Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts

Part 11

Chapter 113,731 wordsPublic domain

Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? »O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter ihrem Rock.

»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.

Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier vor sich gegangen war. >Aja< zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren, es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das können die Menschen nicht.

Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:

»Nicht dort! Gib acht!«

Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.

Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle Ansagen der Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen voneinander ließen auf einen Gang in wankenden Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt war und ins Ziellose des Verderbens führte.

Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch.

Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.

Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, trat sie langsam zurück über den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land erreicht hatten.

»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.

Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu ihm auf.

»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, daß wir umkehren.«

Dreizehntes Kapitel

Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst wütete im Land. Das Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, Kälte und Nässe jagten die Menschen in ihre Wohnstätten, in denen sie sich gegen den langen und rauhen Winter verschanzten.

Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger als im Sommer stand es grau im schwarzen Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu im Hof blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie schienen sich an den majestätischen Steinkoloß des Schlosses zu drängen, und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume auf den stillen Wasserflächen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel spiegelten.

Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Kräfte suchen lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens ließ er die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es dürfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er ließ den Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht, durchirrte das dunkle Schloß, bis er hinausgefunden hatte, und schlich stundenlang, bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund durchprüfte und daß er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes zurückwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spüren vermeinte. Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags plötzlich, es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob Widerspruch, mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der junge Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns verfiel, der durch nichts zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber, nach der Leiche Ausschau zu halten.

»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit keine Blasen aufsteigen«, erklärte Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren Stangen wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hände oder ihr Gesicht verletzen.«

Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß geworden war, von ihm ab. Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen, durchprüft, um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren Trostworten mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte und daß er dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten konnte, während sie sprach, mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.

Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener bösen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergeßlich eingeprägt war. Aber man fühlte, daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen, alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. Er nahm sich Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes Herz glauben ließ. Es ist zweifellos seiner Fürsorge und seinem Verständnis zu danken gewesen, daß Helmut sich langsam aus der Verfinsterung rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte. Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:

»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.«

Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr als auf einen höflichen Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in den Grund seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger stimmen können als die Zuversicht, von Afra nicht für unnütz gehalten zu werden. Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor, stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem Mädchen, als die herbstliche Nacht über die einsame Heimstätte ihres weltverlorenen Daseins niedersank.

Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, ließ in seltsam sicherem Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wußte mit einer Zuversicht die nicht zu überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber sie wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene deshalb nicht geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen Konstantin sein, in der ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge ihrer frühen Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen, die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es war, als erschlösse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft, sich darin zu bewähren, so hart erscheinen konnte.

Zu Anfang November ereigneten sich Tage von großer Klarheit und Schönheit, die im Hauch ihrer noch einmal spärlich von der Sonne durchwärmten Luft und in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich brachten. Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zögerte noch mit seinem Einzug.

Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst, über die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus Cismaren für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten größeren Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und Rüben waren unterzeichnet und verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren geschäftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernüchternden Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl von Gleichgültigkeit gegen Erwerb oder Besitz. Sie dachte auf dem Heimweg darüber nach, worin diese Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. Lag es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie verwarf diese Erwägung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer Gabe, die sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen war, erfahren, wie leicht es für sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr ihr eifriges Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich erscheinen lassen.

Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Gründe liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in eigentümlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen und das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin sahen wie unruhige Wogen eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre spärlichen Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten Schlaf schlief, war allem Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe entrückt.

Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht des raschen Abends, durch den sie im Beginn ihres Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in der noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte. Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum spürbaren Zug von Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand für eine Liebkosung bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger das kleinste Zugeständnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf seinen kleinen zweirädrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um die Schultern und ihr lächelnd gezeigt:

»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? Dort kehrt er um.«

So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich hatte sich der Händler erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn zu sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären müssen, das Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe Wegpappel mit ihrem Krähennest.

Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen ungeduldig. Sie sprang vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf Konstantin herrschte, der Gedanke verfolgte, daß Wendalen nun ihr Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges Lächeln der Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit und froh gemacht. Der triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft für lange erloschen. Sie empfand für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, durch die kein Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und zerstörender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie gehörte.

Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels romantisches Geschwätz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden oft über die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so hatten seine Aussprüche doch oft etwas von jener melancholischen Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in große Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden Tod in die großen Augen schauen müssen.

