Wege und Umwege

Part 13

Chapter 133,751 wordsPublic domain

Wie ist binnen kurzem alles so anders geworden!

Unsere gute Tante Nora ist doch noch garnicht so alt! Sie, die unter dem Beifall der ganzen Christenheit, gleichsam mit fliegender Fahne, und mit so beispiellosem Erfolg, Mann und Kindern davonlief, daß auf zwei Jahrzehnte ein schier endloser Zug der Unseren, die von ihren Männern nicht verstanden werden wollen, sich ihr anschloß! Ja, wir heirateten nicht selten gerade daraufhin und kamen als Incomprises von der Hochzeitsreise zurück. Je hübscher wir waren, desto incompriser durften wir dann sein, desto eifriger erklärten andere Männer sich bereit, uns für unergründlich halten zu wollen und zu ergründen. Und dabei brauchten wir weiter garnichts zu tun, als zu bescheinigen, was sie in uns hineinlegten, und uns für rein nichts zu interessieren, als für das Interesse, das wir hervorriefen. Es war so furchtbar nett!

Doch ach! wie jäh hat sich das Blatt gewendet!

War der Mann des Spieles müde? Langweilte es ihn eines Tages, oder war er beim Rätselraten zu oft hängen geblieben? Ich weiß es nicht. Aber mit einem Male fand er, daß es spannender sei, selbst ein Incompris zu sein, und sogleich vertrat er dies mit jener angestammten Gründlichkeit, welche die neun Gymnasialklassen, die uns noch lange nicht im Blute liegen werden, so deutlich verraten. Wir anderen waren doch nur à conto mißverstanden gewesen, er _will_ garnicht verstanden werden. Er kommt, nimmt uns die schöne Pfründe weg und ist der Unverstandene an sich.

Wir indessen müssen bis auf weiteres das Spiel verloren geben, denn uns fehlt der Partner. Gerade die jüngsten und reizvollsten Frauen sind heute so vielfach ausgeschaltet, als wären sie noch eingesperrt. Nicht im mindesten fehlt es ihnen an Anerkennung, vielmehr wird keiner sie so gut verstehen, keiner so schöne und erlesene Worte über sie finden, wie der Unverstandene Mann. Den Kult, den er zum Ausdruck bringt, hätte keiner früher einer Frau erwiesen, ohne für sie zu entbrennen. Glaubt aber nicht, daß er für sie glühe! Wenn er zu ihr geht, vergißt er nie das Opernglas, das er verkehrt vor seinen Augen hält, um sie weit von sich zu scheiden, ob sie noch so hart vor ihm stünde. Denn sie tief und richtig zu erfassen, gleichsam mit allen Gründen, wie durchleuchtet, wie geschliffen ans Licht zu heben, ist ihm genug. Sein Feuer ist damit verblasen. Nie fände sie ihn so fern, so frostig, ja so abgeneigt, als nachdem er soeben eine Dithyrambe über sie sprach. Denn hiermit entließ er sie aus seinem Herzen. Und so zieht er denn in Wahrheit den Hut vor ihr, -- aber dabei empfiehlt er sich.

Und ihn, faute de mieux, soll man heute lieben, denn ein anderer ist nicht da. Der Typ des Don Juan ist ausrangiert, oder zum Hausvater vorgerückt. Hier zeigt sich der Unverstandene Mann von seiner unzulänglichsten Seite, und der moderne Verführer ist nicht sehr gefährlich: mit seinen schwach konzentrierten Sentiments vermag er nur schwache Köpfe zu verdrehen. Denn es ziert nur Frauen, unsichere und halbe Herzen zu vergeben.

