Wanderschuhe und andere Erzählungen

Part 6

Chapter 63,965 wordsPublic domain

Da trat sein Weib zu ihm. Wie eine Mutter und auch wie ein liebendes Weib trat sie zu ihm. So voll des Rechtes, zu trösten. Er war unglücklich, und sie hatte ihn lieb. Er war nie recht glücklich gewesen und sie hatte ihn immer lieb gehabt. Aber sie hatte es ihm nicht zeigen dürfen. Sie hatte eine Schuld auf sich gehabt, all die Jahre her, die hatte sie stumm gemacht und scheu. Und ihre Schuld war gewesen, daß sie sein Leben an das ihre gekettet hatte, trotzdem sie wußte, daß er sie nicht liebte mit einer großen, starken Männerliebe. Sie hatte auf das Kommen dieser Liebe gehofft und gewartet, und als die Hoffnung abnehmen mußte, als sie ihn hungrig sah, gedrückt und flügellahm an ihrer Seite, da wollte sie wenigstens eins tun, ein Großes, ihm zu Lieb. Sie wollte ihre Liebe in sich hineinschließen. Er sollte sie nicht sehen, sie mußte ihn ja quälen. Sie sorgte für ihn und für die Kinder. Mehr durfte sie nicht. Aber jetzt, heute.

»Andres,« sagte sie, »Andres, mußt nicht so verzagt sein.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, leicht, leise.

Es war ein Glücksgefühl in ihr, ein ganz eigenes. Eines, das nur die Menschen kennen, die schon ganz arm gewesen sind. Teil haben an seiner Last, die man so gut kennt, so gut. In seiner Armut zu ihm stehen, nun das andere geht, das Sonnige, Helle, das sein Leben gestreift hat. Ihm zeigen: Du bist nicht allein, die Treue bleibt dir, du Armer.

Das ist auch schon ein Glück für solch ein Herz. Aus dem vollen Reichtum heraus wäre das ein Elend. Aus der Armut heraus, aus dem stummen, zugeschlossenen Nebenhergehen – ihr war es ein Reichtum. Sie hatte diese Stunde kommen sehen, all die Zeit daher.

An seinem aufgehellten Wesen, an seinem Gesang, an tausend kleinen Zügen. Und sie hatte gewußt, daß ihm die andere nichts zu geben habe. Daß sie gehe und sein aufgewachtes, hungriges Herz zurücklasse. Das hatte so kommen müssen. Daran war gar nichts aufzuhalten und zu ändern gewesen. Das hatte der Sommer zur Reife gebracht. Und nun war er dahin.

– Er zuckte zusammen unter ihrer linden Berührung. Als ihn ihre Stimme traf, mit so einem eigenen, zitternden, warmen Klang, sah er auf. Er hatte etwas anderes erwartet. Er hätte auffahren, lospoltern mögen, sich verteidigen, ihr ins Gesicht schleudern: Laß mich, du! Was verstehst du vom Leben, vom Liebhaben, vom Feuer, das in mir brennt?

Das konnte er nun nicht. Das konnte er ihr nicht sagen.

Diese Frau, deren Augen so voll und tief und fest auf ihm lagen, verstand _wohl_ etwas von dem allen. Das sprach aus ihr heraus. Und ihn streifte eine Ahnung von dem, was in ihr war. Er ließ den Kopf wieder sinken.

Da wagte sie es, sein Haar zu streicheln. Der kleine Bub’ hatte sich am Morgen gestoßen, er hatte eine Beule an die Stirn bekommen; den hatte sie auch so gestreichelt und dazu liebe Worte gesagt: »So, so, nun wein’ nicht mehr. Das geht vorüber. Das tut nur eine Weile weh.«

Das gleiche konnt sie zu ihm nicht sagen, der da saß und wund vom Leben war. Aber ihre Liebe redete doch.

