Was Helmut in Deutschland erlebte: Eine Jugendgeschichte

Part 1

Chapter 13,577 wordsPublic domain

Was Helmut in Deutschland erlebte

Eine Jugendgeschichte

von

Gabriele Reuter

Zeichnungen von

_Rudolf Sievers_-Braunschweig

Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha

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Gesetzliche Schutzformel gegen Nachdruck und Übersetzung in den Vereinigten Staaten: =Copyright 1917 by Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha=

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten

Inhalt

Der Tag der Ankunft 1

Alles wird anders, als Helmut es sich dachte 11

Der Vater zieht ins Feld 20

Kriegswinter 27

Eine Enttäuschung und neue Aussichten 37

Helmut und Frau Ledderhose 42

Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald 50

Als Spion verhaftet 61

Der lange Lehmann und Onkel Jakobus 73

Wiedersehen in gefährlicher Zeit 81

Ein toller Ritt 88

Wie Helmut nach Hause kommt 96

Der Tag der Ankunft

Majestätisch rauschte der Überseedampfer in den Hafen von Hamburg. Er kam von Brasilien und war während der letzten Tage mit schnellster Fahrt gelaufen. Auf Deck spielte die Musikkapelle. Hunderte von Passagieren drängten sich durcheinander, es gab ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen auf Gängen und Treppen des gewaltigen Gebäudes. Offiziere und Matrosen im Paradeanzug standen bereit, das Vaterland zu grüßen. Heiter glänzte die Sommersonne auf dem spiegelnden Metall des Schiffes, seine Wimpel flatterten, die mächtige schwarz-weiß-rote Fahne bauschte sich und wallte im Seewind.

Rechts und links lagen große und kleine Dampfer. Durch die schmalen Wasserstraßen zwischen ihnen flitzten schlanke Motorboote. Über schmutzige Bretterstege schleppten berußte Männer vom Ufer ungeheure Kohlenlasten und versenkten sie in die schwarzgähnenden Bäuche der Seeriesen. Auf ragenden Kranen schwebten Kisten und Ballen hoch in der Luft und senkten sich mit leichter Drehung auf die Kais nieder, wo zahllose Arbeiter in Lederschurzfellen, Hünen an Kraft der Glieder, Kolli nach Kolli auf Wagen verluden und in die großen Speicher beförderten, welche den Hafen umgaben. Ein Geruch nach Teer, Öl und Salzwasser schwebte über dem eifrigen Arbeitsgetriebe, zwischen dem das Gewimmel der Neugierigen das Anlegen des Überseedampfers erwartete.

Helmut Kärns Augen strahlten vor Freude über das stolze Bild. Er griff nach seines Vaters Hand und schwenkte sie stürmisch.

»Das ist ja Deutschland, Vater!« rief er in lautem Jubel. »Deutschland! Deutschland! Begreifst du's denn, Vater, daß wir wieder da sind! Nach elf Jahren! Wie alt war ich denn? Drei Jahre -- drei! Du trugst mich auf dem Arm über den Steg, als wir abfuhren. Weißt du noch? Und Mutter weinte ... Vater, was tut der Mann dort drüben? Was schreit er wie wahnsinnig? Was schwenkt er so die weißen Blätter ...?«

Wilhelm Kärn zog seine Hand aus der des Sohnes, der Ausdruck seines kräftigen braunen Gesichtes war tiefernst, seine Augen starrten angestrengt hinüber zu dem Zeitungsträger. Mit ihm starrten viele Augen, viele gespannte Gesichter hinter Operngläsern. Jetzt drängten die Menschen wild nach einer Seite, wo ein kleines Motorboot sich dem Kolosse näherte. Mit kühnem Schwung flog ein Paket Blätter hinauf, wurde im Nu von Hunderten ergriffen -- -- -- Der Mann im Boot schrie durch die hohlen Hände etwas Unverständliches. Eine Sekunde lang legte sich eine furchtbare Stille über die wartenden Menschen, über Männer, Frauen, Kinder. Dann brach ein wildes Getöse aus, und gellend scholl das eine Wort »Krieg« von Mund zu Mund.

