Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Zweites Heft) Ein Beitrag zur speciellern Kenntniß desselben, seines Volkslebens, der Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche

Part 3

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auf einem großen offenen Gebirgsplateau 1993 Fuß über dem Meere. In einer ordnungslosen Behaglichkeit dehnen sich über 400 beschindelte Häuser, häufig nur auf einem Bocke stehend mit Schrotholz, nach allen Richtungen aus, welche ohngefähr von 4850 Menschen bewohnt werden. Ursprünglich war der Ort nur ein Dorf, und das kleine im Thal hinfließende Wasser wird heute noch der Dorfbach geheißen. Erst im Jahr 1546 erhielt dieser Häuserwirrwarr die Stadtgerechtigkeit mit vielen Befreiungen und Gerechtsamen, damit aber freilich nicht die Form einer Stadt, vielmehr blieb es der Zukunft vorbehalten, den verschobenen Verkästelungen der Häuser durch Bauflickwerk und Einschiebsel ein Ansehen zu verleihen, wie es die Gegenwart beurkundet. Man theilte das Städtlein in das Krottenseeer-, Ringer-, Rehmer- und Bacherviertel ein und suchte sich eine Justiz- und Verwaltungsform zu verschaffen, wie es eben die auftauchenden verschiedenartigen Elemente gestatten wollten, indem sich ein Bergamt, welches dem damals wichtigen Zinn- und Eisensteinbergbau vorstand, wenigstens die Concurrenz bei der Wohlfahrtspolizei vorbehielt: denn das Städtchen bekam das Prädicat einer freien Bergstadt. Der Rath bekam freilich nur ein Läppchen der Rechtspflege, weil das Kreisamt Schwarzenberg die volle Jurisdiction und Obergerichtsbarkeit über die Stadt, so wie über die drei Freihöfe, welche inmitten derselben liegen, unmittelbar behielt. Die Freihöfe sind große Güter mit verschiedenen Berechtigungen und Befreiungen, welche von der Indulgenz der Landesfürsten ausgegangen waren, um, wenn diese im Obergebirge jagten, ein bequemliches Unterkommen und Beihilfen zu finden. Dieser Hakemak in der Justizpflege und Verwaltung, Berechtigungen und Befreiungen zwischen Rath und Bergamt, den Freihöfen gegenüber, wurde bis in die neuere Zeit herauf die Ursache mancher Streitigkeiten und Zerwürfniße, besonders da diese, ob sie schon in der Stadt liegen, sich nicht zur Gemeinde zählen ließen[7]. Die frühern Beschäftigungsarten des Bürgerthums waren nächst dem Bergbau das Klempner- und Flaschnerhandwerk, und es gab noch 1827 nicht weniger als 73 Meister davon im Orte. Die Bereitung von Medicinalwaaren für den Olitätenhandel, wozu von der Landesregierung Concession ertheilet wurde, brachte viel Geld ins Land und hob die Fabrikanten zur Wohlhabenheit empor, gab aber auch zugleich die mannigfaltige Gelegenheit, daß ein großer Theil von gebrannten Wässern, welche für die Anfertigung der Arzeneien nöthig waren, unter dem allgemeinen Prädicat »Schnaps« im Orte selbst vergläselt wurde bis auf den heutigen