»Ich versteh’ dich so gut. Ich weiß, wie das ist. Sehen, vor Augen haben und doch nicht besitzen. Lieb haben und sich hungrig sehnen. Und vorbei lassen müssen. Wenn man’s nicht wüßte, wär’s leichter. Aber glaube, meine Last war schwerer als die deine. Denn ich trug sie lang und still, und ich mußte dich leiden sehen. Durch mich.«

Das sagte sie ihm nicht alles so nacheinander. Aber er verstand sie doch. Er saß und rührte sich nicht. Er war so wunderlich aufgerührt in seinem Innern. Da war noch ein Leid neben dem seinigen. Da war ein Mensch, ein lebendiger, dessen ganzes Herz ihm gehörte. Der begehrte nichts, als zu ihm zu stehen, ihn zu trösten, etwas Gutes zu sein in sein Leben herein.

Wie ein Riß im schwülen, dunklen Gewölk war das, durch den der klare, blaue Himmel hereinsieht.

Wie ein Acker, der vom Hagel verwüstet und ganz zertreten schien, und auf dem sich doch noch Halme mit Ähren aufrichten, still und stark, und eine Ernte verheißen, wenn auch keine üppige, lachende. Sie begehrte jetzt kein Wort von ihm. Er ließ sie ja bei sich. Er wies sie nicht ab mit ihrer stillen Tröstung. Das war jetzt genug.

Das Kleine in seinem Wagen erwachte und ließ seine Stimme hören. Da ging sie hin zu ihm und hob es heraus. Und ein Lebens- und Freuden- und Kraftgefühl war in ihr, daß sie das Kind hoch in die Höh’ hob. »Du Schatz,« sagte sie, »du Schatz.«

Sie war ja jetzt reicher als vor sechs Jahren als Braut. Damals hatte sie nach Liebe gehungert und ihrer begehrt. Jetzt liebte sie. Sieghaft brach die Liebe aus ihr heraus. Hier in diesem Haus war Liebe nötig, echte starke. Und niemand sollte fürderhin daran Mangel leiden.

Das wuchs, das drängte. Sie hatte selbst nicht gewußt, wie lebensreif das alles in ihr gelegen hatte.

»Mann,« sagte sie zu dem zusammengesunken Dasitzenden, »du, Mann, da guck den Kleinen an. Ist er nicht ein Schatz?«

Sie hätte jetzt noch viel sagen können. Liebes, Warmes, Aufmunterndes. Aber er war so wund, da durfte man nicht derb zugreifen. Da konnte sie nicht sagen: »Ich bin nun einmal dein Weib, und die Kinder sind deine Kinder. Und wir wollen suchen, einander mehr zu sein, als seither.« Das nicht und sonst viel Schönes nicht. Das sagte nur ihr Wesen, ihr stilles, liebes Tun, das auf einmal so anders, so selbstverständlich um ihn her war.

Er hatte seine Mutter kaum gekannt. Nun schien ihm sein Weib beides zu sein, Weib und Mutter. So hatte er sie noch nie angesehen, so warm hatte es ihn nie zu ihr gezogen, wie jetzt, da sie das, was ihn als Schuld drücken wollte, nur als Lebensleid ansah, und sich zu ihm stellte, es tragen zu helfen.

Es war am Abend. Die Mutter saß in der dunklen Kammer an den Kinderbetten und sang leise ein Lied. Das tat sie selten. Heute mußte sie es tun, es war so viel Aufgewühltes, Unruhiges, Frohes und Schweres durcheinander in ihr. Das mußte zur Ruhe kommen. Die Kinder schliefen drüber ein. Draußen in der Stube saß der Mann, allein, die Ellbogen schwer auf den Tisch gelegt, den Kopf auf der Brust. Sie hätte ihn so gern auch in den Schlaf gesungen, mit Liebe zugedeckt. Aber sie wagte sich doch nicht so nah an ihn heran. Die aufflackernde Freudigkeit des Nachmittags war nicht mehr in ihr. Er liebte sie ja doch nicht. Er trauerte ja, daß die andere ging. Und er sehnte sich nach einem Leben, das sie ihm nicht geben konnte.

»Sei du Schloß und Riegel, Unter deine Flügel Nimm dein Küchlein ein,«

sang sie leise. Mit einem Herzen, das gern stark sein wollte und doch unruhig und zitternd schlug, sang sie es.

