Wege und Umwege

Part 10

Chapter 103,569 wordsPublic domain

Nachdem sie 1374 die Pestkranken in Siena gepflegt, verbrachte sie mit mehreren Mantellaten und Mönchen, darunter der getreue Raimund da Capua, einen großen Teil des Jahres in Pisa, von der Bevölkerung und von dem Tyrann Gambacorti begeistert aufgenommen. Dort pflegte sie häufige Unterredungen mit dem Gesandten von Cypern, der sich auf dem Weg nach Avignon befand und ihr Umständliches über die Mohammedaner berichtete, gegen die er den Papst zu einem Kreuzzug überreden sollte. Von diesem Gedanken ließ die Heilige nicht los. Sie schrieb an die Fürsten und Feldherrn Italiens, an Carl V. von Frankreich drei dringende Briefe, an die Königin Johanna von Neapel, an den Grafen Monna Agnola, und wendet sich unverzagt an Männer wie Barnabo Visconti und den Condottiere Hawkwood. Allein in ihrem so beherzten und naiven Verfahren leuchtet zugleich ihre große intuitive Menschenkenntnis hervor und ihr praktischer Sinn; denn das eigentliche Gebiet der Catharina von Siena ist nicht die Zelle noch die Krankenpflege, so mutig und groß sie sich dabei bewährte, sondern die Politik und die Diplomatie, eine Diplomatie freilich, deren ganzes Geheimnis Friedensliebe ist und Mitgefühl, und welcher trotzdem ein unleugbarer und großer Einfluß auf die Geschichte Italiens nicht versagt blieb.

Es war ihr Traum, daß die Fürsten der Christenheit ihre Fehden schlichten, um sich zu einem Kreuzzug alle zu vereinen. Es wurde auch wirklich daran gedacht, den Condottiere schwebte schon die reiche Beute vor, die ihrer im Lande der Ungläubigen wartete, und einen Augenblick durfte Catharina an die Erfüllung ihrer Hoffnungen glauben. Allein die Empörung Italiens wider die päpstlichen Legaten, die bald darauf ausbrechen sollte, machte ihre großmütigen Pläne zunichte. Catharina schrieb an die Konsuln von Bologna, schrieb an den Papst und faßte damals schon den Gedanken von der Notwendigkeit eines römischen Papsttums und seiner Rückkehr in die Stadt des hl. Petrus. Sie kam indessen wieder nach Siena und erfuhr dort, welche unheilvolle Wendung der Aufstand in Florenz genommen hatte: statt des Kreuzzuges sieht sie nun die Städte Italiens im Kriege wider den Stellvertreter Christi und die eigene Vaterstadt dem Bunde gegen ihn beitreten. Florenz aber, den eigentlichen Herd des Aufruhrs, dem schwersten Interdikt verfallen, das je eine Stadt betroffen hatte. Durch den päpstlichen Bannfluch fand es alle Häfen verschlossen und sah bald seinen ganzen Handel ruiniert. Da wandte sich Soderini im Namen der Kriegspartei an Catharina, von deren Einfluß auf Gregor er vernommen hatte, um sie als Vermittlerin zum Papst nach Avignon zu entsenden. Es lag nicht in Catharinas Natur, sich einem solchen Wagnis zu entziehen. Im Mai des Jahres 1376 ist sie in Florenz. Von Soderini, in dessen Hause sie wohnt, wird sie der Signoria vorgestellt und steht alsbald inmitten ihrer diplomatischen Aktion. Schon am 18. Juni hat sie Avignon erreicht, begleitet von 21 Gliedern ihrer geistlichen Familie, Mantellaten und Mönchen, dem treuen Raimund und Stefano di Maconi.

