Part 4
»Ach,« sagte er »es gibt nur erste Menschen und sie können nicht aristokratisch genug, sie können nicht demokratisch genug sein. England hat diese Wahrheit auch für seine Gesellschaft praktisch zu verwerten gewußt. Worin beruht die Macht und Würde des englischen Adels, wenn nicht in seiner demokratischen Affiliation, und woran ging unser Königstum zugrunde, wenn nicht an seinem Mangel jeder demokratischen Basis?«
»Es gibt noch Leute, mein Herr,« unterbrach ihn ein vergrämter, früh verabschiedeter einstiger Diplomat, »welche in der französischen Revolution den unglücklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen.«
»Doch nur,« rief er, »weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute unheilvoll tränkte! Denn während aus jenen Gedanken über das ganze zivilisierte Europa ein belebender Zug strömte, weilen in seiner Heimat, an seiner Quelle selbst, unversöhnt, unüberzeugt, die Sühnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch veränderter Gesichtspunkte halten sie zürnend von ihren Nachkommen ab, und nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das Königtum, wie es sich seitdem verjüngte, sondern ein altes verstaubtes, ewig überwundenes Königtum, möchten sie in vergoldeten Kutschen einholen und begrüßen.«
Einen Augenblick war es still, wie in einem verzauberten Schloß.
»Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!« sagte der Hausherr, der die Place de la Concorde nie anders als Place Louis XV nannte.
»Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben. Bedenken Sie, daß es bei uns zum guten Ton gehört, sich für Politik nicht zu interessieren! Indes selbst die Herrscherhäuser anderer Länder ein so weitgehendes Verständnis für die großen Strömungen an den Tag legten, welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die erste Gesellschaft Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent hoch einschätze, erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade verantwortlich für Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren bitterster Ankläger sie sich erhebt. Denn ihre Geschichte, -- und er deutete auf die Wände, von welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder Lockenperücken hernieder sahen -- ist nicht mehr wie bisher die ihres Landes.« --
* * * * *
Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichmäßig gleitenden Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit erhöht. Draußen lag schon Blässe über das Land gebreitet und blässer noch, im langen, regelmäßigen Viereck, schimmerte da, wie entschlafen, ein künstlicher Teich, und weiter zurück, fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit den majestätischen Senkungen seiner Terrassen.
»An was denken Sie?« fragte mich da plötzlich mein Reisegefährte.
»Wie soll ich das der Reihe nach sagen?« erwiderte ich. »Gedanken können sehr wohl in Schwärmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen.«
»Aber eine Taube in der Hand,« sagte er, »ist besser, als viele auf dem Dache.«
»Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien und geriet dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Alle Äußerungen, welche die Geistesart, den Charakter einer Nation am geschlossensten kundgeben, reizen und fesseln mich, denn unwillkürlich beziehe ich auf Deutschland, was immer im Ausland mein Interesse erregt. Allein ich staune, wie mächtig innerhalb eines kleinen Gebietes der Nationalgeist benachbarte, verwandte Völker auseinanderhält, wie verschieden er sie bildete, und daß in einer Welt, die überall so gleich, unter Menschen, die sich überall so ähnlich sind, hier der Schwerpunkt aller Verschiedenheiten liegt.«
»Wußten Sie das nicht?« sagte er.
