Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers
Part 7
Mein Zeichnen- und Maler-Material hatte ich in Granada zurückgelassen und es drängte mich endlich an die Arbeit zu kommen, deshalb dachte ich auf meine baldige Rückkehr dahin, auf welcher Rückreise =Dr.= Livingston und Mr. Lane, ein zeitweilig hier lebender Amerikaner, mich begleiten wollten.
Am Tage vor der Abreise saß ich mit letzterem eben vor der Thüre, als ein wohlbeleibter Prälat, in Begleitung seiner gewöhnlichen Sauvegarde von zwei Soldaten, auf seinem Ochsenkarren angeklingelt kam. Wir nahmen ganz höflich die Hüte ab, allein dies schien dem frommen Manne noch keineswegs zu genügen, denn er sendete einen seiner Soldaten ab, der uns zum Niederknieen nöthigen sollte. Das kam uns denn doch ein wenig allzuspanisch vor, zumal er ja nicht das Venerabile mit sich führte. Als wir nicht schleunigst gehorchten, holte der Soldat aus, um Mr. Lane einen Kolbenstoß zu versetzen. Ein ächter Yankee versteht in diesem Punkte nicht viel Spaß und mein Gefährte zog rasch eine jener sechsschüssigen New-Yorker Pistolen hervor, was auch mich veranlaßte mein Bowiemesser ein wenig zu lüften; beim Anblick unseres guten Vertheidigungszustandes retirirte der Kriegsheld über Hals und Kopf hinter den Karren des Prälaten, der die Faust ballte und die schrecklichsten Maledictionen auf uns herabdonnerte. Die ganze Gesellschaft entfernte sich aber so eiligen Schrittes, als ein Ochsengespann vermittelst Hieben fortzubringen ist. Mein Gefährte forderte mich auf sogleich mit ihm zum Präfekten zu gehen, wo wir den zornentbrannten Prälaten bereits vorfanden. Der Mann des Gesetzes gerieth durch unsere Gegendeposition so in Verlegenheit, daß er die ganze Sache, als nicht vor seinen Richterstuhl gehörig, von sich wies. Der Amerikaner wandte sich nun mit seiner Beschwerde an den Militaircommandanten, der den allzueifrigen Soldaten auf 24 Stunden ins Loch sperren ließ. Der arme Bursche dauerte mich, da er ja gar nicht wußte, wem er es eigentlich recht machen sollte, und erinnerte mich lebhaft an jenen Rekruten in den fliegenden Blättern, der auf die Frage: »Was ist ein Soldat?« die Antwort giebt: »A armer geplagter Mensch!«
Der Rückweg nach Granada bot nur den Unterschied, daß ich einige prachtvolle Arten von Vögeln sammelte, und einen recht einfältigen Mord an einem armen Affen beging, der ein Kleines auf dem Rücken trug, was ich leider vorher nicht bemerkt hatte. Ich nahm mich der hinterlassenen Waise pflichtschuldigst an und päppele sie bis diesen Tag mit Milch und Wasser weiter, bis sie im Stande sein wird, sich durch eigenes Ingenium ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Eine ganz neue Erscheinung waren für mich die Quadusen, im Baue ähnlich dem Hasen, doch mit kürzeren Ohren und Springfüßen und trippelnd wie der Dachshund.
Auch machte ich von Massaga aus dem Vulkane gleiches Namens einen Besuch, um vorläufig einige Zeichnenstudien dieser eigenthümlichen Naturbildungen zu nehmen. Ich hätte sehr gewünscht ins Innere des Hauptkraters hinabsteigen zu können, der mehre höchst interessante und groteske Schwefelformationen enthalten soll; dies allein zu unternehmen ward mir jedoch als eine absolute Unmöglichkeit dringend widerrathen, da ebensowohl die während der Regenzeit sehr häufigen und plötzlich eintretenden Nebel den Weg ungemein erschweren, als auch die noch fortwährenden Entwickelungen von Schwefelwasserstoffdämpfen den einsamen Wanderer leicht der Gefahr des Erstickens aussetzen. Auch hätte ich mein armes Pferd um keinen Preis über die verglaste Schlackenmasse hinweggeschunden und eben so unmöglich war es, trotz aller Nachfragen und Geldanerbietungen einen Führer und ein Maulthier zu erlangen. Nichtsdestoweniger habe ich die Lavafelder so viel als möglich kreuz und quer durchstrichen und auch einen kleineren Nebenkrater erklettert, bis mich körperliche Erschöpfung und meine total zerrissenen Schuhe zur Rückkehr nöthigten, habe auch, trotz der erschwerenden Umstände einige höchst interessante Studien zustandegebracht.
