Part 11
In richtiger Distanz zu dem ewig fluktuierenden Katholizismus zu bleiben, ist ja eine so schwere und immerwährende Aufgabe, daß eine ganze Anzahl Katholiken, und gerade die sympathische Sorte, da sie sich nicht lossagen wollen, lieber Scheuklappen anlegen, als über ein so gefährliches und verwirrendes Thema nachzudenken. Und ich begreife sie sehr wohl. Seinem Geiste nach ist der Katholizismus etwas in seiner Vollgültigkeit wirklich zu Insgeheimes und zu Irisierendes. Für die Armen da, gewiß, aber wie ein König für die Armen da ist, so ist er in seinem unantastbaren Adel denen sogleich entzogen, die in ihn hinein geheimnissen oder ihm mit Anachronismen zu nahe treten. Denn er kennt kein Zurück; und durchschrittene Bahnen umkreist er kein zweites Mal. O wüßte Claudel, wie weit dieser Geist seiner versteinerten Muse entschwebt ist, wie wenig ihr erledigtes Mittelalter den Unaufhaltsamen trifft!
Wenn mir vorhin die Konvertiten einfielen, so geschah es, weil mir bei der Äußerung des Kardinals, die ich zitierte, unwillkürlich ihre erschrockenen Mienen vorschwebten. Der junge Diakon hingegen, an den sich die Worte richteten, vernahm sie mit einem beschaulichen Lächeln. Er sollte sich bald darauf durch einen zu fürwitzigen Modernismus seinem Seminar mißliebig machen, auch sollte ihm -- gerade nach Torschluß -- dünken, daß er für die Aviatik oder die Armee -- er stammte aus einer französischen Offiziersfamilie -- berufener gewesen wäre, als für den Priesterstand, den er offenbar ein wenig vorschnell erwählt hatte. In dieser Verfassung kam er nach München und besuchte mich hin und wieder. Bei seinem skeptischen Naturell konnte von einem Glauben, der Berge versetzt, nicht die Rede sein. Intelligent und rege, aber der Wissenschaft, der Technik zugewandt und ohne jede Einstellung für das Religiöse, läßt sich denken, wie ihm heutzutage in seinem Stande zumute sein mußte. Seine Ironie war zu wenig gespielt, sein Achselzucken zu vielsagend, seine Munterkeit zu sehr die eines gefangenen Eichhorns, kurz, sein Stichwort war die Qual, -- man brauchte es gar nicht lange zu suchen.
Eines Tages erschien er plötzlich zu ungewohnter Stunde, sich zu verabschieden. Es habe sich eine Vikarstelle für ihn geboten; ob er die annähme, wisse er noch nicht, und er zuckte die Achseln; doch jedenfalls kehre er nach Frankreich zurück.
Die Fenster standen groß offen, und es war ein Frühlingstag, daß ihn die Gestorbenen unter ihren Erdhügeln spüren mußten. Als eine verwegene Negation des Todes rauschte er mit allen Schauern herein, sein Licht hing sich wie ein Lockruf an den blassen und eleganten Abbé und hob mit so weher Schärfe die Tragik seines Daseins hervor, daß ich aufatmete, als er wieder ging. Doch gleich darauf hielt ich es selber im Hause nicht mehr aus. Draußen, unter freiem Himmel, angesichts der Straßen, der blühenden Anlagen, da gab es die vieljährigen Bäume, die oft erstorbenen und nun wieder ergrünten, und Menschen aller Art, erst da ließ sich das Schicksal des jungen Priesters wieder einreihen und erdrückte nicht mehr. Da erst konnte man sich ein Herz fassen, kalte Dinge in den Tag hineinzudenken.
Zwei Jahre waren vergangen, als ich ihn unvermutet wieder traf. Er hatte sich in einem Lyzeum ganz der Erziehung junger Knaben gewidmet, seine Hoffnungslosigkeit schien glücklich eingedämmt; ich fand ihn »zusammengerissen« und gefestigt, ohne daß er doch im Stillen von seiner Skepsis das geringste eingebüßt hatte; er zuckte die Achseln womöglich noch höher als zuvor, und nie war einer seines Zeichens der Dogmen so ungewiß.
