Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts
Part 2
Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich schwarz in den stillen Gräben, alles versprach einen heißen Tag. Den Gruß eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und sein breites, wohlgefälliges Lächeln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach. Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie grüßte, sehr höflich und auf eine Art zögernd, als habe er eine Frage zu stellen. Sie sah zurück und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine Weile, die Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an, mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befürchtung nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser blinkten. Er war schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Hütchen aus Filz und erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche Hände wünschte sie sich ...
»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte er zögernd, aber nicht unsicher, »wie lange würde ich von hier aus brauchen, um bis Wandelen zu gelangen?«
»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das Vorwerk Wendalen.«
»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«
Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, schaute über Land, als erwöge sie ernstlich die Antwort, um sie treffend geben zu können. Ihre Art der Herablassung war voll Anmut, von einer holden Sicherheit überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, was er wissen wollte, und sah sie bewundernd an.
»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem Pferde gebraucht, aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden zwei Stunden brauchen an einem Tage wie heute. Und der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«
»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich bei solcher Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe nicht gewußt, wie weit es ist, es hätte mich sehr interessiert, da ich diese Frühmorgenstunde nicht besser zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch alle.«
Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es wirkte auf ihn wie Sonnenschein im Frühling und wie der traurige Gedanke an einen frühen Tod.
»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? Kehren Sie denn jetzt um?«
»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine heiße Freude am Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut klopfen ließ; sie sprang vom Pferde, und in der überwindenden Unbefangenheit, die ihr Wesen auszeichnete, sagte sie:
»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein wenig ledig dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf das Pferd und sagte: »Das ist Joni.«
»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges Fräulein, gewiß, um mich daran zu erinnern, daß ich Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe, ohne Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«
Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, den sie kaum zu verstehen für nötig hielt, und verbeugte sich dabei, nicht ganz in der üblichen Richtung und auf eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.
»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir die Ehre zu erweisen, zu sagen, wer Sie sind?«
Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, wartete, bis er ihren Blick sah, und meinte:
»Tut es etwas zur Sache?«
Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, darüber nachzudenken, daß dies wenig höflich sei, und sagte rasch:
»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war sicherlich recht töricht. Der Vorzug Ihrer freundlichen Begleitung sollte mir genug sein, und er ist es, sicherlich, mein gnädiges Fräulein.«
Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein wie ihr Recht, obgleich sie ihn beneidete.
»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, und was an ihrer Frage hätte Neugierde sein können, wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie eine kindliche Bitte.
»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und eigentlich schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe zufällig gekommen; es ergeht mir oft so, daß mir eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe schenkt.«
»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr Lächeln eine neckische Bewunderung. »Das klingt ja fast, als wollten Sie mir sagen, daß Sie den Schloßherrn von Wartalun persönlich kennten.«
»Ich vermute, daß ich es _bin_«, antwortete er bescheiden.
Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand bebten, daß ihr Schritt wankte und ihr Angesicht sich langsam in jäher Erstarrung mit tödlicher Blässe überzog, fuhr er fort:
»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, und seltsame Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht. Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben, mein gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hörten nie mehr voneinander, da kein Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die große äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen über eine spät noch geplante Verheiratung des alten Herrn.«
Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie mit großer Mühe ihre Fassung zurückerrungen hatte und ihre Gedanken ordnen konnte, empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, nicht völlige Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Würfel noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung wach und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte er, wenn er nun erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fühlte, daß keiner der Gedanken, die er sich darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder Verachtung gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige und höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschätzung in ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lächeln über die Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein schwerer, breitschultriger Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und grollenden Eigensinn darin, oder die herbeilassende Güte seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und froh Abrechnung hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand sollte am Zügel ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in den Sonnenschein und lächelte.
Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.
»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, sagte er leise. »Mich beschäftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein geneigt, vor einer so selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die Ihre es ist, ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«
Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glück über die völlig ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine selbstbewußte Bestätigung seiner Befürchtung aus.
Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der Augenblick zuließ, und sie vermied es unbewußt, ihre Worte anders zu setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle nützlich erschien.
»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft«, sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich habe den Grafen gekannt und geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre Offenheit ist eine Freude für mich.«
Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von denen sie fühlte, daß sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war es jene eigen unüberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als machte sie sich heimlich ein wenig über ihn lustig.
Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des Frühlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen und fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heißes Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm.
»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend sind, gnädiges Fräulein«, sagte er stockend, und dann schwieg er plötzlich, weil er sah, daß ihn diese Worte zu etwas führten, das er nicht hatte sagen wollen.