Allein sein Wesen strebt nun einmal nicht nach Steigerungen, sondern drängt ihn, von all den schönen Dingen, für die er so lange eingestanden ist, auf eine Weile auszuruhen, wie man erst nach zurückgelegtem Marsche der ausgestandenen Müdigkeit anheimfällt. So zieht er nunmehr kühle, blumenlose Pfade des Gefühles vor und jene schattigen Seitenwege der Begriffe, die sich nur spalten, um kurz auszulaufen und sich zu verzweigen. Alle schimmernden Fernen hingegen, alle postulierten Verheißungen und Aussichtspunkte sind seinen zu empfindlich gewordenen Augen unerträglich. Nichts von »Saaten«, nichts von »Ernten« mehr, nichts von Allgemeinheiten und nichts von Zielen und besonders, nichts von Idealen. Nichts von so grellen Dingen. Nicht solche Worte. Sie verletzen ihn nur. Mit fiebernder Hand wehrt er sie ab, besonders den Enthusiasmus mit all den fälligen Raten, die ihn nur allzuoft schon überdauerten. Zu »Wein, Weib und Gesang« hält er da andere Distanzen ein, und sein Verhältnis zur Musik hat sich ebenso gelockert oder verschoben wie das zur Frau. Aber ich sage: respektieren wir auch dies. Was er heute für seine Willkür hält, ist nur ein Feiern und ein Atemholen. Der Fehler des Unverstandenen Mannes liegt viel weniger darin, daß er mit seiner Jugend keine rechte Gemeinschaft pflegt, (dies ist seine Sache) als daß er von ihr absieht, eine Attitude, an der jeder Tag etwas verändert, als unverrückbar hinstellt, das Zeitliche, an das sich seine Erfahrungen erst ketten müssen, zurückweist, und alles à priori sein und nicht sein zu können glaubt. An seiner vielgescholtenen Unproduktivität hingegen kann ich nichts finden, sie fällt nicht ins Gewicht und ist so wenig definitiv, so wenig ein Finale, wie die gehaltene Note vor dem neuen Auftakt. Soll denn immer ohne Pause produziert werden? Ist es das Einzige? Ach, es laufen ja unter den schöpferischen Naturen so viel erschöpfte mit unter, während gewisse Unschöpferische unerschöpflich erscheinen. Gerade in seiner Unproduktivität schlage ich vor, ihn nicht zu stören. Es ist ja mit den Menschen, wie sie einmal geraten, nicht viel anders als mit der Mode, von der wir wissen, wie groß ihre relative Berechtigung ist und wie sehr es in ihrem Charakter liegt, sich zu behaupten. Wer jüngst ein groß Geschrei wider die engen Röcke erhob, trägt heute keine anderen. Ihr Vorzug beruht darin, daß sie uns zur Haltung und Linie erziehen, und hierin gleichen sie auf ein Haar dem Unverstandenen Mann: daher es ratsamer ist, sich in ihn zu finden, ja von ihm enchantiert zu sein. Denn er, und weder der Mann, noch der Rockschnitt von Anno Dazumal, welches auch seine Qualitäten sein mochten, ist heute das Gegebene, zu dem wir uns zu stellen haben. Wer fände dies zu frivol? Ist nicht vielmehr das einzig Interessante an diesem sich ewig überlebenden Leben, daß hinter den frivolen Dingen so häufig der Ernst, hinter den ernsten der Schalk sitzt? Wer hielte es sonst aus?

Nur deshalb sind ja die schlimmen Dinge, wenn man mitten in ihnen steht, zum Glück nicht ganz so arg, wie sie von außen anzusehen sind. Indem sie evoluieren und ins Gedränge kommen, rücken sie nicht selten so nahe zusammen, daß die letzten die ersten überholen, und das unterste nach oben treibt. Wer sie dann wendet und betrachtet, hält sie bald wie jene chiffrierten Briefe, die anders lauten als sie heißen, und das Tolle und das Disparate mit dem Sinnfälligen zusammenführen.