»Warum gehen Sie nicht weg?« fragte ich starr.
»Es ist keine Sache, die man desertiert,« sagte er. Dabei kam ein so anderer Ausdruck in sein Gesicht, und ich begriff, daß eine Weihe wie die, welche er empfangen hatte, dem Flüchtling zum Brandmal werden müßte. Für den Augenblick wollte mir alles andere gering scheinen im Vergleich zu dem Leben dieses im eigenen Lager mißkreditierten und verdächtigten Abbés, der mit so großer Selbstverleugnung auf seinem Posten blieb. Weil _hinter_ diesem Katholizismus, dem wir doch sonst lieber heute als morgen davonliefen, das Rätsel steht, das wie eine noch ungehobene Monstranz weit hinaus über unser Dasein schimmert. Weil hier ein Seiendes inmitten der ewig zusammenstürzenden Gestalten seinen Bann ausstrahlt.
Wird mich der Leser verstehen, wenn ich ihm das Bild nenne, das da plötzlich vor mir aufstieg? Ein kleiner Reitertroß, welcher dem vorsichtig nachziehenden Heere voransprengt, verwehrte Grenzlinien erkundend, ohne Deckung, verfallen, namenlos, und dennoch vom Sturm seiner Gesinnung sich zu opfern hingerissen, weil dort einige Helden liegen müssen, wo die kommenden Vielen freien Durchzug über neue Brücken finden sollen. Und auch jene Kundschafter schwebten mir vor, die sich als erste in die mörderische Luft erhoben, um sie für andere zu besiegen. Von dem mystischen Generalissimus aber, der heute eine solche verschwindend kleine Schar durch seinen Geist beseelt und, vielleicht ohne es zu wissen, auf ihren gefährlichen Vorposten zurückhält, von Duchesne will ich nun sprechen.
II.
Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, das Bild des Mannes zu umreißen, der sich aus dem unmöglichen Kompromiß zwischen Skepsis und Gläubigkeit seine gedankliche Würde und Unabhängigkeit rettete, und -- klug wie eine Schlange -- die Desinvoltura seines Geistes bis in ihre kleinsten, spöttischesten Züge vorbehielt, während er sich doch als ein Gebundener aller Waffen begab; -- der heute mit einer Selbstverleugnung ohnegleichen als Trumpf einer Partei steht, die nur darauf sinnt, ihn auszustoßen, während er durch sein geistiges Prestige ihre Wagschale hält; -- der über die obskuren Tage, durch welche sich der Katholizismus durchringen muß, wie ein blühender Ast hinausreicht, und dessen Schatten so beseelt eine Schwelle überhängt, die er nicht beschreiten wird. Es gibt heute auf der Welt keine stolzere Gestalt, und keine, die so einsam steht, wie Duchesne. Nicht mit den Unbedachten und den Fanatikern, die blindlings ein zerfallendes Gemäuer verteidigen, sondern weil er dessen unerschütterliche Basis ergründete, nur deshalb verharrt er standhaften Fußes inmitten des immer hastigeren Gerölles. Gar manche Werte, als unvergänglich ausgegeben, wird es ja als vergangene vor sich hintreiben. Aber keine Kunst wird es dann sein und keines Scharfblickes wird es mehr bedürfen, sich zu einem Katholizismus zu bekennen, von dem die düstere, unziemliche und abgenützte Wörtlichkeit sich endlich löste!
