Part 2
Die Schönburgischen Receßherrschaften mit Wildenfels zählten mit Schluß des Jahres 1837 eine Bevölkerung von 201,480 Köpfen, deren professioneller Verkehr hauptsächlich in Weberei und Strumpfwürkerei, mithin in periodischem Wohlleben und Darben besteht, wogegen Landbau und Viehzucht ihre Seegnungen nie ganz versagen.
Der Wanderer, dem es hauptsächlich darum zu thun ist, die Anmuth der Natur zu genießen und die Ueberbleibsel der Bauwerke längst verronnener Jahrhunderte zu betrachten, wird es nicht übel aufnehmen, wenn ihn der kundige Führer über Wildenfels zurück bringt und die Chaussee von Zwickau nach Schneeberg zu erreichen strebt, welche durch das obere Ende des Wildenfelser Dorfes Weisbach führt. Hier liegen sieben Gasthöfe auf einem engen Raum zusammen, wie Schiffe auf der Rhede, und legen ihre Schröpfköpfe an die oft magern Geldkatzen der Fuhrleute, was wenigstens für die aufwärts fahrenden Frachtwagen nicht zu vermeiden ist, weil Alles Vorspann haben muß und die Wirthe dafür sorgen.
Von hier aus genießt man eine weitgedehnte Aussicht nach Nord und West und übersieht die Dörfer Härtensdorf, Grüna, Schönau, Zschocken und mehrere andere mit ihren weitgestreckten Fluren, welche ringsumher eine auffallende mordorérothe Farbe haben, wie sich der Kobaltinspector Beyer in seinen Beiträgen für Bergbaukunde ausdrückt, was theilweise von dem dort häufig vorkommenden purpurrothen Mandelstein und Eisenthontrümmern herrühren mag. Hinter dem sogenannten Kuchenhäuschen an der Chaussee, wo Kaffee, Kuchen und Windbeutel zu haben sind, zieht sich ein mit Wald bedecktes Gebirge, der kleine Hirschstein genannt, empor, von dessen Gipfel aus sich eine Fernsicht nach Leipzig, in das Voigtland und nach den Reußischen Länderchen eröffnet, welche, wenn es die Klarheit der Atmosphäre gestattet, nicht unbeschaut und unbewundert bleiben darf. Fast ringsumher eine endlose Ebene, ein trocknes Meer, auf welchem in größerer Entfernung Städte und Dörfer, Laubhölzer und lange Zeilen von Alleen, vielleicht an Kunststraßen, in kürzern oder längern Streifen wie Seetang erscheinen und an dem entferntesten Saum des Himmels verschwimmen. Nicht fern vom Standpunkte des Beobachtet steigt ein dicker, riesenhafter Mast aus seiner Hafenstadt empor und überschaut das Küstenland rund umher; es ist -- der 268 Fuß hohe Marienthurm von Zwickau. Wir steigen an dem südwestlichen Abhange hernieder und machen einen Abstecher nach
Kirchberg.
Ein in enge Granitschluchten zerrissenes Terrain zwischen dem Geiers und Borsberg bewohnen etwa 3940 Menschen in circa 430 Häusern. Der Haupttheil des Städtchens dehnt sich ziemlich steil auf einem Granitkegel hinauf und hat sich mit Thor und Mauern gesichert, gegen wen? weiß Niemand, während die übrigen Wohnungen bald enge, bald wunderlich verzettelt in den kleinen Thälern mit herkömmlicher Behaglichkeit in mancherlei Baugeschmack umhergeschoben sind. Ein Stück draußen im freien Feld hat sich seit einigen Jahren ein stattliches Gebäude erhoben, in welchem das Königl. Landgericht seinen Sitz hat. Es ist Schade, daß die erforderlichen Räumlichkeiten für diese wichtige Justizpflege nicht in der Stadt ermittelt werden konnten. Wer Kirchberg zum ersten Male sieht, wird geneigt zu glauben, daß es ein großartiges Schießhaus für den Ort sei, oder zwischen der Stadt und dem Landgericht die Heimathsangehörigkeit noch streitig ist. Für die Einwohnerschaft Kirchbergs wäre auch das Landgericht in conversioneller Beziehung offenbar nützlich gewesen, wenn es inmitten ihrer Häusergruppen Platz fand, da derselben bei aller ihrer Gemütlichkeit von frühern Zeiten her manche Gelegenheit abgehen mußte, gleichen Schritt mit den Richtungen des Volkssinnes zu halten. Die Menge von Tuchrahmen, welche