Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers
Part 6
Nachdem ich einige Ruhetage benutzt hatte, um aus dem Mr. Squier gehörigen und hier zurückgelassenen Eigenthume für mich ein starkes und rasches Pferd mit Sattel und Packtaschen, für einen Diener ein kräftiges Maulthier zu wählen, die Büchse und meine herrlichen Revolvers[1], ein Reisegeschenk meines ehrenwerthen Gönners de Rhame in New-York, vom Schmutze der Reise zu reinigen, frisch zu laden und einige Munition nebst Wäsche einzupacken, während ich von meinem freundlichen Wirthe, Don Narciso Espinosa, eine leichte Vogelflinte nebst einer unbändig langen Doppelpistole für meinen tapfern Sancho Pansa geliehen hatte, trat ich am 9. Juli meine Reise =in nomine domini= an. Es circulirten eine Menge Gerüchte über Unsicherheit der Straßen, und ein Halbdutzend Morde, welche im Laufe der letzten Monate vorgefallen waren, bestätigten dieselben allerdings in nicht erfreulicher Weise. In Berücksichtigung der Regierungsdepeschen aus Washington, die ich nach Leon zu überbringen hatte, wurde mir vom Commandanten eine Escorte von zwei Lanciers angeboten; ich gestehe aber, daß ihr Ajustement und ihr ganzes Aeußere mich denn doch mehr Vertrauen in die Vorzüglichkeit meiner Waffen, meines Pferdes und meine geringe Person selbst setzen ließen. Ich dankte demnach höflichst für die Ehre, und zog es vor die Reise allein zu machen.
[1]: Sechsschüssige Pistolen.
Durch die hier zu Lande übliche Art zu reisen wird man noch lebhaft an die Zeit der fahrenden Ritter erinnert. Jeder Reisende, der sich auf irgend eine Weise Säbel und Pistolen verschaffen kann, rüstet sich damit, und in Ermangelung letzterer baumeln doch wenigstens ein paar leere Pistolenhalfter am Sattelknopfe; wenn möglich, nimmt man auch eine mit Rehposten geladene Flinte mit, die entweder quer über den Sattelknopf gelegt, oder vom Schildknappen, wie weiland dem edlen Ritter Don Quixote die Lanze, hinterdrein getragen wird. Das Gepäck hat man theils selbst in Satteltaschen bei sich, theils trägt es der Diener vor sich auf dem Maulthiere. Gewöhnlich trottirt dieser voraus, den Weg zeigend; trifft man jedoch unterwegs mit anderen Reisenden zusammen, so reiten die Caballeros voraus, während die hinterfolgenden Diener sich gegenseitig von der Tapferkeit ihrer Gebieter, der unvergleichlichen Güte ihrer Waffen und Pferde u. s. w. tüchtig etwas vorrenommiren, was mit unvermindertem Eifer in jedem Nachtquartiere fortgesetzt wird, wo dann gewöhnlich der Wirth noch die allerabsonderlich grausenhaften Geschichten von Mordthaten zu erzählen weiß, die sich kürzlich erst ganz in der Nähe zugetragen haben sollen, natürlich in der menschenfreundlichen Absicht, den oder die Reisenden wo möglich noch den nächsten Tag dazubehalten.
Beim Mahle, meist aus gekochtem Reis, Huhn, Eiern und Fisch, nebst einigen steinharten rothen Bohnen und der unvermeidlichen Tortilla (einem aus Mais gebackenen flachen Kuchen, der die Stelle des Brodes hier vertritt) bestehend, wartet der Mozo (Diener) hinter dem Stuhle seines Caballero stehend, auf, lauert aber gierig auf den Augenblick, wo dieser sich erhebend, ihm die Reste der Speisen überläßt.