Ich war zum erstenmal nach Rom gekommen und wußte noch nichts von Duchesne, als mich eines Tages Barrère auf die Gäste aufmerksam machte, die er für den Abend erwartete; er hob den soeben zum Monseigneur ernannten Abbé Duchesne vor allen anderen hervor und bestimmte mich in seiner impulsiven Art zu seiner Nachbarin. Nun war ich aber noch übertrieben jung, wenn man so sagen darf, und eine viel zu unwichtige Person, um von dem neuen Würdenträger geführt zu werden. Man beförderte mich also an seine Linke. Es war alles was sich machen ließ. Zu seiner Rechten saß -- zart und pariserisch -- die sehr reizvolle junge Gattin eines französischen Deputierten. Sie verstand es sogleich, sich mit einer huldigenden kleinen Phrase Duchesne zuzuwenden, und ich beneidete sie um ihre Sicherheit, erschrak jedoch, als sie ihn dann fast unverweilt auf religiöse Themen hin unternahm. Allein sie trug sich als strenggläubige Katholikin und ohne Furcht. Leo XIII., obwohl schon ein Sterbender, hatte sie noch empfangen und ihr seinen Segen gewährt . . . sie war so glücklich . . . dieser unvergeßliche Eindruck . . . »Und werden Sie sich einige Zeit in Rom aufhalten?« fragte Duchesne. »Ach nein, leider nicht.« Sie müsse wegen der ersten Kommunion ihres ältesten Kindes zurück.
»Schade,« sagte er.
Es entstand eine kleine Pause; man reichte ihr eben den Fisch, aber dann erklärte sie eifrig, sie wolle jedenfalls den Ablaß gewinnen, bevor sie Rom verließe. Hatte Monseigneur ihn schon gewonnen? »Non,« gab er zur Antwort, »j'attends qu'il y ait un rabais«. Und ohne aufzusehen, ließ er ihr ruhig Zeit sich zu sammeln. Ihr Gatte fing die bestürzte, fast hilfesuchende Miene nicht auf, mit der sie über den Tisch zu ihm hinsah, indes ich mich schnell zurücklehnte, um Duchesne mit einem unauffälligen Blick zu überfliegen. Mein Herz tat einen großen Ruck und stand horchend still. O, diese hohe, wie in kühner Abwehr geschwungene Braue! dies aufblitzende, bedrohliche Feuer des Auges! und welcher Ernst hinter dieser grimmigen Maske! Jene unverbriefte augenblickliche Sicherheit, zu der eine intuitive Erkenntnis hinreißen kann, trug mich da, -- des Pfeils nicht achtend, wo er lag -- schnurgerade zu dessen Ausgangspunkt hin. Nein, bei Burgunder und Salmi gab dieser Mann nichts zum Besten von dem, was der Brennpunkt seines Lebens war. Bedachte sie es nicht und zog sie keine Schlüsse, die anmutige Frau, die sich die Dinge zugute hielt, deren letzte Konsequenzen er trug? Sein zierlicher violetter Mantel, als seidenes Nichts über den Sessel zurückgeschlagen, hing er ihm nicht wie mit eisernen Schließen am Halse an? und entnahm sie nichts der so wenig klerikalen, der so priesterlichen Prägung dieser tragisch in sich gekehrten Züge? --
Ach! so neu war dies! wie wenn Berge zurücktretend ein Tal einlassen. Ich war so entzückt, daß sich mir alles festlich erhöhte: das Silberzeug wie neu gehäuft, als spende es seine Pracht zum ersten Male, und auch die Blumen!
Es ist leider nicht zu umgehen, daß hier zu viel von mir selbst die Rede ist, denn ich muß zur Erklärung manches einschalten. Mit sechs Jahren steckte ich schon in einem Kloster, das ich erst mit zwölf, beflügelten Schrittes, auf immer verließ. Der Begriff und das Hochgefühl, ja die Würde der Freiheit bestand für mich darin, daß ich nunmehr mit Klosterfrauen, spitzenbesetzten Heiligenbildern auf Tortenpapier, und den frommen und so faden Öldrucken, vor welchen es in keinem Saale, keinem Korridor, keinem Vorplatz ein Entrinnen gab, auf immer außer Kontakt treten durfte. Dies hatte der furchtbare Klosterjargon bewirkt, in den das Erhabene und Unbegreifliche, als wäre es so gegenständlich wie Reis oder Kaffee, ohne Unterlaß hereingezogen wurde. Kein Anlaß war zu gering, um uns von Gott zu sprechen. Schneller als man glaubt hat aber die geheimnislose Aufmachung des Geheimnisvollen das religiöse Bewußtsein eines Kindes zerstört, und es wendet sich so bald als möglich von einer Sache ab, die man ihm mit beschämend albernen Reminiszenzen behing. Ich war mit so mächtigen Aversionen aus meinem Kloster ausgetreten, daß ich mich fortan allen religiösen Erörterungen und dem Umgang kirchlicher Personen mit anstößiger Deutlichkeit entzog und meiner Abneigung für sie auch dann, ja dann erst recht mit wahrem Behagen treu blieb, als ich angefangen hatte, dem Problem des Katholizismus still für mich allein mit gespanntem Interesse nachzuhängen.
