Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte

Part 3

Chapter 33,612 wordsPublic domain

»Ich möchte in die Kriegsbetstunde in der Gedächtniskirche«, antwortete die Mutter, »es wird mir schon nichts geschehen!« »Dann will ich mit dir gehen und dich führen«, rief Helmut schnell. Sie nahm sein Anerbieten gerne an. Schon auf dem Wege zum Tram bereute er ein wenig seinen schnellen ritterlichen Entschluß. Dort in der Kirche gab es gewiß viele Frauen, die weinen würden, das war ihm höchst peinlich. In dem Tram stellte er sich recht deutlich vor, wie seine Mutter mit gebrochenem Fuß mitten auf dem Damm liegen und womöglich noch ein Auto kommen und sie überfahren würde. Auf diese Weise überzeugte er sich, daß es von großer Wichtigkeit sei, wenn er an ihrer Seite bliebe.

Sie saßen oben auf dem Chor. Helmut blickte auf die goldenen Mosaikwände, auf denen im gedämpften Licht des Kronleuchters Engel mit farbigen Flügeln, Gestalten von Aposteln und Heiligen erschienen. Solche Pracht sah er noch nie. Sie diente zum Rahmen für die Frauen, die das Schiff der Kirche in dichtgedrängten Reihen füllten; gar manche trug den langen schwarzen Witwenschleier. Doch auch viele Männer waren gekommen, alte und junge Feldgraue und hohe Offiziere, die an den Marmorsäulen lehnten, weil sie keinen Platz mehr gefunden hatten. Helmut entdeckte auch einige Jungen seines Alters -- es waren wohl Konfirmanden -- ihre Gegenwart gab ihm gleich ein Gefühl größerer Sicherheit.

Nicht alle Kerzen waren entzündet; ihr Licht schwamm in einer goldigen Dämmerung, aus der vom Altar die weißschimmernde Gestalt Christi grüßte. Die Orgel begann zu spielen; ihr wundervoller Klang schwebte überirdisch zart durch das hohe Gewölbe, Frauenstimmen erhoben sich zu einem Psalmengesang von unendlicher Süße, anschwellend zu feierlicher Erhabenheit.

Dem Knaben aus der Wildnis, der nur die Farmhäuser der Ansiedler kannte und den rauhen, etwas unreinen Gesang der Schulbuben seiner Klasse, ist zumut, als solle ihm das Herz zergehen bei der himmlischen Musik. Er neigt den Kopf, faltet die Hände und fühlt Gottes Nähe.

Während der Predigt des Pfarrers beginnen seine Gedanken zu schweifen.

Alle diese Menschen um ihn her bitten, wenn sie ihre Häupter neigen, um ein teures Leben -- Gott wird ihre Bitten nicht erhören, das ist entsetzlich. Eine Angst erfaßt ihn. Vielleicht, wenn er mit der Mutter heimkommt, liegt auf dem Tisch der Brief mit dem Amtsstempel, der ihnen meldet, daß der Vater gefallen ist.... Ihm gegenüber an der Wand hinter dem Altar sieht er das Bild eines hohen strengen Mannes. Gerade aufgerichtet stützt er sich auf sein langes Schwert. Gott trägt jetzt auch ein Schwert und mäht erbarmungslos die Menschen dahin, Gute und Böse miteinander. Und Jesus steht weißschimmernd in der Marmorhütte über dem Altar, blickt ernst und gütig und kann nicht helfen.

Mutter und Sohn schritten durch den Schnee und Mondenglanz, der hell über den Häusern lag. Sie gingen langsam, die Mutter stützte sich auf Helmuts Arm.

»Mutter«, sagte der Junge plötzlich heftig, »glaubst du, daß wir noch einmal im Leben nach unserem Waldeck zurückkehren werden? Glaubst du, daß wir Vater noch einmal wiedersehen? Oder haben wir alles, alles verloren?«

Frau Kärn bewegte schweigend den Kopf, sie konnte nicht reden. Seit drei Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihrem Manne.

