Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers
Part 5
Am Fuß des Castells liegt ein Rancho (Rohrhütte). Hr. W., ein Agent der Canalcompagnie, ist mit einer Anzahl Indianer beschäftigt einen Landungsplatz für das Dampfboot zu bauen. Er klagte sehr über die Schwierigkeit, die Indianer zu guten Arbeitern zu machen. Mit Ausnahme einiger Aexte, die von der Compagnie geliefert wurden, bedienen sie sich lediglich der Macheta. Dies ist ein Messer, welches, je nach der Sitte des Landes, von der Größe eines langen Dolches bis zu einem sehr schwerfälligen Säbel anwächst, und zum mannichfachsten Gebrauch dient. Man haut damit sein Holz, baut ein Haus, was jedoch bei diesen Rohrhütten nicht viel sagen will, schneidet Fleisch und braucht es als Waffe. Die Indianer hackten damit nach Anweisung am Holz herum, und schienen sich zuletzt selbst zu wundern, wenn ein Stamm zurecht gehauen war. Es wird bald der Plankenweg fertig sein, und eben ein solcher an den Machuca gebaut werden.
Als ich von San Juan abging, war eben eines der kleinen eisernen Dampfboote angelangt, und man arbeitete an dessen Zusammensetzung; zwei andere folgen nach, und es wird in jeder der drei Hauptabtheilungen des Flusses eines gehen. Wird der Fluß angesiedelt, so werden jedenfalls an diesen Plätzen zuerst Dörfer entstehen. Bald vielleicht wird sich ein American-Eagle-Hotel oder Independence-Hotel erheben und diesem fruchtbaren Boden eine Ernte abgewonnen werden.
Zwischen beiden Bootsleuten entspann sich ein Streit, und dem einen ward mit der Macheta ein Stück aus dem Backen gehauen. In den Augen der Indianer ist jeder weiße Mann ein Doctor; durch meine Purganzen und Vomitive, sowie durch den Aderlaß war die Thatsache noch mehr festgestellt, und jetzt mußte ich =nolens volens= des Mannes Backen zusammenflicken. In Ermangelung chirurgischer Nadeln legte ich ihm mit einer gewöhnlichen Nähnadel Heftlöcher an. Der arme Teufel stand viel Schmerzen aus, doch flickte ich ihn übel und bös zusammen, und pappte schließlich ein Heftpflaster darüber; wenn die Backe schief heilt, ist's nicht meine Schuld. Lieb wäre mir es aber doch, wenn meine chirurgischen Kenntnisse nicht zu arg auf die Probe gestellt würden.
An diesem Platze waren wiederum Moskitos und Bremsen, deren Stich wie Feuer brennt, sehr lästig, daher setzten wir so schnell als möglich unsere Reise auf dem jetzt ruhiger fließenden Fluß mit günstigem Fahrwasser fort. Ich überraschte einen Kaiman im Gras schlafend, und schoß ihn durch das Blatt; er suchte noch das Wasser zu gewinnen, doch kam ich ihm zuvor, und stach ihn zweimal mit der Macheta in die Weichen, wobei er mich mit einem Schwanzschlag in das Wasser warf. Ehe ich wieder im Trockenen war, hämmerten schon die Indianer auf seinem Kopf herum, und ich konnte nur das Gebiß retten. Es war ein Weibchen, maß 11 Fuß und hatte im Magen ein ganzes Hirschkalb. Die Flußufer sind hier flach und wie überall der Boden höchst üppig.