Und nun zurück zu jener Tafel: aber ich glaube, es werden einige schon begriffen haben, warum da mein Herz so plötzlich höher schlug.
Tags darauf bestürmte ich Barrère, mir zu einer Unterredung unter vier Augen mit Duchesne zu verhelfen. Ihnen kann er's nicht verweigern, und mich machen Sie für den Rest meiner Tage glücklich, beteuerte ich.
Aber Barrère ließ sich durch meine melodramatische Geste nicht beirren. Er dachte nicht, was ein jeder an seiner Stelle gedacht hätte: »die Kleine wird mich blamieren!« Er zögerte nur einen Augenblick lang, dann schickte er eine Zeile zu Duchesne hinauf: dieser wohnte nämlich im selben Hause, wenn auch nach einer anderen Himmelsrichtung und fast eine Viertel Meile Weges entfernt. Denn das Dach des Palais Farnese ist weitläufig wie ein Stadtviertel und birgt einen ganzen Komplex verschiedenster Wohnungen. Es hat sogar seine Slums, sozusagen, unkontrollierbare Schlupfwinkel, aus welchen allerlei lichtscheues Volk sich nicht mehr vertreiben läßt.
Duchesne schickte den Boten mit der Antwort zurück, daß er mich am folgenden Morgen empfangen könne. Als Leiter des Archäologischen Institutes hatte er eine hochgelegene, aber stattliche Flucht von Zimmern inne. Beklommen erstieg ich die vielen Stufen und begriff den Ansturm nicht mehr, der mich mit solcher Macht zu diesem Schritt getrieben hatte: er erschien mir plötzlich anmaßlich und ungenügend motiviert. Lag mir denn auch wirklich so übermenschlich viel an solchen Fragen? welchen Fragen? . . . ich wußte auf der Welt nicht mehr, was ich Duchesne sagen wollte, und angsterfüllt zog ich die Klingel.
Der Diener verneigte sich stumm, zum Zeichen, daß ich erwartet sei, und aus dem Halbdunkel trat eine Katze hervor, die sich ohne Zögern meiner annahm und mir voranschritt. Zwar hätte nichts farbloser sein können als Duchesnes Empfang. Mir jedoch, da ich vor ihm stand, verscholl alles Alltägliche, und alles Zufällige stürzte mir zusammen wie Kulissen, die aus dem Wege müssen und mein wahres Leben umgab mich wie ein Paradies. Kindheit und Jugend von mir fortgeweht und selbst die Jahre, die noch vor mir lagen, im voraus abgesponnen, gehörten mir nicht mehr an, keine Zeit, nur diese eine denkwürdige Stunde; kaum ein Geschöpf, nur ein Gedanke, so stand ich vor ihm; nichts von dem Zimmer wahrnehmend, in dem ich stand, nur den Himmel, der durch die Scheiben sah: rosige Wolkenstreifen über den Janiculus. Es ist Abend, dachte ich.
»Guten Morgen,« sagte Duchesne.
