Wege und Umwege

Part 8

Chapter 83,542 wordsPublic domain

Seufzend sprach sie jetzt von ihrem nahen Tode, von der Verlassenheit und den Enttäuschungen eines zu langen Lebens. Während wir uns unterhielten, trat die Jungfer ein und fragte leise, ob sie das Töchterchen des Kutschers, das heute das Haus verließ und in die Lehre zog, einen Augenblick einlassen dürfe. Die alte Dame empfing das Kind voll Güte und Wohlwollen, und als es dann schied, hielt sie es noch einmal zurück. Schränke, Kästen und Truhen wurden nun durchgesehen, aufgeschlossen und dann wieder abgesperrt. Ein Heer weißer Schachteln in Seidenpapier, umwickelte Päckchen und Pakete kamen dabei zum Vorschein. Aber die Dame zog bald diese bald jene Schieblade zu Rat, ohne sich entscheiden zu können. Die Kleine stand indes mitten im Zimmer und wartete, wie man es ihr gesagt hatte. Plötzlich flog ein Schein, eine schnelle Röte über ihr Gesicht. Gleich darauf wandte sie erblassend den Blick nach einer anderen Seite hin. Aber ich war ihm schon gefolgt und gewahrte ein schwarzes Ledertäschchen, das die Greisin gerade in Händen hielt, öffnete und untersuchte. Innen mit dunkelroter Seide ausstaffiert und mit Nähutensilien angefüllt, zugleich verschiedene Fächer enthaltend, war es wohl der kühnste Traum von einem Täschchen für eine kleine Nähmamsell; im übrigen nichts Kostbares, sondern ein schöner Dutzendartikel aus einem Warenhaus. Aber nicht lange, und die Besitzerin hüllte es wieder ein. Ihre Hände waren gebunden, und sie konnte das Täschchen, das um eine Idee zu schön für die Kleine war, nicht spenden. Diese stand unbeweglich mitten im Zimmer, aber der Strahl in ihren Augen war erloschen. Die Alte kramte indes in einem anderen Fach und zog ein silbernes Armband hervor, auf dem »Gott mit Dir« in schwarzen Lettern eingetragen waren, und damit entließ sie die enttäuschte kleine Mamsell.

Die Geberin saß nun wieder in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken und schaute mit einem blassen, vergrämten Gesicht vor sich hin. Ein Fest war ja der kleine Zwischenfall mit dem häßlichen Armband, darauf »Gott mit Dir« in schwarzen Lettern prangte, für niemanden gewesen, und ein gesteigertes Bewußtsein hatte sich der Geberin unmöglich mitteilen können, vielmehr die Öde des Ereignislosen. Es hatte sich _nichts_ ereignet. Die Kleine war nur um eine gewaltige Freude betrogen worden, und die Alte, die gern Freude bereitete, wußte es genau; und wußte ebenso wohl, daß sie niemals anders verfahren würde, selbst wenn sie das Kind noch einmal zurückriefe. Nebenan hub jetzt ein Papagei, von der kleinen Passantin aufgeschreckt, zu schreien und über die Unerfreulichkeit der Welt zu schimpfen an. Schräge Strahlen ergossen sich durch die weit geöffneten Fenster (die größten der Stadt) und über die prachtvoll weichen Farben der Teppiche, der Leuchter aus altem Kristall, der goldumränderten Schalen und silbernen Dosen. Dennoch lag etwas Drückendes, in seiner Öde unerträglich Akzentuiertes, ja Unheimliches in der Atmosphäre dieses Raums. Und plötzlich war mir, als befände ich mich ganz allein, als sei die halb erloschene Greisin vor mir schon verblichen und nur mehr ein Schemen. Es fehlte ja so wenig! All die Päckchen und Pakete, die sich in tadelloser Ordnung in ihren Kästen und Truhen häuften, waren ja schon fast herrenlos. Und nicht die kleine Nähmamsell, nicht einmal die Nichte Hertha schien mir mit einem Male beklagenswert, sondern die sonst so kluge, ja sympathische, die unbegreifliche alte Dame, die rettungslos in die Falle geraten war, welche der Geiz den Besitzenden stellt.