»Der Pfarrer hat ja wieder so schön und tröstend geredet«, begann sie nach einer Weile und ihre Stimme klang verzagt. »Aber ich weiß nicht -- mir waren es nur leere Worte. Ich will ja tapfer und mutig sein, nur -- die Kraft ist nicht mehr da. Ich kann auch nicht mehr beten -- nein, wenn ich beten will, empört sich mein Herz gegen Gott. Ich sage mir: Wie kann er so grausam sein -- wie kann er seine Menschenkinder so peinigen? Er ist kein Gott der Güte ...«

Helmut fühlte, daß die Mutter ihm mit ihrem Vertrauen etwas Kostbares schenkte. Also auch ihr ging es wie ihm selbst; sie zweifelte, sie schlug sich mit vielerlei Gedanken über Gott herum, sie konnte zu keiner Klarheit kommen. Wie bleich und müde sah sie aus! Inbrünstig wünschte er, ihr etwas sagen zu können, was ihr helfen möchte.

Plötzlich sah er aus der Vergangenheit ein Bild deutlich in seinem Gedächtnis auftauchen. »Weißt du noch, Mutter«, rief er lebhaft, »wie unsere schöne Bläß -- die mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die so viel Milch gab, in der Nacht so krank wurde? Sie hatte was Giftiges gefressen und lag so aufgetrieben im Stall und brüllte in Todesangst. Weißt du noch, wie Vater da das große, scharfgeschliffene Messer holte, und wir alle mußten die Kuh halten, und er stieß ihr das Messer in den Bauch? Es war doch gräßlich anzusehen.... Aber das böse Gas ging fort und unsere Bläß wurde wieder gesund. -- Vielleicht -- ich weiß ja nicht -- es ist wohl dumm -- ich dachte nur gerade: Vater hatte das Tier doch schrecklich lieb und stach so derb zu ...«

Helmut schwieg verlegen, denn er genierte sich, so viel geredet zu haben und den Herrgott mit seinem Vater zu vergleichen. Die Mutter drückte seinen Arm an sich. Beide fühlten sich befreit und getröstet.

Eine Enttäuschung und neue Aussichten

Helmut war mit seiner Mutter in der Dorotheenstraße gewesen, um dort die Verlustlisten, die mannshoch die Mauern bedeckten, durchzustudieren. Sie hatten sich auch auf dem Bureau erkundigt. Man sagte, solange ihnen noch keine Anzeige vom Regiment zugegangen sei, wäre noch kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Die neuen Frühlingsoffensiven hätten eingesetzt, weiter und weiter dringe unser Heer ins Innere von Rußland ein, da sei es denn oft für die Truppen unmöglich, Nachricht bis an die nächste Feldpoststelle gelangen zu lassen. Das alles klang sehr verständlich. Aber es beruhigte Helmut keineswegs. Er meinte, wenn sein Vater wirklich gesund sei, so müsse es ihm auf irgendeinem Wege möglich sein, eine Karte in die Heimat gelangen zu lassen. Wahrscheinlich war er verwundet oder krank, lag in Fieberphantasien in irgendeinem Lazarett; oder er war gefangen, man hatte ihn fern nach Sibirien verschleppt! Alles, was der Junge in den Zeitungen an Leiden und Quälereien las, die von Feinden über unsere Gefangenen verhängt worden waren, stellte sich mit schrecklichen Bildern vor seiner Phantasie ein, raubte ihm den Schlaf und verfolgte ihn auch am Tage. Von einem Schulkameraden erfuhr er, es seien Verwundete von dem Regiment, bei dem sein Vater stand, in einem Lazarett in Tempelhof eingetroffen. Der Kamerad hatte einen Vetter dabei, den er besuchen wollte. Helmut schloß sich ihm sofort an. Er hörte unterwegs, das Regiment sei in schwere Kämpfe verwickelt und fast aufgerieben worden. Jetzt befinde es sich wieder mehr im Norden in Ruhestellung, um sich zu erholen und neu aufgefüllt zu werden. Das klang nicht sehr ermutigend.

