Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Part 12

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Alles trägt aber hier den Charakter der Wohnlichkeit und Nettigkeit. Die Plaza ist mit hübschen Häusern umgeben, worunter mehrere zweistöckige, eine Seltenheit in diesem Lande, welche beweist, daß die Erdbeben in diesem Theile weder so häufig, noch sehr stark sind. Ein erfreuliches Zeichen waren die vielen im Bau begriffenen Häuser und die gänzliche Abwesenheit von Ruinen, jener traurigen Denkmale vergangener Bürgerkriege. Die Kathedrale ist ein großes, stattliches Gebäude mit nicht unschönen Verhältnissen, nicht ganz so imposant wie die von Leon, aber immerhin ein schönes Bauwerk und seinen Umgebungen angemessen. Sie besitzt einen überaus reichen Altar von vergoldeter Holzschnitzerei im spanischen Roccoco, einige Bilder alter spanischer Meister zweiten Ranges und mehrere neuere von geringer Bedeutung. In der Sakristei lag auf einem Tische eine neungeschwänzte Geißel; ich frug den freundlichen alten Priester, der mich herumführte, ob dies Instrument hier etwa zu frommen Bußübungen angewendet würde? »=No, Sennor,=« entgegnete er lächelnd und kopfschüttelnd, »es ist für die Hunde, die einst, vom Hunger getrieben, das Hostienkästchen ausgefressen haben.«

Im Hause der Sennora L.... war ein ganzes Heer allerliebster Mädchen, sammt und sonders Schwägerinnen des Herrn George C...... Ich war meist den ganzen Tag abwesend, wenn ich aber am Abende zurückkehrte, so hatten immer zwei der jungen Damen die Aufmerksamkeit, ihr Diner bis zu meiner Essenszeit zu verschieben, um mir Gesellschaft zu leisten, was mir im höchsten Grade angenehm war. Gern hätte ich mich für so viele Güte durch doppelte Liebenswürdigkeit dankbar erzeigt, allein mein vom Weltschmerz zusammengeworfenes Schicksal trieb mich unerbittlich weiter und weiter über Stein und Dorn, und verstattete mir keine Frist, meine Galanterie zur vollen Blüthe zu entfalten.

Ein freundlicher alter Herr, Don Liberato X......, stellte mich dem Präsidenten, General Cabannas, vor, einem kleinen Manne, der mir kaum bis an die Herzgrube reichte, mit einem Kopfe, der sich zum Körper wie 1 zu 6 verhält, einem Gesichte voller Narben, aber einem Paar biederer, kluger Augen, aus denen Muth und Energie blitzt, und der felsenfeste Geist eines redlichen Patrioten und tüchtigen Feldherrn.

Bei Morozan's Rückzug von Guatemala hatte der damalige Colonel Cabannas die Kathedrale mit einem Häuflein besetzt und gehalten, bis das ganze Patriotenheer sich zurückgezogen, und schlug sich dann mit 100 Mann durch ihrer 3000, wobei freilich kaum ein Viertheil seiner Tapfern mit dem Leben davonkam. Als Guardiolas im Jahre 1849 die Regierung umstürzen wollte, genügte der bloße Name Cabannas', um ein Heer auf die Beine zu bringen, und schnell, wie Spreu vom Winde, waren die Empörer auseinandergejagt.

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Der Mann war mir trotz seines unschönen Aeußern wirklich lieb geworden, und ich fand den Enthusiasmus für ihn ganz begreiflich. Er bewohnt jetzt das Haus, das ehemals Morozan gehörte, ein pittoreskes, altspanisches Gebäude, dicht am Flusse gelegen, über den hier eine breite steinerne Brücke von 17 Pfeilern führt, die erste, die ich in Central-Amerika gesehen, denn die von Leon ist nie vollendet worden.

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Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich das erste Malerexemplar, das sich in diese Himmelsstriche verirrt hat, denn es ist unglaublich, was ich von der Neugierde der Leute auszustehen hatte; bei der Arbeit umstanden sie mich so dicht, mir nur gerade ein Stück Aussicht offen lassend, daß kein Lüftchen mir Kühlung bringen konnte, hier unter der tropischen Sonne eine höchst unerquickliche Probe von Kunstliebe.