Das Durchwandern dieser öden, und doch dabei an malerischen Schönheiten so reichen Landschaft, gewährte mir einen eigenthümlichen Reiz, dem ich nicht Worte zu geben vermag.
VII.
Indigobereitung. -- Verfall des Landbaues. -- Schlimme Aussichten für Ansiedler. -- Gefährliche Galanterie. -- Zunahme der ärztlichen Praxis. -- Einfluß des Mondes. -- Selbsthülfe zu rechter Zeit. -- Die Schwefelquellen von Tipitapa. -- Gefährliche Begegnung. -- Kriegsanstalten. -- Militairische Exercitien.
Ihr habt mich zuletzt Anfang August 1851 auf der Rückreise von Leon nach Granada verlassen, woselbst ich mein Malergeräth und sonstige Effecten in Verwahrung gelassen und nun endlich meinen Reisegefährten, Mr. _Squier_, selbst, oder doch wenigstens gewisse Nachricht über die Zeit seines Eintreffens vorzufinden hoffte. Da beides nicht der Fall war, beschloß ich wenigstens, die Zeit zu fleißigen Arbeiten für mein Portefeuille und kleinern Ausflügen in der Umgegend zu benutzen.
Mein erster ging über den Bergrücken, welcher Granada von Rivas trennt, nach einer Hacienda des Don Emanuel B.........., die mir als eine der vorzüglichsten geschildert worden war, sowohl für den Kaffee- und Cacaobau, wie für Erzeugung des Indigo, mir also die beste Gelegenheit bot, mich über den Betrieb des hiesigen Landbaues zu unterrichten. Ich war in Begleitung eines so gebildeten wie liebenswürdigen jungen Mannes aus Granada, Don Jose S.... Unser Weg führte theils durch herrliche Wälder, theils durch angebautes Land, dessen Hauptproducte Indigo, Mais und Bananen sind.
Ziemlich auf der Höhe eines kleinen Gebirgsrückens, etwa 8 Miles von Granada, hatte ich die Freude, die Ueberreste eines wahrscheinlich aztekischen Idols aufzufinden; obgleich nur aus geringem und weichem Material gearbeitet und arg mitgenommen von der Witterung, wie von der Zerstörungslust der Maulthiertreiber, die im Vorbeiziehen gern einen Streich mit der Macheta (lange, schwertartige Messer, die zugleich als Waffe und als einziges Hau- und Schneidewerkzeug dienen) gleich einem alten Sündenbocke danach führen, zeigte es doch noch deutlich die nicht unschönen Proportionen und auffallende Aehnlichkeit mit den flachstirnigen Physiognomien mexicanischer Monumente.
Mehrfach bemerkte ich unterwegs einen merkwürdig lauten Hall des Hufschlages unserer Pferde, entweder von den Lavafeldern herrührend, über die sich die wunderbar üppige Vegetation dieses Himmelsstriches gebreitet, oder vielleicht auch von vulkanischen Höhlungen, die der Erdoberfläche ziemlich nahe liegen. Ich habe bis jetzt noch nirgends eine so bedeutende Verstärkung und Weitertragung des Schalles vernommen wie hier, am auffallendsten aber bei Besteigung eines etwa 10 Miles von Granada liegenden Berges, der eine entzückende Fernsicht von den Gebirgen von Leon bis hinab nach St. Carlos bietet und wo ich, zufällig am Boden liegend, ganz deutlich Trommeln und Musik aus Granada vernahm, während man stehend nichts davon hören konnte.
