Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers
Part 9
Wann wird doch dieses herrliche, von der Natur in jeder Hinsicht so sehr begünstigte Land aufhören, durch die niedrigen Leidenschaften seiner erbärmlichen Bewohner, durch die Schwäche und Hinterlist seiner Machthaber in immer tiefere Degradation zu sinken? Wahrscheinlich nicht eher, als bis die Sterne und Streifen über dem ganzen Isthmus wehen, und zum Heile der Civilisation muß man wünschen, daß dies recht bald geschehen möge.
=Quien sabe!= -- wie die Leute hier zu Lande immer zu sagen pflegen.
Wenig bleibt mir noch hinzuzufügen. Betrachtet man diese letzte Revolution im Ganzen, so ist es allerdings in keiner Weise zu rechtfertigen, den Präsidenten so ohne Weiteres bei Nacht und Nebel über die Grenze zu werfen, so wenig befähigt dieser sich auch für seine Amtsführung zeigen, oder dieselben mißbrauchen mochte; andrerseits dient aber auch das Benehmen eben dieser Schützer der Gesetze den ewigen Revolutionen, wenn auch nicht zur Rechtfertigung, so doch zu einiger Entschuldigung. Ich kenne bis jetzt wenigstens noch kein Volk, das weniger befähigt ist sich selbst zu regieren, und eine Art von russischem Gouvernement würde ihm eine wahre Wohlthat sein.
Die Geschichte bietet Beispiele, wie durch lang anhaltende Tyrannei civilisirte Nationen gänzlich demoralisirt worden sind; dies Volk aber ist ein Beispiel des umgekehrten Falls, der Demoralisation durch Unabhängigkeit, denn von da an datirt sich dieselbe, wenn schon die Ursachen vielleicht noch viel weiter zurückliegen mögen.
Von mir habe ich nur noch zu sagen, daß die Folgen des Fiebers allgemach schwinden und ich dessen quitt zu sein hoffe. Es drängt und treibt mich wieder hinauszukommen, an die Fortsetzung meiner Studien und Arbeiten. Zunächst nach der Küste des Pacific, um mich durch die Seeluft zu stärken, dann nach dem Dorfe Felica, etwa 7 Meilen von hier, wo ich kurz vor der Erkrankung einen altindischen Begräbnißplatz und beim Nachgraben mehre höchst interessante Alterthümer aufstöberte, die ehemöglichst ausgebeutet werden müssen. -- -- --
IX.
Neue Erkrankung. -- Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte. -- Reiseanstalten. -- Aufbruch von Leon. -- Nachtlager. -- Räubergerüchte. -- Nächtlicher Ueberfall. -- Eintritt ins Gebirge. -- Trockenheit. -- Zuckererbauung. -- Aztekische Sage. -- Beschwerlicher Marsch. -- Heimathliche Erinnerung.
Leon, Ende Mai 1852.
Die in meinem letzten Briefe ausgesprochene Hoffnung, durch ein mehrwöchentliches hitziges Fieber den Tribut der Acclimatisation vollständig entrichtet zu haben, sollte leider nicht in Erfüllung gehen und das schlimmste Ende noch nachkommen. Das allzukühne Vertrauen auf meine Jugendkraft und feste Constitution, die Nichtbeachtung gutgemeinter Warnungen, in Bezug auf die schädlichen Wirkungen des Klimas, habe ich, wie Euch mein Brief vom Ende Januar d. J. gezeigt haben wird[2], durch einen sehr bösen Rückfall, der mich nahe an den Rand des Grabes brachte, und mehre Monate an's Krankenlager fesselte, gebüßt. Gottes väterlicher Schutz und die liebevolle Pflege wackerer Menschen haben mich aber die herbe Leidensperiode glücklich überstehen lassen und mich dem Leben, der Gesundheit, der Thätigkeit zurückgegeben.
[2]: Dieser, so wie einige andere Briefe, waren jedoch nicht an ihre Bestimmung gelangt.