Da kamen schwere, unsichere Tritte von der Stube her durch die dunkle Kammer. Wie einer, der eine schwere Last auf den Schultern hat, kam der Mann gegangen. Er tastete sich zwischen den Kinderbetten durch. Und dann sank er vor ihr nieder und legte den Kopf in ihren Schoß. »Kathrin,« sagte er, und seine Stimme brach mitten in dem Aufschrei: »Kathrin, ich weiß mir nicht zu helfen. Hilf mir!« – – – –

Die Freunde in der Stadt waren nicht so recht zufrieden mit der heimgekehrten Adelheid. Zwar sie war braun, frisch und gesund, hatte reiche Beute im Skizzenbuch und in den Mappen mitgebracht und zeigte auch ihr Kinderbildchen mit Freude und Stolz. Aber sie war nicht so mitteilsam, als Heinz und die andern gewünscht hätten. Sie waren begierig auf Adelheids Erlebnisse gewesen, denn sie waren samt und sonders stolz auf sie, und überzeugt, daß sie überall die Menschen, und nicht nur die Kinder gewinnen müsse. Das hätten sie nun gern mitgenossen. Aber Adelheid sagte nur: »Sie waren alle gut gegen mich. Viel zu gut. Erzählen? Ja, das kommt schon noch, nach und nach. So Besonderes war nicht dabei.« Und dann fing sie an, sich auf die Arbeit zu werfen, als stünde der Hunger hinter ihr.

Nein, da mußte etwas nicht in Ordnung sein.

Die alte Freundin, oben unterm Dach, die mit dick verbundenen Füßen im Lehnstuhl saß und ihre Gichtschmerzen aushielt, die wußte nun wieder einmal, wozu sie auf der Welt sei.

Draußen riß der Wind die Pappelkronen hin und her, daß sie ächzten. Drinnen saß Adelheid im Dämmer auf einem Schemel und sah in die Ofenglut. So liebte sie’s. Zu dieser Zeit pflegte sie zu kommen und, wie sie’s nannte, »ihren Tag hier auszubreiten.«

Heute war sie lange still geblieben.

Es geht etwas in ihr um, dachte das alte Fräulein.

Das braucht seine Zeit, bis es spruchreif ist. Sie konnte warten. Sie wußte schon, daß es komme.

Adelheid nahm die Feuerzange und stieß in die Ofenglut. Mit einer so heftigen Bewegung tat sie es, als ob sie damit irgend einem unsichtbaren Feind einen Treff versetzen wollte. »O, ich wollte, ich brauchte gar nicht mehr von hier hinaus,« sagte sie plötzlich, unvermittelt: »Wenn man nie weiß, was man den Leuten antut mit sich selbst. Wenn man einfach in den Tag hineingeht und sich des Lebens freut und der Menschen. Und dann ist’s doch nicht gut getan. Und ich kann nicht anders sein, als ich bin.«

Da kam nun die Sommergeschichte an den Tag.

Sie hatte sich doch mehr damit gequält, als sie am Anfang gedacht hatte. Nicht mit Selbstvorwürfen. Aber mit Fragen: warum ist das so? Warum haben nicht alle Menschen die Macht, sich aneinander und am Leben zu freuen? Warum müssen sie durcheinander leiden und sind doch ohne Schuld daran? Da war die Mutige, Frohe eine Furcht vor dem Leben angekommen.

Es ist nicht leicht in Worten wiederzugeben, was aus dem abgeklärten Gemüt der Alten in das junge, aufgestörte Wesen hinüberfloß. Daß die Menschen einander brauchen, zum Aufwachen, zum Werden, durch Freuden und Schmerzen hindurch. Daß ein heiliger Wille auch über dem lebe und walte, was uns unklar und verworren scheine. Und daß nur Einer sehe, was der Sommer des Lebens für Frucht zeitigen solle. Und daß die Menschen nur reines Herzens vor ihm leben sollen, und das andere ihm anheimstellen.