Rings um den Mombatch, den Hauptstock des Gebirges von Granada, dessen eingestürzter, gewaltiger Krater von allen Seiten die malerischesten Umrisse bietet, erheben sich eine Menge größerer und kleinerer Hügel, theils noch jetzt fortwachsend, getrieben von der Gewalt des unterirdischen Feuers, das einen derselben in den letzten vier Jahren über 30' gehoben hat, vielleicht aber doch nicht mehr Kraft genug besitzt, um noch kleinere Nebenkrater zu bilden, wie sie sonst bei Vulkanen mehr oder minder vorkommen.
Auf der erwähnten Hacienda, die wir gegen Abend auf den jetzt überall durch den Regen grundlos gewordenen Wegen erreichten, ward uns eine überaus gastliche und freundliche Aufnahme zu Theil, wie denn überhaupt Gastfreundschaft die hervorragendste Tugend der Einwohner dieses Landes ist.
Die Hacienda enthält nebst einem ziemlich bedeutenden Viehstande eine Pflanzung von etwa 12,000 Cacaobäumen und eben so viel Kaffeebäumen; sehr große Strecken waren mit den für den Wirthschaftsbedarf nöthigen Mais und Bananen, hauptsächlich aber mit Indigo bebaut, dessen Fabrication mich am meisten interessirte. Bekanntlich ist der Indigo nur ein Oxyd des durch Gährung aus der Pflanze gezogenen und ursprünglich grünen Saftes. Die Pflanze wird zu diesem Zwecke kurz über der Wurzel abgeschnitten, in großen gemauerten Bassins dicht aufgespeichert und das Ganze unter Wasser gesetzt. Die darauf wirkende heiße Sonne färbt das mit dem Pflanzensafte geschwängerte Wasser bald grün, worauf es in andere, tiefer liegende Behälter abgelassen, dort durch fortwährendes Rühren und Peitschen mit der Atmosphäre in Contact gebracht wird und so allmälig erst jene schöne tiefblaue Farbe bekömmt. Das Umrühren wird anderwärts gewöhnlich durch einen Ochsengöpel oder durch Wasserkraft bewerkstelligt, hier aber durch eine Procedur, die einen wirklich höchst possirlichen Anblick gewährte, nämlich durch eine quer durch den Behälter gehende, mit kurzen Stangen gespickte Holzwelle, in welcher in der Mitte eine Art Schaukelbret angebracht ist, an dessen Enden zwei Männer sitzen, die durch abwechselndes Aufstehen und Niederkauern die ganze Maschine, nach Art der Nürnberger Sägemännchen, in Bewegung setzen. Man kann kaum etwas Komischeres sehen, als diese hockenden, schreienden, schwitzenden, oben kupferfarbigen und unten _echt_ indigogefärbten Indianer.
Die ganze Plantage war in früherer spanischer Zeit, aus welcher überhaupt alle umfassenden Anlagen und bessern Einrichtungen herstammen, mit großer Umsicht angelegt; weit ausgedehnte gemauerte Kanäle brachten das Wasser nach allen Theilen der in geordneten Reihen stehenden Pflanzung. Fortwährende Revolutionen, deren ungefähr aller drei bis vier Jahre eine ist und durch welche jedesmal die Reichern durch Contributionen arg geschröpft werden, haben das Vermögen der Besitzer sehr heruntergebracht; die Kanäle sind verschlammt, die Indigofelder voller Unkraut, in traurigem, wüstem Zustande, der nur eben so weit bewältigt wird, um nicht Alles ganz einschlafen zu lassen.
Traurige Zustände, denen allein durch eine recht gesunde, kräftige Einwanderung abgeholfen werden könnte, wozu aber wiederum nur eben solche Leute tauglich wären, welche sich zuvor in den Vereinigten Staaten die Hörner ein wenig abgelaufen und dort erst gelernt hätten, wie man sich in fremdem Lande am besten organisirt und seine Kräfte anwenden muß, um die mehrsten Körner aus seinem Weizen zu dreschen. Solche aber, welche direct aus Deutschland herüberkommen und etwa meinen, es würden ihnen bei nur geringer Mühe die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, werden hier wahrlich schlechte Rechnung finden. Doch hierüber werde ich mir am Schlusse meiner Reiseberichte noch einige besondere Gesammtbemerkungen erlauben.
