Wege und Umwege

Part 3

Chapter 33,504 wordsPublic domain

Denn sie wußte in dieser stillsten Stunde ihres Lebens, daß Unwissenheit es war, die jenen Gram in ihr erzeugte, weil _Gedanken_ hinter jenen unruhigen Schatten ruhten, die sie schreckten, und daß nichts sie retten konnte, als ein hellerer Kreis des Wissens, der sie schützend umschloß, als ein Glaube, um den sie selber rang.

Tags darauf verließ sie Homburg.

Golden flogen im Nachmittagscheine Brücken, Felder und Wiesen vor ihrem Zug vorbei, aber vor dem Glanz dieser sonnenerfüllten Welt schloß sie bekümmert die Augen; denn immer schwerer wurde da wieder, auf der langen Fahrt, ihr einsam entschlossenes Herz. Sie sah sich wie vor einem Berg, den nur Geübte und Wetterkundige mit einem Arsenal von Werkzeugen wohlausgerüstet zu besteigen wagen und denen sie nun barfuß und allein folgen wollte. Was sie erstrebte, war ja zu schwer: Nichts was Gleichgewicht und Disziplin des Geistes betraf, lag in ihr vorbereitet noch vererbt, und zu einem systematischen Denken war sie weder veranlagt noch geschult. Kein Pegasus, die traurigste aller Rosinanten stand ihr zu Gebote. Aber weniger glücklich als der an Illusionen reichste Don Quichote, verglich sie unerbittlichen, fast feindlichen Auges ihre Unzulänglichkeit mit ihrem Wagnis. -- Was hatte ihr stumpfes kindisches Gehirn mit jenen Rätseln zu schaffen, die es von jeher mühten? Nun war sie erwacht. Mit weitgeöffneten Augen, die nicht sahen.

Als sie bei ihrer Ankunft in München Glucks Oper »Iphigenie in Tauris« auf dem Zettel sah, ging sie noch selben Abends hinein. Es war eine der letzten Vorstellungen, die unter Levis eminenter Leitung und einer Besetzung alternder aber trefflicher Leute dort stattfanden, und Marie atmete auf in der Atmosphäre dieses edlen Werks.

»Die Ruhe kehret mir zurück. So sollte meine Qual Euch Ihr Götter ermüden.«

Es war Orestens Lied, und in prachtvoller Wiedergabe, die eherne Begleitung des Orchesters.

In diesem Augenblick kulminierte das musikalische Vermögen, die Genialität des Dirigenten. Nicht so sehr »gestaltend« stand er dem Meisterwerke gegenüber, als daß seinem unvergleichlich künstlerischen Impuls, seiner in höchster Passivität so wundervollen Ergriffenheit die tief umhülltesten Regionen sich erschlossen. So stand er unbeweglich, mit gesenktem Stabe, nur verklärten Auges sein Orchester bannend. Aber der Hauch von Ewigkeit, der über den friedensvollen Fall der Baßtöne gebreitet liegt, riß Marie mit fort. Kein anderes Kunstwerk sollte je wieder jene selbe überwältigende Wirkung in ihr hervorrufen, zu der sie jetzt ihr abnorm gesteigerter Gemütszustand befähigte. Sie verlor das Gesicht. Der Wunsch, den sie so früh gehegt, er war ihr erfüllt, die Müdigkeit, die sie so früh empfunden, sie war von ihr genommen, und sich selbst, der eigenen Dürftigkeit, der eigenen Torheit, allen Schranken des Persönlichen weit enthoben, behielt sie nur das Bewußtsein eines strömenden Glücks.

So waren denn die Würfel gefallen. Ihr Drang nach Erkenntnis war stärker als ihr Sträuben, als ihre Trägheit und ihr Unvermögen.

