Wege und Umwege

Part 5

Chapter 53,571 wordsPublic domain

Ich steuerte indes der Madeleine zu und verfehlte dort wie gewöhnlich meinen Weg. Der Zeitpunkt, den ich für eine Verabredung in der Rue Montalivet getroffen hatte, war längst vorüber, und immer irrte und eilte ich noch durch ein ganzes Strickwerk kleiner Gassen, als ein Mann, der seinem rußigen Aussehen nach Lokomotivführer oder Tunnelarbeiter sein mochte, plötzlich wie aus dem Erdboden vor mir stand. Indem ich nun im Sturmschritt an ihm vorüberging, sah ich ihn stutzen und mit einem leisen, halbunterdrückten Ausruf des Entzückens auf meine Blumen starren. Einem Impulse folgend hatte ich da auch schon die Wunderrose hervorgezogen, wandte mich im Gehen schnell noch einmal um, warf sie ihm in einem Bogen zu und eilte weiter. Auch wäre mir der kleine und so flüchtige Vorgang kaum im Gedächtnis haften geblieben, hätte er da nicht etwas wie ein Freudenlichtlein in mir angesteckt. Denn es hätte kein Mann von Welt, kein Fürst den Sinn dieser zugeworfenen Rose mit bereiterem Takte erfassen, noch mir zarter dafür danken können, als dieser zerlumpte junge Mensch in seinem Kittel; und ich werde ihn nie vergessen, den edel aufleuchtenden Blick, als er die Rose auffing.

Ein paar Tage darauf ging ich abends wieder die Rue St. Honoré hinauf, wieder auf dem Weg zur Rue Montalivet, und war noch viel müder und verstimmter als das erste Mal. Denn ich hatte in Paris kein Glück, und konnte mich doch nicht davon losreißen. Statt daß aber auf französischem Boden die französische Seite meines Wesens in Schwung gerät, geht es mir gerade umgekehrt; unter Franzosen wird mir so deutsch zumute; Deutschland klingt und rauscht in Frankreich durch mein Herz; wie in ein Wetterhäuschen zieht sich Marianne tief zurück, und einsam wie eine Schildwache rückt Michel vor.

Wie ferne, dachte ich, sind die Franzosen selbst mir, die ich schon mittewegs zu ihnen stehe! Und im Lichte unserer immer rascheren Verkehrsmittel wollte mir die gute alte Zeit, je weiter sie zurücklag, nur um so schlimmer, und jede, die verflossen, als abgetan erscheinen; denn Lloyddampfer, Blitzzüge und Automobile waren im letzten Grunde Friedensmaschinen, während die idyllischen Postkutschen, in ihrer Unfähigkeit einen Kontakt zwischen den Ländern aufrecht zu erhalten, Nationen und Staaten eines Stammes bis zur Unkenntlichkeit sich entfremden ließen.