Einige landesübliche Galanterien sind hier doch solcher Art, daß der nicht eingewohnte Europäer sich dagegen bei Zeiten verwahren muß, wenn er nicht, wie ich, die üblen Folgen verschmecken will. Die jungen Damen vom Hause hatten die Artigkeit gehabt, mir zur Nacht eine mächtige Schale voll Jasmin unters Bett zu stellen. So gut gemeint dies auch war und vermuthlich eine landesübliche Sitte gegen Gäste, hatte es doch zur Folge, daß mein armer Kopf mir andern Tages noch viermal so dick und schwer, als gewöhnlich vorkam. Ich empfehle meinen Nachfolgern also nicht blos _Vor_-, sondern auch _Unter_sicht beim Zubettgehen!
Aber nicht nur in Bezug auf Land und Leute, sondern auch an mir selbst habe ich Entdeckungen gemacht, die Euch in Erstaunen setzen werden. Wie Ihr wißt, hatte mein trefflicher Freund, =Dr.= _Gescheidt_ in New-York, mich beim Antritte meiner Reise mit einem kleinen chirurgischen Besteck, Anleitung zum Aderlassen, sowie einigen allgemeinen medicinischen Regeln ausstaffirt. Schon während der Fahrt auf dem St. Juan-River hatte ich Gelegenheit gehabt, von ersterm verdienstliche Anwendung zu machen. Hier aber sollte ich in noch ganz andere Versuchung geführt werden.
Der alte Herr, dessen Gastfreundschaft ich genoß, von Umfang des Leibes ziemlich einem Falstaff gleich, befand sich am Abend sehr übel und wollte guten Rath von mir. Solchen nicht geben, heißt hier sehr unhöflich sein, denn selbst Demosthenes würde diese braven Leutchen nicht überzeugt haben, daß ein Europäer (zumal ein Deutscher) und ein Doctor nicht ganz identisch seien. Zum Glück war der Fall ziemlich einfach, da der Hauptgrund der Krankheit augenscheinlich in täglich fünfzehn- bis achtzehnstündigem Schlaf im Hammock und etlichen Tagesmahlzeiten =à proportion= seines Leibesumfanges lag. Nach Pulsfühlen und gewichtigem Fingerandienaselegen verabreichte ich ihm eine gehörige Dosis meiner prächtigen Aloëpillen, die, wenn sie nichts nützten, doch auch nicht schaden konnten, machte ihn aber aufmerksam, ja nicht zu Nacht zu speisen, was jedoch eine unmöglich zu befolgende Vorschrift war, weil der gute alte Papa eine mörderliche Angst hatte, in diesem Falle über Nacht Hungers zu sterben. Zwei Becher gewürzter Chocolade mußte ich also =nolens volens= concediren. Trotzdem war der Zustand des Patienten am andern Morgen bedeutend besser, da die Pillen ihre bekannte Eigenschaft kräftigst bethätigt hatten, und ich empfing von der gesammten Familie die feierliche Versicherung, daß ich ein großer Doctor sei -- was denn doch in der That eine nagelneue Entdeckung genannt werden kann!