Ich sah im Hause des Präsidenten mehrere sehr schöne Opale, deren im Gebirge von ungeheuerer Menge, wenn auch nicht alle von gleichem Werthe, vorhanden sind; einen davon verehrte er mir, sowie auch einige schöne Gold- und Silbererze.

Nach alle diesen Kreuz- und Querzügen nahte sich der Monat Mai heran, und mit dessen Ende das Ende der trockenen Jahreszeit. Wie schmerzlich fühlte ich hier den durch meine Krankheit verursachten Zeitverlust, der es mir unmöglich machte, noch einen Abstecher nach Copan vorzunehmen, obschon ich mich hier bereits auf ziemlich zwei Drittel des Weges von Leon dahin befand; allein jetzt war es die höchste Zeit, den Rückmarsch nach Leon anzutreten, wollte ich anders zu Land dorthin gelangen; denn gleich nach den ersten Regengüssen, die meist auch die stärksten der ganzen Regenzeit sind, verwandelt sich das Land nördlich vom Viejo in einen wahren Sumpf.

Ich hatte mich jetzt nach und nach bis ziemlich zum 15. Breitengrade hinaufgearbeitet und sollte mich nun aus diesem _kalten_ nördlichen Klima, wo man sich im Schatten bei 95° Fahrenheit erlaben durfte, wieder einem südlichern, wärmern, d. h. noch brühheißern, zuwenden. O welch' heitere Aussicht!

XIII.

Süßer Abschied. -- Cerro di Ule. -- Prachtvolles Panorama. -- Heimweh. -- Portillo de la Victoria. -- Künstlerische Ausbeute. -- Indianische Fiesta. -- Große Hitze. -- Ein tropisches Gewitter. -- Ankunft zu rechter Zeit. -- =Fata morgana.= -- San Martin. -- Choluteca. -- Esteroreal. -- Noch etwas über das Canalproject. -- Ankunft in Leon.

Das alte Lied vom Maulthiermiethen, satteln, packen ging wieder los; diesmal aber hatte mich die Güte der Sennora L.... mit einem vorzüglichen Vorrath von Proviant aller Art versehen, worunter sich sogar ein außerordentlicher Luxusartikel befand: Brod, wirkliches ordentliches Brod! Gegen Mitte des Mai rückte ich mit dem Frühesten aus, denn ein harter, langer Tag stand mir bevor.

Der Abschied war mir weniger schmerzlich, als vielmehr sehr wonniglich, denn ich hatte ein ganzes Pelotonfeuer von Umarmungen und rosigen Lippen zu passiren -- =honni soit qui mal y pense!= das ist hier Landessitte, und Landessitte muß man ehren! Ganz nach der Regel fing ich mit der ältesten Dame an und endigte mit der jüngsten, gleichwie man erst Tischwein trinkt und dann Cabinetswein nippt, und »als das Spiel ein Ende nahm, da fing ich wieder von vorne an« -- dann aber machte ich, daß ich in den Sattel kam, sonst wäre ich wohl gar ganz kleben geblieben.

Und bergauf, bergab ging's wieder, und immer mehr bergauf, und immer pittoresker und schöner ward die Landschaft -- o hätte ich den Genuß mit so manchem meiner Kunstgenossen theilen können! Zuerst ließ ich hinter mir die herrliche, luftige Palme, dann die majestätische Buche, dann die knorrige Eiche, zuletzt selbst die Kiefer, bis ich ein hohes Tafelland erreichte, wo nur noch niedrige Sträucher und endlich eine Art mir noch gänzlich unbekannter Bäume wuchsen. Zwischen Steinen und Felsgerüll schafften sich riesige Aloës von 30 bis 35 Fuß, wohl auch noch höher, Raum, jene fremdartigen Bäume aber waren mit langen Streifen hellen Mooses behangen, das in dicken Fasern bis hernieder zur Erde hing und, vom leisesten Winde lautlos hin- und hergewiegt, der ganzen Natur das Ansehen eines ehrwürdigen, nachdenklichen Greises gab.