Man kann nicht sagen, daß die schweren Aufgaben, die Catharina stets so schnell entschlossen übernahm, ihr je erleichtert worden seien, und es zeugt für die Reinheit ihrer Ziele, daß sie durch keine Mißerfolge in ihrem Eifer erlahmte. Der Friede mit dem Papste scheiterte sowohl an dem Verhalten der Signoria, worüber wir bittere Klagen in ihren Briefen vernehmen, als an mancherlei Intrigen von seiten der Kardinäle. Catharina war den Gesandten von Florenz vorausgeschickt worden, um deren versöhnliche Gesinnung dem Papste zu verkünden. Als nun diese Gesandten nach langem Zögern in Avignon eintrafen, erklärten sie keine Vollmacht zu haben, mit Catharina zu verhandeln; von den Beratungen, die nun stattfanden und die zu einem neuen Bruche führen sollten, blieb sie ausgeschlossen. Die Vorschläge der Signoria an den Papst wurden als unannehmbar verworfen, das Interdikt aufrechterhalten und die Kriegserklärung von neuem ausgesprochen. Ergrimmt verließen die Gesandten Avignon; Catharina indessen, die noch eine andere Mission erfüllen mußte, blieb zurück. Es war Gregors frommer und geheimer Entschluß, das Papsttum nach Rom zurückzuführen. Aber die Kardinäle, die nahezu alle Franzosen waren, der Hof, Gregors Umgebung, seine eigene Neigung stand diesem Entschluß so mächtig entgegen, daß er ohne Catharina schwerlich zur Ausführung gekommen wäre. Allein gegen so mächtige Widersacher, zu welchen sie den Herzog von Anjou, des Königs eigenen Bruder, zu rechnen hatte, unternahm sie jetzt den Kampf. Aber Catharina hatte von Anfang an viel Einfluß auf Gregors hohe Seele gewonnen. In ihren Briefen an ihn spiegelt sich seine eigene liebenswürdige Natur, an die sie also zärtlich, naiv und stürmisch zugleich sich wenden kann. Denn Catharina war eine Herrschernatur: ein tyrannischer Zug geht sehr deutlich aus ihren Briefen hervor. Wie sie ihre Kreuzzugspläne nie aufgeben will, so läßt sie nicht nach, dem Papste die Reformation der Kirche, die Beseitigung der schlechten Hirten und der Mißbräuche vorzupredigen. Zwar kann ihr die Schwierigkeit eines solchen Unternehmens nicht verborgen sein, denn diese heilige Jungfrau hat für die Verderbtheiten der Menschen einen sehr durchdringenden Blick; allein es ist, als sei ihr als Ziel das Unerreichbare gerade recht.

Sowohl für die Zeit als für die Art der Abreise Gregors sollte ihr Rat bestimmend sein. Noch einmal zwar bedarf er ihres anfeuernden Mutes, um seinen Entschluß zu Ende zu führen, denn schon hatten sich andere Einflüsse geltend gemacht und ihn zur Rückkehr nach Avignon bewogen, als er nach einer stürmischen Seefahrt in Genua landete. Dort aber hat ihn die Heilige, die ihm auf dem Landweg vorausgekommen war, erwartet. Es finden geheime nächtliche Unterredungen zwischen den beiden statt, und wieder erweist sich Catharinas begeisterte Sprache siegreich über eine mächtige Partei, Gregors Unentschlossenheit und das Widerstreben der Kardinäle. Jetzt erst kehrte die Heilige, die ihre Aufgabe für erledigt hielt, nach Siena zurück. Dem feierlichen Einzug Gregors in Rom, den sie herbeigeführt, wohnte sie nicht bei, sondern war still zu den Ihren zurückgekehrt. Doch sollte ihr hienieden keine Ruhe mehr beschieden sein. Bald darauf ist sie auf Gregors Wunsch wieder in Florenz. Soderini, das Haupt der guelfischen Partei, hatte sie abermals dorthin berufen und in seinem Hause aufgenommen. Es neigten jetzt alle rebellischen Städte zum Frieden mit dem Papste: in Florenz war die guelfische Partei eifrig darum bemüht, und im Vorfrühling 1378 kam zu Sarzano glücklich ein Kongreß zusammen, als die Kunde von Gregors Tod die Verhandlungen unterbrach. Erst unter dem neuen Papste, dem der Friede mit Florenz dringend am Herzen liegen mußte, kam er zum Abschluß. Catharina, unversehens zum Werkzeug einer politischen Partei mißbraucht, war indessen durch Ausschreitungen der Guelfen in eine sehr schiefe und mißliche Lage geraten. Es kam soweit, daß ein Pöbelhaufe, von den Ghibellinen gegen Catharina aufgestachelt, Soderinis Haus umstellte und niederbrannte, um dann unter wilden Verwünschungen in den Garten einzudringen, in welchen sie mit einem Teil ihrer geistigen Familie geflüchtet war. Catharina aber eilte da selbst dem Führer der Rotte, der mit gezogenem Schwert auf sie losstürzte, entgegen, und ihre heitere Miene, ihre ruhigen Worte erfüllten ihn mit solchem Grauen, daß er entsetzt sich von ihr abwandte und seine wütende Schar hinwegführte. Sie aber brach in Tränen aus, weil ihr das lang ersehnte Märtyrertum versagt worden war.

