Wege und Umwege

Part 6

Chapter 63,619 wordsPublic domain

Ich habe jedoch schon öfters erfahren, daß persönliche Momente für unsere Abneigung oder unsere Vorliebe für einen Ort keine, oder nur eine relative Rolle spielen. Und ich kann mir nicht helfen: meine Eindrücke großer Städte verdichten sich zu einem gewiß anthropomorphen Bilde, wie es uns in der Karikatur etwa die Münchner Bavaria entgegenhält. Eine Stadt oder eine Landschaft aufzusuchen, um dort Erinnerungen nachzuhängen, stelle ich mir deshalb als ein höchst unerfreuliches Experiment von ganz besonders öder und ausgeblasener Wirkung vor. Denn der Dämon eines Ortes ist viel zu stark für die einzelne Psyche.

Daß ich mich aber durch jenen einen proletarischen Zug in der Physiognomie der Jolie Laide in meinen wirklichen Eindrücken so hatte täuschen lassen, und, während die Schärfe ihrer intellektuellen Aura mich hinriß, immer noch der Meinung war, daß sie mich nur abstieß? -- Seit einer Woche ganz von ihr eingenommen und mit ihr beschäftigt, wollte ich alles kennen lernen und mir nichts entgehen lassen, jeder Einladung Folge leisten, auch wenn sie mit einer anderen kollidierte, um dann, wenn auch nur für einen Akt, schnell noch ein entlegenes Theater zu besuchen. Zwischendrin aber, sobald ich allein war, in der Droschke, der Hochbahn, oder während einer musikalischen Soiree, zog ich unverzüglich, wie aus einer geistigen Schublade, die Schlußseiten einer Arbeit hervor, die vor meiner Abreise fertig werden mußte, korrigierte und glättete daran herum, suchte fortgesetzt nach neuen Satzstellungen und Worten, und fand niemals Zeit, mich auf mich selber zu besinnen.

So war ich in meinem Element, und glücklich gewesen, ohne es zu wissen. Denn die Wagschale des eigenen Ichs, aller Gewichte persönlicher Bezugnahme ledig, war seltsam erleichtert aufgestiegen.

Ich merkte nicht, wie sehr mich hier alles Nüchterne oder Geschmacklose verdroß, welche Genugtuung mir alles Schöne, Hervorragende oder Bedeutende gewährte. Ich wußte erst, nachdem ich Berlin verließ, mit welcher Anteilnahme ich es betrachtet hatte.

Wie leicht beschlich mich sonst inmitten einer neuen Umgebung ein Gefühl der Isolierung, kalt und leise wie ein Gift! Nichts wirft uns ja so sehr auf uns selbst zurück, als das Gefühl oder das Bewußtsein, oder die Idee, unrichtig taxiert, sei es nun überschätzt oder verkannt zu werden. Diesen Berlinern aber, die mir in mancher Hinsicht viel fremder waren als Londoner oder Pariser, schien ich eine längst bekannte Nummer, und so half alles zusammen, daß ich mir selbst gänzlich in Vergessenheit geriet.

Aber derselbe Schwung, der mein Auffassungsvermögen mit so ungewohnter Schärfe nach außen wandte, währenddem er mein Bewußtsein gewissermaßen ausschaltete, stürzte mich zuletzt vor lauter Elastizität blindlings in diesen Zug.

Das Spiel war zu Ende, und der Gummiball lag im Graben.

VII.

Ein von langer, gefahrvoller Reise eben zurückgekehrter Marineoffizier, den ich in Rom in einer Gesellschaft traf, sagte mir, es berühre ihn komisch, wieder in einem Salon zu sein; der Kontrast sei noch zu heftig, er verspüre da etwas wie Seekrankheit und müsse sich erst wieder zurechtfinden.