Tag, obschon die Medicinalbereitung sehr beschnitten worden ist und ihrem völligen Erlöschen entgegen geht: denn der Branntwein oder Schnaps von Eibenstock, besonders der Englischbittere, ist weit umher von den Trinkbrüdern gekannt. So wie nun die männliche Einwohnerschaft durch vorgenannte Erwerbsweisen und rühmlichen Fleiß ihren Hausstand immer flott zu erhalten, sich auch noch hie und da etwas zu ersparen wußte, so steigerte sich auch fast allgemein das Familienleben für ein bequemeres Fortkommen dadurch, daß Klara Angermann, Tochter eines Oberförsters in der byalistocker Gegend, das Tambouriren 1775 in Eibenstock bekannt machte, als sie ihren Oheim, den Förster Angermann, aufsuchte, was sie selbst früher in einem Nonnenkloster zu Thorn erlernt hatte: ein seltenes Beispiel von etwas Nützlichem, wenn von Klöstern die Rede ist. Dorothee Nier verbreitete diese Tambourirarbeit über einen großen Theil des Erzgebirges und Voigtlandes, wodurch, weil sie das Petinetnähen gleichzeitig mit ausbildete, das Spitzenklöppeln ziemlich in den Hintergrund gestellt wurde oder mit jenem wechselte, je nachdem dieses oder jenes periodisch besser lohnte. Doch in eben dem Verhältniß, wie sich diese Nahrungszweige steigerten und mehr oder weniger zur Wohlhabenheit und selbst zu Reichthum führten, nistete sich auch Neid und Misgunst bei denjenigen ein, welche nicht gleichen Schritt zu halten vermochten. Daher entwickelten sich Entzweiungen im Bürgerthume, die bald zu Factionen wurden, welche sich im Gemeindewesen kund gaben. Die eine verwarf Gemeindebeschlüsse blos deshalb, weil sie die andere unterstützte, und der Rath war immer zu ohnmächtig, mit Kraft dazwischen zu treten, oder schwach genug, sich selbst auf die Seite der oder jener Parthei zu stellen, wodurch der Geist des Widerspruchs noch mehr gesteigert wurde. Deshalb organisirten sich die Partheien in zwei Branchen, welche Appellanten und Appellaten genannt wurden. Eine grün montirte Schützencompagnie stellte sich später einer blauen dergleichen gegenüber, und diese unterhielten einen langen ärgerlichen Hader blos deshalb mit einander, weil diese blau und jene grün aussahen, was allerdings an Gellerts Nachtwächter erinnert. Seit 1834 wurde ein Justizamt, welches später in ein Landgericht überging, ebenso ein Hauptzollamt in Eibenstock errichtet, deren anständige Gebäude, mit dem neuen Handlungslocale der Kaufleute Gebrüder Dörffel, und dem Gasthofe zur Stadt Leipzig an der Karlsbader Straße nicht nur einen freundlichen Eindruck machen, sondern auch der Nahrung und Gesittung offenbar förderlich sein müssen. Insonderheit versteht es der Herr Landgerichtsdirector, die Zerrissenheiten unter der Einwohnerschaft durch Annäherung und Versöhnung auszuglätten und allgemeiner Verträglichkeit Raum zu verschaffen. Seine Bemühungen sind meist nicht ohne Erfolg geblieben.