Sie machte wenig Worte aus der Begebenheit und streifte sie nur flüchtig in einem Brief an Gregors Nachfolger Urban VI. Dieser Papst setzte in Catharina ein unbegrenztes Vertrauen, und als er bald darauf durch das Schisma und den Abfall seiner sämtlichen Kardinäle in die furchtbarste Not geriet, berief er die Heilige nach Rom. Noch einmal ergehen da ihre Briefe an die Fürsten und Kardinäle, die frommen Genossenschaften und Klöster, sie zur Treue für Urban aufzurufen. Auf ihr Zeichen eilen heilige Männer aus ihrer Zelle, ihrer Einöde herbei. Gestützt auf Catharinas klugen und umsichtigen Rat, gelingt es Urban, eine neue Anhängerschaft um sich zu sammeln, und mit fieberhafter Eile ist Catharina um seine Sache bemüht. Denn ihre Kräfte sind aufgezehrt; sie fühlt die lang ersehnte Nähe des Todes. Zum letzten Male schreibt sie an Urban, ihn zur Milde ermahnend, und an den getreuen Raimund, der in der Ferne weilt. Am 29. April 1380 stirbt sie »mit dem Angesicht eines Engels« im Alter von 33 Jahren. Von einer inneren Stimme gerufen, war Stefano di Maconi an ihr Sterbelager geeilt. Auf seinen Schultern trug er sie zu Grabe. --

Catharina hatte wahr gesprochen, als sie im Scheiden ihren geistlichen Söhnen und Töchtern, die sie weinend umringten, verhieß: sie würde vollkommener mit ihnen sein, und vorteilhafter von dort, als sie es hienieden vermöchte. Gegen die Stürme, die nunmehr dem Papsttum beschieden waren, hätte Catharina nichts vermocht, und ihre Mission auf Erden war erfüllt. Ihr lag das Unanalytische zugrunde, das die Großen des Mittelalters kennzeichnet. Die _Menschenliebe_ war das Geheimnis ihres Herzens. Ihr Suchen nach Gott und göttlichen Dingen hat bei den anderen Mystikern einen mächtigeren, transzendentaleren Zug. Gott ist wohl der Ausgangspunkt ihrer Mystik, die Menschheit aber deren Ziel; man könnte sie eine auf die Menschheit angewandte Mystik nennen; wie uns ja auch ihre Beziehung zur Gottheit mehr durch ihre eigenen Heilandszüge als ihre Unterredungen mit Gott beglaubigt wird. Sie hat nicht die Ader eines Franz von Assisi, nicht den Flug eines Ekkehard, noch die Lichtblicke eines Jakob Böhme. Im rein Beschaulichen zeigt sie sich nicht versonnen, noch von reicher Imagination. Auch für die tiefsinnigsten Probleme ist sie's zufrieden, den Boden des Katechismus zu durchmessen, und das Rätselvolle, Vieldeutige und Heimliche eines Ausspruches ist für sie nicht vorhanden; denn der eigentliche Sinn dieser Ekstatikerin ist das Reale. Ihr staatsmännisches Talent verrät sich in der starken Logik, dem Aufbau ihrer Briefe; vielleicht fällt gerade das Unspekulative ihres starken Geistes mit ihrer politischen Begabung zusammen, wie dies in größerem Maßstab bei Dante zutage trat, und ihre Briefe sind deshalb von ungleich höherem Interesse als ihre anderen Schriften, weil sie uns von dem Interessantesten an Catharina -- und das ist ihre Persönlichkeit -- am meisten verraten.