Ich begriff das recht gut. Dicht neben uns redeten zwei Diplomatenfrauen, eine griechische und eine brasilianische, im kreischenden Französisch lebhaft aufeinander ein. In ihrer Ahnungslosigkeit lag ein so gewichtiges Etwas, daß sie das gleichzeitige Vorhandensein auf der Welt von solchen Dingen wie Urwäldern, wilden Völkerstämmen und Papageien auszuscheiden und doch a tempo daran zu erinnern schienen. Wohl mochte da das Gemüt eines soweit Heimgekehrten ins Schaukeln geraten.

Ach! man braucht kein Weltumsegler zu sein; es genügt, ein bißchen Umschau in den europäischen Städten zu halten, um bei der Rückkehr in die eigene, ich will nicht sagen das Lachen (ohne eine gewisse Verdrossenheit geht die Einsicht nicht her), aber -- schmunzeln zu lernen.

Wie kurzweilig ist ein Snobismus, der uns nicht anficht! Wahrzunehmen, in welch charakteristischen Prägungen, mit welcher Bestimmtheit und wie starr er überall mit ganz verschiedenen Wertungen sich behauptet. -- Ich wüßte nichts, was einen vom Snobismus gründlicher kurieren könnte, wie das Reisen.

Als einmal die Rede auf gesellschaftliche Vorurteile fiel (es war in London), fragte ich: »Und wie steht es hier mit den Juden?« »Oh we love them!« rief die Frau des Hauses, die eine sehr große Dame war; »they are so nice and rich!«

Nie und nimmer hätte sie geduldet, daß sich ihre Nichte mit einem Arzt verheirate; als dann ein reicher Brauer um sie freite, war von Mesalliance durchaus nicht mehr die Rede.

Es ist wahr, daß Bildung und Wissen nirgends so tief im Kurse stehen, wie bei den vornehmen Engländern. Aber man übersieht, daß ihre oft sehr krasse Unwissenheit keine ganz ungewollte ist. Sie sind so zivilisiert, daß sie glauben, der Bildung entraten zu dürfen: »It is not smart to be clever«, wurde mir in London allen Ernstes gesagt.

Ich traf dort öfters die schöne Lady Beatrix. Wer die Geste sah, mit der sie beim Tanz die Schleppe warf, der vergaß zur Stelle alle unschönen und traurigen Seiten des Lebens. Von einem ihrer Hüte sehr hingerissen, sagte ich ihr eines Tages, daß keine Frau in London deren so viele und so reizende besaß. -- Tief errötend mit einem empörten Blick und ohne mich einer Antwort zu würdigen, starrte sie mich an.

Was hatte die schöne Lady gekränkt?

Es trifft sich, wie ganz London weiß, -- teilte mir im korrektesten Tone einer ihrer Freunde mit, -- daß Lady Beatrix infolge ihrer zerrütteten Lage als Essayeuse in einem Hutgeschäft steht. Die hohe Bezahlung, die sie dafür erhält, ermöglicht ihr die Aufrechterhaltung ihrer Stellung.

Es klang wie ein schlechter Witz. Lady Beatrix Hutmamsell, um ihr gesellschaftliches Prestige nicht zu verlieren.

»Hat sie denn nichts gelernt?« rief ich bestürzt.

Ihr Verehrer sah mich kalt an. »Sie können Lady Beatrix doch nicht zumuten, etwa Gouvernante zu werden,« sagte er. Ich besann mich; und mit einem Male fand ich es entschieden geistreich, daß Londons beste Gesellschaft dies Mädchen mit so großer Auszeichnung empfing. Der Boden eines Salons hatte sich -- wenn man will -- gesenkt, jedenfalls verschoben, und seine Anforderungen waren andere geworden. So rückständig war man nur noch bei uns zu Lande, daß man einen Salon im Sinn des 18. Jahrhunderts sich erträumte; ein solcher bringt es höchstens auf einen Jahrgang, und einen Succès de ridicule.