Man wartete seit Tagen in banger, atemloser Spannung auf dieses Letzte -- auf die Entscheidung! Schon hatte man unterwegs durch Funkspruch von dem grausen Mord des Thronfolgerpaares von Österreich gehört -- schon berichtete der Lotse in Cuxhaven, daß in Deutschland und bei seinen Bundesgenossen der Kriegszustand erklärt sei, -- daß man davon rede, die Russen hätten bereits die ostpreußische Grenze überschritten, während die Verhandlungen zwischen Kaiser und Zaren sich noch in vollem Gange befanden. Heiß wogte der Streit der Meinungen an Bord zwischen den Männern. Schon begannen die verschiedenen Nationalitäten, die noch vor kurzem freundlich miteinander verkehrt hatten, sich abzusondern, verbissen und grußlos blickte man aneinander vorüber. Die Brasilianer schlossen in der Weise der Südländer Wetten für oder gegen den europäischen Krieg, der sie ja nicht viel anging, dem sie zuschauen würden wie einem spannenden Theaterspiel. Aber im Grunde seines Herzens hatte es doch niemand für möglich gehalten, daß das unerhört Entsetzliche wirklich eintreten könne.

Und nun war es doch geschehen. Für viele der deutschen Männer auf dem Schiff, die ihr Vaterland seit Jahren nicht gesehen hatten, die ihm beinahe fremd geworden waren und nur zu einem heiteren Besuch nach der alten Heimat zurückzukehren dachten, bedeutete dieser Augenblick eine ernste Schicksalswende. Von allen Seiten wurde Deutschland umdräut -- es schien undenkbar, daß es so viel Feinden widerstehen könne! -- In dieser Gefahr wachte eine heiße Empfindung von Liebe plötzlich in manchen Herzen auf. Man fühlte sich mit einemmal wieder »dazugehörig« -- man fühlte sich unter den Seinen!

Zwischen den Eltern, geschoben und gedrängt von der erregten Menschenmenge, gelangte Helmut Kärn, er wußte selbst nicht wie, ans Ufer auf den Kai. Die Mutter weinte, Ströme von Tränen liefen ihr über das Gesicht, die sie nicht abzutrocknen vermochte, denn sie trug verschiedenes Gepäck und hielt überdies die kleine Daisy Bauer -- Daisy war die Tochter von Kärns bestem Freunde, der eine Engländerin geheiratet hatte -- fest an der Hand, damit das Kind ihr in dem Gewühl nicht abhanden komme. Beide Eltern waren gestorben, und das verwaiste Mädchen sollte ihrem englischen Großvater übergeben werden.

Und während die Menge sich dem Lande zuwälzte, dröhnte ihr von drüben her ein machtvoller Gesang entgegen. Er kam aus einer der breiten Straßen, die auf den Hafen mündeten. Eine neue Menschenwelle wogte von dort heran, in ihrer Mitte ein Trupp Soldaten. Brausend klang das Lied »Deutschland, Deutschland über alles« aus Hunderten von Kehlen. Und die Ankommenden standen still, zogen Hüte und Mützen, vergaßen, was sie hergeführt hatte: Geschäfte und Vergnügen. Viele falteten die Hände, es war wie ein erhebender Gottesdienst unter freiem Himmel. Aus Tausenden von Herzen stieg das Gelübde: alles zu opfern, Gut und Leben, für des Vaterlandes Rettung.

Helmut hatte mitgesungen so laut er konnte. Als er mit den Eltern endlich einen Wagen eroberte und ins Hotel fuhr, mußte ihn die Mutter verschiedene Male an der Hand festhalten, sonst wäre er herausgestürzt, so lebhaft sprang er auf seinem Sitz umher, um nur nichts von all den Dingen zu versäumen, die sich rings begaben. Kaum hatte er im Gasthaus der Mutter geholfen das Gepäck abzulegen, als er auch schon seinen Vater bestürmte, mit ihm wieder auf die Straße zu kommen, weiter zu schauen, weiter zu hören.

