Part 1
Hinweise zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist +so dargestellt+.
Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so dargestellt~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Wanderungen
durch die interessantesten Gegenden
des
Sächsischen Obererzgebirges.
Ein Beitrag
zur specielleren Kenntniß desselben, seines Volkslebens, seiner Gewerbsarten, Sitten und Gebräuche
vom
Finanzprocurator Lindner,
in Schwarzenberg,
Verfasser der »Holzordnung von 1560 und der Gegenwart.«
Erstes Heft
mit 4 lithographirten Ansichten.
Annaberg,
Rudolph und Dieterici.
1844.
Inhalt.
Erste Wanderung.
Seite
Von Chemnitz aus nach dem Obererzgebirge 1
Der Spiegelwald 4
Schwarzenberg 7
Fürstenberg 10
Aue 13
Die Drutenau 18
Bockau 20
Die Morgenleithe 24
Das Eisenhüttenwerk Erla 25
Bermsgrün 30
Krandorf 33
Das Schwarzwasserthal 34
Breitenhof 37
Breitenbrunn 37
Die Hefenklöße 40
Johanngeorgenstadt 41
Rittersgrün 47
Globenstein 49
Großpöhla 51
Das Weihnachtsfest 52
Scheibenberg 55
Wanderungen durch das Obererzgebirge.
Erste Wanderung.
Von Chemnitz aus nach dem Obererzgebirge.
Die ländliche Wohlhabenheit, welche die volk- und gewerbreiche Stadt Chemnitz meilenweit um sich verbreitet und selbst die nahen Dörfer mit einer gewissen Art bäuerlicher Ueppigkeit angereichert hat, verliert sich allmählig, wenn man über Neukirchen, Leukersdorf, Pfaffenhain und Stollberg nach dem Obergebirge wandert. Die Gegend durch genannte Ortschaften, durchzogen von einer Chaussee, welche aus einem bunt gemusterten Felsit-Porphyr von Leukersdorf gebaut und unterhalten wird, hat eine sehr einfache Physiognomie, die sich erst dann zum Lächeln anschickt, wenn man die Höhe von Hoheneck erreicht und rückwärts nach den weiten und sanft gewölbten Hügeln blickt, über welche der Fuß seinen Weg genommen hat.
Von der Burg Hoheneck sieht man kaum noch Spuren von ihrer herrischen Größe, mit der sie hinab auf das Städtchen Stollberg und seine Flanell-, Barchent- und Leinweber schaute. Ein im neuern Styl gebautes Amthaus steht an dessen Stelle, welches mit den Wirthschaftsgebäuden eines Kammergutes verschanzt ist. Der Berg steigt von da, in der Richtung nach Zwönitz hin, noch gegen eine halbe Stunde an, ehe sich die Straße in einen langen, aber dürftigen Fichtenwald verliert. Die Höhe dieses Berges bietet eine recht artige Fernsicht nach Nordwest. Das wasser- und holzarme Hohenstein im Schönburgischen sonnt sich an seinem Rieden- und Pfaffenberg und terrassirt seine netten Gassen in anständiger Behaglichkeit um sich her. Sein ehemaliger Bergbau, welcher in dem dortigen Thonschiefergebirge getrieben wurde, machte viel Aufsehen, weil die daselbst auf den Gruben St. Lambertus und St. Anna einbrechenden Kupfererze güldisch waren und noch im Jahre 1791 für 29 Thlr. 5 Gr. 3 Pf. fein Gold gewonnen wurde. Das ist freilich, wenn von Gold die Rede ist, viel zu wenig; daneben aber auch eine zu große Erkaltung für den Bergbau in der Gegenwart, als daß ein bergmännisch geregelter Angriff auf die güldischen Erzmittel mit Ausdauer zu hoffen steht.
