Chapter 4
Denken und Handeln des alternden Menschen haben sich auch verändert. Man denkt und handelt langsamer, träger. Man humpelt, wenn das Alter gekommen, auch im Denken, genau so wie man mühsam mit Krücken sich fortbewegt, über Pflaster und Stiege geht.
Sehen wir uns die inneren Organe eines alten Menschen an, so finden wir, daß sie _kleiner_ sind als bei einem jüngeren Menschen. Man kann direkt von einem _Schwund_ der Organe im Alter sprechen. Wir haben schon des äußerlich sichtbaren Schwundes vom Unterkiefer gedacht. Auch die Knochen sonst erleiden einen richtigen Schwund, die Schädelknochen (Abb. 16) und alle andern auch. Die Knochen werden dünner, und die Verdünnung der Knochen geht so weit, daß sie brüchig werden. Jedermann weiß, daß alte Leute leicht Knochenbrüche erleiden, namentlich an bestimmten Knochen, z. B. am Schenkelhals. Und wie die Knochen, so erfahren auch alle andern Organe im Alter einen Schwund: die Leber, die um die Hälfte verkleinert sein kann, die Nieren, das Herz usw. _Besonders auffallend aber ist der Schwund, den das Gehirn bei alten Leuten erfährt._ Die Windungen des Gehirnes, die aus Nervenzellen bestehen, sind schmäler geworden, weit klaffen die Furchen zwischen den Windungen. Aber nicht nur kleiner, auch härter sind die Organe im Alter geworden. Derb und zähe fühlt sie der Arzt in der Hand, wenn er die Leichenschau übt.
Da haben wir eine ganze Menge darüber erfahren, wie die Organe im Alter verändert werden. Aber all das können wir erst verstehen, wenn wir das Mikroskop zu Hilfe nehmen, die Organe alter Leute mikroskopisch untersuchen. Sehen wir uns z. B. ein Stückchen Niere von einem Menschen an, der aus Altersschwäche gestorben ist (Abb. 17). Da sind an einer Stelle noch gut erhaltene Nierenzellen zu sehen, die ein Nierenkanälchen bilden, wie es sich für eine normale Niere nicht besser gehörte. Aber wir finden auch Nierenkanälchen, die ganz zusammengefallen sind, wo sogar die Lichtung der Kanälchen geschwunden ist. Die Zellen dieser Kanälchen sind verkleinert, »atrophisch«, wie man sagt. Diese Zellen haben einen Altersschwund erfahren. Genau so ist es mit den Zellen der Leber, der Drüsen, des Gehirnes und der Organe sonst. Weil die _Zellen_ der Organe klein, atrophisch geworden sind, sind eben bei dem alten Menschen die Organe kleiner als in jüngeren Jahren. _Es findet also im Alter eine Atrophie der Zellen statt, ein Schwund der lebendigen Zellsubstanz. Der Schwund der lebendigen Substanz der Zellen kennzeichnet alle Organe des gealterten Körpers._
Auch härter und derber, haben wir gesagt, werden die Organe im Alter. Schon äußerlich kann man das an dem harten Puls eines alten Menschen beobachten. Was hat das zu bedeuten? Die mikroskopische Untersuchung der Organe von alten Menschen zeigt uns, daß sich in ihnen sehr reichliche Mengen von Bindegewebe finden. Das Bindegewebe ist natürlich auch in lebensfrischen Organen, in Nieren, Leber usw. stets vorhanden. Es bildet gewissermaßen die weichen Daunen, in denen die Zellen der Organe gebettet liegen. Das Bindegewebe nun kommt im Alter zu üppiger Entwicklung. Das wäre noch nicht so schlimm. Aber das Bindegewebe wird im Alter sehr