»Warte, mein Jung, ich folge dir gleich, du kannst mit mir zum brasilianischen Konsulat gehen, damit ich meine Papiere durchsehen lasse. -- Bleib draußen auf dem Flur, solange ich mit Mutter rede!«

Nach einigen Minuten trat der Vater aus dem Zimmer, ruhig und gelassen, wie Helmut ihn nicht anders kannte. Die Mutter saß drinnen auf einem Stuhl, das Gesicht in den Händen verborgen. Helmut sprang eilig noch einmal hinein, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti -- wir kommen ja bald wieder -- fürchte dich doch nicht!«

Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. Helmut hörte seines Vaters Ruf und lief dem Voranschreitenden behende nach.

»Vater«, fragte er und seine blauen Augen glänzten, »gehst du auch mit in den Krieg? Gelt, du wirst dich stellen?«

»Ich habe gedient, habe meine deutsche Nationalität niemals abgelegt in den elf Jahren Farmerlebens. Ich werde meine Pflicht tun«, antwortete Wilhelm Kärn, der wuchtige Landmann mit den breiten Schultern, den arbeitsgewohnten Händen, die braun und sehnig waren wie die Rinde eines Baumes, lächelte und hob die Faust. »Meinst nicht, Bengel, daß wir's noch schaffen?«

»Die sollen sich wundern -- die Rußkis und Franzosen«, schrie Helmut. »Da wird's Hiebe setzen. Na, Vater, du nimmst mich doch mit? Was? Schießen kann ich ja, Kräfte hab' ich genug. Du, das wird fein, wenn wir beide zusammen losgehen!«

»Ach, wo denkst du hin -- bist ja viel zu jung. Dich nehmen sie noch lange nicht!«

Helmut wurde dunkelrot und biß sich auf die Lippe. »Du, Vater -- du machst Spaß -- ich weiß doch, du nimmst mich mit!«

»Werden sehen«, brummte Kärn, der plötzlich ernst wurde. Es ging ihm viel Nachdenkliches durch den Kopf. Dies Stück Erde am Rande des finsteren Urwalds, das er durch hartnäckigen Fleiß zu einem blühenden, einträglichen Besitztum umgeschaffen hatte, war ihm innig ans Herz gewachsen. Jeden Fruchtbaum hatte er dort eingesetzt, jedes Rind, jedes Pferd großgezogen. Die jungen Pflanzungen waren so manches Mal den Heuschreckenschwärmen, den gefräßigen Ameisen zum Opfer gefallen -- immer wieder hatte er unermüdlich frisch begonnen, bis die Maisfelder, die strotzenden Bohnen, der Hanf in prächtigen Kulturen die Mühe lohnten. Plötzlich schoß ihm ein brennender Schmerz durch die Brust. Sollte er nichts von dem allen wiedersehen? Nicht mehr für die Frau und den Jungen schuften dürfen? Und der junge Verwalter drüben? Der war doch auch ein Deutscher und heißblütig, draufgängerisch! ... Den würde es, war noch irgendeine Möglichkeit, herüberzukommen, weiß Gott nicht halten! Dann war die Pflanzung den brasilianischen und schwarzen Arbeitern überlassen. -- Kam man mit dem Leben davon, hieß es einfach wieder von vorn anfangen. Das mußte mancher -- am besten war's, man dachte nicht weiter darüber nach.