Eibenstock ist eigentlich auch der Sitz eines Oberforstmeisters; gegenwärtig wohnt ein wohlrenommirter Oberförster hier, dessen Waldbestände unter die vorzüglichsten gehören sollen. Er ist Inhaber der goldenen Verdienstmedaille, und dessen Gattin erhielt erst neuerdings eine Prämie, angeblich wegen ihrer Verdienste um den Pflanzgarten ihres Ehegatten; wir wissen den Zusammenhang nicht genau.

Rings um die Stadt breitet sich Ackerland aus, was durchschnittlich gut gepflegt und bearbeitet wird, deshalb aber seine Seegnungen nicht schuldig bleibt, wenn Abnormitäten der Witterung nicht dazwischen treten. Auch giebt es daselbst eine musterhafte Viehzucht, die hauptsächlich durch eine Kunstwässerung großer Wiesenflächen außerordentlich begünstiget wird. In Gebirgsgegenden, wo man über Wasser disponiren kann und nur so viel weiß, daß die Bäche nicht bergan laufen, ist es eine sehr leichte Arbeit, Wässerungen anzulegen. Allein von dem Gefälle des Wassers die möglichste Höhe der Leitung nach den Formen des Grundstücks herauszufinden, ohne einem Gleichberechtigten zu nahe zu treten, und das Wasser selbst gleichmäßig in rieselndem Zustand auf die mannigfaltigst gestaltete Oberfläche zu vertheilen, dazu gehört ein genaues Nivellement, aber auch ein Uebereinkommen mit den Nachbarn, welches in Eibenstock durch wechselseitige Recesse erreicht wird, nach welchen der Wechsel der Wässerung und die Dauer derselben bestimmt wird. Der sogenannte Dorfbach und der Grüner Graben, welcher in Wildenthal an der großen Bockau gefaßt ist und in frühern Zeiten für bergmännische Zwecke nach Eibenstock geleitet wurde, deshalb aber auch noch gegenwärtig dem Bergamte Johanngeorgenstadt zur Disposition geblieben ist, geben das Wasser für die gesammte Wiesenwässerung, durch welche eine Quantität an Heu und Grummt von circa 18--20,000 Zentner jährlich erzielet und der Viehzucht ringsumher außerordentlicher Vorschub geleistet wird.

Erst im Jahre 1579 wurde die Straße von hier über Schönheide nach Auerbach in der Nähe des Krünitzberges, welcher in Westen mit seiner Waldung 2300 Fuß Meereshöhe aufsteigt, durchbrochen, während Eibenstock in seinem Bacher- und Rehmerviertel wegen seiner Häuserverkästelung nicht ohne Schwierigkeit kaum ordinäres Fuhrwerk durchließ. Deshalb ist auch seit etwa zwei Jahren eine Chaussee durch das Bacherviertel und den Gottesacker mit vielem Aufwand und Widerspruch angelegt, dadurch aber einer Menschen- und Viehqual größtentheils abgeholfen worden.

Von dem Gipfel des Krünitzberges aus übersieht man noch einmal das dicht zusammengedrängte Budenwerk Eibenstocks mit seinen drei langen Zipfeln, aus dem die Gebäude der Neuzeit hervorragen und gefallsüchtig ihre Ueberlegenheit den zwergartigen Häuserlein umher kund thun. Gegen Mittag dehnt sich eine hohe Bergwand, die Heckleithe und Wintergrün genannt, nach dem Ellbogen und Zeisiggesang hinauf, allenthalben mit dem dunkeln Grün von Fichtenwald überdeckt. Dieser giebt der Landschaft ein ernstes und finsteres Ansehen, was den Flachländern Gelegenheit zu dem Prädicate »Sächsisches Sibirien« gegeben hat. Wie oft mag diesem Titel in der freundlichen Auberge bei Meischnern zu Eibenstock widersprochen worden sein! Wir verlassen den geselligen und anziehenden Verkehr des Städtchens und wandern nach dem etwa eine Stunde entfernten Schönheide, wo wir zunächst auf der Hälfte des Weges

den Rockenstein

erreichen. Schüchtern, wie das böse Gewissen, schaut durch mit Bartflechten behangene Fichten in die Tiefe hernieder ein Granitklumpen mit einem dergleichen Kegel, den er auf seinen Achseln trägt, und droht diesen auf den Wanderer herabzuschleudern. Die Mythe sagt, daß einst ein tugendhaftes Mädchen mit ihrem Spinnrocken dem zudringlichen Gelüst eines rohen Jünglings entflohen und Sicherheit auf diesem in Wald gehüllten Granitknoten gesucht, hier aber von ihrem Verfolger entdeckt und von dem Felsen hinabgestürzt worden, indem nur der Rocken zurückgeblieben sei.

