Part 7
Münchner Neueste Nachrichten 6. Juni 1913.
TRAUM UND HELLSEHEN
Aber das weiß ich, solche Träume soll man nicht gering achten. Sieh, ich denke mir das so. Wenn der Mensch im Schlafe liegt, aufgelöst, nicht mehr zusammengehalten durch das Bewußtsein seiner selbst, dann verdrängt ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegenwart, und die Dinge, die kommen sollen, gleiten als Schatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. Daher kommt's, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft überrascht, daß wir auf das Gute schon lange vorher so zuversichtlich hoffen, und vor jedem Übel unwillkürlich zittern. Oft habe ich gedacht, ob der Mensch wohl auch noch kurz vor seinem Tode träumt.
(Hebbel.)
Eines Tages erhielt ich in der Münchner Staatsbibliothek ein Traumbuch aus dem sechzehnten Jahrhundert zur Ansicht, und von der phantastisch reichen Flora der höchst belebten, anschaulichen Bilder verlockt, verlor ich mich darin wie in einem Zaubergarten. Auf Träume zu merken, war mir zwar bisher nie eingefallen, allein mich reizte die Poesie, die Schlagfertigkeit, welche hier fast jeder Deutung etwas Prägnantes oder Überzeugendes lieh. Der Mond, die Sonnenblume, die entfaltete wie die knospende Rose, Wind und Welle, hier schien alles zu einer zeit- und raumlosen, und doch so farbenfrohen Welt sich noch einmal zu fügen. Selbst das Leblose leuchtete da -- als wie in Gold gefaßt -- noch einmal auf; als ob jedes Ding, kraft eines geheimnisvollen inneren Lichtes, noch eine Art geistigen Schattens würfe. So entzückte es mich, von einer Deutung des Geißblattes, der Zuckererbse, der Nachtigall zu lesen, und eine Reihe von Auslegungen frappierte mich oder gefiel mir derart, daß ich sie auf der Stelle notierte.
Es kam, was kommen mußte; ich fing unwillkürlich mit meinen Träumen zu experimentieren an, und indem ich sie mir des Morgens ins Gedächtnis rief und die interessanten in nur mir verständlichen Hieroglyphen verzeichnete, entstand eine Art von Buchführung, die manchem gewiß sehr töricht erscheinen wird. (Aber offen gesagt, seitdem das Gescheitsein so in die Mode gekommen ist, daß ein jeder dafür gelten will, hält man es manchmal lieber mit den Dummen.) Meine Angewöhnung hatte also zur Folge, daß sich nach einigen Jahren ein sechster Sinn: ein Traumsinn ganz von selbst in mir entwickelte. Und da ergab es sich denn: 1. daß die ungeheure Heerschar der Träume -- der Traum des Darius steht hierfür als der eigentliche klassische Typ -- ihrer Natur nach nichts anderes als leere Trugbilder sind, 2. aber daß _Zeichen_, ob sie uns zwar gleich den Träumen zum besten halten und in die Irre führen können, uns nie eigentlich belügen. Was unter diesen Zeichen zu verstehen ist, läßt sich wohl nur durch Beispiele erläutern.
Ich ging eines Tages die Theatinerstraße entlang, spazierte langsam vor mir her, hielt mich auf der Sonnenseite und ließ mich bescheinen. Ecke der Ludwigstraße begegnete mir einer meiner Freunde. Die Straße lag leer vor uns und das Wetter war heiß. Eine Strecke begleitete er mich und sprach von seiner bevorstehenden Reise, dann gingen wir auseinander. Nun war ich gerade auf dem Wege zu Habermann's Atelier, der mein Bild unternommen hatte, und langte von dem Weg in der Sonnenhitze ziemlich erschöpft bei ihm an. Als es an die Sitzung gehen sollte, klopfte es, und Habermann wurde hinausgerufen. Indes lehnte ich nochmals in meinem Sessel zurück, und, von dem scharfen Nordlicht geblendet, schloß ich die Augen.
