Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Part 4

Chapter 43,525 wordsPublic domain

Mit dem Eintritt in die Wendekreise eröffnet sich dem beobachtenden Freund der Natur eine neue Welt. Die bekannten Sternbilder des heimathlichen nordischen Himmels verschwinden allgemach, und neue fremde Sterne strahlen herab aus dem tiefblauen Aether. Die senkrecht herabfallenden Sonnenstrahlen brennen heiß auf den Scheitel, während der Schatten des Haupthaares sich auf den Füßen zeichnet, und die so beleuchteten Gegenstände mit ihren scharfen Reflexen ein seltsames fremdartiges Ansehen erhalten. Das Meer bedeckt sich des Morgens und Abends mit einem schweren Dunst, und die Sonne sinkt als ein dunkelglühender Feuerball hinab. Fremdartig gestaltete Seevögel lugen neugierig nach dem einsamen Segler, und lassen sich oft auf den Raaen des Schiffes nieder. Schlafende Riesenschildkröten sonnen sich träg in der Mittagshitze, bis Schaaren fliegender Fische, verfolgt von ihrem grimmen Feind, dem Delphin, sich mit großem Geräusch über das Wasser erheben und bald wieder in dasselbe zurückfallen, während des Menschen Feind, der gefräßige Hai, dem Lauf des Schiffes folgt, sein Opfer zu erspähen. Die dunstige Atmosphäre giebt den fernen Gebirgen eine zarte violettgraue Farbe, ist aber auch Ursache, daß diese Küstenstriche fieberisch und ungesund sind.

Ich hatte hier wiederum Gelegenheit zu bedauern, daß mir noch so vieles Wissen mangelt. Eine genauere Kenntniß der Astronomie würde mich in den Stand gesetzt haben in den schönen klaren Nächten nützliche Beobachtungen zu machen, und alles was ich thun konnte war, die astronomischen Berechnungen der Längen- und Breitengrade mitzumachen.

Südwestlich von Haiti liegt eine kleine unbewohnte Insel, ungefähr zwei Miles im Durchmesser. Windstille die uns in unmittelbarer Nähe davon überfiel, machte eine Landung auf einer Düne an der Westseite der Insel möglich; der andere Theil besteht aus Felsen, ungefähr in der Höhe von 100 bis 120 Fuß, bedeckt mit kurzem Gestrüpp. Möven, Seeraben, Boobees, Seeschwalben und Strandläufer verdunkeln die Luft und erfüllen sie mit ihrem Geschrei. Die Menge dieser Vögel ist annähernd nur mit den ungeheuern Taubenzügen zu vergleichen, welche im Herbst die canadischen Seen kreuzen, und sie umschwärmen den Menschen, dessen fremdartige Erscheinung ihnen nicht Furcht, sondern Neugierde einflößt, gleich Mückenschwärmen. Ich beabsichtigte einige Specimen zu schießen, fand dies aber unnöthig, da unsere Matrosen die Vögel mit Knüppeln und Steinen aus der Luft herabwarfen, und ich selbst einen lebendig mit meinem Schnupftuch und darein gebundenen Stein fing. Der Boden besteht aus Sand und rundlichen Kieseln, zwischen denen spärliche Gräser sproßten, stellenweise deckte aber eine dicke Kruste der Excremente der Vögel den Boden. Das Wasser wimmelt buchstäblich von Fischen.

Leider war es nicht möglich den felsigen Theil der Insel zu untersuchen, denn ein schnell heraufziehendes Gewitter machte unsere schleunige Rückkehr nöthig, und in der That hatten wir auch nur Zeit das Schiff zu erreichen, als der losbrechende Sturm und die hohl gehende See es schon für unser Boot unmöglich machten länger See zu halten. Die eingesammelten Eier, sowie einige frische Fische mundeten uns köstlich. Der Sturm, welcher unsere Untersuchung so unangenehm unterbrochen hatte, förderte unsere Reise trefflich, so daß wir schon am 14. Morgens weit südwestlich von Jamaica waren.