Mit diesen Briefen geht es uns wie mit ihr selbst und wie es so vielen ihrer Zeitgenossen ging, die ihr voll Abneigung entgegentraten und ihrem Banne verfielen: so möchten wir zurückschrecken vor der Monotonie einer so einseitigen Weltanschauung und verfangen uns an dem Feuer eines so reinen und kühnen Herzens. Catharina wäre uns heute so stumm wie viele ihrer heiligen Genossen, die im Kalender stehen, wäre sie nicht als Frau so unvergänglich! -- modern bis in die Fingerspitzen -- als Frauenrechtlerin vielleicht die einzige, die ganz unserem Geschmack entspricht. Wie sie mit der Sitte, mit allen Konventionen bricht, wie diese Jungfrau, die Mönche und junge Ritter ihres Alters in ihrem Gefolge hat, frei und königlich einherschreitet und wie leicht und wie von selbst sich ihre Ausnahmestellung in der Welt ergibt, und wie hochgebildete Männer den Rat der Färberstochter einholen und der Spott der Rauhen vor ihr verstummt.

Das Geheimnis? -- Ihr Geist allein war es nicht: eine so überbietende Gewalt hat der Geist einer Frau niemals. Das Überbietende an ihr war die Natur, und man möchte die italienische Volksseele darum beneiden, eine Blüte wie Catharina gezeitigt zu haben. Das mystische an Catharina ist sie selbst: Alles was Dianenhaftes in einer Frauenseele schlummert, griff sie leuchtenden Armes hervor. Bis zum innersten Kern eines unklaren und geheimnisvollen Dranges getrieben, erhebt sie ihn zu mächtiger Bewußtheit, zu einem Typus höchster Jungfräulichkeit sich entfaltend. Sie darf es verschmähen, hinter Klostermauern sich zu verschanzen und dem Manne, den sie in sich ausgeschieden, in ihrer männerliebenden Seele zu entsagen. Weit überragt ihre Bedeutung den Rahmen eigentlicher Heiligkeit. Ihre zarte Gestalt zieht wie ein Mythos am Himmel der Heiligen auf, und unwillkürlich erinnert sie an jene Worte des Psalms, die Christus an seine Jünger richtete -- Worte, deren Geltung er ausdrücklich für den Menschen aufrechthielt und die an ihrer schlichten Seele vorüberhallten: »Ihr seid Götter!«

»Weißt du, liebster Sohn, daß bald ein größeres Verlangen, das du hast, erfüllt werden wird?« sagte sie zu Maconi. »Was ist das für ein größeres Verlangen, das ich hätte?« sagte er. Und sie: »Frage in deinem Herzen!« Worauf Maconi: »In Wahrheit, ich weiß kein größeres Verlangen in mir aufzufinden, als immer bei Euch zu sein.« Darauf sie rasch erwiderte: »Und das eben ist es!« -- Und nimmt ihn mit nach Avignon.

Ein solches Wesen mußte das feinbesaitete und stille Gemüt Gregors entzücken. Und wie gut durchschaut und kennt ihn Catharina! Ihn bestürmt und drängt sie und macht ihm Vorwürfe, und wieviel zurückhaltender, vorsichtiger, und unfreudiger ist dagegen ihre Sprache dem schrecklichen und ungeschickten Urban gegenüber. Auch ihn nennt sie ihr »süßes Väterchen«, aber sie holt weiter aus, um ihn zur Milde zu ermahnen; sie weiß, die von ihr ersehnte Reformation ist von ihm nicht zu hoffen: was er anfaßt, kann er nur zertrümmern. Aber an ihr findet Urban in seiner Not seinen festesten Halt: denn immer bleibt das stärkste Mobil in ihrer Seele die Treue einer Kirche gegenüber, in deren Dienst sie sich verzehrte. »Ich sterbe und kann nicht sterben!« ruft sie oft in ihrer Sorge, wenn ihr prophetischer Geist ihr die bevorstehenden Leiden und Kämpfe verkündet.