Laßt mich die traurige Zeit der Krankheit und langsamen Reconvalescens mit Stillschweigen, und sofort zum letzten und angenehmsten Theile meiner Fahrten und Erlebnisse in der Tropenwelt Central-Amerikas übergehen, nämlich zu meiner:
_Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte von Nicaragua und Honduras._
Während meiner Krankheit hatte ich endlich bestimmte Nachricht von Mr. Squier erhalten, daß er sein Unternehmen hierher aus wichtigen Gründen leider aufgeben müsse, wenigstens vor der Hand, und somit die eigentliche Absicht meines hiesigen Aufenthalts vereitelt sei. Theils um denselben nun doch wenigstens zu möglichst reicher Ausbeute für mein Malerportefeuille und mein Tagebuch zu benutzen, theils aber auch, um die vom Fieber hinterlassene Schwäche vollends aus meinen Gebeinen zu verjagen, beschloß ich, die noch übrige Dauer der heißen Jahreszeit in dem gesunden Gebirgsklima zu verbringen, womit mein freundlicher Arzt und ärztlicher Freund, =Dr.= Livingston, vollkommen einverstanden war.
Für eine Reise durch jene noch sehr wenig bevölkerten Gegenden ist es nöthig, sich gleich anfangs mit einem Paar kräftiger Segovier Maulthieren zu versehen, für sich und seinen Diener, da die aus der Plaine nicht zu so beschwerlicher Gebirgskletterei geeignet sind; dabei möglichst wenig Gepäck und einigen Proviant, denn in diesen Gegenden ist der Reisende meist auf sich selbst verwiesen; Gasthöfe kennt man daselbst nicht einmal dem Namen nach. Auf der andern Seite herrscht freilich eine fast unbegrenzte Gastfreundschaft; ein bloßer Empfehlungsbrief sichert einem fast überall die freundlichste Aufnahme und man kann bleiben, so lange man nur immer Lust hat; allein unterwegs ist es oft unmöglich bewohnte Orte zu erreichen, man bleibt, wo man Wasser und Futter für die Thiere findet, den Hammock zwischen zwei Bäumen aufgehangen, wenn nämlich solche da sind, die nackte Erde, auf welcher, der blaue Himmel das Dach, unter welchem man schläft. Ein wenig an der Sonne gedörrtes Fleisch, etwas Totoposke (doppelt gebackene Maiskuchen) bilden Frühstück, Mittag- und Abendessen und ein kleiner blecherner Feldkessel, den man mit sich führt, dient um Kaffee zu kochen, bei welchem die Sahne natürlich meist der Phantasie überlassen bleibt. Die Thiere werden »gehobbelt«, d. h. die Vorderfüße zusammengebunden, und lassen sich während der Nacht die Weide schmecken, wenn nämlich welche da ist.
Gerade zur Zeit, als ich meine Reise antreten wollte, waren Maulthiere beinahe gar nicht zu bekommen und ich gerieth dadurch in einige Verlegenheit, bis ich an das »Maison« gewiesen wurde, dort Abhülfe derselben zu finden. Das Maison ist nämlich ein großes, den orientalischen Caravanserais ähnliches Gebäude, bestehend aus Höfen und Säulengängen, wo jeder ankommende Maulthiertransport seine Ladung deponirt, die Zölle entrichtet und dort gleich verkauft oder einzeln an ihre Bestimmung abliefert. -- Dort miethete ich nun von einem Caravanos aus St. Rafael (nahe Matagalpa) ein großes starkes Segovier Pferd (groß im Vergleich mit der kleinen Race des Landes) und ein dito Maulthier für das Gepäck, denn mein eigenes Pferd und Maulthier waren durch Futtermangel während und nach der Revolution zu wahren Skeletten herabgekommen und bedurften erst der längeren Ruhe im Protero (Weideplatz), um sich wieder zu kräftigen.