Doch ich blieb unter dem vagen Eindruck eines Abendhimmels und sah so klar, wie ohne diese unverhoffte Begegnung mein Weg sich verengte und ich abstürzte. Aber im magischen Schein dieses sinkenden Tages, der ein aufziehender war, dünkte es mir mit nichten wunderbar, daß der ausgerechnet einzige Mensch auf dieser Erde, vor dem ich mir -- wie ich nun einmal beschaffen war -- die Bestätigung, das »Geländer« dessen holen würde, was ich mir nun schon lange -- Sprosse für Sprosse -- trotzig aufbaute, hier vor mir stünde, mich zu vernehmen. Die Tatsache war schon vergessen, daß sich mein Leben bisher zu einer Mosaik heftiger, stets unerfüllter Wünsche mit erstaunlichem Tempo zusammensetzte. Stand doch auch mein Umgang mit Menschen damals im Zeichen des erbitterten, weil unstillbaren Wunsches, auf einen Stuhl zu steigen, und was ich gerade meinte oder dachte, furchtbar hinauszuschreien, um die Nichtachtung zu übertönen, die meine aperçus samt und sonders erfuhren. Die sogenannten reifen Leute pflegen ja den Werdenden jeden Kredit auf eigene Gedanken um so systematischer zu verweigern, je gedankenloser sie selber sind. Und doch trägt einer seine paar Ideen, wenn überhaupt, schon sehr früh mit sich herum, und sich selbst überlassen, kommt vielleicht nichts seiner Bedrängnis gleich.
Aber hier stand der gewaltige Duchesne, und ihm bekannte ich da in hastigen Umrissen die ganze Not meiner geistigen Existenz: Wie ich auf meiner Flucht vor all denjenigen Dingen, die mir so früh verleidet wurden, dem menschlichen Geiste auf allen mir zugänglichen Gebieten, nur nicht den religiösen, nachzuspüren begann, wie aber alle diese der Religion entfremdeten, oder sie ignorierenden, ja sie scheinbar negierenden Pfade, sich mir zu guter Letzt als Umschreibungen jener selben Mysterien bekundeten, deren Sinn, ja deren Wahrheit mir eine zu unumwundene und plumpe Wörtlichkeit so früh raubte; wieso ich die Leute nicht verstünde, die es sich untersagten, den Dogmen nachzuhängen aus insgeheimer Furcht, sie dann bezweifeln zu müssen, und wie feig, wie träge, wie wenig menschenwürdig mir dies erschiene; um so mehr als sie den spekulativen Gedanken auf das äußerste anzuspornen vermöchten, und es eine Art gab sie zu jagen und zu verfolgen, bis sich ihre Fassetten zu einer vieldeutigen Einheit blitzend zusammenballten, daran sich von neuem Alles erproben, die kühnsten, fürwitzigsten Spiele treiben ließe, die selbst mit dem schwindligen Kosmos bemessen, ihre Schwingung behielt . . . die vielen Wohnungen auch wirklich birgt, von welchen geschrieben steht, und also auch Hürden den Einfältigen gewährt; daß sich der Freie aber nur deshalb zufrieden gibt, weil hier ein Geheimnis hinter dem anderen lauert, und Unerforschliches hinter dem Erforschlichen wie im Sternenraume immer neue Kreise einbezieht. Eine solche Einsicht, meinte ich, in einem Zuge fortredend, hatte so sehr den Charakter des einreißenden Affektes, daß man wohl scheuen könne, ihn vor sich selber auszuplaudern . . . . daher das so sehr Fakultative dessen, was man Frömmigkeit nennt und für einen Bestandteil des Religiösen hielt, während es ein vielfach sich lösendes Abzeichen sei.