Denn wir betreten ihn heute, wie wir ein Eisenbahncoupé besteigen: mit Zurücklassung alles Gepäcks, höchstens mit einer kleinen Handtasche ausgerüstet. So lassen wir auch unser bagage intellectuel im Vorraum bei unseren Mänteln hängen: nur leichter Stücke, wie Schlagfertigkeit oder Witz, bedürfen wir hier. Was wir denken, wollen wir jetzt vergessen, und ausschalten, was wir wissen. Ein Salon will keine Steigerung mehr, nur eine Ablenkung vom Leben sein. Uns ist wohl, wenn nur die Lüge glücklich vertreten bleibt, wenn nur unsere Augen, unsere Sinne einen Moment der Täuschung sich hingeben können, daß unser Leben etwas Heiteres sei.

Man trifft in London und Paris und auch in Rom sehr geistreiche Leute in Gesellschaft: der Schein ist eben für die ganz Ernsten wie für die Gedankenlosen; den einen ist er Element, den anderen ein Verweilen. Der heutige Salon zerfällt in Bühne und Zuschauerraum -- ungleich dem Leben, in dem Kluge wie Toren -- und zwar zusammen -- mitspielen müssen. Dort hingegen kann die schönste Teilung vor sich gehen: je großartiger aber der Schein, je stärker die Illusion, umso gewählter natürlich das Publikum.

Ich eile zur Pointe. -- In unseren Salons stehen noch allzuhäufig -- statt der Kulissen -- alle Türen nach der Wirklichkeit offen, -- oder doch angelehnt. Unsere Frauen sind allzu wahrhaft: der einen spricht die Sorge um ihre Kinder, oder die Mißvergnügtheit, oder die Literatur, oder gar die Schlichtheit ihrer Verhältnisse allzu deutlich aus Ton und Blick.

Wenn ich da an Lady Beatrix denke, erscheint sie mir wie ein ideales Standbild -- ich sage nicht des Lebens --, wohl aber des heutigen Salons. Statt Banalitäten über hohe Themen sagte sie geistreiche Dinge über dumme Sachen. Und wie verriet sie doch mit keiner Miene die innere Zerworfenheit mit ihrem Schicksal.

Obwohl ich es noch nicht verlauten hörte, kann ich mir nicht denken, daß es nicht schon oft gesagt wurde, so sehr sticht es ins Auge: das Erbe der Griechen haben Deutsche und Engländer unter sich geteilt. Wir setzten es in unsere Gedankenwelt, und sie ins äußere Leben um. So ist Halbheit überall. Il ne nous manque que la grâce. Es ist das ganze Geheimnis unserer Unpopularität.

Neue Rundschau 1908.

BEI TAINE

Statt über das Werk den Meister zu vergessen, geht es mir oft umgekehrt. Jeder hat seine Manier, und es fruchtet nichts, es anderen nachzutun. Als ich aber das erstemal einem bedeutenden Manne gegenüberstand, spielte sie mir einen recht schlechten Streich.

Kaum erwachsen, war ich in Paris bei Taine eingeführt worden. Er wohnte in der Rue Cassette Nr. 23, einer stillen Straße am linken Seineufer. Dorthin wanderten an Dienstagen -- dem Tage, an dem Taines empfingen -- Gelehrte, Künstler, einheimische und durchreisende Sommitäten. Die Wohnung selbst war ohne Prunk; nichts wehte hier von wortfroher, pariserischer Eleganz, zumal die Boulevards schienen meilenweit von diesen ernsten, hohen Räumen entfernt, in welchen Taine, der Feind der Phrase, mit mehr Güte und Gelassenheit als Neugier seine Besucher empfing. Ich beobachtete ihn von ferne, wie er zwischen Arvéde Barine und Ferdinand Fabre aufmerksam, aber mehr rege als lebhaft, bald dem einen, bald dem anderen zugewandt saß. Trotz seiner weißen Haare und seines wenig robusten Aussehens machte der 70jährige nicht den Eindruck eines alten Mannes.