Die beiden Jungen fuhren wohl eine Stunde lang mit dem Tram durch die ungeheure Stadt, vorüber an dem weiten sandigen Platz, wo im Frieden die glänzenden Kaiserparaden stattfanden. Der Mitschüler zeigte Helmut die einsame große Pappel, unter der der Kaiser mit seinem Stabe zu halten pflegte, um die Truppen an sich vorbeimarschieren zu lassen. Doch hatte Helmut heute kein Interesse für seine Erzählungen -- er war zu gespannt auf die Nachrichten, die er empfangen würde. Endlich kamen sie in die Lazarettstadt -- so konnte man sie wohl nennen, diese Gruppen von sauberen Häusern zwischen freundlichen Gartenanlagen, in denen schon Hyazinthen und Krokus blühten. Die verwundeten und genesenden Krieger wandelten oder saßen im Sonnenschein. Das Herz schlug Helmut mächtig, als sie beide in den Saal traten, wo die Brandenburger lagen. Zwei lange Reihen weißer Betten, mit vielen, vielen Männerköpfen auf den Kissen. Manche trugen Verbände um Stirn und Wangen, die Arme in Binden. Zwischen ihnen hin und her gehend freundliche junge Schwestern in weißen Häubchen und weißen Schürzen, Scherze machend, Kaffeebecher verteilend, hier und da eine Handreichung leistend, einem die Kissen höher rückend, einem anderen den Becher an die Lippen setzend. Und Blumen, Schalen mit Äpfeln und Orangen überall neben den Betten auf den niedlichen Glastischchen.

Helmut hatte geglaubt, in einem Lazarett müsse eine Totenstille herrschen. Indessen hallte in dieser Nachmittagsstunde der Saal wider von fröhlichem Lachen und Plaudern. Fast neben jedem Bette hatte sich Besuch eingefunden, jeder kam mit kleinen Geschenken an für die verwundeten Lieben. Eine Dame in Trauer ging durch die Reihen und verteilte Pfannkuchen, eine andere Zigaretten. Der Vetter von Helmuts Kameraden war noch ein junges Bürschchen, kaum achtzehn Jahre alt, durch einen Schuß ins Knie schwer verwundet. Er hatte Fieber, ganz blanke Augen in einem blassen zarten Gesicht. Mit scheuer Bewunderung blickten die beiden Knaben auf das Eiserne Kreuz, das über seinem Bette hing. Gern gab er Bescheid auf alle Fragen Helmuts. -- Ja -- einen Wilhelm Kärn, älteren Landwehrmann -- dritte Kompagnie -- freilich -- war denn der nicht....

Er wandte sich an seinen Bettnachbar: »Du, Kamerad, war denn der Kärn nicht auch auf dem Verbandplatz, nach der Attacke da bei dem Dorfe, wo wir die Kerle, die Russen, rausschmissen?« »Kärn -- Friedrich?« »Nein, Wilhelm.« »So, Wilhelm. Kann mich nicht besinnen, mein Kopp is alleweilen bißchen dösig ... So'n großer, mit 'nem braunen Vollbart?« »Ja, ja«, fiel ihm Helmut heiser vor Aufregung ins Wort. »Is denn der nich gefallen? Ich meine, der lange Lehmann hätte gesagt -- den Kärn, den hat's nu ooch....« »Ach, bewahre -- was der schwatzt! Ich habe ihn deutlich in Erinnerung. Ein freundlicher Mann, ließ mich noch aus seiner Flasche trinken. Mich dünkt, es war bei ihm ein Kopfschuß -- er hatte sich's Taschentuch umgewickelt, und das war ganz voll Blut.«