Am 3. März gegen Abend, als eben die Glocken zur Oration geläutet, kletterte ich, wegen meiner Schwäche nicht ohne Schwierigkeit, in den Sattel, und unsere ganze Streitmacht, aus 7 Mann und 13 Maulthieren bestehend, setzte sich in Bewegung. Die Cavallerie bestand, außer mir selbst, aus Don Eusebio, dem Eigenthümer der Maulthiere wie der Ladung, und Don Cesario, seinem =Major domo=; die Infanterie aber aus zwei Mozos (Dienern), Basilio und Apolinario, und zwei Jungen von 12-15 Jahren, Innocente und Candelario, zu deutsch: _Leuchter_ -- und so »mit Licht und Unschuld im Geleite -- zog frohen Muthes ich ins Weite.« Jeder war auf seine Weise so gut wie möglich bewaffnet, denn man sprach viel von einer, aus Ausreißern beider Revolutionsarmeen gebildeten Spitzbubenbande in der Gegend des Monte-Rota, die einige Reisende angehalten und sogar mehre Haciendas ausgeraubt hatte. Ich führte die deutsche Spitzkugelbüchse und die amerikanischen Revolvers, die Dons Pistolen, sämmtliche Cavallerie aber unendlich lange Toledo-Schwerter; die Infanterie hatte ihre Machetas (lange Messer), Basilio und Apolinario aber Bogen und einige Dutzend Pfeile. Don Eusebio und ich bildeten die Avantgarde, dann folgte das Gros der Armee sammt Bagage und als Nachhut Don Cesario, dem dieser Posten zugleich die große Annehmlichkeit gewährte, den ganzen Tag inmitten einer großen Staubwolke zu reiten.
So ging denn der Zug vorwärts in stiller, klarer Mondnacht, lieblich und wollüstig wie nur eine tropische Nacht sein kann. Wir befanden uns zwar noch mitten in der heißen Jahreszeit, seit November hatte kein Wölkchen den tiefblauen Azur des Himmels getrübt; allein obschon die Tage glühend heiß waren, so schien doch in der Nacht die ganze Natur, von einem kühlen Südost erfrischt, der nur leise in den Blättern der majestätischen Palmen spielte, neues Leben zu athmen. Die große Ebene von Leon erstreckt sich auf der einen Seite hinaus bis an den Pacific (stillen Ocean), auf der andern bis zum See von Managua, und wird im Norden von der prachtvollen Kette von Vulkanen begrenzt, als deren Endpfeiler der Viejo und der ehrwürdige, über 6000 Fuß hohe Monotombo sich in überaus zarten, grauen Tinten vom Horizonte absetzen. Feierliche Ruhe schien über die ganze Natur verbreitet, nur hier und da unterbrochen vom Hufschlage eines Maulthieres oder der kurzen, melancholischen Melodie einer spanischen Romanze. Wäre ich Dichter, so hätte ich hier die passendste Gelegenheit zu poetischen Ergüssen gehabt.
Wir blieben jedoch nicht lange in Marsch; schon nachdem wir etwa 2 Leguas zurückgelegt, wurde Halt gemacht, die Thiere abgeladen und gehobbelt, Feuer angezündet, die Hammocks an einzelne Bäume aufgehangen und bald schlief Jeder, in seinen Poncho gewickelt, sanft und süß, während einer der Mozos über Menschen und Vieh Wache hielt; letzteres delectirte sich an dem dürren, schlechten Grase, als ob es das süßeste Heu wäre. Meine Ruhe ward leider sehr unangenehm von den Garralatos, zu deutsch Holzböcken, gestört, ein höchst lästiges Insect, mit dem man während der heißen Jahreszeit ganz bedeckt ist, sobald man durch ein Gebüsch geht oder reitet, und dessen Biß wie Feuer brennt. Zuletzt schlief ich aber denn doch recht tapfer bis zum nächsten Morgen, wo bei guter Zeit das Frühstück genossen, die Maulthiere beladen, was stets mit größter Sorgfalt geschieht, damit die Thiere nicht aufgerieben oder gedrückt werden, und dann der Marsch wieder angetreten ward.
