Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Sächsischen Obererzgebirges (Zweites Heft) Ein Beitrag zur speciellern Kenntniß desselben, seines Volkslebens, der Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche

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Wanderungen

durch die interessantesten Gegenden

des

Sächsischen Obererzgebirges.

Ein Beitrag

zur speciellern Kenntniß desselben, seines Volkslebens, der Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche

vom

Finanzprocurator +Lindner+ in Schwarzenberg.

Verfasser der »Holzordnung von 1560 und der Gegenwart.«

Zweites Heft.

mit 4 lithographirten Ansichten.

Annaberg, +Rudolph+ und +Dieterici+. 1845.

Inhalt.

Zweite Wanderung.

Seite

Von Zwickau aus nach dem Obergebirge 1

Kainsdorf (mit Ansicht) 6

Wiesenburg 8

Wildenfels 9

Schloß Stein mit seinem nachbarlichen Schlosse Hartenstein 11

Hartenstein 13

Kirchberg 14

Schneeberg 16

Burkhardtsgrün 21

Unterblauenthal (mit Ansicht) 23

Eibenstock 25

Der Rockenstein (mit Ansicht) 30

Schönheide 31

Karlsfeld 32

Der Auersberg 35

Wildenthal (mit Ansicht) 40

Specification aller Bergtheile und Kuxe etc. 43

Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig

Wanderungen durch das Obererzgebirge.

Zweite Wanderung.

Von Zwickau[1] aus nach dem Obergebirge.

Wer etwa vor 15 oder 20 Jahren die alte Schwanenstadt mit ihrem wunderlichen Dach- und Giebelwerk, den regellosen Fenstern und den häufig in Stein eingehauenen Schnörkeln zum letzten Male sah und sich an die menschenleeren, hin und wieder mit Gras bewachsenen Gassen, sowie an den Gürtel von Mauerwerk, womit Kaiser Heinrich der Vogler vor Jahrhunderten schon die Häuserschaar mit seiner Menschheit eingeschnallt hatte, erinnert, und kommt jetzt unvermuthet dahin -- der wird sich die Augen reiben und ungewiß sein, ob er träume oder wache. Hohe, Palästen ähnliche Gebäude haben sich in und außer der Stadt erhoben, und vielen alten unförmlichen Häusern hat man bereits die Jacke abgezogen, um sie für die Ansprüche der Zeit in ein passenderes Gewand zu hüllen. Die Organisation eines Appellationsgerichts, einer Kreisregierung, eines Kreiskrankenhauses u. s. w. hat die Stadt und die nahe Umgegend ungewöhnlich lebendig gemacht und wird sie in unglaublicher Eile mit einer seegensvollen Gewerblichkeit beglücken, wenn die bald vollendete Eisenbahn den Steinkohlenreichthum in weite Gegenden rastlos verfrachtet. Die Tuchmacherei, das Krempelsetzen, das Messerschmieden und wie sonst alle die Beschäftigungsarten der Zwickauer Bürger in der Vorzeit geheißen haben, stellen sich gegen die Gewerbsweisen der Gegenwart in den Hintergrund, weil es rathsamer erscheint, nach dem zu greifen, was besser lohnt.