Tief in Gedanken ging ich also meines Wegs und merkte nicht, daß die Straßen immer leerer wurden. Mit seiner Dinerstunde nämlich läßt der Pariser, ob Kapitalist oder Concierge, nicht spassen, und zwischen acht und neun Uhr ist Paris am stillsten. Zu meinem tiefen Schrecken sah ich jetzt plötzlich meinen Weg durch einen Arm, den unter der Türe eines finsteren Hauses ein Mann vor mir ausstreckte, gesperrt. »Donnez moi de l'argent!« sagte er auffahrend, »ou achetez moi du pain.« Er hielt sich im Dunkeln und ich unterschied nur seine Größe und den gerade ausgestreckten Arm. Ohne eine Miene zu verziehen, als hätte ich ihn nicht vernommen, als sei ich eine wandelnde Uhr und mein Gang nur ein Pendelwerk, ging ich an ihm vorüber. Aber an der Bewegung meines rechten Armes konnte der Mann, wenn er mir nachkam, sehen, daß ich in die Tasche griff. Immer im selben Takte weitergehend fingerte ich mit der rechten Hand, was ich an kleiner Münze spüren oder greifen konnte, hervor, und an der Ecke der Rue de l'Elysée, drehte ich mich um. Der Mann war mir in einiger Entfernung mitten auf der Straße gefolgt, blieb nun auch stehen und wartete. Aber etwas Furchtbares und Verzweifeltes in der Haltung dieses Menschen veranlaßte mich, ihm in meinem besten Salonschritt näher zu treten, und es vollzog sich auf einmal etwas, wie eine szenische Wandlung. Denn nicht wie einem Bettler und nicht wie in einer feuchten, glitschigen Straße, im dürftigen Laternenschein, sondern wie auf Teppichen und unter Kronleuchtern schritt ich auf ihn zu und händigte ihm die elenden Sous wie einen Tribut mit einer vagen Geste ein. Der Mann machte rasch Kehrt, und ich verfiel wieder in meine vorige Gangweise, als hätte nichts ihr Tempo unterbrochen. Plötzlich aber wurde mir bewußt, wie sehr diese Begegnung durch den Stempel des Stolzes, den jener Unglückliche seiner kläglichen Forderung lieh, mich entzückte und begeisterte.

Und Michel trat zurück und ließ Mariannen vortreten. Herrliche Kinder! dachte ich, diese Franzosen. Aus ihren Herzen brach er hervor, jener Gedanke tiefinnerster, reinmenschlicher Gleichheit, über dessen Adel uns nichts hinwegtäuschen darf.

Aber Kinder! Und wüßten sie es doch endlich über dem Rheine drüben, in welchem Sinne die Franzosen Kinder sind. Oder sind die Deutschen, die keine Kinder sind, zu naiv, um es zu lernen? Denn hier liegt der wahre Grund zu all den kontinuierlichen und unerfreulichen Gegensätzen, die einer wahren inneren Annäherung der beiden Nationen, und wenn sie beiderseits noch so sehnlich empfunden wäre, immer wieder im Weg liegt.

In einem Zeitalter, wie dem unserem, in unserem so klein gewordenen Europa weiß sich der Franzose das deutsche Gemüt noch immer nicht zurechtzulegen, der Deutsche den Franzosen noch immer nicht zu behandeln. Denn für die Mobilität, die Akuität -- ich muß bezeichnenderweise lauter Fremdwörter gebrauchen. -- der französischen Empfindungsweise zeigt der Deutsche wenig Sinn. Der Franzose, der auf Nuancen eingerichtet ist, harrt indes vergebens, daß der andere, dem sie ganz entgangen sind, darauf eingeht und fühlt sich von ihm verletzt. Der andere borgt sich dafür bei ihm das Wort: sensibel, denn mit der sensibilité, dieser kleinen Münze des Gemüts, führt er nicht Haus.

Kurz: für ihr _Gefühlsleben_ finden die beiden Völker nicht den adäquaten Austausch. Denn wahrlich nicht der _Geist_ der zwei Nationen ist es, der sie auseinanderhält. Der Idealismus, der geistige Ausblick des Deutschen ist vielmehr der mächtigste Anziehungspunkt für den Franzosen, und in der Anerkennung unserer Vorzüge legen sie ein Verständnis und eine rückhaltlose und geniale Großherzigkeit zutage, vor der länger zurückzustehen uns weder zum Lobe noch zum Nutzen gereichen könnte.

Hören wir einen so leidenschaftlichen Sohn seines Landes wie Maurice Barrès, mit welch zarten und tiefen Worten er seine Betrachtungen über Goethes Iphigenie beschließt:

»Peut-être n'est il pas permis, -- permis, ce mot si vague rend seul ma peur un peu mystérieuse, -- que nous produisions au dehors nos pensées les plus intimes: peut-être devons-nous protéger, voiler nos réserves, de crainte qu'une source, dont nous avons écarté les branches, ne se dessèche au soleil. Mais je dois reconnaitre mes obligations. La destinée qui oppose mon pays à l' Allemagne, n'a pourtant pas permis, que je demeurasse insensible à l' horizon d'outre Rhin: J'aime la Grecque Germanisée.«