Am Tage darauf kam jedoch ein bedenklicherer Fall: ein Knecht war von einem Maulthiere an den Schlaf geschlagen worden und lag für todt da. Natürlich sollte und mußte der =Sennor e'strangero= da wieder Rath schaffen. Ich spürte noch einige Lebenszeichen an ihm und verfuhr nun flugs wie der gute =Dr.= de Montegre mit mir vor vier Jahren in Paris verfahren, als ich jenen unfreiwilligen Purzelbaum von 44' Höhe vom Gerüste herab gemacht hatte, d. h. ich ließ dem Scheintodten von mehrern Personen zugleich die Hände und Füße mit ganz heißem Wasser waschen, bis ich wieder Pulsschläge fühlte, worauf ich ihm eine Ader öffnete, und hatte die Freude, ihn bald wieder bei voller Besinnung zu sehen. Die Moral der Sache ist, daß etwa hierher pilgernde Landschaftsmaler sich darauf gefaßt machen müssen, nebst ihrer Kunst auch noch ganz andere Künste zu üben. Dergleichen Kopfstöße scheinen übrigens hier etwas sehr Gewöhnliches zu sein, denn besagtes Individuum ward wenigstens, außer jener kurzen Gefahr, eine Reise in den Himmel zu machen, weiter nicht sehr von den Nachwehen belästigt, und hülste schon am Nachmittage ganz gemüthlich und zu meiner großen Freude Cacao aus, denn ich habe eine wahre Heidenangst, daß meine wider Willen ausgeübte Doctorpraxis mich einmal recht ordentlich in die Klemme bringt, wo die gute Absicht einen kaum ausreichenden Trostgrund für angerichtetes Uebel gewähren dürfte.
Auch die in der tropischen Zone so heftigen Einflüsse des Mondes wie der Sonne habe ich einige Zeit darauf an mir selbst erfahren. Von ersterem, als ich eine Nacht so lag, daß die Strahlen des Mondes eine Zeitlang auf mein Gesicht schienen. Nach lebhaften, ängstigenden Träumen, von denen mich doch sonst mein gesunder Schlaf nach körperlicher Ermüdung immer frei läßt, erwachte ich mit überaus heftigem, nervösem Kopfschmerz, der den ganzen folgenden Tag anhielt und meine ganze, vom Monde beschienene Gesichtshälfte dick aufschwellte.
Schlimmer bekam mir die andere Erfahrung in Bezug auf die Sonne, die möglicherweise sogar den Grund zu der bösen Krankheit gelegt haben kann, die mich bald darauf befiel. Ich hatte =Dr.= _Livingston_ wieder ein Stück nach Leon zurückbegleitet, um später von dieser himmlisch gelegenen Stadt aus meine Malerexcursionen vorzunehmen; vorher aber wollte ich trotz des Abmahnens allein den heißen Schwefelquellen von Tipi-Tapa und dem Vulkane von Massaga einen Besuch abstatten. Von Managua aus führt der Weg über die große Ebene, welche die Seen von Granada und Managua trennt, theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, theils durch baumloses Sumpfland. Die Sonne brannte heiß hernieder auf den einsamen Wanderer, das 5 bis 6 Fuß hohe Schilf gewährte keinen Schutz gegen die senkrechten Strahlen, und die Sumpfluft lag bleiern über der lautlosen Landschaft. Roß und Reiter trieften von Schweiß und suchten vergebens nach erquickendem Schatten und Wasser. Mir ward plötzlich so schwindlich und unwohl, daß ich mich nicht mehr im Sattel zu halten vermochte und, da ich die Ursache meines Uebelbefindens errieth und allenfalls noch Bewußtsein genug hatte, um meinen Rock abzustreifen und meine Lanzette hervorzuholen, so versuchte ich hier zum ersten Male meine Kunst an mir selbst und öffnete mir eine Ader. Nach einiger Zeit erwachte ich wieder aus der Ohnmacht, in die ich verfallen war, hatte starken Blutverlust gehabt, fühlte mich aber auch sehr erleichtert dadurch. Mein Schimmel dachte nicht ans Fortlaufen, sondern beschnoperte neugierig bald mich, bald die Blutpfütze. Ich band mir das Taschentuch so fest ich konnte, um den Arm und kletterte mühsam auf's Pferd, konnte aber diesen Tag vor Mattigkeit Tipi-Tapa nicht mehr erreichen, sondern mußte in einer kleinen Hacienda übernachten, wo mein armes Pferd, da kein Futter vorhanden war, sich das seinige selbst im =Protero= (Weideplatz) suchen mußte, der noch dazu über eine englische Meile entlegen war. Dieser letztere Uebelstand tritt sehr oft ein und deshalb bringt jede Reise die Thiere sehr herunter, besonders wenn man schwer laden muß, wie ich es genöthigt war, da ich bei solchen kleineren Excursionen aus öconomischen Gründen weder Diener noch Packthier bei mir habe.