Am 30. Mittags langten wir im Fort San Carlos an. Hier stand früher gleichfalls ein großes Fort, das die Mündung des Sees beherrschte, aber von den Engländern Ausgangs des verflossenen Jahrhunderts in Trümmer gelegt ward, in welcher Action der junge Nelson als Midshipman eine seiner ersten Waffenthaten verrichtete. Das jetzige Fort besteht aus einer verfallenen Schanze, auf derselben ein Haus für ein bis zwei Dutzend Soldaten, ein etwas besseres für den Commandanten. Neben der Flagge von Nicaragua steht eine alte vom Rost zerfressene Kanone (etwaige Schmugglerboote aufzuhalten) auf einer Laffette, deren Räder aus einem quer durchgeschnittenen Stamm bestehen. Beim Abfeuern dieses Geschützes sehe ich weniger Gefahr für den Feind als für den Artilleristen, der es loszubrennen hat. Einige Dutzend Kugeln rosten im Gras, doch liegen demontirt auch einige schöne bronzene 32-Pfünder mit der Jahreszahl 1618 im Sand. So günstig auch dieses Fort für die Vertheidigung liegt, so würde es doch in seinem jetzigen Zustande von zehn derben Leuten mit Leichtigkeit zu nehmen sein.
Die am Fort liegende Ortschaft war lange ganz verlassen, doch sind jetzt wieder einige Dutzend Rohrhütten erbaut, und bei eintretendem lebhaften Verkehr wird dieser Ort jedenfalls ein wichtiges Settlement werden; in seinem jetzigen Zustand jedoch kann es füglich mit San Juan gleichgestellt werden.
Hier ist die Douane der Republik Nicaragua, welche die Reisenden sehr quält, denn die kleinste Kiste muß ausgeladen und untersucht werden. Ich machte hier zuerst von meinen Papieren Gebrauch, und erlaubte nicht daß man mein Gepäck berührte. Die Douanenbeamten, sei's weil sie nicht verstanden oder verstehen wollten, gaben sich indeß nicht zufrieden und wollten selbst ausladen, da erschien der Douane-Inspector und der Commandant des Forts. In San Juan hatte eine Auction stattgefunden, in welcher unsere Schiffsgesellschaft, für den Fall, daß wir den 4. noch auf dem Fluß oder See sein sollten, einen Korb Champagner erstanden. Als die beiden Herren erschienen, nahm ich eine Flasche, legte sie an den Backen, und schoß den Pfropfen auf den Douane-Inspector ab, dem Commandanten meine Beglaubigung gebend. Durch beides zufrieden gestellt, leerten wir diese und noch eine Flasche auf unser gegenseitiges Wohl, während welcher Zeit der Hafencommandant sich entschuldigte, daß er meinen Salutschuß mit dem Champagner, wegen spärlicher Munition aus seinen Geschützen nicht erwiedern könne. Als die Fracht die Douane passirt hatte, schieden wir mit gegenseitigen Achtungsversicherungen.
Die Fahrt über den See, welche 110 Miles beträgt, begann wieder des Abends, allein ein ungleich lieblicherer Anblick bot sich mir, als beim Beginn der Reise. Die ungeheure Wasserfläche, nach vorn den Horizont bildend, wird rechts und links begränzt von schönen Gebirgen, und während links die große Gebirgskette sich nach Costarica hinabzieht, erheben sich inmitten des Sees die Gipfel der beiden großen Vulkane des Ometepa-Islands majestätisch in die Wolken. Links, südlich, sind die Mündungen des Rio Frio, umkränzt von üppigem Pflanzenreichthum, während Baumgruppen ganz übersäet von Purpurblüthen sich rechts erheben. Ein von Norden heraufziehendes Gewitter erfüllte die Luft mit imposanten Wolkenformen, während die abendliche Spiegelung derselben den See in reiche Farbenpracht kleidete.
Unser Boot gleitete unter seinem ärmlichen Segelwerk leise im Abendwind dahin; als jedoch das Gewitter in gewohnter Heftigkeit losbrach, getrauten sich die Bootsleute nicht dem Sturm Trotz zu bieten, und ankerten im See bis Anbruch des Tages. In der nächsten Nacht war kein so starker Wind, der Mann am Steuer aber schlief fortwährend, so daß wir uns selbst über das Boot erbarmten und mit Hülfe einer eben veröffentlichten (Colton) New-York-Karte und eines Taschencompasses weiter segelten bis Tagesanbruch.