Fand jemals eine Huldigung, in ihrer scheuen Zurückhaltung, einen so wundervollen Ausdruck? Ich kenne mir nichts Edleres als jenes Geständnis, das sich einem so französischen Herzen entrang: »_J'aime la Grecque Germanisée_.«

Aber Deutschland und Frankreich scheinen mir oft dahinzuleben, wie ein sehr männlicher Mann neben einer sehr feinen Frau, die ihn schon durchschaute, aber die er noch nicht verstand. Gerade diesem Manne aber hat der Mangel an Talent, sein Empfindungsvermögen zu verausgaben, manchen Nachteil gebracht und manch unfreundliche Reflexe zugezogen. Wenn ihm aber der Neid, wenn seiner Sprache das Monopol des Wortes »schadenfroh« zum Hauptvorwurfe werden konnte, so hat er dafür ein Wort, das im Widerspruch zu jenem anderen steht und es an Kraft weit überbietet, das Wort, das in keiner Sprache seinesgleichen findet und einen Zug, der viel deutscher noch ist als sein Neid, und das ist seine Treue. Treu aber sind die Deutschen sich selbst _nur_ indem sie _streben_.

Zwar ist von vielen Seiten behauptet worden, seit ihrem großen Siege seien sie in ihren sympathischen Eigenschaften weniger gefördert worden, als im Verhältnis die Franzosen seit ihrer großen Niederlage. Nichts scheint mir zweckloser als darüber Worte zu verlieren, denn Glück wie Unglück liegen hinter uns. Jede Nation hat heute die Tafel ihrer Siege und ihrer Niederlagen, und der Haß ist zwischen ihnen etwas Künstliches geworden. Die Schwelle eines neuen Zeitalters ist schon überschritten, und eine neue Stunde hat für uns geschlagen. Fluch träfe das stumpfe Auge und die verbrecherische Hand, die den Zeiger wieder zurückstellte.

1906.

München V.

Ein sommerlicher Sonnenuntergang in München lebte heute in meiner Erinnerung auf. Von der Terrasse zur Friedenssäule hatte ich auf die Isar hinabgesehen, die unter dem verklärten Gewölk so leuchtend und blau dahinfloß, so deutsch mit dem verträumten Gebüsch ihrer weiten Sandbänke und zugleich so sagenhaft schön in ihrer ewigen Frische, als eile sie nach dem Meere, Galateens Muschelboot zu umspielen.

Und München erschien mir da wie eine jener mittelalterlichen Schlaguhren, mit ihrem kunstvollen Aufbau von Säulen, Gehäusen und Vertiefungen. Zeiger und Figuren treten immer in gleicher Schönheit, gleicher Bedeutsamkeit hervor, und das Ziffernblatt ist von erlesener Pracht. Aber etwas in den goldenen Speichen der Räder ist zertrümmert oder gehemmt, und die Zeit verhallt hier in zu tiefen, zu lauschenden Klängen. Und dieses Echo, diese Beschaulichkeit ist es, die wir nicht immer ertragen, denn gerade das Unveränderliche und Unverbrüchliche in uns erheischt ein schnelleres Tempo unseres äußeren Lebens.

Aber wie uns in dem trüben und zugleich schon grellen Lichte spätwinterlicher Tage Bilder des Südens bewegen, so umwehten mich jetzt, inmitten der weiten Regungslosigkeit und Leere, die Bilder bewegterer Städte. Von den lauen Winden zu mir herübergetragen, durchschauerte mich das silberne Paris, und, lächelnd wie eine verschleierte Schöne, die Place de la Concorde. Ein anderer Sonnenuntergang flammte da auf und überflutete die weiten Champs Elysées, den surrenden Wagenstrom mit seinem gedämpften, prunkenden Geräusch und all die strahlenden oder trügerischen oder schnöden Silhouetten des Glücks, die er vorbeiträgt. Was immer sie quälen mag, stets sind es Schattenbilder selbstverständlichen Genusses, die sie uns malen. Wie die weithin leuchtende Front der zwei Paläste am Eingang der Rue Royale, so trägt hier die _Fassade_ des Lebens den Stempel jenes Maßes und jener Disziplin, die wahren Formensinn kennzeichnet. Wenn andernorts Leichtsinn und Ungefähr an Äußerlichkeiten haften, so ist es hier das Auge, das zumeist sich heimisch fühlt und inmitten der Verwirrung ganz sich auszuleben vermag.