Und so steht für uns im Stich Gelassene von heute, Herrinnen von gestern, Schutzflehende von einst, der Zeiger anders als die Uhr. Keime in uns, deren Wachstum durch die Gegenwärtigkeit des Mannes zurückgehalten oder überboten wurden, finden eben jetzt ihr Gedeihen. Inmitten dieser schlechten Zeiten wuchsen unsere Tage unversehens in den Sommer hinein. Draußen reift das Korn, die Halme knistern, und in der mittäglichen Öde erstarkt das Laub. Ihr ist die Ferne zu vergleichen, die wir jetzo nützen. Denn es ist nicht zu leugnen, daß uns der Mann verließ und eine Genugtuung darin findet, uns zu meiden. Ohne eine gewisse Grimmigkeit zwar geht es nicht her. Und hier liegt _unsere_ Genugtuung an der Sache. Denn wenn er es höchstens bis zur Genugtuung bringt, indem er sich uns entzieht, so gereicht es uns, die seiner so schwer entraten, zum inneren Jubel, wenn wir ohne ihn bestehen.

Ich sehe, daß ich von meinem Thema abgewichen bin, aber ich wollte nur das letzte Wort haben. Und wäre denn der Unverstandene Mann in Wahrheit unverstanden, wenn ich mehr von ihm wüßte?

1911 Neue Rundschau.

DER NEUE SCHLAG

Woher es nur kommt, daß ich immerzu von den neuesten Schriften über Modernismus und Frauenbewegung avisiert werde. Ich interessiere mich doch viel mehr für Musik oder für Ausgrabungen. Aber es scheint ausgemacht, daß diese beiden Probleme meine Sache seien. Da möchte ich mir denn ein Herz fassen, und die mir zugesandten Broschüren einmal lesen.

Aber vorher möchte ich lieber selbst etwas sagen.

Wer denkt, lebt nämlich in so großer Not. Verurteilt, zwischen der Unrast des Tatenlosen und der Verzagtheit zu bangen, bis er den festen Guß seiner Gedanken bildete und mit einer leisen Mißachtung für sich selbst einherzugehen, so lange er sich durch Veräußerung das Eigentumsrecht auf seine eigene Meinung nicht erwarb.

In dieser Hinsicht aber habe ich es besonders schwer. Denn auf eine gewisse allgemeine Unzugehörigkeit war ich im stillen von jeher eifersüchtig. Sie ist die Feste, hinter die ich mich immer wieder verschanze. Wer sich zu den einen gesellt, der trennt sich ja vom anderen, und ich will zu keinen gehören, weil ich mich von niemand scheiden mag. Mein Indifferentismus ist nur Selbstverwahrung. Es ist überall Gefahr, mit fortgerissen zu werden, und jeder Zeitlauf bietet etwas, das man vertreten und festhalten möchte, um sich freilich dann, letzten Endes, wieder von ihm loszusagen.

Darum fliehe ich vor den Dingen meine steile Schneckenstiege empor und lasse mich ungern hin zu ihnen locken, so sehr liegt mir an ihrer Perspektive. Nur oben, vor meinem schmalen Fenster mit dem weiten Ausblick, kann ich endlos spinnen. Dort schnurren meine Rädchen, und der Faden geht ihnen nie aus. Also abgetrennt wird mir so heimatlich zu Mute, als seien alle Dinge mein, und als gehörte ich zu allen, selbst den weit verschwimmenden hin. Denn nur im blauen Dunst der Ferne liegend, sind sie mir deutlich und vertraut. Oft rücke ich dann meinen gesponnenen Flachs zur Seite, stütze die Arme auf und halte Umschau.

Der bereitwillige Ernst, den man transzendentalen Fragen von neuem entgegenbringt, ist, von meinem Fenster aus gesehen, ebenso merkwürdig, wie die sich klärenden Umrisse der stets undeutlich gebliebenen Frauenpsyche. Sie hat das eine mit der Religiosität gemein, daß allen beiden zwei höchst entstellende Kutten, die der Frömmelei und der Abhängigkeit, übergeworfen und als ihre elementaren Bestandteile erklärt wurden. Was ist da heute von meinem Fenster aus -- im Vergleich zu gewissen sehr radikalen Umwälzungen der Denkungsart, die sich bereiten, der Modernismus für eine beiläufige Sache! Und was ist die Frauenbewegung im Vergleich zu ihrer Idee? Eine Wolkenschicht, die sich vor einer Lichtfläche türmt. Beide Bestrebungen verhalten sich zu den starken Dingen, von welchen sie getragen sind, wie ein kleiner Reitervortrab zur Majestät der heranziehenden Heeresmacht.