Der See von Granada ist der größte in Centralamerika, giebt den großen canadischen Seen nicht viel nach und ist mit umfangreichen Inseln besäet, deren größte, Omatepa, zwei Vulkane von 5-6000 Fuß besitzt und 30,000 Einwohner hat. Ein in der nächsten Nacht losbrechendes Gewitter, das unser kleines Fahrzeug gleich einer Nußschale herumwarf, nöthigte uns in unmittelbarer Nähe des Landes zu ankern. Gegen Morgen ruderten wir vollends bis Granada, und vor Sonnenaufgang hatten wir neben dem kleinen amerikanischen Steamer, dem ersten, welcher diesen See befährt, geankert.
Es war der 4. Jul., der jedem amerikanischen Bürger theure Jahrestag der Unabhängigkeits-Erklärung der Vereinigten Staaten, der wie immer von der amerikanischen Flagge recht mit Ehren gefeiert wird. Bei Sonnenaufgang hißte der Steamer und die beiden Schooner die Flagge, und vom Bord stiegen eine Masse Raketen in den blauen Himmel, wir aber grüßten die stolzen Sterne und Streifen mit einer dreifachen Salve.
Wir suchten die Ausschiffung unserer Effecten zu beschleunigen, die einige Schwierigkeiten verursachte, da abermals ein Zollbeamter Einwendungen gegen die Einfuhr meines Alkohol, der allerdings hier Monopol ist, erhob, doch nach Erklärung des Zweckes gab er sich zufrieden, nur hatten sich während der Debatte eine Partie zerlumpte Soldaten, deren ganze Uniform in Flinte und Patrontasche bestand, und die meine Effecten bewachen sollten, in einige Forschungen über den Inhalt des Getränks vertieft. Bald war jedoch Alles auf einen großen zweirädrigen Ochsenkarren, dessen Räder wie die der Kanone aus einem Baumstamme geschnitten waren, geladen; das Deichselgespann ward von einem auf dem Wagen stehenden Mann nach antiker Art mit dem Speer gelenkt, voraus ging ein nackter Kerl, mit einer Art langer Decke drapirt, in der Hand die unvermeidliche Macheta, mit der er, dem Vordergespann auf das betreffende Horn hauend, die Richtung bezeichnete. Die Ochsen sind daran gewöhnt daß kein Lenkseil gebraucht wird, daher haben Zug-Ochsen oft ganz zerhackte Hörner, oft auch wird aus Mißverständniß ein Stück Ohr mit abgehauen.
Ich fand hier den bekannten Gelehrten Hrn. Fröbel, dessen Bekanntschaft ich voriges Jahr in New-York gemacht hatte, und nachdem die Freude des Wiedersehens vorüber war, brachte ich mich selbst und mein Gepäck im Hause eines Hrn. =Dr.= B. unter, der mir ein großes Zimmer freundlichst abtrat.
Es war mir endlich verstattet, nachdem ich meine Koffer und Kisten, deren Inhalt durch die viele Feuchtigkeit an einigen Stellen mit Schimmel und Moder bedeckt war, ausgepackt und gelüftet, meinen strapazirten Körper mit gründlicher Reinigung, frischer Wäsche und reinen Kleidern zu laben, und das war eine wahre Wohlthat, denn ganz bedeckt vom Schmutz des Bootes und der Wälder, kostete es mir nach jedem Bad im Fluß keine geringe Ueberwindung wieder in meine Schmutzhülle zu schlüpfen. Nach dieser nöthigen Reinigung gab ich einen Bündel Briefe ab, wobei =Dr.= B. (ein Deutscher) meinem mangelhaften Spanisch als Dolmetscher zu Hülfe kam. Ueberall ward mir der freundlichste Empfang zu Theil, denn sowohl Hr. Squier als Herr Marcoleta (Gesandter in Washington) waren sehr geachtete Persönlichkeiten, und überall erhielt ich Einladungen zum Besuch und Aufenthalt in Hacienden, von denen ich zuerst die Don Jose Sandovals, eines freundlichen alten Spaniers, benutzen werde, um einige Tage auf seinem schönen großen Besitzthum zuzubringen.