Der Junge schwatzte munter an seiner Seite und tat tausend Fragen. Außer dem prächtigen Rio, das sie auf der Herreise kurz berührt hatten, kannte er ja noch keine Stadt. Er schrie laut auf vor Entzücken, als sie an die Alster kamen und die flimmernde Wasserfläche mit dem Geflatter der grauweißen Möwenscharen, umringt von vornehmen Palästen, sich vor ihnen ausbreitete. Die zahllosen Ruderboote lagen in dieser Stunde verlassen am Ufer, die Dampfer kehrten leer von Fahrgästen zu ihren Anlegestellen zurück. Bei dem eleganten Alsterpavillon staute sich die Menge schwarz und dicht. Autos mit Militärpersonen rasten unaufhörlich vorüber. Ein Lastauto, beladen mit Packen von Zeitungen, bahnte sich langsamer seinen Weg durch die Menge. Aufrecht standen Männer in dem Gefährt und warfen die Blätter zu Hunderten unter das Publikum, zugleich schrien sie die neusten Nachrichten über die Köpfe der Menschen. Von Hand zu Hand flogen die Blätter, es war wie ein Gewirbel weißer Fetzen in der Luft. Irgendwo stimmte jemand ein Vaterlandslied an, sofort fielen Tausende ein.

Mit Mühe mußten Vater und Sohn sich ihren Weg suchen. Niemand hatte in dieser Stunde Zeit, ihre Fragen zu beantworten. Und doch redeten die fremdesten Menschen miteinander und schüttelten sich die Hände. Helmut sah mit Erstaunen, wie zwei alte, würdige Herren sich vor Begeisterung singend um den Hals fielen.

Auch auf dem Polizeibureau warteten Hunderte von Menschen. Kärn wollte hier erfahren, wo er sich in Berlin zu melden habe, denn, da er aus der Mark Brandenburg gebürtig war, hatte er in der Reichshauptstadt gedient und mußte sich dort wieder stellen. Alles wickelte sich in Ruhe und Ordnung ab. Als der Vater an die Reihe gekommen war, drängte sich Helmut neben ihn, richtete sich stramm auf, sah den Beamten mit blitzenden Augen an und fragte: »Wo habe ich mich zu stellen? Darf ich mir ein Regiment wählen?«

Hinter ihm lachte jemand, und auch um den Schnauzbart des Wachtmeisters glitt ein vergnügtes Schmunzeln.

»Welcher Wehrklasse gehören Sie an?« fragte er.

»Wehrklasse -- was ist das?«

»Ja, wenn Sie noch nicht in der Stammrolle eingetragen sind, dann bedaure ich! Wie alt sind Sie denn?«

»Bald fünfzehn«, antwortete Helmut etwas unsicherer.

»So, so -- na -- da ist jetzt noch nichts zu wollen -- hoffentlich dauert der Krieg nicht so lange, daß Sie auch noch drankommen! Folgender!«

Helmut war entlassen. Sein Vater hatte ruhig auf ihn gewartet.

»In Berlin versuch' ich's doch noch einmal!« trotzte der Knabe.

In der Nacht wurde die Fahrt angetreten. Auf dem Bahnhof herrschte ein unbeschreibliches Gedränge. Zu hohen Burgen türmten sich Koffer und Kisten. Denn schon kamen die Schiffe von England und den Nordseebädern und brachten Fluten von Menschen, die noch nach Hause hasteten.

»Helmut«, sagte der Vater, »wir werden kaum zusammensitzen können. Ich will sehen, bei der Mutter zu bleiben. Du sorgst für Daisy und trennst dich auf keinen Fall von ihr. Du hast die Verantwortung für das Mädel. Hier sind eure Billette und ein paar Schinkenstullen -- denn Gott weiß, wann der Zug in Berlin eintrifft.«

Von Sitzen war überhaupt nicht die Rede. Beide Kinder standen, in fürchterlicher Enge eingekeilt, die Nacht hindurch im Korridor des =D=-Zuges. Die zwölfjährige Daisy begann zu weinen. Helmut tröstete sie liebevoll mit der Aussicht, das würde noch ganz anders, wenn die Kosaken kämen mit ihren langen Peitschen, mit denen sie die Menschen gleich totprügeln könnten. Er versicherte ihr aber zugleich, daß er am nächsten Morgen zuerst mal seinen Revolver auspacken würde, er sei doch heilfroh, daß er ihn gegen den Willen seiner Mutter mitgenommen habe. Und jetzt wollten sie mal ihre Schinkenbrote essen, dann würde ihr gleich besser werden, und er brauche sie auch nicht länger zu tragen.