Man kann das nicht so sagen. Man muß solche Dämmerstunden kennen, um zu wissen, welch still- und frohmachenden Schatz man von ihnen hinaustragen kann ins laute Leben des Tages.

* * * * *

Es war ein heller, heißer, staubiger Sommertag im nächsten Jahr. Kurz vor den großen Ferien.

Niemand hatte mehr rechte Lust, Vorträge anzuhören oder Studien im Zeichensaal zu machen.

In der viertelstündigen Pause zwischen den Vormittags-Übungsstunden der Kunstschule war es. Sie standen so in zwanglosen Gruppen herum, die jungen Träger der Kunst der Zukunft. Auf der Steintreppe, unter den Arkaden, in der kühlen Eingangshalle. Wohin man ausfliegen wolle, beriet man, und ob man den Semesterschluß ganz abwarte – bei dieser geisttötenden Hitze.

»Eine Schande ist’s, jetzt in den Stuben zu hocken,« sagte Heinz, den wir bereits kennen und dessen anderer Name hier nichts zur Sache tut. »Fenster auf und hinaus. Einmal ich. – Hallo, was gibt’s da?« unterbrach er sich. Er trat aus seiner Gruppe und sah zu, wie Adelheid Solger, aus der Halle kommend, die breite Treppenflucht hinunterflog, auf einen Mann von bäuerlichem Ansehen und einen kleinen Buben zu, sah, wie sie den Beiden die Hände schüttelte, und wie das bärtige Männergesicht aufleuchtete in frohem Grüßen.

Und dann ging er, als der Nächste dazu, ein paar Schritte entgegen, als sie die Gäste heraufführte.

»Das sind meine Freunde aus Steinkirchen,« sagte Adelheid, sobald sie bei ihm angelangt waren. »Dies hier ist Gottfried, wissen Sie, mein Kritiker. Und das ist sein Vater.«

Der Schuhmacher sah froh und verlegen zugleich drein. Er hatte etwas auf dem Herzen. Aber er brachte es nicht so leicht vor, hier, in dieser Umgebung, wo ihm das Fräulein fremder, ferngerückter schien, als da sie bei ihm in der Himmelreichsgasse wohnte. Es war nur gut, daß er den Gottfried mit hatte. Der tat nicht lang fremd.

»Jetzt mußt du wieder kommen,« sagte er mit seiner hellen Bubenstimme. »Wir haben ein Kleines, und die Mutter hat gesagt, das müsse so heißen, wie du. Damit man wieder eine Adelheid habe, und du mußt zu Gevatter stehen, hat sie auch noch gesagt.«

Heinz lachte laut auf.

»Du bringst deine Sache gut vor, Junge,« sagte er. »So ist’s gut, nur nicht lang gefackelt.«

Diesmal besann sich Adelheid nicht lange, ob sie nicht abgewiesen werde. Sie beugte sich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn in sein rundes, ernsthaftes Gesicht hinein. »So, muß ich?« sagte sie und lachte. Es war ein so fröhliches, befreites Lachen. Und sie streifte dabei mit fragenden Augen den Mann. »Ist das wahr? Könnt ihr mich brauchen?«

»Der Bub’ sagt’s ungeschickt,« sagte der Mann entschuldigend. »Aber Sie nehmen’s ja nicht für ungut, das weiß ich wohl. Das nicht und nichts sonst. Von ›müssen‹ kann ja keine Rede sein. Aber wenn wir halt recht schön bitten dürfen. Weil alles so gut steht bei uns; und weil wir halt immer sagen, das Weib und ich: daß das Fräulein gekommen ist, damals, das ist ein Gottessegen.«

Er streifte mit einem verlegenen Blick den fremden Herrn, der dabei stand und der gar nicht gesonnen schien, sich von der Gruppe zu trennen. Er hätte gern noch mehr gesagt. Aber das ging nun nicht an. Das mußte er noch aufsparen.