hart, faserig und es ist nicht mehr so elastisch wie früher einmal. Sehr auffällig ist die Verhärtung des Bindegewebes, das die Blutröhren umhüllt, und das, was wir als harten Puls bei allen Leuten fühlen, das ist das verhärtete Bindegewebe um die Blutröhren herum. Und wie die Zellen der Niere, der Leber, des Gehirns und aller andern Organe im Alter nicht mehr so recht ihre gewohnte Arbeit tun können, weil sie einen Altersschwund erfahren haben, so auch das Bindegewebe. Es versagt im Dienst: es ist den Zellen und Organen nicht mehr das weiche und elastische Bett und gibt ihnen nicht mehr wie ehedem ihren Halt. Wir sehen das namentlich an der Krümmung der Wirbelsäule im Alter. Verhängnisvoll ist dieses Versagen des Bindegewebes bei den Blutgefäßen. Die Verteilung des Blutes im Körper kann nämlich nur dann regelrecht vonstatten gehen, wenn die Blutröhren gut elastisch sind. Die elastischen Röhren gehören mit zum Pumpapparat des Blutkreislaufes, sie arbeiten bei der Verteilung des Blutes im Körper dem Herzen in die Hand. Ein Pumpwerk nämlich, das eine Flüssigkeit durch _starre_ Röhren treibt, gibt einen unterbrochenen Strom, einen Strom in einzelnen Stößen. Dagegen treibt dasselbe Pumpwerk die Flüssigkeit durch _elastische_ Röhren nicht in Stößen, sondern fortlaufend, ununterbrochen. Die elastischen Blutröhren haben somit einen sehr wichtigen Anteil bei der Verteilung des Blutes im Körper: sie sorgen dafür, daß das Blut _dauernd_ zu Organen und Zellen fließt. Wären sie starr, so käme das Blut an die Zellen nur in einzelnen Stößen heran, alle Sekunde, mit jedem Herzschlag einmal. Nun haben aber im Alter die Blutröhren an Elastizität eingebüßt, wenn das Bindegewebe, in dem sie gebettet sind, härter geworden ist. Die Zufuhr des Blutes zu den Zellen im Körper wird beeinträchtigt. Der Stoffwechsel der Zellen wird geschädigt. Und es kommt noch hinzu, daß die Blutpumpe selber, die Zellen des Herzens, einen Altersschwund erfahren. Auch das Herz wird im Alter kleiner und kann dann nicht mehr so kräftige Arbeit leisten wie in jungen Tagen. All das trägt dazu bei, daß die Atrophie der lebendigen Substanz aller Zellen im Körper noch beschleunigt wird.
Der Altersschwund der Zellen im Zellenstaat bedeutet, daß nunmehr weniger lebendige Substanz im Organismus enthalten ist -- die Zellen sind kleiner geworden und es wird jetzt im Körper weniger lebendige Substanz im Stoffwechsel verbrannt. Das ist uns selbstverständlich: im alternden Organismus brennt das Feuer des Lebens -- ganz wörtlich zu verstehen -- nicht mehr wie einst im Mai, es brennt nicht mehr in lodernder Glut wie früher, wie in der Jugend des Menschen. Man hat gefunden, daß der Stoffwechsel bei Greisen und Greisinnen eine Abnahme erfährt. So sind die Verbrennungsvorgänge bei Leuten im Alter von etwa 68 bis 86 Jahren um rund 20% geringer als bei Leuten, die im mittleren Lebensalter stehen.
Alles in allem: _es ist das Altenteil der Zellen im Zellenstaat, daß sie atrophisch werden, daß sie einen Altersschwund erfahren, wobei der Stoffwechsel der Zellen eine bedeutende Abnahme erfährt_.
7. Wie wir sterben.
Nun wissen wir, was das Altenteil der Zellen im Zellenstaat ist.
