Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Part 11

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Die letzte Methode des Ausbringens, die erst in neuerer Zeit in Aufnahme zu kommen beginnt, ist die bekannte Amalgamatiere in drehbaren Fässern, nachdem das Erz vorher im Ofen geröstet worden ist. Herr Schmidt stellte eben auch Versuche der sogenannten Augustin'schen Methode vermittelst Kochsalz an, mit welchem Erfolge ist mir zur Zeit jedoch nicht bekannt geworden.

Die vier Wochen, welche ich in Dipilto zubrachte, waren vom allerbesten Erfolg für mein Befinden und werden unter meinen Erinnerungen aus Central-Amerika stets eine liebe Stelle einnehmen. Ich ging mit erneueter Lust an die Arbeit, bereicherte meine Zeichnenmappe beträchtlich mit höchst pittoresken Studienblättern und meine Naturaliensammlung mit Specimen der verschiedensten Art. Der klare Fluß bot mir ein kräftigendes Bad am Morgen, die bewaldeten Berge angenehme Spaziergänge in der Kühle des Abends, mit einem Worte, ich lebte wieder neu auf. Selbst die kleinen Unannehmlichkeiten, die ein Aufenthalt an so entlegenen, von aller Communication abgeschnittenen Orten mit sich bringt, fühlte ich im Hause meiner gütigen Wirthin und durch den so lieben freundlichen Umgang weniger. Sogar für literarische Unterhaltung auf einsamen Spaziergängen war gesorgt, denn ihr Büchervorrath enthielt allerhand Literaturerzeugnisse in buntester Mischung, von Rousseau und Voltaire bis Frederic Soulié und Alexander Dumas.

Lebensmittel sind, da dieselben erst aus den tiefer gelegenen Bezirken auf Maulthieren herbeigeschafft werden müssen, wohl zu Zeiten etwas sparsam; allein da Herr und Madame L. selbst Handel mit Silber nach Granada und mit allerhand Gütern für den Verbrauch am Orte von dort hierher betreiben, so geht beinahe monatlich ein Transport hinab und einer herauf, wodurch denn auch Keller und Speisekammer wohl versorgt ward. Zur Regenzeit mögen freilich manchmal magere Tage auf fette folgen.

Gesellschaft fand ich, außer den beiden jungen deutschen Bergleuten, in Herrn Sch., meinem Doppellandsmann, geborenen Deutschen und naturalisirten Amerikaner, Don Felix S., ein unternehmender, thätiger Mann, dem Dipilto die Einführung der neuesten Verbesserungen verdankt, Don Chico F. u. s. w. Die meisten dieser Leute waren früher durch Guardiolo aus Besitz und Heimath vertrieben worden und jetzt irrte ihr früherer Verfolger in denselben Gegenden heimathlos umher, wo die Vertriebenen sich eine neue Heimath gegründet. »Nehmt euch ein Exempel dran!«

Selbst die frohesten Stunden müssen aber ein Ende haben und so auch mein Aufenthalt in Dipilto. Wenn ich noch andere Punkte für meine Studien ausbeuten wollte, hatte ich, der bevorstehenden Regenzeit wegen, nicht sehr viel Zeit zu verlieren.

Ich fand hier noch größere Schwierigkeit, mir Thiere zu verschaffen, denn die meinigen waren gleich nach meiner Ankunft nach St. Rafael zurück gekehrt, weil der Mangel an Futter dort die meisten unfähig zur Arbeit machte. Da ein Packthier, welches ich mit Mühe und Noth auftrieb, erst in einigen Tagen disponibel ward, mir aber mittlerweile ein ziemlich gutes Reitpferd verschafft worden war, so beschloß ich, mich einstweilen allein auf den Weg zu machen, um in der Zwischenzeit Mr. Dickson, meinen vorjährigen Reisegefährten von der Brigg Rogelin, zu besuchen, der in Maquelizo eine Zweigmine bearbeitete.

So belud ich denn -- es war jetzt schon Mitte April -- den kleinen munteren Braunen mit den nöthigsten Lebensmitteln, da ich wenig Aussicht hatte, die nächsten zwei Tagereisen bis Yuscaran welche zu bekommen, und begab mich frisch und fröhlich wieder auf die Wanderschaft.

