Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Part 8

Chapter 83,554 wordsPublic domain

So widerlich und betrübend für den Menschenfreund auch das seit meinem letzten Berichte hier zu Ende geführte Drama ist, kann ich mich doch nicht enthalten Euch das schmachvolle Ende dieses neuesten zahmen Revolutionskampfes von Nicaragua zu schildern. Ich will eine möglichst ausführliche und getreue Darstellung der letzten Ereignisse versuchen, einmal, weil, soviel ich weiß, keine der bisherigen Correspondenzen in amerikanischen Blättern frei von Irrthümern war, was seinen natürlichen Grund darin hat, daß keine dieser Correspondenzen von Leon aus erfolgte, wo die Haupttragödie -- oder Comödie, wie man es nehmen will -- gespielt hat und hier zu Lande, wie anderwärts, jede Meile ein wenig an der Nachricht verändert, so daß eine Mosquitofliege, welche in den Straßen von Leon ausfliegt, schon in Granada als ein zweiköpfiger Drache anlangt und bis St. Juan zu einem Monstrum mit hundert Köpfen und tausend Armen anschwillt.

Nebstdem vermag aber auch nichts einen deutlicheren Begriff der hiesigen unglückseligen Landesverhältnisse zu geben, als eine schlichte Darstellung solcher Ereignisse, die sich schon so oft in gleicher Weise wiederholt haben und noch wiederholen werden, mit dem einzigen Unterschiede, daß dann immer andere Hauptacteurs figuriren; die Hauptsache bleibt aber dieselbe.

Meine letzte (dritte) Reise von hier nach Granada und zurück, um einen meiner Creditbriefe in klingende Münze zu verwandeln, so wie eine zufällige Unterhaltung mit dem eben zurückgekehrten Präsidenten Pineta, der mir aber zu jener Zeit noch unbekannt war, in Massaga, erlauben mir die genaueste Auskunft über das zu geben, was sich auf Seite der Granadiner zutrug. In Betreff der Leoneser Partei setzen mich die detaillirsten Mittheilungen eines, zur Zeit hier noch residirenden, höchst achtbaren Amerikaners, dessen verantwortliche Stellung mir jedoch die Nennung seines Namens verbietet, der aber von allen Vorfällen auf das Genaueste unterrichtet ist, in den Stand auch dasjenige zu berichten was sich zutrug, als ein hitziges Fieber mich ans Bett fesselte und somit verhinderte, Augenzeuge der Vorfälle zwischen dem General Lopez von Honduras und dem Leoneser General Munoz zu werden. Endlich aber überzeugten mich mehre Unterhaltungen mit dem Minister Chicodilla, welcher fast täglich das Haus meines gütigen Wirthes und Pflegers, des =Dr.= Livingston besuchte, von der vollkommenen Richtigkeit aller jener Mittheilungen.

Ich übergehe meine letzte Hinreise nach Granada, die den früher schon beschriebenen gleich war, bis auf den Umstand, daß ich diesmal meinen Weg über Tamarinta-Bay nahm, welche ich jedoch nur in der Entfernung einer (engl.) Meile zu Gesicht bekam, da der Sumpfboden, in welchem mein armes Pferd bis an den Sattelgurt versank, mir nicht verstattete, näher hinan zu gelangen. Dieser Abstecher brachte mir nebenbei auch noch das Vergnügen einer schlaflosen und höchst qualvollen Nacht ein, in der ich von Mosquitos und Sandfliegen, -- das allerlästigste Insect von der Welt -- beinahe aufgefressen worden wäre.

