicht immer verborgen.

Aber hier gerade kommen wir zum Prüfstein ihres Wertes.

Wenn Friedrich begeistert an ihr loben durfte, daß man sich »über die heterogensten Dinge, über Frisuren, über Krieg und Politik mit ihr unterhalten könne«, so hatte sie sich allein zu dieser Vielseitigkeit vermocht, und ganz von innen heraus die scharfen geistigen Umrisse gezeichnet. Und darum nehmen wir an ihr jenes starke Relief wahr, das wir an so manch berühmter Frau vermissen, deren Züge an Ebenmaß gewannen, was sie an Deutlichkeit verloren, weil ein Größerer als sie selbst sie ihrer eigenen Bedeutung liebend überbot, hier ein bißchen untermalte, dort kleine Mängel wegretouchierte . . . . . . Denn Frauen lieben es, ohne sich dabei einer Unredlichkeit bewußt zu werden, sondern wie sie es lieben sich zu schmücken, so lieben sie es, sich auch intellektuelle Ritterdienste erweisen zu lassen.

In dieser Hinsicht aber war Wilhelmine nicht verwöhnt. Kein Lehrer, kein Geliebter, der ihren inneren Werdegang beeinflußt oder erleichtert hätte. Auf ihrer geistigen Bahn fehlen alle Abstecher und alle Wegweiser, und Echtheit und Eigenwert sind ihre Marke, wo sie sich hervortat. Wir fühlen, ohne daß sie es nur andeutet, mit welchem Erfolge sie bei den Frankfurter Krönungsfesten erschien, und wie groß der Reiz dieser jungen Frau gewesen sein muß, die, so tugendsam, und dabei so verführerisch, nach einem ziemlich verloren gegangenen Rezept deutsche Solidität des Geistes mit französischer Grazie vereinte. Kraft eigenster Energie fuhr sie fort zu werden, bis sie vor der Schwelle ihres Alters und zugleich der ihres Todes stand. Ihre Briefe an Voltaire über kriegerische Dinge und friedliche Endziele sind durch die erstaunliche Klarheit und Sachlichkeit, wie durch die wahrhaft künstlerische Reife des Ausdrucks gleich bewundernswert.

Man denke, woher sie stammt:

Von Eltern, die weniger Kontraste als Unvereinbarkeiten aufweisen. Carlyle wirft ihr vor, sie hätte ihren Vater nur »von außen gekannt.« Es ist aber viel leichter, diesem König par distance gerecht zu werden: seiner Umgebung war es fast unmöglich. Wilhelminens Eindrücke stimmen nur zu wohl mit den Berichten der damaligen Gesandten am Hofe Friedrich Wilhelms überein. Er galt ihnen als ein gefährlicher Narr: sein Hauptargument war der Stock. Die Tochter konnte es dem König nicht recht machen, ohne die Königin zu erzürnen. Bald in Gnaden, dann, wenn ihre Aussichten auf eine glänzende Partie sich verschlechterten, zurückgestoßen und malträtiert, wird sie Zeuge und unfreiwillige Ursache furchtbarster Szenen. So tritt sie, als ein altkluges Dämchen, aus einer Kinderstube, die jeglicher Hygiene und Pädagogik spottete. Gewiß ist, mag man ihren Übertreibungen noch so sehr Rechnung tragen, daß die zu frühen und zu fortgesetzten Aufregungen ihre zarte Konstitution frühzeitig untergruben. So ist in ihrer Schrillheit zugleich ein Echo; an ihrer späteren Vollendung und edlen Reife aber haftet nichts Fremdes. Wir heben es noch einmal hervor. Denn sie selbst, die sich oft zu Unrecht lobte, hat sich dessen nicht gerühmt. Die sonst so Ranglustige weiß nicht, wie abseits sie steht. Es war noch nicht die Zeit der Selbstanalysen, und man war noch nicht darauf verfallen, sein Ich herauszugreifen und zu bespiegeln. In dieser verfrühten Blume geistiger Kultur ist noch viel Herbheit in der Verfeinerung. In ihrer etwas morbiden Selbstherrlichkeit aber liegt ihr großes Anrecht auf unsere Bewunderung wie auf unsere Nachsicht.