»Ich zweifle, daß wir es alle zur Genüge wissen. Denn diese Verschiedenheiten sind gegenwärtig so weit gediehen, daß drei hervorragendste europäische Nationen, die Deutschen, Franzosen und Engländer, die einander am vollkommensten ergänzen, tatsächlich außerstand gesetzt sind, einander in ihrer Wesenheit wirklich zu durchdringen und psychologisch unüberbrückbar fern einander gegenüberstehen. Wir leugnen zum Beispiel gar nicht, daß es eine bêtise allemande gibt. Inzwischen wurde ich auch mit der fine fleur der Ihrigen bekannt. Aber Sie glauben nicht, wie weltverschieden die beiden voneinander sind! Wieviel unbestimmter, breiter, verschwommener die unsere, wieviel greifbarer, logischer durchgeführt, ich möchte sagen, >abgeschliffener< die Ihre ist, welches Talent sie hat, sich zu veräußern. Die beiden bêtises erkennen sich nicht wieder.«
»Daraus folgt nicht, daß sich die Klugen nicht verständigen könnten.«
»Aber auch da ist mir eines zumeist aufgefallen: die Schwierigkeit für den Ausländer, sich in seiner Beurteilung der Franzosen zurechtzufinden, beruht darin, daß er den französischen Geist von der französischen Kultur nicht genügend unterscheidet. Es fiel mir auf, wie sehr der Formensinn in allen seinen Äußerungen in Kleidung, Möbeln und Gewerbe, auf allen Gebieten des äußeren Lebens bis hinauf zu den bildenden Künsten in Frankreich seine eigentliche Heimat hat. Der sichere Instinkt des Schönen ist da von einer Ära zur anderen Ihr Monopol. Angesichts gewisser Gärten, Lauben und Fassaden, gewisser Plätze in Paris, war ich von Bewunderung für die Franzosen hingerissen und verehrte in ihnen die Lehrer der Welt. Aber trotz jenes großen Stilgefühls, das bei ihnen den Geschmack zur Kunst erhob, trotz jener Gründlichkeit und Vollendung, jenes strengen Maßes, das ihre Leistungen krönt, ist es nicht seltsam, daß auf rein ideellem Gebiete, gerade in ihrem Lande das Extreme und Maßlose sich freier als anderswo entfalten durfte, während in dem rauhen und vielspältigen Deutschland ein Mann wie Goethe dessen Geistesleben adelte?«
»Werden Sie mir später auch einige Kritiken gestatten?« begann da mein Reisegefährte. »Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig mit unseren Extremen?«
»Ah«, sagte ich, »Frankreich ist doch wie ein Blumengarten, mit Schlössern und Gütern besät. Unlängst sah ich ein Schloß, in dem die Schlafzimmer genau aussahen wie Zellen. Das einzige, was den strengen Eindruck etwas milderte, waren Büchergestelle, die den Wänden entlang liefen, aber wohin man auch sah, waren es ausschließlich Gebet- und Erbauungsbücher. Ich lernte dort eine Verwandte Mussets kennen, die mir versicherte, einer solchen Verwandtschaft könne sie sich nur von ganzem Herzen schämen. Flaubert zu lesen hatte ihr Gatte ihr zeitlebens untersagt; es hätte jedoch seines Verbotes nicht bedurft, da sie gottlob den Schmutz nicht liebe.«
»Aber solche Leute,« rief er, »gibt es doch überall!«
»Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich hörte in Frankreich Sonntagspredigten, die bei uns nicht möglich wären. Eine junge und reizende laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von den Volksschullehrern würden sie unterwiesen, nicht darauf achtzugeben, was ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male der Gemeinde die Autoritäten des Landes in den fürchterlichsten Farben. Tatsächlich habe ich nichts betrüblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafür traf ich unter den begüterten Familien nicht einen Knaben, dessen Erziehung unter einer anderen Obhut als der eines Abbés stand. Auch diese Sitte wäre uns zu extrem. Aber ich fürchte, derartige Auslassungen sind nicht der Brauch. Man sagt sich von einem Lande zum anderen in den Zeitungen unangenehme Dinge, zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu kommen.«
»Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzügen und den französischen Mängeln beschäftigt.«
»Nein,« rief ich, »denn nichts regt ja unseren Eifer so sehr an, wie unsere Anerkennung für die Vorzüge einer anderen, sei es einer fremden oder verwandten Nation! Solche Empfindungen erregen in mir der Formensinn, die Regsamkeit, welche Paris inmitten so gefahrvoller Geschicke stets auf seiner Höhe zu erhalten wußte. Und mit ebensolchen Empfindungen bewundere ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich verlierenden Überblick, das Erziehungssystem, die Ästhetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur glücklichsten und schönsten Nation der Welt geworden ist.«
»Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie!« rief er. »Die Vorzüge der Franzosen und Engländer sind den Deutschen entzogen, weil sie eben Deutsche sind!«
»Zu welchem Reichtum gerade ihr Wesen sich entfalten kann, dafür bürgen ihre großen Männer.«
»Immer diese großen Männer!« sagte er. »Sie sind noch lange nicht die Nation. Und Sie vergessen, daß noch keine von ihren eigenen großen Individuen so unumwundene Aussprüche des Tadels erfuhr, wie die deutsche.«
»Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Fülle ihrer Anlagen erkannte.«