Stundenlang saß sie nun, meist ganz vergebens, -- über einer einzigen Seite Kants. Aber gerade bei ihm, dem sie ein so lückenhaftes Verständnis entgegenbrachte, durfte sie, zum Atome sich erkennend, ruhn, -- wenn sie die Schwingen ewiger Begriffe auf Augenblicke streiften. Denn Marie hatte Geist, doch keine Geisteskraft, niemanden, der ihr half, noch sie belehrte! Nur einem Menschen, dessen Überlegenheit ihr nach allen Seiten hin entsprach, hätte sie sich ohne Reue anvertrauen können, und einen solchen Freund zu haben, war ihr nicht vergönnt. So mußten denn die Bücher ihre Freunde, ihre Lehrer werden. Und schon hatte sie erkannt, daß hervorragende Anlagen nur eine gefährliche Mitgift sind, wenn gerade sie einen versöhnenden Ausgleich innerer und äußerer Widersprüche erschweren. Sie hatte erkannt, daß nicht das Leben, für welches wir geschaffen wären, in die Wage fällt, daß nicht wir selbst, sondern unser Geschick das Gegebene ist, und daß sie nicht dem Knechte gleichen durfte, der mit seinem einen Talent verzagte und es vergrub. Am schwersten ließ sie sich's mit Schopenhauer werden, der den jugendlichen Leser terrorisiert. Und wer war sie, daß sie es wagte, ohnmächtig, verzweifelnd, so lange gegen ihn anzustürmen, bis ihre innerste Überzeugung sich wieder von ihm losriß, von seinem großartigen Gedankenring gefördert und belehrt, ihm nicht länger unterworfen war?

Wagner aber lehrte sie, wie mit jener Philosophie zu verfahren sei: Die schroff eingehemmte Theorie der Willensverneinung lenkte er versöhnend zu Parsifals Erkenntnis, und Schopenhauers elementare Lehre der Liebe veredelten und krönten Tristan und Isolde.

Einen heißen einsamen Sommer verbrachte sie mit Platos Büchern und unter Tränen las sie das herrliche Symposion. Hier war ein Ziel und göttliches Verweilen, der Harmonien seliger Hauch, und wie vom hohen Berg herab lag da die Welt, -- beschaulich, -- unbegehrt, -- zu ihren Füßen.

Aber sie war schön, diese Welt! Feierlich und groß! -- Und alles in ihr erhielt Sinn, Leben und Bestand durch Bezüge. Und in Bezügen lag ein Schwerpunkt selbst der größten Geister.

Der Erwerb des einen wird da dem anderen Besitz; Steigbügel für den Kommenden. Allein die Schranke war die Bedingung des menschlichen Gehirns, und die Grenze des intellektuellen Vermögens durch die menschliche Natur scharf abgesteckt.

Marie versank in immer tieferes Nachdenken.

Nein: Allumfassende Vollkommenheit war nirgends. --

Da erstand vor ihrem inneren Auge, wie im Morgengrauen deutlich erkennbar -- die universellste, übergreifendste Gestalt, die keine Irrtümer und keine Lücken in sich aufwies! Vielmehr auf unnennbar geheimnisvolle Weise alle Widersprüche in sich aufhob, weil ihr nichts fremd war und nichts entzogen, was tausendfach die Menschen scheidet und vereinsamt. Ja, es war ein Mensch. Aber Himmel und Erde waren der Schlüssel zu ihm, und er erfüllte die Welt. Allumfassendes, schweigendes Begreifen entströmte seinem Auge. Es war ein Gott. Seine Züge aber! Die größten Denker und Meister aller Zeiten hatten sie ihr entschleiert, weil alle menschlichen Heroen zu seinen Kommentaren wurden, und ihre unbeschreibliche Bewandtnis zur Erläuterung! -- Keine Philosophie, keine Äußerung auf dem Gebiete des menschlichen Geistes, ja des Geistreichen, des Witzigen, des Profanen -- keine Kunst, die nicht zu ihm gravitierte. Der Gedanke war so groß, daß sie erschauerte. Und von der überschwenglichen Tragweite jenes schlichttönenden Ausspruches: »In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen« war sie da wie von unendlichen Schallwellen fortgerissen und durchleuchtet.