Was mögen ihr für Bilder vorgeschwebt sein, wenn sie eine Reformation der katholischen Kirche verhieß?

Es ist nicht auszudenken, was die Geschicklichkeit, die Friedensliebe und der unparteiische Sinn der stürmischen, nie ungestümen Catharina verhütet haben würde in den verhängnisvollen Tagen, die ein Jahrhundert später sich bereiteten.

(Zeitlers Verlag.) Die Briefe der hl. C. v. S. 1906.

DAS LEBEN DER HEILIGEN WALPURGA

Welch' goldumwobene Täler tun sich dem Blicke auf, der einzudringen sucht in das Wesen des Wunders! Der Schwung, der den Menschen vom Tiere weg zu einem neuen Tag und neuen Ufern hinwies, fuhr fort, ihn zu bewegen. Vom niedrigsten zum höchst Gearteten gähnte schon ein Abgrund, als der Heilige neue Höhen erklomm. Mußte der weit überbotenen Natur, mußte diesem neu geschaffenen Erdreich das Übernatürliche nicht »natürlich«, wie die Blume dem Abhang entsprießen?

Der Tod, so heißt es, sei durch die Sünde in die Welt gekommen. Aber dem wirklich Wahren ist ja stets von mehr als einer Seite beizukommen, und es trägt stets ein doppeltes Gesicht. -- In der Idee des Menschen lag das Prinzip des Todes nicht enthalten. Es war nicht gemeint, daß er sterbe. Die Torheit und der Schimpf des Todes waren ihm nicht zugedacht. Es entsprach ihm nicht, daß er modere; noch solcher Möglichkeiten, wie daß der Wolf oder die Hyäne ihn, den Herrn, stumpfsinnig zu seinem Fraß erniedrige. _Dies_ war von einem höheren Plane aus gesehen _wider die Natur_. Nicht aber, daß unter den Füßen des Gottmenschen ein aufrührerisches Meer sich wie zu Marmor-Fließen glättete, um seine Schritte hinzutragen.

Nur dem Chaos sehen wir Halt geboten, nur die Ordnung scheint uns hergestellt, wenn wir vernehmen, daß Walpurgas Leichnam unversehrt gefunden wurde und ihr blühweißes Gebein von einem duftenden Oel tauartig troff. Gott allein weiß, wen er zu ehren hat. Daß er in das Herz des Menschen sieht, heißt soviel, als daß der Mensch es _nicht_ sieht. Denn seine Psyche ist ein Angesicht, nur für ein höheres Ich ersichtlich. Und wenn es heißt, daß reine Herzen Gott schauen werden, so heißt dies, daß Gott sie schaut. Und darum heißt es, daß der Herr des Lügners Angesicht nicht sieht und seine Stimme nicht hört. Denn sein Augenstrahl dringt nur zu dem was ist. -- Ach, zwei Welten gibt es, die einander meiden müssen! Wo das Seiende seinen stobenden Funken auf die Welt des Scheines hinschlägt, da ist ihr starres unabwendbares Gesetz ungewesen und zerflossen. Wie jene Strahlen, die Fleisch und Blut übersehend, sich nur auf Wirbel und Knochen richten, so ist ein Auge denkbar, das absieht von Bergen und Wolken und Kuppeln, Dächern, und der menschlichen Hülle. Ein moderner Denker hat jene vageste und zugleich bestimmteste Art des Fassens zu Ehren gebracht, die ein auf das verstandesmäßige Sehen verzichtleistendes Schauen ist -- jener unter Schutt und Gebälk ringende Funken, Intuition genannt, kraft deren sich die Kreatur ihrem Joche entzieht und das Unfaßliche erfaßt.

