Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Part 2

Chapter 23,528 wordsPublic domain

Hier wurden wir auf dem Landgute des Herrn von R......... höchst gastfreundlich aufgenommen und bewirthet. Diese Farm, von ungefähr eintausend Acres geklärten Landes, kann als ein vollendetes Muster amerikanischer Landwirthschaft gelten und ich hätte wohl gewünscht, mein alter Landsmann D. M. hätte seine Untersuchungsreise bis hierher ausgedehnt. Herr v. R......... hat in unglaublich kurzer Zeit Alles, was er besitzt, aus einer Wüste geschaffen; denn als er sich in Ogdensburg ansiedelte, wurden noch da Hirsche geschossen, wo jetzt sein schönes Wohnhaus steht, und dunkle Kieferwaldung stand noch da, wo jetzt ein lieblicher Park angenehme Spaziergänge bietet und in großartigen Glashäusern Südfrüchte und tropische Pflanzen reifen. Mühlen aller Art, Manufakturen, Eisenwerke, fast alle von Herrn v. R........ gegründet, liegen in und um Ogdensburg. Es kam ihm allerdings bei seinen Unternehmungen trefflich zu Statten, daß er ein sehr bedeutendes väterliches Vermögen mitbrachte, was freilich unter allen Umständen das Farmerleben aller Orten wesentlich angenehmer macht; immer aber kann man sich hier überzeugen, daß sich auch ohne jenes Zaubermittel Fleiß und Ausdauer hier reichlicher lohnen, wie in vielen andern Ländern. Nach so manchen Beobachtungen möchte ich daher überhaupt jedem in der Union Einwandernden dringend anrathen sich, wenn es seine Mittel irgend verstatten, erst in den verschiedenen Strichen des Landes umzusehen und sich mit dem landwirthschaftlichen Betrieb da und dort recht genau bekannt zu machen, bevor er sich für einen Punkt entscheidet und dann das Ganze nach vielleicht getäuschten Erwartungen beurtheilt. Eben so Viele sind durch Nichtbeachtung dieser Vorsicht zu Grunde gegangen, als andrerseits durch deren Beachtung binnen nicht sehr langer Zeit Andere zu Wohlstand, ja sogar zu Reichthum gelangt sind. Wer aber aus Trägheit oder Unwissenheit darauf beharrt, sich am ersten besten Fleck niederzulassen und das Land nach den aus Deutschland mitgebrachten Begriffen zu bebauen, dem wird es nicht besser ergehen, wie es wahrscheinlich einem Amerikaner ergehen würde, dem es einfiele unbebautes Land in Ungarn oder Rußland zu aquiriren und nach amerikanischem Systeme auszubeuten.

Nicht verschweigen kann ich es, daß ich auch in Frau v. R........ eine der liebenswürdigsten, feingebildetsten Frauen kennen lernte, die nicht nur die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder fast allein besorgt, sondern auch durch rastlose Thätigkeit und umsichtige Leitung ihres großen Hausstandes, eine Gewohnheit, die sonst den amerikanischen Frauen, bei vielen anderen Vorzügen, nicht eben sehr eigen ist, wesentlich zum Gedeihen des Ganzen beiträgt.

Ogdensburg gegenüber wurden in der Insurrection von 1837 mehre Gefechte geliefert; unter andern hatten die Insurgenten eine sehr feste Stellung inne, die nur nach hartnäckigem Kampfe genommen werden konnte. Im Lande ist sie unter dem Namen: die Schlacht bei der Windmühle, bekannt geblieben.