Ein jäher Rand läuft vom Rockenstein tief hinab in ein enges felsiges Thal, wohin ohne Gebrauch der Hände nicht füglich zu gelangen ist. Die Mulde polirt allenthalben Granitbrocken für Straßenpflaster, ohne Abnahme zu finden. Am linken Ufer derselben thürmen sich amphitheatralisch riesenhafte Gestalten von Granitkegeln auf und erinnern an Liebethal in der sächsischen Schweiz. Bald reihen sie sich wie Zähne zusammen, bald lassen sie Zwischenräume und locken zu der Vorstellung hin, daß die ganze Parthie ein Bruchstück von der Kinnlade des fabelhaften Drachen sein möge. Der grünsammten Wiesenstreif, welcher diesem wunderlichen Felsenkabinet zur Einfassung dient, das Herumklettern dürftiger Nadelhölzer an den Seitenflächen und das muntere Waldgeflügel, welches in den Rissen und Spalten sein Eldorado für seine Nachkommenschaft gefunden hat, machen aus dieser Einsamkeit ein liebliches Bild, über welches nur ein dünner Schleier von Schauerlichkeit gewoben ist.

Von dem Hammerwerk

Schönheide,

welches sich wie eine freundliche Villa an einem gegen Morgen gelegenen Bergabhange sonnet und wegen seiner Eisengießerei einen Namen erworben hat, ist kaum eine halbe Stunde Wegs nach dem großen, bevölkerten Dorfe gleichen Namens[8]. In frühern Zeiten besaßen die Edlen von Planitz Schönheide, Stützengrün und Neustädtel bei Schneeberg, welche Gegenden mit ungeheuren Waldungen bedeckt waren. Diese Ortschaften mit ihrem Areal erkaufte daher am 23. December 1563 Churfürst August für 28,300 Mfl., um dem blühenden Bergbau einen nachhaltigen Vorschub zu leisten. Aus einer tiefen Schlucht, die Ziegenleithe geheißen, steigt gegen Mittag ein muldiges Thal empor, welches von mehr als 6500 Menschen bewohnt wird, deren Gewerbsarten im Handel mit Petinetwaaren, Spitzen-, Eisen-, Flaschner-, Klempner- und Bürstenbinderwaaren bestehen, womit im erstern das Ausland und die Messen bezogen, letztere hingegen auf Jahrmärkten und Hausirhandel verstrichen werden. Die Namen Gehrischer, Oschatz, Leistner, Unger und einige andere haben in Ansehung der Umfänglichkeit ihres Handelsgeschäftes im In- und Ausland einen guten Klang von der Vorzeit auf die Gegenwart übergeführt. Selbst die Menge von großen Wohngebäuden, wenn sie auch der Form nach des architektonischen Geschmacks der Neuzeit entbehren, zeugen von der frühzeitigen Wohlhabenheit ihrer Besitzer. Der Glanz der Morgensonne spiegelt sich in dem Fensterreichthum, welchen die Giebelseiten der Häuser ihr entgegenhalten, welche Erscheinung wohlgeeignet ist, den Fremden glauben zu machen, daß es ein umfängliches Schadenfeuer sein dürfte, da Schönheide aus meilenlanger Ferne gesehen werden kann.

Der obere Theil des Ortes trägt einige enge und tiefe Einschnitte in dem Granite, welche wasserleer mit kleinen Häusern bebauet sind und Winkel genannt werden. Daher Fuchs-, Ascher- und Markerswinkel. Ein langer kräftiger Menschenschlag, worunter Mädchen und Frauen ein wohlgenährtes Ansehen haben, hübsch geformte Gesichterchen tragen und beiderlei Geschlechter in ihrer Sprachweise die Nachbarschaft des Voigtlandes verrathen, bewohnt dies interessante, großartige Dorf, dessen Häuser sich gefallsüchtig an dem sanftern Gelände zu beiden Seiten hinaufgelagert, in der Thalung aber sich in dicke Massen zusammengeschoben haben. Am obern Ende des Ortes überschaut das Auge eine Meilen lange und breite Fichtenwaldung gegen Südost; eine Reihe Granitberge von untergeordneter Höhe tragen dieselbe auf ihren Schultern, sie bildet einen See mit dunkelgrünem Wasser, dessen Wellen erstarret sind. In den Thälern und Schluchten gedachter Waldungen sind Eisenhüttenwerke und kleine Oekonomien mit gewässerten Wiesenrändern eingeklemmt, was aus größerer Entfernung nicht beobachtet werden kann, wenn man nicht etwa die Lichtblicke der Hohöfen zur Nachtzeit veranschlagen will.

