Part 15
Es ist ihm etwas nicht recht, meinten wir bescheiden und einigten uns über ein Trinkgeld, falls er wiederkäme. Wir fingen schon an, unsere Ruhe und das Dunkel wieder zu genießen, als die Türe lärmend aufgerissen wurde und Kerkermeister und Laterne uns von neuem aufschreckten. Gebieterisch verlangte er (wie oft denn noch) nach unseren Billetten. Ich reichte ihm das meinige zugleich mit einem Zweimarkstück entgegen. Wieso? was soll dieses Geld? herrschte er. Daß Sie uns nicht immerzu stören sollen, weil wir müde sind. Sie haben ja -- tat er sehr überrascht -- ein Billet II. Klasse und sind hier in der ersten. Das wissen Sie so gut wie ich. Ich wurde hierher verwiesen, weil alles überfüllt ist. Das gilt nur, so lange wirklich kein Platz ist, bestimmte er. In Hannover sind mehrere Personen ausgestiegen. Ich werde gleich nachsehen, ob etwas frei geworden ist. Dann müssen Sie hinüber. Er schlug die Türe zu und ging. Gibt es Worte! rief die Schwester empört. In England ginge es wider den Stolz des Ungebildeten, mit dem Gebildeten so umzugehen. Die Nation ist zu zivilisiert, auch dem stärksten Sozialisten wären solche Mißgriffe zu arg. Aber wir sind hier im Lande der häßlichen Briefmarken, sagte ich vor Wut zitternd. Paßt so viel Gemeinheit nicht wundervoll zur Schreibweise des Wortes »Büro«? Dabei stand der Laternenkerl schon wieder unter der Türe. So, meinte er im Tone des Vorgesetzten, drüben ist Platz, und machte sich anheischig, nach meinem Gepäck zu greifen. Zurück! schrie ich wie eine Wilde. Dann zahlen Sie die I. Klasse nach, sagte er erschrocken. Nein! keinen Pfennig! schrie ich, denn mein Zorn kochte jetzt wie Teewasser auf einem Schnellsieder. Aber morgen, schrie ich, steht diese Geschichte in allen Blättern, es stehen mir alle Blätter, log ich schreiend, alle Blätter Deutschlands stehen mir zu Gebote. Ich fand eine sehr dramatische Geste und der Mann fuhr vor meinen Megärenaugen betreten zurück. Ach was, meinetwegen bleiben Sie wo Sie wollen, sagte er. Jawohl! schrie ich und meine Börse öffnend, warf ich das ihm zugedachte Geldstück ostentativ wieder hinein. Dies imponierte ihm vollends. Er schlug zwar die Türe noch einmal zu (dies war seine Natur), jedoch blicken ließ er sich nicht mehr.
Sind Sie Schauspielerin? fragte mich meine Gefährtin voll Bewunderung.
Aber ich sank erschöpft zurück.
Wollt Ihr mehr noch hören?
