Part 12
»Keine Waffe scheint dafür zu schlecht,« und er deutete auf die Blätter und Zeitschriften, die ihm offenbar soeben zugekommen waren. Vor ihm lag eine Revue aufgeschlagen.
»Ist Ihnen das schon bekannt?« fragte er, und nannte die Beschuldigungen, die in heuchlerischen und perfiden Protesten gegen ihn erhoben wurden.
»Warum in aller Welt lesen Sie dieses Zeug,« rief ich und starrte ihn verwundert hinter den verschnörkelten Gittern meines Schleiers an. Aber er machte kein Hehl daraus, wie sehr es ihm zu Herzen ging. Ich war aufgesprungen.
»Monseigneur,« rief ich, »Sie müssen doch wissen, daß Sie der Halt einer verstreuten kleinen Gemeinde sind, die einfach durch die Tatsache, daß Sie da sind, lediglich durch den Eindruck Ihrer Existenz beherrscht, verankert, durch Sie allein gehalten ist.«
»Es freut mich,« sagte er, doch ohne daß seine Züge sich erhellten. »Aber sehen Sie -- es können doch auch Rechtdenkende an mir irre werden, wenn sie alle diese Schmähungen lesen.« Und er deutete wieder auf die Blätter hin.
»Das ist mir zu viel Bescheidenheit,« gestand ich.
Wir sprachen dann von anderen Dingen, aber auch sonst war eine Unfreude und Entmutigung an ihm, die ich nicht kannte.
Die Straße lag brütend vor mir, als ich wieder aus dem Hause trat, aber ich ging zu Fuß meinen langen flimmernden Weg.
Ist uns nicht, als wollten wir immerzu gehen, ungestört unser Lebtag lang, wenn infolge eines starken Kontaktes ein geistiger Pendel in uns schwingt? Es kann sein, daß dann unsere Füße ganz mechanisch einsetzen, nicht wahr, oder wie eingewurzelt stehen. Zwar hatte ich Duchesne gegenüber die richtige Note wohl nicht getroffen. Schnell fertig hatte ich unüberlegt geglaubt, er würde sich mit ein paar schlechten Witzen und einem ironischen Achselzucken über den obskuren Tumult hinwegsetzen, der ihn verfolgte, und während er meinen Besuch als eine Sympathiekundgebung erwartete, hatte ich ihm nur Lebhaftigkeit bezeigt. Es war gewiß schade, dennoch konnte mich das Bedauern darüber nur flüchtig stören. So leicht wog da alles Persönliche! So unnachhaltig erwies es sich!
Ich erinnere mich keines heißeren Tages wie jenes 14. Juli in Paris. Die Häuser waren beflaggt, aber die Straßen schienen zu trauern, da keine Fahne sich regte. Erst nachts, als ich zur Bahn fuhr, belebte sich das Bild. Singendes Volk schwärmte durch die Straßen, und alle Leierkästen der Stadt orgelten durch die Luft. Ein Mädchen tanzte, hocherhobenen Kopfes, unter dem dunklen Himmel, von Zuschauern umringt.
Doch welch barscher Novemberwind wirbelte die Blätter von der feuchten Erde auf, als ich wiederkam! Alles Laub dahingerafft und schon vergessen. Aber ich will nur den einen Moment herausgreifen, da ich im Flur von Professor Bergsons Hause der Ausgangstüre zuschritt und er mich geleitete. Ich weiß nicht wie es kam, daß vor seiner offenen Schwelle und dem niedrigen Himmel, der seinen erstorbenen und verwehten Garten überhing, Duchesnes Namen zwischen uns fiel, und wir seiner einzigartigen Stellung in der geistigen Welt gedachten. Und Bergson sprach von dem Katholizismus im Lichte dieses großen Katholiken, der, so klug, so wohl beraten und durch den Irrtum anderer gewitzigt lautlos jenen treibenden und langersehnten Schritt voranging, der den Schismatikern mißlang.