Wie so fremd, so heimathlos fremd und einsam fühlte ich mich da plötzlich in solch' lautloser Beweglichkeit, daß mir graute wie im Reiche der Schatten, und ich ordentlich froh war, wenn der Hufschlag meines Thieres die unheimliche Stille unterbrach.

Bald hörte auch die letzte Vegetation auf und allmälig dröhnte der Tritt der Thiere hell auf der gefrorenen Erde; die seltsamsten Empfindungen regte der Contrast des fremdartigen Anblicks mit diesem eigenthümlich heimischen Schall in mir auf. Die Sonne sank tiefer und tiefer, und als sie ungefähr noch zwei Hände hoch über dem Horizonte stand, hatte ich die letzte Höhe des Cerro di Ule erreicht.

Wen solche Naturscenen nicht zur Andacht stimmen, der, meine ich, ist überhaupt keiner Herzenserhebung zum Herrn und Schöpfer fähig! Da draußen, in weiter, unermeßlicher Ferne, lag der stille Ocean, in welchen bald die herrliche, glühende Sonne hinabtauchen sollte, wie in ein ersehntes Land der Verheißung; da lag, in grauvioletten, unendlich zarten Duft gehüllt, der schöne Golf von Fonseca mit seinem gebirgigen Archipelagus; da lag gen Süden die Ebene von Nicaragua, begränzt von der imposanten Kette von Vulkanen, deren letzter und höchster, der alte Monotombo, sein graues Haupt über die Spitze eines näher liegenden Gebirges noch erhebt, während der Viejo, als anderer riesiger Endpfeiler dieser Kette, seinen Fuß von den Wellen des unendlichen Meeres bespülen läßt; da lag die Tierra caliente von Choluteca, durchschnitten von vielen in der Abendsonne blinkenden Flüssen und Flüßchen, und weiterhin eine zweite Vulkankette, la Consequina, la Union, St. Miguel, St. Vicente, St. Salvador, Itzalko, bis sich weit, weithin nach Nordwesten Alles in grauen Nebel verlor; ringsum aber in größerer Nähe streckten starre, steile Felsgebirge die nackten Häupter aus der Tiefe empor, und hier und da brannte das Gras und erhöhte durch die leichthinziehenden weißen Rauchwolken noch den Reiz der großartigen Landschaft. Gott ist groß und die Natur der erhabenste Prophet seiner Größe!

Aber wie so häßlich störend rüttelten mich die Lamentionen meines klappernden, frierenden Mozo auf, der mich endlich einholte und mir vordemonstrirte, daß die Thiere noch weit mehr frören als er, daß sie krank werden würden, wenn sie die Nacht hier blieben, wo keine Weide, kein Wasser und nur wenig Holz sei, und dies und das, bis ich fuchswild ward und Alle zum Kuckkuk wünschte, was von hier aus wohl ziemlich ebenso weit sein mag, als das Pfefferland von Europa; er nahm sich den Wunsch zu Herzen und zog ab -- nach einer der tiefer liegenden Hütten, ich aber behielt mein Poncho, meine Büchse, meinen Feldkessel und etwas Wasser, machte Feuer an, kochte mir Kaffee, wickelte mich in den Poncho und überließ mich meinen Gedanken, die schneller noch als alle elektromagnetischen Telegraphen dahinflogen in weite Ferne.

Es wurde aber wirklich recht frisch in der Nacht, und das Gefühl der Kälte war mir ganz wunderlich, denn seit Jahr und Tag hatte ich es fast verlernt; ich lief hin und her im klaren Mondschein, rieb mir die Hände und schüttelte mich, suchte mehr Wurzeln für's Feuer und lief wieder umher -- und plötzlich ward mir's recht seltsam zu Muthe, ich kam mir vor wie einer jener armen Jungen am Weihnachtsmarkte meiner Vaterstadt, die auch frierend hinter ihren kleinen Verkaufstischchen mit den winzigen papiernen Pyramiden und Christbäumchen hin- und hertrippeln, und sich ebenso, wie ich jetzt, die Hände reiben; ich gedachte der heiligen Christabende meiner Jugend und es überfiel mich ein seltsames Gefühl -- mit einem Worte: ich bekam das Heimweh.