Von jetzt an war unsere Reise wiederum unausgesetzt von Stürmen begleitet, und ich lernte hier zuerst die Macht eines tropischen Gewitters kennen. Oft scheint der ganze Horizont in Feuer zu stehen, und der Donner kracht, als ob hundert Kanonen zugleich abgefeuert würden. Dazu peitscht ein mächtiger Wind die Wogen, daß sich die Masten, trotz der wenigen Leinwand, gleich dünnen Gerten biegen, und eine neue Sündfluth scheint alles Lebendige von der Welt wegwaschen zu wollen. Wegen der großen Nähe der Küste und der vielen kleinen Inseln und Riffe war unsere Lage nicht ganz gefahrlos, doch stieß uns kein weiterer Unglücksfall zu, als daß durch das von der großen Hitze leck gewordene Deck eine Menge Wasser hereinströmte, das uns unsere Cojen und einen Theil unseres Gepäcks jämmerlich durchweichte. Mir ward durch diesen Umstand ein unangenehmer Verlust verursacht, da mehrere für das Daguerreotyp nöthige Chemikalien mir verdarben -- ein Verlust den ich jedoch dadurch auszugleichen hoffe, daß ich umgehend Nachricht an Hrn. Squier sende, der, augenblicklich noch durch Geschäfte in New-York zurückgehalten, in der Mitte nächsten Monats gleichfalls hieher abreisen wird.

Die kleinen Inseln, welche wir passirten, gewährten einen überaus lieblichen Anblick, so z. B. Little und Great Corn Island, mit in frischem Grün prangenden Hügeln und kleinen Gehölzen mit Cocospalmen durchstreut. Endlich am 18. Morgens zeigte sich die ersehnte Küste unsern Augen. Langgedehntes Hügelland, nach der See das Ufer ganz flach, überall jedoch in der üppigsten Vegetation prangend. Eine kleine Pirogue aus Mahogany mit zwei Indianern bemannt, brachte einen Piloten an Bord, und wir liefen in der Rhede ein als just der Steamer Mexico dieselbe verließ. Ich mußte lächeln als auf unsere aufgehißten Sterne und Streifen von der Küste die Flagge des imaginären Mosquitoreiches uns Antwort gab, blau und weißgestreift, in der Ecke ein rothes Doppelkreuz auf weißem Grunde. Bald brachte uns ein Boot, gleichfalls unter der Mosquitoflagge, den Hafencapitain und den Hafenarzt an Bord, und als nach wenigen Minuten uns beide verließen, machte ich von ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch und benutzte das Boot, um an Land zu gehen.

San Juan de Nicaragua oder Greytown, wie es die Engländer in der Neuzeit getauft haben, ist eine abenteuerlich aussehende Niederlassung von 4 bis 500 Einwohnern, von denen drei Fünftel Indianer oder Neger sind. Es liegt an der Mündung des St. Juan Flusses an einem ungesunden Platz, und ist ringsum von undurchdringlichem Wald eingeschlossen, von dem eben nicht mehr niedergehauen ist als nöthig um den jämmerlichen Schilfhütten, an die sich in der Neuzeit einige Bretterhäuser der neueren Ansiedler angeschlossen, Raum zu schaffen. Die Einwohner leben lediglich vom Umsatz der importirten Produkte gegen die Roherzeugnisse des Binnenlandes. Cultur ist gar keine da; Korn, Kartoffeln etc. beziehen sie von oberhalb der Seen oder von Bluefield, 30 bis 40 Miles weiter hin an der Küste; einige Pferde, weniges Vieh und einige Bungos (Flußboote) bilden den ganzen Reichthum. In der ziemlich geräumigen Bay liegt ein englischer Kriegsschooner vor Anker, und in einer Baracke zunächst der des Königs der Mosquitos, die zugleich Posthaus und Gouvernementshaus ist, eine Besatzung von 15 bis 20 blaubejackten Negersoldaten.