In Ogdensburg war während unseres Aufenthaltes daselbst von der Miliz des Districtes ein Uebungslager bezogen worden, an das man allerdings nicht den Maßstab unserer europäischen Revuen und Manövers legen darf. Diese Miliztruppen waren nämlich in vier Gattungen getheilt, als: erstens, Bewaffnete und Uniformirte; zweitens, Bewaffnete und Nichtuniformirte; drittens, Uniformirte und Nichtbewaffnete; viertens endlich, Nichtuniformirte und Nichtbewaffnete. -- So passirte dieses Corps von beiläufig dreihundert Köpfen die Revue, durchzog die Stadt mit Musik und erfüllte sie mit kriegerischem Gepränge. Nichtsdestoweniger hat jedoch die Erfahrung bereits bewiesen, daß diese Leutchen, sobald es einmal Ernst gilt, ebenso wacker zu kämpfen wissen, wie nur irgend eine Truppe der Welt. -- Wir aber zogen von dannen, denn nun sollte der zweite Theil unseres Ausfluges, das Waldleben beginnen.

Wir hatten uns dazu die Ufer des Roquette-River ausersehen. Wollt Ihr, meine Lieben, diesen Platz auf einer Spezialkarte der Vereinstaaten finden, so sucht ihn im Norden des Staates New-York, auf dem westlichen Abhange des Höhenzuges, welcher ihn von Süd nach Nord durchschneidet. Dort ist noch eine undurchdringliche Wildniß in einer Ausdehnung von hundertzwanzig bis hundertdreißig Meilen, die uns reichen Stoff zu solcher Art landschaftlicher Studien verhoffen ließ. In jeder Richtung hin keine Ansiedelung zu finden; dagegen bevölkern Hirsche im Ueberflusse und selbst Elenthiere den Wald, zahllose Forellen der vorzüglichsten Gattung die Bäche und Flüsse, und wilde Enten, Fasanen, Truthühner, wilde Tauben sind in solcher Masse vorhanden, daß der Jäger die reichste Beute findet. Inmitten dieser Wälder, auf der Hochebene des Gebirges, ist ein ziemlich bedeutender See, Long-Lake genannt, der südwärts den Hudson und nordwärts drei parallel laufende Flüsse, den St. Regis-, den Roquette- und den Gros-River entsendet.

Ueber Canton, Stockholm, Potsdam, Rom kamen wir bis Parisville, wo die Poststraße aufhört. Ein kleines Wägelchen führte unser Gepäck weiter, wir selbst aber wanderten =per pedes= nebenher, über Knüppeldämme, Sumpf und Moor in den Wald hinein, selten eine Ansiedelung treffend, die hier schon sehr dünn werden. Zu zehn englischen Meilen brauchten wir einen ganzen Tag; fünfmal brach unser Wägelchen und zuletzt so rettungslos, daß wir es zurücklassen mußten, und die letzten Meilen mit unserer Bagage auf den Schultern marschirten, bis wir spät Abends zum Tode ermüdet im letzten Settlement anlangten.

Hier ließen wir den größten Theil unseres Gepäckes zurück, uns nur auf das Nothwendigste beschränkend, und am anderen Morgen ging die Wanderung auf einem Canoe weiter, dasselbe nach Art der Indianer bei jedem Rapid (Stromschnelle) auf den Schultern um diese herumtragend. So leicht nun auch ein solches Bootchen von Birkenrinde ist, so ist es doch nichts destoweniger eine harte Arbeit, es immer weiter zu schleppen, und oft haben wir bei solcher Bergstelle von kaum einer englischen Viertelmeile mit Aus- und Einladen, Weitertragen, drei bis vier Stunden zugebracht. Noch weitere fünfzehn Meilen wurden auf diese Weise mühsam zurückgelegt und endlich langten wir am Starks-Fall, unserm Bestimmungsorte an.

Eine Schanty d. h. eine kleine Hütte von rohen Stämmen, mit Rinden bedeckt, an der vierten, dem Feuer zugekehrten Seite offen, wie sie Holzfäller bei ihrem Aufenthalt im Walde, oder Jäger die längere Zeit an einer Stelle verweilen, errichten, fanden wir noch in ziemlich gutem Zustande und hatten uns bald so wohnlich, als es irgend gehen wollte, eingerichtet. Ein helles Feuer von mächtigen, acht Fuß langen Klötzen loderte lustig im Abendwinde und in unsere Decken gehüllt, brachten wir unsere erste Nacht in einem amerikanischen Walde trefflich schlafend zu.