Ich für meinen Teil möchte auch ihren Hochmut nicht missen. Er hat dieselbe Befugnis wie die weitläufigen Zieraten des damaligen Kostüms, und er verhält sich zu ihrer Aufgeklärtheit wie zu ihrem schmalen Gesicht die mächtige Perücke und der immer höher steigende Kopfputz. So hat ihr gewaltiger Dünkel die große relative Berechtigung der Mode. Der Geist einer Zeit umgibt sich nie so sehr mit dem Scheine des Unwandelbaren, wie kurz bevor er schwindet. Die Zopfgeschichten, die Wilhelmine wegen ihrer Audienz bei der Kaiserin aufführt, stehen ihr noch allerliebst. Und man begreift, daß der Fürstbischof von Würzburg, trotz aller Impertinenzen, die er sich in seiner eigenen Hoffart von ihr gefallen lassen mußte, von ihr entzückt war.

Wie es einen letzten Ritter gab, und wie Carlyle in Friedrich den letzten König sehen wollte, so war Wilhelmine die letzte Prinzessin alten Stiles, eine so typische Prinzessin, daß sich die Prinzessin, -- was auch bei Prinzessinnen selten ist, -- nicht von ihr wegdenken, die Frau nicht ohne die Prinzessin in Erwägung ziehen läßt. Dies wurde bei ihr zu Unrecht übersehen. Denn es ist etwas Geheimnisvolles um eine königliche Geburt.

Wie die Wasserfläche diese Welt des Scheines reflektiert, so liegt in der geistigen Sphäre das getreue Abbild -- oder Vorbild? -- aller Schranken und Unterschiede, welche die menschliche Gesellschaft geschaffen hat. Und das ganze Kortege, vom Edlen zum Niedrigen, zieht -- nur so anders -- von neuem auf. Aus den ungeheuren Fluktuationen aber, dem Schwanken, dem Hin und Wider ihrer Würden -- und ihren Gleichungen -- sind alle Adelsbriefe in dieser krausen Welt geschrieben.

Daher der mystische Zug erlesenen Blutes zu erlesenen Kräften. So wahr ist dies, daß an einer Stelle dieses Buches, der, an welcher Wilhelmine die Boskette der Eremitage beschreibt, und mit so viel Wohlgefallen die vielen Lauben und Glorietten, und die Unmenge von Springbrunnen aufzählt, die sich da alle paar Schritte ereignen, daß sie da als die vollendetere Prinzessin erschiene, wenn sie ein Gefühl dafür hätte, daß dies kein Garten ist, sondern eine Spielerei.

1910 Inselverlag.

CATHARINA VON SIENA

Es geht den Heiligen wie den anderen ausgezeichneten Menschen. Die Zeit ist das Feuer, das sie vor unseren Augen läutert, indem sie das Vergängliche und Unzulängliche an ihnen zurückweist, das Wertvolle und Bedeutende aber zu einem Bildnis von individuellstem Umriß scheidet. Wenn daher Siena -- nach mehr als fünf Jahrhunderten -- vom Leben der hl. Catharina so erfüllt blieb, daß ein Echo dieses Lebens Sienas Luft, seine Türme und Felsen noch umhallt, so muß einem Dasein, das so kurz und doch so bleibend, Zügen, die so weltabgewandt und doch so unverweht der Welt geblieben sind, eine Zeit, der sie noch gelten, neue Deutungen entraten können. Vor allem heute! da für das ungeübte Auge alle Symptome hinfälligen Alters am Christentume haften, während es, wie eine Raupe eingesponnen, sein neues Wachstum umhüllt.

Denn wir sind heute so weit wie zuvor: Der Protestantismus wird seiner nicht mehr froh, und die Norm der Katholiken, durch zu viel gescheiterte Reformversuche eingeschüchtert, hat den Glauben an eine römisch-katholische Reformation verloren, jene Reformation, die Catharina nicht müde wird zu verkünden, und der ihre leidenschaftlichen und begeisterten Zurufe gelten. Und wenn heute unsere katholischen Gesellschaften, Vereine usw. ihre fortschrittlichen Bestrebungen verheißen, so belächeln wir im voraus die kümmerlichen Resultate, die sie uns bringen werden. Da dringt denn zu guter Stunde die kühne Sprache Catharinas wie ein frischer Luftzug in eine verbrauchte Atmosphäre.