Aber was gewinnen wir für das Verständnis des natürlichen Todes, das wir suchen, wenn wir nun wissen, daß die Zellen im Zellenstaat einen Altersschwund erfahren? Wir waren im fünften Kapitel dahin gelangt, daß der vielzellige Organismus stirbt, _wenn bestimmte Zellen, die für den normalen Ablauf des Stoffwechsels im Zellenstaat von Bedeutung sind, in ihrer Tätigkeit versagen_. Weisen uns nun die Veränderungen der Zellen im alternden Zellenstaat, die wir festgestellt haben, darauf hin, welche Zellen im Körper am ehesten versagen und das Sterben des Zellenstaates einleiten? Nein. Wir haben bloß gesehen, daß _sämtliche_ Zellen des Zellenstaates einen Altersschwund erleiden. Wir wollen aber doch wissen, warum mehr oder weniger plötzlich der Zeitpunkt kommt, wo ein schnelles Hinsterben aller Zellen des Zellenstaates beginnt. Darüber sagt uns das, was wir über den Altersschwund der Zellen im Zellenstaat und über die Abnahme ihres Stoffwechsels erfahren haben, noch nichts aus. Wollen wir hier Aufschluß gewinnen, so müssen wir einen anderen Weg einschlagen. Wir dürfen uns dann nicht darauf beschränken, bloß die Organe von Leuten, die an Altersschwäche verstorben sind, zu untersuchen. Wir müssen hier zusehen, _wie man stirbt_.
Um uns das Suchen zu erleichtern, wollen wir zunächst zusehen, wie man an einer _Krankheit_ stirbt, wie der Tod durch Krankheit zustandekommt.
Wer wollte sich aber im freudigen Jubel des Lebens in die Zahlen versenken, welche statistische Ämter und Krankenhäuser ermittelt haben und aus denen herauszulesen ist, woran und wie die Menschen sterben! Und mancher von denen, die diese Zeilen zu Gesicht bekommen, nimmt's mir gar übel, daß ich nun dran gehen will, all die trüben Bilder des Todes hervorzuzaubern. Es mag ja dahingehen, daß man vom Sterben eines Pantoffeltierchens spricht und wohl auch vom Tode des Menschen aus Altersschwäche. Aber vom Tod aus Krankheit, vom Tode, der uns der kalte Schrecken ist! Und da möchte ich _Nothnagel_ zu Worte kommen lassen, der kurz vor seinem eigenen Tode in einem Vortrag eine lichtvolle Darstellung vom Sterben gegeben hat: »Es ist ein Wagnis, wenn ich es unternehme, nicht, wie sonst üblich, holde Gebilde der Kunst und Dichtung oder ergreifende Darstellungen aus dem Menschenleben und der Geschichte oder hoheitgeschmückte lichte Fragen der Wissenschaft, sondern ein so nachtgeborenes Problem, wie das Sterben ist, vor Ihr geistiges Auge zu führen. Den Mut dazu gibt mir die Erwägung, daß der elementaren Gewalt dieses Problems kein Denkender sich entziehen kann. Handelt es sich doch um eine unentrinnbare Frage, die jeden, ohne Ausnahme, persönlichst angeht. Wir mögen sie gleichgültig oder leichtsinnig, mutig oder ergeben, angstvoll oder gar freudig, mit der Ruhe des Philosophen oder der Wißbegierde des Forschers aufnehmen, aber erinnert werden wir auf diesem oder auf jenem Wege doch irgend einmal an sie. Dem ernsten Menschen aber geziemt es, einem Vorgange, der alles Lebendige der Vernichtung zuführt, eine eindringliche und vertiefte Aufmerksamkeit zuzuwenden.«
Und so nehmen wir uns denn den Mut, auch über den Tod durch Krankheit zu sprechen ...