Unser Leben war freilich ein etwas beschwerliches, denn da wir allein auf uns verwiesen waren, mußten wir uns selbst Nahrungsmittel verschaffen, Holz für die Feuerung hauen und unser einfaches Mahl selbst bereiten. Meine Hände sahen bald so rauh aus, als zu jener Zeit, da ich Maurerlehrling war, und gar oft klebte mein Blut am Axtstiel. Nichtsdestoweniger wurde fleißig gemalt, wozu wir hier herrliche Studien fanden, und immer noch blieb genugsam Zeit übrig, dem edlen Waidwerk obzuliegen.

Allmorgendlich, sobald es nur hell genug war um Korn und Visir erkennen zu können, ging ich am Flußufer pirschen. Nie habe ich so zahlreiche Fährten nebeneinander gesehen, es war, als ob eine Herde Schafe durch den Wald getrieben worden wären. Da ich aber keine genaue Kenntniß der Wechsel hatte, so jagte ich nur auf der Fährte und hatte das Glück, schon am zweiten Morgen ein altes Thier und zwei Spießhirsche in Zeit von einer Stunde zu schießen; so hatten wir Fleisch im Ueberfluß und besonders gab das der Spießer, auf indianische Manier auf einen Baumzweig gespießt, einen gar saftigen, köstlichen Braten.

Unser Appetit ward aber auch durch die ungewöhnte Lebensweise und den steten Aufenthalt in freier Luft so geschärft, daß wir, im Verein mit ein paar Jägern, die weiter hinauf an den Fluß wollten und einen halben Tag bei uns verweilten, die zwei Spießer in drei Tagen radical aufzehrten, wobei ich indeß bemerken muß, daß die Hirsche hier zu Lande bedeutend schwächer sind, als in Europa.

Einen ganz vorzüglichen Braten bot uns auch die sogenannte schwarze Wildente, welche vom Fressen einer gewissen, nur hier in den Sümpfen vorkommenden Wasserpflanze außerordentlich fett und schmackhaft wird. Aus Mangel an Schrotladung und einer Flinte, war ich genöthigt den Fasan, die Ente und selbst die wilde Taube mit der Büchse zu schießen. Da man indeß selten weiter als vierzig bis fünfzig Schritt zu schießen hat, gewöhnte ich mich bald daran und habe selten gefehlt. Häuten, Aufbrechen und Ausweiden der Thiere, Trocknen der Häute und Räuchern des Fleisches auf indische Weise, gaben manche spaßhafte Beschäftigung und gute Gelegenheit etwas zu lernen. Meinen dritten Hirsch habe ich so tadellos aufgebrochen und ausgewirkt, daß jeder gelernte Waidmann seine Freude daran gehabt hätte.

Wölfe, obgleich dieselben noch ziemlich häufig sein sollen, habe ich noch nirgend gesehen, selbst nicht Spuren, und ebensowenig Füchse, Panther und Bären, die hier nur höchst selten vorkommen sollen.