Die Lebensherrlichkeiten in Zwickau sprechen jeden Fremden um so mehr an, als er sich von dem Personal der Mittel- und Unterbehörden und vielen andern des Bürgerthums mit Herzlichkeit, Wohlwollen und fröhlichem Scherz in den Stunden der Erholung umflochten sieht. Hier wandelt in den Sommerabenden Mancher dem Bergkeller zu und trägt, wenn auch nicht gerade den letzten, Obolus über den Styx für den finstern Charon, hier Pippig genannt. Wie leicht söhnt sich hier nicht Jeder unter dem Schatten der Linden mit den Mühen des Lebens aus, und wie sehr fühlt sich hier das Herz gestärkt, wenn es Sorge und Kummer drückt. Nur dann wird das Gemüth zu ernsten Betrachtungen gestimmt, wenn man das Schloß Osterstein im Innern der Stadt ins Auge faßt. Einst von Wiprecht Grafen von Groitzsch erbaut, ist es gegenwärtig ein Landesarbeitshaus für Verbrecher und Taugenichtse, welche es stets vollzählig, wohl auch übercomplet, zu erhalten wissen: denn wir leben in der Zeit philanthropischer Maximen und Humanitäts-Hätscheleien, welche derartige Häuser zu einem Mittelding zwischen Straf- und Ausfütterungs-Anstalten umgewandelt haben. In der Gegenwart, wo in dicker Bevölkerung Müßiggang und Genußsucht mit allen ihren Lockungen an der Entsittlichung rütteln und der Strafrechtspflege in die Hände arbeiten; wo man ringsumher über Abnahme, Vernachlässigung und Erkaltung des religiösen Sinnes für Kirche und Schule klagt und aus einer solchen moralischen Versumpfung die Verbrechen aufsteigen sieht, wie giftige Schwaden, in einer solchen Periode -- ist das Princip der Butterbemmen für einen ungezogenen Jungen am unrechten Orte. In einer solchen Zeit sollte der Untersuchungsarrest, bei erlangter Gewißheit der Uebelthat, hart, der Aufenthalt in den Strafanstalten aber, nach Maasgabe der Individualitäten, kurz, jedoch abschreckend sein, ohne deshalb Leben und Gesundheit zu gefährden. So ist es aber gegenwärtig umgekehrt: der Sträfling wird zwar zur Arbeit angehalten, auch wohl angestrengt, was er, ehe er Verbrecher wurde, hätte freiwillig thun sollen; allein inmitten einer namhaften Kammeradschaft findet er gute Kost, Reinlichkeit in Wäsche und Betten und, bei einer Gefügigkeit gegen seine Aufseher und Zuchtmeister, eine nicht unfreundliche Behandlung. Nach Ablauf der Strafzeit legt er seine eigenen Kleider wieder an, die gar oft zu enge geworden sind, weil er sich in der Anstalt fett gefüttert hat, und kehrt zu den Seinigen zurück, wenn er es nicht vorzieht, unter Wegs wieder zu stehlen oder sonst das Gleis des frühern Lebensweges zu befahren, um bald in die Arbeits- und Speisesäle der Anstalt wieder einzutreffen. Es ist thatsächlich und wir finden es in öffentlichen Blättern überall bestätiget, daß in den Ländern, wo in den Strafanstalten das Humanitätsprincip vorwaltet, sich die Verbrecher in denselben von Jahr zu Jahr in der Art vermehren, daß allenthalben auf Erweiterung und wohl gar auf ganz neue Localitäten Bedacht genommen werden muß. Ist die Strafzeit abgelaufen und hat sich der Verbrecher, wie man zu sagen pflegt, mit dem Gesetz ausgesöhnt: so trifft nun den Entlassenen, im schroffen Gegensatz zur philanthropischen Hätschelei, eine Art moralische Vernichtung, +welche in dem Verluste aller politischen Ehrenhaftigkeit+ besteht und bis zum Grabe reicht. Ist er Handwerker -- er kann nicht mehr bei Innungsversammlungen erscheinen; wäre er zum Soldatenstand tauglich -- dieser mag ihn nicht; und wollte er in der Ferne Arbeit suchen -- so verfolgt ihn das Schaamgefühl, wenn er Obrigkeiten und Polizeidienern seine Legitimation vorlegen soll, denn diese erzählt, daß er ein Sträfling war. Keine gute Handlung, welcher Art sie auch sei, kein Fleiß, kein musterhaftes Betragen giebt ihm den Stab zur Aufrechthaltung in die Hand, um die äußere Ehre wieder zu gewinnen, er kann nicht Cymbelträger in seiner Gemeinde werden. Wie schmal ist nicht die Kluft zum Rückfall! Sie füllt kein Besserungsverein aus, weil das Gebet des Herrn: »+Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern+« bei der Criminalrechtspflege keine Geltung hat.