Wenn wir uns die Todesstatistiken ansehen, so finden wir in ihnen sehr zahlreiche »Todesursachen« verzeichnet. Das offizielle Verzeichnis der Todesursachen, das die obersten Medizinalbehörden in den einzelnen deutschen Bundesstaaten den Ärzten zur Anwendung empfohlen haben, enthält über 175 verschiedene Nummern. Und schon das »kurze Verzeichnis«, das das kaiserliche Gesundheitsamt für die Todesstatistik benutzt, zählt 23 Todesursachen auf. Da sterben die Menschen an Infektionskrankheiten, wie Tuberkulose, Typhus, Scharlach, Diphtherie, Masern, Rose, Lungenentzündung und Influenza, an Pocken, Ruhr, Genickstarre, an Keuchhusten usw. Die andern erliegen Verdauungskrankheiten, Krankheiten des Herzens, der Lungen, der Nieren, der Leber, des Nervensystems. Und andere wieder sterben an Krebs, fallen als Opfer auf dem Schlachtfeld der Arbeit in Fabrik oder Bergwerk, werden das Opfer eines Unfalls, eines Mordes, sterben an Gift. Und was der Schrecken noch mehr!
So ergibt sich zunächst eine ganz außerordentliche Mannigfaltigkeit von »Todesursachen«. Bei näherem Zusehen erweist es sich jedoch, daß das Sterben der Menschen viel einheitlicher gestaltet ist. Nehmen wir z. B. den Fall, daß ein Mensch an Lungenentzündung gestorben ist. Auf den ersten Blick scheint kein Zweifel vorhanden, daß eine Erkrankung der Lungen den Tod unseres Patienten verschuldet hat. Die erkrankten Lungen können die Atmung nicht mehr so gut besorgen. Die Zellen des Körpers bekommen nun nicht genug Sauerstoff zugeführt, und die Kohlensäure wird aus ihnen nicht prompt genug herausgeschwemmt. Vor allem wird das die Nervenzellen treffen, die gegenüber Sauerstoffmangel außerordentlich empfindlich sind. Die Sinne des Kranken umnebeln sich, und schließlich wird unser Patient bewußtlos. Aber noch steht die Atmung nicht ganz still und das Herz tut noch seine Arbeit. Doch auch das Herz beginnt schließlich zu erlahmen. Denn die Herzmuskelzellen können nur dann tüchtig Arbeit leisten, wenn sie genug Sauerstoff mit dem Blute zugeführt bekommen und wenn sie nicht mit Stoffwechselprodukten überladen bleiben. Normalerweise bringen besondere Blutgefäße den Herzmuskelzellen das allerfrischeste Blut im Körper. Nun, wo die Atmung mangelhaft geworden ist, wo die Lungen nicht mehr genug Sauerstoff ins Blut hineinbringen, wird natürlich auch die Sauerstoffzufuhr zu den Herzmuskelzellen mangelhaft -- die Schlagfolge des Herzens beginnt unregelmäßig zu werden und schließlich steht das Herz still, obgleich die Atmung unseres Patienten noch nicht ganz aufgehört hatte. Für das Herz aber war die mangelhafte Sauerstoffzufuhr so ungenügend, daß es seine Arbeit nicht mehr tun konnte. Unser Patient ist tot. Wir sagen, er sei an Lungenentzündung gestorben. Das ist insofern richtig, als die Lungenentzündung ihn krank gemacht hatte. Aber von allen Organen hat doch das _Herz_ zuerst versagt, und der Stillstand des _Herzens_ hat das Sterben der Zellen im Zellenstaat eingeleitet.
Ein anderes Beispiel. Ein Kind ist an Diphtherie erkrankt. Die Entzündung des Kehlkopfes ruft Atemnot hervor. Das Kind »erstickt«, wenn der Arzt nicht rechtzeitig dazukommt, um den rettenden Luftröhrenschnitt auszuführen: der Stillstand des Herzens, der bei Sauerstoffmangel eintritt, auch wenn die Atmung noch einigermaßen anhält, hat das Schicksal des Kindes besiegelt. Und noch mehr: es kommt vor, daß ein diphtheriekrankes Kind stirbt, bevor es noch überhaupt zu Atemnot gekommen war. Das Herz war stillgestanden. Die Stoffe, welche die Diphtheriebazillen ins Blut ausscheiden, haben das Herz vergiftet. Auch bei Typhus, Influenza, Scharlach und andern Infektionskrankheiten sieht man infolge der Bakteriengiftwirkung in gleicher Weise das _Herz_ erlahmen, während die Veränderungen in den andern Organen bei allen diesen Krankheiten so verschieden sind.