Ich war eben nach Hause zurückgekehrt als der Präsident, in Begleitung des Vice-Präsidenten, den hiesigen Amerikanern und meiner Wenigkeit zur Feier des 4. Jul. eine Einladung zu einem Festessen und Bankett überbrachte, welche ehrende Auszeichnung ich mit Dank annahm. Um 4 Uhr begab ich mich in Gesellschaft F's. und des =Dr.= B. in das Fest-Local.
Die Häuser sind nach Art der maurischen Häuser in Algier gebaut. In der Mitte ein sehr großer Hof, umgeben von Säulengängen, an welche die verschiedenen Gemächer des Hauses stoßen. Nach der Straße hin ist meist eine große Empfangs-Halle, welche hier als Fest-Local mit den Flaggen der Union und Nicaragua's und mit einer Menge ungeheurer Palmenzweige geschmückt war. Ingleichen waren die Colonnaden des Hofs durch Palmen in Baumgänge verwandelt, und da jeder Hof hier mit Pflanzen geziert ist, zwischen denen immer eine Menge zahme Papageien und andere Vögel, auch wohl zierliche Rehe herumlaufen, gewährte das Ganze einen überaus lieblichen Anblick, mehr noch als bei einbrechender Dunkelheit eine Masse von Lichtern durch das Grün schimmerten. Außer den angesehensten hier wohnhaften Bürgern der Vereinigten Staaten waren als Ehrengäste zugegen: der Präfect, der Commandant des Militärs, einige andere Beamte und einige der angesehensten Eingebornen und Franzosen.
Der Präsident, Hr. Coterell, erinnerte in kurzer Ansprache an den Zweck der Feier, und nachdem an der reichgeschmückten Tafel, auf der zwischen ganzen gebratenen Rehen und gewaltigen wilden Truthühnern nordische Leckerbissen in Gesellschaft der üppigsten Südfrüchte prangten, den gastronomischen Forschungen eine kurze Zeit gewidmet war, erhob man die Gläser, in denen rheinische Weine, Port und Madeira blinkten, und der perlende Sohn der Champagne, seiner silbernen Bande entledigt, schäumte, und brachte zuerst die bei jeder amerikanischen Feier des 4. Julius üblichen regulären Toaste, denen sich dann eine Menge anderer anschlossen.
Ein Toast aber ward durch einen sonderbaren Zufall besonders feierlich. Bei jedem Gläserklingen antwortete von der Hauptwache ein Kanonenschuß, und gegen Abend kam das unausbleibliche Gewitter wieder herauf. Es waren eben die Worte gesprochen worden: »Wir trinken in der Stille dem Andenken des großen Georg Washington!« -- Jeder brachte schweigend und erhoben sein Glas an die Lippen, da übernahm der Himmel selbst den üblichen Salutschuß durch einen furchtbaren Donnerschlag, der die Erde in ihren Grundfesten erzittern machte, und ich läugne nicht, daß ich, wie gewiß alle, das Glas mit einer Art von andächtigem Grausen leerte. Eine Musikbande spielte in der Veranda während des ganzen Mahles, und bis in späte Nachtstunden blieben die Genossen in ungezwungener Heiterkeit beisammen, welche durch die anerkennungswerthen Bestrebungen des Herrn Coterell nie die üblichen Formen der Wohlanständigkeit überschritt.