Balthasar Cossa, ein neapolitanischer Edelmann, war zu Anfange des funfzehnten Jahrhunderts ein Seeräuber; um dem Strafrechte zu entgehen, floh er mit seinen geraubten Schätzen in ein Kloster, verschleierte sich in scheinbare Tugend, wurde Papst und nannte sich Johann XXIII. Der ehrlose Schmidt Glöckner in Unterwalden errang mit seiner anrüchigen Schaar in der Schlacht bei Morgarten 1543 durch Tapferkeit seine bürgerliche Ehre wieder. Warum soll in unserer sentimentalen Zeit ein Verbrecher, nach überstandener Strafzeit und wenn er Jahrelang ein unbescholtenes Leben führte, bis ans Grab aller Ehrenhaftigkeit verlustig bleiben, und warum sollen Weib und Kinder die Schmach des Mannes und Vaters tragen helfen, bis sie der Tod abruft? Ach! ihr braven Besserungsvereiner, euer Schaffen und Thun heißt: -- Bahne kehren im Schneesturm![2]

Doch, wir verfolgen unsere Wanderung und betrachten nur noch flüchtig das Krankenstift, welches seine Entstehung dem Herrn Medicinalrath ~Dr.~ Unger in Zwickau verdankt und für das sächsische Gebirge und Voigtland bestimmt sein soll, wenn chronische Kranke und Gebrechliche ärztliche Hülfe bedürfen. Die Absicht ehrt allerdings die vielfachen Bemühungen und die Männer, welche zu der Abführung pecuniär die Hände boten. Ob aber das »sächsische Erzgebirge« von dieser großartigen Anstalt für seine Leidende im Allgemeinen Gebrauch machen kann -- wird die Zukunft lehren. Das Gebäude selbst ist palastartig und mit solchen Verzierungen versehen, die nicht leicht der innern Bestimmung entsprechen. Es ist ein persischer Shawl, unter welchem Schmerz und Elend Linderung und Abhülfe finden sollen.

Das Pfahlbürgerthum, welches nicht mehr durch Mauern, Graben und Thore vom Ringe getrennt ist, freut sich nun der bequemern »Annäherung«, hobelt und glättet an seinem Häuserwerk und läßt geschmackvolle Wohnungen an seinen fruchtreichen Gärten aufsteigen, daß die innere Stadt alle Hände voll nehmen muß, um sich nicht überflügeln zu lassen, besonders wenn der Eisenbahnhof seine Lebendigkeit entfaltet haben wird. Und in der That, man geht von dem ehemaligen Schneeberger Thore an der Mulde hinauf bis nach Silberstraße wie in einem sogenannten Englischen Park. Hier tritt uns die umfängliche Schaafwollespinnerei des Herrn Kreisoberforstmeisters von Leipziger entgegen; da breiten sich stattliche Güter und freundliche Häuser am rechten Ufer der Mulde aus, welche erstere wohlhabende und reiche Steinkohlenbauern bewohnen; es ist Schedewitz mit seinem Kirchthurm, welcher im Kleinen aussieht wie eine verkehrt aufgestellte Möhre, und Bockwa; oben von einer stattlichen Höhe herab, schaut Oberhohndorf, welches über und unter der Erde seine geseegneten Ernten hält, ins Thal hernieder. Unten in der Thalsohle breiten sich lange und breite verangerte Flächen hin, um welche herum, nah und fern, Dampfmaschinen ihre schwarzen Rauchsäulen in die Lüfte schieben und den Steinkohlenarbeitern Wasserlosung verschaffen. Hinter Oberhohndorf zieht sich durch die Felder hinauf ein Dörflein mit einer Schaar menschenleerer Häuser -- so scheint es -- es sind alles Kauen über Steinkohlenschächten, deren Besitzer von früher Zeit her keine gemeinschaftliche Fahrt und Förderung unter sich haben mochten und lieber ihre Feldbreiten nach Steinkohlen für sich durchlöcherten. Der größere Kostenaufwand durch Absenkung so vieler Schächte, die Verschwendung an Schachthölzern und der Verlust an nutzbarem Boden für Haldenstürze, An- und Abfuhren der Steinkohlenkäufer, konnte keine nützlichere Gemeinschaft für die Eigner der Steinkohlenfelder erringen.