So klar entstand jetzt zwischen uns sein undeutliches, von den Nebeln des Tages verhülltes Bild, als sei es schon entseelt und als hätte sich sein Schatten zu uns gesellt. Bergson drückte die Klinke wieder zu. Wir mußten lächeln. So ohnmächtig also verhielt sich hier der Tod, so wenig würde es hier für ihn zu holen geben, wenn er da rufen würde! -- -- --
1914 (Weiße Blätter).
BARRÈRE
Während meines letzten Aufenthaltes in Paris kam ich eines Abends zu Barrère, der wegen Influenza das Zimmer hüten mußte. Ich traf ihn lesend, die Füße auf einem Stuhle ausgestreckt, Zeitungen über ihn geschichtet und wie eine Decke von ihm niedergleitend. Eine Lampe hing gerade über seinem weit zurückgeworfenen Kopf.
Ich wollte ihn bitten, liegen zu bleiben, aber schon war er aufgesprungen, mit jener knabenhaften Schnelligkeit, die alle seine Bewegungen kennzeichnet. »Sie bleiben den Abend?« fragte er. »Ich bin bei Ihnen eingeladen,« erinnerte ich ihn. Und ich trat an den Kamin, darin hohe, still flackernde Flammen loderten. Es war ein dunkler, trüber und regnerischer Tag gewesen. Ich fand Barrère, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte, verändert. Auf das lebhafteste gemahnte er mich jetzt an einen Ausspruch, den ich mir zu zitieren gestatte, obwohl er nur von mir ist.
»Habt ihr nicht bemerkt?« fragte ich schon Anno dazumal, da noch kein Mensch auf das, was ich sagte (auch wenn es noch so richtig war) im geringsten achtete; »habt Ihr nicht bemerkt, daß wir nur in dem Maße altern, als wir nichts taugen?« Nun hatte ich Barrère das letztemal kurz nach einem Sturz vom Pferde getroffen, und ich erinnere mich sehr deutlich, wie plötzlich das Zukunftsbild eines alternden, einer bestimmten Generation angehörenden, sich nicht mehr erneuernden Barrère flüchtig in mir vorüberzog. Denn auch für die Besten kommt der Augenblick, wo der »Genius der Zeit«, dieser ärgste Feind des Menschen, ihn umwittert, um an sein Tagewerk, sein Wesen, ja an sein Ich das grausame Schild »Vorbei« zu hängen. Doch als jenes Bild von einem Barrère, qui a fait son temps, in mir aufzog, da hatte ich vergessen, wie sehr seine Einstellung doch gerade auf Fußangeln, Hemmungen und Hindernisse war, und mit welchem Geschick er mißliche Umstände zu einem Wetzstein seiner Fähigkeiten konvertierte.
Ich kannte ihn nun seit vielen Jahren, aber ich mußte mir gestehen, daß er inzwischen über sich selbst so rastlos hinausgewachsen war, daß seine Haltung, seine Züge, seine Gestalt einen Meißel, ein höheres Training, eine feiertägliche Glasur erlangt hatten, sein Blick aber bei gesteigerter Aktuität eine innere Stille, mit einem Worte: daß er die Miene desjenigen trug, der es insofern mit der Zeit aufnehmen darf, als er sie nie vergeudete. (Zwar hatte er schon als junger Minister die Aufmerksamkeit Bismarcks erregt, der auf ihn als auf den kommenden Mann hinwies, ein Wink, der bei uns unbeachtet blieb.)
»Wie ist es draußen?« fragte er.
»Trüb, windig und regnerisch.« Und ich sagte ihm, daß ich in der rue de la Paix, in einem Wagen wartend, die Passanten gemustert hatte, und wie schwer es mir schien, den Typ der heutigen Generation zu bestimmen. Es gibt die Menschen der achtziger, die der neunziger Jahre, aber die Leute von 1911, meinte ich, die gibt es eigentlich garnicht, und man wird eines Tages seine Not mit ihnen haben, so transitorisch, so ungefähr erscheinen sie, als seien sie nur angedeutet. Sehr ausgesprochen ist nur das eine Merkmal, daß die wenigen großen Leute, die es noch gibt, so vorschnell, als seien sie abberufen, diese Welt verlassen. Welch erlesene kleine Schar bilden unsere heurigen Toten! Unter ihnen kein einziger Greis.
