Part 14
Es ist wohl müßig, daß ich noch ausführe, was mit der sonderbaren Schlacht gemeint ist, auf die ich immer wieder zurückkomme, weil ich sie von meinem Fenster aus sehe. Es sind ganz einfach die Frauen, die gegen ihre vieltausendjährige innere Abhängigkeit, ihre eigene Leere, ihre lang gehegte Unselbständigkeit den verzweifelten Ansturm führen, zu dem die Gleichgültigkeit der Männer sie treibt. In diesem Ringen erstarken sie zum ersten Male, seitdem die Alten mit begeisterter Hand die Gestalten der Dianen und Walküren umrissen. Für die Frau, die, auf den starken Arm des Mannes gestützt, ihm ihr Werden gleichsam überließ, war es keine Kunst, sich zu entfalten. Ihre Blüte hatte nur den einen Fehler, daß ihr Wachstum von der Gunst des Mannes abhing, dies gab ihrer Reife oft etwas so Fragliches oder so Entlehntes. Denn wo die Akzidenz der Liebe eines Mannes wegfiel, da verzehrte, verwischte sich ihr Wesen und verwehte. Die Unfreiheit, die wie ein Makel an ihr haftete, beliebte ihm indes. Es behagte dem Petrucchio, daß sie ihm in ihrer Verblendung die Entscheidung über den Lauf der Gestirne zugestand. Es war nur eine Form der Verwöhnung, sie so zu unterdrücken, daß sie den Mond statt der Sonne am Himmel zu sehen willig war, wenn er es sagte, sie so unterzustellen, daß sie ihn kritiklos, gleichsam auf Abzug liebte, als gäbe es nur ihn, als flutete die Welt nicht von tausend anderen wertvollen Dingen.
In einem gewissen heroischen Stumpfsinn suchen ja Liebende zuletzt nichts anderes als zu vergessen, daß der Tod seine höchst radikale Scheidung über sie vollziehen und nicht vor ihnen zurückstehen wird, ob sie noch so innig sich umschlingen. Er weiß es besser. Darum ertragen sie den Gedanken an ihn nicht. Mit seinen Augen, die im Dunkeln sehen, weiß er besser, wieviel Verblendung an ihrer Liebe haftet und wie weit er sie zu trennen hat. Denn die geheime Hierarchie der Wesen und die inneren Akkorde, die im Gegensatz zu den äußeren weiterspielen, geben jene große Kakophonie, nach der das Leben sich nicht kehrt, weil es so blind ist für die inneren Zusammengehörigkeiten wie der Tod für die äußeren. Darum greift das eine so blind heraus, wo der andere so blind entreißt.
Aber darum kam ein Tag in unserer Geschichte, an dem wir des Spieles müde wurden, an dem die Liebe für die Liebenden, wer hätte es gedacht? tatsächlich an Wichtigkeit verlor, weil sie nicht mehr vergessen, sondern der bittere Geschmack des Todes auf ihren Lippen zurückblieb und weil ihre Gemüter zu belastet waren mit den Erfahrungen der Väter, zu wissend um den bitteren Rauch, das jämmerliche Aschenhäuflein, zu dem ein Feuerwerk, das sie zu oft für ewige Flammen hielten, in ihren betörten Herzen niedersank. Was Wunder, wenn sich die Welt von Enttäuschungen, die sie zusammentrugen, an ihren Söhnen rächte, und in Dingen der Liebe an Stelle der Illusion die Skepsis trat? Allein das Wissen dieser verspäteten Zeugen, das sie Künftiges nunmehr vorweg nehmen ließ, erwies sich als ein stärkerer Bann als die frühere Verblendung. Das Feuer ihrer Adern wurde zum Fieber und überhitzte ihr Gehirn. Ihr Arm erschlaffte, ihr Denken dissoziierte sich und zerstörte oder untergrub ihr Schaffen. Und erst die Söhne werden an diesen Söhnen lernen, daß keine Umbildung, daß nur eine Stilisierung des Sinnlichen gilt.
Als die stets bereitwillig nachfühlende Frau die ungeheuerliche Wandlung im Gemüt ihres Gefährten und einstigen Beschützers wahrnahm, entdeckte sie ein Etwas in seinem Kaltsinn, das sich zu einem Zug ihres eigenen Wesens verhielt.