Das war ein leichtsinniges Vorgehen, denn plötzlich blieb der Zug mitten in der Nacht an einer kleinen Station liegen und lag dort viele Stunden auf einem toten Gleis, trotz alles Schimpfens und Fluchens der Reisenden. Lange Züge, angefüllt mit Militär, sausten an ihm vorüber; der Morgen dämmerte rosenrot über den grünen Marschen, und sie lagen noch immer fest. Daisy konnte sich fast nicht mehr auf den Füßen halten, ihr braunes Köpfchen taumelte hin und her. Endlich winkte ihr eine Frau und bot ihr einen Platz auf ihren Knien an, damit sie ein wenig schlummern könne. Helmut bat einen Herrn, ihm den Platz an der Tür neben dem Abteil einzuräumen. »Ich habe die Verantwortung für das Kind«, sagte er stolz, obwohl ihm gar nicht stolz zumut war, denn solchen Hunger wie in dieser Morgenfrühe, in der verdorbenen Luft des überfüllten Zuges, meinte er noch niemals gespürt zu haben.

Erst am Abend des Tages erreichten sie Berlin, eine Strecke, die man zu gewöhnlichen Zeiten in vier Stunden zurücklegt. Nichts als einen Schluck Wasser hatten sie zur Labe bekommen. Aber alle Leute sagten, das wäre nun eben Kriegszustand, und man müsse sich hineinfinden.

Alles wird anders, als Helmut es sich dachte

Mit Kuchen und Blumen, mit festreich gedeckter Tafel wurde die ins alte Vaterland zurückkehrende Familie von den Großeltern begrüßt. Mutter und Tochter lagen sich nach der langen Trennung lachend und weinend in den Armen. Der Großvater, ein aufrechter, weißbärtiger Herr, faßte Wilhelm Kärns beide Hände, drückte sie und rief: »In dieser Stunde nichts von Krieg und Kriegsgeschrei! -- Jetzt wollen wir nur die Freude genießen, euch Lieben wiederzuhaben -- was später Schweres getragen werden muß, werden wir mit Gottes Hilfe schon durchschaffen!«

Auch das fremde Kind wurde mit der größten Herzlichkeit von den alten Leuten aufgenommen. Ja, die Großmutter Ladewig legte Daisy mit einem mitleidigen Blick auf ihr Trauerkleidchen oft noch eine besonders schöne Frucht, eine kleine Süßigkeit auf den Teller und lächelte ihr aufmunternd zu, als wollte sie es dem kleinen Fremdling in ihrem Heim so recht behaglich machen.

Helmut hatte nur zu schauen. Der Parkettboden war so blank gewichst, daß er mit seinem Ungestüm schon in der ersten halben Stunde der Länge lang hinschlug. Und wieviel Bücher der Großvater besaß -- bis zur Decke seines Arbeitszimmers hinauf bedeckten sie die Wände! Himmel, mußte der alte Herr klug sein! Die weichen Teppiche, die vielen gestickten Kissen, die alten vornehmen Nußbaummöbel, die Bilder an den Wänden -- alles gefiel ihm wohl -- es war ein behagliches Nest, in dem die Großeltern hausten. Helmut fand seine ersten ungeschickten Krikel-Krakel-Zeichnungen sorglich gerahmt an der Wand über dem Nähtisch von Großchen, und die Ketten, die er aufgezogen hatte -- seine Photographie auf Philli, dem kleinen braunen Pferdchen, auf dem er reiten gelernt hatte! Ein ganz kleines Helmut-Museum hatte sich Großmama angelegt. Nun betrachtete sie ihn immerfort voll Staunen und rief einmal über das andere: »Was ist er für ein großer Junge geworden! Ich sehe ihn immer noch vor mir als das zierliche Bübchen mit den hellen Locken!«

»Die wurden abgeschnitten, als mal kleine Tierchen drinsaßen«, erklärte Helmut gemütlich. »Du, Großmutter, wo ist denn euer Garten? Wir haben doch immer auf unsere Briefe geschrieben: Gartenwohnung, Charlottenburg-Berlin!«

Nun lachte die Großmama und führte ihn auf ihren Balkon, der voll Blumen und Schlinggewächsen stand, ein Kanarienvögelchen in einem goldenen Bauer sang zwischen den Geranientöpfen sein fröhliches Liedchen.