Über den Modernismus will ich, um niemanden zu reizen, nicht weiter improvisieren. Über die Frau aber bin ich doch sicherlich au fait. Infolge gewisser zweifelhafter Züge sind die Akten über sie noch immer nicht geschlossen. Ihre Gattung, meint Villiers de l'Isle Adam, begreift Wesen in sich, die durchaus keine Menschen, allerdings auch durchaus keine Frauen seien. Er tat sich auf diese Entdeckung viel zugute und ging so weit, daß er in gewissen »gänzlich seelenlosen und unmütterlichen Larven« einen Spuk der Natur erkannte und für den Mann das Recht beanspruchte, diese problematischen Wesen, die mit jeder Generation einen hohen Prozentsatz verheißungsvoller junger Leute zugrunde richten, wie andere schädliche Reptile einfach umzubringen.

Die drastischen Ratschläge stammen ja immer von Träumern, und die besten Ratschläge sind zumeist unausführbar. Dank der Unterarten ihrer Art läßt sich jedoch über das Wesen der Frau, wie über etwas noch immer Unerforschtes, noch immer diskutieren, noch immer keine Schlüsse ziehen, die verallgemeinert im Guten wie im Bösen nicht widerruflich wären. So flüchtig ist es, so viel feiner, und so viel gröber, und so schillernd, daß solche Kenner wie die Franzosen heute noch von einem Mystère de la Femme reden können. Wer spräche noch in diesem selben Sinne von einem Mystère de l' Homme?

Nun wüßte ich auf der Welt nichts gegen die Frauenrechtlerinnen einzuwenden, als daß sie nicht geheimnisvoller sind. Sie gemahnen an den Unterschied zwischen dem Skulpturalen und dem Anatomischen. Der wäre doch ein Tor, der sich beschweren wollte, daß die Anatomie nicht ästhetischer sei.

Auch sage ich ja nichts!

Wenn ich aber gegen die Kutte sprach, so sehe ich in den schönen, meinetwegen manchmal trügerischen Schleiern, mit welchen die Frau ihr inneres Sein umflort, sehe ich im Geheimnisvollen ein Attribut des Weiblichen.

Und deshalb glaube ich, daß die bevorstehende Evolution sehr abseits der Bahn ihrer Vorkämpferinnen liegt; wie sich die Schlacht weitab von dem kleinen Reitervortrab abspielt, von dem wir sprachen. Es sind nur die Boten, die mutig heransprengend, als erste die Kriegsfahne entrollen, aber an der Entscheidung keinen Teil haben. So wären jene Frauen überrascht, ihre geringe Fühlung zu den Lenkern der kommenden Schlacht zu vernehmen; einer Schlacht ohnegleichen, in der die Kämpfenden von keinem anderen als dem Gegner geführt, von ihm selbst angefeuert und in der Kunst, sich zu verschanzen, unterwiesen werden. So sehe ich es von meinem Fenster aus kommen. Was sage ich? So ist es längst. Das Treffen ist in vollem Gang. Die hohen Staubwolken des Tages umhüllen nur die Vielen, die ermattet niedersinken, das Ringen dieser Kampfuntüchtigen und das Gewühl. Die laute Gegenwart übertönt nur die Rufe der zu Tode Getroffenen. Aber von meinem Fenster überblickt man schon das gespensterhafte Schauspiel. Denn sucht man nach dem Feinde, gegen den diese immer Besiegten sich halten, so entdeckt man ihn in ihrer eigenen Hohlheit und Verlassenheit; der Boden, auf dem sie langsam vorrücken, wird ihnen nicht bestritten, die Burg, die sie stürmen müssen, ist leer.

Daß es der Frau innerlich noch nie so schlecht erging, wie seitdem sie äußerlich zu ihrem Recht gelangt und im eigenen Lager ihre gute Sache vertreten sieht, ist natürlich ein rein zufälliges Zusammentreffen, und die Entfremdung der Geschlechter ist ein Faktor und kein Ergebnis.