Die Gegend von Niederzwönitz und dem Städtchen gleiches Namens mit 288 Häusern und 1756 Einwohnern bietet nichts Interessantes dar, wenn man nicht den rastlos thätigen Baumzüchter, Stadtrichter +Glück+, besuchen und seine Pflanzgärten in Augenschein nehmen will; die Bauern wohnen seltener in einem umschlossenen Gehöft, die Schindeldächer nehmen überhand, Häusler drängen sich zwischen die Güter und der Boden wird steriler. Der Ziegenberg, über welchen nunmehr eine neue Chaussee nach Grünhayn läuft, zeigt in der Ferne den weißen Kirchthurm der in ein enges Thal eingequetschten Stadt Lößnitz und sein dem Himmel näheres Schießhaus. Außerdem ist die Gegend umher, eben so wie um Grünhayn, anmuthlos. Im Laufe diesem Sommers wurde in der Mooshaide bei Grünhayn von den Torfstechern ein Bär ausgegraben, von welchem Haare und die Krallen an den Tatzen gut erhalten waren. Unter die angebundenen gehörte er offenbar nicht.
Dieses Städtchen ist durch das reich dotirte Cistercienserkloster bekannt, welches im Jahre 1170 durch Sittichenbacher Mönche entstanden, durch den Markgrafen Heinrich den Erlauchten eine veränderte Gestalt bekam, von dem Burggrafen Reinhardt von Meißen mit 10 Dörfern von seiner Grafschaft Hartenstein dotirt und somit zu einer besondern Wohlhabenheit erhoben wurde. Allein als im Jahr 1429 die Hussiten mit ihrer Mord- und Zerstörungssucht einbrachen, hatten sie den Abt Bernhardt II., welcher auf dem Concilio zu Costnitz eifrig an Hussens Verdammung gearbeitet, den Untergang geschworen. Dies gelang jedoch der tollen Rotte nicht, weil der Abt in Zwickau war, als sie in Grünhayn einbrach. Daher galt es nun den Mönchen, der Habe ihres Klosters und der bestürzten Einwohnerschaft des Städtchens; Erstere wurden in der Klosterkirche erschlagen und letzteres durch Martern und Qualen an den Mönchen, daß sie die Verstecke der werthvollen Sachen angeben mußten, ein Raub dieser Unmenschen. Kloster und Kirche wurden der Erde gleichgemacht, auch das Vieh der Einwohner im Städtchen hinweggetrieben.
Dieses Klosterthum kam nie wieder zu seiner früheren Wohlhabenheit, vielmehr wurde es im Jahre 1536 säcularisirt und der Rest seines Vermögens zur Verbesserung der Besoldung von Kirchen- und Schuldienern verwendet. Im großen, mit Mauern umgebenen Klostergarten steht noch ein alter Thurm, der Fuchsthurm genannt, dessen frühere Bestimmung die Geschichte nicht aufbewahrt hat. Das sind die einzigen Gegenstände, welche an ehemalige Beten und Müßiggehen, Fasten und Wohlleben erinnern. Jetzt ist es der Sitz des Justiz- und Rentamtes; und als im Jahr 1821 ein neues Amthaus errichtet wurde, gingen die letzten Spuren des ehemaligen Klostergebäudes fast ganz verloren. Die beträchtlichen Ländereien des Mönchthums kamen nach der Säcularisation zum feilen Verkauf, welche 20 Grünhayner Bürger an sich brachten, die unter sich eine Landgemeinde in der Stadt bilden, ihren Richter haben und eben so, wie die Grundstücke, die Zwanziger genannt werden. Das Städtchen selbst entbehrt aller Anmuth, liegt rauh und frostig am nördlichen Fuße des Spiegelwaldes und erntet deshalb später als die Umgegend. Außer der etwa vor 30 Jahren neu erbauten Kirche, welche durch einen Stadtbrand verloren ging, hat das Innere des Städtchens eben kein hübsches Gebäude. Zwischen zwei Schornsteinen reitet ein mit Schiefer gedecktes Thürmlein auf einem Schindeldache und zeigt der Einwohnerschaft die Tag- und Nachtstunden an. Man nennt dieses Gebäude -- das Rathhaus. Uebrigens hat das Städtchen viel Feldbau, mithin gute Viehzucht und außerdem nähren sich Viele vom Verfertigen der Regenschirme.