Wenn man seinen Wanderstab von Schönheide nach dem Lattermannschen Eisenhüttenwerk Rautenkranz über die Mulde fortsetzt, so kommt man etwa in 2 Stunden von Süden her nach

Karlsfeld.

Frostig und anmuthlos liegen etwa 80 Häuser, in welche ohngefähr 1000 meist mittellose Leute eingepackt sind, wie Schwalben auf einem Blitzableiter, mager und kalt an einem Bächlein hin, welches sein Dasein Moorboden und Torflagern verdankt und die Wilzsch genannt wird. Das Auge findet ringsumher keinen Punkt, auf welchem es mit Wohlgefallen ruhen könnte; dunkles Nadelholz umringt das kärgliche Eigenthum und das undankbare Areal der Einwohnerschaft, welches vor etlichen und dreißig Jahren noch keine Furche Feld hatte, die der Dürftigkeit Kartoffeln für den Hunger liefern konnte. Diese bezog man von Eibenstock und der Nachbarschaft. Für die ersten Ansiedler mußte es daher eine Art Verwegenheit sein, Nahrung hier zu suchen und sich in das Dunkel der Fichten einzuhüllen, welche mit keinem Laubholz wechseln und so der Einförmigkeit einen wohlthuenden Anstrich verliehen.

In der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts erhielt der in der obergebirgischen Geschichte eben so rühmlich bekannte als reiche Veit Hans Schnorr zu Schneeberg durch Cession von Herrn von Carlowitz auf Alten-Schönfels die Gerechtsame zu Anlegung eines Eisenhüttenwerks und bekam dafür 1679 ein landesherrliches Privilegium. Schnorr soll zu Ehren des frühern Grundbesitzers und Cedenten von Carlowitz seinem neuen Anbau den Namen Karlsfeld gegeben haben. Ein Eisenhüttenwerk bedarf viel fleißige Hände und zu allen Zeiten eine Schaar Wagen für die An- und Abfuhre der Materialien und der fertigen Waare; daher bauten sich sehr bald eine Menge Menschen in hölzernen Hütten an, eben groß genug für den einfachen Hausstand, der noch gegenwärtig allenthalben sichtbar ist. Besonders mehrten sich auch die Nagelschmiede, weil sie sich das Eisen auf der Achsel an ihren Schmiedstock tragen konnten. Die Volksvermehrung bestimmte den Besitzer des Hammerwerks, eine Kirche zu erbauen, die den einzigen Gegenstand der Ueberraschung im Orte ausmacht, weil sie eine wohlgefällige Rotunde bildet, die man in einem solchen verkümmerten Orte nicht vermuthet.

Gedachter Schnorr hatte im Obergebirge viele Besitzungen, besonders von Hammerwerken und andern entopischen Fabriken, und fabelhaft würde seine Theilnahme an dem vaterländischen Bergbau genannt werden müssen, wenn er nicht die Anzahl Gruben und Grubenantheile selbst genannt und aufgezählt hätte, die er gleichzeitig baute. Der Seltenheit halber mag das von ihm gefertigte Verzeichniß diesem Schriftchen als Beilage dienen.