Ein Patient geht an einer Erkrankung der Niere zugrunde. Sein Körper ist mit Stoffen überschwemmt, die normalerweise in den Stoffhaushalt seines Organismus nicht hineingehören. Der Kranke liegt bewußtlos da. Aber solange das Herz noch arbeitet, ist noch nicht alle Hoffnung geschwunden. Doch die Stoffe, die aus den kranken Nieren in das Blut gelangen, wirken auch auf das Herz, und das Herz ist im Laufe der Zeit, wo die Nieren krank sind, geschwächt worden. Schließlich versagt das Herz, das Herz steht still. Der Kranke stirbt. Das Herz hat sein Machtwort gesprochen.
Der Arzt kennt diese Tatsachen, und das erste, worüber er sich bei einem Patienten zu vergewissern sucht, den man seiner Kunst anvertraut hat, ist der Zustand des Herzens. Je kräftiger, je widerstandsfähiger das Herz, desto geringer die Todesgefahr.
So können wir mit Nothnagel sagen: »Der Mensch stirbt fast immer vom Herzen aus. So lange dieses in der Brust sich zusammenzieht, und sei es noch so schwach, noch so mühsam, so lange lebt der Mensch -- der letzte Herzschlag, und erst dann ist alles unwiederbringlich zu Ende.«
Die Frage, _wie_ man stirbt, hatte für uns Interesse, weil wir wissen wollten, welche Zellen im Zellenstaat zuerst versagen und das Sterben aller Zellen im Zellenstaat einleiten. Da ist es nach dem, was wir eben erfahren, wohl plausibel, daß die Herzmuskelzellen die Künder des Todes im Zellenstaat sind. Wo das Herz stillsteht, da sind die Zellen des ganzen Zellenstaates ohne Sauerstoff -- da hat der Zellenstaat ausgelebt. Das ist uns klar.
Gut, das Herz steht still, und die Zellen im Zellenstaat beginnen zu sterben. _Aber die Herzmuskelzellen sind noch nicht tot, wenn das Herz zu schlagen aufhört._ Daß dem so ist, haben in schöner Weise Versuche gezeigt, die vor mehr als zehn Jahren der russische Physiologe _Kuljabko_ ausgeführt hat. Kuljabko hat nämlich den erfolgreichen Versuch gemacht, _das Herz eines toten Menschen wieder zu beleben_. Auf den ersten Blick direkt Zauberei. Im Laboratorium aber hat sich die Zauberei in folgender Weise abgespielt. Kuljabko ließ sich aus einem Kinderkrankenhause in Petersburg nach der Leichenschau von Kindern, die an verschiedenen Krankheiten gestorben waren, die Herzen in sein Laboratorium bringen. Hier band er ein Glasröhrchen ins Herz und pumpte mit Hilfe eines automatischen Pumpapparates eine geeignet zusammengesetzte Salzlösung durchs Herz. Die Salzlösung hatte er vorher auf Körpertemperatur erwärmt und gut mit Sauerstoff durchlüftet. Launig ist es dabei zu hören, wie es Kuljabko beim ersten Versuch ergangen war. Nachdem er nämlich das Herz etwa eine Viertelstunde mit der Salzlösung durchspült hatte, war das Herz noch so leblos wie zuvor. Kuljabko wollte den Versuch eben abbrechen, weil er sich dachte, die Sache sei nun abgemacht, mit der Wiederbelebung eines Herzens aus der Brust des toten Menschen ginge es nicht. Da wurde er zufällig ins Nebenzimmer gerufen und ließ seinen Pumpapparat mit dem Herzen einstweilen noch stehen. Als er nach fünf Minuten zu seinem Pumpapparat zurückgekehrt war -- da schlug das Herz! Das Herz des