Er sah, wie Helmuts Lippen zuckten, wie er grünweiß wurde. »Na, darum braucht es noch nicht gefährlich zu sein -- an Blut gewöhnt man sich da draußen«, fügte er tröstend hinzu. »Und dann?« drängte Helmut, »was wurde dann mit ihm?« »Ja, das kann ich nicht sagen, mich haben sie narkotisiert -- weiter weiß ich nichts mehr. -- Da drüben liegt noch einer von unseren Leuten, vielleicht fragen Sie den mal?«

Doch dieser Verwundete war von einer anderen Kompagnie und hatte Kärn nicht gekannt. Neben ihm saß eine hübsche, blühende Frau, deren glänzende Braunaugen mit warmer Teilnahme auf Helmut blickten. »Das ist schwer, die Ungewißheit um einen Menschen, den man liebt«, sagte sie freundlich. »Ich hab's auch durchgemacht, um den großen dicken Kerl hier!« Dabei schlug sie ihrem Manne zärtlich auf die Hand.

»Schweres wird jetzt keinem erspart«, meinte der ernst. »Sieh mal den dort drüben« -- er meinte den Vetter von Helmut's Schulfreund -- »das ist ein Held. Gestern hat ihm der Arzt eine Menge Knochensplitter aus dem Bein genommen. Nicht gemuckt hat er, immerfort gelacht und gespaßt! Nachts -- da höre ich ihn, wenn er sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und das Kopfkissen vor den Mund preßt, damit sein Wimmern keinen im Schlaf stört. Achtzehn Jahre -- aber ein Mann, ein ganzer Mann!«

Helmut saß betäubt von Traurigkeit. Was sollte er jetzt tun? Er hatte so fest darauf gebaut, durch die Kameraden eine Nachricht vom Vater zu erhalten. Der Verwundete, ein älterer Landwirt, redete mit seiner Frau über die Frühjahrsbestellung und wie schwierig es sei, die Leute für die dringendsten Arbeiten zu bekommen. Sie habe sich schon um mehr Gefangene ans Ministerium gewandt, man habe ihr auch welche versprochen. Ein paar Wandervögel hätten sich für die Osterferien angeboten, doch die Stadtjungen, so gut sie's auch meinten, seien doch so unbewandert in ländlichen Arbeiten und müßten erst mühsam angelernt werden.

»Nehmen Sie mich als Hilfe für die Ferien«, sagte Helmut plötzlich -- er wußte selbst kaum, was ihn zu dem jähen Entschlusse trieb. Aber er war gleich ganz klar und bestimmt. Er versicherte dem Landwirt und seiner Frau, daß er Bescheid wisse mit der Arbeit in Stall und Feld. Der Verwundete fragte ihn aus; seine Antworten zeigten gute Kenntnisse. »Na, wie wär's, Frau?« fragte der Verwundete, »wollen wir's mal mit dem jungen Herrn probieren? Aber keiner Arbeit wird sich geschämt -- Mist muß gefahren werden und Jauche, das riecht nicht schön, ist aber notwendig.« Helmut lachte. »Kenn' ich, kenn' ich! Unsere Maisfelder mußten auch gedüngt werden und die Bananenbüsche! Das habe ich immer allein mit unserem Neger besorgt!« »Na, denn also los! Wenn's Mutter erlaubt!« »Die wird's erlauben -- die ist froh, einen Esser los zu sein.« Es wurde nun noch ein kleiner Lohn für Helmut verabredet, volle Beköstigung und Nachtquartier solle er im Hause bekommen und am ersten Tage der Ferien antreten.

Helmut stürmte nach Haus. Die neue Aussicht überwog die Enttäuschung. Still und brav bei der Bäuerin arbeiten? -- Nein -- da hatte er ganz andere Pläne im Sinn! Schweigen -- nur schweigen und sich nicht verraten!