Ziemlich früh kamen wir an einem kleinen Vulkan vorüber, der sich erst vor ungefähr zwei Jahren gebildet hat und sich noch immer fleißig in Eruptionen übt; der Patron soll überaus reizbaren Temperaments sein, denn wenn ein Stein in den Krater geworfen, heftig auf den Boden gestampft, ja nur besonders laut gesprochen wird, soll er seinen Verdruß alsogleich durch höchst unmanierliche Expectorationen kundgeben, weshalb wir auch in mäuschenstiller Ehrerbietung an ihm vorbeizogen. Mr. Squier giebt in seinem neuesten Werke über Nicaragua eine genaue Beschreibung davon.
Gegen Mittag überschritten wir die Vulkankette am Monte-Rota und stiegen dann nach kurzer Rast, um die Thiere zu tränken, in die nördlich von den Vulkanen gelegene Thalebene hinab, wo wir die Nacht auf einer kleinen Waldwiese, das Caimito genannt, zubrachten. Diese zweite Ebene erstreckt sich vom nordwestlichen Ende des Sees von Managua gegen den Golf von Fonseca hin. Es ist dies einer der fünf Punkte, welche schon der große Humboldt als geeignet für eine künstliche Verbindung zwischen den beiden Oceanen bezeichnete. Capitain Sir Edward Belcher, =H. B. M. N.=, welcher diesen Theil des Landes vom Golf von Fonseca aus untersuchte, bezeichnet diese Ebene sogar als den vielleicht einzigen Punkt, wo ein Kanal, brauchbar für Schiffe erster Größe, angelegt werden kann. Auch Squier spricht in seinem Werke eine ähnliche Meinung aus; da ich aber auf meinem Rückwege Gelegenheit hatte, noch einen andern, größeren Theil dieser Ebene zu untersuchen, so werde ich mir später erlauben, meine Bemerkungen über diesen Gegenstand mitzutheilen.
Die beiden nächsten Tage verfolgten wir eine mehr östliche Richtung, in nicht allzu großer Entfernung vom See von Managua. Die flache, meist bewaldete und nur hier und da ein Stück Wiesen- oder Ackerland zeigende Ebene glich im Charakter ziemlich den Flächen im südlichen Frankreich, und sah in seinem ganzen Habitus, Häusern, der Art und Weise zu leben und zu reisen, so zu sagen mittelalterlich aus. Wenn da oder dort der Klang einer Holzaxt durch den Wald schallte, meinte ich immer, Moliere's Scagnarelle erscheinen zu sehen, und ein Paar Reiter glichen bald Don Juan und Leporello auf der Flucht vor den Dienern der heiligen Hermandad, bald wieder Don Quixote mit seinem getreuen Sancho Pansa, auf Abenteuer ausziehend. -- Jeder Reisende hier zu Lande hat übrigens, wie ich schon früher bemerkte, etwas mit dem berühmten Ritter von der traurigen Gestalt gemein, theils des imposanten Kriegsapparates halber, den man hier mit sich schleppen muß, theils der mehr als spanischen Diät wegen, zu der man hier gezwungen ist. Hier erst ging mir ein Licht auf, wie wahr und getreu der gefräßige Charakter jener Bedienten der alten Komödien aufgefaßt ist, denn man lugt selbst begierig aus, wo man etwas Leidliches zu schnappen bekommt. Uebrigens ist der Haupterwerbszweig durch diese Ebene die Rindviehzucht.