Ich nahm ein kleines Zimmer in einem neuerbauten Gasthaus des Hn. Wiener für 1½ Doll. täglich, und vertreibe mir nun, bis ich meinen Bungo bekommen kann um den Fluß hinaufzureisen, nach besten Kräften die Zeit mit Zeichnen, Sammeln von Pflanzen, Vogelbälgen und Reptilien und der Alligatorjagd, damit ich die Rückfahrt unseres Schiffes nach New-York benützen kann, um eine kleine Sendung gleich von hier zurückzuschicken. Hoffentlich wird mein Aufenthalt möglichst kurz sein, denn einestheils wünsche ich aus diesem Land des Fiebers hinwegzukommen, anderntheils brenne ich vor Begierde mich recht gründlich mit dem Studium der tropischen Natur, von der die Küste nur einen schwachen Abglanz bietet, in Granada zu beschäftigen, wo ich einen angenehmeren Aufenthalt habe, und Herrn Squiers Ankunft abwarten werde. Der amerikanische Steamer Prometheus, der in diesen Tagen ankommen muß, mag diesen Brief, den ersten aus so großer Entfernung, mitnehmen, der nächste wird aus Granada datirt sein, und euch Näheres über meine Flußreise berichten, die jedenfalls sehr beschwerlich sein und 9 bis 10 Tage dauern wird. Mein Befinden ist bis jetzt außerordentlich gut, und soll's, so Gott will, bleiben, da ich eine sehr strenge Diät beobachte, auch in Hinsicht der Strapazen, sowie in Bezug auf das Aussetzen der Sonnenhitze die Regeln der Vorsicht befolge.

III.

Vorbereitungen zur Flußfahrt. -- Das Bungo. -- Abreise von San Juan. -- San-Juan-River. -- Clima. -- Fruchtbarkeit. -- Die Machuca-Rapids. -- Verunglückte Tigerjagd. -- Unwetter. --Aerztliche Hülfe. -- Castillo Viego. -- Prophezeihung. -- Der Wundarzt wider Willen. -- San Carlos. -- Douane. -- See von Granada. -- Ankunft in Granada. -- Gastfreundlichkeit. -- Jahresfeier des 4. Juli.

Granada de Nicaragua, 6. Juli 1851.

Ich habe euch, meine Lieben, jetzt schon über 14 Tage in St. Juan, wo ich am Schluß meines letzten Briefes von euch Abschied nahm, sitzen lassen, und erlöse euch jetzt mit um so größerem Vergnügen, als der dortige Aufenthalt keineswegs ein angenehmer war.

St. Juan liegt an der Mosquitoküste im wahren Sinne des Worts, urtheilt darnach. Gegenüber der Mündung des San Juan und einer ziemlich guten und geräumigen Rhede, von der indeß ein Theil versandet, streckt sich eine Reihe jämmerlicher Rohrhütten hin, mit den früher erwähnten Bretterhäusern neueingewanderter Handelsleute dazwischen. Mit Ausnahme eines kaum einen Büchsenschuß breiten Sandstriches an der Küste, ist dem Urwald kaum so viel Raum abgewonnen als für die Häuser nöthig; daher giebt es keine mannichfachen Spaziergänge, da der ringsum dicht verwachsene Wald keinen andern Pfad erlaubt als den man sich selbst mit der Macheta (Messer) durch die Schlingpflanzen haut. Hinter dem Ort liegen einige kleine Teiche (=lagunas=), welche am obern Ende leicht mit dem Fluß, am untern mit der See eine gute Abkürzung der Canallinie bilden könnten, da sie hinreichende Wassertiefe besitzen sollen.

Wie ich bereits erwähnt, nahmen mich Capitain F., der Hafencommandant, und Capitain J., Commandant des Schooners, mit ächt britischer Gastfreundschaft auf, die mir die wenigen angenehmen Stunden bereitete, die man überhaupt in diesem Ort verleben kann. Da die amtliche Stellung dieser Herren mich nicht direct berührte, war mir's um so mehr vergönnt, mich ihrer gastfreundlichen Güte zu erfreuen. Capitain J. holte mich mehrfach mit seinem Gig ab, um in der Bay und auf dem Fluß Alligatoren zu jagen, und neben mehreren kleinen hatten wir eines Tages das Glück einen großen alten Burschen von 16½ Fuß zu erlegen, den ich im Sand vergrub, um bei der Heimkehr das Gerippe mitzunehmen.