Am Tage, oder richtiger am Abend, wo ich Granada wieder verließ, war die Stadt aus zweierlei Anlaß in lebhafter Aufregung. Zuerst war früh 9 Uhr die Nachricht eingetroffen, daß der vertriebene Präsident Pineta aus seiner Verbannung über Segovia und Tipitapa eintreffen werde, infolge dessen jedermänniglich und weibiglich sein Haus aufs Beste mit Fahnen, Teppichen und Blumen zu schmücken bemüht gewesen war. Diese Freude der Granadiner ward jedoch unangenehm durch den blinden Lärm gestört, Colonel Mac-Claen sei mit einer großen Anzahl Amerikaner in St. Juan del Sur den Leonesern zu Hülfe gekommen und rücke mit Heeresmacht heran, um Granada zu bedrohen. Daß diese letzte Nachricht völlig unwahr, wußte ich sehr wohl, denn noch bevor ich Leon verließ war besagter Colonel mit nicht mehr als 14 Mann amerikanische Freiwillige dort eingetroffen, welche Heeresmacht noch durch etliche Zuläufer bis zu einer sehr schwachen Compagnie angewachsen war, die Mac-Claen eben noch möglichst einzuexerziren sich abmühete.

Es hatte sich in Granada, Gott weiß aus welchem Grunde und auf welchem Wege, das Gerücht verbreitet, ich sei Träger einer bedeutenden Geldsumme für Munoz, welche seine Freunde in Granada ihm zusendeten. -- Du lieber Himmel! als ob ein armer reisender Maler überhaupt jemals Träger einer bedeutenden Geldsumme sein könnte? -- und als ich die Plaza passirte, ward ich vom Pfeifen und Schreien der Menge begleitet, während ein junger, ziemlich anständig gekleideter Mensch sogar unverschämt genug war, mich auf englisch zu insultiren und mich als Parteigänger Munoz bezeichnete, den man anhalten, das Pferd wegnehmen müsse und endlich gar das Wort Scoundrel (Schurke) gebrauchte. Wer ein gut Gewissen hat, braucht sich nicht schimpfen zu lassen, dachte ich, wendete augenblicklich mein Pferd und zog, auf den Laffen losgaloppirend, den Ladestock meiner Büchse, um ihm die verdiente Züchtigung angedeihen zu lassen; er flüchtete sich aber in ein Haus, durch dessen verschlossene Thür ich ihm freilich nicht folgen konnte, was mir für den Moment um so lieber war, als die späte Tagesstunde, so wie ein heraufziehendes schweres Gewitter mich zur Eile antrieb; treffe ich aber den Burschen jemals wieder, so dürfte unsere Begegnung zur Folge haben, daß ich mir einen neuen Ladestock anschaffen müßte.

Ich wünschte noch vor später Nacht Massaga zu erreichen und legte die 5 Leguas, durch den unaufhörlichen Regen bodenlos gewordenen Weges bis dahin so schnell wie möglich und mit all der Vorsicht zurück, die eine Vedette in Feindesland anwendet, denn nach den gemachten Erfahrungen mußte ich jeden Augenblick gewärtig sein, den Pfeil eines Meuchelmörders aus dem Dickicht schwirren zu hören. Nichts der Art trug sich indessen zu und gegen 10 Uhr Abends ritt ich in das Gehöft einer bekannten Familie ein, bei der ich schon zweimal übernachtet hatte.

Ich fand in diesem Hause, wo ich sonst nie einen Mann, außer dem Besitzer, getroffen hatte, eine Versammlung von zehn bis zwölf Männern vor, von denen einer, ein hochgewachsener helläugiger Mann mit blondem oder grauem Haare, -- wegen mangelhafter Beleuchtung konnte ich den Zweifel nicht lösen -- der gutmüthig in die Welt hinausblickte, el Sennor Directore genannt wurde. Ich war zu sehr mit dem Gedanken an meine Weiterreise mitten durch die, einander feindlich gegenüberstehenden Heere, so wie mit der Befriedigung meines Appetits beschäftigt, um der Unterhaltung dieser Gesellschaft absonderliche Aufmerksamkeit zu schenken; allein auf einige an mich gerichtete Fragen über Zweck und Endpunkt meiner Reise, so wie um meine Meinung über das Land, die Revolution und die Stimmung der Fremden, antwortete ich frank und frei, ohne mir ein Blättchen vor den Mund zu nehmen, so daß ich sicher war, verstanden zu werden. Zudem sorgte auch noch ein junger Mann, Namens Rivas, dafür, aus einer der angesehensten Familien Massagas, der geläufig englisch und französisch sprach und meinen Dollmetscher machte. Auf meine Aeußerungen der Entrüstung: daß in einem kleinen Lande wie Nicaragua, das man selbst auf der größten Specialkarte bequem mit der Hand bedecken könne und dennoch zwanzigmal mehr Flächenraum habe als zum Unterhalte seiner Bewohner nöthig, die Menschen nicht einmal in Ruhe und Frieden mit einander leben könnten, lachte jener blondgraue Herr recht aus vollem Herzen und schnitt dazu ein Gesicht wie mein Schimmel, wenn ich ihm die Schüssel voll süßen Mais vorhalte.