Sie starb bald darauf. Und da ihr Geiz eine lange Geschichte hatte, ragte er denn auch weit über ihr Leben hinaus. Sie hinterließ ihr Vermögen ihren _reichen_ Verwandten, den weniger bemittelten, der Großnichte Hertha, die ihrem Herzen so nahe stand, unbedeutende Legate.

Neue Rundschau 1911.

DIE MARKGRÄFIN VON BAYREUTH

Es gibt Menschen, welchen das Schicksal die volle und glückliche Auslösung ihrer Fähigkeiten so sehr verkürzt, daß wir ihnen nur gerecht werden, indem wir neben ihren Betätigungen auch ihre Möglichkeiten ins Auge fassen. Zu ihnen gehört die älteste Schwester Friedrichs des Großen, Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth.

Ihre Mutter, die Königin Sophie Dorothea von Preußen, versah sich nur in den Mitteln und Wegen, nicht aber in der Höhe der für ihre Tochter angestrebten Ziele; denn wäre diese wirklich Königin von England geworden, ihr Name stünde heute unzweifelhaft als der einer großen Regentin in der Geschichte verzeichnet. Elle aurait certainement compris les grandes Affaires, wie Lavisse von ihr sagte. Ihre oft gerügte Unkenntnis der politischen Konjunkturen, wie ihr Mangel an historischem Überblick rührten nicht von mangelndem Verständnis, sonder von mangelnder Schulung her; sie hat diese Lücke später aus freien Stücken so wohl zu ersetzen gewußt, daß Friedrich, der nicht leicht etwas aus der Hand gab, sie während der schwierigsten Phasen des siebenjährigen Krieges sehr heikler Unterhandlungen walten, mit Vertretern fremder Nationen verhängnisvolle Fäden anknüpfen, selbst diplomatische Instruktionen erteilen ließ. Für sie fand der große Spötter Voltaire nur Worte der Anerkennung, und für Friedrich blieb sie die Unvergeßliche, deren Andenken er wie kein anderes gefeiert hat. Seine hohe Meinung von ihrem Werte sollte jedoch von der Nachwelt nicht unwidersprochen fortbestehen; vielmehr wurde durch die Veröffentlichung ihrer Memoiren, so fesselnd und geistvoll sie sind, das Urteil späterer Geschichtsschreiber in vielfach ungünstiger Weise bestimmt.