überall an sonnigen Stellen errichtet sind, lehret schon von weitem, daß Tuchmacherei und Färberei die Hauptnahrung im Orte ist und eine hervorragende Wohlhabenheit im Verhältniß zu dem gesammten Bürgerthum errungen hat. Das Weißbier Kirchbergs ist eben so weit und breit berühmt, als es verschroten und schon lange Reihen von Jahren nach Leipzig verführt wird. Deshalb findet man auch die weißbierdurstige Einwohnerschaft zu Kirchberg im Arbeitsnegligee sehr fleißig in ihren Schenkstätten, wo sie die Lebendigkeit ihrer Unterhaltung in Cigarrendampf hüllen und gerne dem eintretenden Fremden das schaumige Glas präsentiren. Doch wir eilen weiter und nehmen den Weg nach Grießbach und der goldenen Höhe, von wo aus ein ganz anderes Panorama nach dem Obergebirge ausgebreitet liegt, welches mit der Fernsicht nach Zwickau nichts gemein hat. Zunächst im Vorgrunde liegt
Schneeberg
mit seiner etwa aus 6700 Köpfen bestehenden Einwohnerschaft. Was über diese Stadt, seinen Bergbau, Gewerbsweisen und politischen Zustände gesagt werden kann, findet sich umständlicher in Karl Lehmanns Chronik der freien Bergstadt Schneeberg vom Jahre 1837, als der Zweck vorstehender kleinen Schrift es zu wiederholen gestattet. Die Stadt Schneeberg fand ihre Entstehung theils in dem nachbarlichen, theils in dem Reichthum der erschürften Silbererze in dem Stadtberge und am Fuße desselben, eben so wie fast alle Bergstädte des Obererzgebirges. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Bergbau in und um dem ältern Nachbarörtchen -- Neustädtel -- früher im regen Aufschwunge war, als Schneeberg zur Stadt wurde, die 1517 Fuß über dem Meer liegt.
Die Geschichte hat ein seltenes Beispiel von reichem Seegen des Bergbaues auf der Grube St. Georg in Schneeberg aufbewahrt, welches wohl kaum seines gleichen wieder gefunden hat. Auf gedachter Grube, in der Nachbarschaft der jetzigen Stadtkirche nehmlich, kam man im Jahre 1477 auf eine Masse gediegenen Silbers, 1 Lachter (3½ Elle) lang und breit und ½ Lachter hoch, welche 400 Centner wog. Herzog Albert speiste auf dieser riesenhaften Erzstuffe, welche nothdürftig zum Sitzen vorgerichtet worden war, und äußerte dabei: »Unser Kaiser Friedrich ist zwar gewaltig und reich, ich weiß aber doch, daß er jetzt keinen solchen stattlichen Tisch hat.«
Es konnte nicht fehlen, daß, durch solche Seegnungen des Bergbaus aufgefordert, sich die Gegend sehr bald bevölkerte und eine Stadt entstehen ließ, welche an Gewerblichkeit in eben dem Verhältnisse gewann, als die Bereitung des Kobalt zur blauen Farbe entdeckt und für Jahrhunderte hinaus den Bergbau in freudigem Umtriebe und dem Bergvolk selbst ein stabiles Auskommen versprach. Hatten früher die reichen Silberbrüche den raschen Betrieb des Bergbaues ins Leben gerufen, so mußte dieser allmählig erschlaffen, wenn die Bergleute fast allerwärts statt auf Silber auf Kobalt trafen, den doch Niemand zu benutzen wußte; sie nannten ihn deshalb: Silberräuber, verweßtes Silber u. s. w. und ließen sogar in der Kirche zu Neustädtel Gott bitten, daß er sie vor Kobalt bewahren möge. Und wenn der Bergmann traurig von der Grube kam, sagte man: »er hat den Kobalt gesehen,« weshalb derselbe in jener Zeit für ein Gespenst oder sonst für eine unheimliche Vision gehalten wurde. Jetzt ist es anders; denn wenn auch das Ausbringen an Silbererzen nur periodisch auftritt, so sind die Reichthümer an guten Kobalten doch für späte Zeiten hinaus um so beharrlicher, als sich fast kein europäisches Land in Ansehung der Qualität und Quantität mit Sachsen messen kann. Daher erklären sich die vielen Kobaltpaschereien nach dem benachbarten Böhmen, wo er in schlechterer Beschaffenheit zwar vorkommt, aber durch sächsischen erst zu einer guten Waare verarbeitet werden kann[4].