Der Spiegelwald.
Dieser von Grünhayn gegen Süden gelegene und sparsam mit Nadelholz bestandene Gebirgsrücken ist der Vorhang, welcher eine wunderschöne Gebirgslandschaft, die mit ihrer Ausdehnung von etwa 5 Stunden in die Länge und Breite in bunter Mannichfaltigkeit eine liebliche Scenerie vor die Augen stellt, von der sich der Verehrer der Naturschönheiten nur ungern trennen kann. Auf dem Rücken des Berges angekommen, blickt man tief hinab in ein Labyrinth kleiner stücklicher Berge, die allmählig nach allen Richtungen hin riesenhaft anschwellen und ihr dunkles Fichtengrün an dem Saum des Himmels falbeln. -- Bisweilen steigen gespensterartig weiße Nebel aus den dicken Waldungen auf, dehnen und strecken sich phantastisch, bis ihr Gewand zerrissen an fernen Wipfeln der Bäume verschwindet. Der Gebirger sagt in solchen Fällen: »Das Holzweibel heizt ein, es wird ander Wetter.« -- Die dunkle Trapperie wallt faltenartig nach den Thalungen auf und nieder und umgrenzt hie und da verschiedentlich geformte Blösen für den Kartoffel- und Futterbau. Links, nach Osten, blähet sich der 3795 Fuß über dem Meere gelegene Fichtelberg im licht indigblauen Mantel auf und beherrscht den Horizont bis zu den in Westen gelegenem Kühberg. Einzelne Gruppen von Häusern, zu dem oder jenem versteckt gelegenen Dörflein gehörig, und verzettelt stehende Wohnungen erblickt man allerwärts; sie verdanken ihre Entstehung irgend einem besondern Gewerbe, oder der bequemern Bewirthschaftung eines unbequem gelegenen Stück Landes. Weiß und schieferblau ruht das Städtchen Schwarzenberg tief in der Niederung der Landschaft, umgeben von Bergen mittleren Ranges, damit die höheren darüber hinschauen und das wie von Kindern aus Nürnberger Häuserchen gebaute Städtchen betrachten können. Viele tausend Menschen machen diese romantische Landschaft zu der lebendigsten des Obergebirges und zugleich zu der besuchtesten von Fremden; und in der That ist sie es werth, von Jedem besucht zu werden, wer Belehrung und Genuß an ihren eigenthümlichen Gewerbsarten, Sitten und Gebräuchen sucht.
Von der Höhe des Spiegelwaldes steigt man über 2000 Fuß hinab bis an die Ufer des Schwarzwassers und stößt unterwegs zunächst auf das ehemalige Klosterdorf Beyerfeld, welches gegenwärtig zur Herrschaft Sachsenfeld gehört. Wer hat nicht schon oft und viel von der Löffelfabrik der Gebrüder +Friedrich+, der umfänglichsten im Vaterlande, gehört? und wie viel Fremde haben nicht dieses Gewerbe in Beyerfeld aufgesucht, in der Meinung, dieses Etablissement in einem räumlichen Gebäude zu finden, wo man die Löffel aus Eisen fertigen sehen und die Manipulation bis zu ihrer Vollendung beobachten könne? Dem ist nicht so. Die Fabrik bezieht das nöthige Eisen für alle Gattungen von Löffeln von den Hammerwerken, wo es schon unter dem Namen Löffeleisen in Stäbe geschmiedet und nach der Wage, à 44 Pfund, verkauft wird. Der Fabricant liefert dasselbe nach dem Gewichte an die Plattenschmiede, welche zerstreut in nahen und entfernten Ortschaften wohnen; diese verfertigen daraus die Platten, d. h. die eben (platt) abgehenden Eisenstücke, die noch keine Vertiefung haben. Zwei solche Plattenschmiede können täglich gegen 24 und aus einer Wage