Nur eines trennte ihn von uns -- das Übel, das allen Gram erzeugt. Eines mußte er uns entnehmen. Eines war göttergleich im Prinzip von ihm ausgeschieden: die Qual.

Marie mochte ihre Gedanken nicht länger ertragen. Sie ging hinab in die Straße, die starren Häuserreihen entlang, der heißen verödeten Stadt. Aber das Licht, der Anblick des leeren, weißlichen Himmels erweckte Erinnerungen und Leid. Zum Stachel war ihr da der taube Glanz des Tages, und jene »Geister der Luft,« die den Menschen jagen und ihm das Himmelslicht versteinern. Atemringend muß er es ertragen.

Nicht daß es sie jetzt nach Mitteilsamkeit drängte, nein, auszuruhen, zu vergessen, sich zu freuen. Schönheit, Gebärde, Sprache, die Form eines Auges, die Bewegung eines Armes, dies alles war ein Organismus, der sie umfriedete. Dann wurde es still in der dumpfen Werkstatt, und Gedanken feierten. Der Reiz der Nähe löste den gezogenen Blick von ihren Augen, und ihr Geist erkannte rastend seine Heimat.

Denn es war ihr Geist, der in der Welt der Körper, der in dieser Welt sein Element erkannte!

Allein in der Einsamkeit, die sie also bedräute, umschloß sie jetzt, deutlich wie Felsenzacken gegen das Sonnenlicht, der Ring ihrer Gedanken.

Nicht länger von der Welt barer Vorkommnisse aus den Fugen gerissen, erkannte sie die tröstliche Bedingtheit alles Elends. Erkenntnis sollte _nicht_ den Pflock des Leidens tiefer in uns treiben! Alles war Folge, und selbst Geschehnisse waren nicht unentrinnbar.

So weit, so anders erblickte sie die verlorenen Tore ihres Glaubens wieder. Was immer das Dogma vom Geiste löste, erschien ihr da als ungeheuerster Verrat. Nicht als Dualität, als Organismus erfaßte sie den Menschen und seine Apotheose, nicht seine Trennung als sein Endziel. Ihrem weltabgewandten und entsagungsvollen, aber stets verheißungsvollen Bildern zugekehrten Auge wollte die unendliche Elastizität jenes Glaubens als sein tiefinnerstes Geheimnis sich erschließen; des Paradoxalsten, eingedenk und psychologisch tiefst Begründeten, was der Mensch zutage förderte: als das »Maß aller Dinge« stellt er den Abstand zwischen ihm und der Gottheit, Prometheus, die seligen Götter und den allgewaltigen Zeus. Quellen und Haine belebt er mit übermenschlichen Wesen, scheu verehrend, was er selber schuf. Ahnung war es, die ihn die eigenen Ideale, das eigene Ziel so fern erkennen und den Olymp erträumen ließ! Solche Träume, mußten sie nicht das Sehnen eines Gottes nötigen, zu tausendfacher Befreiung den Menschen zu erlösen?

Neue Rundschau 1905.

REISEN 1904-1908

I.

Zwei Stunden von Paris liegt zu Füßen einer hohen Ruine ein altes Städtchen, das an einem Hügel herumklettert. Und ringsumher einsiedlerische Wälder, sonnige Gefälle, lauernde Teiche, an deren Rande dunkle Vögel mit unheimlichen Schritten spazieren gehen; und weltentrückte Auen.

Ein Spätsommertag ging zur Neige, als mein Zug vor diesem Städtchen hielt, das mir allzu stille Tage zu verkünden schien.