Der Pförtner, der sich eines Abends weigerte, Walpurgas Befehle auszuführen, und die Lichter ihres Klosters anzustecken, ist das Bild des unintuitiven Menschen, der immerzu sieht und nie erschaut, indes Walpurgas lauterem Herzen ein Licht entquoll und ihre Gestalt umflutete, die mitten in der Nacht so hell zu leuchten begann, daß die Schar der Nonnen bestürzt herbeieilte und sprachlos vor Staunen die Strahlende umringte.

Aber die dem Unwahren überwiesene, vom Schein genarrte und gefolterte Kreatur hat das nur der Intuition erkennbare Wahre diskreditiert und das Wort Mirakel dafür gesetzt.

1911.

BEI DUCHESNE

I.

Seit ich über die heilige Catharina und die heilige Walpurga schrieb, sind nur wenige Jahre verflossen, und doch ist es schon nicht mehr dieselbe Zeit. Jetzt erst realisiere ich, wie reizvoll es war, religiösen Problemen nachzuhängen, während sie so ziemlich niemand interessierten. Ich sage dies nicht aus Hochmut. Es sind Beleuchtungsfragen, und jeder kennt ja ihren Belang. Wir wissen, daß eine zu offene Helle die Dinge schlagen und ihrer Intimität berauben kann; wie sehr dagegen jenes andere gehemmte und entkräftete Licht alles verstärkt und verdeutlicht, was es bestrahlt; -- Mitsommers vielleicht, während das voll entfaltete Laub regungslos unter dem bedeckten Himmel hängt.

Eine frühe, noch ungewohnte Christenheit sah alles so grell, daß sie verwirrten Sinnes die Geschichte ihres Kultus wob. Aber seit Dezennien, ja seit Jahrhunderten schon hat sich ein stetig wachsender Indifferentismus wie Wolkenbänke aufgeschichtet. Die Dinge der Religion ließ man links liegen, hörte auf, sich zu ereifern. Immer weiter glitten sie wie Abgeschiedene von uns weg, und immer weniger »gehörten sie her«.

Merkwürdigerweise gärte dabei das christliche Agens wie ein Sauerteig in unserer entfrommten Welt unbeschadet weiter, fand andere Ventile, und pflanzte sich in unserer Philantropie wie zu einem blühenden Stabe auf. Es war erstaunlich zu sehen, wie gut gerade der Katholizismus es vertrug, daß man ihn in Ruhe ließ, und abgewandten Sinnes lieber fliegen, forschen und entdecken lernte. Ja, es schien, als atme er indessen von den Strapazen unserer tausendjährigen Mißverständnisse auf; sachte begann er schon der bitteren, unleidlichen Rinde sich zu entziehen, in die Menschenhände ihn verbaut hatten, glitt einer neuen Kurve zu und evoluierte wie ein Planet. Ja, man kann sagen: seine Idee evoluierte in dem Maße, als seine Dogmen an Presenz und Deutlichkeit verloren. Nichts gleicht ja so vollkommen einer Kugel als diese Idee. Und so drehte sie sich nur um ihre Achse, als sie, ohne doch von uns abzurücken, wie der Neumond unserem Gesichtskreis entschwand . . . Aber leider sind wir daran, ihn auf seiner Bahn noch einmal störend aufzuhalten. Aus der Penombra unserer Gleichgültigkeit soll er noch einmal vorschnell ans Licht, und wenn nicht alles trügt, so kommt wahrhaftigen Gottes der Katholizismus jetzt in Mode.