Duchesne unterbrach mich mit keinem Wort. Am Fenster stehend, und halb mir zugekehrt, hörte er mich an. Ich meine, wir sind so empfindlich geworden, gerade in solchen Dingen, fuhr ich fort, denn wir neigen so stetig vom Sichtlichen weg! Wem der Katholizismus seit Generationen im Blute sitzt, der scheint heute Nichtkennern unverständlich, fast hostil. Schon fordert er den Altar als Hintergrund für Priestergewande. Mönchstrachten und Klosterschwestern im Straßenbild sind nicht glücklich -- -- -- --
Die Sonne senkte Streifen goldenen Staubes herein. Bald wird sie sinken, dachte ich, und meine Worte fingen an sich zu überstürzen: durch das Überdauernde und Grenzenlose der Konnexe war eine Sache groß. Alle Künste aber strebten seit vielen tausenden von Jahren an den Schleiern unseres Kultes zu weben und waren von jeher durch den Pulsschlag oder den Gedanken eminent katholisch. Aber ein so flutendes Meer wurde zum ungespeisten Gewässer verdrängt, das universalste zum einschichtigen, die Sache, deren Schlagwort unbegrenzte Elastizität ist, zur verdrießlichen Enge. So kehrt fast jeder um, wo dennoch ein Weg über jene Himmelsbrücke bis zum alten Hellas hinüberreicht, das sich als gewaltiger Aufruf, als elementarer Auftakt der Messianischen Zeit aus der Versenkung hebt. Und die Gestalt des Erlösers . . . Hier brach ich ab. War es denn nötig, etwas hinzuzufügen? Mußte der Mann, zu dem ich mit geweiteten Augen hinübersah, nicht mit einem Blick erraten, wie sich auf dem eingeschlagenen Wege die Prinzipien, die man mich als Gegensätze gelehrt hatte, ins Unabsehbare versöhnten, und wie brennend ein solcher Verdacht mich innerlich einschloß und umzüngelte? Vielleicht hatten ihn schon viele geschöpft; ich konnte es nicht wissen, da ich ihn noch von niemand vernommen und zu niemand geäußert hatte. Unter den geistvollen und mir unendlich überlegenen Menschen, die ich schon kannte, war mir doch keiner vorgekommen, dem ich gerade in solchen Dingen die Autorität zugestanden hätte, mir diesen Verdacht zu bestätigen oder zu bestreiten; keiner, dessen Widerspruch mich nicht unbeschreiblich gereizt hätte, um dann anzunehmen, daß ich es selber besser wüßte . . .
Wozu hatte ich jetzt gesprochen, wenn dieser hier alle diese Dinge nicht erriet?
Monseigneur, schloß ich unvermittelt, täusche ich mich oder habe ich recht?
Und Duchesne antwortete mir ohne Zögern.
Aber mein Gehirn war plötzlich wie ausgelöscht und leer und ein Büschel Fräsien, deren Duft ich bisher nicht wahrgenommen hatte, ward überwältigend. Ihre archaische Seele ausatmend -- diesem ewigen Echo von Hoffnung, Frühling, unglücklicher Liebe -- bestimmten sie den Klang dieser Stunde und trugen ihre schwere und doch so beschwingte römische Luft, ins Unermessene hin.
Duchesne saß mir jetzt gegenüber und sprach unter anderem von den Katholiken Deutschlands.
»En Allemagne on aurait fait de moi un Döllinger,« sagte er, »ici on m'a fait Monseigneur.«
Und es fiel mir ein, daß Barrère sich fast ein wenig verwundert über die Befriedigung geäußert hatte, welche ihm diese Ernennung bereitete. Ich begriff die Genugtuung so wohl. --
Aber ich fühle, wie ungeduldig der Leser auf mich wird. Duchesnes Antwort ist es, die er wissen möchte, und ich kann sie ihm nicht sagen, denn mein Besuch ist kein Interview gewesen.
Genug, daß dieser wegen seines Liberalismus so viel angefeindete Mann der beißenden Sarkasmen, der bitter-frivolen Witze, sich als ein heiliger Priester entlarvte. Die Entdeckung, obwohl gleich bei der ersten Begegnung so vorschnell geahnt, war so wichtig, daß ich sogleich wußte, bevor ich es erfahren lernte: Daß mein Leben, was immer es mir bringen oder verwehren würde, dennoch in dieser Unterredung mit Duchesne seinen eigentlichen Abschnitt fand und in ein vor oder nach ihr zerfiel. Ja, ich verließ ihn so ganz von diesem Bewußtsein eingenommen, daß ich wie im Traum die vielen Stufen hinabging, die ich so bang erstiegen hatte. Vor dem kühlen Palast lag jetzt der Campo di Fiore in der Mittagsglut. Wo sich träge und lau, und doch nachhaltig wie ein Lied, sanfte Levkojen häuften, nahm ich meinen Stand, zu glücklich, um mich von der Stelle zu rühren. Nichts war ja sinnlos und alles hing zusammen.