Da keine einzelne Passage nach Granada zu bekommen war, so benutzte ich das Anerbieten des Herrn Ligaud, eines bei St. Juan ansässigen Franzosen, und miethete im Verein mit meinem früheren Reisegefährten ein ganzes Bungo (Flußboot) zum Preis von 100 Dollars, das wir mit Fracht beluden, und bestiegen mit noch zwei Amerikanern aus Granada als Passagiere das Boot. Ein solches Bungo ist von ziemlich roher Construction, oft großentheils aus einem einzigen Stamm gehöhlt, größere jedoch aus Planken gefügt, doch wegen der schwer zu passirenden Stromschnellen ziemlich fest gebaut. Der unsrige war ungefähr 50 bis 55 Fuß lang, bemannt mit 9 Bootsleuten und dem Patron. Letzterer steht auf einer Art kleinen Quarterdecks, und hält in reitender Stellung das Steuer zwischen den Füßen, da in den Stromschnellen das Boot mit Hülfe langer Stangen regiert wird. Die Bootsleute führen Ruder von etwa 15 Fuß Länge, stehen bei jedem Schlag auf und hängen sich rückwärts gelehnt mit der ganzen Schwere des Körpers an das Ruder, wobei sie jedesmal mit dem Sitztheil derb auf den Rudersitz aufstoßen. Die Passagiere befinden sich unter einem kleinen Dach im Hintertheil des Bootes, und liegen auf ihren Koffern, da der Raum unter den Ruderbänken für Frachtgüter benutzt wird. Da wir im Boot querüber liegen mußten, hatten wir viel Ungemach auszustehen, besonders ich, da das Boot nur 5 Fuß breit, ich aber thatsächlich 6 Fuß lang bin.

* * * * *

Am 23. Junius stießen wir vom Ufer und kreuzten die Bay nach der Flußmündung hin. Die schweren Regenwolken hatten sich etwas zertheilt, und die glühende tropische Sonne beleuchtete mit ihren letzten Strahlen den ersten Schritt meiner Reise ins Innere. Unsere Freunde winkten uns vom Ufer ein Lebewohl, und als das Kriegsschiff den Abendschuß abfeuerte, antworteten wir durch eine Salve unserer Feuerwaffen (Flinten und Pistolen waren Alles in Allem nicht mehr als 34 Läufe an Bord). Nur eine kurze Strecke fuhren wir den Fluß hinauf, dann nöthigte uns die, in den Tropen sofort nach Sonnenuntergang hereinbrechende Dunkelheit Anker zu werfen.

Die Hitze trieb mich aus der kleinen Cajüte, und ich lagerte auf dem Dach, während die Bootsleute, jeder auf seinem Rudersitz, in die Decke gewickelt schliefen. Die Nacht war hell, und mein Auge schweifte in den unbekannten neuen Sternbildern umher, bis es auf dem südlichen Kreuz, dem einzigen traditionell bekannten Sternbild, haften blieb; die Gedanken aber schweiften weit hinüber in die deutsche Heimath, an der, obschon getrennt von ihr, mein Herz mit warmer Liebe und dankbarer Rückerinnerung frohverlebter Jugendjahre hängt. Ich entschlief erst spät, doch trieben mich schon früh Moskitos und Thau, der mich trotz meiner Regendecke ganz durchnäßt hatte, auf, noch ehe die Indianer ihre Morgengebete für glückliche Reise sagen.