Catharina von Siena, geboren am weißen Sonntag des Jahres 1347, war das Kind frommer und, trotz ihrer 22 Kinder, wohlhabender Leute: des Färbers Benincasa und der Monna Lapa. Ihr religiöser Hang zeigte sich schon sehr früh; doch war sie dabei ein munteres und sehr empfindsames Kind, und so anmutig, daß sie den Beinamen Euphrosyne erhielt. Ihre erste Vision -- sie stand damals in ihrem sechsten Jahre -- war für ihre Laufbahn bestimmend: sie kam mit ihrem Bruder vom Hause einer verheirateten Schwester, an der sie mit besonderer Zärtlichkeit hing, da erschien ihr über der Dominikanerkirche, in den Lüften schwebend, Christus als hoher Priester, eine dreifache Krone auf dem Haupte, der die Hand segnend nach ihr ausstreckte. Seitdem mied sie die Freuden ihres Alters. Daß sie gerade dem hl. Dominikus eine so besondere Verehrung widmet, hängt zusammen mit dieser ersten Vision. Seine Taten sind es, die sie zumeist beschäftigen; sie trägt sich mit dem Gedanken herum, als Mann verkleidet in den Predigerorden der Dominikaner zu treten, und Dominikaner sind überall der Gegenstand ihrer Ehrfurcht und Begeisterung. Schon jetzt führt sie ein Leben strenger Abtötung und gelobt in ihrem siebenten Jahr, nie einen anderen Bräutigam zu nehmen als Christus. Indes sie aber heranwuchs, hatten ihre Eltern andere Pläne und verlangten, daß sie sich wie andere Mädchen ihres Alters schmücke. Durch die Lieblingsschwester ließ sie sich dazu bewegen, als aber eifrig an ihre Verlobung gedacht wurde, und Catharina, um sich ihr zu entziehen, ihr schönes blondes Haar abschnitt, zog ihr ein so radikales Verfahren die erste schwere Prüfung zu. Um ihren Widerstand zu brechen, wird ihr die Kammer, die sie zu einer Kapelle sich errichtet hatte, genommen, und sie selbst im Hause ihrer Eltern wie eine Magd gehalten. Catharina, die sich ihren niedrigen Diensten mit großer Sanftmut und Freudigkeit unterzieht, hat bald eine neue Vision, die sie tröstet und ermutigt. Diesmal sind es die großen Ordensstifter, die ihr erscheinen: sie sieht den Gründer des Karthäuser-Ordens, den hl. Franz von Assisi, den hl. Benedikt: allein sie alle machen ihren Klosterschwestern strengste Klausur und Abgeschiedenheit zur Ordensregel, und Catharina läßt sie vorüberziehen. Sie hat nur Augen für den hl. Dominikus, der mit einer herrlichen Lilie auf sie zuschreitet und ihr das Kleid seines Tertiazordens entgegenhält.

Nicht länger hält sie mehr mit ihrem Entschlusse zurück, und die Eltern Benincasa lassen sie jetzt betrübten Herzens gewähren. Allein ihrem Wunsche standen noch die Dominikanerinnen selbst entgegen. Obwohl sie gewisse Ordensregeln befolgten, unter einer gemeinsamen Priorin standen und die Tracht des Ordens: das weiße Kleid und den schwarzen Mantel trugen, weshalb das Volk sie Mantellate nannte, so lebten sie doch ohne Klausur, ohne eigentliche Gelübde, und in ihrer eigenen Wohnung. Es gehörten denn auch meist Witwen gesetzten Alters dieser Genossenschaft an, und die 15 jährige Catharina aufzunehmen, schien ihnen in keiner Weise ratsam; aber Catharina verfällt in eine schwere Krankheit, und die Mutter selbst muß ihr nun helfen, die Mantellate zu bestürmen; zudem ist ihre Schönheit zerstört, nichts als eine gewisse morbide Grazie war ihr geblieben. So wird denn ihrem Verlangen endlich nachgegeben und nach ihrer Genesung an einem Sonntag des Jahres 1362 ihre feierliche Einkleidung in der Dominikanerkirche vollzogen.