»Ja, Meister, das ist mir ja eine Freude, eine große, rechte,« sagte Adelheid in überquellendem Empfinden. Ihr war so froh zumute, so reich. Da war etwas Gutes gewachsen, das konnte man ja sehen. Das bedurfte gar nicht vieler Worte. Und sie sollte daran teil haben. Wie schön das Leben war. Wie schön. Ihre Augen leuchteten.

»Ist das nicht herrlich?« fragte sie zu Heinz hinüber. »Aber nun kommen Sie, nun wird heut’ Feiertag gemacht. Sie gehen mit, ganz freundschaftlich. Wir müssen den Beiden alles Schöne zeigen, das sie nur in sich hineinkriegen. Ist es nicht ein Fest?«

»Daß irgend etwas wunderschön ist, seh’ ich an Ihren Augen. Und ich seh auch, daß Sie uns heuchlerisch verschwiegen haben, was unter Freunden geteilt gehört. Aber ich räche mich,« sagte Heinz.

»Komm, mein Junge, du gehst mit mir.« Und darauf rächte er sich, indem er seiner Freundin den Freund und Verehrer Gottfried gänzlich abspannte, und bald voraus, bald hintendrein, des kleinen Burschen Herz im Sturm eroberte. Es nahm’s ihm niemand übel.

Die beiden gingen allein, Adelheid und Meister Notacker. »Jetzt hab’ ich die Stadt nicht mehr gesehen, seit ich vom Militär wegkam,« sagte der Meister. »Mich dünkt, sie ist seither noch viel schöner geworden.«

Er sah so aufgehellt aus. In seinen Augen und auf seinem Gesicht lag so einfache, biedere Kraft. Wie einer, der das Leben erkannt und aufgenommen hat, sah er aus.

»Ich hab’ nicht hierher gewollt,« sagte er. »Ich hab’ schreiben wollen. Aber ich hab’ keinen rechten Brief zustand’ gebracht. Es ist mir so viel im Kopf herumgegangen. Da hat meine Kathrin’ gesagt: »Geh doch selber. Männer müssen auch hier und da etwas sehen, wie’s draußen zugeht.« Da bin ich gegangen.« Er wurde ganz warm. »Sie versteht’s, was man braucht.«

»Ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt habe,« hob er nach einer Weile wieder an. »So ein Weib, wie mein’s. Was einem das sein kann. Und geht neben einem her, und man merkt’s nicht. Und wartet, bis man’s braucht. Dann ist es da, und hilft einem, und hat keine unschöne Rede, nicht eine. Das hat uns zusammengebracht. Das wär’ sonst nie so weit gekommen. Und jetzt ist’s gut, gottlob!«

Es war in der Gemäldegalerie. Sie standen vor einem goldenen Kornfeld, dessen reife Ähren sich schwer niedersenkten in der Last ihrer Körner. Voll warmen Sonnenglanzes war die Luft; und im Hintergrund führte ein schmaler Weg zu einer Menschenhütte. Sie sahen lang darauf hin. Ihre Gedanken waren beim vorigen Sommer. Und dann gaben sie sich die Hand darauf, daß das Leben doch reich sei, fruchtbar und schön. Ohne Worte, nur aus einem inneren Verstehen heraus, das den Sommer des Lebens ansah, wie den Sommer des Feldes.

Aus Kindertagen

Ich bin wieder einmal die alten Wege gegangen. Den Landolinsberg hinauf gegen die Burg hin und den grünen Weg entlang. Mich dünkt, er sei nicht mehr so grün, wie einst. Ich kann mir noch Zeiten denken, da schlugen die Büsche und Bäume hoch über einem zusammen und man war ganz ins Grüne hineingetaucht. Bis sich dann auf einmal die Wölbung auftat und das Neckartal vor einem lag und alles in Licht und Sonne und Farbe und Duft schwamm, die Stadt, die liebe, alte Stadt mit ihren Türmen und Giebeln und Gassen und der Neckar und die jenseitigen Höhen. Wenn dann eine Uhr zu schlagen anhub und eine nach der andern folgte, die auf dem neuen Rathaus, und die auf dem alten Rathaus, auf der beim Zwölfuhrschlag der Adler mit den Flügeln schlug, und auf der Stadtkirche und dem Schelztor und dem Pliensautor, und die hellen und dunkleren Töne da oben in der Luft verzitterten. Und wenn dann noch die Vesperglöckchen nacheinander läuteten, das helle, flinke auf der Burg drüben zuerst und man wußte: in fünf Minuten kannst du drunten sein, da, wo der Giebel des Vaterhauses hart an die alte Stadtmauer anstößt.