Als ich sie öffnete, mochte kaum eine halbe Minute verstrichen sein; der Zeiger an der Uhr hatte sich nicht gerührt, und ich war noch allein. Jedoch in dieser kurzen Spanne Zeit war ich dem Augenblick so weit vorausgeeilt, daß ich mit Grauen in das Tageslicht starrte, als hätte es inzwischen vorrücken und sich verändern sollen. Nichts mußte mir ja natürlicher erscheinen, als daß mir die Gestalt des Freundes, den ich vorhin getroffen hatte, wieder vorgeschwebt war; und dies umsomehr, als jeder Gedanke an ihn, nachdem wir so flüchtig von einander schieden, mir unverzüglich entfallen war. Ich hätte also dem Traum keinerlei Beachtung geschenkt, wäre nicht das leidige, sinnlose Gelächter gewesen, das mich bei seinem Anblick befiel. Ohne jeden Grund bog und wand ich mich nämlich in diesem Traume vor Lachen, so zwar, daß ich zuletzt in gebückter Haltung mit den Armen an mich hielt, wie einer, dem vor Lachen der Atem ausgeht. Dies Gelächter aber war es, welches eine so tiefe Verstimmung, eine so öde Bangigkeit in mir hervorrief, daß ich in diesem Augenblicke viel gegeben hätte, um diesen Traum nur wieder ungeträumt zu wissen.
Der Sommer war längst vorüber, als die Nachricht von dem jähen und grauenvollen Tode jenes Freundes in allen Blättern stand. -- Die Zeitung, welche die Kunde enthielt, noch in der Hand, hörte ich von draußen eine fröhliche Stimme, die nach mir rief, schnelle Schritte, die sich näherten, und ein munteres Klopfen an meiner Türe. Ich war nicht in der Laune zu öffnen, schob leise den Riegel vor und antwortete nicht; wagte aber dann keinen Schritt von der Türe weg, um durch kein Geräusch meine Anwesenheit zu verraten. Und plötzlich stand ich gebückt, mit gekreuzten Armen, um die Seufzer zurückzuhalten, die mir die Nachricht eines so bedauernswerten Todes entrang. Zugleich gemahnte es mich da an jenen vergessenen Traum, der so düster, so unwiderruflich an mein Bewußtsein angeklungen hatte.
Dies eine Beispiel soll natürlich nichts beweisen. Infolge zahlreicher Beobachtungen reizte es mich jedoch, das Spiel, oder wie man es nennen mag, weiter zu betreiben, und zu merken, wie viel, zu merken, wie unsagbar wenig Träume zu bedeuten haben; gleichen sie doch in der ungeheuren Mehrzahl von Fällen den Rohabdrücken photographischer Platten die am Tageslicht noch eine kurze Weile standhalten, um dann gänzlich zu verblassen; während die seltenen Wachträume von einer so starken Atmosphäre umhüllt sind, daß sie, dem Gehirn wie _eingeätzt_, vor dem wachen Bewußtsein fortbestehen, ja sich eher noch verschärfen.
Um aber auf das zurückzukommen, was ich Zeichen nannte, so ließe sich sagen -- -- -- daß uns für die Begebenheiten des täglichen Lebens ein heimlicher, absolut zuverlässiger Nachrichtendienst zu Gebote stehen kann, eine Art chiffrierter Telegramme, die uns sehr schnell geläufig werden, auch nicht weiter aufregend, jedenfalls nicht zeitraubend sind; die Erfahrung lehrt uns aber sehr bald, daß wir sie zu bescheinigen haben. Sie lehrt uns auch alle Winkelzüge wahrzunehmen, welche im Traume zu unserer Belehrung oder Mystifizierung geschehen. Dabei kam mir häufig der Verdacht, daß ein solcher »Traumsinn« in jedem Menschen latent vorhanden sein müsse; hatte ich ihn selbst doch nur durch Zufall in mir entdeckt und nur durch Beobachtung in mir ausgebildet.
Wenn der skeptische Franzose sagt: La nuit porte conseil, und wenn wir nach einer scheinbar traumlosen Nacht beim Erwachen nicht selten auf das bestimmteste wissen, ob der gestern noch erwogene Entschluß auszuführen sei oder nicht, so erlangten wir unsere plötzliche Einsicht doch nicht einfach dadurch, daß wir inzwischen geschlafen haben, sondern weil ein Etwas, das weidlich klüger als wir selbst und doch mit unserem Selbst aufs innigste verwoben ist, während dieser zeitweiligen Ausschaltung unseres Bewußtseins _überbieten_ durfte. Daher das dämonisch Überlegene, ungemein Witzige mancher Traumweisen.