Einige Veränderungen im Ministerium und der Regierung ließen es mir räthlich erscheinen, meine Depeschen andern Tags persönlich an ihre Adressen abzugeben. Ich habe meine Reisevorbereitungen getroffen, mein Pferd ist auf Don Sandovals Hacienda gehörig ausgefüttert und stark und wohl geeignet eine strapaziöse Reise zu ertragen, die zu erwarten steht, da die Regenzeit, in der wir leben, die Wege bodenlos gemacht hat. In einer Beziehung ist mir's lieb, daß noch sechs bis acht Tage hingehen, ehe ich anfange zu malen, denn die empfangenen Eindrücke sind alle so neu und bewältigend, daß ich nothwendig dieselben erst ordnen und klar machen muß. Ich habe eine Menge der mannichfaltigsten und schönsten Gegenstände für Studien gefunden, und sobald ich meine Verpflichtungen gegen die Regierung erfüllt, werde ich mit großer Freude an die Arbeit gehen, und bleibe ich von Krankheit verschont, was ich wünsche und hoffe (denn seit ich hier bin erfreue ich mich eines ganz außerordentlichen Wohlbefindens), so denke ich ein reiches Portefeuille zu sammeln. Sehr froh bin ich, daß ich statt des Daguerreotyps, wie ich erst beabsichtigte, ein Phototyp mitgenommen, denn ein Amerikaner, der ein Daguerreotyp hieher gebracht, war ganz in Verzweiflung, daß er während der trocknen Jahreszeit keine Platte poliren konnte, da der die ganze Luft erfüllende Sandstaub alle Politur zerkratzte. Ich hoffe besonders von interessanten Gruppen der Indianer, die nicht gern still stehen sich malen zu lassen, sowie von naturhistorischen Gegenständen manche gute Beute damit zu machen, und so reut mich die für meine Umstände bedeutende Ausgabe von 150 Dollars, die ich dafür gemacht, nicht. Auf der andern Seite thut mir's sehr leid, daß ich mein Sammeln von Insecten und Vögeln nur in so kleinem Maßstab betreiben kann, da die Transport- und Packmittel für dergleichen Gegenstände sehr theuer sind und meine Kräfte übersteigen. Ich werde meinen Vorsatz, eine Collection an einige deutsche naturhistorische Cabinette zu schicken, nicht ausführen können, und außer einem Geschenk an Freund M. werde ich mich lediglich auf das Institut in Washington, das mir eine Summe für diese Zwecke zur Verfügung gestellt, beschränken müssen. Hier ist einer von den wenigen Fällen, wo ich mehr bemittelt zu sein wünschte, denn es hindert mich diese Mittellosigkeit an der Erreichung eines schönen Zwecks.
Nach meiner Rückkehr von Leon halte ich mich hier auf, um Hrn. Squiers Ankunft abzuwarten und Stadt und Umgegend auszubeuten. Sobald es die Jahreszeit erlaubt, will ich eine Besteigung des Mombatch, der über der Stadt sein Haupt erhebt und jetzt beständig in Wolken gehüllt ist, unternehmen. Mein nächster Brief wird entweder eine Beschreibung meiner Reise nach Leon, oder eine genauere Beschreibung Granada's enthalten, welches wohl derselben werth ist, denn es ist an dem schönen See mit seinen zierlichen Ufern höchst pittoresk gelegen, und bietet im Innern eine Menge malerischer Ansichten. Das Leben selbst ist ebenso reichhaltig, daß es, sowie die Verhältnisse der ganzen Stadt, vielfach malerischen Stoff bietet.
Man erwartet jetzt die Ankunft des Gesandten der Vereinigten Staaten Hrn. Kerr, den aus St. Carlos abzuholen der Dampfer gestern abgegangen ist, und zu dessen Empfang die Amerikaner für heute eine Festlichkeit bereitet haben, an welche =Dr.= B., F. und ich uns anschließen werden.
IV.