Giftige Nebel machen die Flußreise gefährlich, und sind Ursache, daß die Flußmündungen Fieber und Tod aushauchen. Die Ufer sind mit dichten, ewig feuchten Waldungen bedeckt, die von gefährlichem Gewürm angefüllt sind, und des Nachts tönt das klägliche Geheul des Schakals, zu dem oft das Gebrüll des Jaguars kommt, widerlich ins Ohr. Im Fluß lauert der grimme Kaiman, versteckt im Wasser oder hohem Gras auf seine Beute, und manch argloses Thier, Trank oder Kühlung suchend, wird vom Schlag seines Schuppenschwanzes niedergestreckt, während in der Höhe der Bäume selbst die Boa Constrictor manchen possierlichen Affen überfällt, oder einen brütenden Vogel in der Vertheidigung seines Nestes würgt. Die Vegetation ist so überaus üppig, daß nur an wenigen Stellen des Ufers eine Landung möglich ist; deshalb pflegt man nur einmal des Tages zu kochen, was wegen des feuchten Holzes zwei Stunden Aufenthalt verursacht. Bei jedem Schritt versperrt dichtes Gesträuch und Lianen den Weg, den man oft genug sich mühsam durchhauen muß. Der Boden jedoch ist von der fruchtbarsten Beschaffenheit, und wird, hat sich erst die Cultur Bahn gebrochen, die ergiebigsten Ernten liefern. Nur wird das Loos der ersten Ansiedler ein hartes sein, da der Nordländer das Klima erst gewohnt werden muß.

Zu trinken hatten wir nichts als das schmutzige warme Flußwasser. Die während des Tages außerordentliche große Hitze veranlaßt oft Alles über Bord zu gehen, um sich so viel als möglich im Bad zu erfrischen, und die nackten Zambos (Mischling von Indianer und Neger, ein schöner und starker Menschenschlag) springen oft ganz vom Schweiß triefend ins Wasser, ohne üble Folgen zu spüren.

Wir ankerten an der Mündung des Colorado, eines Arms des San Juan, der südlich entweicht, und hier dürfte ein Damm für den Canal nöthig werden, um durch die große Wassermasse, die hier verloren geht, die hinderlichen Triebsandbänke zu entfernen. Hier ist eine der schönsten Flußstellen: Bäume von 150 Fuß in den schönsten Formen decken die Ufer, gekleidet in saftiges Grün, geschmückt mit gelben, violetten und rothen Blüthen. Riesenhafte Schlingpflanzen, oft von der Dicke eines jungen Baumstammes, winden sich in die höchsten Gipfel, von wo sie sich wieder bis zum Wasserspiegel herabsenken; Schwärme buntgefiederter Papageien durchkreuzen die Luft nach allen Richtungen, während Massen der verschiedenartigsten Reiher (ich zählte deren dreizehn Gattungen) und mannichfache Specimen von Affen vorkommen, und von Insecten eine wahre Fülle vorhanden ist. Da es mir an Schrot fehlte, zerschnitt ich mit vieler Mühe einige Pistolenkugeln und tödtete mehrere Vögel, deren Bälge ich aufbewahrte. Gar zu gern würde ich mehr sammeln, da aber die Transportmittel sehr schwierig und mithin theuer sind, habe ich keine Hoffnung diese wissenschaftlichen Schätze mit mir nehmen zu können.

Den 26. passirten wir den Serapique-River, am 27. den San Carlos-River, beide von Süden kommend und sich mit dem San Juan verbindend. An letzteren werden die ersten Berge sichtbar, und die Moskitos waren weniger häufig, mir sehr angenehm, da ich kaum mehr einen Finger bewegen konnte, so geschwollen und zerstochen war ich. Mehrere Arten wilder Enten kamen vor, bis zur Größe einer Gans, und ich sah hier zum erstenmal Enten auf Bäume fliegen. Wir verspeisten einige, welche das große Blei meiner Büchse zu sehr zerrissen, und fanden sie höchst schmackhaft, weniger jedoch die Affen, die wir auch kosteten, jedoch den Bootsleuten überließen, zu ihrer großen Freude, da die Nahrung dieser armen Leute lediglich aus Reis und Bananen besteht. Schwalben, gelbe sowohl als ganz kleine graue, überaus niedliche, große rothe Arras (=Lappes=) mit blauem Schweif und Flügeln waren gleichfalls sehr häufig. Ich tödtete einen Congo (Brüllaffen) von der Dimension eines Hundes mittlerer Größe, der ein sehr lautes brüllendes Geschrei erhob, derselbe ward jedoch von den Indianern als nicht eßbar bezeichnet; sie ziehen den großen rothen langgeschwänzten Affen (Migo) vor.