Ohne weitere Abenteuer langte ich andern Tages bei guter Zeit in Managua an, wo man mich nach meinem Paß vom Präfecten von Granada fragte und mich auf meine verneinende Antwort an den commandirenden General Don Fruto Chamorro verwies. Ich war vortrefflich mit doppelten Pässen versehen, einen vom Ministerium in Washington und einen zweiten von Sennor Don Marcoleta, spanischer Gesandter bei der Regierung der Vereinsstaaten und den Staaten von Central-Amerika, dachte mithin nicht im mindesten daran, umzukehren.

Nachdem ich mich und mein Roß erst mit einigem Imbiß gestärkt, ritt ich straks vor Don Fruto's Hauptquartier. Es wimmelte von Officieren, Ordonnanzen und Soldaten aller Waffen, wohl ihrer hundert, kurz einem Generalstabe, mit dem sich eine Armee von 50,000 Mann allenfalls hätte begnügen können. Das erste Beginnen dieser Helden war, mich zu entwaffnen, ja einer schnallte mir sogar die Sporen ab, während zwei Andere mein Pferd hielten. Ein Officier bezeigte sogar Lust, Hand an mein Toledoschwert zu legen, was ich jedoch fest entschlossen war nicht _auf_-, sondern dem dreisten Menschen eines damit _über_ den Kopf zu geben, als Don Fruto's Dazwischenkunft noch bei Zeiten alle weiteren Gewaltthätigkeiten verhinderte, bei denen meine Wenigkeit am Ende doch wohl den Kürzeren gezogen haben dürfte. Da ich aber nun einmal auf hohem Pferde saß, ließ ich ihm einige sehr scharfe Redensarten verschmecken, worauf er, wie ich nicht anders erwartet hatte, sein Visa ohne weiteres Zögern unter meine Pässe setzte.

Auf halbem Wege zur nächsten Station (Mitiares) begegnete mir ein Officier in großer Hast und Eile und von äußerst mürrischem Ansehen; im Dorfe selbst angelangt, welches der letzte befestigte Posten der Granadiner war, fand ich etwa 200 bis 250 Mann, ganz entkräftet, mit bei Seite geworfenen Waffen überall schlafend umherliegen, während von Zeit zu Zeit immer noch Andere vereinzelt und eben so erschöpft anlangten. Am Ausgange des Dorfes erfuhr ich die Ursache hiervon. In vergangener Nacht war ein vorgeschobenes Corps von 350 Mann im Dorfe Nagarote von den Leonesern plötzlich mit großem Ungestüm angegriffen und in die Flucht geschlagen worden. Genauere Details konnte ich zur Zeit nicht erfahren, außer daß ein Colonel Silaga -- auch Cachirullo genannt -- durch einen Lanzenstich getödtet worden sei, was mich aufrichtig betrübte, denn ich war schon bei meiner ersten Anwesenheit in Leon mit diesem Colonel persönlich bekannt und befreundet worden und hatte ihn als braven, gebildeten Officier und auch sonst um Vieles höher schätzen lernen, als einen großen Theil seiner Landsleute.

Bis Abends 7 Uhr begegnete ich noch Nachzüglern, theils einzeln, theils in kleinen Trupps, theils mit, theils ohne Waffen, theils auf der Heerstraße einherschwankend, theils aus dem Walde kommend, wohin sie sich in ihrem Schrecken geflüchtet hatten.