Aber hier riß mich das brutale Gellen einer Trambahnglocke aus der Ferne in die Wirklichkeit zurück. Mit furchtbarem Gepolter lärmte der umfängliche Kasten einher, und eine Dame im Reformkleid wandelte mir entgegen. Heiß und öde dehnten sich die Häuserreihen wieder vor mir hin, und jede Straße fand von neuem Muße, mit ihrer Atmosphäre mich zu bedrängen. Denn ach! inmitten der seelischen Abgeschiedenheit, die München an Wintermorgen wie an Juliabenden oft bis an den Rand wie einen Schmerzensbecher füllt, war mir, als ob der Strom des Lebens sich hier zu einem See besänftigte, sich weitete, und als ahne er hier nichts von seinen reißenden Stellen, deren Hast und Getöse allen Schmerz der Besinnung so weit überrauscht.

Und wie ein Riese schien da die Sehnsucht den Weg mir zu vertreten und mich zu würgen, als müßte sie aus meinen Augen hervorbrechen beim Anblick der hoch dahinziehenden Vögel: zur englischen Küste trugen sie meinen Geist im Fluge hin, und die Lust zu wandern kam wieder über mich.

Ich gedachte der Woche, die ich in London einsam verschwelgte, und zu welcher Lust sich mein Alleinsein steigerte angesichts der Gestalten, die uns, lebenden Statuen gleich, zu Hunderten dort begegnen. In welcher Stimmung ich da eines Nachts aus dem Theater fuhr, und wie mich fror in der warmen Sommernacht, weil angesichts so vieler, vollendet schöner Erscheinungen derselbe Gedanke wie angesichts der Elgin Marbles mich bewegte: Welch edles Ding ist doch der Mensch! Wie müde und erregt zugleich ich dann das leere Haus betrat, in dem ich wohnte und wie ich da mit geschlossenen Augen und verschränkten Armen noch lange unten verweilte, ganz in London versunken, von dem Sausen und Brausen des unendlichen, nie lärmenden London berauscht.

Zwar schwebte mir gerade in Frankreich, gerade in England Deutschlands geistiges Bild so gerne vor Augen! So tags zuvor bei englischen Freunden auf dem Lande, als ich in der großen Halle mit mir allein zurückblieb, weil mir schien, als wüßte ich in letzter Zeit, durch neue Eindrücke und die Meinungen und Ansichten anderer von allen Seiten abgelenkt, oft nicht mehr, was ich selber dachte.

Nun aber flutete das Licht des alabastermilden englischen Himmels so beschaulich durch die weitgeöffneten Tore, und die Bäume vor dem Eingang breiteten wie schützend ihre gewaltige Ruhe über diese Erde, diesen Rasen, und über das unaufhörlich holde Gurren und Geflatter der Turteltauben.

Aber wie hoch in der stillen Luft das Laub der Bäume erst leis erzitterte und dann in Aufruhr blieb, so wurden meine erst leis sich schwingenden Gedanken von allen Himmelsrichtungen aufgescheucht, bis sie, im Sturme hin und wieder fortgetragen, wie Blätter mein Bewußtsein umwirbelten. Ich konnte sie nicht erhaschen, die eigene Verwirrung, den eigenen Zwiespalt nicht begreifen, noch jenes tiefe Echo heimatlicher Erde, das deutschem Geiste aus angelsächsischem Boden entgegenhallt; als würden jene Worte wieder zu ihm hingetragen, mit welchen Shakespeares verbannte Könige dies Land betraten:

»Ich grüße mit der Hand dich, teure Erde, -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- So weinend, lächelnd, grüß ich dich, mein Land Und schmeichle dir mit königlichen Händen.«

Aber Shakespeare selbst, der in seiner ausgeprägt englischen Eigenart uns doch so nahe steht, wie glich er diesem Boden, auf welchem geschlossenste Äußerungen unserer Rasse, so heimisch und fremd zugleich, uns entgegentreten!