Nachdem ich mich bei dem gutmüthigen Besitzer der Hacienda einen Tag ausgeruht, riskirte ich, trotz der erhaltenen Witzigung, noch einen Besuch der Schwefelquellen von Tipi-Tapa, welche ungefähr eine Meile vom genannten Flecken, an der Stelle liegen, wo der Rio di Tipi-Tapa (ein Ausfluß des Sees von Managua) sich zwischen großen Felsbrocken verliert.
Die stärkste dieser Quellen erhebt sich inmitten eines, theils sumpfigen, theils mit Steingerölle gefüllten flachen Kessels aus einem, durch Niederschlag der das Wasser sättigenden Mineralien gebildeten Hügelchen von acht bis zehn Fuß Höhe. Das Wasser quillt ganz siedend hervor und entwickelt eine Menge von Schwefelwasserstoffdämpfen, die mich, als ich beim Losbrechen und Sammeln einzelner Stücken des Niederschlages etwas zu lange verweilte, ganz schwindlich machten. Ich befürchtete eine Rückkehr des vorerwähnten Ohnmachtanfalles und entfernte mich so schnell als ich vermochte. Es ging auch bald vorüber, als ich nach einiger Zeit in freiere Luft kam, und ein Fußbad in dem etwas weiter entfernten abgekühlten Wasser wirkte besonders wohlthätig auf mich.
Eine zweite heiße Schwefelquelle entspringt inmitten eines kleinen Teiches von ganz kaltem Wasser, wie dies auch bei den Liparischen Inseln an der Küste Siciliens gefunden wird, und noch mehre andere, von minderer Bedeutung, nicht weit davon. Alle diese Quellen enthalten augenscheinlich eine große Menge Schwefel, Kochsalz, sowie einige andere kräftige Substanzen, und werden dereinst einmal, wenn erst eine zahlreichere und betriebsamere Bevölkerung das Land etwas empor gebracht haben werden, gewiß eine sehr besuchte Heilquelle bilden, und einen nicht weniger bedeutenden Exportartikel liefern.
In Folge dieser beiden eigenen Erlebnisse kann ich alle, mir etwa nachfolgenden Reisenden, zumal so lange sie sich noch nicht völlig an das hiesige Klima gewöhnt haben, nicht dringend genug warnen, selbst kleinere derartige Ausflüge niemals allein zu unternehmen.
Als ich Tags darauf auf meinem Rückwege durch einen Wald über eine Art von Kreuzweg kam, riefen mir von der Seite drei Berittene, mit Lanzen bewaffnet, ein grimmiges »Halt!« zu; ich verspürte jedoch nicht sonderlich viel Lust mich mit ihnen in nähere Expectorationen einzulassen, und als einer davon mit erneutem Rufe ein Pistol aus der Halfter zog, nahm ich, so miserabel und unkriegerisch mir auch noch zu Muthe war, meine getreue Büchse herauf, was die drei Helden, zu meiner großen Befriedigung, bewog, Kehrt zu machen und sich nicht weiter um mich zu bekümmern. Ich erfuhr bald darauf, daß es der Vorposten eines, in Managua garnisonirenden, etwa 300 Mann starken Corps der Granadiner Reichsarmee war, welche zum bevorstehenden Kampfe mit den Leonesern zusammengezogen wird.