Aber in ein Milieu, in dem es ausschließlich Abgeordnete, Leiter politischer Revuen und Vertreter großer Zeitungen gab, sah ich mich da plötzlich wie hineingeschneit. Mein Tischnachbar war gleich am ersten Abend ein ganz schief gewachsener und ergrauter, aber sehr strammer Herr, der mich übrigens gänzlich ignorierte. Dabei sprach er fortgesetzt, richtete aber seine Worte nur an den Hausherrn. Der Blick seiner Augen, die wie zwei Sterne leuchteten, war starr wie ein Scheibenherz. Mit größter Präzision wußte er eine Reihe von Themen so eindringlich und zugleich so eilig durchzunehmen, als gelte es, innerhalb der wenigen Stunden, die er hier verbrachte, seine Gedanken für Jahre hinaus und auf Jahre zurück zusammenzufassen. Es war dem Uneingeweihten nicht möglich, ihm zu folgen, oft auch nur zu erraten, wovon er sprach.

Nach dem Essen fuhr er im Salon in derselben glänzenden und gedrungenen Weise zu berichten fort. Seine Augen sahen jetzt aus wie zwei große Monokels. Die Damen stickten schweigend oder sprachen leise unter sich. Vor dem brennenden Kamin lag ein englischer Jagdhund ausgestreckt und seufzte vor Müdigkeit. Die Lampen warfen milde Scheine auf die eingelassenen Louis XIII-Spiegel und die laubreichen Tapisserien der Wände. Durch die hohen Fenster und die schmalen wurmstichigen Türen blies der Wind. Ich war noch auf keine Stickerei eingerichtet, saß in einer Sofaecke und hörte den Herren zu; denn ob ich auch ihren Gesprächen nicht viel entnehmen konnte, interessierte es mich, sie zu betrachten.

Als es 10 Uhr schlug, schnellte der graue Herr empor, empfahl sich den Damen mit großer Korrektheit, aber auch mit denkbar größter Kürze, und gleich darauf rollte sein Wagen, der noch den letzten Zug nach Paris erreichen sollte, in aller Eile davon.

Mich hatte dieses Gespräch, von dem ich nichts verstehen konnte, in große Aufregung versetzt; und mit der Belletristik oder gar mit Werken der schönen Beschaulichkeit war es mit einem Schlage vorbei. Ich holte sie so wenig wie die Stickerei aus meinem Koffer hervor. Denn Zeitungsartikel, Berichte und Telegramme waren das einzig Spannende für mich geworden.

In dem weitläufigen Garten, der zu dem Hause gehörte, gab es eine Auswahl von Bänken, Lauben, steinernen Nischen und Terrassen. Steil und verwildert fiel er die sonnige Felsenwand herab, um sich wie in einem Graben geheimnisvoll und schattig auszubreiten. Dorthin schleppte ich denn auch mein neues Steckenpferd: die Zeitungen und politischen Abhandlungen aller Länder.

Man stand im Zeichen der ersten sonoren Pendelschwingungen der Entente cordiale mit England einerseits, des Rapprochements mit Italien anderseits; sie und l'Isolement de l'Allemagne bildeten die Parole des Tages. Eines Nachmittags, -- den Morgen hatte ich in Paris verschwärmt -- saß ich wieder in einer Mauernische meiner Gartenwildnis und hielt die letzte Nummer der »Renaissance latine«. Sie brachte den ungemein schneidigen Entwurf einer politischen Karte Europas, mit sensationellsten geographischen Neuerungen. Der Wunsch war darin Vater aller Voraussetzungen, und Deutschland rückte kühn bis in die Polargegenden hinauf, so daß es mit grönländischer Kälte von allen Seiten darauf einblies.

Ich notierte Titel und Nummer des Blattes und sah verdrießlich zum feingetönten französischen Himmel empor.

Ach, dachte ich, wie wenig weißt du von Deutschland! -- und dachte dann hinüber zu unseren Brücken und Häusern, unseren Mondscheinnächten und Wäldern.

Ach wie viel tausend Meilen lagen auch sie von hier entfernt, und wie wenig wußten sie dort von den Franzosen!