»Es ist eine an überragenden Persönlichkeiten sehr arme Zeit geworden,« stimmte er mir bei.
»Wenn Sie Umschau halten,« sagte ich, noch immer vom Kamin aus, »müssen Sie finden, daß Sie herzlich wenig Kollegen haben.«
»Für einen wahren Diplomaten,« bemerkte er, »genügt es heute nicht, nur Nationalist zu sein. Sein Blick muß noch weiter hinausreichen.«
Es entstand eine Pause, denn ich wollte nicht sagen, was ich dachte, da erschien ein soeben von Rom angekommener Sekretär seiner Botschaft unter der Tür. Zufällig hatte ich auch ihn vor zwei Jahren hier getroffen; er war damals ein Neuling in der Karriere und ich hatte mich im stillen gewundert, daß Barrère ihn so ohne weiteres für seinen »Stab« akzeptierte, denn er war mir recht talentlos, nichtssagend und langweilig erschienen. Und nun hätte ich ihn kaum wiedererkannt in diesem lebhaften, energischen jungen Manne, der sich mit so großer Präzision ausdrückte und dessen Wesen einen so eigentümlichen Ernst und eine so große Aufmerksamkeit verriet. Dies also war unter dem Einfluß eines solchen Chefs aus ihm geworden.
Von Rom her wußte ich, mit welchem Wetteifer sein Personal arbeitete. Vielleicht lag die Stärke seines Einflusses in der nie Kälte und Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobrietät seines Verhaltens. Was er aus sich selbst gezüchtet hatte, war die treibende Kraft geworden, die er in seine Leute hineinlegte und magnetisch sie bereicherte, um aus ihnen das äußerste an Arbeitsfähigkeit herauszuholen. Denn das Plastische war einfach seine Ader.
Ich dachte an Mottl, den Unvergeßlichen. Wie kraft seiner, nie Kälte noch Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobrietät der Geste selbst die Unbegabten und die Lauen unter seinem Banne zu Taten aufgerüttelt und mit fortgerissen wurden und sich selbst weit überboten, und er Funken seines eigenen Feuers aus _ihnen_ schlug, um Tongebilde auf goldenen Säulen ans Licht des Tages emporzutragen. Denn das Plastische war seine Ader.
Man hegt in Deutschland eine sehr bestimmte Meinung über Barrère, aber wenn er ein Siamese wäre, könnte uns sein Wesen nicht ungeläufiger und unbekannter sein. Als ich vor mehreren Jahren einen Aufsatz über ihn verfaßte, berief ich mich darauf, daß auch bei dem gewiegtesten Diplomaten ein Hauptgewicht auf sein Temperament zu legen sei. Und das Temperament Barrères sei das des Architekten.
Und so winkte ich lang, ehe es noch ein Marokko zwischen uns gab, mit Girlanden und Zaunpfählen meinen Landsleuten zu, die natürlich nicht die leiseste Notiz davon nahmen. Denn in keinem Lande ist es so unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Würden schon ergraute, wie bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Sängern ist Jugend bewilligt. Ich glaube übrigens, daß sich um dieselbe Zeit in Deutschland ein Mann vom Rang und Ansehen eines Barrère schwerlich herabgelassen hätte, sich mit solcher Schlichtheit über europäische Dinge hin und wieder mit mir zu unterhalten. Man wird mir einwenden, daß er sich den Luxus der Bescheidenheit gestatten durfte. Das war ja auch meine Idee.