Auf irgend einen Umschwung mußte man ja gefaßt sein. Mit der Liebe als »Topic« ist es bekanntlich vorbei, sie muß sich erst von der Publizität erholen, die wir ihr ein Jahrzehnt lang angedeihen ließen, so daß wir eine Zeitlang lieber nichts mehr von ihr hören. Wer hinzukommt, wie ein Rad ausläuft, der harrt der neuen Schwingung: so sind heute die Unerfahrensten blasiert. Und daran ist ja nichts auszusetzen. Wohl aber, daß man darauf verfiel, nunmehr das Religiöse gewissermaßen als Novität auf seine Zugkraft hin zu erproben! Auch der laueste Katholik sieht heute entsetzt, wie die Literaten deutlich Miene machen, den Katholizismus zu »entdecken«. Nicht als Ausübende versteht sich, nur als Imaginäre, die allen Ernstes glauben, aus Sport, und wie man Wagnerianer und später Antiwagnerianer war, so könne man auch katholisch sein. Ein grotesker Wahn, wenn man bedenkt, daß der Begriff Amateur-Katholik so wenig wie der des Amateur-Soldaten existiert. Und zöge einer in Helmbusch und Epauletten einher, und würfe sich gar in eine Generalsuniform, weil sie ihm so gut gefällt, so hätte er doch erst recht mit militärischen Dingen nichts zu schaffen; es sei denn, daß er dem Stande beitritt und sich dem Drill unterzieht. So fragt der Katholizismus nicht nach Velleitäten, er fragt nicht, wer für den Pomp seiner Zeremonien und Gewänder, auch nicht, wer für den suggestiven Zauber des Meßopfers schwärmt, sondern er fragt nur, wer eingeht durch das kaudinische Joch, das bis auf weiteres den einzigen Zugang bildet zu einer ehrwürdigen und wetterfesten, aber der Umgestaltung so dringend benötigenden Feste, daß nur mehr die ganz Einfältigen, die freiwillig Gedankenlosen oder Leute von sehr merkwürdiger Abstraktionsfähigkeit ihre Besatzung bilden. Und er fordert von diesen Wenigen, daß sie es über sich bringen, die wankende Burg um ihres ewigen Grundrisses willen nicht zu verlassen. Er fordert, daß sie, wenn auch ohne Illusion und des Einsturzes gewärtig, den täglich unleidlicheren Verhältnissen sich fügen. Er fragt nicht, welche Grimassen sie dabei schneiden. Es genügt ihm, daß sie nicht ausziehen. Denn er bedarf ihrer als Pfeiler für den kommenden Umbau.

In Rom, bei einem Kardinal, der ein sehr heiliges Leben führte, war eines Tages im engsten Zirkel von der letzten Papstwahl die Rede; und auch von den politischen Intrigen, die damals in allen Kanzleien so üppig und offenkundig in Blüte kamen, daß am Tage der Entscheidung einer der Botschafter mit der Prognose: »Ce sera un petit pape« -- im Gegensatz zu Leo XIII. -- unumwunden herausrücken durfte. Der Neffe des Kardinals wagte zu bemerken, daß sich der hl. Geist während dieses letzten Konklaves sehr passiv verhalten habe. »Et vous croyez«, sagte der Kardinal, nicht etwa ironisch, sondern mit der Fassung und erfahrenen Gelassenheit des Veteranen: »Et vous croyez, que dans cent ans nous aurons encore ces chinoiserieslà?« Mögen manche Katholiken ungläubig die Köpfe schütteln, mögen sie den Neokatholiken unbegreiflich dünken; dies waren seine Worte. --

Ich möchte hier etwas über Konvertiten einschalten. -- Zwischen ihnen und den angestammten Katholiken herrscht so oft eine merkwürdige Fremdheit, als wären sie gar keine richtigen Glaubensgenossen. Der alte Bau, der für die Einen die edle Patina der Jahrhunderte trägt, steht wie frisch getüncht und so hart und plötzlich -- und so neuartig vor den Augen der anderen. Nichts von seinen Herrlichkeiten ist ihnen noch geläufig. Als nouveaux riches sind sie über Nacht zu dem gelangt, was den Erbangesessenen selbstverständlicher Besitz ist. Daher nichts Vornehmeres, aber auch nichts Selteneres als ein Parvenu -- oder ein Konvertit, -- dem man's nicht anmerkt.