toten Kindes hatte wieder zu schlagen angefangen, nachdem es kaum eine halbe Stunde mit warmer und sauerstoffhaltiger Salzlösung durchspült worden war -- beinahe vierundzwanzig Stunden nach dem Tode des Kindes. Kuljabko hat zehn solcher Versuche ausgeführt an den Herzen von Kindern, die an Lungenentzündung, Diphtherie, Genickstarre und Darmkrankheiten gestorben waren. In drei Fällen gelang die Wiederbelebung nicht, während sieben andere Versuche von Erfolg gekrönt waren. Gewöhnlich begannen nur einzelne Teile, nicht das ganze Herz wieder zu schlagen. Aber in einem Falle war die Wiederbelebung des Herzens vollständig gelungen: das Herz schlug regelrecht, genau so gut wie das Herz im lebendigen Körper. Siebzig bis achtzig Mal in der Sekunde schlug das Herz, und so ging es mehr als eine Stunde lang. Dann wurde der Herzschlag schwächer, und als am nächsten Tage der Versuch mit diesem Herzen wiederholt wurde, da war es für immer tot. Kuljabko hat seine Wiederbelebungsversuche auch an Kaninchenherzen ausgeführt und es gelang ihm, das Herz eines Kaninchens wieder zu beleben, das schon vor sieben Tagen verstorben war! Im Mittelalter wären Kuljabko als einem Hexenmeister reinsten Wassers Scheiterhaufen und Folterkammer sicher gewesen, wie ein bekannter Physiologe einmal gescherzt hat. Heutzutage ist es ihm besser ergangen.
Nun kann es sich aber in den Versuchen von Kuljabko nicht um eine Wiederbelebung von _toten_ Zellen handeln. Eine Zelleiche kann nicht zum Leben erweckt werden: was zum Leben erweckt werden kann, ist noch nicht tot! In den Versuchen von Kuljabko war somit nur das allmähliche Sterben der Herzmuskelzellen, der Tod in seinem Hinkriechen über die Herzmuskelzellen aufgehalten, und der Tod war hier durch die Kunst des Physiologen ein gut Stück Weges zurückgeworfen.
Was wir aus den Versuchen von Kuljabko also lernen, das ist: daß die Herzmuskelzellen noch gar nicht tot zu sein brauchen, wenn das Herz stillsteht. An dieser Tatsache kann nach den Versuchen von Kuljabko nicht mehr gezweifelt werden. Aber warum steht denn das Herz still, wenn die Herzmuskelzellen noch nicht tot sind? Nun, die Herzmuskelzellen sind durch die Krankheit geschädigt: giftige Stoffe, die im Blute des Patienten kreisen, haben sie getroffen, oder Sauerstoffmangel, wie z. B. bei der Lungenentzündung, hat sich eingestellt, und die Herzmuskelzellen, die für ihre rastlose Arbeit der ununterbrochenen und reichlichen Sauerstoffzufuhr so sehr bedürfen, können jetzt ihre Arbeit nicht mehr so tun, wie es sich normalerweise gehört. Ein regelrechtes Zusammenarbeiten der Herzmuskelzellen, auf dem der Herzschlag beruht, ist jetzt nicht mehr möglich und das Herz steht still. Nun führen wir aber, wie in den Versuchen von Kuljabko, den Herzmuskelzellen genug Sauerstoff zu und spülen aus ihnen die Schlacken heraus, die sich in jeder schlechtatmenden Zelle zu einem Berge anhäufen. Auch die Gifte, mit denen die Herzmuskelzellen in der Krankheit überschwemmt worden sind, werden dabei mit entfernt. Die Herzmuskelzellen arbeiten jetzt wieder besser und der Herzschlag kommt wieder zustande.