Eine Zeit ist sich selber nicht bewußt. Sie kann den Schein nicht gewahren, den sie ausstrahlt. Sie hat keine Distanz zu sich selbst. Ihre Schrittmacher sind stets die Kommenden. Wir sind das alte Spiel gewohnt. Nur bei unserer heutigen, der Analyse so ergebenen Generation, die sich so behorcht, befremdet es mit einem Male, daß sie sich nicht kennt, und das nimmt den Sinn gefangen wie das Flimmern schräger Strahlen im Dunkel alter Kathedralen. Wäre es nicht unendlich wichtig, daß eine solche Zeit selbst zu dem Spiegel griffe, den ihr bisher erst die kommende entgegen hielt? Es gibt etwas Neues unter der Sonne, und wir gehen unaufmerksam daran vorüber. Unter den jüngsten Männern ist ein merkwürdiges Geschlecht nie Dagewesener entstanden, die nicht Söhne ihrer Mütter, nicht als letzte Glieder einer Kette sich an diese schmieden, sondern abbrechend mit allem bisherigen, nicht als Werdende mehr, sondern als Gewordene im Leben einsetzen. Ein neuer Schlag, andere Organismen, Zeitlose, die tiefer als Menschen je zuvor, die Marke ihrer Zeit auf ihrer Stirne eingezeichnet tragen, in sich Befangene, Gebundene, dem Transitorischen so streng Überwiesene, daß sie nicht mehr zu Gestalten sich verdichten, sondern wie die Frauen zu Gesichtern sich verflüchtigen. Alles Elementare ist bei ihnen so zurückgedrängt, daß es zurückgewiesen wird, wie alles Unmittelbare, alles Unvermittelte. Vom Konkreten wird abgesehen, man spaltet die Begriffe bis zum Wahnwitz und verschmäht es zu summieren. Infolge eines so radikalen Umsturzes steht nichts mehr an gewohnter Stelle, und die Sprache wird zu einem ganz anderen Modus. Man operiert nicht mehr mit Worten, die etwas zusammenfassen. Die sind tot. Ich ließ in solcher Gesellschaft absichtlich Worte wie gut und böse oder tüchtig, achtbar und verdienstvoll fallen, nur um herauszuhören, wie unerträglich platt sie in dieser Atmosphäre klangen. Um das Einfachste zu sagen, wird hier ein dunkler, schwer faßlicher Monolog gewunden, zu dem nur Gleichgeartete den Schlüssel haben, und den kein Uneingeweihter Zeit noch Geduld besäße, zu enträtseln. Es ist wie Ein-sich-Verständigen durch Chiffren, und es sieht aus wie Pose. Allein es sind Getriebene, denen bisherige Werte wie Kulissen niederstürzten, und denen die Tradition entzogen ist. Aus dem Schutte werden nun die Splitter aufgelesen, die Stunden dem Tage vorgezogen und die Ideale von diesen Idealisten verworfen. Das Nahe wird mit dem Fernglas betrachtet, und die Minute wichtiger genommen als das Leben. Auf den Trümmern, die sie geschaffen, ziehen sie nun ohne Messungen, ohne Zentren bedächtig einher, wie jene langbeinigen Vögel der Düne, von welcher das flutende Leben sich zurückzog.