»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst daran, daß er nach diesen Worten unbefangen zu sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm damit aus seiner Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte, mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das Leben schön. Ich habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. Ihr war, als liebte sie diesen Mann neben sich, weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab, neue Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren und zu erproben.
Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr Haar. Ihre Lippen bekamen etwas von jenem irdischen Daseinslicht, das zuweilen die Lippen junger Frauen umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut ihres Leibes in die Lippen emporsteigt, als blühten wieder die Reben ...
Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend aus sich, seinen freundlichen Worten folgen:
»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte mir zufallen«, sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, mich ihrer zu freuen. Ich war ganz mit meinen Studien ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im Auge, als ihre Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. Ich trage schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, nehme es auch vielleicht mit der eigenen Innenwelt und mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein wenig zu schwer ...«
Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu vergessen, vor wem er sprach. Ihm war, als spräche er vor sich hin, wie er gewohnt war, es oft auf einsamen Spaziergängen zu tun.
»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich unser neues Eigentum selbst verwalten sollte. Ihr war es seit langem ein lieber Wunsch, die Stadt zu verlassen, die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich hat sie wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für mich Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je mehr ich beginne, langsam die ganze Größe dieses Besitzes zu ermessen, alle Pflichten einzusehen, die sich mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«
»Wieso?« fragte Afra.
Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, ging aber gleich auf ihre Frage ein.
»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre mit einem jungen Ding, zu dem er eine große Vorliebe gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur ihren Vornamen, mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein seltsam unverständlicher und außerordentlich altväterisch verfaßter Brief ist vor dem Testament in meine Hände gelangt. Er wirkt eher wie eine philosophische Lebensbetrachtung als wie das rechtsgültige Dokument einer letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht eröffnet werden können, da ich noch Papiere beizubringen habe. Aber das ist nur noch eine Frage von Tagen.«
»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte Afra.
»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«
»Und der Brief?«
Er sah sie an.
»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«
»Ja«, sagte Afra.
»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber zweifellos ein Mann von hochherzigem Charakter und voller vergrübelter und verschlossener Werte. Über die Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht viel hervor, da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen wird, was er von ihr hielt, was der Alternde in sie hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in Einzelheiten unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch sicherlich zu Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten sagen, war ebenso unverständlich wie mysteriös. Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«
Er lächelte vor sich hin.
»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«
Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie erstaunt an. Ihre Augen glänzten hart und einsam und wiesen ihn ab.
»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen berühre, aber seien Sie versichert, die Beziehungen des alten Herrn zu diesem Kind waren derart, daß sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, verstehen Sie nicht falsch, was Sie zweifellos nur aus dem Klatsch Urteilsloser oder Neidischer gehört haben.«
Sie antwortete kalt:
»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht haben.« Und hingerissen von einer plötzlichen Erbitterung, die sie alles vergessen ließ, fuhr sie fort: »Sprechen Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem >jungen Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von seinem Wert, ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen äußeren Gütern genügen ...«
Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen Worte. Sie suchte nach einem Halt. Es bot sich ihr nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf sie stürmisch den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, am ganzen Körper bebend und von Scham, Wut und Bewegung geschüttelt, ohne Halt und so friedlos und aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute war, als sei durch kein Heil von Menschenkraft je wieder etwas an diesem Unverständlichen gutzumachen, das sein ahnungsloses Herz an diesem Sommermorgen angerichtet hatte.
Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum bemühte, das junge Mädchen zu beruhigen und den Grund ihres Leids zu erfahren, während er eine ungeordnete Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte stammelte und sogar wagte, ihre Schulter mit seiner Hand zu berühren, dachte Afra mitten im Sturm ihrer aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:
War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war klug, und für ihn und für meine Stellung zu ihm war es zweifellos so richtig. Sie wußte nicht weshalb, wußte nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen Wunsch, die Schmach vor ihr abzudienen, in die er sie gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort, rührte sich nicht und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des neuen Gefühls, von dem er nichts ahnte. Einmal, als das Pferd den Kopf senkte und hob, stieß ihre Schulter härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht hätte.
Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort zurück.