Aber eben darum greife ich die Presse außer acht lassend, weiter zurück; denn die Zeitungen sehe ich nur mehr sehr flüchtig durch. Sie immerzu als aufgeregte Ohnmächtige zu handhaben, war auf die Dauer allzu lächerlich und zwecklos. Und so greife ich weiter zurück und sehe etwas Unheilvolles und Gefährliches in unserer Arroganz. Sie ist es, die unserem Verständnis französischer Wesensart so sehr im Wege liegt. Und sie ist das Bedenkliche und Hinzugekommene. Das Ominöse und Charakteristische bei gewissen Alldeutschen ist, daß sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der Besonnenheit behauptet und da Türen zuschlägt, wo sonst Gedanken wären . . .
Zwar wird heute hin und wieder, zwischen Deutschen und Franzosen, etwas von einem Sich-besser-kennen-lernen, niemals aber die Frage nach dem Sich-weniger-kennen ventiliert. Nun behaupte ich, daß die Franzosen uns unrichtig und ungenügend, wir die Franzosen aber gar nicht kennen. Außer unter den Künstlern habe ich niemals auch nur den leisesten Flair für französische Wesensart und Empfindungsweise bei meinen Landsleuten wahrgenommen.
»Panther« 1913.
ALARMGLÖCKCHEN
Wenn feine und feinste Nadelspitzen abbrechen, so werden sie bekanntlich stumpfer wie eine weniger dünne, die nicht entzwei ging. Feinste Nadeln sind also gerade in ihrer Feinheit gefährdet; sogenannte »feinste Kreise« seit etwa zehn Jahren in eben dem Sinne auch.
Diese Behauptung bitte ganz à l'Européenne aufzufassen, nicht aber mich deshalb als Sozialistin, denn ich bin garnichts.
Wer aber hin und wieder zum Wanderstabe greift und dann nach der Rückkehr am alten Fleck sich wieder umsieht, in dem drängen und schieben sich die Eindrücke wie Bücher in ihren Regalen zurecht, Bilder finden ihren Platz, und jener merkwürdige Vorgang, den man »vergleichende Geographie« zu nennen versucht ist, fängt an in seinem Kopfe zu entstehen. Dabei werden ihn die Verschiedenheiten, die er in der Fremde wahrnahm, natürlich viel weniger stutzig machen, als die Ähnlichkeiten. Ja, diese sind es wohl, die dann der Bereicherung durch das Gesehene fürs erste jenen leisen Untergrund von Ernüchterung beimischten, den der Heimgekehrte spürt. In Wien, Berlin, Paris, London, Rom liegen, trotz der verschiedenen Atmosphären, doch dieselben Dinge »in der Luft«. Als man anfing, geschmacklose Bauten zu errichten, baute man allerorts -- wie auf geheime Order hin -- geschmacklos. Vorm Buckingham Palace erhebt sich etwas nicht minder Scheußliches, als gewisse Neubauten in den Straßen Roms. Machte sich doch das Gemeine bis in die jüngste Vergangenheit besonders in Palästen, Banken und Bahnhöfen breit; ob es Millionen kostete, ob überall eine Anzahl Menschen die Hände darüber rangen, es setzte sich wie nach einem: Pardon wird nicht gegeben, überall durch.
Das geschmackvolle Frankreich bemühte sich hierin vor dem geschmacklosen Deutschland erfolgreich um den Rekord. Gewisse moderne Monumente im Park Monceau und in den Tuilerien sind sogar im Tiergarten noch unerreicht. Vielmehr ist man bei uns zuerst zur Besinnung gelangt, und es durften wieder anständige Häuser entstehen. Erst seit München sich des Hubertustempels erfreut, durfte in Piccadilly ein interessantes Bankhaus auf die Welt kommen. Denn wenn in Paris oder Berlin etwas in der Luft liegt, kommt in Wien einer darauf. Denn es gibt eine europäische Gemeinsamkeit der geistigen Einstellung allen Triple-Alliancen und Triple-Ententen zum Hohn, wie ja der Begriff Europäer sich immer mehr zusammenschließt, und wie ja die Idee eines europäischen Krieges wirklich mit jedem Tage geistreicher wird.