Tief in der Nacht und triefend von Regen langte ich in Nagarote an; am Eingange des Dorfes lagen einige getödtete Pferde und die Bewohner waren noch so voller Schrecken über die letzte Affaire, daß ich nur erst, nachdem man meine von früherher noch bekannte Stimme wieder erkannt hatte, Einlaß ins Wirthshaus erhielt.

Dies waren die einzigen persönlichen Rencontres, die ich mit den Heeren der kriegführenden Mächte von Central-Amerika zu bestehen hatte, und aller Wahrscheinlichkeit nach waren es diese Vorfälle, aus denen der Correspondent eines New-Yorker Blattes die grausenhafte Geschichte meiner Gefangennehmung und tödtlichen Verwundung zusammengeschmiedet hatte, die Euch, Ihr Lieben, leider in so große Sorge und Angst um mich versetzte. Die Münchhausiade sei ihm in Gnaden verziehen.

In Leon, das ich am andern Morgen ohne weitere Fährlichkeiten erreichte, erfuhr ich erst die genaueren Details über jenes Gefecht von Nagarote. Dreißig Mann Infanterie, ungefähr eben so viele Cavalleristen und etwa ein Dutzend amerikanischer Scharfschützen waren unter Befehl des Colonel Silaga auf eine Recognoscirung detachirt worden und stießen unvermuthet auf den Feind. Als die Vorposten feuerten, ging's gleich mit Hurrah und Halloh drauf los, und da die Dunkelheit die geringe Anzahl der Leoneser verbarg, so brachte der erste entschiedene Angriff eine eben so entschiedene Niederlage hervor und die Granadiner liefen nach allen Seiten davon, wie ich noch selbst hatte sehen können, und so wild war die Flucht gewesen, daß mehre Armee-Papiere, Geld, Effecten und die ganze Bagage der Officiere, insoweit dieselben dergleichen hatten, in die Hände der Leoneser fielen. Noch am Morgen nach dem Gefechte wurden von den Dorfbewohnern fünf Granadiner aus einem flachen Brunnen gezogen, wohinein sie in der Todesangst gesprungen waren.

Doch genug der Thaten der zerlumpten Helden. Ich war, wie gesagt, glücklich und wohlbehalten in Leon angekommen, mußte aber gleich nach meiner Ankunft den nur aufgeschobenen Tribut der Acclimatisation zahlen, indem ich in ein hitziges Fieber verfiel, das mich über vierzehn Tage ans Bett fesselte und mich sehr von Kräften brachte; nur durch die größte Schonung, treffliche Pflege in =Dr.= Livingston's gastfreiem Hause, gute Nahrung, Porter u. s. w. kam ich nach und nach wieder auf. Während dieser Zeit war die Entwickelung des traurigen Possenspiels in folgender Weise vor sich gegangen:

Am 4. November war eine Escolta von fünfundzwanzig Infanteristen und fünfundzwanzig Cavalleristen nach Chinandega, einer kleinen Stadt von circa 10,000 Einwohnern, halbwegs zwischen hier und der Küste des Pacific gelegen, entsendet worden, um eine Geldcontribution zu erheben. Commandant des kleinen Trupps war Major Silaga II., Bruder jenes erstgenannten Colonel Silaga, der übrigens nicht in jenem Gefechte von Nagarote geblieben war, sondern nur drei leichte Wunden davon getragen hatte. Dieser Leoneser Trupp war bereits bis auf die Plaza von Chinandega vorgerückt, mit Befremden nur durch leere Straßen marschirend, als er plötzlich von allen Seiten mit einem mörderischen Feuer begrüßt ward. Es waren dies Hondurenser Truppen, welchen Staat Granada für sich zu gewinnen gewußt hatte, unter Commando des Generals Lopez, begleitet von dem Minister Chicodilla von Nicaragua, welcher mit dem Präsidenten Pineta die Verbannung getheilt hatte. Schon einige Zeit vorher hatte das Gerücht vom Abfall Honduras und vom Eintreffen dieser Truppen in Leon circulirt, Niemand hatte aber recht daran glauben wollen.