»Aber was nützt es?« sagte er. »Die Deutschen bearbeiten meist nur eine Geisteskraft. Es ist ihr Lichtenberg, der ihnen dies vorwirft. Was nützt es, daß sie denken? Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene Kultur bleiben sie der Kritik fremder Nationen ausgesetzt.«
»Ein glücklicheres Ebenmaß könnte diese Kritiker über schwerer zu beseitigende Mängel hinwegtäuschen. Die Deutschen sind noch im Werden. Das ist auch etwas Schönes.«
»Wir sind alle im Werden!« rief er. »Aber warum unterschätzen Sie die Großzügigkeit, die ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?«
»In Deutschland,« sagte ich, »machen sich die klugen Leute nichts aus der Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben.«
»Hier arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur nicht einsamer als andere. Aber sie wollen _herrschen_! Die Berechtigung ihres Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit größerem Maße zu; hierin sind ja die Deutschen viel demokratischer als wir; und dies ist der Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse fehlt, das ihrem geistigen Niveau entspräche. Dazu kommt, daß bei ihnen der Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der >Bereisten< ein so geringer ist. Man kann ja,« fuhr er fort, »den Kosmopolitismus zu weit treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung für ihn: eine wahre und vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschluß und verleiht unter anderem den Überblick und die Menschenkenntnis der eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Vermögenden wie die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafés chantants und wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen.«
»Und Sie sind der Mann, der mir meinen utopischen Eifer vorwarf, als ich sagte, beide Völker hätten soviel von einander zu lernen. Wer denkt nun logischer von uns beiden?«
»Sie vergessen nur zu leicht, daß es auch politische Gesichtspunkte gibt.«
»Was andere besser verstehen, überlasse ich ihnen lieber ganz und gar und finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir mehr Übersicht gewähren kann, zu betrachten. Von einander getrennt stellen sich mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch die hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich bin für psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht in hundert Jahren recht haben sollte.«
Langsam rollte jetzt der Zug in die große Halle der Gare St. Lazare.
1905 Wiener Zeit.
III.
Alte Leute schütteln die Köpfe über unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit unseren immer schleunigeren Schnellzügen nicht zufriedener sind, als unsere Väter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei's gesagt: wir sind um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die Zufriedenheit, je mehr wir den Fortschritt erstreben. Ein steigernder Drang, eine Hast und Ungeduld, wachsenden Flügeln vergleichbar, ist heute in uns rege; wir durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch große Städte mit Windeseile, und größte Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur entsprechendsten Äußerung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten des Glücks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren verträgt sie nicht mehr. Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage, aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere, denn sie ist so müde und überreizt zugleich, weil ihr der Frühling in den Gliedern sitzt.
Es stehen uns zwar noch zu viel trübe, regnerische Tage bevor, als daß wir merken könnten, daß sie länger werden. Aber wenn es stürmischere Zeiten gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegensätze sich zu versöhnen, alte Vorurteile zu zerfallen strebten.
Kürzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la Paix zur Place Vendôme; den weltberühmten Modeläden entstiegen elegante Frauen mit blassen Zügen und großen sicheren Augen. Die reiche, fast edel zu nennende Vollendung ihrer ganzen äußerlichen Haltung lieh ihnen einen Glanz von Schönheit und Überlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis ihr Wagen aus dem Gedränge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer begründet, als jenes Gefühl unendlichen Entrücktseins von der Not des Lebens und die satten, fast melancholisch strengen Mienen der Besitzenden.
In jenen Pariser Straßen geht es sich so leicht. Was das Auge dort fortwährend fesselt, trägt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin. Geschmeide blitzten mir entgegen, große träumerische Perlen, ein köstlich strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele, zärtlich funkelnde Smaragde.
Allein zärtlicher noch und schimmernder, ein Triumph für die ersten Kürschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer schönen Frau mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem Laden ins Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der bekanntesten jungen Männer von Paris, morbid und unverschämt, den Hut vom Winde etwas zurückgeschoben, aber frei wie ein Marmorbild, ihr entgegenfuhr.