Und weil mir die Europäerin dabei einfällt: von ihr läßt sich wohl im großen Ganzen sagen, daß sie in aufsteigender Linie begriffen ist. Seitdem sie vernünftiger erzogen wird, nicht selten etwas Tüchtiges lernt, und nicht mehr so ausschließlich ihren Himmel in einer Verheiratung erblickt, während ihre Panik sich auf ein eventuelles Keinen-Mann-Kriegen konzentriert, seitdem haben sowohl der »Backfisch« wie die »Gans« ein wenig von ihrer typischen Rassenreinheit verloren. In den Köpfen der Mädchen wurde ja die Leere prinzipiell gezüchtet, und durch das bißchen Geographie und Klavier der bedauerlichen Tatsache ihres Nichtbeschäftigtseins nur noch mehr Nachdruck verliehen. Dies also ist -- allen Teilen zum Glück -- merklich anders geworden. Wir wollen uns daher nicht länger dabei aufhalten.
Ich glaube, eine aufsteigende Kurve ließe sich bei uns zu Lande auch für jene Kreise ansprechen, welche bislang die innere Bildung gleichsam in Pacht hielten, ihre Innerlichkeit aber leider auf Kosten ihrer Äußerlichkeit pflegten, Schönheitssinn mit Frivolität verwechselten und auch in ästhetischen Dingen sich durchaus als Protestanten dokumentierten.
Wer aber _nicht_ in aufsteigender Linie begriffen ist?
Ich sagte es ja schon.
Als ich zum erstenmal Gelegenheit hatte, es wahrzunehmen, traute ich allerdings meinen Augen kaum.
In feudalen Burgen der französischen Provinz fiel es mir zuerst auf, wie sehr das geistige Niveau der vornehmen Gesellschaft gesunken ist. Aber auch in Schlesien, Österreich, England und Bayern weiß ich von Schlössern mit wundervollen Deckengemälden und unnachahmlichen Stiegenrampen und köstlichen Lüstern, Schlösser, in denen es sich traumhaft lebt, umgeben von Dingen, alle edel und beglückend anzuschauen. Vom mittelalterlichen Söller direkt ins Auto zu steigen, neuester Komfort zu alter Pracht gesellt, hat seinen eigenen Reiz. Wenn dann der Gong ertönt, drehen sich schmucke Türen in ihren Angeln, und Herren mit blanken Gesichtern, schimmernde Damen betreten hoch erhobenen Kopfes, Neugier erweckend, den Saal. Und der erste Abend mit diesen geschmückten Menschen, die man noch nicht kennt, verbringt sich behaglich und charmant.
Wie kommt es nur, daß man schon im Laufe des nächsten Tages fein leise sich ins Dorf schleicht und in einem dringlichen Kartenbrief den Wortlaut der Depesche bestellt, welche dem verheißungsvoll begonnenen Aufenthalt ein rasches Ende bereiten soll? und daß man schon genug hat, und sich zu Tränen langweilt?
Woher kommt es nur?
Weil die Unbildung sehr zivilisierter Menschen von einer Öde ist, über die kein Feenpalast hinweghilft. Es hat mehr Würze, mit einer alten Taglöhnerin, die mit ihrem Bündel über das Feld zieht, ein Gespräch zu führen, als mit einer unwissenden und ahnungslosen Fürstin. Denn dort können unausgelöste Werte sein, hier aber starrt uns ein überzüchtetes und selbstzufriedenes Nichts entgegen.
In allen Ländern aber, in welchen ich gewesen bin, habe ich bemerkt, daß die »höchsten Kreise« eine gewisse Kurve zur Vergröberung genommen haben. Und ich hebe es hervor, weil es schade ist um uralte Geschlechter, Träger hochtönender Namen, die innerlich verbauern. Die Gefahr ist da. So gewiß es keinen Stillstand in menschlichen Dingen gibt. Wer sich nicht auf seiner Höhe erhält, d. h. sie immerzu fördert, der fällt von ihr. Schlösser, Paläste, die man ganz durchstöbern könnte, ohne ein gutes Musikstück oder ein nennenswertes Buch drin vorzufinden, sind nicht mehr vereinzelt.