Die Ergiebigkeit des jugendlichen Bergbaues und die Vermehrung des Bergvolkes wurden zur Ursache für die Erbauung und Erweiterung der Stadt Schneeberg, für Anlegung und Ausbreitung des Handels und Wandels, sowie für die Gewerblichkeit des Bürgerthums, um dem Bedarf ringsumher zu gnügen, wozu sich sehr frühzeitig eine Art luxuriösen Lebens in Kleidung und Haushalt gesellte; denn Melzer in seiner Beschreibung von Schneeberg sagt schon im Jahre 1684:
»Eine andere Nahrung hatte man auch weyland von Schleierwirken, davon auch mancher zu guten Mitteln kam, massen denn sonsten anderswo in keiner Stadt dergleichen Gattung mehr, als hier gemachet und ausgenehet worden sind. Aber nunmehro ist an dieser Stadt das Klippeln und der Spitzenhandel kommen.«
Noch jetzt ist die Stadt an Nahrungsquellen geseegnet und übt ihre Ueberlegenheit über einen weiten Umkreis hier mehr dort weniger gedeihlich aus, so daß inmitten des Reichthums und der Wohlhabenheit eine namhafte Schaar Arme wie Fliegen an einem Milchgeschirre kleben, um wenigstens den Geruch vom Inhalte einzuziehen. Es ist überall eine traurige Folge, daß, je größer und wohlhabender eine gewerbliche Stadt oder Ort ist, in welchem ein üppiges Leben in luxuriösen Gebäuden geführt, Kleiderpracht und Möbelwesen zur Schau getragen und kokettirt wird, der Pauperismus wie Schmarotzerpflanzen in gleichem Schritte wuchert. Die Macht des Beispiels und der Drang zur Nachahmung in Kleidung und Kost, sowie die Sucht in rauschenden Vergnügungen, häufig auf Kosten der Gesittung, machen den Boden aus, auf welchem die Mittellosigkeit um sich greift, die Arbeitslust verkümmert und den kleinen, aber doch zufriedenen Hausstand für ein Siechthum erzieht, aus welchem keine Hoffnung für Genesung hervorgeht. Und wenn die dicke Bevölkerung des Obererzgebirges in den Fabriken, Manufacturen und eigentümlichen Gewerbsweisen, die man fast allerwärts antrifft, ihren Grund hat, mithin viele fleißige Hände, bei magerem Verdienst, in Anspruch genommen werden, auf welche der wohlhabende und mit allen Lebensbequemlichkeiten ausstattete Principal herabschaut und daneben sich in Speisen und Getränken aus allen Zonen der Erde mit den Seinigen ein Gütliches thut: so kann es nicht fehlen, daß die Arbeiter beiderlei Geschlechts, die, wie ihre Altvordern, bis zum Grabe im Schweiß des Angesichts ihr Brod essen und Cichorienkaffee trinken, auch bei der Langsamkeit des Fortrückens auf den Stufen der Cultur, ebenfalls von einer Sehnsucht nach Lebensgenüssen ergriffen werden, der sie sehr bald, wenn auch nur in vermindertem Maaßstabe, zum Opfer verfallen. Aus diesen Zuständen geht der eigentliche Pauperismus hervor, der unheilvoll sich mehrt und allen Behörden Sorge und Noth bereitet, Verbrechen brütet, gegen welche keine Strafanstalt schirmt und kein Besserungsverein die Rückfälle mindert.