Als pilgernde Törin stand ich indessen gottverlassen und grenzenlos verschüchtert inmitten des Salons, als Taine plötzlich auf mich zukam. Mit einem großen Ruck hielt da mein Herz alsbald zu schlagen inne. Mein Gott! dachte ich erschrocken, da ist er ja! Taine begann nun ein Gespräch oder, besser gesagt, einen Monolog, denn ich entgegnete kein Wort. Den Blick unverwandt auf ihn gerichtet, gedachte ich, alles, was er sagte, mir getreu zu merken, wohl bewußt, daß eine solche Gelegenheit sich mir nie wieder bieten würde. Taines stilles, blasses, duldendes Gesicht, das in der Jugend, am Mittag seines Lebens, häßlich gewesen sein mochte, war im Alter schön. Wir sehen im Scheine einer verglühenden Sonne rauhe Bergesfurchen zart und träumerisch ermatten. So kann das sinkende Licht eines bedeutsamen und wertvollen Lebens Schatten von zauberhafter Anmut in ein Antlitz graben. Zwar spiegelte sich nur Mühsal, nichts in diesen erschöpften Zügen gemahnte an die Freude. Dennoch schwebte mir dies Leben wie ein voller begehrenswerter Becher vor, nach dem ich dürstend die Hand ausstreckte. Und zerbrochen, leer, glitt da mein eigenes zu Boden.

Taine sprach lange, wie gewohnheitsgemäß nachdenklich und konzentriert, während ich ihn schweigend und unbeweglich ansah. Doch als er innehielt, erfaßte mich größte Reue und Bestürzung. Denn ich gewahrte -- jetzt erst --, daß seine Worte, die meinem Gedächtnis zeitlebens nicht entfallen sollten, -- gänzlich an mir vorbeigeklungen waren, und daß ich keine Silbe davon vernommen, geschweige denn behalten würde. Der Eindruck seiner Persönlichkeit war zu überraschend gewesen; er hatte die Fähigkeit, auf seine Worte aufzumerken, in mir wie ausgeschaltet und betäubt. Taine selbst, seinen Gedanken nachhängend, mochte meine innere Fassungslosigkeit so wenig bemerkt haben, wie die Betretenheit, mit der ich ihn verließ. -- Ihn wieder zu sehen, sollte mir nicht vergönnt sein, und schon das Jahr darauf drang die Kunde seines Todes nach Deutschland. Da war es einer seiner Schüler, der mir von der Schwermut, den inneren Kämpfen erzählte, durch welche Taines Lebensabend so schwere Trübungen erfuhr, weil der Glaube an das System, auf welches er einst mit so fester Überzeugung seine Weltanschauung gründete, in ihm erschüttert war. Daß er selbst am Ende sein Tagewerk so kritisch überschaute, von seinen eigenen Zweifeln zu vernehmen, berührte mich seltsam, fast wie eine Kunde. Ich sah ihn wieder vor mir -- gesenkten, duldenden Angesichts, wie am Tage jenes verlorenen und doch so unvergeßlichen Gespräches; und mein damaliges Verhalten, der Überschwang meines Eindruckes wollte mir nicht mehr in demselben Maße töricht und unverantwortlich erscheinen. Ich weiß: ein so gesteigerter Heroenkult gilt nicht für abgeklärt. Es wird uns bei sehr vortrefflichen Menschen begegnen -- (ja gerade von solchen, welche ihr Leben der Erhaltung, dem Gedeihen oder dem Fortschritt der Menschheit widmen: von Ärzten, Gelehrten, Forschern) --, daß sie der Meinung sind, der Mensch nehme sich selber allzuwichtig. Aber so berechtigt sie auch klingt, daß ein Philosoph sich rückhaltlos zu dieser Anschauung bekennt, werden wir nicht erfahren; nicht etwa, weil er hier gravitätischer zu Werke geht, sondern lediglich deshalb, weil sie keine philosophische ist.

Je typischer freilich oder je vollendeter ein Mensch, desto unvollkommener vermag sein Dasein die Fülle seines Wesens auszulösen. In dem Maß ist er ja verehrungswürdig, als er die eigenen Unzulänglichkeiten, die Unzulänglichkeit des Lebens überbietet.

»Ich sehne mich recht von hier weg,« schrieb Goethe am 2. Juli 1781 an Frau v. Stein, »die Geister der alten Zeiten lassen mir hier keine frohe Stunde; ich habe keinen Berg besteigen mögen, die unangenehmen Erinnerungen haben alles befleckt. Wie gut ist's, daß der Mensch sterbe, um nur die Eindrücke auszulöschen und gebadet wieder zu kommen!«

Übrigens fand mein Besuch bei Taine noch am selben Abend ein komisches Nachspiel. Von der Rue Cassette aus eilte ich nämlich nach der Rue de Verneuil. Damals setzte gerade meine Geselligkeitsphase ein, und neue Menschen interessierten mich noch namenlos. So betrat ich denn sehr verspätet und als ahnungsloser Neuling einen, trotz provinzialen Einschlags sehr typischen Salon des Faubourg. »Ich komme von Taine,« verkündete ich gleich beim Eintritt, teils um mein spätes Erscheinen zu begründen, teils um mir bei dem Anblick einer sehr zahlreichen und fast gänzlich fremden Gesellschaft eine Contenance zu geben. Die Mitteilung schien jedoch keinerlei Echo hervorzurufen. Daraus schloß ich, sie sei überhört worden, und fing also noch einmal an, ich sei bei Taine gewesen und käme geradewegs von ihm. Jetzt unterbrach mich aber eine alte, wundervoll frisierte Dame. »Vous en êtes fière?« sagte sie und fixierte mich mit großen, wie absichtlich ausdruckslosen Augen: »Eh bien, ma bonne petite, pour nous c'est le diable«.

Münchner Neueste Nachrichten 1905.

RANDGLOSSE ZUR PSYCHOLOGIE DER NATIONEN.

Es ist nicht anders: eine Nation fällt meist unter dieselben Gesichtspunkte wie der einzelne Mensch, der, je nachdem seine Licht- oder Schattenseiten hervortreten oder ins Auge gefaßt werden, uns höchst liebenswert erscheinen kann, oder höchst wert, daß er zu Grunde geht.

Und wo wäre heute die Nation, an der nicht hassenswerte Züge hafteten?

Ich gedenke eines dreitägigen Aufenthaltes in einer englischen Pension in Florenz, mit 45 englischen Spinsters. -- In ihrer Haltung, ihren Ellenbogen, ihren fantasielosen Fingerknöcheln, dem Behagen und der Gravität, mit der sie ihren Afternoon-Tea ins Auge faßten, ihre Bröter bestrichen und über Italian Art verhandelten, feierte die englische Borniertheit wahre Orgien. Man glaubte eine weit vorgeschrittene Tumeur Nationale vor sich zu haben; und es war erdrückend, ja, es war fast spukhaft, so wenig existenzberechtigt und zugleich so lady-like zu sein!

Einige Tage später hatte ich das Mißgeschick, in Rom einer Aufführung des Tristan beizuwohnen. Der Dirigent, der das Hornsolo am Schlusse der Introduktion zum III. Akt als weinerliche Berceuse auffaßte, konnte sich an seinen falschen Betonungen nimmer satt hören und zog und dehnte sie mit wahrer Wonne immer mehr hinaus. Und als dies überstanden war, erlebte man einen, jenem Hornsolo entsprechenden, als männliche Cameliendame dahingestreckten Tristan.

Ganze Scharen hochfahrender Betrachtungen und Vergleiche drangen da unwillkürlich auf mich ein; und meine Blicke schweiften im Hause umher, wie um ein deutsches Wesen ausfindig zu machen und einen verständnisvollen Salut mit ihm zu wechseln. Denn was hatten wir für Orchester, was hatten wir für eine Auffassung, und überhaupt, was waren wir für Leute!