Ein kurz zuvor eingetretener Regensturm hatte zum Unglücke der Leoneser Truppen auf dem Marsche den größten Theil ihrer Munition durchnäßt; die Uebermacht nicht beachtend commandirte Major Silaga dennoch muthig zum Angriff und warf den Feind auch wirklich fünf Straßen weit zurück, über einen kleinen Fluß. Hier aber ward er mit solcher Heftigkeit von drei Seiten angegriffen, daß er nicht länger Stand zu halten vermochte; nachdem jeder seiner Leute die wenigen etwa noch trocken gebliebenen Patronen bis auf die letzte verschossen hatte, zerstreuten sie sich und suchten einzeln, so gut sie konnten, sich einen Ausweg zu bahnen. Der Major Silaga und sein Adjutant, denen beiden die Pferde unter dem Leibe getödtet worden waren, mußten zu Fuß den Weg bis Chichigalpa suchen, an welchem Orte sie so glücklich waren frische Pferde zu erlangen. Von der ganzen Escolta trafen im Laufe der nächsten Tage noch 26 Mann, ohne ihre Officiere, ein; etwa 12 Todte waren auf dem Platze geblieben, worunter die Mrs. Bradburry und Lane. Das Häuflein erreichte glücklich Leon auf weitem Umwege über Realejo. Feindlicher Seits waren bedeutend mehr geblieben. Im Ganzen sollen sich jedoch die Hondurenser, obschon ihnen ihre große Ueberzahl zu statten kam, immer noch besser geschlagen haben, als die Granadiner Helden.

Der General Munoz sah nach diesem Gefechte ein, daß die neuesten zuverlässigen Nachrichten über die nummerische Stärke des Feindes ihm ein sehr zweifelhaftes Resultat in Aussicht stellten. Die Granadiner zählten, die allerdings nur schwachen Garnisonen von Granada, Rivas, St. Juan del Sur, Matagalpa nicht mit eingerechnet, über 1100 Mann, wovon ein großer Theil zuletzt noch in aller Eil ganz gut mit Uncle Sams Musqueten bewaffnet worden war, die Mr. White als Preis seines nichtswürdigen Monopols erschachert hatte; dazu die Hondurenser, zwischen 300 und 400 Mann stark, also zusammen über 1500 Mann disponible Truppen. Diesen hatte Munoz Alles in Allem nicht ganz 700 Mann entgegenzustellen, allerdings besser disciplinirte und exerzirte Leute, mit einer halben Batterie leichter Artillerie unter Commando eines französischen Officiers. Auch sein kleines Häuflein Cavallerie war nicht ganz übel beritten und einexerzirt. Bei solchem nummerischen Mißverhältniß und geringem Vertrauen auf die kriegerische Ausdauer der Eingeborenen, war es daher das Klügste was man thun konnte, mit der Gegenpartei in Unterhandlungen zu treten, um die Stadt doch wenigstens unter möglichst guten Bedingungen zu übergeben.

Munoz sendete daher am 9. November einen Parlamentair ab, der eine Zusammenkunft in Posolteja mit General Lopez stipulirte. Bei Munoz Annäherung mit der gegenseitig accordirten Escolta (die Munozsche bestand aus 2 Officieren, 2 Amerikanern und 6 Lanziers), lief die Granadiner Escolta über eine Legua zurück, bis Chichigalpa, und war erst dort zu überzeugen, daß von dieser, in friedlicher Absicht gekommenen, handvoll Leute nichts zu befürchten sei.

Die Capitulation kam denn auch wirklich zu Stande, und einige ihrer Hauptbedingungen waren: gänzliche Amnestie für alle an dem Revolutionskriege Betheiligten, Entlassung der beiderseitigen Kriegsheere, Freiheit für die amerikanischen Freiwilligen, zu gehen, oder sich friedlich im Lande niederzulassen u. s. w.