Drei Jahre lebte sie nun im Hause ihrer Eltern ein den strengsten Bußübungen, der tiefsten Zurückgezogenheit und dem Schweigen geweihtes Leben. Die Nächte durchwachte sie im Gebet, aß nie Fleisch, nur ungekochtes Kraut, Früchte und Brot -- später wurde ihre Nahrung so gut wie keine mehr -- geißelte sich des Tags dreimal nach Dominikanersitte, und schlief zwischen einigen Brettern in einem sargähnlichen Bett und auf einem Kopfkissen aus Holz. Zu dieser Zeit sollen doch manche Anfechtungen und der Wunsch, wie andere Menschen zu leben, die Ruhe ihrer Seele gestört haben. Schlafend und wachend, ob sie ihren Leib noch so sehr marterte, hielt ihr ein Dämon verführerische Bilder vor, bis wieder eine Vision das Ende ihres Kampfes verkündet.

Einmal erscheint ihr die hl. Jungfrau, sie mit ihrem Sohn zu verloben. Christus steckt ihr einen goldenen Ring mit vier Perlen an, und David begleitet die Zeremonie auf der Harfe. Ein anderes Mal vertauscht Christus sein Herz mit dem ihrigen. In einer späteren Ekstase berstet ihr Herz von oben bis unten, so daß man sich fragt, wessen Herz es dann gewesen ist? Endlich waren es die Wundmale Christi, die sich in fünf blutigen Strahlen auf ihre Hände, ihre Füße und nach ihrem Herzen richteten. Bevor aber diese Strahlen die fünf Stellen ihres Leibes erreichten, verwandelte sich das Blut in Licht, und in Gestalt des Lichtes prägten sich ihr diese Strahlen ein. Daß diese Wundmale, die ihr ein Gefühl des Schmerzes zurückließen, gleich dem Verlobungsring[1] den Augen der anderen niemals sichtbar wurden, beirrte Catharina in ihrem Glauben daran nicht. Und der Grundton ihres Wesens ist so wahr und echt, daß sich ein ablehnendes Gefühl für ihre visionäre Seite mit dem Glauben an sie selbst vertragen kann. Allein bedeutsam bleibt es immerhin, daß Catharina, deren Heiligkeit es doch ist, die uns als die schwerste und ruhmreichste Tat ihres Lebens gelten muß, gerade in den Äußerungen dieser Heiligkeit so ganz ihrer Zeit angehört, und so ganz von der Anschauungsweise und der Phantasie des Mittelalters beherrscht ist, daß gerade das Visionäre an ihr sich nicht selten als das Veraltete zeigt! Ist doch auch das Wertvollste heute an ihren furchtbaren Kasteiungen die fesselnde und geistvolle Art, mit der sie über solche Dinge spricht -- man könnte fast sagen, abspricht -- und den ganz relativen Wert, den sie ihnen zuerkennt. So streng ihre eigene Askese ist, man fühlt, sie steht darüber. Nimmermehr würde sich wohl heute diese selbe Catharina bewogen fühlen, das eiterige und blutige Wasser, mit dem sie die ekelhaften Geschwüre einer Kranken gewaschen hatte, auszutrinken. Warum hat sie sich dann einer so extremen Lebensweise ergeben, als könnte sie es nicht erwarten, daß ihr Leib zugrunde gehe? Aber lag es nicht in der Natur der Dinge, daß ein Heiligenleben des 14. Jahrhunderts einen wesentlich büßenden Charakter trug? in einer Zeit, in welcher die Gemüter vom Geist des Christentums noch so wenig umbildet waren, und das Leben wie eingedämmt war von Grausamkeiten; da abgehauene Hände, geblendete Augen zu den üblichen Racheakten gehörten, und der Feind den anderen nicht schonte. Fand es doch mancher bedenklich, daß ein so liebendes Gemüt wie der hl. Franz von Assisi wenig Herz gezeigt habe für die Greuel der Inquisition, deren Kunde er doch vernahm. -- Wenn aber Franz von Assisi zu jener selben Epoche sich gedrängt fühlen konnte, Aussätzigen um den Hals zu fallen und sie zu küssen, was war dies anderes, als der spontane Ausdruck eines trostlos-ohnmächtigen Mitgefühles? In ihrem Beweggrund allein lag der Sinn so überschwenglicher Werke. Wenn daher ihre Abtötungen es nicht sind, die Catharina zu einer großen Heiligen stempeln, so wäre sie die große Heilige nicht gewesen ohne den sublimen Drang, der sie zu ihnen trieb. Ein Herz wie das ihre mußte dürsten, die Blüte ihrer Jugend zu zertreten in einer von Leiden so befleckten Welt, vor der selbst ein Boccaccio in eine Karthäuserzelle flüchtete.