Gegen Abend des dritten Tages näherten wir uns endlich dem Hochgebirge, das rauh genug aussah und strapazenreiche Märsche versprach. Die Berichte über Spitzbuben mehrten sich hier in bedenklicher Weise; erst zwei Tage vorher hatten dieselben eine Hacienda geplündert und ein reisender Leoneser war seines Pferdes, Gepäckes, selbst seiner Kleider bis auf die Unter-inexpressibles beraubt worden, und noch dazu von seinem eigenen, leiblichen Bruder, der sich im Lande aufhielt. Süße, heilige Bande der Natur! -- Ich hatte ordentliche Sehnsucht, mit solch' lieben Burschen eine handgreifliche Bekanntschaft zu machen. -- Don Eusebio wurde nachdenklich und hatte allerdings Ursache dazu, denn nicht nur, daß Maulthiere und Ladung, so wie der Erlös aus seiner Reise nach Leon einen beträchtlichen Theil seines Vermögens ausmachten, sondern er hatte auch eine ziemliche Geldsumme für einen der Bergwerksbesitzer in Matagalpa unter seine Verantwortung genommen. Meine Befürchtungen waren in dieser Beziehung nicht so bedeutend, dem alten Sprichworte gemäß: »Wo nichts ist u. s. w.« Indeß hielten wir doch für gut, unsere bisherige Marschordnung etwas mehr zu concentriren, um nöthigenfalls einander schnellen Beistand zu leisten.
Zur Nacht campirten wir dicht am Fuße des Gebirges auf einer Savannah mit einigen zerstreuten Bäumen und einer kleinen Waldspitze, welche in die Wiese auslief. Ein scharfer Nordost blies von den Bergen herab, und um mich ein wenig dagegen zu schützen, baute ich mir aus drei Packsätteln und einer Pferdedecke eine Art von Zelt. Die gewöhnliche Wache ward ausgestellt, und wir Uebrigen legten uns im schönen klaren Mondlichte zum Schlafen nieder. Es mochte etwa gegen 2 Uhr Morgens sein, als mich Don Eusebio plötzlich weckte, mit ganz verstörtem Aussehen rief: »=Sennor, Sennor, los ladrones vienen!=« und fast zu gleicher Zeit plafften einige Flintenschüsse von oberwähnter kleinen Waldspitze herüber. -- Sie mögen in Gottes Namen kommen! dachte ich und blieb still liegen, wo ich war, denn die Sättel bildeten eine ganz hübsche Art von Brustwehr, sah aber doch für den Nothfall nach meinen Revolvers und machte die Büchse schußfertig. Die Mozos liefen hin und her, um die Thiere zusammenzutreiben, und ließen ihre Machetas gar fürchterlich im Mondlichte blitzen, wozu sie schrieen wie vom bösen Geiste besessen. Die Dons Eusebio und Cesario schossen ihre Pistolen gegen das Gehölz ab, was mit einigen Flintenschüssen erwiedert ward. Wenn die Spitzbuben wirklich die Absicht hatten, uns Eins auszuwischen, so müssen es mordschlechte Schützen gewesen sein, denn ich kann versichern, auch nicht eine einzige Kugel pfeifen gehört zu haben.
Während dieser Scene der Verwirrung sah ich deutlich eine weiße Jacke nebst dazu gehörigen Modesten gleich einer Schlange auf dem Bauche nach jener Stelle hinkriechen, wo mein Pferd graste, augenscheinlich in der Absicht, dasselbe zu stehlen. Da ich nun durchaus nicht gewillt war, die beschwerliche Reise zu Fuß fortzusetzen, auch der Mond noch hell genug schien, um Korn und Visir zu erkennen, so ließ ich eine meiner Spitzpillen hinübersausen. Sobald der Schuß knallte, sprang die weiße Jacke wie electrisirt in die Höhe und die Modesten tanzten mit bewundernswürdiger Gelenkigkeit und Eile nach der Waldspitze zurück. Mit Gewißheit kann ich allerdings nicht behaupten, den Eigenthümer dieser Kleidungsstücke verwundet zu haben, wenn aber, so muß es unzweifelhaft an derselben Stelle gewesen sein, wo Cooper's Natty Bumpo seinem verhaßten Gegner, dem Zimmermann Hiram, eine Kugel applicirte, denn ich bemerkte, wie der eine Aermel der Jacke während des Schnelllaufes höchst verdächtige Bewegungen nach einer gewissen, nicht wohl anständig zu bezeichnenden Gegend besagter Modesten machte. Hiermit endete die Scene und Alles ward wieder ruhig, wie vorher, nur daß Jeder noch für einige Zeit seinen bewiesenen Heldenmuth bedeutend pries. Dies war der einzige Schuß, den ich je in Central-Amerika zu meiner Vertheidigung abgefeuert; vielleicht wäre er nicht einmal nöthig gewesen: allein man hatte bisher so viel Lärmen und Aufhebens von solchen Räubergeschichten gemacht, daß man mir vergeben wird, wenn ich vielleicht zu voreilig meinen kleinen Beitrag zu denselben lieferte.