Wenn der Mann unverkennbar dazu neigt, der errungenen Frau müde zu werden, und wenn er ihr dies antun darf -- denn nur selten erweist sie sich als das Ideal, das er erträumte -- so darf sie ihm den Schimpf durch jenen geheimnisvollen Zug heimzahlen, der fast ein Trieb zu nennen ist, dem sie einzig ihre Gleichberechtigung verdankt und der den Mann in seiner Eigenliebe stärker trifft als alle Untreue; ein Zug, den er gerne verkennt und von dem der gröbere Mann nicht weiß: ich meine die mystische Abneigung, die mit ihrer Neigung für den Mann so sehr im Widerstreite liegt und ihrer Schwäche so sehr entgegen ist und deshalb so selten überbietet.
Daß der Mann des Neuen Schlages der heutigen Frau, die er doch im Stiche läßt, im ganzen sympathischer ist als der gestrige Mann, hat seinen besonderen Grund. Ganz im stillen nämlich fand sie in der schrankenlosen Hingabe, die er von ihr erheischte, ihr letztes höheres Genügen nicht. Wenn sie den Rest in ihm herausfand, auf den ihr Innerstes feindselig lauerte, und der des Todes war, fand sie es doch ein bißchen schnöde, in seiner Endlichkeit so maßlos aufzugeben, einen Humbug, so zu ihm aufzublicken: So war ihre Neigung, von ihm abzufallen, edlen Ursprungs wie sein Überdruß.
Und es handelt sich heute, ich sagte es schon, um das letzte Wort der Frauenpsyche: ihren seltsam verwobenen, niemals ungetrübten Drang, auf ihre eigene Schwäche, wie auf eine Schlange den Fuß zu setzen, und um jene Siege, die Goethe das Ungeheuere nannte: denn die kalte Luft, die jetzt über sie hinweht, ist ihrem Wachstum günstig, und, ihre Evolution könnte sich sehr wohl dadurch vollziehen, daß die Männer immer degenerierter werden. Wenn sein Wesen zeitweilig in die Brüche ging, wird dafür die Frau endlich individueller. Ihr letztes Endziel ist doch der Mann. Keine Tugend in ihr, die ihm nicht zugewendet wäre. Sie werden einander wieder begegnen. Es wird künftig viel von Liebe, wenn auch nur wenig mehr von Frauenrechtlerinnen die Rede sein.
Indessen lobe ich mir unsere unsentimentale, unschwärmerische Zeit, mit ihrem zurückgedämmten aber nicht verlorenen Gefühl. Man ist nur Pessimist, um seinen Optimismus zu rechtfertigen. Ich glaube an einen Fortschritt für unsere Ära und sehe ein Element des Lebens in dem augenblicklichen Verfall. Alles ist nach seiner Art. Unsere unprometheische Jugend steht im Zeichen des Euphorion. Sie ist gefährdeter. Wer dürfte es wagen, sie unheldenhaft zu nennen?
1911 Lose Vogel.
DIE BALLONFAHRT
Ich fürchte doch, daß es noch einen Krieg wird geben müssen, obwohl die Diplomaten ihn schon in Abrede stellen, obwohl die Leute nicht mehr recht daran glauben, und obwohl die Zeitungen ihn noch immer an die Wand malen. Es sollte mich doch wundern, wenn wir ohne jenen letzten und schon unzeitgemäßen Krieg auskommen würden, weil unsere Köpfe zu hart sind, um nicht noch einmal zusammenzustoßen.
Übergangszeiten sind ja nie schön. Es nützt uns nichts, daß sich die Welt so sehr bereicherte. Ist die Ernte gehalten und sind die Scheunen voll, so muß ein neuer Winter folgen und die Felder stehen wieder leer.
Mir ist immer, als ob es jetzt Februar wäre. Noch ist der Frühling weit, aber der Tag schon grell. Man weiß nicht mehr, wohin sich wenden: die gute Gesellschaft ist nicht zu ertragen, und die schlechte ist noch viel ärger, sodaß es schon ganz zur Norm geworden ist, daß man abseits lebt. Und nicht die Salons, die Bahnhöfe haben heute ihre Habitués.
Unsere nationalen Eigenschaften sind nämlich auf dem schönsten Wege, sich zu nationalen Eigenheiten auszubilden. Wenn wir heute etwas echt bayrisch oder echt berlinerisch oder echt sächsisch nennen, sollte man doch meinen, daß es als Kompliment gemeint sei. Man sollte es meinen. Aber es ist nie der Fall. Dafür nimmt das allgemeine Unbehagen über die eigenen Rückständigkeiten überall seinen besonderen heimatlichen Charakter an.