An einem Regentage, der das den Boden bedeckende dürre Laub vollkommen durchweicht hatte, folglich höchst günstiges Wetter zu einem Pirschgange bot, hatte ich, obschon auf viele Fährten treffend, erfolglos vom Morgen an gejagt und mich etwas weiter als gewöhnlich von unserm Lager entfernt. Gegen Abend kam ich auf eine ganz frische Fährte die ich verfolgte und mich denn auch bald auf einer kleinen Waldwiese einem stattlichen Hirsche gegenüber befand. Die Entfernung war zwar etwas weit, hundertdreißig bis hundertvierzig Schritt, doch die Zeit drängte, denn wir brauchten Fleisch, und nirgend sah ich eine Deckung um näher heran zu schleichen. Langsam hob ich die treue Büchse, ein scharfer Krach erschütterte die Atmosphäre und mit einem dumpfen Schrei stürzte das edle Thier zu Boden. »Guter Braten!« dachte ich, und stieß in aller Ruhe eine frische Kugel in den Lauf hinab, doch ehe ich noch mit Laden fertig war, erhob sich der Hirsch plötzlich wieder, ein angestrengter Satz und er tauchte in das bunte Dickicht der Sassafrasbüsche nieder. Auf dem Anschuß fand ich Schweiß in Menge und Lungenkrümel. Der deutlich ausgeprägten und mit Schweiß ganz übergossenen Spur folgend, ward ich aber nach dreißig bis vierzig Schritten von undurchwadbaren Sumpf aufgehalten; ich umkreiste denselben, der Hirsch war darin, ich hörte ihn deutlich nur wenige Schritte vor mir, im Todeskampfe die Büsche knicken, und konnte nicht zu ihm, denn so oft und von welcher Seite ich es auch versuchte, versank ich gleich beim ersten Schritt bis über die Knie in den morastigen Boden.

Das war denn nun höchst fatal! nicht nur weil ich sehr ungern das schöne Stück Wild einbüßen wollte, sondern auch weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und folglich Fleisch brauchte. Doch, was war zu machen? Ich verbrach den Anschuß, schnallte mir den Hungerriemen fester und machte mich auf den Weg, um wo möglich noch unser Lager zu erreichen, denn die Sonne war bereits zu Rüste. Ich suchte mich so gut wie möglich in der Richtung zu orientiren und marschirte tapfer vorwärts in die Dunkelheit, die schnell hereinbrach.

Nach zweistündigem Marsch erreichte ich ein ansteigendes Terrain, das ich für dasselbe hielt, welches ich nach meiner Berechnung auf dem Wege zu unserm Lager allerdings passiren mußte; allein schon war ich eine gute Weile gegangen und statt flacher, ward das Terrain immer steiler. Ich ward nun wohl inne, daß ich mich verirrt hatte, wußte aber durchaus nicht, wo ich mich etwa befinden konnte. Vor allen Dingen war es mir darum zu thun, bald möglichst eine Lichtung zu gewinnen, denn der Theil des Waldes, in dem ich mich befand, war so dicht, daß auch nicht ein Zoll breit Himmel zu sehen war. Ich drang also weiter vor, nach der Spitze des Hügels, auf dem ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach befinden mußte; das Terrain war felsig und ebnete sich bald, so daß ich schon Halt machen wollte, um den Aufgang des Mondes abzuwarten, als plötzlich meine Füße ausglitten, ich mich über Moos, Steine und Sträucher rasch dahinrutschen fühlte, endlich wieder ebenen Boden unter mir hatte, aber so im Schusse war, daß ich mich nicht zu halten vermochte, mit dem Kopfe im nämlichen Augenblicke so derb an einen Baumstamm hämmerte, daß mir die Sinne vergingen und ich um und um kollerte. Ein Weilchen mochte ich wohl so dagelegen haben, als ich aber allmählig wieder anfing meine fünf Sinne zusammen zu lesen, ward ich inne, daß ich außer denselben bei dem Purzelbaum auch noch Büchse, Pulverhorn, Mütze und Messer verloren und dafür etliche Knuffe und Püffe eingetauscht hatte, die sich ziemlich unangenehm fühlbar machten. Nach langem Umhertappen fand sich endlich mein Eigenthum, mit Ausnahme des Messers, wieder zusammen, welches letztere ich selbst, als der Mond seine Laterne durch die allmählig dünner gewordenen Wolken heraus steckte, nicht wieder finden konnte. Zu gleicher Zeit belehrte mich auch der Stand des Mondes, daß ich, statt nordwestlich zu gehen, südöstlich gegangen war.