1913 Neue Rundschau.
TORSCHLUSSTYPEN
Man hat den Futurismus vielfach als »beißende Satire« auffassen wollen, als einen Hohn auf die Kritiklosigkeit der Menge, für die kein Humbug grob genug sei, -- aber ich glaube da an keinen Spaß, höchstens einen, der dem Ernst zuvorgekommen wäre. Denn ich kann mir unsere Zeit ohne den Futuristen garnicht denken. Waren sie nicht als Nachzügler vor Torschluß noch gerade recht eingezogen, so würde den künftigen Dokumenten über unsere Epoche ein Blättchen fehlen. Nicht daß ich leugnen wollte, es sei ein grausamer Spaßmacher gewesen, der als erster den Futurismus »in Malerei setzte«. Es mag wohl eine Posse gewesen sein, ihm zu einem so drastischen Organ zu verhelfen und ihm »mit dem Pinsel zu kommen«; ich leugne nur, daß er durch die Malerei entstanden sei. Wer eine Anzahl junger Leute aus bestimmten Jahrgängen kennt, der sieht im Futurismus der Maler vor allem eine Inversion, und er wird den Maler nicht mit dem Modell verwechseln, weil dieses zufällig so gut getroffen ist, und in diesem Falle so leicht zu treffen war. So wird er nicht umhin können, zu finden, daß der Futurismus, rasch bevor er antiquierte (was seine unweigerlichste Bestimmung ist), durch die futuristischen Maler glänzend fixiert und der Nachwelt überliefert wurde. Ihre Bilder haben eine sehr schöne Zukunft, wenn auch nicht in der Malerei, so doch in der Kulturgeschichte, wo sie weniger ihren Rang, als ihren Platz einzunehmen bestimmt sind, um dereinst äußerst interessanten Quellenstudien zu dienen. Daß man tatsächlich einmal so malte, wird dabei von ganz relativem Interesse sein, wie nicht der Name des Schneiders von Belang ist, der diese oder jene wunderliche Tracht zurechtschnitt; wohl aber, daß man sie trug, daß man wirklich einmal so einherging. So wird künftig die merkwürdige Tatsache interessieren, daß es Personen gab, die genau so dachten und empfanden, wie es die futuristischen Bilder heute veranschaulichen.
Und wie ließen sich Leute, welche die Dinge ununterschiedlich sehen, besser als durch das Darstellen eines »Alleszugleichsehens« persiflieren? Solche Leute aber gibt es heute! Ich kenne sie sehr gut. Wollte ich sie aber beschreiben, so wird -- ich warne den Leser auch -- alsbald ein futuristisches Bild daraus werden.
Also solche junge Männer (sofern man sie Männer nennen kann), solche junge Männer also sehen auf den ersten Blick mit nichten wie die ausgemachten Narren aus, die sie doch sind. Oft manierlich und gut gekleidet (denn der aktive Futurismus, setzt ein gewisses Nichtstun voraus, und die Not machte ihm schnell den Garaus), können sie sogar durch eine gewisse sterile Urteilsschärfe in belanglosen Dingen, eine scheinbare Kompetenz in nichtssagenden Details über ihren vollkommenen Mangel an Verständnis recht glücklich hinwegtäuschen. Zudem sie mit ihrer eigentlichen Narrensprache nur unter ihresgleichen herausrücken. Nur da heben sie das Visier von ihren unheimlichen Ohrfeigengesichtern und gestehen sich lächelnd ein, wie unsagbar hoch sie über den Ereignissen des Tages stehen. Mit der den Narren eigentümlichen Schläue bringen sie es daher auch fertig, nie zu wissen, was alle Welt weiß, weil es unter ihrer Würde ist, zu erfahren, was in der Zeitung steht; sie finden das gemein. Sie _fanden_ es gemein, sollte ich besser sagen. Denn das ist ja das Witzige am Futurismus, daß er mit diesem Namen in Szene tritt, als die Futuristen schon aufgehört hatten zu sein, und zum