So ließe sich denn, falls unser Traumsinn ausgebildet ist, in der Tat behaupten, daß wir in den Tiefen unseres Gemütes durch gute oder böse Ereignisse nicht überrascht werden können, obwohl wir deshalb dem Leben nicht um einen Grad weniger ahnungslos gegenüberstehen; denn die Vorstellung erweist sich hier niemals als das Korrelat der Wirklichkeit und sowohl für die Art, wie für die Zeit, in der das Schicksal an uns herantreten wird, liegt es im Charakter des Traums, jede Andeutung zu verweigern. So mag einer über Ziel und Ende seines Lebenslaufes mit Recht sich orientiert glauben, unübersehbar dunkel liegt es dennoch vor ihm, und nur für die Richtung seines Weges ist ein Kompaß in ihn gelegt. Seine Träume nicht zu mißachten, kann daher wohl nur dem geistig Geschulten förderlich sein, denn wenn sie ihn vielleicht vor einem unnützen Tappen im Dunkeln, einer Untreue an sich selber bewahren, so wird er dabei nicht die richtige Distanz zu derlei Dingen verlieren.
Ich möchte über das Hellsehen ein Wort sagen: Es mußte mich natürlich interessieren, über diese Art des Schauens meine eigenen Eindrücke zu gewinnen, ein Interesse, das allerdings sehr bald erlahmte. Eine Zeitlang aber suchte ich jede Somnambule, die sich zufällig in meinem Bereich fand, pflichtschuldigst auf und sammelte mir so ein ganz ansehnliches Material. Nun ist mir keine, die sich ohne eine Spur von Begabung als solche ausgegeben hätte, mithin keine absolute Schwindlerin begegnet -- enorm geschwindelt haben sie dabei alle. Und ich wüßte nichts, was gerade der ungebildeten Klasse füglicher untersagt werden könnte, nichts, was zugleich unzweckmäßiger und gefährlicher für sie wäre, als das Konsultieren derartiger Wesen. Der Wust von Bildern nämlich, den der in den Trancezustand Versetzte schaut, kann mit dem Wust von Bildern, die vor dem Träumenden vorüberziehen, insofern gut verglichen werden, als hier wie dort die Dinge außerhalb ihres Zusammenhanges, ihres Rahmens, ihrer Kausalität, mithin der Wirklichkeit entäußert sich darstellen. Daß hier der Unerfahrene oder der Tor -- statt den Weizen von der Spreu zu lösen -- das Körnchen Wahrheit, das er etwa hält, zur Ladung Unsinn häufen muß, ergibt sich von selbst. Gesetzt, er vernimmt etwas sehr erstaunlich Zutreffendes, so wird leicht in ihm die Vorstellung entstehen, als sei hier eine deutlichere, eine geschärftere Sehkraft am Werke, während es mit dem Prozeß des Hellsehens gerade umgekehrt beschaffen ist; es ist gleichsam, als würden dem hellsehenden Individuum ein paar Nußschalen hart vor die Augen gebunden; undurchdringliche Schalen, die eine winzige Spalte in sich bergen. Durch diese nun gewahrt das seherische Auge aus Zeit und Raum herausgegriffene Bilder, Punkte, die zufällig in seinen Gesichtskreis fallen, was es da sieht, mag wahr sein, oder ist wahr; der Gran Wahrheit aber, der hier erfaßt wird, verhält sich zur Wirklichkeit wie das Blatt zum Baum, wie der Baum zum Wald. Der »ganze Schwindel« bei einem hellsehenden Wesen von gewissenhaftester Ehrlichkeit bestünde ganz auf Seite dessen, der sich das Geschaute mitteilen läßt, indem er nämlich dem wesenlos Geschauten die -- meist beliebige -- Wesenheit aufoktroyiert.
Nehmen wir den Fall: Heinrich VIII., Catharina von Aragoniens müde und in Anne Boleyn verliebt, hätte sich zu einer Hellseherin begeben. Aus einer Flut verwirrter, unklarer Bilder wäre da etwa am deutlichsten das eines schönen Frauenkopfes und einer Krönung emporgetaucht. Wie hätte da Heinrich VIII. es nicht alsbald aufgegriffen und vergnügt auf Anne Boleyn bezogen? Was sich indes dem seherischen Auge darbot, das war vielleicht das Angesicht der Catharina Parr, Heinrichs sechster Frau, während alles, was dazwischen lag, die schaurige Vision gestürzter, enthaupteter Königinnen sich jenem Blicke entzog. Der scheinbar nicht Betrogene und der Betrüger wäre somit kein anderer gewesen als Heinrich VIII. selbst.