Ich kann doch nicht verlangen, daß alles noch gleich sei, wie damals. Das alte Schützenhäuschen kann ich nicht mehr finden, das dem Weinbergschützen zum Unterstand diente. Und in die Weinberge hinein, die sonst dort hinanstiegen, haben sie eine Villenstraße gebaut. Sie haben recht, es ist da schön zu wohnen. Und der grüne Weg ist viel breiter, als früher und hat schöne Anlagen mit Sitzbänken. Ich kann es nicht anders verlangen, aber ich bin doch lieber weitergegangen. Es wohnt jeder einmal im Paradiese, und es muß jeder einmal hinaus und den Acker bauen, der Dornen und Disteln trägt. So lang man drin ist, weiß man’s nicht, und wenn man davon weiß, dann ist man – drin gewesen. Und man sucht den Ort, aber er ist nicht mehr. Dann muß man still sein und sich in sich selbst bergen, denn da allein ist er noch zu finden. Da grünen noch die alten Bäume und reifen die Früchte, die später nirgends mehr so frisch und süß zu finden sind, da wandeln die Gestalten, die längst dahin sind, da ist alles unverloren aufgehoben und es liegt noch ein Goldglanz darüber, das ist der Edelrost, den die Jahre dazu tun.

Der Weinberg, in dem der Mattheiß einst seine Reben beschnitt, ist auch nicht mehr. Zwar, als ich vorüberging, wehte der süße Duft der Rebenblüte fein und stark aus dem Garten, der an seiner Stelle liegt, zu mir herüber. Aber es ist nur ein Wandelgang, mit Wein bewachsen, der den Garten oben abschließt, und zwischen den Lücken schimmern dunkle Blumenbeete und die weißen Wände eines neuen Hauses gegen die Straße herauf.

So muß ich versuchen, die Erinnerung, die mit dem Duft der blühenden Reben und dem grünen Weg und dem Mattheiß zusammenhängt, aus mir herauszuholen und sie noch einmal ans Tageslicht zu bringen, ehe sie der Vergessenheit anheimfällt, wie alles, was seine Zeit auf Erden gehabt hat.

Zwar der Anfang liegt mir nicht offen; es ist ein lichter Nebel darüber gebreitet, wie über einen Maimorgen. Man sieht nur die Umrisse, die nach und nach schärfer und bestimmter werden, während der Nebel sich lichtet, bis auf einmal Häuser und Bäume dastehen und ein Fluß aufglitzert und Gestalten, die man kennt, dazwischen hingehen.

Ein Morgen dämmert mir zuerst herauf, wenn ich an den Mattheiß denke. Er war im Weinberg, draußen vor der Stadt. Wie ich aber dahin gekommen bin, weiß ich nicht mehr zu sagen. Es war sonnig und doch kühl dabei und ich weiß noch, daß in dem leuchtenden Blau des Himmels große, zusammengeballte, weiße Wolken hingen, die langsam fortsegelten und daß ich zu dem Mattheiß sagte, ich möchte auf so einer Wolke in den Himmel hineinschwimmen. Der Mattheiß sah mich an und schüttelte mit dem Kopf, denn er konnte nicht begreifen, daß man sich so etwas wünschen mochte. Er war groß, grobknochig und hager und kam, wie der Volksmund sagt, »oben herein«, das heißt, er trug den Kopf und die Schultern stark vornübergebeugt. Das kam wohl davon, daß er viele Jahre seines Lebens die schweren Butten voll Erde den steilen Weinbergshang hinaufgetragen hat. Aus seinem schwarzbebarteten Gesicht heraus aber sahen ein paar gute, blaue Augen in die Welt hinein und auf mich nieder, als er sagte: »Auf was für Gedanken kommst du aber auch. Auf einer Wolke! tätest ja herunterfallen. In den Himmel kommst du auch so noch, heißt das, wenn du brav bist.«

Aber so tief wollte ich die Sache nicht genommen wissen. Mir war nur beim Anblick der leuchtenden Segler da oben die Sehnsucht aufgestiegen, die auch schon in einem Kinderherzen Platz hat, und die die Arme breiten möchte in lichte, unbekannte Fernen voll Glanz und Herrlichkeit. Nun kam ich wieder auf die Erde herunter.