Aber nur sachte. So wenig ich mich zu diesem neuen Schlag bekenne, so wenig gehöre ich zu denen, welche da glauben, ihn negieren oder über ihn hinweg sehen zu können. Etwa weil wir es nicht mit Goethe'schen oder Wagner'schen Menschen zu tun haben, oder weil ihr Denken meist ein vergeudetes ist. Mit ihnen hat der Weltgeist, als sei er der ewigen Fortsetzungen müde, eine Lücke in dem unsterblichen Teppich der Menschheit gemeint und unvermittelt ein neues Muster eingezeichnet, das sich wie eine Grisaille inmitten einer Freske ausnimmt, das aber so tief darin verwoben ist wie wir selbst. Und es wäre borniert, uns zu stellen, als sähen wir es nicht, denn wir wissen nicht, wie es sich entrollen wird. Wenn diese neuen Leute ihre Unreife durch Überreife bekunden und mit der Temperatur des Alters in Szene treten, sind sie deshalb nicht minder jung. So manch verheißungsvoller Jüngling ging aus seiner Sturm- und Drangzeit als Niete hervor, ohne den Mittag seines Lebens zu beschreiten. So werden auch hier nur die wenigen Berufenen ihren Werdegang erfahren und gleichsam mit einer anderen Schwenkung zur Reife gelangen. Es ist, als ob ihr Tag mit dem Sonnenuntergang anhöbe und als müßten sie nach einer Morgenröte gravitieren, um ihr Tagewerk zu vollenden. Wie es anderen oblag, das Chaos ihrer Empfindungen zu klären, so müssen diese die schwere Schale einreißen, die sie von ihren eigenen Gefühlen trennt, den Weg zu ihrem eigenen Selbst sich bahnen und lernen sich zu besitzen. Hier ist nicht alles Narretei. Wir sind hier nur versucht, auch die Typen zu verwerfen, denn noch nie sah man so groteske Kopien. Aber von meinem Fenster aus gesehen ist nichts, was eine so gespannte Aufmerksamkeit erheischt wie diese auf Abwegen aufgepflanzten Wegweiser, diese Abgeklärten, diese Manierierten, diese Verzichtenden. Denn über den, um seine Jugend betrogenen, in Intellektualität versteinerten Jüngling mit der kalten Maske, dem abgewandten, in Schwermut erstarrten Auge, über ihn geht jetzt der Weg. Er glaubt, indem er gleichsam eine neue Seitenlinie menschlicher Denkart involvierend sich losriß, von allem Vorgedachten und bisherigem Tun und Wollen sich entzieht, er glaubt so gewillt zu sein, und ist nur, wie er muß.

So kenne ich -- nur das Echte will ich nunmehr im Auge haben -- einen jungen Patriarchen. Bei ihm ist ein unausgesetztes Konstatieren ohne Parteinahme, unerschöpfliche Teilnahme ohne Anteilnahme. Er verzeichnet mit derselben Kühle das Verruchte wie das Erhabene. Er faßt alles und läßt alles entgleiten. Er wertet alles, ohne etwas abzuschätzen. Verlangt von ihm Alles, nur kein Für und Wider. Er ist höchst sensibel, aber der Weg zu seinen Gefühlen ist ihm verschüttet. Er gebietet über das Große und das Starke, über die mächtigsten und die tiefsten Dinge. Nur Eines fehlt in diesen Regionen: Gras, Blumen, Vogelsang; alles ebbte zurück nach dem Pol, gefror zur Erkenntnis. So ist seine Erkenntnis zum Parasit geworden und zeigt er noch Geist, wo der Sinn ein Ende fand, wie jene Bergsteiger, die noch weiter klettern, ob schon das Ziel hinter ihnen liegt, nur um der Lust des Kletterns willen. Und er muß stärkerer Fesseln sich entwinden, als der Ungestüme, er ist in seinem Denken verstrickter, gebannter in seiner Losgelöstheit als der Erdgebundene. Und so steht er, in sich gekerkert, gleich einer Herme, da wo alle Wege sich kreuzen und der Sterbliche froh vorüberzieht.

Daß die Männer des neuen Schlages vorwiegend unverliebter Komplexion sind, ist kein Geheimnis, ist kein Märchen, sondern die große, allwichtige Novität. Der ganze heutige Umschwung dreht sich um eine Witterungsfrage. Zwar ist es, wie gesagt, ein Faktor und kein Ergebnis, daß heute die jüngsten und schönsten, von Männern sehr umringten Frauen häufig ungeliebt und unbegehrt ins Leben hineinwachsen. Aber es ist ein Ergebnis, daß sie in der kälteren Zone, der sie nunmehr ausgesetzt sind, zu immer deutlicheren Gestalten sich festigen, in dem Grade, als der Mann in seinen Umrissen verblaßt.