»Es geht sich heute so schön,« sagte da plötzlich dicht neben mir ein Pariser Freund, »haben Sie Zeit?«
»Aber bleiben wir in diesen Straßen,« sagte ich, »man wird da von dem Leben ringsumher wie von Wellen so schön fortgerissen.«
Zwar hörte man vor dem Getöse und Gebrause ringsumher seine eignen Worte nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang, unnachahmliche Mäntel, in die man im Vorübergehen sich hineindachte; dann wieder unter den vorübereilenden Wagen so manches glänzende, bewegte Bild. »Ach,« seufzte ich, »mir ist hier oft, als müßte mein Herz brechen vor Sehnsucht nach Geld!«
»Nach Geld?« rief er erstaunt.
»Ja,« sagte ich, »ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende Leidenschaft für die Güter dieser Erde, und wie sehr sich unsere Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen Fähigkeiten steigern.«
»Diese lehren uns vielmehr, das Glück in uns zu suchen.«
»Sie scherzen!« rief ich.
Aber hier erlitt unser Gespräch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam kamen uns zwei hinreißende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. Göttliche Schultern trugen ihr leichtsinniges Haupt, und goldene Haare verklärten es. Es lag etwas halb Zärtliches, halb Spöttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flüchtigkeit selbst. Und es war, als zöge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener Hoffnungen, vergeblicher Wünsche entrückte.
»Folgen wir ihnen!« schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im Ritz verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten die Galerie, in welcher der Tee genommen wird, der -- wie allerorts in Paris -- zu wünschen übrig läßt; sie glich um diese Stunde einem Turnierplatz geschmackvollster und zugleich kühnster Hüte. Man sah die diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten Teints. Allein weit entfernt, frivol zu sein, war für mein Empfinden der äußere Eindruck dieser hergerichteten Pariserinnen der eines sehr strengen, sehr erstrebenswerten Formensinns. Übrigens waren sie nicht in der Mehrzahl vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier durcheinander. Auch unenthusiastische Jünglinge mit fallenden Schultern hatten sich eingefunden und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem den amerikanischen Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender Gewöhnlichkeit.
Ich hatte die Eckplätze links am Eingang gewählt, die zugleich einen Ausblick auf die Treppe gewährten, denn die Menschen, die dort vorüberkamen, waren als Millionärtypen vielleicht noch charakteristischer. Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchioness von A*, eine sehr schön gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Türe stand, sah mit theatralischer Unverschämtheit um sich her und verschwand. In unserer Nähe ließ eine Österreicherin, die Frau eines durchreisenden Diplomaten, immer lauter ihren wienerisch-französischen Jargon vernehmen. Sicher fiel diese Frau ihrem Manne durch zu große politische Wißbegierde niemals lästig, vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige einer Diplomatenstellung, wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern (wie Bismarck ihn verhöhnte) noch gänzlich erfüllt. Weder jung noch schön, aber von ansehnlicher Größe, mit ihren konventionellen Zügen, ihrer kunstvollen Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der Genius des »High Life«. Mit groben aber wohlgepflegten Händen schwang sie unaufhörlich ein Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn auch die Welt in Zeit und Raum sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas, das für sie nur die Welt des Salons auffing und spiegelte.
»Rom ist deliciös,« hörten wir sie sagen -- »c'est autre chose que la Suède! Ganz die große Welt! In der Saison komme ich einfach nicht zu Atem; die Unmasse von Engagements, déjeuners, dîners und die vielen jours . . .« sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr nicht. Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der »großen Welt« erblickt, der auf sie lossteuerte: »Sie hier, cher Comte?«
Es war alles so ergötzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander lächelnd an: »Ihre zwei Göttergestalten scheinen sich in die oberen Stockwerke verloren zu haben,« bemerkte er. Indes kam die Marchioness von A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer reizvollen, melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich schönen Mädchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und gebieterischem Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anlangte, gehörte er zweifellos zu den Gebietenden dieser Erde. Sein großes weißes Gesicht trug zugleich den Stempel der Oberflächlichkeit und einer gewissen Leidenschaft. Aus seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa eine sehr machtvolle oder reiche Persönlichkeit, aber deren ungehemmte und machtvolle Entfaltung.
Plötzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch eben eine Tasse eingeschenkt hatte, schob ich mit Widerwillen von mir. Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewußtsein gänzlich entfallen, war ich mir plötzlich meiner selbst aufs heftigste bewußt. Keine Paläste mit unschätzbaren Tapisserien und Bildern, keine Reichtümer und keinerlei Macht war mein eigen! Über das blaue Meer hin, nach Indien oder Griechenland, wo gerade die Erde am schönsten blühte, unter Menschen, deren Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte der Mann dort herrschend seinen Fuß. »Kein Ersatz,« dachte ich, »ist dem Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verhaßter, tödlicher Entsagung von sich schleudern!«
Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und vornehm ragte die Säule von Vendôme, aber nicht länger zog es mich hin zu den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.
»Ich begreife Sie nicht,« sagte der Pariser Freund, »ist es denn möglich, daß Ihnen solche Leute imponieren?!«
»Ich nehme sie ja nicht persönlich,« sagte ich. »Aber wenn ein kunstvoller Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeinträchtigen können. Und weil sich um die gewöhnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu verkennen. Das Leben ist zu schön geworden.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von feindlichen Kugeln umsaust, die Rue de Rivoli an der Mündung der Rue Castiglione zu überschreiten.
Nach dem Gewoge der Straßen schienen die Tuilerien so weit und still.
Alles lag in jenem entzückend feinen, mattsilbernen Ton der zärtlichen Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den kahlen Bäumen ihre Düsterkeit nimmt. In kalter Grazie dem grauen Louvre zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.
Mit Statuen aber geht es uns häufig wie mit der Musik: was im Museum wohl zurückstände, im Konzertsaal uns kritisch ließe, kann unter freiem Himmel hinreißen und rühren. Unwillkürlich waren wir stehen geblieben.
»Wie der menschliche Körper durch die griechische Kunst, so hat sich seitdem das menschliche Leben selbst zu einem Ideal gestaltet.«
»Zum mindesten ein vorgreifender Glaube«, meinte er.
»Wie jeder Glaube«.
1905 Neue Rundschau
IV.
So machen wir auf Reisen unsere schnurrigsten Erfahrungen. Gilt es jedoch die Ansichten vorzubringen, die sich da ganz von selbst für uns ergeben, so dünken sie uns gar zu einleuchtend und elementar, um noch erwähnt zu werden. Aber das langweiligste ist, daß wir mit solchen Ansichten immer noch als Vorläufer erscheinen, und daß es immer noch keine Gemeinplätze sind; denn sie stehen noch immer nicht in den Zeitungen, diesen Feldern des Überdrusses, diesen mit wenigen Ausnahmen so träg geschäftigen Wiederkäuern zu oft gesagter oder längst überwundener Dinge.
Manchmal sind es aber Kleinigkeiten, die uns mit der Artung einer Nation unversehens in Berührung bringen, wie ein plötzlicher Augenaufschlag oder der Schatten eines Lächelns uns plötzlich neue Einblicke in das Wesen eines Menschen gewähren können.
Zwei Pariser Episoden sind mir lebhaft in der Erinnerung geblieben.
Eines Nachmittags ging ich den Quai d'Orsay entlang und einem matten winterlichen Sonnenuntergang entgegen.
Ich hielt einen Strauß wundervollster Blumen. Besonders prangte da eine ganz erstaunliche Rose, mit der man immer wieder sich befassen mußte. Sonst war ich eigentlich eher verstimmt. Ich kam gerade von einem Frühstück, das mir, solange es dauerte, sehr belebt erschien, bis ich nachträglich merkte, daß es mich gelangweilt, und daß all die unnützen Worte, die ich vernommen oder selbst gesagt, ja selbst all die schönen saillies und mots d'esprits mich zuletzt verdrossen hatten. Gott, und mein Nachbar erst, wie sich der verpuffte! Es glitzerte und flickerte, jedoch das Wässerlein war seicht, und war kein Fischlein darin.
Vielleicht ist die Gemütlichkeit dasjenige, was wir bei den Franzosen, ob hoch oder niedrig, am öftesten vermissen. Und sie ist es, welche der médiocrité allemande vor der médiocrité française, den kleinen Leuten vor den petites gens den Vorzug verleiht.