Gern wäre ich jetzt liegen geblieben, denn ich fühlte mich erschöpft und meine zerstoßenen Gliedmaßen schmerzten mich in der That recht empfindlich, aber zwei Umstände verhinderten mich daran, zuerst brennender Durst, sodann der Verlust meines Messers, und Mangel an trocknen Holz; denn ohne Feuer hätte ich die recht beißend naßkalte Nacht in meiner dünnen und durchnäßten Leinwandblouse nicht ausgehalten.

Ich »calculirte,« daß ich mich wahrscheinlich auf dem scheidenden Rücken des St. Regis- und dem Roquette-River befand, nördlich mindestens zwanzig Meilen von der nächsten Ansiedelung, östlich sechs bis acht Meilen vom St. Regis und westlich etwa eben so weit vom Roquette-River entfernt, südlich aber vielleicht hundert Meilen weit dichte Waldung vor mir hatte.

Ich selbst war ohne Kompaß, ohne Feuerzeug, ohne Messer, ohne Decke, dünn gekleidet, nüchtern seit dem Morgen, eine Kugel in der Büchse und nur noch zwei in der Tasche, allerdings eine etwas ungemüthliche Situation. Nach reiflicher Ueberlegung hielt ich es für das Beste, vor allen Dingen den Roquette-River aufzusuchen und dann an seinen Ufern hinabzugehen; ich mußte dann doch am Ende auf unser Lager, oder auf irgend eine Ansiedelung stoßen. Fand ich nur erst Wasser, so konnte ich es im schlimmsten Fall wohl noch einen ganzen Tag ohne Speise aushalten. Das Empfindlichste war mir vor der Hand der Mangel eines guten, erwärmenden Feuers.

Den Mond zur Linken, gings nun westlich und nach dreistündigem höchst beschwerlichem Marsche, während welchem mein Fuß oft über Stämme und Steine stolperte und ich einen gefährlichen Moorbruch passiren mußte, befand ich mich glücklich am Ufer des Flusses. Ich verrichtete zuvörderst ein geringfügig Waidmannsgebetlein, und zwar keinesweges in der Meinung, daß dadurch irgend etwas Verdienstliches geschehe, sondern weil es mich in Wahrheit drängte, Dem, der ja auch hier mir nahe war, meinen Dank abzustatten. Mein Durst war mit zwei Mützen voll Wasser gestillt, aber nunmehr verlangten meine durchkälteten Gliedmaßen desto ungestümer nach Wärme.

Neue Verlegenheit: kein Messer, kein Feuerzeug. Ich suchte in allen Taschen nach etwas Papier, um mit Hülfe der Büchse Feuer zu bekommen, aber auch das fehlte; ich fand nichts als einen Brief von meinen Lieben aus der Heimath, der während meiner Abwesenheit in New-York eingetroffen und mir noch zur letzten Station nachgesendet worden, und den wollte ich doch nicht gern verbrennen; war er mir doch jetzt doppelt theuer in meiner Einsamkeit, als freundliches Liebeszeichen aus weiter Ferne! -- Endlich fand ich einen ziemlich trocknen, verfaulten Stamm, derselbe ward tüchtig mit Pulver eingerieben, die Büchse dicht davor losgedrückt, die Funken zur Flamme angeblasen, und bald loderte der Stamm hell empor, durch seine wohlthuende Wärme die Mühe reichlich lohnend. Bei seinem Scheine hatte ich die Freude, als Ersatz für das mangelnde Nachtmahl, die lieben Zeilen noch einmal zu durchlesen, dann warf ich mich todtmüde unter die breiten Aeste einer Ceder, als einziges Kopfkissen ein gut Gewissen, über mir als Bettdecke den gestirnten Himmel, diesen großen Mantel aller Trostbedürftigen. Meine Uhr zeigte auf halb Zwei, ich war demnach ziemlich sieben Stunden in der Irre umher marschirt.

Mehrmals ward ich aus dem tiefen Schlafe aufgeschreckt durch den gellenden Schrei einer Nachteule, so nahe, daß ich aufsprang und nach der Büchse griff, meinend, ein Panther wolle mich mit seinem nächtlichen Besuche beehren.