[Fußnote 1: Sie selbst äußerte ihrem Beichtvater gegenüber, daß sie den Ring immer an ihrem Finger sähe.]

Nicht ganz so leicht läßt sich in der visionären Catharina unterscheiden. Wenn auch ihre in astrazione, das heißt in Verzückung geschriebenen Briefe ihren Gedankengang stellenweise zu erhabenem Ausdruck bringen, so erwecken sie doch anderseits den Eindruck einer von Hunger so geschwächten Catharina, daß ihr schwarz vor den Augen wird. Der eigene Bericht nun gar (in ihrem letzten Brief an Bruder Raimund da Capua), den sie von einer solchen Vision erstattet, liest sich nicht angenehm. Zum Teil mag es daran liegen, daß hier das Wort nun einmal ein schlechtes Vehikel ist, und der hl. Franz Solanos war sicher gut beraten, da er die Flöte blies, um seine mystischen Erlebnisse zu schildern. Allein vor allem ist es der Christus ihrer Visionen, dem wir nicht ohne Mißbehagen und einer gewissen Kälte des Herzens gegenüberstehen: es ist denn doch ein zu primitiver, zu sehr ein Klosterfrauen-Christus, der ihr da vorschwebt! Und auch hier ist ihre Auffassung des nichtvisionären Zustandes trotzdem, oder vielleicht weil sie ihr stets dieselben Worte leiht, von ungleich größerer Bedeutsamkeit.

Christus ist ihr da stets das von Liebe entbrannte Lamm Gottes, das dem Kreuzestode entgegen eilt, und stets sieht sie ihn als den von Nägeln durchbohrten, von der Liebe am Kreuze festgehaltenen, verblutenden Erlöser. Es war ein durchaus genialer Instinkt, der sie Zeit ihres Lebens an diesem Bilde, haften ließ: Denn wie die Geschichte des jüdischen Volkes vor der Ankunft des Messias von dessen _künftiger_ Bahn so mächtig vorausbeschattet ist, daß die Gestalten der Führer dieses Volkes zu Vorbildern jenes Lebens sich verdichteten, so wirkt seitdem die _vollendete_ Bahn dieses Gestirns auf die Evolutionen der gesamten christlichen Völker bestimmend zurück. Für das schauende Auge nun konnte die damalige Welt nur im Zeichen jenes trauernden Erlösers stehen, von dem die Scholastiker sagten, daß er am Ölberg gebrochenen Herzens zusammensank, weil sich ihm da die partielle Fruchtlosigkeit seines Opfertodes auftat.