Es ging nun von Neuem an ein Steigen und Klettern durch ödes steriles Gebirg, weit und breit keine Spur menschlicher Wesen, denn ich befand mich hier so ziemlich zwischen den letzten Außenposten der Civilisation. Ich mochte etwa drei Stunden geritten sein und hatte von fern schon mehrmals einzelne Savannen hinter mir in Feuer gesehen, als ich, in einem engen Felsthal eingeschlossen, auf einem kleinen abschüssigen Terrain, bei einer Biegung das Thal vor mir in Flammen sah. Wäre das Gras hier so hoch und dicht wie in den Prairien von Texas, so würde ich jetzt wahrscheinlich nicht im Stande sein, gegenwärtige Zeilen zu schreiben. Die Sache erscheint aber weit gefährlicher als sie wirklich ist, denn das Gras ist hier nur dünn und kurz, brennt schnell wie Pulver ab, und dann bieten auch einzelne ganz nackte Stellen Plätze, wo das Feuer nicht hinreicht, ja bisweilen hält nur ein kleines Bächlein den Gang der Flammen auf. Es geschieht dies Abbrennen absichtlich gegen Ende der heißen Jahreszeit, um dem neuen Grase Platz zu machen.

Zurückzugehen fand ich nicht für rathsam, denn bergauf wäre ich von den Flammen sicherlich eingeholt und vom Feuer und Rauch noch mehr belästigt worden, darum hielt ich auf der etwas hoch gelegenen Stelle an, stieg ab und sattelte mein Pferd etwas mehr zurück, um ihm das Athmen zu erleichtern.

Das kluge Thierchen wieherte leise, als hätte es mich verstanden und wollte mir sagen: Sei nur ruhig und verlaß dich auf mich.

In der That sind auch die Thiere durch das alljährliche Abbrennen der Savannen so ans Feuer gewöhnt, daß selbst Kühe sich ganz gemächlich an gesicherte Punkte zurückziehen, wobei sie freilich die feinere Witterung vor dem stolzen und doch oft so hülflosen Herrn der Erde voraus haben.

Ich hielt nun still, bis die Flammen einen Punkt erreicht hatten der mir günstig schien, gab dem Braunen scharf die Sporen und im raschen Galopp, das Gesicht in des Pferdes Mähne geborgen, tauchte ich gegen den Wind in den dichten Qualm und war in nicht einer halben Minute wieder auf der anderen Seite aus dem Feuer heraus. Zwar war der Boden noch heiß, die Luft schwer und raucherfüllt, allein bald verlor sich auch dies, und als ich nach einiger Zeit an einen Quell kam, wusch ich mein Pferd, das an den Beinen ziemlich versengt war, so wie mein eigenes rauchgeschwärztes Gesicht im kühlenden Naß. Das Fatalste war, daß ich durch die Hatze den Weg verloren hatte und erst eine Weile herumirren mußte, ehe ich ihn wieder fand.

Ich konnte nun freilich Maquelizo diese Nacht nicht mehr erreichen, wie ich gewollt, allein da ich gegen Abend einen Rehbock schoß und auch so glücklich war, ein Bächlein mit noch grünem Ufer zu finden, das Wasser und Futter für's Pferd bot, blieb ich liegen, hobbelte das Pferd, briet mir etwas Fleisch und ließ das andere am Morgen den Coyotas, welche die ganze Nacht darum serenadirt hatten.

Ich kam nach Maquelizo, das etwas kleiner als Dipilto, übrigens aber demselben sehr gleicht, schüttelte Freund Dickson die Hand, und nachdem wir einen Tag mit gegenseitiger Erzählung unserer Erlebnisse verbracht, ritt ich weiter gen Honduras. Ich war jetzt auf der Höhe des Gebirges, welches die Wasserscheide zwischen den beiden Oceanen bildet; in einer Entfernung von nur einigen hundert Schritten entsendeten Quellen ihre Wässer nach Osten und Westen.

Bis Yuscaran kam ich nur zweimal an elende Indianerhütten, in deren einer ich übernachtete. Mein Bett war ein hölzerner Trog, in welchem die Thiere, »die Moses Kinder scheuen«, nach ihrem Tode abgebrüht und ihrer Borsten beraubt werden, und mein Schlummer ward sehr gestört, nicht sowohl von den blutigen Gestalten jener unschuldig Gemordeten, sondern von einer Legion Flöhe und anderer Insecten. Ich hatte am nächsten Morgen auch noch das Vergnügen, einen Tiger zu schießen, der mich von einem kleinen Felsblocke aus neugierig betrachtete, als ich eben mein Pferd einen steilen Hohlweg am Zügel heraufführte. Die Kugel drang ihm ins linke Auge und er verschied ohne weitere Protestationen, das Pferd aber hatte beim Knall Reißaus genommen, und ich hatte Mühe, es wieder zu erhaschen. Das schöne Fell brachte ich als Trophäe mit nach New-York.