Helmut und Frau Ledderhose

Helmut kam gut aus mit Frau Anne Ledderhose. Sie war eine frische lustige Frau. Wenn sie des Sonntags zum Kirchgang angekleidet war, sah sie aus wie eine feine Dame. Am Alltag trug sie derbe Waschkleider, stand des Morgens um drei Uhr vor dem Kuhstall, das Melken zu beaufsichtigen, stapfte hochgeschürzt, in Transtiefeln, mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes angetan, über die aufgeweichten Frühlingsäcker und fuhr den ganzen Tag lang unermüdet wie eine Lokomotive unter Volldampf durch Haus und Hof, um überall nach dem Rechten zu sehen. Die Mägde, alte und junge, hatten mächtigen Respekt vor ihr. Die gefangenen Russen, die zur Männerarbeit auf dem Hofe waren, und viel lieber träumend in der Sonne lagen als pflügten oder säten, die sperrten Mund und Nase auf, wenn Frau Anne sie derb an der Schulter packte und deutsch auf sie einschalt. Verstanden sie die Worte auch nicht, den Ton der hellen Stimme begriffen sie ganz gut. Willig ließen sich die sechs Mann abends um acht Uhr von ihr in den Schuppen einschließen, wo ihr Nachtlager war. »Ich habe doch die Verantwortung für die Kerls«, pflegte sie zu sagen, »es soll mir niemand nachreden, daß Frau Anne Ledderhose einen hätte entwischen lassen!«

Eines Morgens weigerte sich einer der Gefangenen, zur Arbeit anzutreten. Brummig erklärte er, mal ausschlafen zu müssen! »Laßt ihn nur schlafen«, sagte Frau Anne und ein kleiner pfiffiger Zug spielte um die Winkel ihres roten Mundes. Als die Kameraden mit ihren Näpfen mittags in der Küche vor dem großen Kessel antraten, aus dem Frau Anne auszuteilen pflegte, sah sie den Langschläfer groß an und schüttelte den Kopf. Drauf nahm sie ihn beim Ärmel und führte den Riesenkerl unter allgemeinem Gelächter zum Schuppen zurück, wies auf seine Matratze und sagte: »Schlafen -- nicht essen! Arbeiten -- gut essen! Verstanden?« -- Na, er hatte verstanden, der Rußki. Am nächsten Morgen stand er brav mit den andern beim Rübenstecken. --

Sonst wurde nicht geknausert mit dem Essen auf dem wohlhäbigen Bauernhof. Von Kriegsnot merkte man im Frühling 1915 noch nichts. In die fett mit Leber- oder Blutwurst belegten Butterbrote biß auch Helmut mit Vergnügen.

Die Näpfe der russischen Arbeiter faßten ein Liter zusammengekochtes Essen. Aber damit hatten die Fresser oft nicht genug. Es war, als müßten sie sich hier für die Not und Entbehrung eines ganzen Lebens schadlos halten. Besonders das Faultier, der verschlafene Riese, aß für zwei. »Ich möchte nur wissen, wann der mal von selber aufhören würde«, sagte Frau Anne lachend, und es reizte sie, den Versuch zu machen. Als es einst Kohlrüben mit Schweinefleisch gab, ein Gericht, für das er eine besondere Vorliebe hatte, durfte er kommen und sich seinen Napf füllen lassen, so oft er wollte. Mit einem spitzbübisch freundlichen Gesicht schwang Frau Ledderhose ihre Kelle und fragte immer wieder aufmunternd: »Noch mehr?«

So vertilgte er denn nach und nach fünf Liter Kohlrüben und Schweinefleisch mit den dazugehörigen Kartoffeln. Was nur auf dem Hofe Beine hatte und einen Mund zum Lachen, kam angelaufen: Mädchen, Kinder, der halbblinde Schafhirte und das gichtgekrümmte Mütterchen, die Frau Annes Kindermuhme gewesen war, sie alle betrachteten staunend die Meisterleistung.