Früh, wo ich meist um 3 Uhr aufbrach, um die Morgenkühle zu benutzen, kostete es stets mannichfache Mühe und Arbeit, Diener und Wirth aus dem Schlafe zu rütteln, und bis die Thiere gefüttert waren, verging dann immer noch mehr als eine Stunde, weshalb ich in der Regel das Geschäft des Wecken schon um 2 Uhr begann, nichts destoweniger aber mit einer Strohcigarre vorlieb nehmen mußte, während der Magen erst im nächsten Dorfe, oft 14-16 Miles entfernt, bedacht werden konnte. Genug, man übersetze die Abenteuer und Irrfahrten des obgenannten unsterblichen Ritters ins Moderne, und man hat das leibhafte Conterfei eines Reisenden in Central-Amerika.
Der erste Theil des Weges nach Massaga, dem ersten Haltpunkte, war durch den vielen Regen grundlos geworden, und mein armes Pferd mußte immer aus einem Sumpfloche ins andere tappen. Die Maulthiere, durch welche fast der ganze Verkehr des Landes betrieben wird, treten immer wieder in die Fußstapfen des vorangehenden Thieres, an dessen Schweif ihr Zaum gebunden ist, so daß manchmal dadurch Reihen von 16-20 hintereinander entstehen; hierdurch wird aber bei Regenwetter die Straße zu einer Reihe nebeneinander und quer darüber hinlaufender Gräben, die, mit Wasser und Schlamm gefüllt, das Reiten ungemein erschweren, und da die hiesigen Pferde sehr kleinen Schlages sind, kaum 14 Hand hoch, so werden die Füße des Reiters mit den 4 bis 5 Zoll langen großgeräderten Sporen weidlich in den Koth getaucht. Ich zumal hatte oft Gelegenheit Betrachtungen darüber anzustellen, warum der liebe Himmel gerade mich mit so unziemlich langem Pedal ausstatten mußte. Bei besserem Wege ist die Gangart der hiesigen Pferde eine sehr angenehme Art von Paß, =paso picarro= hier zu Lande genannt. Ueberhaupt ist die Race ganz vortrefflich für hiesige Gegend, obschon man auf Broadway, in Hydepark oder dem Bois de Boulogne, im Berliner Thiergarten oder im Wiener Prater eben nicht sonderliche Bewunderung damit erregen würde.
Da es noch früh am Tage war, begegnete ich langen Zügen von Indianern, welche ihre Produkte, als: Mais, Bohnen, Cacao und Taback, zu Markte trugen, die, theils auf Pferden, theils in Netzen auf dem Rücken hängend, an einem breiten Gurt über die Stirn getragen wurden, wie man dies auch zuweilen in den Schweizerbergen sieht, eine abscheuliche Mode, die den Leuten das Aussehen von Zugochsen giebt. Mir erschien diese Art von Kopfarbeit eine höchst anstrengende, wie auch als der Grund der vielen Kröpfe, die ich hier herum wahrnahm.
Der Weg schlängelt sich theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald, bemerkenswerth durch die mächtigen und häufigen Gummibäume, theils führt er hin zwischen Bananen- und Indigofelder, umgeben von 5 bis 6 Fuß hohen wilden Ananas-Hecken. Hier und da bietet sich von der Höhe eines Hügels eine entzückende Aussicht nach den Seen von Granada und Managua und dem Tipitapa-River, begränzt von den lachendsten, fruchtbarsten Ebenen und majestätischen Gebirgszügen mit sanft ansteigenden Vorhügeln in den schönsten Formen und geschmückt mit aller Pracht und Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Beim großen Gott! dies Land ist ein wahres Paradies und könnte Wunder wirken, Millionen fleißiger Hände ernähren, wäre es nicht von solch träger, kurzsichtiger und geistig beschränkter Bevölkerung bewohnet, welche es nicht versteht, oder nicht verstehen will, diesem gottgesegneten Boden einen auch nur einigermaßen erheblichen Tribut aufzuerlegen.
Massaga, wo ein kräftiges Frühstück mich und meinen Diener, süßer junger Mais die Thiere erquickte, ist ein niedliches Städtchen, oder großer Flecken, mit nicht unbeträchtlichem Markt für einheimische Produkte. Ein großer Theil der Ortsbevölkerung wohnt freilich nur in indianischen Rohrhütten, allein der Fleiß derselben sticht vortheilhaft gegen andere Ortschaften ab, die ich später sah. Selbst Frauen, welche Früchte zu Markte trugen, flochten im Gehen Strohhüte und Matten von recht zierlicher Arbeit, und weniger als anderswo sah ich hier die Leute in ihren Hammocks faullenzen. Trotzdem waltet aber auch hier immer noch dieselbe indianische Halsstarrigkeit gegen alle und jede Verbesserung vor, die ihre Arbeit nutzbringender machen könnte.