Die Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth erschienen zum ersten Male in Tübingen, und zwar in deutscher Übersetzung, von Dr. Cotta herausgegeben, und umfaßten die Jahre 1709 bis 1733. Im selben Jahre veröffentlichte von Osten in Braunschweig das von 1706 bis 1742 führende französische Original. Zeit und Ort des Erscheinens: das Jahr 1810 und die preußenfeindlichen Rheinbundstaaten verrieten nur zu deutlich, wie sehr mit der Publikation dieser höchst interessanten, mitunter aber sehr verblüffenden Mitteilungen eine sensationelle Wirkung beabsichtigt war. Der Streit entspann sich fürs erste zwischen beiden Herausgebern, von welchen sich jeder darauf berief, der alleinige Besitzer des Originalmanuskripts zu sein. Da sich aber beide Handschriften in der Folge als Kopien erwiesen, mußte die Echtheit der Memoiren bis zu dem Tage angezweifelt werden, an dem Pertz im Jahre 1848 das wirkliche Originalmanuskript der Markgräfin bei einer Bücherversteigerung entdeckte. Es stammte aus dem Nachlaß ihres ehemaligen Leibarztes Dr. von Superville, war, dank einer Abschrift, durch die Braunschweiger Ausgabe schon veröffentlicht worden, und brach wie dieses mit dem Jahre 1742 ab. Zugleich führte es aber bis ins Jahr 1754, da es auch mit dem Vermerk: ceci ne doit pas être imprimé das versiegelte Tagebuch aus Italien enthielt. In den Memoiren fanden sich viele noch ungedruckte Stellen vor; mehrere Blätter waren herausgerissen, oder durch Alter beschädigt und nicht nur zahllose einzelne Stellen durchstrichen, sondern ganze Seiten verworfen, und durch einen neuen Text ersetzt. Jeder Zweifel an der Echtheit der Memoiren war nunmehr behoben, und es erübrigte sich nur mehr die Frage ihrer Glaubwürdigkeit. Daß sie durch Legat in die Hände Supervilles gelangt waren, ist zwar behauptet, jedoch nie mit Sicherheit erwiesen worden; so wenig wie der Ursprung all der Abschriften, die schon früh in Umlauf kamen; entsprach es doch der Sitte der damaligen Zeit, mit Manuskripten hoher Persönlichkeiten allerlei Mystifikationen und Mißbräuche zu treiben. Weder für die Verantwortlichkeit der Markgräfin in Hinsicht der Verbreitung ihrer Memoiren noch der Zeit ihres Entstehens, haben sich trotz aller Nachforschungen bestimmte Angaben ermitteln lassen. Die Feststellung gerade dieser negativen Resultate aber ist für die Beurteilung der Markgräfin von großer Wichtigkeit, besonders wo es sich, wie hier, um die mit so mannigfachen Streichungen, Umarbeitungen und Zusätzen versehene, spätere Redaktion der Denkwürdigkeiten handelt, wobei zwar ihr Talent gereifter und glänzender zu Tage tritt, ihr Urteil aber um vieles härter und schonungsloser zum Ausdruck kommt. Denn verglich man dieses Urteil mit brieflichen Äußerungen der Markgräfin aus derselben Zeit, so ergaben sich bedenkliche Widersprüche, und nicht nur chronologische Irrtümer, sondern nachweisbare Entstellungen von Tatsachen und Briefen. Da mußte es denn nahe liegen, daß man über die Verfasserin ziemlich formell zu Gerichte saß, sie der Doppelzüngigkeit und Verlogenheit zieh, die Aufmerksamkeit auf ihre politische Ahnungslosigkeit sowie ihre Unkenntnis historischer Vorkommnisse lenkte und damit ihre Person, und zum Teil ihre Memoiren für erledigt hielt.

Wird sie von Ranke mit ziemlicher Kälte ihres Weges beschieden, so schlägt Droysen schon fast den Ton des Staatsanwaltes ihr gegenüber an, welcher dann bei Onckens Schüler Bernbeck pflichtschuldig in Grobheit ausartet.

Sein Ton kontrastiert lebhaft genug mit der ritterlichen Weise Carlyles, dem Wilhelmine zwar die »schrille Prinzessin« ist, der nie müde wird, auf ihre Übertreibungen hinzuweisen; wo er sich auf ihre Aussagen beruft, das »Verkleinerungsglas« nie aus der Hand legt, und dennoch ein so edles Bild von ihr festhält. Und es zeigt sich heute, da wir gelernt haben, eine weniger summarische Psychologie zu treiben, wie sehr er ihr gerade in seiner Parteilichkeit gerecht wird.

Um sie zu verdammen, wären Daten erforderlich, die uns wahrscheinlich für immer entzogen sind, da ihre Memoiren bedauerlicherweise unvollendet blieben. Wir wissen nur, daß zwei Fassungen derselben bestanden, -- das Original der früheren ging verloren -- daß die spätere in durchaus schärferem und boshafterem Sinne umgearbeitet wurde, und daß zwischen beiden Redaktionen Jahre liegen. Es fragt sich nur, wie Fester hervorhebt, _welche_ Jahre.

Die Markgräfin nennt uns für ihre Memoiren ein einziges Datum, nämlich: das Jahr 1744, als dasjenige, in welchem sie die Schilderung der Eremitage entwirft. Weitere Schlüsse lassen sich nur noch aus einer Stelle ziehen, welche den Tod des Fürsten Leopold von Dessau, der im Frühling des Jahres 1747 fiel, voraussetzt. Fester nimmt als Zeit der Abfassung die »Jahre der Erbitterung« 1742--1747 an, während ihrer Entfremdung und vor ihrer Aussöhnung mit Friedrich; und keine Vermutung könnte glaubwürdiger sein, als daß die Markgräfin gerade in jenen Zeiten innerster Verlassenheit Trost und Ablenkung in ihren Erinnerungen suchte, dabei aber die Not des Augenblickes auf lichtere Tage übertrug, und Vergangenes mit den Schatten der Gegenwart übermalte.