Der Morgen kam und mit ihm der Mozo, und die Maulthiere, und der Kaffee und Tortillas, =nota bene= nicht auf einmal, sondern Eins nach dem Andern, und als nichts mehr kommen wollte, machten wir uns auf die Socken, oder richtiger, auf die Hufe unserer Maulthiere.

Der höchste Punkt meiner ganzen Tour war nun überschritten, und bald sollte ich aus der Tierra fria, wie das ganze Hochland benannt wird, in die Tierra caliente am Pacific, das heißt aus dem kalten Striche in den warmen kommen.

Zuvörderst suchte ich dem Golf von Fonseca näher zu kommen, um eine malerische Ansicht zu erlangen; die vom Cerro di Ule war zu ausgedehnt für ein Bild, und als solche war mir der Portilla (soviel wie Engpaß) de la Victoria gerühmt worden. Zunächst erreichte ich das freundliche Indianerdorf Coyolar, wo mir in einem freundlichen steinernen Hause von einem noch freundlichern Wirthe die allerfreundlichste Aufnahme ward. Der Eigenthümer war auch einer jener sich arm nennenden Besitzer von circa 20,000 Acker Landes und 6000 bis 7000 Stück Rindvieh, eine Armuth, bei der es sich indeß allenfalls leben läßt. Sehr in Erstaunen setzte mich hier die Größe des Rindviehs, das von hier durch die ganze Gegend bis Choluteca dem größten Schweizervieh nichts nachgiebt.

Der folgende Tagemarsch sollte mich bei Zeiten Nachmittags an besagten Portillo bringen, allein just am entscheidenden Punkte ließ mich, oder ließ ich den Weg im Stiche, wenn man nämlich einen einfachen Rindviehpfad so nennen kann; statt rechts wandte ich mich links, und nach dreistündigem mühe- und gefahrvollem Hinabklettern befand ich mich plötzlich auf einem stark abschüssigen Terrain, einige Hundert Fuß über einem kleinen Flusse, und gegenüber, aber hoch, hoch über mir lag der fragliche Punkt.

Zurückzugehen war so schlimm als vorwärts, ersteres aber zu zeitraubend, und so blieb mir denn nichts übrig, als, bald rutschend, bald kletternd, bald fallend, einen Pfad zum Fluß hinab zu suchen, was besonders für die armen Thiere sehr beschwerlich war, endlich aber doch trotz mehrmaligem störrischen Protestes ihrerseits ohne Hals- oder Beinbruch bewerkstelligt ward; die Passage des Flusses ergab gleichfalls ein beträchtliches Risico für die Gebeine von Menschen und Vieh von wegen des schlüpfrigen, ungleichen Terrains zwischen scharfkantigen Felsbrocken, nach dessen glücklicher Ueberwindung zu allgemeiner Erholung ein fünfstündiges Klimmen begann, bergauf durch pfadloses Gerüll, und bei einer Sonnengluth! -- ohne Schatten, ohne erfrischenden Trunk, -- das Wasser im Calabash (Kürbisflasche) hatte so ziemlich eine Temperatur, um Eier weich darin zu sieden.

Alles aber erreicht sein Ende, so auch das Klettern; Dank dem Umstande, daß ich glücklicherweise so ungewöhnlich starke Maulthiere erwischt hatte.