ungefähr 36 Dutzend Platten schmieden, die sie an den Fabricanten wieder nach dem Gewicht abliefern. Nun kommen die Platten wieder in die Hände der zerstreut wohnenden Löffelmacher, welche sie austeufen, wozu sie einen Ambos, worauf die stählernen Modelle oder Formen befestigt und nach den verschiedenen Größen und Gestalten concav eingelassen sind -- und verschiedene Teufhämmer -- brauchen, sodann aber zur Ablieferung bringen. Täglich kann ein Löffelmacher 25 Dutzend austeufen und 6 bis 7 Groschen verdienen. Endlich werden sie in's Zinnhaus abgegeben, da verzinnt, dann mit Kleie gescheuert, sortirt und so vollendet auf's Lager und in Handel gebracht. Mit diesen Löffeln, die im Publicum gewöhnlich »blecherne« genannt werden, wahrscheinlich weil das Eisen dazu so dünn wie Blech ausgetrieben wird, treiben die Gebrüder Friedrich, welche jeden Fremden mit Freundlichkeit aufzunehmen pflegen, umfängliche, selbst überseeische Geschäfte und geben dadurch einer großen Menge Menschen Nahrung und Unterhalt.
Am untern Ende des Dorfes liegt das Köhler'sche Vitriol- und Schwefelwerk, welches aber gegenwärtig, wegen gesteigerter Holzpreise und der Concurrenz von Böhmen her, in schwachem Umtriebe steht. Blau und grüner Vitriol, Vitriolöl und Scheidewasser sind die gewöhnlichen Fabricate. Schwefel wird wohlfeiler aus dem Auslande bezogen, als er hier fabricirt werden kann. Da die Fabrication aller dieser Gegenstände längst aus Hofrath +Kastner+'s Metallurgie bekannt ist, so hält es schwer, den Grund aufzufinden, weshalb den Fremden nur ungern der Eintritt in dieses Werk gestattet wird.
So wie sich Beyerfeld vom Spiegelwald herab nach dem Schwarzwasser streckt, eben so dehnt sich vom Teufelssteine aus, welcher durch sein Granatlager bekannt ist, in gleicher Richtung das Nachbardorf »Bernsbach« hinauf bis auf den Rücken des dort waldlosen Berges. Die Fabrication des Feuerschwammes und der Schwefelfäden, welche die mannichfaltigen Zündmaschinen der neuern Zeit gar sehr beeinträchtigt haben, war sonst in diesem Dorfe heimisch. Aus Polen und Ungarn kamen früher ganze Ladungen von Buchenschwämmen, die hier verarbeitet und als Feuerschwamm auf Messen und Märkte verführt, oder verhausirt wurden. Der Handel mit Zunderholz in diesem Orte ist völlig verschwunden und mit ihm die Gelegenheit zum Betteln.
Schwarzenberg.
Wie die zusammengedrängten und gegen das Hinabgleiten gesicherten Kinderherrlichkeiten auf dem Brete eines Gypsfigurenhändlers, -- so ruhen die 50 brauberechtigten schmucken Häuser des Städtchens, welches überhaupt 193 bewohnte Häuser und 1931 Seelen zählt[1], mit dem Schlosse, der Kirche, Schule, dem Forst- und Rathhause auf einer 60 Fuß hohen, 1200 Fuß langen und kaum 300 Fuß breiten Felsenribbe, die aus dickflasrigem und mit Granitgängen durchsetztem Gneus besteht. Die eng zusammengerückten, steinernen und mit Schiefer gedeckten Gebäude haben sich an den Rändern dieses Felsens durch Mauern und Strebepfeiler gesichert, damit sie nicht den Vorstädtern, welche ringsherum noch 143 Häuser bewohnen, in die Arme fallen.
[1] Diese und alle folgende +derartige+ Angaben sind aus den Schriften des Central-Comité des statistischen Vereins vom Jahre 1837 genommen.