Bisher war immer noch Sonne in ihrer »carrière d'adversité«. Ihre wechselvollen und durchkreuzten Pfade sind stets von der großen, fast ausschließlichen Liebe ihres Bruders, später der ihres Gatten erhellt. Als sie sich mit diesem durch fremde, mit jenem größtenteils durch eigene Schuld zerworfen, und ihrer Familie entfremdet fühlte, da suchte sie einen imaginären Halt in ihrer eigenen Erbitterung. Über diese selbst sich uns mitzuteilen, versagte ihr jedoch der Mut, und so entnehmen wir ihre ferneren Schicksale ihren Briefen und den Briefen ihres Bruders.

Eine merkliche Kühle zwischen den Geschwistern war schon seit Friedrichs Thronbesteigung eingetreten. Die herrische Haltung, in die Friedrich als junger König verfiel, der Abstand, der sich jetzt zwischen seiner und ihrer Stellung geltend machte, ihr unbefriedigter Ehrgeiz, dies alles quälte die Markgräfin schon lange. Aber äußerlich stand alles noch beim Alten, als Friedrich im September 1743 zum Besuch der Schwester in Bayreuth erschien. Zwar konnte er nur kurz bei ihr verweilen und mußte politische Nebenabsichten mit dieser Reise vereinen, da er bei den süddeutschen Reichsfürsten eines Rückhaltes gegen Österreich bedurfte, ließ aber seinen Hofstaat, seine Sänger, seinen Bruder, den Prinzen August Wilhelm, und vor allem Voltaire bei ihr zurück. Dieser sollte nun der wahre Mittelpunkt all der Festlichkeiten werden, die jetzt auf kurze Zeit das stille Bayreuth mit so viel Glanz und Leben überzogen, und in diesen froh bewegten Tagen fühlte sich die geistvolle und gesellige Fürstin in ihrem Elemente; einem Manne wie Voltaire mußte sie sich in ihrem besten und zugleich wahrsten Lichte zeigen. Sie war nichts für Philister, für einen bedeutenden Verkehr aber wie geschaffen. Wies doch ihr eigener Geist nichts von den Halbheiten und Unzugänglichkeiten auf, die selbst bei talentierten Frauen nicht selten verdrießen: er war vom Besten wie edler Wein.

So mußte ihrem großstädtischen Sinn die froh bewegte, wohl etwas geräuschvolle Note, die während Voltaires vierzehntägigen Aufenthaltes in dem abgelegenen Städtchen anschlug, von Grund auf zusagen, als jedoch Friedrich zurückkehrte und mit dem ganzen glänzenden Gefolge wieder von dannen zog, sollte sie auf lange verklungen sein.