Als die fünf Liter verzehrt waren, klopfte sich der Riese wohlgefällig den Bauch, schmunzelte über sein ganzes gutmütiges Gesicht, wischte sich mit dem Handrücken das Fett aus den Mundwinkeln und küßte Frau Anne ehrfurchtsvoll dankbar den Rocksaum. So spaßige Dinge passierten oft in Jarmlitz. Helmut wäre am liebsten ganz und gar dort geblieben. Des Abends erzählte er denn auch die Geschichte von dem Neger bei ihnen in Waldecke, der sich nichts Schöneres wußte als einen Brei von altem Zeitungspapier, das er sich mit Wasser sorgfältig verrührte und mit Wohlgefallen verspeiste. Die Kinder brüllten vor Lachen und Frau Anne bog sich. Helmut hatte überhaupt ein dankbares Publikum für seine Erzählungen aus Brasilien. In den Augen der Ledderhoseschen Kinder war er ein anstaunenswerter, fremdländischer Abenteurer, das behagte ihm nicht wenig. Als er eines Abends, während sie vor der Haustür saßen, behauptete, auf seinem Schulweg im Walde sechs Leoparden begegnet zu sein, von denen er vier Stück niedergeknallt habe, so daß die übrigen voller Schrecken davongetrabt seien, meinte Frau Anne gemütlich: Es bleibe nichts anderes übrig, er müsse durchaus Förster werden! Er könne ja schon beinahe aufschneiden wie der alte Jäger am Stammtisch im Adler.

Helmut lachte, aber er wurde doch ein bißchen rot. Frau Ledderhose erlaubte sich auch, seine Leistungen zuweilen ungenügend zu finden, und ihm das derb zu sagen. Er war zur Hilfe auf dem Hof, mußte Zäune ausbessern, den Hühnerstall in Ordnung bringen, mit ihr gemeinsam den Garten bestellen. Sie verstand die Leute zur Arbeit anzuhalten, -- keine Minute durfte jemand in ihrer Gegenwart müßig bleiben. Auf dem großen Hof blitzte alles vor Sauberkeit. Die Kühe in den Ställen lagen auf reinlicher Streu, selbst die Gänge zwischen den Schweinetrögen mußten am Sonnabend gescheuert werden. Die Wintersaaten standen frischgrün auf den Feldern, die Obstbäume waren regelrecht beschnitten und im Garten neben Kohl und Rüben der Flor der Sommerblumen auf den Rabatten nicht vergessen. Wie im tiefsten Frieden blühte und gedieh hier alles unter der Hut der tapferen Frauen, während die Männer draußen an der Front des Vaterlandes Ehre verteidigten und mancher schon als ein Held gefallen war.

»Im Winter«, erzählte Frau Anne Helmut, »da war's schlimm mit dem Lichtmangel. Kein Petroleum aufzutreiben, von vier Uhr an saßen wir Frauen im Finstern und konnten nichts mehr tun! Wir haben Kienspäne angezündet und dabei gestrickt, wie zu Urgroßvaters Zeiten!« -- Sie schüttelte sich. »So im Dunkeln kriechen die Sorgen eklig an einen heran. Ich habe die Tagelöhnersfrauen zu mir geholt, ein ordentliches Feuer im Ofen, Kaffee gekocht und Geschichten erzählt! So ging die Zeit, bis wir in die Klappe krochen! Jetzt gebe ich das Geld her, das mir einen Pelz schaffen sollte, und lasse elektrisches Licht legen zum nächsten Winter! Der Mensch muß sich zu helfen wissen.«

Helmut betete Frau Ledderhose an, sie erschien ihm als die schönste und klügste Frau, der er jemals begegnet war. Ja, er versuchte sogar ein Gedicht an sie zu machen. Das begann:

Frau Anna Ledderhose, Du hohe Königin, Du liegst mir tief im Herzen, Im Herz und auch im Sinn.

Soviel er auch nachgrübelte, die Fortsetzung fiel ihm niemals ein, und so blieb es bei diesem einen schönen Verse.

Trotzdem es ihm in Jarmlitz so gut gefiel, vergaß er doch in keinem Augenblick den tiefsten Zweck seines Aufenthaltes hier.