Das gemeine Bergvolk (versteht sich, im bessern Sinne des Wortes) macht die Handlanger zwischen dem Seegen der Erde und den Gewerkschaften der Blaufarbenwerke, ohne je eine Aussicht zu haben, für sich und ihre meist zahlreichen Familien im Verlauf einer Woche ein Pfund Fleisch in dem Topf zu sehen[5]. Ob es nicht ein gegen den Erz- und Kolbaltpasch sehr heilsames Mittel wäre, wenn der gemeine Bergmann einen Groschen mehr Schichtlohn bekäme, um sich dadurch vor Noth und Sorge zu schützen, mögen wir nicht entscheiden. Und wenn die Klöppel- und Nähmädchen im gleichen Verhältnisse zu ihren wohlhabenden, oft reichen Spitzenherrn, Factoren und Verkäufern stehen, wie die gemeinen Bergleute zu den Seegnungen ihrer Reviere, und jene täglich mit einem wohlbesetzten Tische versorgt sehen: so stellt sich die Sehnsucht heraus, wenn auch unter sehr modificirten Formen, ebenfalls ein genußreicheres Leben zu führen, und sollte es mit gänzlicher Zerrüttung des Hausstandes und auf Kosten der Gesittung verbunden sein.
Zwar kann Schneeberg der Sinn für Wohlthätigkeit und die Sorgfalt der obrigkeitlichen Armenpflege nicht abgesprochen werden; allein für die immer noch im Wachsen begriffene Schaar von Mittellosen -- aber Genußsüchtigen -- kann von namhaften Summen aus dem Armenfonds doch nur eine kleine Dividende ausfallen, wie überall im Obergebirge, wo sich die Bevölkerung um diese oder jene Gewerbsweise dicht zusammengedrängt hat. Der sogenannte Mittelstand, d. h. solche Familien, welche bei mäßiger Regsamkeit ihren Hausstand aufrecht erhalten, ohne Schulden zu machen, ihr Glas Bier trinken und zum Sonntag »ein Huhn im Topfe« haben, ist im Verhältniß zu denen, welche bei aller Thätigkeit doch kaum das liebe Leben hinbringen, viel zu selten, als daß er einen erquicklichen Uebergang von Reichthum und Wohlhabenheit zu dem Pauperismus bilden könnte, vielmehr erscheint ersterer immer in schroffen Gegensätzen zu letzterm und nöthiget dem Unpartheiischen die Wünsche zur Abhülfe ab, ob er schon nicht weiß, wie dies anzufangen ist.
Wir verlassen die sonst freundliche Stadt, wo jeder Fremde eine fidele Aufnahme findet, und gehen auf der südlichen Seite des Schneeberges nach dem ausgedehnten Neustädtel hinab. Blicken wir zurück, so sehen wir, daß Schneeberg am südlichen Abhange seine Häuser reichlicher ausgebreitet hat, als am nördlichen Abfalle; denn wie ein Kurzwaarenhändler in der Jahrmarktsbude feine Nürnberger Häuserchen in schiefer Richtung aufterrassirt hat, um das Bunterlei den Kauflustigen entgegen zu stellen, ebenso haben sich in ordnungsloser Bequemlichkeit zwischen Baumgruppen und Blumengesträuch eine Menge Wohnungen auf- und übereinander gekästelt, um die Wärme der Sonne und die Aussicht auf das sogenannte Gebirge zu genießen, wo hauptsächlich ihr Silber-, Kobalt- und Wismuthreichthum im Abbaue begriffen ist.
Kaum eine Viertelstunde Wegs von Schneeberg hat Neustädtel seine 268 Häuser, welche ohngefähr 2500 Menschen bewohnen, in eine lange etwas unregelmäßige Haye aufgestellt und läßt Jahr für Jahr In- und Ausländer in den mannigfaltigsten Verrichtungen auf der zwischen hinlaufenden Chaussee die Revue passiren. Rings um das Städtchen erheben sich Zechenhäuser, Kauen und Göpel mit hoch aufgestürzten Halden und gewähren eine wohlansprechende Lebendigkeit.
Von hier aus nach Eibenstock erhebt sich das Gebirge, welches unter dem Namen der »Zschorlauerhöhe« bekannt ist, und bald gelangt man in ein flachmuldiges Thal, welches die Abfallwasser von dem großen und tiefen Filzteiche hinab nach Zschorlau führt. Dieser Teich, welcher hauptsächlich die Wasser für Künste, Pochwerke und Wäschen im Bergwerksreviere liefert, richtete am 4. Februar 1784 durch seinen Dammbruch ein großes Unglück zu Zschorlau und Auerhammer an. Nicht genug, daß die Fluth in beiden Orten 7 Häuser mit Vieh und Habe von Grund aus wegriß und 30 beschädigte: es fanden auch 18 Menschen den Tod. Diese ungeheuere Wassermasse spürte man noch, als die damit bereicherte Mulde die Elbe bei Dessau erreichte.