Dem alten und durch wiederholte Brände vielfach veränderten Schlosse, in welchem gegenwärtig das Kreisamt seinen Sitz hat, fehlen die urkundlichen Nachweisungen seiner Entstehung. Es ist nicht umfänglich und steht auf der äußersten Kante des Felsens, ernst und sinnend, wie der bronzirte Napoleon mit verschränken Armen und kleinem Hute auf dem Brete der Gypsfiguren. In der Vorzeit, wo die kriegerische Zerstörungsart noch nicht so weit gediehen war, als in der Gegenwart, hatte diese alte Burg einen Graben und eine Aufzugbrücke, das Städtchen selbst aber Mauern und zwei Thore, welche jedoch niedergerissen worden sind, weil es Thorheit gewesen wäre, ihre Räumlichkeiten für bessere Zwecke unbenutzt zu lassen.
+Heinrich I.+, Otto des Erlauchten Sohn, soll das Schloß zu Anfange des zehnten Jahrhunderts, so wie mehrere andere, zur Bewachung der Sorben erbaut haben. Weniger glaubhaft mag es sein, daß diese kleine Stadt ihren Namen von eben diesem Heinrich, welcher sich Henricus Niger genannt, bekommen haben soll, weil die Gelegenheit näher liegt, daß das Schwarzwasser, welches seinen Lauf durch die Vorstadt nimmt, die Veranlassung für die Benennung des Ortes wurde. Das Schwarzwasser, welches sich unterhalb der Stadt mit der Pöhla (richtiger: Bela, Biela) vereinigt, wurde von den Wenden Czorny-woda (lies: Schorni, daher auch Schornstein), Schwarzwasser, und unsere heutige Pöhla wurde Bela woda, d. i. Weißwasser, genannt.
Nahe an der Stadt ragen zwei schroffe Felsen, der Otten- und Todtenstein empor, die irgend eine gewaltige Erdrevolution der Vorzeit, die keine Geschichte kennt, von dem Stadtberge trennte und dem Schwarzwasser seinen heutigen Weg anwies. Hinter diesen Felsenmassen und rund um das Städtchen erheben sich kegelartige Berge von Gneus und Granit, wie mächtige Bastionen, zu deren Füßen sich üppige Wiesen ausdehnen und darüber hinauf die Einwohnerschaft ihren mühsamen Feldbau betreibt.
Schwarzenberg und seine nahe Umgebung bietet keine Ebene dar; überall nur abgescheuerte Berge mit tiefen Einschnitten, in welchen Quellen und kleine Bäche plätschern. -- Es ist ein Gebirge im Gebirge! -- Darum aber und weil die Grundstückbesitzer ihre Früchte nicht so bequem nach Hause bringen können, wie die Flachländer, besonders wenn die Witterung ungünstig ist, sind die Scheunen auf dem ganzen Weichbilde zerstreut herum erbaut, wie die Kauen eines Bergwerksreviers, was auch außerdem, wegen Feuersgefahr, sehr zweckmäßig erscheint.
Das Klima in der Niederung von Schwarzenberg ist sehr mild, weil es gegen Osten und Norden durch ein hohes Gebirgsjoch gegen rauhe Winde geschützt ist; man erntet in den Thalungen mit den Chemnitzern ziemlich gleichzeitig, obschon das Schwarzwasser mit Freiberg in einem Niveau liegt. Die Bäche und Flüsse sind mit üppigen Laubhölzern eingefaßt, die Gärten mit Obstbäumen angefüllt, und in günstigen Jahren werden sogar in einigen Gärten hübsche Weintrauben gezogen.