Kuljabkos Versuche haben uns gezeigt, daß ein Herzstillstand und damit das schnelle Hinsterben aller Zellen im Zellenstaat schon eintreten kann, wenn die Herzmuskelzellen noch nicht tot sind, sondern nur erst eine Störung in ihrem Stoffwechsel durch Sauerstoffmangel oder durch Gifte erfahren haben. Aber wir kennen auch Fälle, wo die Herzmuskelzellen vollkommen gesund sind, und doch das Herz plötzlich seinen Dienst versagt und stillsteht. Das kommt zuweilen nach heftigen Gemütsbewegungen vor, nach einem heftigen Schlag auf den Kopf, nach starken Erschütterungen, denen der Körper ausgesetzt war. Für den Arzt ist hier der Zusammenhang zwischen der Schädigung des Gehirns und dem Herzstillstand ohne weiteres klar. Vom Gehirn geht nämlich ein Nerv seinen weiten Weg zum Herzen herunter -- »Wandernerv« nennen ihn die Ärzte. So hat das Gehirn die Herrschaft auch über das Herz. Das Gehirn tut bei der Herzarbeit mit, unter seinem strengen Regiment tun all die vielen Herzmuskelzellen ihre gewohnte Arbeit. Und wenn es einmal eine Störung gibt in denjenigen Nervenzellen des Gehirnes -- sie sind im »verlängerten Mark«, in dem Verbindungsstück zwischen Gehirn und Rückenmark gelegen --, die der Herzarbeit vorstehen, dann kann die ganze geregelte Herzarbeit mit einem Male in die Brüche gehen. Ein über alle Maßen heftiger Impuls vom Gehirn, dessen Zellen durch eine starke Gemütsbewegung oder durch einen schweren Schlag sehr stark erregt worden sind, geht durch den Wandernerv zu den Herzmuskelzellen -- und das hat sie aus Rand und Band gebracht. Die einzelnen Herzmuskelzellen aber können dabei ganz wohlauf sein: nur ihr _Zusammenarbeiten_ geht dabei verloren. Namentlich machen sich solche Störungen, die vom Gehirn ausgehen, dann geltend, wenn auch die Herzmuskelzellen irgendwie geschädigt sind, z. B. bei allerlei Herzkrankheiten. Darum ist es so wichtig, daß ein Herzkranker keinen heftigen gemütlichen Erregungen -- gleich, ob großer Freude oder großer Trauer -- ausgesetzt wird: sein Herz kann unter Umständen stillstehen, die für ein gesundes Herz belanglos sind.
Der langen Rede kurzer Sinn aber ist folgender: _Wie mannigfaltig auch die Krankheiten sind, die uns treffen, wir sterben alle so, daß das Herz infolge von Veränderungen in den Herzmuskelzellen oder infolge von Störungen in den Nervenzellen, die der Herzarbeit vorstehen, seinen Dienst im Zellenstaat versagt. Herzmuskelzellen und Nervenzellen brauchen dabei noch nicht tot zu sein: schon allerlei Schädigungen, die ihr Stoffwechsel erfährt und die eine geregelte Arbeit der Herzmuskelzellen unmöglich machen, können einen Stillstand des Herzens veranlassen. Und ist der Stillstand des Herzens da, so beginnen alle Zellen des Zellenstaates, eine Zellgruppe nach der andern, zu sterben._
Zu allererst sterben im Zellenstaat die Nervenzellen, die gegen Sauerstoffmangel sehr empfindlich sind. Andere Zellgruppen können noch recht lange am Leben bleiben. Daß die Herzmuskelzellen viele Stunden lang nach dem Eintritt des Herzstillstandes, viele Stunden, nachdem der Körper schon eine reglose Leiche geworden, noch am Leben sind, davon haben wir schon gehört. Es ist auch bekannt, daß die einzelnen Muskeln des Skeletts und andere Zellgruppen in unserem Körper noch viele Stunden nach dem Eintritt des Herzstillstandes und nach dem Tode der Nervenzellen am Leben bleiben. Erst nach Ablauf mehrerer Tage ist der letzte Funken des Lebens im großen Zellenstaat erloschen ...
_So nimmt Gevatter Tod Besitz von uns, wenn er durch Krankheiten, die seine Späher und Häscher sind, sein Kommen uns kündet._
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