Genug. Sofern Traum wie Hellsehen zur Lehre der Idealität von Zeit und Raum bedeutsame Kommentare liefern, scheint es mir unüberlegt, daß wir dies Gebiet vorzugsweise der spekulativen Ader des niederen Volkes überlassen. Hier, wie fast zu allen geistigen Problemen, haben sich wohl die alten Griechen am richtigsten gestellt. Nicht alltägliche, sondern bedeutsame Träume bedeutender Männer schienen ihnen der Beachtung wert, und nicht für die gedankenlose Masse war das Amt der Sibylle ins Leben gerufen. Da solch schwermütige Talente einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind, dürfte es sich lohnen, sie besser auszubilden statt verrohen zu lassen, wie es geschieht. Und wenn zur eigentlichen Prosa-Marke unserer Zeit das heutige Traumbuch gehört, das seinen entsprechenden Platz in der Küchenschublade gefunden hat, so wüßte ich dagegen nichts, was antiker anmuten könnte als jener Wahrtraum Bismarcks, einige Jahre vor der Schlacht von Königgrätz, den er Jahrzehnte später in seinen »Gedanken und Erinnerungen« beschreibt.
Neue Rundschau 1908.
AUS EINEM TRAUMBUCH
Die zarten Blumen neigen sich zur Erde, Die kühlen Grund den süßen Farben beut; Und Dämmerung verbreitet sich und sinkt, Sich sehnend nach Verzögerung, Gleich einem letzten Blick. Einsam erschauern da Glycinen, Und Azaleen hauchen ihre Blüte, So lau der feuchten Nacht entgegen! Und nur die Rose läßt sich nicht betäuben.
Denn Rosen zieh'n des Nachts geheimnisvolle Kreise Als wallten ihre Düfte träumend hin Wo sie der sehnsüchtige Schimmer Ruhloser Herzen lockt. Doch kennen Rosen nur der Freude Schwingen, Und mit der Göttin Tauben ziehen sie Als Boten ihrer Huld. -- Wen ohne Gunst in ihrem Ringe Die Liebe unfroh hält, Nimmer scheinet ihm die Rose!
Tief entleuchtet seinen Träumen Grausam, und auf starrem Grunde, Nur der Sonnenblume brennend Aug!
Zeitler Almanach 1907.
LITERATUR
Zu leugnen, daß es große Schriftstellerinnen geben kann, ist vielleicht erst in unseren Tagen wirklich unzulässig geworden, seit eine Frau von Genie wie Selma Lagerlöf zu Würden gelangte, die ihr die Zeit gewiß nicht rauben wird. Ja, im Gegenteil: ich bin überzeugt, ihr Ruhm wird Zeit ihres Lebens seinen Höhepunkt gar nicht erreichen können, ob auch schon viele das Fortlebende ihres nicht vielseitigen, aber so tragenden Geistes empfinden. Aber auch sonst möchte ich nichts gegen Schriftstellerinnen sagen. Es wäre unsolidarisch, denn eigentlich muß man mich auch so nennen. Was mir an Fachmäßigkeit fehlt, läßt doch meine Zünftigkeit bestehen, so daß ich mir über dieses Thema wohl einige Äußerungen gestatten darf.
Die Gefahr beim Schreiben ist natürlich die innere Verarmung. Produziert doch der Schreibende -- ach! -- so selten aus seiner Fülle, so häufig aus einem Mangel heraus. Getrieben, gezwungen mag er sich wohl fühlen, aber seltener durch seinen Überschwang denn durch seine Not! Von ihm gilt weit mehr noch, was Plato vom bildenden Künstler aufrecht erhielt: So herrlich seine Werke auch seien, möchte man nicht ihr Schöpfer gewesen sein. Aber tausendmal größere Pein hängt doch sicherlich an den Tragödien des Äschylus als an den Statuen des Phidias. Und wo ist das Buch, fesselte es uns noch so sehr, wo ist das Buch, das wir deshalb geschrieben haben möchten? Ich weiß keines. Ich hätte zu keinem den Mut.
Es muß doch endlich eingestanden werden, was für eine Qual das Schreiben ist. Der passionierteste Dichter wird mir hierin beistimmen; eine gesunde Qual, eine Qual, ohne die er nicht leben könnte; zugegeben; aber eine Qual. Ist das Musizieren nicht eine Lust? Ist das Malen nicht beglückend? Es benimmt der Kunst des Bildners sicher nichts von ihrer Schwere, daß die Natur ihm so sehnsüchtig entgegenkommt; aber sein Wesen, seine Vitalität bleibt von seiner Schaffensmühe unbelastet: außerhalb seines Ateliers feiert er wirklich. Nur den wenigsten Schriftstellern hingegen fällt nach der Arbeitszeit die Tür ihrer Werkstatt wirklich ins Schloß. Die Maschine, einmal in Betrieb gesetzt, fährt auch ins Leere zu arbeiten fort, und es entsteht der Literat, jenes oft so zerquälte und so ermüdende Geschöpf. Der produktive, schon der reproduktive Mensch ist ja vielfach mehr als der Müßige gefährdet. Bête comme un ténor heißt doch nicht, daß einer dümmer ist, weil ihm die paar Töne im Halse sitzen, sondern, daß er sich von dieser erfreulichen Beschaffenheit seiner Kehle überbieten ließ und in seiner Gesangskunst den Mittelpunkt aller Dinge erkennt. Wenn nun schon _sein_ Gleichgewicht öfter als nicht durch sein Talent bedroht wird, was ist vom Dichter zu gewärtigen, an den die ungeheuerliche Forderung ergeht, Mann und Weib in einer Person abzugeben, aus dem Nichts zu schaffen, das Konzipierte selber auszutragen, ein Wagnis, bei dem der Einsatz des Individuums so gewaltig ist.
Und gar die Dichterin! Das Gewaltsame entspricht doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade dem Wesen des Mannes, und das Feminine liegt ihm nie so fern wie der Frau das Maskuline. Bei, ihr schillert die Aufgabe, sich fremde Wesenselemente abzutrotzen, von vornherein arg ins Groteske hinüber. Es ist zu schwer, die Überforderung ist zu groß! Was Wunder, wenn sie bei der gefährlichen Arbeit unter die Maschine gerät, ein Arm und ein Bein ihr abhanden kommt, und jenes Strafgericht sie ereilt, von dem schon im alten Mythos die Rede ist. Denn nicht nur, heißt es da, hätten uns die Götter dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden, sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte Kreatur, nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht heraus, sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und diese, in ihrem Zorn, würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur Profilgestalt geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr dürftiges Dasein verlebe.
Der Mann hat für die Kategorie der mehr intellektuellen als intelligenten Frauen den Namen Blaustrumpf ersonnen. Bezeichnenderweise (mehr bezeichnend vielleicht als bewußt) wird für sie auch in den anderen Sprachen stets nur auf _ein_ Bein Bezug genommen: der Bas bleu, der Blue stocking, nirgendwo scheint er ein _Paar_ Strümpfe zu benötigen.
Dabei vergaß aber der Mann, daß er selbst ein Gegenstück zu dieser Spezies stellt, wenn er sich, wie so häufig geschieht, als Literat von seinem Schreibtisch weg unter die Menschen begibt, Menschen und Dinge in seinen unlebendigen Gesichtspunkt rückt, und ihrer Perspektive entzieht. Die Literatur läuft in sehr schwanken Brücken aus, die leicht _aus_ der Welt statt tiefer hinein führen. Wir sind die Gefährdetsten. Unsere Unzugänglichkeit ist keine einfache Sache, auch lange nicht so sympathisch wie etwa die Borniertheit ungebildeter Leute, die keine höheren Interessen haben. _Unsere_ Dummheit wird durch Gedankensplitter, die doch keine Gedanken sind, durch Wissen, Bildung, ja mitunter durch eine ausgesprochene Geistigkeit erschwert, wie komplizierte Knochenbrüche, denen so schwierig beizukommen ist. Und das Schriftstellern wird uns dann zur Klippe, an der wir sehr naturgemäß zerschellen; Denn Schreiben ist Unnatur. Nur die ganz Reichen können das ominöse Wagnis ohne Schaden an sich selbst bestehen und sich noch zurückbehalten. Wir andern -- und ich muß schon die Herren bitten, auch mit in die Reihe zu treten -- seien wir auf der Hut, wir andern! Denn nichts ist leichter, als sich in dem Wettlaufen um das Zuviel-sein-Wollen ein Bein auszulaufen und zum Schemen, zur Profilfigur zu verarmen.
1913.
EINIGES ÜBER DEN GEIZ
Avec la richesse commence l'avarice, sagt Balzac in seinen Illusions perdues.
Der Geiz scheint jedoch nicht zur Beobachtung zu reizen, und außer Molière und Schopenhauer haben sich nur die allerwenigsten mit diesem hochinteressanten Laster eingehend befaßt. Auch soll hier keineswegs von seinen ungeheuerlichen Auswüchsen die Rede sein, sondern vom Geiz in seinem normalen Verlauf, wie die Ärzte sagen.
Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz »Seele« (auf seine Art). Ja, dem Gelde entströmen atmosphärische Schichten, die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen, um sich über das Gemüt des Reichen zu lagern. Es ist, als schöbe sich ein Milchglas trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom Weine noch so sehr umnebelt sein: daß er ein Trinker ist, darüber ist er sich klar. Der Lügner weiß von seiner Verlogenheit, der Zornige von seinem Haß. Aber der Geiz spinnt so feine und undeutliche Fäden, daß der von ihm Betroffene ganz im Unklaren über sich selbst verbleiben darf. Dem Geizigen steht überdies ein Überfluß an Mänteln und Mäntelchen zu Gebote, die ihm sein Spiegelbild bis zur Unkenntlichkeit maskieren, wobei immer nur er selbst, niemals die anderen über seine wahren Züge mystifiziert werden. Man denke sich die Freudsche Methode, die meist einer so sinnwidrigen Anwendung verfällt, einmal auf verhärtete Geizhälse angewandt. Einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen, würden diese Patienten am Ende gar kuriert vor Schreck über die Entdeckungen, welche sie an sich selber zu machen hätten.
Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, daß sie nicht selten mit Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen -- freilich niemals entsprechende -- kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er weiß so gut wie ein anderer, daß Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie der Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch -- denn er will Alles haben -- des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und seiner Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rächt sich alsbald sein Laster an ihm und bindet seine Hände, daß er nicht frei--gebig d. h. nicht frei wird zu geben wie er möchte, und schließt ihn wie mit eisernen Fäden in immer engere Gefangenschaft, bis seine Miene den inneren Bann, dem er verfiel, auch äußerlich verrät.
Wer wollte denn auch leugnen, daß geizige Leute häufig zu bedauern sind, und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine Verhärtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde Schlechtigkeit vielfach Grund für sein Verhalten zu bieten scheint. Denn ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster Weise ausgesetzt. Die anständigen Leute werden es ja nicht sein, die sich an ihn herandrängen -- seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ -- während er die miserabelste Sorte aus nächster Nähe kennen lernt. Kein Wunder, daß manch vertrauendes und großmütiges Herz karg und mißtrauisch wurde. Es kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle Reife. Dann aber läßt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine aufsteigende Linie. Er kennt keinen Verfall, und er kann nicht sterben.
Das Trübseligste erlebte ich einmal auf der Reise von seiten einer alten kinderlosen Dame, deren Nichte mich gebeten hatte, ihr Nachricht zukommen zu lassen, denn die Greisin schien sich um ihre sämtliche Verwandtschaft nicht mehr viel zu kümmern. Sie lebte fern von ihr in einer fremden Stadt, und hatte es glücklich auf 86 Jahre und 50 Millionen gebracht. Ich traf sie in ihrem wundervollen Haus, umgeben von Bildern und Schätzen. -- In ihrem Lehnstuhl vergraben, klagte sie, daß ihr das Schreiben schwer fiele und erkundigte sich alsbald mit der wärmsten Anteilnahme nach der Schar ihrer Nichten, Groß- und Urgroßnichten, insbesondere nach einer gewissen »Hertha«, ihrem Patchen, das sie am innigsten liebte. Um die handelte es sich eben: ich malte also die blasse Schönheit dieser Hertha in den leuchtendsten Farben hin und erzählte sodann, daß die Ärzte einen längeren Aufenthalt in Egypten sehr ratsam für sie hielten.
»Ja mein Gott,« forschte sie ganz bestürzt und voll aufrichtiger Besorgnis; »wird sich denn das pekuniär machen lassen?«
»Schwer,« erwiderte ich.
Mehr zu sagen stand mir natürlich nicht zu. Derselbe Gedanke war zwar gleichzeitig in uns aufgestiegen; aber nichts von Unentschlossenheit malte sich in dem Gesichte der Greisin -- (viele Jahre früher hätte sie wohl noch gezaudert) -- nur Schatten des Grames breiteten sich über ihr melancholisches Gesicht. Hier war wieder einmal ein ursprünglich goldenes Herz vom Geize gelähmt.