Jetzt endlich traten wir in das Gebirge ein, durch ein Thal, rechts und links von bewaldeten Bergen eingeschlossen, die sich allmälig zu beträchtlicher Höhe erheben und deren Gipfel eine Art Tafelland, mit Savannahs, steinigtem Terrain und einigen armseligen Bäumen bedeckt, bildet. Durch das Thal herab fließt ein ziemlich breiter Fluß, der sich in den See von Managua ergießt, jetzt aber freilich nur einige Wasserlachen enthielt, an deren Rändern die wunderschönen alten Bäume ihr frisches Grün behalten hatten, ein Herz und Augen erlabender Anblick in dieser Jahreszeit, wo die ganze Natur bis ins innerste Mark verbrannt aussieht, und die großen Besen gleichenden Bäume ihre nackten, blätterlosen Arme wie hülfeflehend gen Himmel emporstrecken. Die Flüsse, welche wir bisher passirt, und wo an manchen Stellen während der Regenzeit schon Menschen und Thiere ertranken, waren jetzt so trocken, daß wir tiefe Löcher in den Sand graben mußten, um nur etwas schmutziges Wasser für die Thiere zu erlangen.
Ungefähr 9 bis 10 Miles wand sich der Weg in der Schlucht fort, bis zu dem Dörfchen Hykaral, und dann begann ein mühseliges Bergsteigen über einen heißen, mit Felsbrocken bestreuten Boden, den nur eben ein Segovia-Maulthier passiren kann, ohne die Beine zu brechen. Rechts und links sendeten nackte weiße Sandsteinfelsen die Strahlen der tropischen Sonne mit verdoppelter Stärke zurück und mein Reisethermometer zeigte ziemlich 110° Fahrenheit im Schatten, =nota bene= wo etwa Schatten war. Von jetzt an war die Reise nichts mehr als ein beständiges Auf- und Niederklettern, bei Gelegenheit eine kleine Strecke im Thale bleibend oder für einige Miles auf hohem Tafellande, bedeckt mit Wiesen und einigen Hykarobäumen, aus deren kürbisartigen Früchten man hier Trinkgefäße macht. Elend aussehende kleine Rohrhütten, in die man von allen Richtungen hinein- und auf der andern Seite wieder hinausschauen kann, waren die einzigen Zeichen, daß hier noch Menschen wohnten. Die Nächte wurden allmälig kühler und jeden Morgen gegen 2, 3 Uhr stellte sich ein dichter Nebel und starker Thau ein, der, indem er meine Kleider bis auf die Haut durchnäßte, sehr lästig fiel, denn in diesen Klimaten wird die Haut sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit und Kälte.