Der Mattheiß hantierte schon wieder mit seiner Schere an den Reben herum. Ich war seither auf einem Weinbergsmäuerchen gesessen, jetzt kam ich heran und sah ihm zu. Die Schere klappte eintönig weiter, und wo sie zugriff, da fielen saftstrotzende Triebe auf die Erde und hingen schwere, klare Tropfen an den Wunden der Reben. Die lösten einander ab und klatschten auf dem Boden auf und der Boden trank sie in sich hinein.

»Mattheiß, warum tust du so?« wollte ich wissen. »Warum läuft das Wasser da heraus und warum schneidest du alles das Holz weg?« Und der Mattheiß gab mir Auskunft wie ein Schulmeister und auch wie ein Philosoph und ich meine, damals habe mein Kinderherz zum erstenmal gespürt, wenn auch unklar, daß es auf der Welt Wunden und Schmerzen und Tränen gebe, die sein müssen und die man einem nicht ersparen könne. Ich hielt mein Halstüchlein an eine solche tropfende Wunde, denn der Mattheiß hatte mir gesagt, daß das geweint sei, was die Reben jetzt tun, und ich meinte, ich müsse den funkelnden Regen aufhalten. Aber das Wasser drang hindurch und ich mußte mein Tüchlein in die Sonne breiten zum Trocknen und so lang es trocknete, ersah ich mir eine Freude, die das flüchtige Leid schnell vergessen ließ. Am unteren Ende des steilen Hanges stand ein Syringenbaum in voller Blüte, und ich brach von dem niedrigsten Ast ein paar prächtige lila Blütendolden und begann eines jener zerbrechlichen Kränzlein zu flechten, die man hie und da mit Rührung und Staunen noch nach Jahren in seinen alten Schulbüchern getrocknet findet, die aber an der Sonne so schnell vergehen, wie die Stunde, in der sie geschaffen wurden.

* * * * *

Mattheiß war ein alter Metzgerknecht, der neben dem Beruf her seines Herrn Weinberg bearbeitete. Den Herrn sah ich auch ein paarmal. Er war klein und dick und kurzatmig und hatte rote, entzündete Äuglein, die wie zwei schmale Schlitze in dem runden, rötlichen Gesicht standen. Als ich eines Tags bei meinem Freund auf der Weinbergsmauer saß und mit ihm sein Vesper teilte, Blutwurst und Schwarzbrot, und wir im allervergnüglichsten Gespräch waren, da kam der Herr an einem Stock mit kurzen, eiligen Schrittlein dahergesteckelt und schnaubte gefährlich, als es aufwärts ging, und sah mich mit seinen kleinen Äuglein verwundert an. Er war gar kein böser Mann, nicht im mindesten, aber es war mir unbehaglich, daß er nun so umhersuchte und die Traubenstöcke besah, die schön angesetzt hatten und daß er meinen Freund Mattheiß dies und jenes zu tun anwies, und daß er mich schließlich in einen meiner bloßen Arme kniff und – he – he – he hervorhustete, indem er mit Wetzstahl und Messer, die er unter der Schürze hängen hatte, eine üble Musik vollbrachte: »die sind gut fett, die.«

Das alles schien mir eine Einmischung in unser stilles, schönes Weinbergsleben zu sein und besonders in meines Freundes Königreich. Denn ich hatte ihm den Weinberg schon lange zugeteilt als seinen Ort, an dem er regiere und walte und daheim sei, und an den ich zu ihm kommen konnte als in sein Eigentum.