Schon wenige Monate später entstand zwischen der Markgräfin und dem König Friedrich das große Zerwürfnis. Der Markgraf hatte sich vor Jahr und Tag in eine ihrer Damen, Fräulein von Marwitz, verliebt, und trug jetzt seine Neigung immer offener zur Schau. Wilhelmine fühlte sich durch seine Untreue nicht nur ins Herz getroffen, sie empfand sie in ihrem Stolze als eine nicht zu verwindende Schmach. Sie setzte indes, wohl um die Rivalin zu entfernen, deren Heirat mit dem österreichischen Grafen Burghaus durch. Hiermit brach sie aber, wie man aus den Memoiren ersehen wird, ein ihrem Vater, dem König Friedrich Wilhelm gegebenes Versprechen, und beschwor zugleich den Bruch mit Friedrich herauf, dessen Interessen durch diese Ehe in rücksichtsloser Weise mißachtet wurden. Die gehoffte Entfernung der Marwitz unterblieb, der österreichischen Partei aber, deren Einfluß Friedrich bei seinem Besuche in Bayreuth schon wahrgenommen hatte, ward durch diese Ehe ein neuer Vorschub gewonnen. Die Markgräfin stand nun bald vor aller Welt in einem sehr zweideutigen Lichte. Als sie vollends der zur Krönung nach Frankfurt ziehenden Maria Theresia huldigend entgegen kam, mußte dies nicht nur bei ihrem Bruder, sondern bei allen ihren Angehörigen Entrüstung hervorrufen. Für die feindlichen Strömungen am Bayreuther Hofe, wie für die anti-preußischen Presse-Äußerungen in ihrem Lande, wurde sie nun verantwortlich gemacht. Aber sie schien alles, selbst die gehaßte Nähe der Burghaus-Marwitz eher zu ertragen, als daß sie es über sich brachte, durch einen Skandal das offene Zugeständnis dessen zu geben, was doch alle Welt seit Jahren wußte und besprach. Je einfacher ihre Motive gewesen waren, desto komplizierter und rätselhafter wurde jetzt ihr Verhalten, so daß zuletzt selbst Friedrich irre an ihr wurde. »Une vraie querelle d'amants« hat Lavisse ihr Zerwürfnis genannt. Und in Wahrheit konnte nur die tiefste innere Zusammengehörigkeit einer so andauernden Entfremdung standhalten. Die spärlichen Briefe, die Friedrich während der folgenden Jahre an die Markgräfin richtet, sind meist diktiert; nur hin und wieder gibt ihr ein Vorwurf oder eine grimmige Anspielung zu verstehen, wie schwer Friedrich den Verlust dieser Freundschaft empfindet. Wilhelminen mag er in ihrer inneren Verlassenheit wohl noch schmerzlicher gefallen sein. Dennoch wurde beiderseits nichts unternommen, die stets größer werdende Kluft zu überbrücken. Ohne die freundliche Vermittlung des Prinzen August Wilhelm hätten sie den Weg zu einander wohl nie wieder gefunden. Durch ihn wurde im Jahre 1746 endlich eine Versöhnung der Geschwister angebahnt, und im Spätsommer des folgenden Jahres folgte Wilhelmine einer Einladung Friedrichs nach Berlin. Was sie ihm auch jetzt noch verschweigt, verraten ihm ihre abgehärmten Züge und ihre Erschöpfung; und mit seinen durchdringenden Augen sieht er Dingen auf den Grund, die auch die letzten Schatten seines Grolles verscheuchen.

Wilhelmine hatte bei ihrer Abreise die Burghaus todkrank zurückgelassen und glaubte sich auf immer von ihr befreit. Statt dessen tritt diese der zurückkehrenden Markgräfin wohlbehalten und triumphierend entgegen. Es kommt nun doch zu der so lang vermiedenen Szene. Die Burghaus sieht sich zwar genötigt, das Schloß zu räumen, bezieht aber dafür, auf Kosten des Markgrafen, eine Wohnung im Gesandtschaftspalais. Ihr Gatte war ruiniert, ihr eigenes Vermögen aber, infolge ihrer Heirat mit einem Österreicher, die einzig und allein Wilhelminens Werk gewesen war, gesetzmäßig eingezogen worden. Diese entschließt sich nun endlich, ihren Bruder zu Hilfe zu rufen; er allein kann sie aus ihrer Lage retten. Der Brief, in dem sie ihm gegenüber die Sachlage erörtert, ist noch gewunden genug, aber Friedrich weiß jetzt längst, welches Geständnis aus ihren gepreßten Worten und zwischen den Zeilen ihrer Briefe herauszulesen ist, und er zögert keinen Augenblick, ihr beizustehen: der Burghaus wird ihr väterliches Erbe ausbezahlt unter der Bedingung, daß sie Bayreuth sofort verläßt. Die unerquickliche Episode findet somit ihr Ende.