Spät gegen Abend langte ich am Portillo in einem Trupp indischer Hütten an, in deren bester ich mein Standquartier nahm, und sogleich Erkundigungen wegen des mir empfohlenen Punktes einzog. Ich erfuhr, daß ich ihn auf dem Gipfel einer südlich emporsteigenden steilen Felswand finden würde, auf welcher aber zuvörderst eine Anzahl Bäume niedergehauen werden müßten, um eine volle Fernsicht zu gewinnen. --

Hätte ich Geld geboten, um Führer und Arbeiter zu dingen, so würde ich manche Schwierigkeiten gehabt haben, deshalb griff ich zu einem andern Mittel. Ich ernannte den Mozo zu meinem Herold, und befahl ihm, laut dem Volke zu verkünden: ich sei in Gnaden gewillt, eine pompöse »Fiesta« zu geben, und jedermänniglich sei dazu geladen, der mich morgen begleiten und mir helfen wolle, Bäume umzuhauen. Ein lautes =E viva!= von der einige Dutzend Kehlen starken Bevölkerung war die Antwort.

Als Zeit des Aufbruches ward früh 3 Uhr festgesetzt, allein schon vor der bestimmten Zeit fanden sich dienstfertige Geister ein, und als ihre Zahl bis zwölf angewachsen war, ging die Kletterei über Stock und Stein im Mondschein los; meinen Sancho hatte ich mit einer kleinen Geldsumme versehen, um aus einem tiefer gelegenen größern Dorfe den bei einem indischen Feste unerläßlichen Vorrath von Agua ardiente zu requiriren, meiner Wirthin hatte ich ein junges Schwein abgekauft und Vollmacht ertheilt, Bohnen, Tortillas und Kaffee =en masse= bereit zu halten; ich war gewillt, etwas Großes loszulassen, denn heute war ja der 15. Mai, der Tag, an dem Du, mein guter Vater, das Licht der Welt erblickt!

Wie ich mit meinen kupferfarbigen Gefährten die Wand hinaufkam, wie die Machetas, deren Anzahl sich nach und nach verdoppelt, lustig zu arbeiten begannen, die Stämmchen rechts und links krachten und fielen, und wie sich, da eben die Sonne hervorlugte, neugierig das frevle Treiben der Menschlein zu beschauen, vor meinen vor Entzücken trunkenen Blicken ein wahres Prachtstück aus der großen Gemäldegallerie der Natur entrollte, das erlaßt mir, Euch zu schildern. Landschaften lassen sich nicht beschreiben; denkt Euch aber Robert Kummer's Bild: der Fernblick vom Gipfel des Montenegrinergebirges nach dem See von Scutary hinab, ins Tropische übersetzt, und Ihr habt einen schwachen Begriff des wundervollen Landschaftmotives, das ich glücklicher Sterblicher am Abend des fleißig benutzten Tages mit gutem Gewissen als mein Eigenthum in der Malermappe davontrug.

Genug, der Abend war da, meine Gäste gleichfalls, der Schnaps und anderweite Festrequisiten dito; ein freier Platz vor dem Hause, zur höchstgewölbten Festhalle bestimmt, war reingefegt -- »und die Schmauserei ging los, und der Spaß war himmlisch groß!« u. s. w.

Messer, Gabel, Löffel, Teller, Gläser, Tische, Stühle, Servietten und all' dergleichen Ueberflüssigkeiten waren freilich nicht vorhanden. Die Tortillas, kleine runde Maiskuchen (welche hier die Stelle der Teller und Servietten vertreten und vor diesen noch den großen Vortheil haben, selbst verzehrt werden zu können), mit Bohnen und Fleisch bedeckt, hielt Jeder vor sich auf den Knieen, statt des Stuhles auf den eigenen Fersen kauernd. Für den Kaffee hatte Jeder seinen eigenen Gualqual oder Hykaro mitgebracht, Flaschenkürbisse, deren erstere einer flachen Trinkschale, letztere unten abgerundeten Bechern gleichen; ich aber saß inmitten der vielen, auf meine Veranlassung wackelnden Mäuler auf meinem Feldstuhle, und kam mir wie recht was Großes vor, selbst tüchtig mitschmausend, denn der lange Fasttag hatte meinen Appetit in ungewöhnlicher Weise rege gemacht, wobei ein Hofstaat von Muchachas (indische Mädchen) mir die Ehre erwiesen, mich immer wieder mit neuem Stoff an Fleisch und Bohnen zu versehen, welches erstere mein Sancho Pansa mit mehr Schnelligkeit als Grazie zerlegte, und dabei sich selbst nicht vergaß, ganz wie weiland sein europäischer Ahnherr.