Teil vernünftiger, zum Teil kleinlauter geworden waren. Schnell bevor sie ganz um die Ecke waren, nahm sie da der Futurismus noch beim Schlafittchen und entlarvte sie. Ihre kurze Blüte fiel in die Zeit der ersten Luftschiffahrten. Damals rannte einmal ein atemloses Stubenmädchen an die Stubentür eines solchen Jünglings und rief ihm zu, daß soeben ein Aeroplan über dem Dache flöge. Er zog daraufhin die Brauen hoch, begab sich zum Fenster, machte ein überlegenes Gesicht und zog die Vorhänge zu. Aber noch capabler dünkte er sich, wenn er inmitten einer durch Kriegsgerüchte oder eine schreckliche Katastrophe aufgeregte Menge geratend, von den grellen Plakaten, die an allen Straßenecken alarmieren, Kenntnis zu nehmen verschmäht. Denn er ist eitel wie ein Krämer, ein verkappter aber unverbesserlicher Bourgeois. Das Leben ist ihm ein großes Federbett, in dessen Daunen er seine Existenz so behaglich versenkt, daß von einem Überblick keine Rede sein kann. Gehört er (dessen chaotische Zustände gewisse Bilder uns heute veranschaulichen), gehört er doch ach! zu den zweifelhaften Produkten, die ein langer Friede zeitigen durfte. Seine Generation neigt ohnehin dazu, die Dinge zu nivellieren und die Abstände, die zwischen ihnen liegen, nicht zu merken. Er aber, als die Karikatur seines Jahrganges, nimmt überhaupt keine Unterschiede wahr. Für ihn gibt es kein Hoch und Niedrig, kein Gut und Böse, weder Scheidungen noch Schranken, nur seine berühmte Amoral, und eine weite Düne ohne jegliche Akzidenzen. Er wird es für absolut zulässig, was sage ich, er wird es für geistreich halten, seine Frau mit einer Kokotte verkehren zu lassen, wie er denn überhaupt zur Wertschätzung der Kokotte ungemein neigt. Infolgedessen ist er für das Verdienst, den inneren Wert, das Talent, das Genie, für alles, was die Menschen so unüberbrückbar voneinander sondert und was eine so strenge unsichtbare Hierarchie unter den Menschen aufrechthält, so unempfindlich und blind wie ein Tier auf der Weide. Er lehnt es ab zu vergleichen, er wird nie etwas verehren, wie es zu seinem unerläßlichen Merkmal gehört, daß er nie in den Dunstkreis eines bedeutenden Menschen trat. Er wird höchstens für etwas so Unvorhandenes wie die tote Mischfarbe einer Papierblume oder die erdichtete Kurve eines Mauseschwanzes Begeisterung äffen. Denn nichts ist ihm trostlos und öde genug, und was die futuristischen Bilder uns zeigen, _das ist er_.
Weswegen denn auch kein Wort, noch weniger ein Bild über ihn zu verlieren gewesen wäre, hätte er als Typ nicht etwas so Ominöses. Mag die Zeit noch so achtlos über ihn hinwegziehen, seine Existenz jagt doch das leise Grauen der Verwirrung ein, einer Verwirrung der Zeit selbst, wie jener grotesk-schauerliche Gedanke eines allseitig unerwünschten europäischen Krieges, den wir bei aller Rückständigkeit noch immer in die Zukunft rücken sehen. Auf die Möglichkeit solcher Verwirrung deuten -- für das Gefühl -- manche Verirrungen hin, die der Politik ganz fernab liegen: die allzuvielen unmännlichen jungen Männer dieser Epoche, die nur aus Verlegenheit ein Interim von Generation zu bilden scheinen, ja sogar so geringfügige Symptome wie die Ratlosigkeit der heutigen Mode. Den besten Schneidern fällt plötzlich nichts mehr ein, und die Kleider variieren in derselben Tonart provisorisch weiter. Vieles mahnt heute an die Ebbe, bevor die neue Flut ihre ersten Wogen ans Ufer wälzt.
1913 Neue Rundschau.
DER UNVERSTANDENE MANN