Das Kreis-, Forst-, Rent- und Floßamt hat in das Städtchen von jeher Lebendigkeit und Nahrung gebracht und dasselbe dadurch zu einer gewissen Art von Wohlhabenheit erhoben, wie man sich diese nämlich im Obergebirge zu denken hat; die Einwohnerschaft mußte natürlich auch, unter so günstigen Verhältnissen, an Vielseitigkeit und Gesittung gewinnen, wodurch sich der Fremde um so mehr angezogen fühlt, als ihm freundliche Natürlichkeit mit geselligem Wohlwollen entgegenkommt. Allein das übermäßige Zusammendrängen von Handwerkern allerlei Art, als: 32 Schneidern, 21 Schuhmachern, 12 Fleischern, 12 Bäckern, 8 Tischlern u. s. w., denen 4 Jahrmärkte noch obendrein viel Abbruch thun, scheidet eine Verarmung aus, die nebst einigen anderen zufälligen Calamitäten der Ortsarmencasse jährlich weit über 200 Thlr. kostet.
Unter den Obergebirgern gewinnt die gekerbelte, geglättete und vatermörderliche Vornehmthuerei nur langsam Boden, worauf sie wuchern kann, und wer sie einheimisch zu machen wähnt, stößt immer von sich ab und fällt zuletzt den Sonderlingen anheim. Deshalb halten sich Jahr für Jahr eine Menge Fremde aus allen Ständen, wenn sie zu besserer Jahreszeit das Obergebirge in Geschäften oder zum Vergnügen bereisen, länger in Schwarzenberg[2] auf, als vielleicht in ihrem Reiseplan lag; machen wohl auch sogenannte Abstecher nach allen Richtungen hin und kehren am Abend zurück. Wenn daher ein Freund der Natur und der eigenthümlichen Gewerblichkeit des Obergebirges das Bonitz'sche Walzendrahtwerk[3], die beiden Zainhammer, den fiscalischen Holzanger, welchen die Floßbeamten in einen hübschen Park umgewandelt, in dem Städtchen und in der Nachbarschaft desselben beaugenscheinigt haben, so wird derselbe zunächst
[2] Schwarzenberg brannte am 2. Mai 1824 bis auf das Schloß und die Kirche nieder, ist aber mit weit hübscheren Häusern, die dem Städtchen eine entsprechende Sauberkeit verleihen, völlig wieder aus der Asche hervorgegangen.
[3] In den ältesten Zeiten war es ein Kugelhammer, verfiel aber in eine Caducität. Am 9. Octbr. 1557 verlieh Kurfürst August dieses verfallene Werk an den Bergschreiber Hans Schwarz in Annaberg.
den Fürstenberg,
der nur eine Stunde weit gegen Morgen entfernt liegt, besuchen, welcher für die vaterländische Geschichte classisch und in der neuern Zeit durch Errichtung eines Denkmals und eines bewohnbaren Köhlerhauses interessant geworden ist. Der so oft beschriebene, besungene und selbst für die Bühne bearbeitete sächsische Prinzenraub ist so allgemein bekannt, daß keine Lücke für den Zweck dieser Schrift entstehen kann, wenn sie über das Geschichtliche desselben schweigt.
Der Fürstenberg, vor dem Prinzenraube der Schmiedewald genannt, gehört gegenwärtig nur mit einem eben nicht breiten Streife dem Staate, und wird obenhin von den sogenannten Zwanzigern und nach unten von den Begüterten zu Raschau besessen, so daß nur das Denkmal und das Köhlerhäuschen auf fiscalischem Eigenthume stehen. Der Bergabhang ist ziemlich kahl, da die Zwanziger ebenfalls in dem verkehren Wahne stehen, die Hölzer lieber abzutreiben oder auf dem Stocke zu verkaufen, als sie mit Nachhalt zu benutzen und den Nachkommen ein nützliches Andenken zu hinterlassen. Dagegen ist der fiscalische Boden im Laufe des vorigen Jahres in Cultur genommen und von dem fleißigen Förster +Müller+ in Grünhayn mit einer Pflanzung versehen worden, daß man zu seiner Zeit eine dicke Waldung erwarten kann, welche das Denkmal unsers Regentenhauses mit ihrem Rautengrün beschattet und in ein gemüthliches Dunkel hüllt. Dabei ist aber vorauszusetzen, daß das Köhlerhäuschen nicht zu einer gemeinen Kneipe herabsinkt, von wo aus Beschädigungen und Frevel zu fürchten und nicht immer abzuwenden sind.