»Sieh, das ist mein Privatgärtchen«, erklärte die Großmutter, »hier genießen Großvater und ich so manchen schönen Sommerabend!

Dort unten liegt der Hausgarten.«

Tief unten zwischen vier hohen Mauern mit vielen Fenstern sah Helmut aber nur zwei grüne Rasenflecke und eine Teppichklopfstange. »Das nennt man in Berlin einen Garten?« fragte er verwundert. Er dachte, ihr Garten in »Waldecke« sei doch viel schöner gewesen, aber er wollte das nicht sagen, um die Großmutter nicht zu kränken.

Man mußte sich nun in der engen Wohnung einschachteln, so gut es eben ging. Um im Hotel zu wohnen, wie es Kärne ursprünglich geplant hatte, fehlten ihnen jetzt die Mittel. Die Ausrüstung des Vaters kostete viel Geld, und die ganze Zukunft war mit einemmal ungewiß geworden.

Jeder mußte Opfer an Behagen bringen, und brachte sie gern. Die Mutter teilte mit Daisy Bauer ihr Bett. Helmut schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. Meistens träumte er beängstigende Dinge: er riß die schöne Glasschale von der Tischdecke, oder die bunte Negerin auf dem Wackelständer stürze über ihn und verwandle sich plötzlich in das Tintenfaß, das schreckliche Verheerungen auf dem Teppich anrichtete. Auch im Wachen blieben ihm die vielen kostbaren Gegenstände unbehaglich, und er zog es vor, seine Aufgaben im Flur auf einem kleinen Tisch unter der Gasflamme zu machen. Denn in die Schule mußte er auch in Deutschland wieder gehen! Leider! Der Vater hatte ihn schon am Tage nach ihrer Ankunft im Realgymnasium angemeldet. So wanderte er denn jeden Morgen mit einigem Seufzen und Stöhnen neben Daisy durch die lange Schloßstraße den Hallen der Wissenschaft zu. Daisy besuchte die Töchterschule. Ihr englischer Großvater, dem das Kind zugeführt werden sollte, hatte kaltblütig an Frau Kärn telegraphiert: Da sich England mit Deutschland im Kriege befinde, denke er nicht mehr daran, die Tochter eines deutschen Mannes in sein Haus aufzunehmen.

Da war die mittellose Waise nun völlig auf die Hilfe ihrer deutschen Freunde angewiesen!

Sie war immer schon mehr in »Waldecke« als bei ihrem Vater, der sie gern unter der mütterlichen Obhut von Frau Kärn wußte.

An Helmuts Seite ritt sie damals auf ihrem kleinen wilden Pferdchen zwei Stunden weit durch den Buschwald zur deutschen Schule. Neben dem Schulgebäude befand sich ein von Stacheldraht eingefaßter Weideplatz, wo die Gäule frei herumliefen. Nach Schluß des Unterrichts fing ein jedes Kind sich mit dem Lasso sein Pferdchen wieder ein. Das gab ein ungeheures Springen, Geschrei und Gelächter. Helmut half Daisy stets ritterlich, zu ihrem Pferdchen zu kommen, und prügelte sich für sie mit den andern Jungen, die das zarte Dingelchen wegstoßen wollten. Im Walde schoß er kleine, grüne Papageien, sie gaben einen köstlichen Braten zur Abendmahlzeit. Einmal hatte Helmut auch mit dem Lasso eine Schlange totgeschlagen, die sich steil vor Daisys Pferd in die Höhe gereckt hatte. Solche Abenteuer bestanden sie viele miteinander, deshalb hatten sie auch immer was zu schwatzen.