An diesem Faden weiterspinnend war es dann ein anderer wichtiger Punkt, der zumeist mich fesselte. Die Identität unserer geistigen Stellungnahme zu den Griechen: Walter Pater, in seiner Auffassung und Fühlung der Antike mit unseren Rhode und Burckhardt, als eines Geistes Kind.

Von unseren inneren Analogien aber versank ich staunend in die Betrachtung unserer äußerlich so starken Verschiedenheiten. Aber von allen Dingen sah und erfaßte ich da nur ihr Suchen, Fließen, Streben nach einem gleichen Ziele. Und nichts, was die Vorzüge der Engländer, Deutschen und Franzosen auseinanderhielt und voneinander abschloß, wollte mir da noch den Eindruck von etwas Verheißungsvollem, noch Ganzem, noch Befriedigendem gewähren.

Mein Alleinsein wurde indes von einem der Gäste unterbrochen, einem gewichtigen Parlamentarier, dessen politisches Credo: »We are the first nation« aus allen seinen Beweisführungen mit unfehlbarer Sicherheit hervorging.

»What are you doing?« sagte er.

Doch als ich ihm nun meine Gedanken auseinandersetzen wollte, da standen mir die Worte, die den Stein des Weisen, den ich doch schon zu halten glaubte, fassen sollten, nicht zu Gebote, sondern die Flammen, die im Kamin mit ihrem laut- und ruhelosen Rhythmus loderten, schienen in elementarerem Bezug zu meinen Träumen, als ich selbst. . . .

Warum aber weckte ich den Nachhall so vergessener Dinge? Lag an der Wirklichkeit, lag in der Gegenwart stets ein Etwas, das des Reizes tief entbehrte oder ihn verhüllte, da Augenblicke, die wir zu genießen uns nur flüchtig bewußt wurden, als wir sie erlebten, sich verklären, wenn sie wie abgeflossene Wellen längst verrauschten? Selbst die fiebernde Öde dieses Münchner Sommertages, -- täuschte mich seine spleenartige Wirkung nicht?

Still schwebte schon der Mond am klaren Himmel über die Parkanlagen, die Straßen und Plätze. Von den dunklen Baumgruppen hob sich der Hildebrand'sche Brunnen ab, die immer neuen Strahlen seiner Lebensfülle milde wie der Mond ergießend. Immer neu sind dem Auge die kühnen, reichen Schweifungen des Beckens, in welchem das Wasser unter der überströmenden Schale, frei wie eine Flut sich ausbreitet und bewegt. Und immer neu blicken von dem mächtigen Sockel, wie durch rieselnde Schleier, überlebensgroße, marmorne Häupter. Aber das gesenkte Antlitz des Athleten, die weit getrennten Gruppen und das Quellen aus den Nischen, sie alle ertönen in übermächtiger Einheit zu einem rauschenden Akkord, aus welchem Münchens eigenste Seele in ihren reichen Gründen, echt wie der frische Strahl des Wasserstaubes, uns entgegenhaucht.

VI.

An einem Spätnovembermorgen sah ich zum ersten Male die Straßen von Berlin unter einem regnerischen Himmel tropfnaß und düster vor mir liegen, und musterte mit enttäuschten, übernächtigen Augen ihre graue, geradlinige Nüchternheit.