In den Thälern und in der Nähe fließenden Wassers wurde viel Zuckerrohr gebaut, doch meist nur in kleinen Abtheilungen von einzelnen Indianerfamilien; die oben erwähnten Hochebenen dagegen werden großentheils für Rindviehzucht benutzt, doch ist das Vieh hier klein und nur von geringer Qualität. Da gerade die Zeit der Zuckerernte war, so brodelte in allen Kesseln über starkem Feuer der Zuckersaft, und so oft wir eine Pflanzung passirten und Appetit verspürten, bekamen wir zum Geschenk ein Bündel köstlichen Zuckerrohres, bei dessen Verspeisung wir so ziemlich einer Bande ambulanter Flötenspieler glichen, und durch welche Nahrung man nach einiger Zeit so fett wird, wie ein Bär im Herbste.
Eine erwähnenswerthe Unterbrechung der Einförmigkeit meiner Reise war bei dem Dorfe Guaximala, seitwärts am Wege, eine große Höhle, an deren Eingang einige Felsen mit Sculpturen bedeckt waren, im Charakter den alten Bildwerken an den beiden Seen von Nicaragua und ihren nächsten Umgebungen gleichend. Eine kleine indische Legende knüpft sich an diese Höhle, nach welcher eine aztekische Prinzessin, von den Spaniern verfolgt, sich in dieselbe flüchtete und durch einen dichten giftigen Nebel, den sie erscheinen ließ, die Verfolger am weiteren Vordringen hinderte. Hier soll sie noch weilen, umgeben von fremden, geheimnißvollen Wesen, jeden Neumond oben auf dem Gipfel des Berges erscheinend, um zu sehen, ob nicht ein Adler einen Geier bekämpft und tödtet, denn geschieht dies, so ist der Augenblick der Befreiung des Landes gekommen; die weißen Fremdlinge werden ausgerottet und der alte indische Fürstenstamm wird wieder in erneuter Glorie das Land beherrschen. -- Der neueste Lauf der Begebenheiten wird, wie mir scheint, diesen Augenblick noch bedeutend hinausschieben, denn die rothhemdigen, tabackkauenden Männer des Nordens, welche sich neuerdings im Lande niedergelassen haben, scheinen mir eine schwer auszurottende Race. --
Ich hätte sehr gewünscht, diese geheimnißvolle Höhle näher zu untersuchen, von deren großer Ausdehnung, zahlreichen labyrinthischen Gemächern mit Sculpturen und theilweiser Vergoldung die Leute viel zu erzählen wußten; aber nicht eine bedeutende Summe hätte einen Indianer vermocht, mir als Führer zu dienen, und allein das Unternehmen zu wagen, nahm ich denn doch Anstand, denn in dieser Art von Höhlen entwickeln sich häufig Schwefelwasserstoffgase, und schwach, wie ich noch war, war mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, dem Unternehmen zu erliegen; da ich zudem in diesen Theil des Landes zurückzukehren dachte, so verschob ich die Untersuchung dieses interessanten Monuments für später, leider, wie ich jetzt sehe, vielleicht für immer.
Am achten Tage meiner Reise stiegen wir in ein Thal hinab, so steil und so tief, daß es wirklich schien, als solle es direct bis ins Centrum der Erde gehen; unten erreichten wir endlich ein niedliches Dörfchen, »la Concordia«, inmitten zahlreicher Zuckerrohrfelder und Gruppen schöner alter Bäume, am Ufer eines kleinen Bergflusses gelegen, der rasch und lustig über Felsen und Gestein dahin hüpfte. Um so theuerer mußte ich aber den lieblichen Anblick durch das Erklettern des jenseitigen, noch viel steilern Bergpfades erkaufen, noch erschwert durch den Umstand, daß ich Basilio, der am Tage vorher von einem Maulthiere geschlagen worden war und gar nicht gehen konnte, mein Pferd geliehen hatte, und so, theilweise auf Don Eusebio's Thier, theilweise aber auch zu Fuß, in meinen schweren Reitstiefeln den Weg zurücklegen mußte. Ein bitter Stück Arbeit!
Gegen Abend indeß erreichten wir den nördlichen Saum eines Tafellandes und befanden uns plötzlich im Angesichte von St. Rafael, dem Orte unserer Bestimmung.