Kaum ist dies flache Thal, durch welches das Gewässer des Filzteiches seinen verderblichen Weg genommen hatte, überschritten, so beginnt der grobkörnige Granit, welcher den ganzen Landgerichtsbezirk Eibenstock einnimmt und häufig noch weit hinaus sich erstreckt. Daher kommt es auch, daß die Chausseen durchgängig in einem vortrefflichen Zustande sind und zur Unterhaltung den Aufwand bei weitem nicht so steigern, wie es in dem Schieferterrain ganz unvermeidlich ist. In diesen Granitbezirken ist die Natur ernster und rauher, als alle die Gegenden, die wir von Zwickau durchwandert haben. Wie ungeheure Ladschober in der Heuerndte, reihen sich die Granitberge, meist in Kegelabschnitten, dicht aneinander und lassen ihre Mäntel, von Fichtengrün, hinab auf ihre verschränkten Füße rollen, welche Forellengewässer bespült. Von
Burkhardtsgrün
aus hat man bei der Chausseegeldereinnahme eine Fernsicht auf das sogenannte sächsische Sibirien, welches diese Benennung in keinerlei Weise verdient. Hier und ringsumher ist der Vogelfang üblich und, wie in andern Gebirgsländern, zu einer Leidenschaftlichkeit ausgebildet, daß der Fang eines Stiglitz, Hänfling, Buchfinken u. s. w. gegen halb oder ganz erfrorne Hände und Füße viel höher steht. Nicht leicht wird es in der Gegend umher, und namentlich in Schönheide, Stützengrün, Hundshübel und mehreren Orten, eine bewohnte Stube geben, wo nicht eine Schaar Vögel in engen Käfigen gefangen gehalten werden. Besonders ist den Hammerschmieden der Krinitz oder Kreuzschnabel von hoher Wichtigkeit, und sie glauben, daß er, wie in andern Gegenden das Meerschweinchen, den Krankheitsstoff von siechen Kindern in sich aufnimmt, weshalb sie diesen Vogel mit seinem engen Häuschen, in welchem er sich kaum drehen kann, unter die Wiegen derselben stellen. Wer versichern will, daß er bei einem Hammerschmied gewesen sei, ohne einen Krinitz bei ihm gesehen zu haben, wird immer den Verdacht einer Lüge auf sich laden.
Das einsilbige Wörtchen »Grün« bezeichnet allezeit den geebneten und ovalrund zubereiteten Platz, auf welchem ein Vogelheerd eingerichtet ist oder werden soll, und da das Obergebirge und das Voigtland eine sehr bedeutende Menge von Ortschaften zählt, die sich mit -- grün -- endigen, so liegt es sehr nahe, daß in frühern Zeiten die vorgerichteten Stellen, welche man mit Wohnungen zu bebauen gedachte, ebenfalls das »Grün« geheißen, wie wir es von den Harzer und Fränkischen Uebersiedlern wissen, welche ihre Bauplätze ausrodeten, Steingerölle ausreutheten und dann die Namen Alberode, Wernigerode, Freireuth, Berreuth u. s. f. in Gebrauch setzten, wie es schon früher die Sorben und Wenden gethan hatten.
Doch wir verlassen dieses Dörflein mit seinem Läppchen Patrimonialgerichtsbarkeit und dem nachbarlichen Steinberg, welcher sich 2102 Fuß über das Meer erhebt, und steigen der Chaussee entlang hinab in das Thal der Mulde, wo wir noch einige Häuser als Ueberreste des ehemaligen Hammerwerks Wolfsgrün oder Rothenhammer treffen. Die Chaussee, welche in gerader und steiler Linie herabführt, hat mehrmals dem Fuhrwesen Unglück zugefügt, was die Straßenbaucommission bewog, sie theilweise an beiden Thalgehängen abzuwerfen und in sanfte Krümmungen zu bringen. Leider giebt es noch viele solche Straßenschnitzer, die hoffentlich nach und nach ausradirt werden, wie wir wegen der Thierquälerei hoffen dürfen.
Es ist der Mühe werth, wenn wir einen kleinen Abstecher machen und das kaum eine Viertelstunde von hier entfernte
Unterblauenthal
besuchen, welches ein gewisser ~D.~ Plawe aus Leipzig vor Jahrhunderten zu einem Hammerwerk erbaute.