Auf meiner Fahrt vom Anhalter Bahnhof zum Potsdamer Platz war es zugleich das einzige Mal, daß ich in Berlin dazu kam, mich über Berlin zu besinnen. Ich weiß nicht, welch verzehrende Neugierde dort alsbald von mir Besitz ergriff und mich in eine Art von Gummiball verwandelte, der ohne Unterlaß von einem Ende der Stadt zum anderen flog.

Die meisten Dinge natürlich sah ich nur im Fluge.

Im Fluge machte ich dort übrigens eine, wenigstens für mich, endgültige Erfahrung: wie sehr nämlich die Wirkung, welche die Plastik auf den Laien ausübt, eine von der Malerei nicht nur verschiedene, sondern ihr entgegengesetzte ist. Allerdings haben wir bis jetzt nur Glyptotheken, welche organisatorische Probleme auf siegreiche Weise lösen. Vergleichen wir aber den Zustand von Beglückung und Rast, den wir im Pergamon finden, mit der Nervosität, dem Unbehagen, das uns bei längerem Verweilen in einer Bildergalerie befällt, so will uns dabei der Maler von allen Künstlern als der glücklichste erscheinen, weil von allen Kunstwerken Bilder am rückhaltlosesten zu einer Charakteristik ihres Schöpfers, im vollsten Sinne zu Individualitäten sich gestalten: je bedeutender zwar, desto bestimmter natürlich, desto mehr Aufmerksamkeit und Spielraum beanspruchend, auch nach außen hin, desto mehr Perspektive gebietend. Wer hätte im Louvre nicht die fast schmerzliche Empfindung einer Gioconda, fast hätte ich gesagt eines Lionardo, der hier in einem licht- und luftlosen Kerker gefangen liegt? Ich für meinen Teil kann nicht an den Giorgione im Kaiser-Friedrich-Museum denken, ohne daß mir ein kaum einen Meter davon entferntes Bild durch seine schreiende Unverträglichkeit mit dem Giorgione dazwischenfährt. Aber scheinen nicht alle Wände dieses selben Saales von laut aufbegehrenden und unzufriedenen Leuten erfüllt, deren Heterogenität uns peinigt und verfolgt, und die alle zusammen das große Tizianbild umlärmen? Auf meinem Wege zu den Rembrandts fesselte mich ein Gemälde durch den klangvollen, durchdringenden Reiz des Kolorits. Als ich aber auf dem Rückwege an diesem selben Bilde wieder vorbeiging, zog es sich bei seinem Anblick -- ich übertreibe nicht -- wie ein eiserner Ring um meine Schläfen, von nahezu unerträglicher Erschöpfung und Qual. Wahrlich! dachte ich, die Musik ist eine stillere Kunst als die Malerei.

Um aber auf Berlin zurückzukommen: als am siebenten Tage der Zweck meines Aufenthaltes erreicht schien, reiste ich am nächsten Morgen wieder ab. Zwar wurde mir von allen Seiten und überall auf Grund meines Behagens an Berlin lebhaft davon abgeraten. Aber hierüber, schien mir, mußte ich doch selbst am besten Bescheid wissen und packte unbeirrt meine Sachen. Zwar fand ich Berlin nicht mehr so häßlich, wie bei meiner Ankunft, eine »jolie laide« vielmehr, mit fesselnden Einzelheiten.

Am Morgen meiner Abreise fuhr ich in einer offenen Droschke und bei dichtem Nebel noch einmal um den Schloßplatz, durch die Linden, die Wilhelmstraße, Leipziger- und Friedrichstraße, und dachte: »Berlin ist doch spannend!« Deutlich war jetzt der Wunsch in mir aufgestiegen, es besser kennen zu lernen, als mir der vorgerückte Zeiger einer Riesenuhr ins Auge fiel und zugleich an einer Straßenecke ein Zeichen trübseliger Vorbedeutung, das, wie meiner harrend, stille stand. Nicht länger spendete ich da mehr nach rechts und nach links halb gleichgültige, halb neugierige Blicke des Abschieds. Was konnte es an diesem Morgen Verdrießlicheres für mich geben, als meinen Zug zu versäumen, nachdem ich eigens deshalb so früh aufgestanden war? Ich trieb den Kutscher zur Eile an, stürmte zehn Minuten später die Treppen des Bahnhofs hinauf, lief zum Gepäckschalter, flog durch den Perron. Kaum war ich eingestiegen, als der Zug sich in Bewegung setzte und ich in meiner glücklich eroberten Waggonecke zufrieden einschlief.