Allein errötend erkannte ich da gleich in meiner nächsten Nähe -- in einem Aufzug, der meine nationale Eitelkeit auf das Empfindlichste verletzte, -- eine deutsche Familie. Und dabei mußte ich mir zugestehen, daß diese Leute sich ebenso unverkennbar als Deutsche, wie die Spinsters der Florenzer Pension auf den ersten Blick als Britinnen sich verrieten. --

Es ist ja stets eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Dingen, aus welchen sich in der Physiognomie einer Nation das Charakteristische gewisser einheitlicher Züge zusammenstellt. Der Schwerpunkt solcher Probleme liegt denn auch in ihren Beziehungen, so daß wir einer Lösung näher schreiten, je synthetischer wir hier verfahren; doch sind es Beziehungen, an welchen nur zu oft, durch die geringe Sichtung, welche sie bisher erfuhren, der Schein des Unzusammenhängenden haftet.

Unvermittelt erregten in mir jene deutschen Touristen lebhafte Betrachtungen über die Reformation. Und weil die Größe der Gesinnung zwar die persönliche Verantwortung, doch keine Konsequenzen deckt, erschien mir Luther als eine tragische, doch höchst unpolitische Gestalt; der Kahlheit wegen, die sich im Lauf der Zeiten in den Lutherischen Protestantismus schlich; denn es liegt seiner unkatholischen Färbung ein unkünstlerisches Element zu Grunde, vor dem sich zwar der deutsche Geist schadlos halten konnte, das deutsche Naturell aber nicht ohne bedenkliche Einbuße blieb. Im katholischen wie im protestantischen Deutschen ist heute der katholische Zug zur Temperamentssache geworden: der Lutherische Protestantismus ist einmal nichts fürs Auge!

Zeitler Almanach 1907.

CAMBRIDGE

Bevor ich England verließ, wollte ich noch Cambridge »mitnehmen«; der Ausdruck ist nicht mehr trivial, wenn man ihn bedenkt. Denn tatsächlich »besitzen« wir die Städte, die wir sahen, und merken nachträglich -- an der Bereicherung -- welche Lücke es gewesen ist, das Kennenswerte nicht zu kennen.

So ist man über das konservativste aller Länder noch im Unklaren, bevor man in Oxford und in Cambridge einen Blick in die große Werkstatt warf, in der seit Jahrhunderten der Gentleman in seinem scharfen Gegensatz zum Nicht-Gentleman sozusagen fabriziert wird. Man sieht die ungeheure Wichtigkeit, welche dem englischen »student« zuerkannt wird, wobei man freilich seine Stellung als künftigen Herrn mehr denn als gegenwärtiger Studiosus im Auge hat.

Sonst ein gutmütiges Geschöpf, lernte ich erst in Oxford und vielleicht noch stärker in Cambridge die peinvollen Empfindungen erfahren, welche der Neid auszulösen imstande ist. Und auch ein Wunsch, den ich noch nirgends hegte, stieg hier in mir auf: noch einmal zur Welt zu kommen, um an diesem beschaulichen Ort das dem Alltag so entrückte, so vollkommen unreale Dasein der englischen Jünglinge zu führen.

Wir haben ja alle Stunden, sagen wir an trüben November- oder Februarnachmittagen, wenn das Tageslicht am schalsten ist, wo uns der ganze Aufwand unseres Lebens, und die Vergünstigung, ein Weilchen in dieser fragwürdigen Welt einherzuwandeln, ein bißchen überfordert scheinen will, -- Stunden, in welchen wir uns versucht fühlen, jenem früh blasierten Engländer zuzustimmen, der sich eines Tages dem ganzen Turnus unseres Tageslaufes empfahl, indem er sich eine Kugel durch den Kopf schoß, einen lakonischen Zettel zurücklassend, auf welchem als Motivierung seiner Tat die Worte standen: »Tired of buttoning and unbuttoning.«

In Cambridge aber hat keine Jahres- noch Tageszeit etwas von jenem bedrohlichen Licht. Nirgends stellt sich das menschliche Leben so von Grund auf bejahenswert und würdig dar, wie in dieser Adolescentenstadt. Jahreszahlen stimmen hier nicht mehr, und in der Verwirrung, in die hier die Zeit geraten ist, liegt aller Zauber. Es ist als hielte sie hier inne, als fluteten ihre Wellen hier nicht in die Vergessenheit hinüber. Die grasigen Höfe der Colleges haben etwas Verhaltenes; in dem Zwielicht, das hier die Gegenwart tönt, fließen seltsame Schatten ineinander. Das Vergängliche wird fraglich, Vergangenes ist zugegen, und das Leben ephemärer als der Tod.