Am anderen Morgen nach dem Frühstück, d. h., nachdem ich abermals aus dem Fluße getrunken, machte ich mich auf, den Fluß hinabzugehen, wegen der vielen Sumpfstellen, die man entweder umgehen oder durchwaden muß, ein etwas beschwerlicherer Marsch, als eine Promenade im Dresdner großen Garten.

Auch fand ich hier eine alte, oftgehörte Jagderfahrung sehr handgreiflich bestätigt, daß nämlich der Jäger, der am nöthigsten Wild braucht, keine Klaue zu sehen bekommt. Wenigstens ging es mir an dem Tage so, und mit knurrenden Magen mußte ich durch den Wald schreiten, der von Wild wimmelt, alle Augenblicke einmal frische Fährten kreuzend. Es war die Geschichte vom Herrn Tantalus.

Einmal rauschte ein prächtiger Adler kaum dreißig Schritte vor mir empor, die Jagdpassion riß mir die Büchse an den Backen, aber im Zielen fiel mir noch zu rechter Zeit ein, daß ich jetzt nur noch eine Kugel in der Büchse und eine in der Tasche hatte, die dritte war ja in den Baumstamm gefahren, und so blieb das Rohr stumm.

Endlich gegen zehn Uhr stieß ich wieder auf das Lager, und ich versichere Euch, von der Hirschkeule die ich in Angriff nahm, blieb außer dem Knochen auch nicht ein Atom übrig.

Die Genossen waren besorgt um mich gewesen und hatten wiederholt ihre Gewehre abgefeuert; allein zu jener Zeit war ich wenigstens schon vier Meilen von ihnen entfernt.

Zweierlei höchst weise Erfahrungen hatte ich bei dieser Gelegenheit gesammelt, erstens, daß es sehr unklug ist, ohne Compaß und ohne Feuerzeug in solcher Wildniß zu jagen, und zweitens, daß man sich in einem amerikanischen Urwalde doch nicht so leicht zurecht findet, als in unseren von Flügeln und Schneusen durchschnittenen königlichen Forsten. Uebrigens aber war ich sehr froh, daß meine abhärtende Lebensweise und frühzeitiges Vertrautsein mit unangenehmen Situationen mich in den Stand setzten, mich vorkommenden Fährnissen leichter zu entziehen. Ersteres verdanke ich Eurer Erziehungsweise, geliebte Eltern, letzteres großentheils dem wackeren alten Ohm. Sei Euch allen mein Dank dafür übers Meer geschickt, dem guten Ohm aber insbesondere noch für die treue Büchse, die mir in kalter Nacht Feuer, und außerdem noch manchen guten Braten verschafft hat.

3.

Wir hatten nun Studien vollauf gesammelt und genug der Freuden des Waldlebens, denn unsere Decken boten uns nicht mehr genügenden Schutz gegen den Frost, der in letzter Nacht über einen halben Zoll Eis gebracht hatte. Nach dreiwöchentlichem Aufenthalt, am 6. October brachen wir daher auf, um uns wieder der Civilisation zuzuwenden. Unsere Reise ging den Fluß entlang, gen Potsdam zu.

Wir hatten in unserm Lager den Besuch eines Amerikaners, eines Dokter H.... aus Potsdam gehabt, der mehre auf Kosten der Regierung zur Erleichterung des Holzflößens im Fluße erbaute Dämme zu inspiciren hatte. Dieser Gentleman ersuchte uns, ihm einige correcte Skizzen dieser Dämme zu zeichnen, um dieselben seinem Rapporte an die Regierung beizufügen, eine Arbeit die in wenigen Tagen erledigt war und uns die Summe von 50 Dollars einbrachte, sehr willkommene Subsidien, da unsere Reisekasse verwünscht knapp zu werden begann. Unterwegs erhandelte ich von einem Indianer ein schönes Paar Elenhörner, von einem Ende zum andern sechs und einen halben Fuß lang und in den Schaufeln acht Zoll breit, in hiesigem Lande ein wahres Prachtexemplar.