Eines Tages trieb mich unsere Ungefügheit (mit welchem Wort ließen sich unsere unzusammenhängenden Mängel diskreter zusammenfassen?) über die Grenze. Als mich in Avricourt ein Douanier fragte: »Rien à déclarer, Madame«? stach mir eine Träne ins Auge, denn meine Liebe zu Frankreich stand wieder einmal auf ihrem Höhepunkt.
Aber Höhepunkte sind da, um überschritten zu werden. Ich wohnte zwei Monate lang im fünften Stock des Hotel d'Orsay, bald in diesem, bald in jenem Zimmer. Bald sahen meine Zimmer auf die Place de la Concorde, dann auf die Rue de Lille, dann wieder auf den Quai d'Orsay hinaus. Bald war mir die Lampe nicht recht, bald die Lage. Einmal fand ich das Licht zu grell; zweimal zog ich wegen der Tapete aus. Immer wieder bestand ich ebenso schüchtern wie dringend auf meinem Umzug.
Es lag aber nicht an den Zimmern. Es lag an Paris. Noch immer war Marianne das schönste und interessanteste Mädchen von Europa; doch auch ohne Lupe waren jetzt kleine Schärfen, und der erste leise Ansatz zu Krähenfüßen an ihr wahrzunehmen. In ihrer stolzen Grazie lag etwas Müdes und Enerviertes; mit einem Wort: der unverkennbare Typ des schönen Mädchens, das Enttäuschungen erlebt hat und schleunigst heiraten sollte, um wieder aufzublühen.
Ihren Roman mit Herrn Michel, dem schwerfälligen Herrn, der sie immer brüskiert, wenn sie erwartet, daß er endlich um sie anhält, müssen wir ja alle miterleben. Ich verbrachte viele Stunden in den weiten Leseräumen des Hotels, schleppte die Zeitungen wohl auch in die Halle hinab, und in einem großen Schaukelstuhl vergraben, las ich vor dem Kamin Mariannens bittere, gereizte, kurzatmige Ausfälle, merkte die Mauern, die sie in ihrer Pikiertheit zwischen sich und ihrem ungeschickten Freier errichtete, fühlte den Groll, in dem sie sich gefiel, -- bis ich es nicht mehr aushielt, und auf mein Zimmer eilte, und in großer Erregung herumging, und mit den Armen in der Luft herumfocht, indem ich leidenschaftliche Dialoge mit ihr führte.
Und wenn sie immer wieder damit anfing, just das Stück aus ihrem Herzen, das ihm gehöre, habe der verhaßte Liebhaber ihr herausgerissen, so stimmte ich ihr erst bei (denn man muß sachte mit ihr verfahren!), dann aber warf ich ihr vor, daß sie ihre leidenschaftliche Pose über Gebühr lange beibehielt, und ihre Neurasthenie rühre davon her, daß sie ihre Erbitterung künstlich steigere, statt sich von ihr loszusagen.
Aber weil ich nichts ausrichten konnte und es so aufreibend war, im Gegenteil Zeuge zu sein, wie ein neidischer Dämon die beiden immer auseinandertrieb, so wie sie auch nur von ferne Miene machten, einander in die Arme zu fallen, ertrug ich es zuletzt in keinem Zimmer mehr, packte meinen Koffer und fuhr nach England.
Und als die Küste von weitem schimmerte, da wurde mir warm ums Herz, denn ich liebe diesen Boden, diese Leute und ihre Sprache. Aber auf die Dauer ist heute jeder Ort entlegen und dem Gefühl verschlagen, von jener Bangigkeit erfüllt, von der wir nicht genesen. Eines Abends stand ich in London, über die Westminsterbrücke gebeugt und starrte auf den Fluß. Wo der Widerschein der Wolken die Wellen bemalte, betupfte, beschattete, -- da schien die Themse langsamer, nachdenklicher zu fließen, und von den Dingen dieser Stadt zu wissen. Das Parlament mit seinen tausend beleuchteten Fenstern, von dem stumpfen, eleganten Grau der Bauten, dem weiten, glatten Grau des Asphaltes umzogen, stand wie das Feenschloß einer Theaterdekoration, -- märchenhaft und ein wenig kulissenhaft zugleich. Und diese leuchtenden Fenster kündeten mit ihrem feierlichen Glanz allen Londonern in die Nacht hinaus, daß hier die Gescheitesten von ihnen beisammen saßen.