»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie -- verzeihen Sie mir«, sagte er. »Ich weiß nicht, ich weiß in der Tat nicht, was ich verfehlt habe und wie ich es gutmachen kann.«
»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. Sie senkte den Blick nicht, als sei ihr alles unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren Worten zu erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf ihn wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich kann mich jetzt unmöglich so gelassen zeigen, wie mir zumute ist, es würde die Hälfte dessen zerstören, was ich erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr verzweifelt. Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut und für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und mühsam mit den äußeren Erscheinungen des Lebens abzufinden wußte und mit den Frauen noch um vieles schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht traurig zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr sprach, gefaßter, ernst und sehr würdevoll, mußte sie hinter ihren Händen, die sie vor ihr Gesicht geschlagen hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was geschehen war, hatte sie nichts berechnet. Wenn er jetzt sähe, wie ich empfinde, so würde er mich verachten, dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn ein wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er nicht empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie verstehen würde.
Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.
Drittes Kapitel
Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu erreicht hatten, erschien es dem Mädchen, als sei es nicht gut, sich nun schon zu trennen, denn alles, was noch an Worten gefallen war, befriedigte sie nicht und ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses enttäuschten. Irgend etwas mußte bestimmter geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr war, als müßte er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, weil sie ihr neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, aber es lag in ihrer Art, sich eher mit einer geringen Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen Aussicht.
Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht oft in seinem Leben. Aber viel mehr als die Geschehnisse und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst auf ihn. Er wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie über alles gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und fesselte. Wenn er versuchte, sie sich vorzustellen, so war sein Eindruck zuerst der einer ganz eigenartig klar geschiedenen farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar, die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... alles erschien ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen und eindringlichen Gesondertheit wie die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden Nuancen suchten, sondern die den Mittelton fanden und gaben, klar und wie in unfehlbarer Gewißheit, daß er alles Leben und alle Vielgestalt des Lichts dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene und geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im Grunde ihr Wesen doch allein durch das Leben ihrer schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen erschienen ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, in ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der Natur auf einen Menschen wirken können. Diese Kühnheit, die ohne einen Schein von Frechheit doch so herausfordernd und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll und voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. Er kannte diesen Blick bei Kindern, deren Gedanken vielleicht bei den Spielen im Garten sind, während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten der Alten lauschen, die sie noch nicht verstehen können. Kinder, deren Menschentum in seiner seligen Beschränkung der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so weit überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides in einem Herzen zu wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.
Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete den Mann an ihrer Seite, der mit gesenktem Haupt neben ihr dahinschritt und dem sie deutlich anmerkte, daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. Erst als er, beinahe wie aufgeschreckt durch ihr leises Lachen, rasch den Kopf hob, besann er sich darauf, daß die Interessen der jungen Dame an seiner Seite wohl kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte ihre Lage und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.
»Warum lachen Sie denn?« fragte er.
»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.
Nun lächelte er.
»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so dachte ich mehr an Ihre Person als an Ihre Lage, und letztere sollte mir doch eigentlich aus vielen Gründen am Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht ganz leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor kurzem eine Kränkung ausgesprochen habe statt des Danks, den ich Ihnen schulde. So viel weiß ich wohl aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine Erfahrung von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung des Schlosses und aller Güter bisher beinahe ganz in Ihren Händen gelegen hat. Sie waren die Vertraute des alten Herrn und sind sicher in alle Notwendigkeiten und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht, als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine Bitte geht nun darauf hin, ob Sie uns die Liebe erweisen wollen, es in Ihrer Stellung zu allem und zu uns beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als Sie leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle keinen Augenblick daran, daß einzig die Neigung des Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu ihm Sie hier gehalten hat ...«
Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. Mochte es sein, weil dem Namen Erwähnung getan war, Afra mußte an den Toten denken, der sie geliebt hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er alle seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. Es quälte und beglückte sie zugleich. Sie schritt mit gesenktem Haupt dahin, das Angebot erschien ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig geschehen konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. Mochte er denken, sie sei undankbar, es war immer noch besser, als daß sie sich ihm durch Dankesworte für verpflichtet erklärte.
Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin und Holundersträucher drängten über die blühenden Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch dieses verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, so blinkte hinter dem Grün die schwermütige Farbe des toten Grabenwassers, das an drei Seiten die Schloßmauern umzog und tief im Park einen ruhigen See bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank im Schatten eines verwilderten Apfelbaums. Afra blieb stehen. Er verstand sie und lud ein, ein wenig zu rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein Büschel Zweige.
»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich ihr zu Füßen nieder, hängten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu ihr auf.
»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer kleinen Weile wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder zu beziehen. Gewiß nicht allein aus Gründen der Autorität vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute mittag unser Gast zu sein, so daß ich Ihnen meine Frau vorstellen kann, möchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich nun vieles besser verstehe.«
»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne zu danken, »ich habe wenig Kleider.«
»Bitte«, sagte er einfach.