Die Stadt Granada. -- Bauart. -- Einwohner. -- Lebensweise in Central-Amerika. -- Festtage. -- Reisezurüstungen. -- Unsicherheit der Straßen. -- Art zu reisen. -- Fleiß der Indianer. -- Massaga. -- Indisches Begräbniß.
Granada, 4. Aug. 1851.
Seit ziemlich drei Wochen bin ich von meiner Excursion nach Leon wieder zurückgekehrt nach Granada und habe seitdem ungestört meine künstlerischen und wissenschaftlichen Studien beginnen können.
Granada ist, wie ich schon früher erwähnt, die bedeutendste Stadt am See gleiches Namens, mit 12-15000 Einwohner, und unter den jetzigen Umständen wohl überhaupt die wichtigste Stadt dieses Landes zu nennen. Die Zeit ihrer Gründung fällt mit der zweiten Periode der Entdeckung von Amerika zusammen. Ihre Erbauer waren jene kühnen Freibeuter, welche ein seltsames Gemisch von soldatisch roher Ritterlichkeit, gepaart mit blindem Glaubenseifer waren, mit welchen Eigenschaften sie aber doch auch eine gewisse kaufmännische Verschmitztheit verbanden.
Die Häuser, meist nur aus einem Geschoße bestehend, dessen Höhe zwischen 12 und 15 Fuß beträgt, haben durch ihre 6-8 Fuß breiten Thüren und hohen vergitterten Balconfenstern ein festungsähnliches Aussehen. Die innere Einrichtung beschrieb ich Euch bereits früher. Die Haupträume bleiben überall der mit Zierpflanzen geschmückte erste Arcadenhof und die an der Vorderfront liegende Empfangshalle, an welche gewöhnlich das Frauengemach stößt; oft auch befindet sich über letzterem noch ein Balconzimmer. Ein solches ist gegenwärtig meine Wohnung, mit wundervoller Aussicht über den See und die Gebirge. Einen zweiten oder Hinterhof, umgeben die Ställe, die Küche (in der nur auf offenem Herde gekocht wird, Bratöfen, Kochmaschinen, wie in Europa und den Verein.-Staaten, kennt man hier nicht), welche letztere zugleich dem Geflügel und sonstigem kleinen Gethier, das für jede Mahlzeit frisch geschlachtet wird, zum Aufenthalt dient. In vielen dieser Hinterhöfe befindet sich auch ein Ziehbrunnen, doch wird das Wasser mehrentheils aus dem See geholt, da die Quellen fast alle mineralischer Natur sind.
Sehr belebt ist das Seeufer bei Sonnenaufgang: Frauen und Mädchen erscheinen, mit großen irdenen Gefäßen, ähnlich den antiken Amphoren, nur etwas bauchiger, auf dem Kopf und schöpfen Wasser; Reiter und Fußgänger lustwandeln in der Morgenkühle, fast alle Besucher aber erfrischen sich mit einem Bade. Später räumen sie den Waschwannen das Feld, sowie den Schiffsleuten, welche die Waaren aus den Booten auf große, zweirädrige, von 4-6 Ochsen gezogene Karren umladen. Dann füllen sich die Straßen mit Indianern der benachbarten Dörfer und Haciendas, welche ihre Produkte zum Kaufe ausbieten. Bei geringen Entfernungen tragen sie ihre Last auf dem Kopfe, in großen hölzernen Schüsseln, von denen man auch sagen kann, sie haben ungeheure hölzerne Hüte auf, die sie umgekehrt auch zum Tragen benützen. Kleine nackte Jungen bringen auf Pferden und Maulthieren Ladungen von jungen Mais (Zakate) als Futter für die Pferde zu Markt, während die Stadtbewohner theils in ihren Läden den Verkauf betreiben, die Frauen weibliche Arbeiten oder Cigarren verfertigen; noch öfter aber liegen alle in den Hammocks, rauchend und sich schaukelnd, wozu sie von Zeit zu Zeit einen Schluck Teste, ein gar nicht übles Getränk aus Maismehl, Zucker, Cacao und Wasser nehmen. Geraucht wird aber von Mann und Weib, Jung und Alt, und oft schickt ein Vater sein kaum vierjähriges Söhnlein oder Töchterlein in die Küche, um Feuer zu holen, welche dann gravitätisch mit der brennenden Cigarre im Munde und qualmend wie Dampfessen zurückkommen.