Am 12. November ward in Folge dieser Capitulation Leon übergeben; die Amerikaner feuerten den üblichen Salutschuß, während die eingeborenen Artilleristen in den stehenden Batterien postirt waren. Wie groß war aber das Erstaunen des Generals Munoz, als er sich, nachdem er seinerseits pünktlich alle Artikel erfüllt, die Waffen gestreckt und alle seine Truppen entlassen hatte, plötzlich von der eingerückten Abtheilung Leoneser, die er mit einem Handgriff hätte erdrücken können, so lange er seine Truppen noch unter Waffen hatte, überfallen und mit eilf der vornehmsten Officiere gefangen sieht. Der Traktat war dem Präsidenten Abaonza (von Leon) übergeben, dann aber diesem wieder heimlich entwendet worden, und jetzt leugnete General Lopez sogar dessen Existenz ganz ab.

Auf wessen Seite von Anfang her das Unrecht lag, sei hier ganz dahingestellt, und eben so die Erörterung der Frage, ob ein Sieg der Leoneser Partei dem unglücklichen Lande eine bessere Zukunft in Aussicht gestellt haben würde; aber jeder Unbefangene wird sich nach Obigem einen Begriff machen können, was man in Central-Amerika auf die Heiligkeit der Verträge, auf Soldaten- und Mannesehre zu geben hat.

Die Gefangenen hatten sich noch am selben Nachmittage an den sehr ehrenwerthen Mr. Kerr, bevollmächtigten Gesandten der Vereins-Staaten in Nicaragua gewandt und dieser stand keinen Augenblick an sich dieses Vertrauens, so wie der Regierung, die er repräsentirte, vollkommen würdig zu beweisen. Trotzdem er früher laut und unverhohlen kund gegeben, wie weit entfernt er sei, mit der Revolutionspartei und dieser steten Erneuerung der Mißhelligkeiten zu harmoniren, eilte er jetzt bei so grober Rechtsverletzung nichtsdestoweniger, obschon es schon spät in der Nacht war, zum feindlichen General, um unter dem Schutze der Sterne und Streifen auf der Stelle eine energische Protestation gegen solch nichtswürdiges und wortbrüchiges Verfahren, so wie gegen jede etwaige militairische Verurtheilung und Tödtung der Gefangenen, diese geradezu als niedrigen Meuchelmord bezeichnend, niederzulegen. Dieser Akt war keineswegs so leicht und gefahrlos, wie er daheim unter civilisirten Nationen erscheinen mag; denn hier, wo durchschnittlich immer die Hälfte der Soldaten betrunken, und die andere noch nicht völlig nüchtern ist und demnach fortwährend Excesse aller Art vorkommen, war es gar nicht unmöglich, daß einige Soldaten, statt ihren patriotischen Heldenmuth durch Freudenschüsse in die Luft kund zu geben, wie man es hier sehr liebt, aus Versehen dem verhaßten amerikanischen Gesandten, der ihrem General so starke Sachen zu riechen gab, eine Kugel durch den Hirnschädel jagte.

Erst zwei Tage darauf wagte es endlich Don Fruto Chamorro mit seiner gesammten Heldenarmee in die Stadt zu rücken, nachdem er sich vorher sorgfältig überzeugt hatte, daß ihm keinerlei Gefahr mehr drohe. Ich hörte von meinem Krankenbette aus die Freudensalven der Soldaten, konnte aber leider den Anblick des mit Lorbeern und Lumpen bedeckten Siegesheeres nicht genießen.

Am 18. brachte eine Escolta Hondurenser 10 Amerikaner, die sich laut Vertrag im Hafen von Realejo hatten einschiffen wollen und im Augenblicke ihrer Einschiffung von den nachgeschickten Truppen gefangen genommen worden waren, in die Stadt. =Dr.= Livingston und ich, da ich wieder so weit Reconvalescent war, um ausgehen zu dürfen, gingen sogleich um die Gefangenen zu sehen, wurden aber zurückgewiesen. Wir kehrten sogleich um, ich um zu Mr. Kerr zu gehen und ihm den Vorfall anzuzeigen, während =Dr.= Livingston schriftlich von Don Fruto Chamorro eine Erklärung über diese neue Vertragsverletzung verlangte.