Und ich wußte auch, hier war keine unüberlegte, instinktive und impulsive Liebhaberei, wie sie England gegenüber oft bei mir im Spiele war, sondern ich vermochte einfach nicht, die Geschicke Frankreichs mit einem gleichgültigen oder unbeteiligten Bewußtsein zu erwägen. Von französischen Naturen in zu mannigfacher Weise verschieden, empfand ich die Franzosen zugleich als meine Angehörigen, und es schnitt mir oft ins Herz, wie gut ich sie kannte. Denn leider ist es ja noch immer keine Anmaßung, wenn heute der Deutsch-Franzose -- und umgekehrt -- sich für den allein Befugten hält, die Kluft zu messen, die zwei so große Nationen voneinander scheidet, die unzulängliche Kenntnis voneinander, in der sie leben, wie die Sehnsucht, die sie zueinander zieht.

Aber noch nie war mir so deutsch zumute gewesen, wie heute morgen, denn nirgends fühlten sich meine Augen so heimisch, mein Herz so eifersüchtig wie in Paris, dem Paris der Renaissance bis zum zweiten Empire, das unsere junge Kultur so weit übertrifft.

Und doch so jung nicht, als daß sie nicht schon einmal des Sterbens Bitterkeit, die traurige Mühsal gekostet hätte, aus Verwüstung und Schutt zerfallene Türme wieder aufzurichten. Hoch über den stillen Garten hin umriß sich da vor meinem inneren Auge, intakt in ihrem entflohenen Leben, wie der einbalsamierte Leichnam eines Jünglings, eine deutsche Stadt in ihrem unterbrochenen Wachstum. Ihr langentschwundener Frühling prangt an den Marktplätzen, den Pforten und Brücken, den Erkern und Laternen. Er weht von den Türmen und Brunnen, durch die Häuser und Stuben. Er flutet in den Kirchen und von den Glasgemälden, und in dem verwitterten Stein umrauscht er Jungfrauengestalten mit ihrem unbeschreiblichen Gemisch deutscher Morbidezza und deutscher Lauterkeit.

Ich sah die Marienkirche und atmete wieder ihre Luft. Und vor den Toren der Stadt jenen anderen Zeugen reinster und so verfeinerter Kunst: das Tuchersche Jagdschloß mit den verhaltenen Lauschen seiner Fensternischen und Türen, der holden Strenge seiner Räume, den verschwiegenen Schwellen, der verträumten Stiege. Denn die ganze Burg ist reich an Widerhall wie ein Vers von Walther von der Vogelweide, und wir stehen inmitten ihrer Stille wie an einer Brandung.

Aber scholl da nicht von der Burg hernieder, von Dürers Hause, weithin durch alle Gassen, Hans Sachsens Ruf: Habt acht! uns dräuen üble Streich'!

Nicht länger glaubte ich da die Empörung verantworten zu dürfen, die mich auf der Fahrt nach Frankreich ergriff, als ich von meinem Zuge aus im Morgengrauen französisch aussehende Häuser auf deutschem Boden sah und unvermutet alle Trauer, die an dieser verlorenen Erde haftet, mitempfand, von jener Flut von Trübsal eingeholt, mit ihrem universalen, geisterhaften Anrecht: jenem geheimnisvoll, zeitlos elementaren Etwas -- der Zeit bittersten Rest! --, den sie als unser Erbteil zurückläßt. Ach, dachte ich, wann wird der Tag anbrechen, an welchem sich der letzte Schlachtenplan zum letzten Ritterharnisch als Museumstück gesellen wird, weil zwischen Nationen wie den unseren, der Gedanke in Stücke gerissener oder zerschossener Glieder mit der menschlichen Würde nicht länger verträglich, geschweige denn rühmlich erschiene!

Drei Jahre, glaubte Bismarck, seien das äußerste, was sich in der Politik voraussagen ließe, und: »für drei Jahre haben wir heute vorgebaut,« meinte er nach einem seiner größten diplomatischen Erfolge der achtziger Jahre.

Und darum wissen wir heute nicht, wozu er sich damals entschlossen hätte, welchen Plan er damals entworfen und ausgemeißelt, ob er dem deutschen Volke nicht einen gleichwertigen anderen Entgeld ersonnen hätte, wenn er damals schon einer deutschen Kolonialpolitik hätte Rechnung tragen müssen.