Die Muchachos (junge Burschen) hatten ringsum an den Bäumen lange Kienspäne befestigt, deren Feuer weithin ein rothes Licht verbreitete; es hätte ein allerliebstes Bild abgegeben, wenn Hunger und Müdigkeit nicht so heftig gegen das Malen protestirten.

Nachdem die Arbeit des Essens vorüber, fingen die Guitarren an zu klimpern. Der mühsam herbeigeschaffte Schnaps stand in weitbauchigen Korbflaschen da, Kaffee brodelte im Kessel und der Majordomo des Festes hatte aus eigenem Antriebe eine mächtige Battea (hölzerne Waschschüssel von 4 Fuß im Durchmesser) voll Chicha brauen lassen, ein Getränk von Ananas, Wasser und Zucker, das eben so angenehm schmeckt als kühlend ist; daneben noch ein ansehnlicher Vorrath von Pinolia, d. i. geröstetes Maismehl, Cacao, Zucker und Wasser, das gleichfalls eine wesentliche und gar nicht unangenehm schmeckende Erfrischung bildet; endlich Zuckerrohr =a discretion= -- kurz, es war ein Leben wie im Schlaraffenlande!

Diesmal war mir's nicht möglich, wie in Totogalpa, mich vom Tanze abzudrücken, denn das wäre als große Beleidigung aufgenommen worden. Zum Glück führte man zuerst den sogenannten spanischen Tanz auf, der ziemlich einfach in seinen Bewegungen ist und darin besteht, daß die tanzenden Paare in einer langen Reihe, je zwei und zwei mit dem Gesichte gegen einander gekehrt, stehen, einigemale die Runde machen, dann changiren, wodurch sie gegen ein neues Paar zu stehen kommen, und so weiter bis ans Ende der Reihe, wo sie sich wenden und wieder zurücktanzen. Das war mir leicht, denn ich hatte ja etwas dem Aehnliches schon in New-York gelernt und verübt, auf Kosten der Fußzehen einiger tanzenden jungen Damen. So nahm ich denn die ganz niedliche Muchacha, die man mir als Partnerin präsentirte, bei der Hand und entledigte mich meiner Obliegenheiten mit möglichstem Anstand und ohne weiteren Unfall; dann aber ließ ich meinen Hammock etwas weiter hinauf am Berge an Bäumen aufbinden und zog mich in meine inneren Gemächer zurück.

Einen allerliebsten Anblick hatte ich von oben hinab auf den Tanzplatz, da sowohl am Berghange als das ganze Thal herauf eine Menge rothe Kienfackeln schimmerten, denn der Ruf der Fiesta, die der =Sennor estrangero= gab, hatte im Laufe des Tages weithin verbreitet und von nah und fern Gäste herbeigelockt, deren Fackeln wie Leuchtkäfer durch die Nacht schimmerten.

Auffällig war mir die ungewöhnliche Menge von Kröpfen, deren ich in solchem Umfange selbst in Central-Amerika noch nicht gesehen und von denen manche wie ein Kürbis von leidlicher Größe ihren Eigenthümern am Halse baumelten. Ich griff voll Schrecken selbst mehrmals an meine eigene Gurgelgegend, um mich zu vergewissern, ob sich nicht auch da im Laufe des Tages ein solches Gewächs eingefunden hätte.

Wie lange das Fest dauerte, weiß ich nicht, denn nach so anstrengendem Tagewerke schlief ich natürlich hart und fest, nur erinnere ich mich, daß noch eine geraume Zeit Guitarrengeklimper und Jauchzen sich in meine Träume mischten und am andern Morgen Sancho kaum aus dem Schlafe zu rütteln war, was Zeugniß gab, wie fleißig er in der Nacht Beine und Gurgel in Bewegung gesetzt; von =agua ardiente= und allen anderen Festgenüssen war aber auch nicht ein Atom mehr vorhanden.