Diese eine gröbliche Geschichte greife ich nur deshalb mit Vorliebe heraus, weil ich merkwürdiger Weise nicht den Kürzeren dabei zog. Die anderen Geschichten erzähle ich nur auf speziellen Wunsch, weil ich mich zu sehr dabei aufrege. Und wer sie auch für erdichtet hielte, würde sie doch nie für übertrieben erklären. Wir fahren heute lieber auf dem längsten Seeweg nach England, lieber 24 Stunden lang die ganze Küste entlang zu Schiff, um der möglichen Drangsal einer 10stündigen Bahnfahrt zu entgehen, und wer all die Eventualitäten des Winter- und Sommerfahrplans auf der Strecke München-Ostende oder Vlissingen erprobte, der zieht es vor, sich allen Meeresstürmen und dem dichtesten Nebel auszusetzen und einen ganzen Tag und eine Nacht länger unterwegs zu sein. Daß die Schiffahrtsgesellschaften bei täglich wachsender Konkurrenz so emporblühen und ihre Bureaux (ich schreibe es so) in allen Städten aufschlagen und daß der Zulauf sich immerzu steigert, geschieht nicht nur, weil die Schiffe so prächtig geworden sind, sondern weil das Eisenbahnfahren mit jedem Jahr unerfreulicher und mühsamer wird und hier statt des Fortschritts eine immer größere Nachlässigkeit waltet. Nur die Preise sind gestiegen. Aber es ist, als führe man geschenkt. Die armen Ausflügler, die an Feiertagen zu ihren unzureichenden Zügen strömen, angebrüllt, zurück- und zurechtgewiesen werden, ist ein Kapitel für sich. Sich darüber zu beschweren, überlasse ich denen, welche noch den Mut besitzen, Sonntag über Land zu fahren und durch Lösung einer Fahrkarte scheinbar das Recht auf anständige Behandlung eingebüßt haben. Natürlich gibt es viele Schaffner, die höflich und gefällig sind. Unwürdig ist nur die Tatsache, daß Wohl und Wehe des Reisenden von der Gemütsverfassung, der Laune und dem Naturell eines solchen Diensthabenden abhängig sind, daß hier die Disziplin, von der sonst doch so viel gesprochen wird, daß die oft pöbelhafte Grobheit der Bediensteten unbestraft bleibt, mit einem Wort: Daß hier das Mühlrad so verkehrt läuft. Sinnen und Trachten unserer Generaldirektionen gehen dahin, möglichst große, umständliche, protzige und unnötige Bahnhöfe (die Bahnzüge sind ihnen egal!) zu errichten. _Unnötig_: Diese Behauptung ist mit nichten so unverständig wie die Herren Bahninspektoren und Oberbauräte es möchten. Wenn sie notwendig sind, warum stehen sie nirgends in England? Warum stehen sie nicht in Paris? Warum bleiben sie in London auf ihre einfachste Form erhalten? Warum sind sie dort nur weite Hallen, die nur von einem ewigen Kommen und Gehen atmen -- nur praktisch -- nur zweckmäßig und trotzdem und gerade deshalb von einer starken, beschwingten Atmosphäre von klassischer Einfachheit und deshalb schön.
Kürzlich mußte ich in Leipzig den Nachtzug nehmen. Der Bahnhof -- der Stolz des Sachsenlandes -- ist groß wie ein Marktflecken, und ich könnte mir so gut vorstellen, wie hier ein Massenkostümfest veranstaltet würde, nicht aus den besten Kreisen, aber üppig mit großen Palmenarrangements. Ich bitte Sie, all die Treppen, das schöne Auf und Ab, wie geeignet! Nun -- ich warte also auf Bahnsteig 4 auf den Berliner Zug. Er lief verspätet in die großartige Halle ein -- und, ich brauche es nicht zu sagen: er war vollkommen überfüllt. Wir standen geduldig und übernächtig auf der Plattform wie ein Rudel Landstreicher, die zu warten haben, bis man sie abschiebt. Plötzlich, wie von hoher Brücke herab, der stolze Kommandoruf: Wagen werden keine angehängt! Es herrschte der gewöhnliche Kriegszustand. Ich wurde in einem Halbcoupé einem alten Sachsen zugesellt. Als nach einer Weile der Schaffner erschien und ich ihn fragte, ob denn nirgends Platz sei, schlug er die Türe zu, ohne mich einer Antwort zu würdigen. »Von dem erwarten Sie ja nichts!« riet mir der alte Herr. »Das Subjekt kenne ich. Es war eine Zeitlang in meinem Geschäft angestellt, aber ich mußte es schleunigst entlassen.«
Es gelang uns mit vereinten Kräften, das Fenster zu öffnen, aber vor dem Ruß, der uns entgegenflog, zogen wir es alsbald wieder in die Höhe. Wir stellten die Heizung auf kalt, wobei es immer wärmer wurde. Ich bin schon alt, sagte er plötzlich, und werde nicht mehr viel Eisenbahn fahren. Das ist aber auch das letzte, worum ich die Lebendigen beneiden werde. --
Nun -- eine solche 10stündige Fahrt, um die kein Toter mich beneidet hätte, lag unmittelbar hinter mir, als ich in Cuxhaven, unter einem flockigen Himmel, von Möven umkreist, die hohe Brücke des »Imperators« bestieg. Der Kontrast zwischen dem Aufschwung unseres Schiffsbaus und der Rückständigkeit unserer Eisenbahnen hat etwas Überwältigendes; man ist auf den Eindruck nicht vorbereitet. Es ist ja nicht der Luxus, der uns erstaunt. Mein Gott, den findet man heute mehr oder minder in jedem Hotel, und er hat den Reiz der Neuheit schon so sehr verloren, daß ich mich frage, ob er sich in der gegenwärtigen Form noch lange halten wird. Daß sich also Riz oder Carlton hier einer Niederlage erfreuen und eine rotbefrackte Kapelle stellen, ist uns egal. Und da ich mir nun schon einmal das Kapitel der Anregungen gestatte: Wäre es nicht schön, den ganzen Aufwand neuen Bahnen zuzuleiten und einmal ein wirklich gutes Orchester und eine prachtvolle Musik auf einem so würdigen Boden, wie den unseres großen Dampfers, zu lancieren? Das Meer ist eine so unvergleichliche Konzerthalle!
Nicht die kostbare Ausstattung des Schiffes, sondern daß es immens ist, sondern, daß wir stimmungsvolle lauschige Zimmer statt der engen Kabine beziehen, sondern, daß wir einen Kilometer zurückgelegt haben, wenn wir dreimal das Deck umgehen, der Luxus des _Raums_, -- das ist es, was uns hier ergreift. Jeder Fußbreit mehr, der sich hier dem Element widersetzt, das ist es, was imponiert! Drinnen im Binnenlande begreift man nicht recht, bevor man es erfuhr, warum ein Schiff so groß sein soll. Erst wenn man darauf hinzog, versteht man den Sinn dieser großen, immer größeren Häuser, in welchen man des Schiffes immerzu vergißt. Wir ahnen nicht vorher, mit welcher Rührung wir uns besinnen werden, wenn uns in mitternächtlicher Stille ein dumpfes, kaum wahrnehmbares, wie unterirdisch wachsames Treiben die Augen aufschlagen läßt und ein Ruck, ein sanft harmonisches Rauschen uns daran erinnert, daß nicht Straßen noch Plätze, nicht Gras noch Baum vor dem Fenster im Winde stehen, sondern das nasse, leere Feld des furchtbaren, feindseligen Gottes, auf welchem dies ungeheure beladene Schiff zur winzigen Nußschale schwindet. Aber eine Nußschale, die uns das Gefühl höchster Geborgenheit mitzuteilen weiß, und an welcher Menschenhände so lange und so kundig bildeten, bis sie allen Stürmen gewachsen, endlich den Begriff des Schiffes selber überwand. So ist hier der Zauber aus dem Kontrast von Größe und Kleinheit gewoben, und mit innerem Jubel kreisen wir immer wieder um das weite Deck dieser schwimmenden Arche, des Spiels nicht müde, so groß ist die Romantik dieser kleinen, armseligen, rastlos dahingemähten, dieser so kühnen, prometheischen Menschheit, und so stark ist ihre Perspektive, daß wir plötzlich wie selbst aus ihr hinausgerückt, von Bewunderung hingerissen vor ihr stehen.
* * * * *
Da wir von Perspektive und von Romantik sprechen, treten wir doch bitte einen Schritt zurück, kneifen wir ein Auge zu und sehen wir ins Leere, in die Ferne; dorthin, wo sich über den Fluß die massive Brücke schwingt. Denn nicht lange, und der Schnellzug saust plötzlich darüberhin, aus dem Hals der Lokomotive windet sich ein brauner Rauch zur krausen Barocksäule empor, und die locker aneinander geschmiedeten Wagen rollen fröhlich mit lautem, schnell verhallendem Geräusch und wie ein gefährliches Spielzeug vorbei. Ein kurzer Pfiff, wie ein Angstschrei, und nichts ist mehr, als die schwarze Wölbung eines Tunnels, durch die sie geradewegs ins Innere des Felsens drangen. Und nun meine Zeitgenossen bitte ich Sie: Ist die Ritterburg, deren epheuumrankter breitzackiger Turm vom Berge niederschaut, suggestiver? Kann sie unserer Phantasie die Seele eines Zeitalters mächtiger, unmittelbarer entgegenhalten, wie der soeben vorübergerauschte Zug, dessen Fenster wir einen Augenblick in der Sonne flimmern sahen? Fühlen wir uns da nicht blitzschnell den vielfachen Existenzen ein, die er dahinträgt, reißt er da nicht unsere Teilnahme zu Schemen des Lebens hin, vertraut und unbekannt -- verklungen schon, wie angesichts des verwitterten Burgtores das Bild des Jagdtrosses, der über die Zugbrücke lärmte; -- melancholischer auch in der zerrinnenden Vielfältigkeit seiner steigenden und fallenden Linien. Denn wie Lose in einer Urne sind unsere Leben in jener kleinen Eisenbahn zusammengeworfen. Wieviel vergrämte, bekümmerte und schwere Herzen trug sie nicht schon dahin! Wieviel Verliebte starrten schon durch ihre Scheiben in die fliehende Gegend hinaus und erfaßten mit magischer Schärfe den Baum, den zuckenden Steg, Dörflein und Wald, während sie doch nur das Bild der Kreatur, an die sie dachten, vor Augen hatten! Verträumte Flammen des Hoffens, der Illusion, von der Bewegung gefächelt, wie Blumen, die im Zephir stehen. Es ist eine Zeit, es ist ihr bewegter, ruheloser Schild, der nachts als funkelnde Schlange mit runden, feurigen Drachenaugen seinen Weg erkannt und viel Romantik in sich verdichtet. Denn es ist als sei nichts klein, als sei alles interessant an den Wesen und ihren Schicksalen, so lange die Bahn sie hinträgt und gleichsam dem Alltag entreißt. Nur daß sie noch nicht, wie die vielbesungene Burg, ihren Dichter gefunden hat, die eilige Besiegerin der Fernen, die, rastlos, immer auf der Flucht, unsere Epoche gestaltet, deren Schienen unsere Welt aufackerten und uns erst zu eigen machten.
Und ein Ding, so verlockend anzusehen, unterhält so wüste Möglichkeiten; einer so glorreichen Erfindung sollte jener Fortschritt verwehrt bleiben, der sich heute auf allen Gebieten des äußeren Lebens -- von dem fabelhaften Aufschwung unseres Schiffahrtwesens nicht zu reden -- so glücklich geltend macht. Man fährt schon in Russland und auf der transibirischen Eisenbahn sehr angenehm -- es ist also möglich. Warum sollten wir hier nicht auch wie in so vielem Vorbildliches stellen? Wie schön, welche Freude, wären die Eisenbahnwagen, die einmal ein Künstler wie Adolf Hildebrand entwarf. -- Wo sind sie? Nein! was ich da sage, ist wirklich weder unausführbar noch töricht! Aber, sagte mir kopfschüttelnd, mit erhobenem Finger, ein mehrfacher Aufsichtsrat, sehen Sie denn nicht ein, daß die kolossalen Anstrengungen, welche von Seiten der Schiffsagenturen zur Hebung desselben geschehen sind, absolut notwendig waren, um das Verkehrsmittel überhaupt in Schwung zu bringen, und daß es ohne die rücksichtsvolle Behandlung der Passagiere, welche Sie so sehr rühmen, niemals florieren könnte, während unsere Eisenbahnen -- ob nun etwas für sie geschieht oder nicht und mögen sie noch so rückständig bleiben, ja noch unerträglicher werden -- einen stets wachsenden Zudrang erfahren werden, da es kein anderes großes Verkehrsmittel _gibt_ -- es sei denn das Auto oder der Luxuszug, der ja auch, schloß er zutreffend und mit einem suffisanten Lächeln, mehr oder minder nur für Autobesitzer (er war selbst einer) in Betracht kommt.
Nun möchte ich nur, wiewohl vergebens, unsere Herren Eisenbahnminister im Namen meines philantropischen Jahrhunderts fragen, ob dies ein anständiges Argument war.
Neue Rundschau Juliheft 1914
DAS ELSÄSSISCHE SCHICKSAL
»Hans im Schnakenloch« von René Schickele, ein elsässisches Schauspiel in vier Akten, gehört, wie Tchekow's »Kirschblüte«, nur in viel höherem Grade noch, zu den athmosphärischen Stücken. Man weiß nicht, sind hier Licht und elsässischer Himmel miteinbezogen, oder fluten sie ungefragt so herein. Aber man weiß, hier ist die Tragik keine stipulierte, sie ergibt sich von selbst. Denn hier ist der Held eins mit der Landschaft, in der er steht, und mit dem Himmel, der schwefelgelb aufleuchtend, in der Ferne grollend, so weit, so brütend, über ihm hängt. Elsaß! Und hier hat der Held es nicht nötig, die Welt zu bereisen, sondern er trägt das Wissen um ihre winterliche Finsternis in seinen leichtblütigen Adern. Dieser unselige Hans im Glück, der alles hat, was er will, und nicht will, was er hat, möchte, was er nicht mehr erhoffen kann: einen Boden für sein Glück. Dieser reifen und sommerlichen Welt jedoch, deren Sinn er so wohl erfaßt und die er unter seinen Füßen schwanken fühlt, gilt seine Treue. Des Elsässers Treue: »Spannen Sie einen Menschen mit Armen und Beinen zwischen zwei Pferde,« sagt er zum französischen General Kaufmann, »jagen Sie die Pferde in entgegengesetzter Richtung davon, und Sie haben genau das erhabene Beispiel der elsässischen Treue.« Hansens Mutter, die alte Madame Boulanger (in diesem Stück haben die Deutschen meist französische Namen, und umgekehrt) ist ein wenig schweigsam, nach Art alter Französinnen, die über das Unvermeidliche nicht gern viel Worte machen. »Ihr wißt, ich hab nichts gegen die Deutschen, gelt Clär. Aber manchmal kommts mir vor, als ob mehr geschrien würde, seitdem sie im Lande sind.« Ihr Sohn ist nicht der Ritter ohne Furcht und Tadel. Garnichts Verjährtes haftet ihm an. Er wandelt mit der Stunde und ist der Mensch ohne Eitelkeit. Nichts Selbstgefälliges an seiner Ironie; sein Achselzucken, seine spielerische Trauer atmen Verzweiflung.
Hans (bei einem Fest auf drei Abgeordnete deutend): Da kommen sie!
Müller (noch oben auf der Terrasse, zwischen Cavrel und Simon): Ein Löwe, ein Wolf, und das Schaf.
Louise: Die ganze Politik. --
Denn Hans im Schnakenloch, le grand désabusé, weiß was sie taugt. Der Krieg bricht aus. Franzosen erobern das Dorf. »Dies ist eine Staatsaktion,« sagt Hans, »von deren Ausgang das eine zum andernmal gerechnet, schließlich das Schicksal der Völker abhängt. Es mag dumm sein, daß so viel vom Ausgang einer Rauferei abhängt, aber ich kann es nicht ändern.«
Nicht lange, und das Dorf wird von den Deutschen zurückerobert. Der Kampf tobt in den Gassen. »Arme Jungen!« sagt er von den gefallenen Deutschen. »Da liegen sie wahrhaftig in Reih und Glied. Und die Franzosen davor hingeschleudert, wie Pfeile, die ihr Ziel nicht ganz erreichten.« -- Wer da siegt, ihm ist's nicht wichtig. Für ihn hat der Besiegte die höhere Glorie. Wer von beiden die Erde verliert, die er beiden zuerkennt, bei dem will er liegen. »Mich hat die Wildheit dieser Toten angesteckt,« schreit er plötzlich auf. »So will ich auch liegen. Hingeschleudert, und mit krampfhaften Händen, die ihr Ziel nicht erreichten. So und nicht anders will ich sterben. So.«
Aber so hat auch Goethe den Elsässer gesehen. Elsaß war noch nicht lange genug mit Frankreich verbunden, schreibt er in Dichtung und Wahrheit, (als die Dinge umgekehrt lagen,) als daß nicht noch bei alt und jung eine liebevolle Anhänglichkeit an alte Verfassung, Sitte, Sprache und Tracht sollte übrig geblieben sein. Wenn der Überwundene die Hälfte seines Daseins notgedrungen verliert, so rechnet er sich's zur Schmach, die andere freiwillig aufzugeben. Er hält daher an allem fest, was ihm die vergangene gute Zeit zurückrufen und die Hoffnung der Wiederkehr einer glücklichen Epoche nähren kann.«
»Immer der Deserteur, immer aus Treue,« so hat ihn Goethe noch im Alter gesehen.
Hans im Schnakenloch, der Elsässer von heute, sieht die Seinen nurmehr wie von ferne; seiner Liebe kaum mehr bewußt, nimmt er nur kargen Abschied von der Frau, »Du hörst nicht mehr, was ich sage,« herrschte er sie an. »Begreife doch, auch ich gehorche der Pflicht . . . Meinesgleichen fährt jetzt zur Hölle. Da muß ich dabei sein. Die Wage der Weltgeschichte schwebt.« Der Gram dieser Erde ist _sein_ Gram. Im Schein dieses Himmels, der schon überfloß in jenen der Douce France, fing sich auch das Echo deutscher Innerlichkeit. Hier lächelt der Sommer, und immerzu deutet hier der Zeiger auf die Stunde der Erfüllung. Aber statt ihrer erdröhnt immer verstärkt die Stunde des Unheils. Liebe ist schwerer wie Haß, meint der Abbé Schmitt, der die Gefallenen begräbt. »Ich wiederhole,« sagt er, »es ist leichter gut zu schießen als gut zu denken. Das Schießen ist an der Reihe. Sprechen wir weiter, wenn die Tage des Denkens wiederkommen.« Werden sie kommen?
Auch die Nebenfiguren sind hier von zwingender Lebendigkeit und über die Hauptrolle und ihre Modulationen werden sich wohl, je länger je bestimmter allerorts die namhaften Mimen ereifern. Vorausgesetzt, daß noch welche da sind, und daß der eiserne Vorhang, der sich zwischen den Ländern senkte, nicht auch noch vor den Theatern herabfällt.
Was dieses mutige, von so wahrhaft dichterischem Geiste getragene, so wundervolle Stück vor allem auslöst, ist eine ungeheure Bangigkeit, das Bewußtsein einer entsetzlichen Gefahr. Man fühlt: die Gegenwart schlägt hier voll an: Tolstoi und Dostojewski haben schon gelebt, der zwischen anständigen Menschen längst herrschenden Moralbegriffe enträt nur noch die Politik. Dort als eigentlicher Point d'honneur, Uneigennützigkeit, Großmut und Würde; hier noch immer die vorchristliche Kunst des Übervorteilens im Bereich des Möglichen oder des Unmöglichen: ein Zeiger, der unentwegt voranläuft, der andere, der wie irrsinnig gegen die Räder anrennt; ein sausendes Uhrwerk, das am Zerspringen ist; eine groteske, lächerlich unerlöste Welt; das Wirrsal.
Immer ist es Sommer in Schickeles Stück; alle Holdheit der Erde, eine blumige Au am Rande des Abgrunds: Elsaß! Und immer wird uns dieses Wort, wie mit Traumhänden, so dringend hingereicht, bis es wie eine Glocke tönt, die sich in Bewegung setzen möchte, Vernunft und Frieden einzuläuten, und den Starrsinn in Zerknirschung zu lösen.
September 1916 Neue Zürcher Zeitung.
ANHANG
YVONNE MÜLLER
C'était dans la loge de l'ambassadeur à Rome. Le second acte d'une représentation de Tristan tirait à sa fin, lorsque Yvonne Müller, ne parvenant pas à détourner son attention de ce qui se passait sur la scène et dans l'orchestre, se sentit prise d'un ennui intolérable. Ce fut presque avec envie qu'elle remarqua alors l'air absorbé et pensif de l'ambassadeur; quand lui, tournant vers elle son regard distrait, mais aussitôt en éveil: »Si nous partions?« dit-il.
»Quelle excellente idée«! dit Yvonne Müller en respirant le grand air tiède de la nuit.
»Ce n'était pas aussi mal que vous le dites.«
»Vous n'écoutiez pas« s'écria-t-elle; »vous étiez en train de rédiger une dépêche. Je lisais cela dans vos yeux. Ah! c'est la dépêche surtout, que j'aurais aimé lire.«
»Je n'en doute pas.«
»Eh bien non! car en vous observant je me disais: je voudrais qu'il écoute. Vous avez de notre musique un sentiment véritable. Involontairement vous eussiez comparé, et malgré vous vos sympathies se seraient portées vers nous profondément.«
Yvonne Müller s'anima soudain d'une belle ardeur, mêlée d'une grande incertitude; elle trouva un nouvel accent pour reprendre.
»Ah! je me fais pitié!«
»Eh bien, qu'y a-t-il?«
»Vous savez bien, ces fous« dit-elle »qui se prennent pour le pape ou l'empereur Napoléon, et passent leur temps à signer des actes imaginaires? Mon mal n'est pas de me croire, mais de vouloir être tout un monde de choses! Rester en dehors des évènements m'accable! Et pour peu que deux souverains aient une rencontre, je suis bouleversée.«
»Et pourquoi, grands dieux?«
»Mais parce que je voudrais en être. Ne riez pas! -- Si vous saviez« continua-t-elle, »combien j'avais intérêt et hâte de venir vous voir! les avis chez nous sont très partagés sur votre compte. Alors je voulais une bonne fois et de mon propre chef vous observer moi-même.«
»En vérité« dit il.
»L'un de ces partis« débita-t-elle, »estime que vous êtes notre adversaire le plus déclaré, l'autre au contraire tend à se tourner vers vous, à vous accueillir, vous . . . . vous attirer. Je me suis longtemps demandée lequel de ces partis était dans le vrai. Car je me sens influencée par l'opinion de chacun, tant que je ne puis être assurée de la mienne. Mais une fois-que je tiens mon impression personnelle, rien et personne ne saurait l'altérer. Et telle est l'idée -- immuable maintenant -- que je me suis formée de vous.«
Elle était en attendant très embarrassée. Ne sachant trop comment interpréter le mutisme de l'ambassadeur, il lui semblait avancer à tâtons et au hasard dans une obscurité complète, et elle n'était pas fâchée, que déjà la voiture s'arrètât devant le palais. Ils montèrent lentement l'admirable escalier et passèrent dans les salles désertes, où leur présence semblait rompre un cercle pâle et insaisissable comme si une haleine de vie troublait dans ces hautes tapisseries, les figures, les fleurs, les bosquets immobiles, comme si dans le silence des ombres affluaient ici autour de choses évanouies et coulaient tristes et inquiètes d'une porte, d'une muraille à l'autre.
Ils s'arrêtèrent dans une pièce ornée de grisailles merveilleuses.
»Si nous jouions une sonate« proposa-t-il, »en attendant que les autres soient rentrés?«
Décidément, se dit-elle, il faut avec les ambassadeurs se charger de toutes les avances, et ce n'est jamais leur tour.
»Je pars dans deux jours; ne regretterez-vous pas un peu d'ignorer ma pensée?«
»Et quelle est cette pensée?« dit-il simplement.