Gegenwärtig ist das Hammerwerk Karlsfeld eingegangen, weshalb die Einwohnerschaft zum größern Theil in eine Verkümmerung der Mittel zur Forthilfe gerathen ist, welche schon lange her zum ernsten Gegenstand der Berathung Seiten der Verwaltungsbehörden erhoben worden sind, ohne daß der Nothstand nur genüglich und beharrlich abgedämmt werden konnte. Denn wenn schon für den Kartoffelbau durch Urbarmachung von Waldboden, welchen das Finanzministerium unter billigen Bedingungen an die Einwohnerschaft seit einigen Jahren überlassen hat, nicht ungünstige Resultate erlangt worden sind, sich auch eine Wanduhrenfabrik durch wohlwollende Unterstützung des Herrn Kammerrath Anger in Leipzig organisirt und unter Aufsicht des Herrn Oberförster Thiersch und des Herrn Kaufmann Friedrich Dörffel in Eibenstock entfaltet hat: so wird der Erfolg des Ackerbaues immerhin nur von günstigen Jahrgängen in dieser rauhen Gegend abhängig bleiben und letztere, wenn sie auch jetzt gegen 40 Personen beschäftigt, in den Versuchen zum größern Aufschwunge in der Concurrenz mit den Schwarzwäldern um so leichter verkümmern, als sie bei aller Sorgfalt ihrer Vorsteher Mangel an hinlänglichen Buchen und Ahorn oder den für ihr Geschäft tauglichen Hölzern leidet und die Zufuhre aus entfernten Gegenden nicht füglich gestattet.

Nicht uninteressant ist das Vorkommen von Haselnüssen und Resten von Laubhölzern in den Torflagern unmittelbar bei Karlsfeld, wo gegenwärtig außer den kümmerlichen Vogelbeerbäumen (~Sorbus aucuparia~) jene Holzarten kein Gedeihen finden. Es scheint das dortige Klima vor vielen Jahrhunderten jenen Hölzern günstiger gewesen zu sein.

Ohnfern des tristen Karlsfeld, wo es keinem Sperling gefällt, liegt die sogenannte Weitersglashütte, wo aus Mangel an tauglichem Material für die Fabrikation des Krystallglases nur Hohlglas und Flaschen gefertiget werden. Ihre Lage ist der von Karlsfeld gleich; rings umher eine dichte Verschanzung von Schwarzwald, gestattet sie durch Hinzukommen von Waldhutung eine eben nicht sehr lohnende Viehzucht; nur Preißel- und Heidelbeere gedeihen im Ueberfluß und werden in dortiger Gegend häufig für den häuslichen Gebrauch als für den Handel eingesammelt.

Wendet man sich von hier aus gegen Nordost, so kommt man allmälig oberhalb Rehhübel, wo sich ein Eisensteinbergbau befindet, nach einem anderweiten Torfstich, der den prosaischen Namen »Sauschwemme« trägt, und von hier aus bequem auf den

Auersberg,

welcher, mit dem Riesenberge verwachsen, 3175 Fuß über das Meer emporsteigt. Er hat sich wie alle seine Nachbarn, der Riesen-, Esels- und andere Berge, bis über den Scheitel in einen Mantel von Fichtengrün[9] gehüllt und würde die Fernsichten verkümmern, wenn nicht schnurgerade Schneußen von seinem Fuße an bis zu seinem Gipfel gehauen wären, welche oben nach einem hölzernen Thürmlein hin zusammen laufen. Von diesem aus und durch die in den Mantel gerissenen Schlitze schweift der Blick wonnetrunken weit hinab in die Gauen des Voigtlandes, die reußischen Metzflecklein, mit monarchischer Wasserfarbe überstrichen, und bewundert die Täuschungen, wie Städte, Dörfer und Fluren ganz andere Richtungen angenommen zu haben scheinen, als diejenigen sind, die man anzunehmen pflegt, welche Geschäftsreisen nöthig machen. Hier spähet das Auge nach einem befreundeten Dörflein vergeblich, denn es liegt mehr links oder rechts als man wähnte, wenn es nicht ein bekannter Berg, ein Kirchthurm von sonderbarer Bauart eher erkennen läßt. Dort verschwimmen zwischen Feld und Wiesen, Hainen und Fluren, in dünne Schleier gehüllt, fern vom Fuße des Hügellandes oder an den Zehen der Gebirge die Gegenstände der Erdfläche und verklären sich beim Niedergang der Sonne in der Abendröthe, über welche allmälig die Nacht ihren Vorhang niederfallen läßt.