Nach einigem Hinundherverhandeln ward uns endlich allen Dreien der Zutritt verstattet, und traurig genug war der Anblick der armen Leute; in einem wahren Hundeloche, voller Schmutz und Ungeziefer, ohne Essen, Trinken, noch irgend eine Spur von Versorgung. Es wurden indeß vier, welche infolge der Mißhandlungen bedeutend erkrankt waren, sogleich auf =Dr.= Livingstons Bürgschaft an diesen ausgeliefert, während der Rest, Dank den energischen Schritten des Mr. Kerr, später gegen Handgelöbniß entlassen, und seit gestern in völlige Freiheit gesetzt wurden, bis zu welchem Tage sie alle im gastfreien Hause des =Dr.= Livingston eine Zufluchtsstätte gefunden hatten.

Die Lage der eingeborenen Gefangenen blieb jedoch nach wie vor dieselbe, und ohne Mr. Kerr's unermüdliche Wachsamkeit, der sich überhaupt während dieser ganzen Zeit kein geringes Verdienst um die Ruhe und Sicherheit der Stadt erworben, wären sie vielleicht schon längst ihres Lebens beraubt worden. Man hatte mehrfach beabsichtigt, dieselben aus dem bischöflichen Palaste, wo sie gefangen gehalten wurden, an einen anderen Ort zu bringen, und es entspräche ganz dem niedrigen Charakter der jetzt herrschenden Partei, bei der sich, wie dies so häufig der Fall ist, Feigheit mit Grausamkeit paart, während des Transportes unter möglichst schwacher Bedeckung, die Gefangenen von einem Haufen gedungener Mörder überfallen und abschlachten zu lassen. Das Gouvernement kann ja dann mit Leichtigkeit alle Schuld von sich abwälzen und öffentlich mit größtem Eifer nach den Dolchen suchen, die es in der eigenen Schärpe trägt.

Das politische Wetter ist übrigens noch entsetzlich schwül und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht binnen ganz kurzer Zeit ein neues Ungewitter losbräche. Durch den, vor einigen Tagen erfolgten Abmarsch der Hondurenser, so wie massenhafte Desertionen unter den Granadinern ist die Stärke der Besatzung, welche Chamorro noch unter seinen Händen hat, auf circa 260 Mann zusammengeschmolzen, und schon tauchen hin und wieder Gerüchte von einem vorbereiteten neuen Aufstande auf. Dazu hat Chamorro in seinem kindischen Unverstande die von Munoz sehr zweckmäßig angelegten Batterien um die Kathedrale, welche dieselbe zu einer, nach hiesigen Verhältnissen, fast uneinnehmbaren Stellung machten und mit deren Hülfe er die ganze Stadt leicht in Schach halten konnte, rasiren und die Geschütze demontiren lassen, während er in seiner ganzen Armee nicht einen Officier besitzt, der fähig wäre sie wieder in Stand zu setzen. Bricht nun früher oder später eine neue Revolution aus, so wird sie jedenfalls grausamer und verderblicher wie die vorhergegangene, und wahrscheinlich würde es dann wiederum den Granadiner Grundbesitzern und Handelsherren ebenso scharf an die Börsen und Waarenlager gehen, wie jetzt den Leonesischen.

Noch muß ich hinzufügen, daß auch Don Fruto Chamorro, auf die offizielle Anfrage seiner Regierung, die Existenz der mit Munoz abgeschlossenen Capitulation gänzlich ableugnete, trotzdem Mr. Kerr die schriftlichen Beweise dafür in Händen hat und dieselben präsentirte, ein Verfahren, für welches in jedem nur halb civilisirtem Lande einem solchen Officier der Degen zerbrochen worden wäre.