Und dann kam das Erwachen, das eine unvermittelte und grenzenlose Deprimiertheit wie mit dumpfen Stößen begleitete. Draußen starrte ein totes, träges, grelles Mittaglicht wie ein Abglanz des unerhörten Katzenjammers, der mich bedrückte. Es war doch gestern so gut wie ausgemacht, daß ich um diese Stunde nach Charlottenburg fahren und dann in ein Konzert gehen würde. Und abends wollte ich die Oper von Nicolai hören. Warum in aller Welt war ich denn fortgefahren? Ich konnte den Grund nicht finden. Es mußte irrtümlich geschehen sein, weil ich nicht wußte, daß ich noch bleiben wollte. Ich wußte nur, was ich _jetzt_ vergebens wollte! Mit welchem Ungestüm ich die Lokomotive an das andere Ende des Zuges wünschte, und daß sie mich wieder nach Berlin zurückbrächte!

Und ich erwachte ganz.

Eine dumpfe, trübe Hitze erfüllte das Coupé. Ich stand auf, um das Fenster einen Augenblick zu öffnen. Aber mein Gegenüber, ein mächtiger, breitschulteriger Herr, sah mir, ohne sich zu rühren, mit solcher Empörung zu, daß ich es aufgab, weil der Gedanke, ihn auch noch sprechen zu hören, unerträglich war. Oh, wie mußte der seinen Enkelkindern imponieren und seiner Schwiegertochter auf die Nerven gehen! Und ich sank zurück. Aber die Reue, der leidenschaftliche Ärger über meine unbedachte und sinnlose Übereilung, brach mit der Gewalt jener unvorhergesehenen Stürme über mich herein, wie sie über Nacht, zur Zeit der Äquinoktien, Kamine wegreißen, und Steine und Ziegeln von den Dächern schleudern. Wie verträumt rauschte der Zug durch das winterliche Land, während ich unbeweglich in meiner Ecke saß. »Komm,« sagte ich zu mir selbst, »dies ist alles nur eine ganz abnorme Übermüdung.« -- Meine Hände lagen mutlos ineinander, meine Arme waren wie mit Gewichten behängt, an meinem Herzen hing ein großer Stein, und ein anderer saß mir auf dem Kopfe wie ein Helm. Es war lächerlich. Es konnte nicht sein. »Trink eine Tasse Kaffee,« schlug ich vor. »Sieh nur, wie müde du bist!« fuhr ich ermunternd zu mir fort, als ich im Speisewagen mit zitternden Knien und mit aufgestützten Armen vor meinem Tischchen saß und das öde Licht, das durch die angehauchten Scheiben fiel, meine Bitterkeit noch erhöhte. Warum hatte ich nur so eilig Reißaus genommen? Es lohnte sich doch wahrlich, Berlin besser kennen zu lernen! Warum aber denn _jetzt_ eine so ungestüme und überspannte Betrübnis? Es wurde mir immer heißer zumute, und der fade Kaffeegeruch machte mich vollends untröstlich. Ich kehrte also wieder auf meinen Platz zurück, zog den Vorhang zu, den Hut tiefer ins Gesicht, und wie nach dem Sturme der Regen einsetzt, so drängten da die ungeheuerlichen Wolken, die mein Gemüt umlagerten, leise, langsam und unaufhörlich, nach Art der Landregen sich zu lösen. Es war viel besser, daß ich mir's eingestand: der vorschnelle Abschied von Berlin machte mir eben Beschwerden. Aber wie? Was lag mir dort am Herzen?