Am 28. brachen wir ungewöhnlich früh auf, um die Machuca-Rapids zu passiren, aus Stromschnellen von drei Miles Länge bestehend, sehr beschwerlich und sogar gefährlich, da das Wasser sehr starken Fall hat und über große Felsstücke geht. Zwei Boote, welche uns folgten, vereinigten sich mit uns, eines der Boote nach dem andern herüber zu bringen, wozu immer 20 bis 25 Mann nöthig waren, und womit wir erst am Abend zu Stande kamen, so daß wir an diesem Tage nicht über vier Miles zurücklegten.

Während die Boote über die Fälle gebracht wurden, ging ich ans Ufer einen wilden Truthahn zu schießen; als ich in kurzer Entfernung auf einen großen Puma (Tiger) stieß, der, niedergekauert liegend, feindselig knurrte und mir mit seinen grünglänzenden Augen Liebesblicke zuwarf. Obschon man sagt, daß der centralamerikanische Tiger in der Regel Menschen nicht angreift, so wußte ich doch nicht, wann gegenwärtiger zuletzt gefrühstückt hatte, und schnell riß ich die Büchse an den Backen. Doch die Begierde, das schöne Fell zu erlangen, ließ mich zu unbedachtsam feuern, und meine Kugel zerschmetterte ihm das linke Schulterblatt. Heulend warf sich die Bestie ins Gebüsch, und ich, ein Pistol ziehend, rasch hinterdrein. Auf dem schlüpfrigen Boden strauchelnd, blieb ich mit dem Fuß in einer Liane hängen, und zu Boden stürzend entlud sich mein Pistol, während mein werthes Ich sich im Koth der jungfräulichen Wälder abdrückte. Weitere Verfolgung erwies sich als nutzlos, und ich kehrte zum Boot zurück, da dumpf rollender Donner einen Hurican verkündigte.

Kaum angelangt, brach das Wetter los, und heftige Donnerschläge, wie der Schall vieler Kanonen, schienen die Grundvesten der Erde erschüttern zu wollen, während alle Schleußen des Himmels ihre Wasserströme auf uns herabsendeten. Ein zufällig auf dem Deck stehender Blech-Eimer diente mir als Regenmesser, und zeigte in einer Viertelstunde 14 Zoll Wasser. Wir waren gerad an einer schwierigen Stelle der Fälle, und 20 Mann mußten ins Wasser das Boot weiter zu bringen, während der Rest der Mannschaft vom Boote aus mit langen Stangen nachhalf. Ein Blitz, der kurz vor dem Boot einen ungeheuern Baum zusammenschlug, vollendete die Verwirrung, die anfing gefährlich zu werden, da Alles durcheinander schrie und lärmte. Der Patron betete zu St. Antonio, die Amerikaner fluchten und suchten die Indianer mit gezogenem Pistol oder Knüppel zu neuen Anstrengungen anzutreiben, und ich brauchte das wenige Spanisch, das ich weiß, und schrie: =Agua ardiente! Agua ardiente!= (Schnaps), welches Alles zusammen denn auch seine Wirkung that, gleichviel nun, ob St. Antonio, die Prügel oder der versprochene Schnaps, den ich von dem für die Insecten und Reptilien mitgenommenen Alkohol austheilte, geholfen hatte.

Ich muß bemerken, daß St. Antonio, welcher für die Machuca-Rapids eine besondere Gültigkeit haben soll, jedenfalls ein unangenehmes Amt bekleidet. Ich wenigstens würde die Patronschaft ablehnen, müßte ich den ganzen Tag Boote über diese verwünschten Stromschnellen bringen.