Eine lange umbuschte Hügelreihe steigt vom Schlosse Planitz hernieder und taucht ihre Füße in die gekräuselten Wellen der Mulde. Hier in

Kainsdorf

ist seit einigen Jahren ein großartiges Eisenhüttenwerk entstanden, welches auch Königl. Marienhütte genannt wird. Die centralisirte Kraft einer Actiengesellschaft schuf schnell eine Schaar räumlicher Gebäude; allein wie alle menschliche Unternehmungen ihr Gedeihen erst in mehrjährigen Erfahrungen und in endlosen Versuchen ihre Lehrer finden, so ist es auch hier.

Und da wir nicht zu den Technikern der Eisenwerke selbst gehören, so bleibt das Schicksal dieses Werks Männern vom Fache überlassen mit dem Wunsche, daß keiner der Herrn Actionäre Abel heißen möge, wenn sie mit Kains-Dorf in engere Berührung kommen.

Interessanter ist für den Wanderer der unterirdische Steinkohlenbrand ohnfern des vorgedachten Eisenhüttenwerks am Galgen- und Schenkberg Planitzer Seits. Dieser Brand ist gegen 250 Jahre bekannt und erwärmt die über ihm liegenden Stein- und Erdschichten so, daß im Winter sich weder Schnee noch Eis darauf erhalten kann und er daher bei großer Kälte der Aufenthalt für Hasen und Rebhühner in den Winternächten wurde. Der Brand selbst ist offenbar durch Zersetzung des Schwefelkieses bei dem Zutritt atmosphärischer Luft entstanden, und kann seinem Weitergreifen nur durch Absperrung derselben mit Erfolg entgegen gearbeitet werden. Der Brand selbst ist wahrscheinlich nur eine natürliche Verkoksung im Großen. Der Herr ~Dr.~ Geitner in Schneeberg hat sich das Verdienst erworben, dieses stets erwärmte Kohlenfeld contractlich vom Eigentümer, Herrn Kammerherrn von Arnim, an sich zu bringen, um eine Kunstgärtnerei darüber anzulegen, die Jeder sich zeigen lassen möge, der zum Vergnügen das Gebirge bereist. Tropische Gewächse gedeihen wunderschön, und für die Küche werden fast in jeder Jahreszeit Früchte und Gemüse gezogen, die man in andern Gärtnereien, die einer solchen natürlichen Erdwärme entbehren, nur in Sommermonaten erhalten kann.

In der Thalebene am rechten Ufer der Mulde hin führt uns der Weg durch Niederhaßlau, Bogenstein, Oberhaßlau und Silberstraße, zwischen lachenden Wiesen und Laubholz; hinter und unter Fruchtbäumen schauen freundliche Wohnungen hervor, gelehnt an einen steilen Bergrücken, welcher theilweise der Uebergangsformation angehört, und lauschen nach der stets lebendigen Landstraße. Unterhalb des erstgenannten Dorfes hat man in der Grauwake Zinnober entdeckt und sich darauf mit Bergarbeit eingelegt. Wer überhaupt des Sinnes ist, die Steinkohlenformation von Zwickau mit seiner vergrabenen Flora, welche ihren Untergang in Zeitperioden fand, die keine Geschichte kennt, näher ins Auge zu fassen, der vergesse nicht, sich deshalb an den eben so gefälligen als kenntnißreichen Herrn Hauptmann von Gutbier in Zwickau zu wenden, von welchem die umfänglichsten und lehrreichsten Nachrichten zu erlangen sind.

Das Dorf Oberhaßlau, welches nur durch die Mulde von der nachbarlichen Silberstraße, sonst »Arme Ruh« geheißen,[3] getrennt wird, wird von einer Menge Häusern überschaut, welche sich an einem mit Kiefern bewachsenen steilen Gebirge sonnen und an die Villen der Weinberge bei Dresden erinnern. Das hier herrschende Uebergangsgebirge gruppirt sich mit Laub- und Nadelgrün in mannigfaltigen Formen, und das Mühlwehr unter der Brücke staucht das Wasser zurück, damit der kleine hinter dem Gasthof gelegene Park und die romantischen Partien umher in seiner Spiegelfläche kokettiren können. Die kleinen anmuthigen Naturschönheiten, welche, etwa eine Geviertmeile groß, das Thal und seine Gehänge umflattern, werden mit ihren Dörfchen und ihren herum gezettelten Häusern mit einer wahren Musterkarte von Justizverwaltung in der Art umschlungen, daß, wie z. B. in Zschocken, drei verschiedene Gerichtsbarkeiten bestehen. Es giebt neben der Königl. Sächsischen auch Fürstlich Schönburgische, Standesherrschaftl. Wildenfelsische, Adelig Arnimsche, des Raths zu Zwickau Afterlehnsche und andere Herrl. Patrimonial-Justizpflege, so daß die Gerichtsbefohlenen für ihr Geld überall mit Gerechtigkeit versorgt werden können, wenn sie es nicht vorziehen, ihr Geld in die Lade zu legen.

Wiesenburg.

Von Silberstraße aus verläßt man die Mulde und wandert der Chaussee entlang nach dem eigentlichen Obergebirge und seinen Fernsichten. Doch wer eben nicht mit der Zeit geizig zu sein braucht, wird sich auch vielfach belohnt finden, im Muldenthale fort zu schlendern und die alten Burgen und Schlösser zu Wiesenburg, Wildenfels, Stein und Hartenstein zu betrachten, die, wie alte willkürlich aufgerichtete Wachtthürme, wahrscheinlich unter Kaiser Heinrich dem Vogler gegen den Andrang der rebellischen Wenden zu Ende des neunten Jahrhunderts erbaut worden sind und später die Bestimmung erhielten, durch Burggrafen von Reisenden einen Zolltribut oder wohl auch die ganze Baarschaft einfordern zu lassen.

Die alte Wiesenburg mit ihren Zubehörungen erkaufte den 2. Nov. 1663 der Churfürst Johann Georg II. um 65,000 Thlr. von Philipp Ludwigen Erben zu Norwegen. Die Ueberbleibsel von der ehemaligen, vielleicht sehr stattlichen Burg wurden bis vor etlichen Jahren für den Sitz des Justizamtes benutzt, welches in einem finstern Parterrneste sich im Sehen übte, wie die Eulen in der Dämmerung. Ein alter unbehülflicher Thurm und ein niedriges, aber langgestrecktes Mauerwerk konnte mit einem gummiguttifarbigen Staubmantel, mit dem man denselben wunderlicher Weise vor mehreren Jahren bekleidete, nur verlieren. Die Gebäude des fiscalischen oder sogenannten Kammergutes, das ehemalige von Nostitzische Sommerhaus, so wie daß hier der rühmlich bekannte Dichter und Defensor Döhnel seine Lieder singt und Vertheidigungen schreibt -- lassen eine angenehme Erinnerung zurück.

Zu der Menge von Burgen und Schlössern, welche sich an den Ufern der Mulde erheben, gehört auch

Wildenfels

mit nicht viel mehr als 1200 Einwohnern in 145 Häusern. Wer und wenn das Schloß erbauet -- ist nicht genau bekannt. Lehmann in seiner Chronik sagt, daß dasselbe im Jahr 1410 Konrad von Tettau besessen habe. Die Bauart der Schlösser an der Mulde läßt wohl vermuthen, daß sie damals eine andere Bestimmung hatten, als den Reisenden aufzulauern und denselben Hab und Gut abzunehmen, wie mehrere Geschichtschreiber glauben. Im 4. Jahrhundert haben offenbar die Hermunduren das Schönburgische Gebiet bewohnt, und nach ihnen sind die Thüringer aufgetreten, bis auch sie von den Slaven vertrieben wurden, welche beinahe ein ganzes Jahrhundert die Schönburgischen Gaue cultivirten und unter fränkischer Herrschaft gegen einen Tribut gesichert fanden, bis die Sorben, welche man zur Annahme der christlichen Religion zu zwingen gedachte, gar böse Händel gegen die Franken, Sachsen und Thüringer anfingen, welche zu rohen Aufständen ausarteten und so lange blutige Kämpfe mit abwechselndem Glücke herbeiführten, bis Heinrich I., Herzog von Sachsen, gegen sie auftrat und ihre Selbständigkeit bald ganz vernichtete. Dabei ließ er es aber nicht bewenden, die Sorben für die Gegenwart unterjocht zu haben, sie sollten es auch für die Zukunft bleiben. Deshalb führte er überall zu ihrer Bewachung Burgen auf und legte deutsche Kolonien unter ihnen an. Darum sind die alten Burgen und Schlösser als Denkmäler der rohen Vorzeit zu betrachten, insoweit sie nicht im baulichen Wesen und für die Wohnlichkeiten der Fürsten, Grafen und Adeligen in der Gegenwart erhalten worden sind. Die neuere Zeit hat es auch möglich gemacht, daß bürgerliche Geldaristokratie derartige Schlösser und Burgen erwerben kann, und man will wissen, daß hier und da der Tribut von den Dingpflichtigen auf gleiche Weise eingebracht wird, wie die ehemaligen Burggrafen zu thun gewohnt waren.

Wildenfels oder vielmehr das benachbarte Kalkgrün ist übrigens noch bekannt wegen des schwarz- und weißgeaderten und bunten Marmors, welcher für Bildhauer hier gebrochen, der Abgang hingegen zu Kalk gebrannt wird, wodurch die Gegend umher an Lebendigkeit und Erwerb gewinnt. Wildenfels hat einen Lehnshof, bei welchem hin und wieder solche alte Lehnsschnörkel noch bestehen, welche der neuern Zeit nicht zusagen. So muß z. B. der Lehnträger des sogenannten Gotteswald in Lößnitz Jahr für Jahr Tags vor Michaelis früh vor Sonnenaufgang im Lehnshof Wildenfels erscheinen und mit vier weißen Pfennigen die Lehn am Gotteswald erneuern.

Das

Schloß Stein mit seinem nachbarlichen Schlosse Hartenstein,

welches erstere kaum ein Stunde Weges von Wildenfels entfernt liegt, macht einen interessanten Eindruck, der mehr der Ueberraschung angehört, wenn man in das Innere der Burg eintritt und sich in einen in Felsen gehauenen Speisesaal versetzt sieht, welcher in heißen Sommertagen ehemaliger herrischer Größe Kühlung zum Gelage darbot. Gegenwärtig wird ein Theil der innern Räumlichkeiten für ökonomische Zwecke benutzt, während die dem Verfalle entgegengehenden übrigen Parzellen Marder und Ratten, zum Schrecken des Federviehes und zum Nachtheil aller freß- und eßbaren Dinge, als würdige Repräsentanten längst vermoderter Herrlichkeiten bewohnen.

Hier führt eine eiserne Brücke über die Mulde, welche die Gegenwart hervorgerufen hat. Von den Passanten wird ein mäßiger Brückenzoll erhoben, welcher aber mehr für den beträgt, der das am linken Ufer gelegene Schweizerhäuschen nicht umgehen kann; denn es ist keine Sennerei, wo man Molkenkur, wohl aber Wein, Schnaps und Bier, öfters auch Concert und Schmäuse findet. Die Herrschaft Stein war ehedem nur ein Schloß und Rittergut, welches zur Grafschaft Hartenstein gehörte. Von den Besitzern der letztern wurde gedachtes Schloß Stein unter andern an die Herrn Trützschler von Eichelberg verafterlehnt. Als aber dieses Geschlecht ausgestorben war, fiel dasselbe als eröffnetes Lehn nebst Oelsnitz den Herrn von Schönburg anheim. Im Jahre 1632 übernahmen dasselbe Otto, Veit und Albrecht der obern Linie um 23,000 fl.

Nach Veits Absterben ward Otto Albrecht einziger Besitzer und vererbte es an seinen einzigen Sohn Ludwig. Nach dessen Tode im Jahre 1701 sollte jeder von seinen vier Söhnen eine Herrschaft bekommen, gleichwohl waren deren nur drei vorhanden. Es wurde daher ein Theil von der Grafschaft Hartenstein abgerissen, zu dem Rittergute Stein geschlagen und zu einer Herrschaft erhoben, -- so ohngefähr wie sich heut zu Tage kleine Dynasten den Rang »Königl. Hoheit« selbst ertheilen, -- welche Ludwig Friedrich erhielt, bei dessen Nachkommen sie sich noch gegenwärtig befindet.

Nur durch die mannigfaltigen Besitzveränderungen lassen sich die wunderlichen Jurisdictionsverhältnisse der Schönburgischen Besitzungen erklären, welche den Unterthanen zugewiesen sind. Ohngefähr 1702 ist das Amt Stein nach Lößnitz verlegt worden.

Die Prinzenhöhle am rechten Ufer der Mulde ist aus der Geschichte des sächsischen Prinzenraubes 1455 und daß sich Wilhelm von Mosen und Schönfels mit dem Prinzen Ernst sich in derselben bis zur Ablieferung verborgen hielten, hinlänglich bekannt; auch hat man von derselben, sowie vom Schlosse Stein und Hartenstein, Bilder mancherlei Art.

Zwischen Stein und der Prinzenhöhle zieht sich ein enges Thal hinauf nach Hartenstein und Thierfeld, welches sich in der Nachbarschaft des Oertchens Raum ausmündet. Es wird das Tiefthal genannt und ist in demselben seiner Erstreckung nach periodisch auf Quecksilber gebaut worden, ohne auf nachhaltige Anbrüche zu kommen, die dem Aufwand entsprochen hätten. Die Spuren von vorkommendem Zinnober sind daselbst seit 1566 schon bekannt, und da das bergmännische Sprüchwort: Erz führt wieder zu Erz -- nicht ohne Bedeutung ist, so läßt sich vermuthen, daß später geregelter Bergbau seine Seegnungen mit sich bringen wird.

Auf einem gegen 1300 Fuß hohen, aus Thon- und Chlorit-Schiefer bestehenden Berge, welcher der Baslerberg heißen soll, ruht die alte weitläufige Burg

Hartenstein

und schaut hernieder auf seine Wälder und schöne Wildstände, von welchen ersteren sich die Mehltheuer mit ihren herrlichen Buchen, unter welchen Botaniker interessante Pflanzen finden sollen, auszeichnet. Die Geschichte weist zurück auf ihre ehemaligen Besitzer bis auf die Burggrafen von Meißen aus dem Wolfersbach-Hartensteiner Stamm, Meinher oder Meinhard I. u. s. w. bis auf Alfred Fürsten von Schönburg, welcher in diplomatischem Beruf für das Kaiserhaus Oesterreich in Stuttgart lebte, vor einigen Jahren starb und seine Grafschaft Hartenstein an seinen Bruder, den Fürsten Victor zu Schönburg-Waldenburg, wahrscheinlich durch Vergleich mit den Gleichberechtigten, vererbfällte. Die rühmliche Baulust des Letztern wird hoffentlich das hier und da defect gewordene Schloß nach seiner geschmackvollen Weise in der Architectur wieder stattlich herstellen.