Sie hatte zu lange gewährt, und einen so finsteren Ring um Wilhelminens Leben gezogen, daß die elastische, trotz aller Lamentos so frohlaunige Fürstin daran zerschellte. In immer schlimmere Widersprüche geratend, mit der Feindin befreundet, den Freunden verfeindet, läßt sie heterogenen Einflüssen ungehinderten Lauf, ihr Gemüt aber bis zur Krankhaftigkeit sich steigern, indem sie eine unerträgliche Situation, die sie als inavouable empfindet, scheinbar nicht bemerkt.

In diesem Konflikt einer Selbstlüge, nicht in ihrem Charakter ist das Geheimnis ihrer vermeintlichen Verlogenheit zu suchen, wie ihrer vermeintlichen Härte und Herzlosigkeit, und der wahre Grund so mancher Widersprüche zwischen ihren Memoiren und ihren Briefen. Ihre bitteren Ausfälle gegen Friedrich aber stimmen ebenso gut zu ihrem Verhalten während jener Jahre der Entzweiung, als sie mit ihrem späteren kontrastieren. So war es, in Ermanglung aller Gegenbeweise, eine Zubilligung, ihre Memoiren in eben diese Jahre zu verweisen.

Dazu kommt, daß selbst den klügsten Frauen nicht entfernt dasselbe scharfe Gefühl für die starke Realität des geschriebenen Wortes innewohnt, wie dem Manne. Bei aller Begabung, die aus dem Buche der Markgräfin hervorleuchtet, steht sie sich dabei doch sehr im Lichte, weil es ihr zwar nicht an literarischem Talente, aber ganz und gar an literarischer Perspektive fehlt. Der schöne Nachruf Friedrichs des Großen an seinen Vater ist darum nicht minder schön, weil darin auch nicht eine Spur jener Subjektivität zu finden ist, mit welcher doch auch Friedrich sich seinerzeit brieflich über seinen Vater ausläßt. Es ist darum nicht minder schön und nicht minder empfunden, weil Friedrich das Gefühl für die objektive Wirkung dieses, auch für ihn selbst so ehrenvollen Nachrufes in sich trug. Der innere Vorgang ist hier so einfach, daß es sicher kein Kalkül, kaum ein Bewußtsein zu nennen ist, daß es vielmehr einem Manne kaum begreiflich scheinen muß, wie er bei einer so überragenden Persönlichkeit wie der Markgräfin davon absehen soll.

Um ein wahres Bild von ihr zu gewinnen, dürfen wir der Umgebung, von welcher es sich so mächtig abhebt, nicht vergessen. Hier hat sie sicherlich nicht übertrieben. Sie war, noch sehr jung, nach all den großartigen Aussichten, mit welchen sie aufwuchs, in ein Provinz-Städtchen und in eine geistige Öde verschlagen worden.

Wenn wir von Voltaires kurzem Aufenthalt in Bayreuth und den paar Besuchen und Gegenbesuchen zwischen ihr und Friedrich absehen, war die Anregung im Leben der Markgräfin sehr gering. Nur durch sie ward in ihrem Ländchen für Architektur und Musik, für Kunst und Wissenschaft ein Boden gewonnen, und ohne sie wäre die kulturelle Geschichte Bayreuths ein leeres Blatt. An dem adeligen Stempel, den sie dem Städtchen aufdrückte, hat ihr liebesfroher Markgraf keinen Teil. Und _sie_ war es, welche Bayreuth »créierte«.