»Geldgierig ist der Bengel, da ist schon das Ende von weg«, scherzte Frau Anne. »Jeden kleinen Extradienst läßt er sich auch extra zahlen! Sag' nur, was willst du eigentlich mit dem vielen Gelde anfangen? Ich hoffe, wenn du nach Berlin kommst, gehst du gleich zu Wertheim und kaufst mir ein feines Geschenk! Eine echt silberne Handtasche oder Uhrkette erwarte ich mindestens!«

Helmut wurde rot und schwieg verlegen. Als die Osterferien zu Ende gingen, sorgte Frau Anne für ein tüchtiges Futterpaket, allerlei Gutes für die Mutter war auch darin. Die ganze Familie brachte Helmut zur Bahn. Alle hatten ihn liebgewonnen, die Kinder hingen rechts und links an seinen Armen und konnten sich kaum von ihm trennen.

Am übernächsten Tage empfing Frau Anne Ledderhose einen Brief von Helmut. Sie erwartete, er würde ihr seine glückliche Ankunft in Berlin melden, doch das Schreiben enthielt nur folgende Worte:

Liebe Frau Ledderhose!

Wenn Sie Ihren Mann in Berlin besuchen, so gehen Sie bitte zu meiner Mutter und sprechen ihr Mut ein. Alles wird gut werden. Ich fahre nach Rußland, an die Front, um meinen Vater zu suchen. Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Helmut Kärn.

Frau Anne faßte sich bestürzt mit beiden Händen an den Kopf. Der unsinnige Junge! Wie kann er auch so etwas tun! Na -- sie werden ihn schon baldigst wieder heimschicken! Jedenfalls muß ich nach Berlin fahren und mit der armen Mutter reden! Übrigens -- vielleicht bringt der tolle Kerl es fertig, seinen Vorsatz auszuführen. Schneid und Energie genug hat er.

Als Frau Ledderhose bei den Großeltern und Helmuts Mutter eintraf, fand sie begreiflicherweise die ganze Familie in größter Aufregung. Helmut hatte auch der Mutter von seinen Absichten Nachricht gegeben, aber eben diese Absicht brachte ihren Jungen ja in die ernstesten Gefahren.

Der Großvater hatte sich sofort zur Polizei begeben und gefragt, was man tun könne, um des Knaben wieder habhaft zu werden. Der Beamte hatte lächelnd gemeint, solche Ausreißer gäbe es eine ganze Menge, meistens kämen sie nach ein paar Tagen, wenn der Hunger sie plagte, von selbst zu den heimatlichen Futternäpfen zurück. Man solle nur ruhig noch ein wenig warten, bevor man mit der amtlichen Nachforschung beginne, die doch immerhin nicht unerhebliche Kosten verursachen würde. Man wartete also ohne viel Hoffnung, denn es lag nicht in Helmuts Charakter, so bald einen seit langer Zeit gefaßten Plan aufzugeben. Hungern würde er nicht, denn er hatte außer seinem Gehalt von Frau Ledderhose, das noch durch einen harten Taler vermehrt worden war, sein zusammengespartes Taschengeld und das Weihnachtsgeschenk des Großvaters bei sich. Stehlen würde er sich's schon nicht lassen, dazu war er viel zu gewitzigt. Das Zureden der lebensfrischen Frau Ledderhose beruhigte Frau Kärn etwas. So viele Mütter mußten jetzt ihre Söhne in Gefahr und Tod hinausziehen lassen! Da wollte sie an Heldenhaftigkeit gewiß nicht zurückstehen.

Als nach mehreren Tagen Helmut nicht heimkehrte, begann die Polizei ihre Nachforschungen. Man sandte Telegramme und Bilder des Jungen an verschiedene Bahnhöfe und brachte auch bald in Erfahrung, daß ein junger Mensch, auf den die Beschreibung stimmte, am Abend des Tages, an dem Helmut von Jarmlitz nach Berlin zurückgekehrt war, ein Billett nach Königsberg gelöst hatte. Ein Bahnschaffner wollte ihn auch im Zuge gesehen haben, doch das lautete schon viel unbestimmter. Und dann verlor sich seine Spur gänzlich.

Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald