Part 3
Am südwestlichen Abhange der Morgenleithe, deren Masse aus Glimmerschiefer besteht, ist ein Talkschieferlager, in welchem der berühmte Ochsenkopfer Schmirgel vorkommt und in den früheren Zeiten auf einer Grube, die den Namen »Erzbaum Christi« führte, ausgebeutet wurde. Die Versuche darauf in der neuern Zeit sind zwar mit Anbrüchen belohnt, aber wegen fehlgeschlagenen Absatzes um die früheren höheren Preise unbelohnt geblieben. Die bergmännische Untersuchung der Gebirgsmasse von der ganzen Morgenleithe und vieler anderer Berge in unserm Hochlande bleibt einer Zukunft vorbehalten, in welcher man mit geläuterten Ansichten über den vaterländischen Bergbau urtheilen und erkannt haben wird, daß die Wohlfahrt einer mit Erzen gesegneten Provinz nicht allein über, sondern hauptsächlich +in+ der Erde gesucht und für Jahrhunderte begründet werden kann.
Das Eisenhüttenwerk Erla.
Da Schwarzenberg von der Morgenleithe aus schon in einer Wegstunde wieder zu erreichen ist, so gehen wir nun gegen Süden durch das Rosenthal nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Erlahammer, wie dieses Eisenhüttenwerk gewöhnlich genannt wird. Wenn schon die Rosen an der Benennung des Thales eben so wenig Theil haben mögen, als an dem zwischen Leipzig und Gohlis, so ist es doch wunderlieblich zur Rosenzeit und überhaupt vom Frühling bis zum Herbst. Der bewaldete Rockelmann mit seiner Granitmasse rechts und die fichtengrüne Bärenstallung links, mit ihrem dickflasrigen Gneuse (Augengneus), schließen eine Ebene ein, in welcher das Schwarzwasser Zainhämmer und Walzwerke treibt und üppige Wiesen wässert. An dem steilen Berge zieht hier und da, mit bedächtig langsamem Schritt, ein Stier am Haken; ihn leitet gewöhnlich ein stämmiger Knabe, während der Vater mit kräftiger Hand das Hakengestelle gegen den Berg zu drängen sucht, damit die ganze Gesellschaft sich nicht überschlägt und in's Thal herabkugelt. Es kann nicht anders sein, das nutzbare Land arbeitet sich nach und nach herunter und muß von Zeit zu Zeit eben so wie der Dünger hinauf und die Früchte herabgetragen werden. Wer Fleiß und Arbeit nicht scheut, wird dafür dennoch mit herrlichen Früchten belohnt.
Es mag einmal ein eben erwachender Frühlingsmorgen sein, indem wir das Schwarzwasserthal nach Erla und weiterhin durchwandern. Wir hören die Zippe -- die erzgebirgische Nachtigall -- auf den höchsten Gipfeln der Fichten flöten; hoch über der Thalebene die Lerche trillern und das allmählig verschwimmende Adagio des Rothkehlchens im Erlengebüsch, während die Eisenhämmer, taub für melodische Töne, auf glühendem Eisen tosen und das widerliche Heulen des Gebläses Ströme von glühendem Kohlengestiebe in die Lüfte treibt. Mit Ackergeräthe zieht der Landmann zu Felde, Berg- und Hüttenleute wechseln die Schichten, und der Holzmacher schreitet in den Wald mit Aexten und magerer Kost im Kober -- Alle nebeln ihr Pfeiflein, von welchem der Schwamm am besten riecht.
Plötzlich schließt sich das anmuthige Rosenthal; wir stehen gegen Süden vor dem hohen langen Rothenberg, über welchem sich Crandorf wie ein riesenhafter Reif nach dem jenseitigen Gehänge spannt. Links lehnt er sich an den höchsten Kamm der Bärenstallung, das hohe Rad (nicht hohe Rath) genannt, wo der Erlan bergmännisch gewonnen und als Zuschlag (Flöße) beim Einschmelzen benutzt wird; rechts zieht sich das Gebirge nach dem Thale hin, in welchem das Schwarzwasser seine rauschenden Wellen treibt. Die Breite des Rosenthales verengert sich in eine tiefe Wanne, mit Laubholz ausgefüllt, welches das Eisenhüttenwerk wohlthuend in seine Schatten hüllt.
Dieses Werk hat in der neuern Zeit, und namentlich durch seine gegenwärtigen Besitzer +Nestler+ und +Breitfeld+ wesentliche und für Holz- und Kohlenersparnisse berechnete Verbesserungen erhalten, die sehr kostspielig gewesen sind. Die Anlegung von Blech- und Stabwalzenwerken, die Neubaue beim Frischfeuer, das Schmelzen mit heißer Luft und die Bedachungen von Hütten- und anderen Gebäuden mit Eisenblech haben sich bewährt gefunden und werden ihre Zinsen tragen, wenn nicht abermalige Holzreductionen und Aufschlag auf den Grund gedachter Ersparnisse erfolgen. Die erst vor einigen Jahren mit vielem Aufwand errichtete Maschinenbauwerkstatt, welcher ein Engländer, Namens +Payne+, vorstand, hat gleich im Anfange vorzügliche Arbeiten geliefert wie z. B. die Webestühle zu Aue, 400 an der Zahl, unwidersprechlich lehren. Indessen hängt die Lebendigkeit einer solchen Maschinenwerkstatt zu sehr mit dem allgemeinen Fabrikverkehre des In- und Auslandes zusammen, daß sich auf eine lange Reihe von Jahren eine gedeihliche Stabilität nicht immer erwarten läßt.
Die Zeit der Entstehung des Hammerwerks Erla läßt sich geschichtlich nicht bestimmt nachweisen, doch liegt sie gewiß nicht fern von der Fündigkeit des dabei gelegenen Rothenberger Eisensteinbergwerks, gegenwärtig des wichtigsten in Sachsen. Und da dieses seit länger als drei Jahrhunderten im Umtriebe steht, so wird sich das Alter des Eisenhüttenwerks selbst annähernd bestimmen lassen. Die Ergiebigkeit des Rothenberges, die Güte des Eisensteines und die Ausdehnung seines mächtigen Ganges, verbunden mit einem Reichthum an Holz, welcher dieses fast werthlos machte, mußte sehr bald zur Anlegung eines Hammerwerks auffordern, und es scheint, daß ein gewisser +Gregor Arnold+ der Begründer desselben wurde. Noch gegenwärtig liefern die drei Fundgruben des Rothenberges -- die obere und untere Heinzenbinge und St. Johannes -- welche mit ungefähr 140 Mann belegt sind, jährlich 3000 Fuder Eisenstein, das Fuder zu 5 Tonnen und die Tonne zu 5 □Fuß gerechnet, welche jedoch vom Erlahammer nicht allein, sondern auch von den andern Besitzern ähnlicher Werke, in der Eigenschaft als Theilhaber an den Gruben, selbst verschmolzen werden. Das zehnte Fuder erhält allezeit, nach Abzug der Gewinnungskosten, der Staatsfiscus zum Bergzehnten. Die Wasserhaltung sämmtlicher Zechen, welche in der Teufe mit einander durchschlägig sind und sich die Wasser zuführen, geschieht durch Künste, deren riesenhafte Räder über Tage hängen. Mittelst eines Kehrrades und eines eisernen Seiles, ~circa~ 110 Centner schwer, wird der Eisenstein zu Tage gefördert. Die größte Tiefe der Gruben beträgt 95 Lachter, à 3½ Elle.
Das Eisenhüttenwerk Erlahammer, so wie jedes andere, gewährt in seinem Umtriebe sehr viel Anziehendes. Das Rohschmelzen im Hohofen, das Toben der Hämmer, das Heulen und Pfeifen der Gebläse und dabei das pausenartige Aufschlagen der Gichtflamme, welche zur Nachtzeit dem Wetterleuchten ähnlich ist, nimmt die Aufmerksamkeit eines jeden Fremden in so hohem Grade in Anspruch, daß er sich bisweilen vergißt und von den Arbeitern gewarnt werden muß, wenn er der Gefahr nahe steht. Die Hitze beim Rohschmelzen, besonders beim Abwerfen der Heerdschlacken, Abstechen und Gießen großer Körper, kann nicht Jeder vertragen; doch ist die Meinung irrig, wenn angenommen wird, daß die Hammerarbeiter deshalb das bloße Hemde und keine Beinkleider auf dem Leibe trügen. Diese leichte Bedeckung hat sich auf den Hammerwerken von den ältesten Zeiten her deshalb als zweckmäßig bewährt, weil der glühende Sinter, der während der Arbeit im Hüttenraume herumspringt und mithin dem Arbeiter sehr oft auf den Leib geräth, leicht auf die Erde fällt, wenn er das Schurzfell lüftet. Das Eisen, welches sich in einer zwölfstündigen Schicht im Hohofen angesammelt hat und dann in einen trogartigen Sandgraben beim Abstechen hineingelassen wird, erstarrt sehr bald und heißt dann eine Ganz (nicht Gans) und in der Mehrheit Gänze, weil es +ganze+ rohe Eisenmasse ist. Diese Gänze, so wie überhaupt das Roheisen, wird in Hütten weiter verschmolzen oder verfrischt und kommt dann in allerhand Formen, Länge, Stärke etc. in den Handel.
Ein kräftiger, schwarzer Menschenschlag mit Zähnen wie Elfenbein hauset in den Hohöfen und Eisenhütten; das Innere ihrer Hände besteht aus einer hufartigen Rinde, an welche sich die krummen, wenig gelenkbaren Finger anschließen. Diese einfachen, gutmüthigen Leute werden häufig schwerhörig und blödsichtig -- eine Folge der gellenden Hammerschläge und der stechenden Hitze. -- Der Lebenslauf eines Hammerschmiedes ist sehr einfach; als Knabe von 10--12 Jahren kommt er mit in die Hütte, lernt die Arbeiten des Vaters, aber -- nichts in der Schule, weil er nicht hineingeht, verheirathet sich eher oder später, führt die Kinder auf seine eigene Bahn und kommt im Alter weg, -- wohin? Dies weiß selten Jemand. Daher sagt +P. Wild+ in seinen Gedichten von den Knaben der Hammerschmiede:
»Wir war'n wie's Vieh su roh gezug'n; Wir larne Vugelstell'n und Fluchen.«
Eben so sagt man im Obergebirge, wenn von einer Person die Rede ist, deren Aufenthalt unbekannt ist, und die für todt gehalten wird:
»Er ist weggekommen wie ein alter Hammerschmied.«
Die Hammerschmiede haben selten ein Eigenthum bei einem Eisenhüttenwerke; sie wohnen in herumzerstreuten Häusern, die dem Hammerherrn gehören, in mehreren Familien zusammen, und weil die Hütten Tag und Nacht im Umtriebe stehen, die Schicht aber 12 Stunden dauert, so folgt daraus, daß der Hammerschmied so lange arbeitet und eben so lange schläft. Von dem übrigen Weltverkehre weiß er nichts, und seine Urtheile darüber sind häufig von solcher eigenthümlich drolligen und lustigen Art, daß sie in einem Anekdotenbuche aufgenommen zu werden verdienten, wenn der Dialekt und das Geberdenspiel mit abgedruckt werden könnte.
Das Alter und die Unfähigkeit zur Arbeit läßt den Hammerschmied zuletzt von einem Hammerwerke zum andern, wo er etwa Kinder oder Bekannte hat, aus langer Weile schlendern, und er stirbt zuletzt da oder dort, ohne daß man sich immer die Mühe giebt, die Verwandtschaft davon in Kenntniß zu setzen. So war es von jeher und bis zur neuern Zeit herauf, die auch eine bessere Cultur in das Hüttenwerk zu bringen gedenkt, welche wohl Eingang finden kann, da sich die mehrsten Hammerherren mit großen Opfern die Aufgabe gemacht haben, ihre Werke für Holzersparnisse zu reformiren, Stabeisen und Bleche zu walzen, mit erhitzter Luft zu schmelzen und den Feuern eine sachgemäßere Construction zu geben, wodurch der Hammerschmied zum Selbsturtheilen genöthigt wird, dadurch an Vielseitigkeit gewinnt oder -- ausscheiden muß. Gegenwärtig trifft man schon sehr unterrichtete Leute, wenn von ihrem Fache gesprochen wird, welche die Vorzeit nicht aufzuweisen hatte.
Bermsgrün
(nicht Bergmanns-, Beermanns- oder Permißgrün).
Gleich hinter Erlahammer klettern 121 Häuser und Güter in zwei langen Aesten, wovon der eine »der Sack« genannt wird, den Berg hinauf, die über 1176 Menschen bewohnen. Dieses Dorf hat in seinem Bereiche, wenn nicht etwa gerade die kleinen hier in Menge wachsenden Kirschen in ihrer Reife stehen, nichts Anziehendes; gleichwohl läßt sich von seiner Entstehung, seinen Familienzuständen, Gewohnheiten, Trachten und von seiner Sprache so viel Interessantes sagen, daß wir doch einige Schritte näher treten wollen.
Vermuthlich fällt die Zeit der Entstehung dieses Dorfes gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, weil 50 Jahre später nur »21 seßhafte Man, darunter 9 kleine Heußler« verzeichnet worden sind. Das jugendliche Hammerwerk Erla an seinem Fuße zog damals, wie es höchst wahrscheinlich ist, die ersten Blechschmiede aus dem Orte Bermsgrün am baierschen Fichtelgebirge herein, welche sich allmählig hier seßhaft machten. Geburts- und Heimathsscheine waren dort wie hier nicht üblich, und man fühlte das Bedürfniß eines Tauf- und Geschlechtsnamens nicht, weil es genügte, daß sie Blechschmiede waren. Die Kinder und Nachkommen behielten diese Benennung mit Hinzufügung eines sogenannten Spitznamens zur Unterscheidung bei und behalfen sich damit bis auf den heutigen Tag, wo nicht weniger als 72 Familienväter gezählt werden, die sämmtlich Blechschmidt heißen. Sehr nahe mußte es diesen Blechschmieden liegen, ihren Anbau ebenfalls Bermsgrün zu nennen, zur Erinnerung an die frühere Heimath.
Die ganze Bevölkerung besteht in Bauern, welche den Hammerwerken Eisenstein, Flöße, Kohlen und andere Bedürfnisse zuführen und nebenbei ihre Felder bestellen; in Holzmachern, Köhlern und Bergleuten, überhaupt aber in einem stämmigen, breitschulterigen und dickwadigen Menschenschlage. Kein Kauf- oder Handelsmann, kein Landreisender und außer einigen Schmieden und einem Töpfer kaum ein anderer Handwerker findet sich im ganzen Dorfe. Dadurch läßt sich's erklären, daß die Einwohnerschaft, aus Mangel allen Verkehrs nach Außen hin, auf einer flachen Stufe geselliger Conversation stehen geblieben ist und an der Herkömmlichkeit ihrer Altvordern festzuhalten strebt. Selbst die modischen Namen, welche den Kindern in der Taufe gegeben werden, sind hier noch fremd. Gottlieb, Traugott, David, Friedrich, ingleichen Sophie, Gottliebe, Dorothee u. s. f. hört man in jedem Hause; dagegen zieht in den Fabrikdörfern Alexis am Schubkarren, Oskar hütet die Gänse und Heloise sammelt Holz im Walde. Der Dialekt ist dem am baierschen Fichtelgebirge verwandt; ein flexible singende Betonung der Worte hört sich, besonders bei Kindern und Frauenzimmern, nicht übel an und wird im ganzen Obergebirge nicht weiter getroffen. Brutolmet -- Brotschrank, Kupwihting -- Kopfweh, Krabassen -- Krebse, Hutzengieh -- Spazierengehen, besappen -- die Kleider unten herum schmutzig machen, luschane -- laß sehen u. dergl. m. sind Ausdrücke, die man öfters hört, der Fremde aber nicht immer versteht. Die Tracht der Männer ist freilich in Form und Schnitt um 50 Jahre zurück; dagegen die der bejahrten Weiber mit ihren niedrigen, steifen und mit breiten weißen Tressen besetzten Hauben noch viel weiter. Dieser Kopfputz scheint aus verzinntem Blech gefertigt und wie ein Hausgeräth von Erbe zu Erbe übergegangen zu sein. Jetzt fangen sie aber an, seltener zu werden. Mädchen und junge Frauen kleiden sich daneben auffallend bunt: brennend roth, hochblau, pomeranzengelb und grasgrün sind die Farben des Anzuges und Bänderwerks von Kopf bis zum Fuß, als hätte der Schneider den Regenbogen dazu verschnitten. Diese grelle Farbenpracht schmerzt das Auge beim Sonnenschein, wenn sich die Bermsgrüner Sonntags vor der Kirche auf dem Marktplatze in Schwarzenberg, wohin sie eingepfarrt sind, in Gruppen, wie sie es zu thun pflegen, aufstellen und sich beschauen lassen. Die Bermsgrüner kennen die Genüsse nicht, woran sich der Großstädter so häufig dem Arzte und dem Todtengräber in die Hände liefert, mithin auch die Sittenverfeinerungen nicht, wodurch der Mann nach der Mode so oft die vernünftige Natürlichkeit verliert. Eine gewisse Art von blöder Unbehülflichkeit nimmt ihn gefangen, wenn er mit Personen zusammentrifft, die nicht seines Gleichen sind; doch ist er gutherzig, er ist der Kirchlichkeit sehr zugethan und doch fröhlichen Gemüths und, unbekannt mit dem buntscheckigen Getriebe der Welt, ist er doch rechtlich und wohlwollend. Dadurch erklärt es sich, daß Bermsgrün, im Verhältniß zu seiner Einwohnerzahl, die wenigsten Processe, geringsten Schulden und gegenwärtig nur 14 Almosenempfänger hat. Der Ort war seit dem Anfange dieses Jahrhunderts beglückt, gute Schulmeister zu haben. Die Namen +Mehlhorn+, +Schulze+, +Seifert+ und +Schubert+ haben einen guten Klang: denn ihr Fleiß ist nicht ohne Segen geblieben. Wenn schon die neuere Zeit mit ihren Schöpfungen an der bequemen Herkömmlichkeit rüttelt und zu modischer Genußsucht und größerer Abrundung der Sitten auffordert, so wird das ehrenhafte Bermsgrün doch so lange in seiner Einfachheit zu verharren suchen, bis die Erfahrung lehrt, daß es besser ist -- nachzufolgen.
Von
Krandorf,
welches Bermsgrün im Gegentrume liegt und 112 Güter und Häuser mit 979 Einwohnern zählt, läßt sich eben so viel Eigenthümliches und Rühmliches melden, wie von diesem, wenn auch schon in anderen Farben. Der Anbau dieses Dorfs wird mit der Zeit, zu welcher Bermsgrün entstand, ziemlich zusammenfallen. Bei diesem gab das Hammerwerk Erla und bei jenem der Eisensteinbergbau am Rothenberg die nächste Veranlassung. Und deshalb besteht Krandorfs Einwohnerzahl zum größern Theil aus Bergleuten, wie ihre Vorfahren auf Jahrhunderte zurück. Wer die vaterländische Bergwerksverfassung kennt und weiß, daß Fleiß und Gehorsam, Zucht und Ordnung die wesentlichsten Tugenden des Bergmanns sein müssen, wenn er zu diesem gefährlichen Beruf gewählt, beibehalten und gefördert werden soll -- der wird sich die zuvorkommende Freundlichkeit der Einwohner, den Sinn für Schicklichkeit im häuslichen Verkehr und die ameisenartige Thätigkeit, nach vollbrachter Schicht, in diesem freundlichen Dorfe erklären können. Hier spaltet Einer Holz für den künftigen Winter und kästelt es unter die breitästigen Bäume auf, die der Urgroßvater vor das Häuschen pflanzte; dort bessert ein Anderer am Zaun des Gärtchens oder ist sonst thätig für sein kleines Besitzthum. Ueberall vor den Häusern findet man aufgehängtes Grubenzeug, blutroth von Eisenstein gefärbt; und Tag für Tag badet sich der Bergmann, wenn er von der Grube kommt, weil Alles im Hause reinlich sein muß, wo die weißesten Spitzen geklöppelt werden.
Die überall erwachte Genußsucht und der Kleiderluxus haben hier noch nicht Wurzel gefaßt. Der Kittel ist des Bergmanns Ehrenkleid, er tritt damit vor den Altar des Herrn und vor seine Vorgesetzten. Sein Aufwand und der Unterhalt des Hauswesens bleibt dem schmalen Lohne stets angemessen, den er als Bergmann erhält; deshalb aber haben die Einwohner wenig Processe unter sich und verhältnißmäßig wenig Arme.
Da unsere Tour von Erla aus nicht über Krandorf, sondern im Schwarzwasserthal hinauf zu nehmen ist, so wenden wir uns bei der Kirche erstern Orts um, setzen uns aber einige Augenblicke auf die Bank vor dem Pfarrhause und sehen in das herrliche Thal hinab, welches nach Norden hin von Schwarzenberg verschlossen wird. Von hier aus sieht das Städtchen groß und fast einer Mittelstadt ähnlich. Seine Schiefer-, Ziegel- und Schindeldächer und der mancherlei farbige Abputz der dicht zusammengedrängten Gebäude gewähren fast den Anblick, wie eine geöffnete Königsseer Schachtel mit ihrem bunten Tectur-, Siegel- und Gläserwerk.
Das Schwarzwasserthal.
Oberhalb der zu Erlahammer gehörigen Maschinenbauwerkstatt lehnt sich an eine Felsengruppe ein fast in italienischem Styl erbautes Häuschen, umgeben mit einem freundlichen Gärtchen und wird von dem Engländer +Payne+ und seiner Familie bewohnt. Hier ist die letzte Parthie der lieblichen Landschaft von Schwarzenberg aus in der Richtung nach dem 4 kleine Wegstunden aufwärts gelegenen Johanngeorgenstadt. Bis dahin nimmt Alles eine wildromantische Physiognomie an.
Zu beiden Seiten des Thales senken sich waldige Bergwände steil hernieder und baden ihre Füße in den Wellen des Schwarzwassers, die, das ganze Thal entlang, über Geschiebe und Felsentrümmer, lärmend dahin eilen. Die neuere Zeit hat die kleinern und größern Streifen an beiden Ufern in Wiesen umgewandelt und dadurch, so wie wegen der vor 10 Jahren angelegten Chaussee, welche bis an die böhmische Grenze keine Berge übersteigt, dem Thal eine besondere Freundlichkeit und Frequenz verliehen. Noch vor 60 Jahren konnten kaum Fußgänger dasselbe passiren. Der hintere Rothenberg, Magnetenberg und Wolfgarten einer-, so wie die zerrissenen vordern und hintern Hirschsteine andererseits, stehen sich eine Stunde Wegs mit ihren Gneus- und Glimmerschiefermassen bis zur königlichen Antonshütte einander gegenüber. Diese wurde vor 14 Jahren vom Finanzministerium in der Absicht gebaut, um die geringhaltigen Erze der obergebirgischen Reviere, welche wegen der Transportkosten nicht nach Freiberg abgeliefert werden konnten und deshalb auf den Gruben und Halden nutzlos liegen blieben, zu Gute zu machen und dem Bergbau selbst eine größere Lebendigkeit zu verleihen. Gegenwärtig steht ein Ofen und 3 Amalgamirfässer im Umtriebe und wird dadurch jährlich 3000 Mark Silber zur Münze, so wie 40 Ctr. Kupfer und 25 Ctr. Nickelspeise abgeliefert. Die Anlage der Hüttengebäude in architektonischer Beziehung ist für das Auge eben so anziehend, als das riesenhafte gußeiserne Cylindergebläse, und Jedermann wird von den Hüttenbeamten zuvorkommend aufgenommen und herumgeführt, wer solches wünscht.
Ganz in der Nähe haben sich seit der Anlage dieses Werks noch einige Hüttenleute durch Erbauung kleiner Häuser angesiedelt und somit diesem sonst so vergessenen Winkel des Thales ein munteres Ansehen gegeben, wovon in der bessern Jahreszeit viele Spaziergänger zu profitiren suchen.
Hier mündet der Halsbach, nachdem sein Gewässer die Gruben: Unverhofft Glück, Ritter St. Georg, weißen Adler, fünf Brüder und Pluto, welche auf Grünsteinlagern bauen und silberhaltige Bleigänze gewinnen, begrüßt und ein Pochwerk nebst Wäsche getrieben, welche ihn milchartig gefärbt haben, in das Schwarzwasser aus. Das ganze Hüttenetablissement ist ein Werk des für den vaterländischen Bergbau viel zu früh verstorbenen Oberberghauptmanns Freiherrn von +Herder+.
Der Magnetenberg hebt sich hinter der Antonshütte steil empor und wird 70 Ellen hoch von dem Wassercanal umgürtet, der dem Poch- und Wäschwerke, so wie der Schmelzhütte hinlängliches Wasser zuführt, wenn der Halsbach im Sommer zu schwach wird. Gegen Süden schiebt er ein Knie weit in das Thal hinein, auf welchem kanzelartig der »Prinz-Friedrich-Stein« ruht. Für diesen geliebten Prinzen und nunmehr den verehrten König Friedrich August spricht, schreibt, malt, zeichnet, meißelt und baut der Erzgebirger so gerne, um sich ein Andenken auf der Scholle Land oder auf dem Felsenstücke zu bewahren, den sein Fuß betrat, wenn er die Provinz besuchte. Eine Tafel von Granit, gehalten von eisernen Platten und umgeben mit einer Barriere und Bänken, nimmt zwar nur einen kleinen Raum in Anspruch, er gewährt aber eine eben so eigenthümliche als überraschende Aussicht. Dicker jugendlicher Wald, über ihn hinausragende greise Tannen, und das anmuthige Grün der nachbarlichen Buchen -- sind die Colonnaden, auf welchen der Himmel ruht. Tief im Thale knarren die Räder der Eisen- und Erzwagen -- sie übertönen die liebliche Sprache der Vögel und beinahe das Rauschen der Wellen, die der Fellbach dem Schwarzwasser in die Arme wirft.
Da wo sich das Eisenstübel und der große Kammerstein, welcher den blumigblättrigen Feldspath führt, einander erblicken, liegt das Hammerwerk
Breitenhof
mit einer Handvoll hölzerner Hütten und Häuser in seiner Anspruchlosigkeit. Christoph Müller von Berneck aus Joachimsthal erbaute es mit landesherrlicher Vergünstigung im Jahre 1593, nachdem dessen Vater vorher schon oberhalb Breitenhof am Rothenbach auf einem Kieslager Bergbau getrieben und dabei viel Magneteisenstein getroffen hatte. Dieser Hans von Berneck nennt seinen Grubenbau selbst ein altes Bergwerk und erhielt im Jahr 1569 schon die Erlaubniß zur Erbauung einer Vitriol-, Schwefel- und Zinnschmelzhütte mit dem Vorzuge, daß innerhalb 10 Jahren Niemandem gestattet sein solle, ein ähnliches Hüttenwerk anzulegen; jedoch in der Voraussetzung, daß sich der Besitzer befleißigen solle, sich mehrentheils aus kaiserlicher Waldung zu verholzen.
Diese Anlagen sind theilweise bis zur Gegenwart erhalten, periodisch betrieben und unter dem Namen »Vitriolwerk St. Christoph« bekannt. Wie lebhaft der von Berneck sein Berg- und Hüttenwerk betrieben haben muß, geht aus einer Bittschrift hervor, nach welcher er am 7. Nov. 1594 um die Erlaubniß zur Anlegung einer Mühle bat, »weil er täglich über 100 Personen halten müsse.«
Oberhalb Breitenhof mündet der Ortbach in das Schwarzwasserthal auf der Stelle aus, wo das Dorf
Breitenbrunn