Die Götter selbst woben dies Feld der marmornen Schlachtenlenker in unseren Teppich ein. Wenn alle Klöster, alle Abgeschiedenheit und alle Tugendübungen die Frau nicht lehren konnten, in ihrem Innersten des Mannes zu entraten, so hilft ihr jetzt seine eigene Halbheit. Stets ist es doch sein Wesen, das bestimmend auf die Frau zurückwirkt. Ihr Gefühl ist zu sehr Widerhall. Als er für sie glühte, war sie die Schmachtende. Heute ist vieles anders geworden, und die Rollen sind vielfach vertauscht. Es gibt nicht mehr die Incomprise, sondern den Incompris. Ein moderner Cherubin dürfte uns ein gar originelles Liedchen vorzusingen haben. Er strebt von jeder weg, zu der's ihn zieht. Er liebt sie nicht mehr, bevor er sie noch liebte. Er ist jener untreu, die er gerade im Arm hält. Kaum hat er sich ihr abgewandt, schweift er zu der Betrogenen zurück. Er ist enttäuscht zuvor, zuvor der großen Ernüchterung preisgegeben!

Er muß die Dinge fliehen, bevor er sich in ihnen verankerte. Nie wird er in der Folge nach dem schimmernden Schleier greifen, mit dem Leukothea das Herz des sinkenden Odysseus schwellte. Seine Erkenntnis läßt ihn alles Künftige retrospektieren, und sein Wissen um die Dinge ist sein Irrtum. Denn als Verführer ist der Geist weit mächtiger als die Leidenschaft. Wo sie nur verblendet, darf er überzeugen, auch indem er das Leben zerpflückt, selbst indem er uns irreführt. Wo immer der Geist seinen grellen Schein hinrichtet, ist er unwiderlegbar. Und der Geist als Verführer ist es, der seine Pulse hemmt, wie das Eis die Quelle zurückhält.

Im Kontakt mit einem derartigen Manne kristallisieren sich die Gefühle selbst der leidenschaftlichsten Frau in ganz anderer Weise. Sie ist zu zart besaitet, als daß es sie nicht reizte, ihn auf seinem dämmerigen Pfade zu folgen, und noch stärker ist für sie der Reiz, aus der Sturzwelle des Gefühls sich ungebrochen wieder aufzurichten. Ihr Wesen mag zwar in seiner Nähe sich erfüllen, doch ohne daß seine Nähe sie verwirrt. Denn seine Liebe besitzt nicht mehr die Glut, sie mit einem Bannkreis zu umziehen, der ihr zu einer Welt ersteht. Obwohl sie nie zuvor ein so feines Verständnis, eine so vollkommene Wertung erfuhr, fühlt sie sich bei ihm nicht mehr geborgen. Zwar ist er nicht mehr roh, aber er ist nicht selten hysterisch, und er ist nicht mehr ritterlich. Er hat ihr nicht mehr jenes Gefühl zu bieten, das sie wie ein prangender Mantel umhing, sie idealisierte und ihrer schonte, daß sie beglückt ihrer Unzulänglichkeit sich enthoben wähnte.

»Voyez si je puis me conduire«, schrieb Julie de Lespinasse, »éclairez-moi, fortifiez-moi. Je vous croirai, vous serez mon appui, vous me secourrez. Le Président Hénault, l'abbé Bon, l'archevèque de Toulouse, l'archevèque d'Aix, Monsieur Turgot, Monsieur d'Alembert, l'abbé de Boismont, Monsieur de M . . . voilà les hommes qui m'ont appris à parler, à penser et qui ont daigné me compter pour quelque chose.«

Nichts von alldem! Nichts von den kleinen Selbsttäuschungen mehr, nichts von artigem Betrug. Keine Stunde Weges wird der Frau mehr erspart. Selbst muß sie die schwachen Arme emporrichten, sich zu krönen, schwere Schritte selber gehen und ihren Fuß auf die steile Stelle setzen, über die er sie früher hob. Ohne ihn muß sie bestehen können. Er hat zu viel mit sich selber zu tun und keine Hand ihr entgegenzustrecken.