Jene Worte am Abend seines Lebens haben einen so nachdenklichen Klang; »Das westliche Glacis, das wir ihnen nehmen mußten, was sie uns nie vergessen werden.«

Es ist der Gedanke an unser zuversichtliches Bewußtsein alles dessen, was er heute, angesichts der vielen veränderten Faktoren unternehmen, an die Initiativen, die ein Mann wie er _heute_ ergreifen würde, der ihn uns unersetzlich erscheinen läßt. Denn der Geist seines Wirkens schuf ihn zu einem Lehrer, weit mehr als seine Taten, die das Schicksal und die Zeit ereilen können. Und wer tiefer in jenen Geist einzudringen suchte, wie könnte der noch zweifeln, daß ein heutiger Bismarck, gleichviel welcher Nation er angehörte, jene große Einigungsidee, die einst ein kompaktes Italien und ein kompaktes Deutschland schuf, in erweitertem Sinne zu vertreten und aktuell auszugestalten wüßte? Wer könnte zweifeln, daß ein heutiger Bismarck, ob er unser eigener, oder Cavours, oder Gambettas Landsmann wäre, zum Vorkämpfer eines föderierten Europas würde?

Eins aber konnte nur Paris in seinem überlegenen Reiz mich lehren, dies schimmernde Paris, das sich vollenden durfte, wie inmitten einer Welt des Friedens: Nicht um eine Minute hatten wir die Kultur dieses Landes zurückgeworfen, das als ein unerhörter Feind der unseren in der Geschichte steht.

Ich war empört in meiner Mauernische aufgesprungen: und nicht länger hielt es mich da in dem verlassenen Garten. Der Zwiespalt, der mich bewegte, ließ mir dies Land, mein eigenes, die ganze Welt beengt erscheinen.

Unsichtbare Schatten glitten schon durch das Tageslicht und hielten die alten Bäume umschlungen. In peinigender Flüssigkeit und Süße durchschauerten sie die Luft. Wir waren Brüder! Noch stehen sie überall, die Spuren unserer einstigen Gemeinschaft, unsere Kathedralen, unsere Minnelieder und Novellen. Und heute sind wir Nationen, die sich schon lange insgesamt langweilen, weil gerade in der Reife, zu der unsere nationalsten Züge und Besonderkeiten gediehen sind, das Bewußtsein unserer Halbheit und in der Verschmelzung unserer Qualitäten der Keim vollkommenerer Typen liegt. Wozu sich betören? Von Herzen froh wird man ja heute nirgends. Kläglich veraltet und vermorscht sind heute unsere tausendjährigen Familienzwiste, als könnte ihrer Asche allein der neue Phönix unseres Erdteils entsteigen: nur einem »greater Europe« ein »greater England«, »greater Germany« und »greater France«.

1905 in der Wiener »Zeit«.

II.

Im Laufe jenes selben Herbstes fuhr ich mit einem Politiker von Vendôme nach Paris. Schlösser und Hütten, Riesenwälder, lichte Pappelgruppen an langweiligen kleinen Flüssen waren an uns vorüber geflogen, und ich dachte zurück an den verflossenen Abend, an eine Fahrt nach einem wundervollen mittelalterlichen Schloß, und an ein vollendetes, und wenn ich so sagen darf: erhebendes Diner, denn Götter hätten hier tafeln können, ohne sich zu schämen.