In dem kleinen, jenseits Massaga gelegenen Dörfchen Indiery sah ich zufällig das Begräbniß eines jungen indianischen Mädchens mit an, während unsere Thiere gefüttert wurden.
Die Leiche ward auf einer Bahre, ohne Sarg, blos der Körper mit einem Leinentuche bedeckt, das Gesicht, dessen schöne unschuldvolle Züge selbst der Tod nicht zu verunstalten vermocht hatte, jedoch offen getragen. Vorauf zogen sechs Musikanten mit zwei Geigen, zwei Flöten, einem Waldhorne und einem Violoncello, hinter ihnen der arme Dorfpfarrer, Gebete sprechend. Die Musik war eigentlich mehr ein sonderbarer Wirrwarr von Tönen zu nennen, die nur bei einigen öfters wiederkehrenden Gebetformeln sich zu einer Art von Accord einigten.
Beim Grabe, einer kleinen, kaum einige Fuß tiefen Grube, auf dem Platze vor der Kirche angelangt, ward nach kurzem Ceremoniel die Leiche in die Grube gelegt, jeder der wenigen Leidtragenden warf seine Hand voll Erde darauf und ein paar Leute mit Schaufeln thaten in kaum drei, vier Minuten den Rest. Ein Bündelchen Raketen zischte in die Luft empor, das Aufschwingen der Seele gen Himmel andeutend, wie mir einer der Anwesenden erklärte, und jetzt zum erstenmale einte sich das bisherige Tongewirre der Musikanten zu einer wirklichen Melodie, in der ich zu meiner großen Ueberraschung das liebliche Lied der Brautjungfern in unseres herrlichen Webers Freischütz, wenn auch etwas naturalistisch verstümmelt, wieder erkannte. Wie dies Lied den Weg bis hierher in die Tropenwelt gefunden, mag der Himmel wissen.
Ich kann nicht sagen ob es die Erinnerung war, welche diese aus holder Kinderzeit herüberklingenden heimischen Töne in mir erweckte, oder was sonst, so viel aber ist gewiß, daß weder das pomphafteste Trauergepränge, noch die vollstimmigsten und kunstvollsten Trauerhymnen, noch die schönsten Grabreden jemals einen rührenderen Eindruck auf mich hervorgebracht haben, als diese kindlich naiven Töne und die noch naivere Raketensymbolik neben diesem frischen Grabe einer kaum im Entfalten schon dahingerafften Blüthe. Der Zufall ist oft poetischer, als das poetischste Raffinement!
Als eine Viertelstunde später die Thiere getränkt und gefüttert waren und ich wieder da vorbeiritt, spielten die Kinder schon wieder harmlos und fröhlich auf der Stelle, die eine kaum merkliche Erhöhung als ein Grab andeutete, da ja der jugendliche Körper nur wenig Raum einnahm.
V.
Lavafelder. -- Managua. -- Reisebekanntschaft. -- Landschaftliches. -- Puebla nuova. -- Ein Raubmord. -- Nächtliche Störung. -- Ankunft in Leon.
Fünf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Dörfchen passirt, die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thätigkeit beschränkt sich nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner Salzsee auf der Südseite, welcher einen andern Krater ausfüllt, so wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende Lavafelder, geben Zeugniß seiner früheren Verheerungen. Ueberhaupt ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten Lavaströmen bedeckt, welche die alles überwuchernde üppige Vegetation später mit neuem Leben bekleidet hat. Ein großer Theil der Quellen ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen beträchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir besonders eine Menge seltsamer Höhlen auf, ähnlich ungeheuren Backöfen, wahrscheinlich herrührend von den durch sich entwickelnde Gase gebildeten Blasen.
Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer Heftigkeit los. »Donnere du bis du es satt hast!« dachte ich, und wickelte mich zum Schutze gegen die herabströmende Sündfluth in meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhüllt, während der Kopf durch einen breitkrämpigen Hut geschützt wird; mein armes Pferd aber schritt schwermüthig auf der, in einen Gießbach verwandelten Straße einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, höchst kleinlaut und verdrüßlich auf seinem Maulthiere hockend.
Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten, eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz der gesetzgebenden Versammlung, übrigens durch nichts bemerkbar als durch eine nicht unschöne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur, in dem oben erwähnten Mischlingsstyl.
Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, daß sein Reisegefährte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente Trunkenheit die Reise äußerst beschwerlich und unangenehm machte. Die regelmäßig schönen Gesichtszüge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung, gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr gemeinschaftlich auf, den lästigen Trunkenbold zurücklassend, der noch seinen gestrigen Rausch ausschlief.
Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines Vaterlandes mit durchgekämpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren, die friedliche Beschäftigung des Landmannes erwählt, und war jetzt auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schätze dieses Landes auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der blühendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten, die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufällig den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berühmt gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, war und blieb er für mich nur Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph.
Hinter Managua führt der Weg über eine steile, mit großen Felsbrocken bedeckte Anhöhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren mußten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel, wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzückten Blicken entrollte. Südöstlich sahen wir noch den See von Granada, nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf zu uns herauf tönte, dehnte sich langhin das schöne Thal von Leon, über welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt über die Wolken erhob.
Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist fortwährend durchbrochen von üppigen Wiesenflächen, in deren hohem Grase schöne Rinder, größer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und muntere Stuten mit ihren Füllen weideten. Die einzige Calamität dieses gesegneten Landes ist der Mangel an fließendem Wasser, denn während der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tümpel meist austrocknen, der Wald, seines grünen Blätterschmuckes beraubt, nur noch in brillantem rothen und gelben Blätterkleide erscheint, irrt das geängstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwärmen von Insecten, dumpf brüllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen Durst gemeinsam mit dem schüchternen Reh und dem possirlichen Affen zu stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugniß, wie viele schon als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren.
In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen Details eines nur vor wenig Tagen erst verübten Raubmordes, den ich, als ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hörte, für eine der gewöhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erlös der geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenständen mit sich auf einem Ochsenkarren geführt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den Karrenführer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gräuelthat man sogar ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke hinter Pueblo nuevo überfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stück Wegs hinter dem Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von Entschlossenheit und großer Körperkraft, leistete er waffenlos nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den übrigen hinterrücks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein Bündel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag über den Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der todtähnliche Capitain in ein nahes Gebüsch geschleppt, der Karren des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht transportablen Gegenstände beraubt, die Banditen aber verschwunden. Einige Amerikaner, -- die ich später in Leon kennen lernte -- des Weges kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Räubern eine Strecke nach, aber ohne Erfolg. Sie mußten sich damit begnügen den Verwundeten, der noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar gutmüthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus Leon, =Dr.= Livingston und =Dr.= Seidel, ein Sachse, die man schnell von dorther zu Hülfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fünfzehn Hieb- und Stichwunden und zwei Knochenbrüche an dem Unglücklichen, der trotz aller angewandten ärztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Große Erbitterung herrscht hier über diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenräumen bereits mehre vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird Judge Lynch, glaube ich, auf tüchtige Beschäftigung rechnen können.
Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fühlte sich bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke heiterten ihn indeß ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon abgeholt, um von dort über Realejo auf einem englischen Schiffe in seine Heimath befördert zu werden.
Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das Todesbett des unglücklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhöhet, sind doch 45 Miles zu Pferd ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen und ich entschlummerte sanft, während Mr. Joseph ein Gleiches auf der anderen Strohmatte that.
Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Geräusch; die Thüre ins Freie stand auf, ich hörte an meinem Gepäck zerren und ein unbekanntes Etwas dumpf brummen. »=En garde!=« rief ich, und das Knacken eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefährten herüber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich möge schnell Licht machen, er wolle die Thüre vertheidigen. Die eintretende Helle überzeugte uns jedoch, daß der vermeintliche Spitzbube nur ein friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schönen Vogelbälge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen Studien durch einige Hiebe zu dämpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den Weg, um Leon wo möglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen.
Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwährende Geschrei der Hähne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit gegen das alte Mährchen, daß die Hunde in diesen Tropenländern stumm wären, recht eindringlich protestiren. -- Eine höchst praktische Schutzwehr der Höfe bilden hier die Cactushecken, welche sich pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer Höhe von 8 bis 10 Fuß ringsherumziehen, und vorzüglich zum Abhalten der Jaguare geeignet sind, die sich häufig des Nachts zu ihrem Schmause Hunde aus den Dörfern holen.
Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das an Schönheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande der Welt übertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Fleiß angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Maße. Dabei habe ich bis jetzt noch nirgend gesehen, daß die Cultur wirklich so zur Verschönerung der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60 Acres betragen und sich dazwischen immer Gebüsche und schöngezeichnete reiche Baumgruppen hinziehen, während dichte Waldung da und dort einen, bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht. Inmitten dieser großen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen, lieblich auf Hügelhängen an einem kleinen Fluße, zwischen majestätischen Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen ihre vom Morgenwinde bewegten Häupter auf zierlichen Stämmen; jenseits der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher fünf Vulkane fortwährend Rauchsäulen gleich gigantischen Stoßseufzern, gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnißvollen Thätigkeit tief im Schooße der Erde. Im Osten steht der Monotombo, über 6000 Fuß hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fuß hoch, als die gewaltigen Strebefeiler dieser Riesenmauer, während der stille Ocean sich am fernen Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht.
Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Händedruck schied ich von meinem liebenswürdigen Reisegefährten, der seine Fahrt nach Realejo fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, weiß Gott allein.
VI.
Freundliche Aufnahme in Leon. -- General Munnoz. -- Ein demüthiger Apostel Christi. -- Rückkehr nach Granada.
Ich fand für mich, für Diener und Thiere eine gastliche Aufnahme im Hause des =Dr.= Livingston, eines sehr geachteten Arztes, dem ich meine Depeschen, gleich einer Art von Empfehlungsbrief vom Pferde herab überreichte. Ehe ich mir jedoch Ruhe vergönnte, machte ich mich auf, gestiefelt, bespornt und staubbedeckt, wie ich war, vor allen Dingen diese Depeschen abzugeben, die mir dringend ans Herz gelegt waren und wozu ich noch besondere Veranlassung in den kriegerischen Gerüchten fand, welche überall laut wurden. Später habe ich mich jedoch überzeugt, daß dergleichen hier eben nicht viel zu bedeuten hat. Man schreit und zankt sich eine Weile herum, feuert, wenns hoch kommt, ein paar Dutzend Flintenschüsse ab, sperrt auch vielleicht hinterher einige Hauptschreier auf kürzere oder längere Zeit ins Loch, dann ist alles vorbei, um in einigen Monaten wieder von vorn anzufangen.
Von meinem Empfange bei der Regierung ist nicht viel zu sagen. Schon vielfach ist das Lächerliche eines kleinen Staates, gleichviel ob Republik oder Monarchie, ohne inneren Gehalt, ohne Macht und äußern Einfluß, der sich aber gleichwohl das Ansehen und Gewicht eines größeren geben möchte, besprochen worden. Der Unterschied zwischen Washington und Leon ist ungefähr dem eines Empfanges am Hofe von St. Petersburg und eines in Bernburg zu vergleichen. General Munnoz, der eine Art von Dictatorrolle spielt, war noch in Unter-Inexpressibles, warf aber schnell ein kleines gelbes spanisches Mäntelchen um, das wahrscheinlich eine Art von Interimsuniform vorstellen sollte. Ich ward übrigens äußerst freundlich und zuvorkommend aufgenommen und in mehren Häusern ward mir Wohnung und Unterhalt angeboten. Ich zog es jedoch vor da zu bleiben, wo ich war, d. h. bei =Dr.= Livingston, wo ich mich einer trefflichen Verpflegung und wahrhaft liebenswürdigen Umganges zu erfreuen hatte.