Im letzten Rapid liegt das Wrack eines amerikanischen Dampfbootes, das, für die See bestimmt, jetzt durch ein anderes ersetzt worden ist. (Dieser Steamer war wahrscheinlich dem St. Antonio, der nur das Bungo gewöhnt ist, zu schwer, deshalb ließ er ihn sitzen.)

In der folgenden Nacht hatten wir arg zu leiden von dem vielen Regenwasser, das, in das Boot gedrungen, die Häute, mit denen die Waaren bedeckt, aufgeweicht hatte, was einen pestilenzialischen Geruch verursachte. Ueber die Cajüte hatte ich eine große Gummidecke gebreitet, die als Frachtstück mitging und uns selbst wenigstens trocken hielt.

Wir sahen hier Herrn Cropsey, Ingenieur des Canals, welcher ein auf ein Boot befestigtes Haus bewohnt und längs des Flusses die vorbereitenden Arbeiten leitet. Er war sehr erfreut in der Bootsladung für ihn bestimmtes Fleisch, Mehl, Branntwein und Kaffee zu finden, denn in einer Länge von 90 Miles ist gar nichts zu bekommen, da der ganze Fluß unbewohnt ist.

Einer der Passagiere ward heftig vom Fieber geschüttelt, alle waren unwohl, doch brachten einige meiner mitgenommenen Aloepillen eine erwünschte Aenderung bei Allen hervor, mit Ausnahme des Fieberkranken, der durch einen am Morgen hinzugetretenen Schlaganfall sich sehr übel befand. Doctor Gescheidt's Geschenk, eine Lanzette, leistete mir beim Aderlaß, den ich an ihm vornahm, gute Dienste, und er befand sich bald besser darauf.

Bis zu den Rapids Castello Viejo ist stilles Wasser von gehöriger Tiefe, ebenso oberhalb derselben bis zum See, so daß die größten Mississippi-Boote bequem gehen können, nur werden die Rapids ziemlich bedeutende Schleußenbauten erfordern. Im ganzen Fluß ist jedoch kein größeres Hinderniß als solche, die im St. Lawrence-Fluß schon mit großer Leichtigkeit überwunden worden sind, nur ist hier die große Schwierigkeit, daß die Eingebornen schlechte Arbeiter und bei jeder ihnen unbekannten Arbeit unbrauchbar sind, und Arbeiter aus dem Norden haben anfänglich viel vom Klima zu leiden.

Am 29. Junius langten wir im Castello Viejo an. Auf der Spitze eines kleinen Hügels liegen die Trümmer des alten Castells und beherrschen die kurzen, aber sehr heftigen Stromschnellen; es wurde jedoch von den Briten 1848 belagert und geschleift. Mit vieler Mühe hieb ich mir einen Weg zum Gipfel nach den Trümmern, die in schon so kurzer Zeit ganz von der Alles überwuchernden Vegetation bedeckt sind; da wo noch vor vier Jahren die Kanonen über die Geschützbettungen donnerten, stehen schon große Bäume. Die größte Sicherheit des Platzes bestand in dem Mangel an Raum zu Errichtung feindlicher Batterien, für die erst der Wald niedergehauen werden mußte. Das Fort selbst besteht theils aus Felsen, theils ist es aus einer Art Porphyr, theils aus Ziegelsteinen gemauert. Seine gegenwärtige Besatzung besteht nur aus Fledermäusen, von denen ich in den Casematten mehrere nach männlichem Kampfe erlegte, andere fing. Sie waren den nordischen Fledermäusen ähnlich, und hatten durch einen aufrecht stehenden Hautlappen über der Nase das Aussehen eines Nashorns. Farbe ganz schwarz, Körper haarig, fünf Zehen, an den Flügeln kleine Haken, Zähne außerordentlich groß, beinahe so lang wie die obere Kinnlade. Einige alte spanische Geschütze liegen im Schutte begraben.