Nun wollte Helmut seine Kameradin nicht mehr bei ihrem englischen Namen nennen, denn sie war ja richtig seine Schwester. Er übersetzte also »Daisy« in »Gänseblume«. Ihr gefiel »Maßliebchen« besser, doch das fand er »zuckersüß«. Sie war auch mit der Gänseblume zufrieden, aber dafür mußte er ihr versprechen, nicht mehr »Gott strafe England!« zu rufen statt »Guten Morgen«, wenn er ins Zimmer trat. Ihre tote Mutter war eben doch eine Engländerin gewesen, und wenn auch der englische Großvater nichts mehr von ihr wissen wollte, ihr Andenken sollte immer in Ehren gehalten werden. Das verlangte die kleine Gänseblume sehr bestimmt, und Helmut bemühte sich auch ehrlich, sein Versprechen zu halten.

Nach Schulschluß trafen sich die beiden Kinder an der Straßenecke, wo der große blonde Schutzmann Müller stand und aufpaßte, daß alles in Ordnung zuging. Da konnten sie sich denn gleich ihr Leid klagen, schlechte Noten bekamen sie nämlich beide. Die Urwaldschule war doch ziemlich mangelhaft gewesen; es fanden sich bedenkliche Lücken in ihrem Wissen. Das Nachlernen war höchst langweilig in dieser Zeit, in der einem der Kopf vollsteckte von anderen, viel wichtigeren Dingen.

Herrlich war es, wenn plötzlich während einer öden Mathematikstunde die Glocken zu läuten begannen und bei den ersten hallenden Tönen alle Köpfe erwartungsvoll in die Höhe fuhren! Das Jubelwort: Ein Sieg -- ein neuer Sieg! sprang von Bank zu Bank. Schon hörte man das Geschrei der Zeitungsverkäufer. Einer der Knaben wurde hinuntergeschickt, ein Extrablatt zu holen. Der Lehrer las laut vor: Lüttich war gefallen -- Antwerpen war in unseren Länden -- Hindenburg hatte die Russen geschlagen! Welche Freudenbotschaften! Man sang ein vaterländisches Lied, der Unterricht war zu Ende, und alles durfte nach Haus.

Das Gänseblümchen mußte oft vergebens auf Helmut warten. Der rannte mit den Kameraden durch die fahnenbunten Straßen zum Kaiserschloß oder zum Bismarckdenkmal, dort wurde wieder gesungen und Hurra geschrien, bis den Jungens die Kehlen beinahe platzten. Da gehörte Mann zu Mann, und die Mädchen konnten sehen, wo sie blieben.

Eroberte Geschütze wurden eingebracht und mit Girlanden bekränzt auf dem weiten Platz vor dem Schloß aufgefahren. Immer waren sie von Jungenscharen umlagert, die neugierig in die Eisenrohre hineinschauten und ihre Konstruktion untersuchten. Es fanden sich auch schon Verwundete ein, die, an Stöcken humpelnd oder den Arm in der Binde tragend, den Knaben die gewünschten Erklärungen gaben und viel von eigenen Erlebnissen zu erzählen wußten. Mit welcher heißen Bewunderung blickten die Jungen zu den Helden auf, die selbst mitgeholfen hatten, die Siege zu erringen, über die man daheim jubelte.

Am Sonntag ging's nach Döberitz, dem Truppenübungsplatz, wo der Vater mit anderen Landwehrleuten wieder eingeübt wurde. Helmut fand es empörend, daß so viele Schlachten schon geschlagen waren, ohne daß der Vater mit dabeigewesen. -- Es blieben ja schließlich gar keine Siege mehr für ihn übrig.

Er selbst, Helmut, hatte sich in der ersten Zeit noch bei mancher Militärbehörde gemeldet. Daß die Kerls hinter den Tischen nicht begreifen wollten, wieviel Kraft er besaß, und wie gut er schießen konnte! Als ob er nicht für den Schützengraben reif gewesen wäre, besser als mancher dünne Primaner, der genommen wurde! Einfach lachhaft!