Und wohl mochten sie Lichter anstecken, um sich von der Masse zu unterscheiden, denn nirgends war der Gegensatz zwischen ihr und den paar denkenden Leuten so groß. Zulange war sie hinter ihrem schützenden Graben abgetrennt und vor dem Zwang mit andern Völkern sich zu messen, verschont geblieben! Mutete sie nicht endlich fast uneuropäisch an? Erinnerte diese Gleichförmigkeit der Idee, der Nahrung, der Vergnügungen, nicht endlich an die Ununterschiedlichkeit von Hinduexistenzen?
Hatte das ewig rollende Meer oder der drückende Nebel diese Menschen ihres ursprünglichen Schwunges beraubt? Denn nimmer gab die Phantasielosigkeit des Durchschnitts-Engländers, die zumal bei der Durchschnitts-Engländerin sich schon bis ins Spukhafte steigern kann, ein endgültiges Bild. Vielmehr deutet alles darauf hin, daß dieses große Volk vor einem Wendepunkt steht. Der stark individualisierte Engländer wohl mehr als der bornierte. Beide sind keiner Steigerung mehr fähig. Der feine, kühne, reich umrissene, aber doch auch gesättigte _Typ_ des großen Herrn mag sich hier noch ad infinitum wiederholen, überbieten kann er sich nicht mehr. In seiner Eigenart ist er erschöpft.
Während ich so, über die Brücke gelehnt, auf den Fluß hinstarrte, fühlte ich mich plötzlich zu den vielfältigen, noch immer nicht bis zu sich selbst gelangten Deutschen (ich hatte sie eine ganze Weile nicht gesehen!) so von Grund auf hingezogen, daß ich noch in selber Nacht das Schiff bestieg, um zu ihnen heimzuziehen. Und als ich früh am nächsten Morgen den Rhein entlang fuhr und ihn rauschen hörte, da stachen Tränen in mein charakterloses Auge.
Aber noch war keine Woche vergangen, da hatte ich mich über die Deutschen schon wieder so geärgert, daß ich in Augsburg einen Freiballon bestieg und dieser Welt, über die ich mir keine Illusion mehr machte, in einem kleinen Korb davonflog.
Es ging ein Regen hernieder, worauf uns die Sonne soweit hinaufzog, daß sich die Berge, die wir bald darauf zu überfliegen begannen, wie flaches Land ausbreiteten, so tief lagen sie unter uns. Da sah ich zu dem orangefarbenen Ball empor, der wie an einem unsichtbaren Seil und still wie eine Ampel am Himmel zu hängen schien; und nur eine kleine schwarze Kugel, die wir durch die Wolken schießen sahen, und die unser Schatten war, zeigte uns, daß wir mit Windeseile flogen. Wie wir dann selbst in eine solche Wolke drangen und die Welt rings um uns her unsichtbar und wie bewußtlos wurde, und wir Stunden hindurch in solcher Höhe blieben, daß wir die Erde nur mehr undeutlich sahen und, selbst unsichtbar, wie Abgeschiedene ihr entrückten; -- da, -- ich kann nicht sagen, wie mir das vorkam, daß wir noch daran dachten, einen Krieg aus der Rumpelkammer der Menschheit hervorzuziehen. Aber ich sah auch, daß er noch möglich war, falls wir es überall, bei den tausend Anstößen zu unserer inneren Unzufriedenheit beließen, so daß uns zuletzt, unter dem Schein der Rivalität, nichts anderes als das wachsende malaise über die eigene Unerfreulichkeit außer Hause triebe, bis wir endlich, uns selber fliehend, lieber mit Waffengewalt ins fremde Land einfallen werden, als uns selber länger zu ertragen.
1911 S. Fischer Almanach.
BEI HILDEBRAND
Die expeditive Art, mit welcher die sehr beschäftigten oder sehr wertvollen Leute die soziale Seite ihres Lebens liquidieren, habe ich schon früh bewundern gelernt: sie hat nichts mit Ungeselligkeit zu tun; sie sind im Grunde ebenso gesellig wie die Tagediebe. Aber ein Stachel, eine innerliche Eile treibt sie an, sich dem Zusammensein mit ihren Mitmenschen -- gleichsam mit der Uhr in der Hand -- zu entziehen. Denn sie sind der Kürze des Lebens, wie der zehn Talente, deren sie walten, vielfach unbewußt vielleicht, stets eingedenk.
Aber ich weiß: Den Größeren gegenüber jeder Distanz entraten ist jetzt Mode. Nun, ich begebe mich noch immer zu Hildebrand, wie ein anderer einen Turm besteigt, weil ihn dort eine stillere Luft umweht: Dinge, die ihn unten ärgern, sind hier auf eine Weile um ihre Existenz gebracht; und mag er sich auch selbst hier oben unwichtiger dünken, so lobt er sich doch gerade so unbewußte Pädagogen wie einen Aussichtsturm oder wie Adolf Hildebrand.
Zwar ist es empfindlich, lediglich durch den Kontakt mit einem Anderen augenblicklich des Abstandes bewußt zu werden, den er durch seine Verdienste oder seinen Wert zwischen sich und uns geschaffen hat. Worte, die man zu verlieren gewohnt ist, steigen befremdend in jener Zone unseres Bewußtseins auf, die man Gewissen nennt, und vergeudete Stunden wollen sich mit einem Male wie Rechnungen präsentieren. Dies alles nur, weil man sich in Gegenwart eines Menschen sieht, der wie jeder andere Mensch -- ich wünsche nicht zu übertreiben -- seine sichtlichen Grenzen hat, jedoch nicht anders, jedoch genau wie ein Berg, der seine scharfen Linien in den Himmel zieht, ausschließend, was nicht zu ihm gehört.
Auf ein so hohes Niveau hat Hildebrand seine Beschränkungen gebracht. Von einem Berg zu versichern, daß er eine Erhöhung sei, könnte nicht öder sein, als von Hildebrand behaupten zu wollen, er sei »gut«, so sehr ist er es implicite; oder wenn einer sich bemüßigte, von ihm zu sagen, er sei »nicht eitel«; denn der Mangel an _Beziehung_ zur Eitelkeit und an Talent zur Selbstbespiegelung ist ja gerade der Grundton seines Wesens. Es fehlt ihm jedes Verständnis für das Unwichtige, jede Fähigkeit, sich ihm zuzuwenden, er sieht und hört und merkt es nicht einmal. Er hat für das Belanglose so wenig Einstellung wie das Auge einer Ziege für die Schönheiten der Landschaft. Aber die beste Idee der Atmosphäre, in die er hineinragt, geben wohl die weiten, gedankenvollen Schweifungen seiner Brunnen und Monumente, wie sein kleiner Tempel vor dem Münchener Nationalmuseum, der mitten im Alltag wie ein mystischer Kreis seine verträumte und abgewandte Stille zieht.
Über jenes ebenso beliebte wie gedankenlose Axiom, man müsse den Künstler vom Menschen trennen, habe ich mich schon als Kind erbittert, lang bevor ich noch ahnte, wie weit sich die Dépendancen des Musentempels (Vorhöfe, Stallungen, Ökonomie etc.) ausdehnen können. Wer innerhalb des Bezirkes die Pferde schirrt, gehört natürlich auch noch zum Personal, und es wimmelt im ganzen Revier. Still wird es erst vor der inneren Halle, in die nur die wenigsten von uns oder nur auf Minuten Zulaß finden. Hier wie in der sichtbaren Welt kommt eben alles auf Rangstufen an. So kann einer mit knapper Not ein Künstler sein. Wer es aber in erster Linie ist, dessen äußeres Leben hat etwas Ungefähres und Zufälliges, als könnte ebenso gut ein anderes, viele andere für ihn denkbar sein. Soweit grenzt sein Selbst über das Maß der ihm zugemessenen Tage hinaus, so wenig erschöpfen und enthalten sie ihn. Von seinem Leben trennt ihn jene latente Unaufmerksamkeit, welche andere von ihrer Erkenntnis abhält und so viel stärker mit ihrem Dasein sich identifizieren und verketten läßt. Es tut mir leid, eine solche Platitude sagen zu müssen. Aber man verkennt doch im allgemeinen immer noch, wie sehr der _Grad_ der Künstlerschaft den Künstler als Menschen bestimmt -- und verschlingt.
So ist das Gedankliche, und im Gedanklichen das Architektonische bei Hildebrand so überwiegend, daß sich ihm auch die Dinge, Menschen und Ereignisse niemals außer Proportion darstellen. Nie widerfährt ihm, daß er sie zu leicht oder zu wichtig nimmt. Sein für die Form so passioniertes, so machtvoll gestaltetes Auge trägt diesen starken Sinn auch in die Welt des Unsichtbaren über, und ist auch da, vergleichend, wägend immerzu tätig, richtige Dimensionen einzuhalten, sie wieder herzustellen, das Überflüssige, das Unwesentliche von den Dingen ausscheidend, naiv und schöpferisch um ihre Perspektive und ihre Harmonie bemüht.
Eine Angelegenheit, die mich sehr stark beschäftigte, bis sie mir alles verstellte und ich an nichts anderes mehr denken konnte, rückte plötzlich wieder in die richtige Distanz, als ich eines Abends mit ihm zusammensaß. Nicht etwa, daß es mir in den Sinn gekommen wäre, sie ihm zu erzählen, sondern was mich wieder ins Gleise hob, war der überspringende Funke seines Intellekts, dessen wunderbare, den wirren Schwankungen des Persönlichen entzogene Helle das Maß der Dinge so still und unselbstisch kündet.
1913
SCHIFFAHRT UND EISENBAHN
Wie behaglich, wie menschenwürdig hat sich unsere Schiffahrt ausgebildet, wie stolz setzen wir über das Meer, aber wie barbarisch fahren wir noch Eisenbahn. Unser größter Wohltäter wäre der, welcher frei oder nach Pullman einen neuen Typ unserer Eisenbahnwagen durchzudringen suchte. Aber würden die zuständigen Generaldirektionen die leiseste Notiz davon nehmen? -- Hat je vor mir einer den Plan eines Generalstreikes der Eisenbahnpassagiere gefaßt? Nein. Wir lassen uns in den stets überfüllten Zügen wahllos wie Herdentiere zusammendrängen und zahlen und überzahlen die unverschämte Tortur.
Oder sitzen wir etwa _nicht_ wie Böcke und Schafe Stunden und Tage lang in einer verrußten, vergifteten Luft -- mit einer Platzkarte gezeichnet, wie Hammel mit einem Kreuz? nur die eine rachsüchtige Hoffnung im Herzen, unsere Leidensgefährten (welche die Eckplätze inne haben) möchten doch so töricht oder so unerfahren sein, sich in jene andere Vorhölle: den Speisewagen, zu begeben, woselbst ein wüster Dunst, übel wie eine Seekrankheit, regiert. Und sind wir endlich allein, so stürzen wir ans Fenster, um Luft, und wäre sie noch so eisig, hereinzulassen. Allein, wir bringen es nicht auf. Wir rufen den Gefängniswärter: er bringt es auch nicht auf. Das Holz sei aufgequollen, bemerkt er und geht. Nicht lange, und die anderen Sträflinge kehren zurück. Man nimmt also wieder mit stechendem Kopfweh seinen Rückplatz ein und hat bald darauf die unmittelbare Aussicht auf zwei vom Schlaf überwältigte ältere Herren.
Sie sind nicht schön.
Endlich -- ich spezialisiere schon -- ach es liegt so nahe! -- ist das Licht dieses mühseligen Tages gesunken. Aber der Lampenschein ist nur ein trübes Geblinzel in dieser Luft! Und noch fünf Stunden. Das heißt, man wird nie ankommen. Man wird es nicht erleben. Hannover! -- Die schlummernden Gebrüder fahren auf, greifen nach ihren Taschen und fort! -- O! -- Ich bin allein mit einem jungen und charmanten Mädchen. Wir wissen nichts von einander, aber die gemeinsame Plage hat uns längst zu Verbündeten gemacht. Sie erzählt mir, daß sie soeben einen Krankenkurs absolviert. Sie hat einen Apfel, ich gebe ihr ein Messer; sie reicht mir ein Aspirin, ich ihr Schokolade. Aber Sie müssen sich hinlegen, sagt sie, sonst wirkt es nicht. Sie reißt die oberen Klappen auf und verhängt das Licht, und wir strecken uns der Länge nach aus. O Gott, Schwester, rufe ich aus, dies ist viel zu schön. Es kann nicht dauern! Aber sie tröstet mich, daß der Zug vor Hamburg nicht mehr hält. Da wird -- Bang! -- die Türe aufgerissen und eine Blendlaterne grell vor unsere Augen gehalten. Es ist der Kerkermeister, der sich umsieht wie einer, der hier zu Hause ist, dann die Türe zuschlägt und wieder verschwindet.