Es kann sein, daß damals dieses zwischen schroffe Granitberge eingebettete wunderliebliche Thal grausenhaft wild und wenig einladend für eine Ansiedelung gewesen ist; allein die damalige Zeit hatte auch die Erziehungsweisen nicht, durch welche der Sinn für Naturschönheiten angeregt und dafür empfänglich gemacht wird. Dieses Hammerwerk besitzt gegenwärtig Herr Reichel aus Leipzig, von welchem wir den Reichelschen Garten kennen, und unser Blauenthal ist somit in die rechten Hände gekommen, welche das Nützliche mit dem Schönen zu vereinigen wissen. Um die hübsche Villa -- hier das Herrnhaus genannt, wie auf allen Hammerwerken -- liegen anmuthige Gärten und Gewächshäuser, fleißig bearbeitete Felder dehnen sich über hohe Berge hinauf, und nützliche Bäume schießen an Wegen, Ecken und Winkeln empor, die Parthien annehmlicher zu machen.
Die große Bockau eilt rauschend aus ihrer Felsenschlucht heraus, dreht hastig an dem Räderwerk des Hohofens und der Mühle und eilt der Mulde zu, an deren Gewand sie sich hängt und mit ihr, anständigen Wandels, kosend und sorgenlos dahin wallet, wie ein Sterblicher, der die Schicksale seiner Zukunft nicht kennt. Kleine Tagewässer und Quellen steigen von hohen Bergen hernieder, wässern den Blumenschmelz der Wiesen und Berggehänge, wachsen unterwegs, bis sie die Ufer der Bockau und Mulde erreicht haben, über welche sie sich überkugelnd werfen, um ihr Fortun frühzeitig in der Welt zu suchen. Noch andere kristallhelle Gewässer, in Verhätschelei herangezogen, weichen nicht leicht von ihrer Heimath, und sollten sie zu Bockbier gekocht werden. Die Nacht verwandelt dieses herrliche Eisenwerk in ein Feenreich: In Finsterniß gehüllte Gegenstände werden durch das pausenartige Aufzucken der Gichtflamme erhellet, wie von fernem Wetterleuchten; den weit aufragenden Schornsteinen auf den Frisch- und Zainhütten entströmt garbenförmig glühende Lösche zum Spiel der Winde, und die riesigen Hämmer tosen durch die Nacht unter Heulen und Pfeifen des Gebläses. Dem Unkundigen ist es zu verzeihen, wenn er in nächtlichen Stunden derartige Erscheinungen aus der Ferne sieht, wenn er solche für die Wehen einer im Anzuge begriffenen Eruption oder eines brennenden Schwefellagers in der Solfatara bei Neapel zu erklären gemeinet ist.
Am östlichen Abhange der Spitzleithe, welcher aus schönen Granit zusammengesetzt ist, dessen fleischrother Feldspath ein herrliches Gemenge bildet, welches für architektonische Zwecke benutzt werden sollte, liegt ein sehr alter Eisensteinbergbau, welcher noch im Umtriebe steht; die Mulde fließt an seinem Fuße hin und hat sich ihr Bette tiefer in die Gebirgsmassen eingegraben, als bei Blauenthal. An beiden Ufern hat sich der Granit in dicken Ballen aufgespeichert, als sollten diese verladen und zu Wasser verfrachtet werden; besonders nimmt sich der Weinstock (eigentlich der Windischknok) wunderschön aus. Alles ist in dunkles Fichtengrün gehüllt, in und auf welchem die Sänger des Waldes ihre Lieder der Einsamkeit flöten. Inmitten dieser Thalung liegt das Schindlersche Blaufarbenwerk, wozu Erasmus Schindler am 7. September 1650 landesherrliche Concession erhielt und das von ihm den Namen trägt. Hier giebt es keine menschliche Nachbarschaft, als die, welche zum Umtriebe des Werkes gehören, und der Rechenwärter an der Mulde da, wo der Schneeberger Flößgraben seinen Anfang nimmt. Hier schwebt auch eine überbaute hölzerne Brücke hoch über dem Fluß, durch dessen Felsen am rechten Ufer ein Weg zur Durchfuhre nach Bockau gesprengt werden mußte , was eben keine leichte Aufgabe gewesen sein mag. Von hier aus, etwa 1½ Stunde Wegs rückwärts über Unterblauenthal erreicht man
Eibenstock[6]