Das Costüm der Frauen besteht in einem Unterrock von Mousselin, um die nackten Hüften gebunden und am unteren Saume mit Flittern besetzt; über dem Oberkörper tragen die besseren Classen ein kurzes, weitfaltiges Uebergewand, ähnlich dem griechischen Peplum, die niederen Classen aber den Oberkörper ganz bloß; oft auch, zumal bei Kindern, ist vollkommener Mangel an Kleidung vorhanden, was die Frauen hier anwesender Amerikaner oft veranlaßt, die Augen niederzuschlagen oder mit der Hand zu bedecken. Alle Stände aber schmücken sich die schönen, größtentheils ebenholzschwarzen Haare mit Jasminblüthen und Blumen von lebhaften Farben, was die ausdrucksvollen und oft classisch regelmäßigen Gesichter mit phantastischer Schönheit ziert. Der Gang hat, wahrscheinlich durch die Gewohnheit alle Lasten auf dem Kopfe zu tragen, etwas überaus Elastisches, was den ganzen Gestalten einen erhöhten Reiz verleiht.
Mehre schöne Kirchen, in einem seltsamen Gemisch von maurischem Charakter, spanischer Renaissance, oft mit sehr bemerkbarem Anklang von byzantinischem Style erbaut, zeugen von der früheren Macht und dem Reichthume des Clerus (bei Errichtung der Städte ward bekanntlich der zehnte Theil aller Beute auf Errichtung von Kirchen und Klöstern verwandt). Durch die häufigen Revolutionen hat sich denn freilich in dieser und anderer Hinsicht vieles geändert, da die großen Capitalisten entweder auswanderten oder durch bedeutende Contributionen sehr in Anspruch genommen wurden. Wenn auch noch hier und da ein wohlbeleibter, behäbiger Prälat auf seinem Ochsenkarren und von zwei Soldaten begleitet durch die Straßen zieht, so reitet dafür manch armer, abgemagerter Dorf-Cura (Pfarrer), nach dem Beispiele des Heilandes, als wahrhafter Apostel auf einem armseligen Eselein durch das Land, um mit christlicher Demuth auf irgend einer entfernten Hacienda dem Sterbenden eine geistliche Wegzehrung zu spenden.
An Festtagen, deren es hier, nach dem was ich bis jetzt gesehen, fast so viele als Tage im Jahr zu geben scheint, durchziehen zahlreiche Prozessionen mit Geigen und Flöten die Straßen, wobei an Weihrauch unendliche Wolken verdampfen, und an Schießpulver, knallenden und prasselnden Schwärmern, Raketen, französischen Schlägen, letztere oft zu Dutzenden auf einmal, ein Erkleckliches verpufft wird. Abends wird dann die Prozession mit Hunderten bunter Laternen fortgesetzt, was mit den Gruppen, die allabendlich plaudernd die Räume vor den Hausthüren füllen, und den erleuchteten Balconen, von denen transparente, mit Blumen geschmückte und umgebene Heiligenbilder schimmern, einen malerischen und poetischen Anblick gewährt. Oefters habe ich, spät am Abend von meinen Excursionen heimkehrend, mein Pferd angehalten, um auf die eigenen schwermüthigen kirchlichen Melodien zu horchen, oder Gruppen mit ihren Liebhabern schäkernder Mädchen zu belauschen.
Doch indem ich mich so in Schilderungen des Lebens in Granada vertiefe, vergesse ich ganz, euch von meiner Reise nach Leon zu berichten.