Mein nächstes Ziel waren nun die Minen von St. Martin, in kurzer Entfernung vom Golf von Fonseca gelegen, die man mir als die reichsten rühmte. Gegenwärtig werden dieselben vom Capitain M.... H. B. M. N. und Herrn R......., der eine der vielen Schwägerinnen des Herrn George C.... geheirathet, betrieben.

Es war wieder die alte Strapaze, durch steile, kahle Felsenthäler ohne Schatten hinab, wozu noch die liebe Sonne ihre Strahlen in allzu freigebiger Hitze spendete und die Atmosphäre auch nicht vom leisesten Lufthauche gekühlt ward. Der berühmte russische Reisende Krusenstern, wenn ich nicht irre, berichtet von einem südsibirischen See, in welchem eine Fischart existirt, die nur aus Gräten und Haut und dazwischen einer öligen Substanz statt des Fleisches bestünde. Mir war zu Muthe, als sei ich solch' ein armer Fisch und all' mein Fleisch sei geschmolzen wie Butter von der Sonne. Diese übergroße Hitze hatte ihren Grund darin, daß man in diesen Tagen den ersten Regen erwartete, wo immer die Hitze den höchsten Grad erreicht, und in der That begannen sich auch schon mächtige Wolkenmassen am fernen Horizont zusammenzuballen.

Am Nachmittag war ich endlich hinab in die Ebene gelangt, das Gewitter aber war heraufgezogen. Da der Boden eben war, ließ ich meinen Macho ausgreifen, was er nur konnte, um St. Martin möglichst noch vor Ausbruch des Gewitters zu erreichen. Zwei Reiter, die wir überholten, riefen mir zu, nicht so zu eilen, wir hätten noch Zeit; besser ist besser! dachte ich aber, winkte dem Mozo und trottirte frisch weiter. Es dauerte auch gar nicht lange, so schlugen schon einzelne mächtige Tropfen mit dem Knalle einer Peitsche auf die harttrockene Erde nieder, während weiße Staubwolken, emporgewirbelt vom daherbrausenden Sturme, grell gegen den rabenschwarzen Horizont abstachen, hie und da ein zischender Blitz durch die Luft züngelte und dumpfer Donner das Herannahen des Unwetters verkündete.

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Vorwärts jagten die keuchenden Thiere, als wüßten sie besser wie Menschen was da kommen würde, und die Bagage auf dem Lastthiere rasselte, als ob Alles in zehn Millionen Stücken gehen sollte, bis ich endlich, Gott sei Dank! die ersten Häuser von St. Martin erreichte, in deren ersten einem Mr. R...... eben unter seiner Veranda stand; dessen »=Good day Sir, glad to see you, expected you since two days!=« ward dabei von einem furchtbaren Donnerschlage unterbrochen, zugleich war's, als ob alle Schleusen des Himmels geöffnet würden, und hernieder strömte die Wasserfluth, als wollte es alles Fleisch, das nicht in der Hitze verschmort, vollends ersäufen. Mr. R....... war hoch erfreut mich unter seinem Dache zu sehen, ich aber sicherlich noch viel mehr, denn in solchem Wetter war es wahrlich kein Spaß, auf offener Haide zu sein. Schlag auf Schlag sauste hernieder und dazu brüllte der Donner in einer Weise, gegen die alle Proben tropischer Gewitter, die ich nur je erlebt, als ein wahres Erbsengerolle erschienen.

Es waren zwei Gewitter, eins von der Küste, das andere vom Gebirge herziehend, die sich gegenseitig bekämpften; letzteres schien das schwächere, denn nach kurzem Kampfe ward es von seinem Gegner in die Schluchten zurückgedrängt, der noch lange Zeit ein dumpfes Knurren hören ließ, wie ein Bulldogge nach der Beißerei, sich dann endlich auch zur Ruhe begab und der erfrischten Natur noch einen schönen Abend zu genießen verstattete.