Der Professor, der uns auf der Bahn in einer weiten Toga und einer mittelalterlichen, mit Quasten und Troddeln behangenen Kappe entgegenwallte, schien geradeswegs von der Augsburger Confession zu kommen, und die »Kutsche«, in welcher er uns nun über das schlechte, ungeebnete Pflaster poltern ließ, war aus Thackerays Jugendjahren. Aber die Schar junger Leute, die in Fläusen und Tuniken über die Straße ziehen, verwunderten mich nicht. Ein Falke an der Hand jenes halbwüchsigen Knaben mit dem nach Pagenart übergeworfenen Mäntelchen hätte mich kaum befremdet.

Den Verdacht, daß sich hier die Jugend beim Studium nicht übermäßig anstrengt, schöpft man in Cambridge sehr bald. Wer da am schönsten lernt, das sind die Lehrer. Vielleicht ist dies auch wichtiger. Daß die Jungen weiter lernen sofern sie lernbegierig sind, versteht sich von selbst, und sie werden nicht Mangel finden sich zu bilden. Die Gefahr hienieden ist ausgelernt zu haben. In dem regen Kontakt jedoch, in den hier die Meister mit den Schülern treten, ist die Lücke für den Gelehrtendünkel überbrückt. Und liegt nicht die meiste Bereicherung in dem, was der schon Erfahrene hinzulernt? Nichts ist charakteristischer für ihn selbst wie seine Beobachtungen über eine Generation, die nicht mehr die seine ist; nichts ist für die Nachwelt interessanter wie die Schlüsse, die er daraus zieht, und die Prognose, die er zurückläßt.

Ach mein Gott! wir haben doch in Europa eine gemeinsame Architektur, und alte Abteien, gotische Kirchen stehen an der Donau wie an der Themse und der Loire. Man lernte dasselbe in Cambridge, Bologna oder Salamanca, und schon in altersgrauen Zeiten zog ein Studiosus gern von einer Universität zur anderen, um sich mit seinem Wissen zugleich Kenntnisse von Ländern und Leuten zu erwerben. Wie kommt es nur, daß bei einem so regen Kontakt der verschiedenen Bildungszentren ein Collegeleben wie das in Cambridge und Oxford nicht Schule machte, und man Engländer sein mußte, um eine so traumhafte Existenz führen zu dürfen. Klöster nach einem und demselben Typ verbreiteten sich doch in der ganzen abendländischen Welt, und nur ein solches Ideal zwanglosen Zusammenlebens wurde andernorts nicht nachgeahmt und blieb das köstliche Privilegium von Cambridge und Oxford, wie die Gondel das Eigentum von Venedig.

So komme ich denn auf jene Empfindungen des Neides zurück, deren ich schon gedachte -- denn es war Neid, der mich bewegte, als ich mich in den großen Clubräumen umsah und in dem Saale stand, in welchem das Parlament der Cambridger Students tagt, die sich hier in der Kunst des Redens heranbilden, wie ihnen innerhalb des prachtvollen Rahmens, der ihnen hier gewährt ist, die Kunst zu leben zur Natur wird.

Als wir dem Flüßchen entlang gingen, hatte sich das Grün der weiten Rasenflächen schon ins Bläuliche vertieft, und mit einem Male war alles Mittelalter wie ein goldener Staub verflogen; an noch viel fernere Gestade sah man sich hinversetzt. Diese Jünglinge, die rudernd oder in ihren Booten zurückgelehnt oder im Grase sitzend dem Spiel der anderen zusahen, sind wie lebendige Statuen anzusehen, und tragen sich so edel, ob sie nun frei in ihren kleinen »canoes« stehen oder an einem Baumstumpf lehnen, als hätte ein großer Meister, der ihr Bild in Marmor festhalten wollte, sie soeben so gestellt und ihnen eben diese Haltung verliehen.