Nur die Konversation war nicht auf der entsprechenden Höhe gewesen. Die üblichen Gespräche in der Provinz: die Jagd, das Automobil und die religiösen Zustände waren ergiebig und einmütig verhandelt worden; von dem damals eben erfolgten Besuch des italienischen Königspaares in Paris gelangten dafür nur einzelne Verstöße beim Empfang in Versailles zu ausführlicher und höhnischer Erörterung, und der Rest war Schweigen. Nun hatte ich Paris während der Festlichkeiten gesehen, und nach meinem Empfinden nahm es sich gerade in diesen Tagen, in der verhältnismäßig etwas naiven Schmückung der Häuser und Straßen, am wenigsten zu seinen Gunsten aus. Was sollen auch Fähnchen und provinziale Jubeltransparente auf einer Place Vendôme viel ausrichten? Vollends am Gala-Abend, im Lichtmeer der erleuchteten Kugel-Girlanden und Triumphbögen schien es, als zöge sich für den Abend das stolze Paris hinter ein riesengroßes funkelndes Kasperltheater zurück.

Ich erzählte meinem Tischnachbarn, daß ich der Einfahrt des Königs von einem Hause der Champs Elysées aus zugesehen und mich über die verhältnismäßige Stille in der Avenue gewundert hatte. Er belehrte mich jedoch: das Demonstrative läge nicht in der Natur des Franzosen. Ein Zufall hatte aber gewollt, daß mir noch an jenem selben Abend das Paris der Revolution auf das grellste und lebhafteste veranschaulicht wurde.

Einige Stunden nach dem Einzug war ich durch eine jener schmalen Gassen gegangen, die das Elysée umgrenzen, und ich dachte für den Augenblick nicht an die Anwesenheit des italienischen Königspaares, als ich auf die peinlichste Weise daran erinnert wurde. Von einem Strom von Menschen plötzlich fortgerissen und umringt, gab es für mich kein Vorwärts noch Zurück. In der Angst zu fallen und von dem schrecklichen Dunst bedrängt, sah ich ratlos umher und erblickte da zu meiner Verwunderung und Freude in nächster Nähe, friedlich an einen Baum gelehnt -- einen unbesetzten Stuhl. Rasch daraufspringend und so dem Haufen einigermaßen entzogen, wollte ich hier ruhig warten, bis er sich zerstieb.

Wer die Franzosen nicht für demonstrativ hielt, der wurde nämlich hier eines anderen belehrt. Weder nach rechts noch nach links sehend, schrien sie da gerade hinaus, halb betäubt, halb wie die Wilden, nach der Königin. »Kommen sie bald?« fragte ich beklommen einen wenig anziehenden beschürzten Vertreter des stärkeren Geschlechts. -- »Sie sind schon vorüber«, gab er mir zur Antwort.

Dies erklärte nun zwar den disponiblen Stuhl. Warum aber beharrte diese Menge nach wie vor an der Stelle, belagerte alle Ausgänge und schrie mit heiserer Stimme: »La reine! nous voulons voir la reine!« Und von meinem erhöhten Posten auf sie herabsehend, erkannte ich sie genau wieder als jenes selbe kopfscheue, schnell überschäumende Volk, das unfähig sich zu besinnen, die Köpfe so mancher harmloser, zur Unzeit geborener Opfer zu höllischen Bildsäulen erhob und in diesen Straßen wütete, erkannte den furchtbarsten Pöbel innerhalb der kultiviertesten und feinsten Nation.

Allein ich hütete mich wohl (aus Widerspruchsgeist), bei jenem Diner irgendwelche zustimmende Kommentare zu liefern: sie hätten allzu bereiten Erfolg gehabt. Denn an die hundertjährigen Hecken, die das Dornröschen von der Außenwelt trennten, sah man sich in diesen Schlössern gemahnt. Man muß sie gesehen haben, Frankreichs politische Mumien! Eine Dame äußerte sich, es sei unbedingt heroisch vom König von Italien, ein so heruntergekommenes Land wie Frankreich offiziell zu betreten, und fragte mich über den Tisch herüber, ob wir im Ausland gegenwärtig die Franzosen nicht sehr von oben herab behandelten?

»Unsere große Majorität ist doch nun einmal republikanisch!« sagte da einer der Gäste.

»Die ganze erste Gesellschaft Frankreichs würden Sie anderer Meinung finden,« gab ihm die Dame zur Antwort.