Dieser mittägige Abhang des Fürstenbergs, welcher auch wegen seines schneeweißen Marmors, der dem von Carrara in Italien ganz ähnlich ist, so wie wegen anderer interessanten Fossilien der dortigen Einlagerungen in Glimmerschiefer die Aufmerksamkeit der Mineralogen anregt, gewährt eine eigenthümliche Ansicht, die den Beobachter um so mehr anspricht, als sie überraschend auftritt. Es ist der sogenannte Graul, eine topographische Benennung eines zum Bergamt Schneeberg gehörigen Bergreviers, auf welchem sich eine kleine Bergwerkswelt mit ihren braunen und weißen Halden, Hütten und Kauen ausbreitet hat und durch das Anschlagen der Glocken des Kunstgestänges in abgemessenen Pausen, so wie durch den aufsteigenden Dampf der Röst- und Arseniköfen, die Aufmerksamkeit gar sehr in Anspruch nimmt. Silber und Kobald, Vitriol-, Schwefel- und Arsenikkiese gewinnt und fördert der Bergmann zu Tage, wo sie verarbeitet und verwerthet werden zu mancherlei Zweck. Silber und Arsenik, diese nahen -- aber friedlichen -- Nachbarn unter der Erde, feinden sich gar oft gegen einander an, wenn sie in der Hand der Menschen dem Eigennutz anheim fallen. Die Grube »Gottesgeschick« allein hat seit ihrer Veredlung -- und das ist wohl kaum 70 Jahre -- nahe an 300,000 Thlr. Silber geschüttet und baut gegenwärtig noch in sehr höflichem Feld.
Unweit dieses Bergwerksetablissements steht noch ein obdachloses, zerklüftetes Mauerwerk in einer Wiese, welches unter dem Namen »Dossels-« oder »Dusselskirche« bekannt ist. Das vielleicht 12 Ellen hohe schiffartige Mauerwerk läßt es nicht zweifelhaft, daß es eine Kirche werden sollte. Es ist auch die Sage in der Nachbarschaft, daß ein reicher Hammermeister, +Klinger+, um wegen eines Mordes an dem Bergmeister +Gotterer+ in Elterlein Ablaß zu erlangen, den Bau angefangen, aber, bald in Abfall der Nahrung gekommen, denselben nur langsam habe betreiben können; zuletzt aber sei der Bau wegen der lutherischen Reformation und weil die klösterlichen Beihilfen weggefallen, ganz zum Erliegen gekommen. Der Oswaldsbach[4], welcher in dem Torfboden der Mooshaide zwischen Grünhayn und Zwönitz seinen Anfang nimmt, sich mit dem Gewässer des erstgenannten Städtchens verstärkt, von da seinen Weg nach Südost durch einen üppigen Wiesengrund verfolgt und sich in eine waldige tiefe Felsenpartie, wo er seinen Lauf nach Süden einschlägt, sodann das halb in die Schlucht eingeklemmte Dörfchen Waschleute (unrichtig: Waschleithe) durcheilt, bewässert mit seinem Forellenwasser das Thal und erreicht die Dusselskirche, von wo aus er den Fuß des Fürstenberges berührt, eine Partie Wasser für die Künste bei Gottesgeschick abgiebt, den Ueberschuß aber der Pöhla bei Wildenau zuführt. In der Mundart des Volks heißt dieser Bach der Osselsbach, auch Dusselsbach, daher auch die Kirche am Dusselsbach -- Dussels- oder Duselskirche heißt.
[4] In den Mittheilungen des statistischen Vereins für das Königreich Sachsen, 3. Liefer., S. 5, wird des Oswalds- oder Schwarzbaches, welche die Pöhla in Wildenau, kurz vor ihrer Vereinigung mit dem Schwarzwasser, aufnimmt, keiner Erwähnung gethan, ob es schon namhafte Bäche sind und Mühlen und Bergwerksmaschinen treiben.