Ein paar Tage später traf es sich, daß ich infolge einer Konfusion in Duchesnes Wagen von einer Gesellschaft mit ihm zurückfuhr. Wir sprachen dabei über das holperige Pflaster, die zunehmende Hitze und die mangelhafte Beleuchtung des nächtlichen Rom.
Als bald darauf bei ihm selbst ein Empfang stattfand, kam ich ihm nicht in die Nähe, und als ich mich in der Folge wieder nach Rom begab, suchte ich ihn nicht mehr auf.
Die Jahre verstrichen, ohne daß ich ihn wiedersah. Von dem neuen Kurs begünstigt, hatte einstweilen in den klerikalen Blättern des halben Kontinents jene berühmte Hetzjagd auf ihn eingesetzt, bei welcher er nicht besser als ein Ketzer behandelt und seiner Ernennung zum Mitglied der französischen Akademie mit täglich neuen Insulten entgegengetreten wurde. Ein Buch, das unter Leo XIII. niemand zu rügen wagte, stand plötzlich auf dem Index, und der Augenblick schien endlich gekommen, wo er, der ungerechtfertigten Angriffe müde, durch einen offenen Bruch entgegnen würde. Wenn die Nichtkatholiken darauf wetteten, so konnten ihn seine feindlichen Glaubensbrüder kaum erwarten. Aber ich wußte zu genau, daß er diesen den Gefallen nicht tun würde, um mich auch nur zu erkundigen, welchen Entschluß er getroffen hatte.
Es wurde Mittsommer über der häßlichen Campagne, ich war gerade in London und wollte nach Deutschland zurück, als ich durch eine Zeitungsnotiz erfuhr, daß Duchesne sich in Paris befand. Plötzlich lebte da übermächtig der Wunsch in mir auf, ihn wiederzusehen. Seine Adresse war schnell ermittelt, ich schrieb ihm, daß ich über Paris führe und fragte an, ob er mich empfangen wolle. Die Antwort war ein kleines Billet, mit sorglicher Angabe der Untergrundbahn und der Stationen, wo ich ein- und umsteigen müsse, um am schnellsten vom rechten Ufer zu ihm hinüberzukommen. Möglichst bald, denn er sei im Begriff, in die Bretagne zu fahren! Ich reiste sogleich, war abends in Paris, und kündete mich für den nächsten Morgen bei ihm an. An der Hand seiner Vermerke legte ich, bald über, bald unter der Erde, den komplizierten Weg zu seiner verlorenen kleinen Sackgasse zurück, in der sich zweistöckige Häuser altmodisch aneinanderreihten. Ich eilte eine Stiege hinauf, trat rasch durch eine Türe -- wie damals stand er am Fenster -- kein Janiculum mehr -- gesenkte Jalousien, um das Sonnenlicht zu dämpfen; wie damals wußte ich nichts von dem Raum um mich her. Ich hatte mich verschleiert, wie man das unwillkürlich tut, wenn man jemand nach acht Jahren wiedersieht; sein verändertes Aussehen aber war es, das ich mit Bestürzung wahrnahm. Nicht, daß er krank oder stark gealtert schien, es war noch das schnell bereite, fast bedrohliche Aufblitzen des Auges, die kühne und gebieterische Abwehr, aber es war auch die Furche des Kummers, etwas so Bitteres, ein so wühlender Gram, daß mir der Gedanke an König Lear durch den Kopf schoß, wie er in seiner Verlassenheit die sturmgepeitschte Natur zum Zeugen erlittenen Unrechts anruft. Es war nur eine andere Zügelung, aber es war dieselbe Gehetztheit.
»Sie wissen,« sagte er »auf welche Weise man mich zur Strecke zu bringen sucht.«
»Aber so vergebens,« meinte ich achselzuckend.