Ihr müßt nämlich wissen, daß seit etwa zwei Wochen wiederum eine neue Revolution sammt allen Gräueln des Bürgerkrieges im Anzuge ist, ohne daß ich selbst bis jetzt viel davon bemerkt hatte. Die respectiven Regierungen von Granada und Leon haben einen Aufruf an alle waffenfähige Bürger erlassen, zur Rettung des Vaterlandes herbeizueilen, welcher Aufruf jedoch, wenigstens auf Seite der Granadiner, eben keinen absonderlichen Enthusiasmus erregt zu haben scheint. Eine Abtheilung dieser barfüßigen Prätorianer liegt, wie gesagt, in Managua, größtentheils mit Flinten bewaffnet, von denen die eine keinen Ladestock, die andere kein Bajonett, die dritte sogar kein Schloß hat, sehr viele davon aber wohl beim ersten Schuß springen werden. Dieses Corps steht unter dem Commando eines Generals, der sich in besseren friedlichen Zeiten damit beschäftigt, verdorbene Uhren noch mehr zu verderben.
Auf der Durchreise ward mir das Glück zu Theil, diese tapferen Spartaner manövriren und exerciren zu sehen. In Erwartung nämlich, daß der Feind kommen werde, laufen die Helden einstweilen täglich einige Stunden, einer hinter dem andern, rings um den geräumigen Marktplatz herum, wozu abwechselnd auf einer faßartigen, von zwei Mann getragenen großen Trommel, oder auf zwei kleinen übereinandergebundenen, Tambourins gleichenden Trömmelchen tapfer darauf losgepaukt wird. Auch Festungswerke hat man errichtet, wenn man nämlich einige, 4 Fuß hohe, einen Fuß dicke Mäuerchen aus Luftziegeln und von Holzklötzen und Balken gestützt, mit diesem Titel beehren will. Auf der Gegenpartei mag es wohl auch nicht viel besser aussehen, und so stehen sich denn die Löwen kampfgerüstet einander gegenüber.
Der Hauptkern dieser ewig wiederkehrenden Katzbalgereien, die das arme Land nur aussaugen und keinen gedeihlichen Zustand zur Blüthe kommen lassen, beruht auf einem individuellen Streite der Machthaber von Leon und Granada, und diesmal scheint mir die Granadiner Partei insofern im Rechte zu sein, als sie einen, meiner Ansicht nach, ganz vernünftigen Zusammentritt zu einer größeren Föderativrepublik zum Feldgeschrei haben, während die Leoneser eine Art von Sonderbündelei im Schilde führen, aus der natürlich immer wieder neuer Same der Zwietracht erwachsen muß. Das Seltsamste dabei ist aber, daß die ganze Sache sich eigentlich nur um das Privatinteresse von etwa einem Dutzend tonangebender Personen dreht, die Hauptmasse der Bevölkerung derselben ziemlich fremd bleibt und nur insofern Interesse daran hat, als sie immer wieder das blutende Opfer dieser Kämpfe werden muß; von wahrem Patriotismus, freudiger Hingebung an das allgemeine Wohl des Vaterlandes habe ich aber verwünscht wenig bemerkt, trotzdem die Leute derlei pomphafte Reden ewig im Munde führen.
Solche Wahrnehmungen, so viel sie auch zur Erweiterung meiner Welt- und Menschenkenntniß beitragen, betrüben doch recht herzlich in einem Alter, das noch für allerhand schöne und ideale Illusionen empfänglich ist. Hat man auch endlich hier und da noch einige edle Züge entdeckt, so schrumpfen bei näherer Prüfung auch davon noch die meisten zu einer gedörrten Frucht zusammen, die sich nur das Ansehen einer frischen zu geben strebt. So jung ich auch noch bin und so wenig Welterfahrung ich auch in dieser Hinsicht noch gesammelt, ist mir doch der Appetit nach mehren schon ziemlich vergangen.
VIII.
Der geendigte Krieg in Nicaragua. -- Aufregung in Granada. -- Unangenehme Conflicte. -- Meeting in Massaga. -- Hauptquartier in Managua. -- Don Fruto Chamorro. -- Gefecht von Nagarote. -- Erkrankung. -- Gefecht von Chinandega. -- Mißverhältniß der Streitkräfte. -- Vertrag von Posolteja. -- Treubruch des Generals Lopez. -- Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. -- Traurige Aussichten.
Leon, d. 1. December 1851.