»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er einmal gesagt, als vom Grafen Konstantin die Rede war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben, bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.«

»Was?« hatte sie gefragt.

»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«

Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, daß es einen Schein von Wahrheit auf seine Worte übertrug.

Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war schwer geworden in Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner nachdenklichen Versunkenheit zu reißen.

»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. »Lachst du über Helmut oder über ...«

So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grübeleien mit der Finsternis der zurückliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige Wirkung erreicht, die das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über die unbeständigen Grenzen unseres Erkennens in die bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.

»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft und Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr Friedel fort. »Meinst du, es sei nur so viel wahr, als sich erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt. Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich für gewöhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne oder in Büchern. Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen, bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, die zum Himmel fahren oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's erst nachher auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind. Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter Blinden ...«

Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, daß man Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und daß die Liebe im Tod kein Hindernis für ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen blieb stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu werden.

Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden, die nicht im natürlichen Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrer Wesensart stand, aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter gewöhnlichen Umständen der Fall gewesen wäre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse führten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben zu lernen.

Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter den alten Buchen, die zum Walde hinüberführten, ihre Füße im dürren Laub raschelten, schlug sie Joni die Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den gelichteten Büschen hin über die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter denen die Grabstätte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen geschwungenen Ästen der letzten Bäume schon das eiserne Gitterwerk des Tors, als sie erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das gelichtete untere Gezweig starrte.

Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schloß der geschmiedeten Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu, als besänne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zögerte er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurück unter die Menschen führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und in der rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra für einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem Nachmittag ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten; aber trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, die ihr fast den Atem raubte, und sie hielt sich an einem Stämmchen fest, das neben ihr am Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. Es ergriff sie eine unverständliche Angst, der Fremde möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden und ihr so Gewißheit geben, daß auch seine Züge, sein Mund und seine Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander, sie kannte sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja und Fenn möchten zur Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie die Zuversicht, daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen waren. Aber sie blieb stehen und betrachtete den Eindringling.

Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel, denen man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung anzumerken glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber diese Beobachtung beruhigte sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da er nichts von Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht von äußerem Unheil oder Mißgeschick herzurühren schien.

Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung zu diesem Manne hinübersah, um so mehr verflog die anfängliche Furcht, die sie so fremdartig überfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön und nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, von dem aber wie ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwürde ausging.

Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen Mädchens nun keinesfalls rasch, aber Empfindungen eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam über die Stirn, plötzlich war ihr, als sei sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen Worte:

»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.«

Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, wie ihn nur reiche und im tiefsten Wesen beständige Naturen erleben, überkam sie der Sonnenschein eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen Sturm aus ihrem Herzen zu lassen. Sie warf mit dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war, als sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht Afra, Herrin von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz meiner herrlichen Jugend und aller Lebenskräfte der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden den Weg.

Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich auf und in ihr Gesicht. Seine Züge wiesen ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie wohl ein Andächtiger den Blick vom Schemel einer Kirchenbank hebt, wenn ihn ein gedankenloser Eindringling stört. Afra sah nun, daß sein Gesicht einen spärlichen Bart von einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu vergleichen war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes Gelbbraun. Seine Wangen waren in der Tat eingefallen und verliehen seinem Gesicht den Ausdruck von großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren von so großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem Abglanz einer klaren und beständigen Kraft der Seele, daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal in seinen senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen Freude hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die Zukunft unter den Menschen geborgen zu sein. Diese Augen schienen die heimliche Feindschaft aufzuheben, in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen und über die keine Form der Höflichkeit oder keine noch so gute Absicht zum Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen vermögen.

Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, die sie zu Anfang trieb, etwas stürmischen und burschikosen Gruß, indem er seinen Hut zog und etwas unwirsch nickte.

»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. Dann hob er seine Hand in die Luft wie ein Prediger und sagte:

»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«

»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und ein klein wenig auf Heiterkeit gestimmt.

Sein Gesicht verfinsterte sich.

»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es nicht erlaubt, hier einzutreten?«

»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu versöhnen. Nein, war das ein mißmutiger Geselle.

Er hob wieder die Hand.

»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet worden ist. Es ist ein Gebilde der Erde, emporgewachsen wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe hat es diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin hausen können.«

»So, gefällt Ihnen Wartalun?«