Auch die Feuerjagd habe ich versucht, doch in anderer Art als Fritz Gerstäcker sie uns beschrieb. Wir jagten auf dem Fluß in Gesellschaft eines alten Jägers, der die Führung des Bootes übernommen hatte, eine jener ächt Cooperschen Gestalten, die hier immer seltener zu werden beginnen. Statt der Kienpfannen hatten wir eine Art viereckige Kappe, oder Helm, an drei Seiten geschlossen, die vierte vor dem Gesicht offen, und oben drauf eine Art Laterne mit einem sehr starken Talglichte, dessen Schein die Umgegend nach vorn auf zwanzig bis fünfundzwanzig Schritte erhellte. Wir fuhren ganz geräuschlos am Flußufer hin, und erst als wir den Hirsch im Wasser hörten, ward die Laternenmütze angezündet und aufgestülpt. Es war eine Doe (Thier), die bis ans Blatt im Wasser stand, gerade gegen uns gekehrt, und gewaltig blies und schreckte, als sie des Lichtes ansichtig ward. Die fertig gehaltene Büchse fuhr an den Backen und die Kugel der Doe in den Halswirbel. Weil diese Art zu jagen mir noch neu war und man auch gewöhnlich des Nachts Alles überschießt, hatte ich es nur dem Umstande, daß die Doe mir gerade zugekehrt stand, zu verdanken, daß ich sie überhaupt bekam.

Nach kurzer Rast in Potsdam, wo wir unser zerrissenes Schuhwerk und unser durchlöchertes Waldnegligé als milde Stiftung zurückließen und uns wieder etwas säuberlich machten, um als honnette Menschen in der Gesellschaft erscheinen zu können, gingen wir mit der Eisenbahn hinüber nach dem Champlain-See.

Dieser lange, schmale See bietet ungleich mehr Reiz dar, als die canadischen Seen, denn seine Breite beträgt selten mehr als vier bis fünf engl. Meilen, und die oft längs desselben hinlaufenden Gebirgsketten des Staates Vermont, so wie auf der anderen Seite des Staates New-York, gewähren dem Auge eine eben so angenehme als malerische Abwechselung. Möglich auch, daß der angenehme Eindruck, den die Gegend auf uns machte, noch gesteigert ward durch den lieblichen Duft der auf der Landschaft lag, und die herrlichen Herbstfarben der Bäume, welche das Ufer bekränzen. Noch nirgend habe ich bis jetzt solchen Farbenreichthum einer Landschaft gesehen. Amerika ist berühmt wegen seiner prachtvollen bunten Herbstblätter, und verdient diesen Ruf im vollsten Maße. Dabei haben seine Wälder noch den Reiz der außerordentlichsten Mannichfaltigkeit der Hölzer; sogenannte Familien- oder Geschlechtswaldungen, wie bei uns, habe ich hier nirgend getroffen; auf verhältnißmäßig sehr kleinem Raum sahen wir dicht gedrängt bei einander die Eiche, die Buche, den Ahorn mit hochrothen Blättern, Hikory und Sassafrasstämme, dazwischen wieder die schwarze melancholische Tanne, die knorrige Kiefer, und manchmal sogar die Birke mit ihrem hellgelben Laube und weißem Stamme durchblitzend. Durch das verschiedenzeitige Welken all dieser Blätter entstehen tausend Schattirungen und Uebergänge, vom dunkelsten und zugleich möglichst brillanten Purpurroth, bis zum hellsten Goldgeld, und von da in gleicher Weise durch alle Abstufungen bis zum saftigsten Dunkelgrün, was besonders bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wo die Ferne bald in blauen, bald in violetten Duft gehüllt ist, eine wahrhaft zauberische Wirkung hervorbringt.