Volle Würdigung ihrer Interessen wie ihrer Initiative findet sie hier nur bei ihrem Leibarzt von Superville, der ihr seine reichen Fähigkeiten und sein organisatorisches Talent zu Diensten stellt, ihr die Gründung der Universität Erlangen ermöglichte, und ihr neun Jahre hindurch als Freund und berufener Ratgeber zur Seite steht. Daß sein Sturz sich um dieselbe Zeit ereignete, in welcher die Burghaus aus Bayreuth verwiesen wurde, hat zu der Hypothese geführt, Superville habe sich als Arzt die Freiheit genommen, den Markgrafen zu warnen, daß er seine Liaison mit der Marwitz auf die Dauer nicht aufrecht halten könne, ohne an die zerrüttete Gesundheit der Markgräfin gefahrvolle Zumutungen zu stellen. Gewiß ist, daß sie Superville aufs wärmste an ihre Schwester, die Herzogin von Braunschweig, anempfahl, an deren Hofe er bis zu seinem Ende verblieb. Die Bedeutung dieses Mannes scheint übrigens größer gewesen zu sein wie sein Prestige. Falls sie ihm wirklich das Originalmanuskript ihrer Memoiren zum Vermächtnis machte, scheint sie sich gewisser wenig schmeichelhafter Stellen betreffs seiner nicht mehr erinnert zu haben, eine Vergeßlichkeit, die wieder darauf hindeuten würde, wie wenig sie sich in ihren letzten Jahren mit ihren Memoiren befaßte.

Es brach durch ihre Versöhnung mit Friedrich eine so andere Zeit für sie an, so wenig geeignet, sie weiterhin zu Rückblicken anzuregen. In den Jahren 1750 und 1753 verweilt sie wieder auf einige Zeit zu Besuch ihres Bruders in Berlin, 1754 besucht er sie zum letzten Male in Bayreuth, und im Herbst desselben Jahres tritt sie ihre langersehnte Reise nach Italien an. In Lyon kommt sie wieder mit Voltaire zusammen; sie hat besser als ihr Bruder die Regungen seines Herzens durchschaut, das die Bewunderung für den großen Friedrich so wenig als die erlittene Kränkung verwinden konnte, und sie versteht es, neue Brücken zwischen ihnen anzubahnen. Mit ihrer Reise nach Italien, das sie mit so offenen Augen betrachtet hat, ist dann das Register ihrer sonnigen Tage geschlossen. Wenn aber sieben Jahre der Entfremdung ihre Liebe zu Friedrich nicht ertöten konnten, so steigert sie sich jetzt, da seine Lage immer bedrängter wird, ins Heroische, und nicht länger darf sich Maria Theresia der Sympathien seiner Schwester rühmen: Wilhelmine politisiert, intrigiert und vermittelt, sucht durch Folard, den Vertreter Frankreichs, an mehreren deutschen Fürstenhöfen, durch Voltaire, den sie in Bewegung setzt, auf den Frieden hinzuwirken. Dem König ist ihre starke Anteilnahme eine Stärkung und ein Trost. Als er im Jahre 1757 im scheinbar aussichtslosen Kampf wider die Übermacht seiner Feinde den Selbstmord ins Auge faßt, schreibt ihm Voltaire auf Wilhelminens Bitte den zwar inspirierten, aber von prachtvoller Empfindung getragenen Brief, um ihm von diesem Vorhaben abzuraten. So knüpft sie überall Fäden an, mit unverkennbarem Geschick, wenn auch aller Erfolg jenseits der Tage liegt, die ihr noch beschieden sind. Ihrer Sorge um den König vermögen ihre aufgezehrten Kräfte nicht mehr lange zu widerstehen. Man ist in Berlin über ihren Zustand unterrichtet, und sie selbst weiß, daß keine Rettung für sie ist; nur Friedrich bringt es nicht über sich, der traurigen Tatsache ins Auge zusehen, und ihm verhehlt sie ihre Lage, wie er selbst sie über die eigene zu täuschen sucht. Denn beide wissen nur zu gut, was das Los des einen dem anderen bedeutet. »Auf meinen Knien«, schreibt ihr Friedrich, als könne sie über ihr sinkendes Leben gebieten, »bitte und beschwöre ich Dich zu tun, was Du nur tun kannst, um dieser Krankheit zu entrinnen; iß, nimm die Arzneien, folge blindlings den Anordnungen Deines Arztes. Denke, daß Dein Tod mich zur beklagenswertesten Kreatur der Erde machen würde.«

Seinen letzten Zuruf, den er zwei Tage vor ihrem Tode an sie ergehen läßt, vernimmt sie nicht mehr. Sie stirbt am 14. Oktober 1758, um dieselbe Stunde, zu der Friedrich die schwere Niederlage bei Hochkirch erleidet.