Nicht ein einziges Mal sehen wir Catharina den Blick hinwenden nach jenem anderen rätselvollen Auferstehungstage eines verklärten und vergöttlichten Leibes, als sei es nicht an der Zeit, solcher Kunde zu gedenken. Aber wie entrückt die apollinischen Klänge jenes Tages uns auch verbleiben, die seither mit den christlichen Nationen vorgegangene Wandlung ist dennoch so groß, daß sich in vieler Hinsicht behaupten läßt: der Christus des Mittelalters und der Kreuzzüge ist der unsere nicht mehr. Es ist -- wenn ich dies Bild gebrauchen darf -- als träte nunmehr die Welt in das Zeichen der Grablegung, und als dämmerte unsere Zeit oder die nächstkommende, oder die kommenden Jahrhunderte, dem beruhigten, ahnungsvollen Zauber der Kartage entgegen. --

So lange Catharina in der Zelle ihres elterlichen Hauses verborgen blieb, unterschied sich ihr Leben nicht von dem der anderen Heiligen: die Liebe zu den Armen, die Krankenpflege, selbst die Wunder, die ihr zugeschrieben werden, dies alles findet sich in ähnlicher Weise in so vielen anderen Legenden wieder. Aber durch ihre große Heiligkeit wurde sie bald zum Mittelpunkte einer kleinen Gemeinde, und verschiedene Mantellate hatten sich ihr angeschlossen, vor allem jene junge Witwe Alessa, aus dem Geschlechte der Saraceni, der wir in den Briefen als dem Sekretär der Catharina begegnen. Denn Lesen und Schreiben war dieser nicht beigebracht worden; man erachtete es für Mädchen ihres Standes als einen Luxus, und sie lernte es erst in ihren letzten Lebensjahren. In dem Hause, das Alessa in ihrer Nähe gemietet hatte, zog sich Catharina vor dem Getriebe und Geräusche des Färberhauses zu längeren Aufenthalten und öfter zurück, und bald wird sie nun in ihre eigentliche Bahn gelenkt. Denn nicht nur Frauen und Mädchen, auch Männer traten bald in ihren heiligen Kreis, und nicht nur Geistliche wie ihr Beichtvater Raimund da Capua, sondern junge Ritter, wie Stefano di Maconi, der vor allen geliebte Jünger, und Francesco di Malvolti. Catharina kam nämlich mit Weltleuten vielfach in Berührung durch eine der denkwürdigsten Seiten ihrer Wirksamkeit: die der Friedensstifterin. Als solche weilt sie längere Zeit auf der Burg der Salimbeni, und wir sehen die Führer des kriegerischen Adels, später eine Stadt, einen Papst zur Schlichtung der Fehden sich an sie wenden. Der Ruf ihrer wunderbaren Heiligkeit -- es hieß, sie hätte monatelang nichts anderes als das Abendmahl genossen -- verbreitete sich immer mehr. Die Heiligkeit erlebte aber zur Zeit des Faustrechtes ihr größtes Prestige, und in dem Italien des 14. Jahrhunderts wob die Zeit selbst an dem Zauber, der ihr einen so unerhörten Einfluß verlieh.

Ihre erste Mission galt der eigenen Vaterstadt, dem von Fraktionen zwischen Adel und Bürger, Guelfen und Ghibellinen zerrissenen Siena. Im Jahre 1368 fiel dort die Macht den, größtenteils aus dem Pöbel zusammengesetzten, sogenannten »Fünfzehn« zu, die unter Kaiser Karl VI. den Titel Reformatoren annahmen und das Reformieren auf ihre Weise betrieben. Ihnen galt Catharinas erster Mahnbrief, und von da an ruhte sie nicht mehr, die Menschen zur Liebe und zum Frieden aufzurufen. Ihr überströmendes Mitgefühl ist ihre Zauberformel, mit der sie die härtesten und die schwersten Herzen gewinnt. Zum Tod Verurteilte wollen sie sehen und von ihr getröstet werden. Ein junger Edelmann: Nicola Tuldo, der wegen seiner Teilnahme an einer Verschwörung wider die »Fünfzehn« zur Enthauptung verurteilt wurde, raste vor Verzweiflung über sein bitteres Los. Da vermag es Catharina, ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen: sie steht ihm bei, harrt bis ans letzte Ende mit ihm aus, und er stirbt getrost, ja glücklich, in ihren Armen.

Es läßt sich denken, daß Catharina von Anfeindungen nicht verschont blieb. Aber die Sonne ihrer Tugend überstrahlte so weit alle Verdächtigungen und Verleumdungen, daß ihr Ruf nur um so unantastbarer daraus hervorging.