Am Mittag erreichte ich den Rio di Choluteca, den Grenzfluß zwischen Honduras und Nicaragua. Von Zollbeamten und Gensdarmen zur Visitation der Pässe war hier freilich keine Spur, und doch wäre es mir höchst erfreulich gewesen, dergleichen Leutchen hier zu finden, da sie mir doch die Furth zum Passiren des Flusses hätten zeigen können, zu der ich den Weg im steinigten Terrain verloren hatte; denn da der an und für sich schon große Fluß noch von steilen Felsen eingeklemmt wird, so ist er selbst in der trockenen Jahreszeit nur an einigen Stellen passirbar.

Ich suchte eine Zeitlang, bald auf-, bald abwärts, nach einer Furth, da ich aber keine fand, nahm ich Waffen und Packtaschen auf den Kopf und durchkreuzte auf gut Glück den Fluß an der Stelle, die mir am tauglichsten dazu schien. Bald hatte das Pferd Grund, bald ging es schwimmend weiter, so daß manchmal nur noch unsere beiderseitigen Köpfe zu sehen waren, doch langte ich ohne weiteren Unfall am anderen Ufer an, natürlich so naß, als ein Geschöpf Gottes möglicherweise nur sein kann, setzte meinen Weg fort und langte am Abend im Hause des Herrn George C..... an, eines Engländers, der seit mehr als 20 Jahren hier ist, sich mit einer Tochter des Landes verheirathet hat und nun mit seiner liebenswürdigen Gattin und seinen Kindern ein zwar einsames, aber ruhiges und augenscheinlich glückliches Leben führt.

Sein Ingenio liegt nur etwa 3 Miles von Yuscaran entfernt; ich leistete daher seiner, schon in Dipilto an mich ergangenen Einladung, in seinem Hause zu ruhen, um so lieber Folge, als sowohl das Pferd wie ich vom dreitägigen Klettern gehörig erschöpft waren. Das arme Thier war von dem schweren Reiter und den ausgestandenen Strapazen so mitgenommen, daß es sich durch mehre Tage nicht erholen konnte.

Mit wahrem Wonnegefühl legte ich mich am Abend, nach einer Tasse stärkendem Kaffees, in einem guten Hause unter freundlichen Menschen zur Ruhe und schlief mit dem seligen Bewußtsein ein, morgen nicht gleich wieder in den Sattel klettern zu müssen.

Der Staat Honduras, dessen Grenze ich im Rio di Choluteca überschwommen, ist von den fünf Staaten Central-Amerikas nächst Nicaragua an Flächenraum der größte, an Bevölkerung der kleinste, an Mineralien der reichste, an Productenausfuhr der ärmste. Er erstreckt sich vom 13. bis 16. Grade nördlicher Breite, vom 83. bis 89. westlicher von Greenwich, vom 6. bis 12. westlicher von Washington, ist im Norden und Nordwesten von den carribischen Seen, östlich vom sogenannten Mosquito-Königreiche, südlich vom Staate Nicaragua, südwestlich von St. Salvador, nordwestlich von Guatemala begrenzt.

Die Verfassung ist mit geringen Abweichungen der von Nicaragua gleich.

Der Staat ist in sechs Departements getheilt: Gracias, St. Barba mit dem Hafen von Omoir an dem Carribien-See, Comayagua mit der Hauptstadt gleiches Namens, Yoco, nächst dem Cap Honduras, Choluteca, welches zugleich einen großen Theil des Golfes di Fonseca umfaßt, und in letzterem die wichtigen Inseln Islo de Tigre und Sacate Grande, die, sollte der Atlantic-Pacific-Kanal zu Stande kommen, eine außerordentliche Bedeutung erlangen müssen. Die Stadt Tegucigalpa liegt gleichfalls in diesem Bezirke und ist meist der Aufenthaltsort der Regierung, da die ungesunde Lage von Comayagua diese Stadt nicht recht zur Bedeutung kommen lassen will. Der sechste District endlich, Olancho, ist einer jener unter dem Namen des Mosquito-Königreiches streitig gemachten Landstriche und größtentheils, gleich Yoco und St. Barba, von den Indianerstämmen der Ikakes und Carribes bewohnt; der weiße Theil der Bevölkerung lebt meist zerstreut auf Rindvieh-Haciendas, unter denen sehr ausgedehnte Besitzungen sind. So starb während meines Aufenthalts in Yuscaran einer der reichsten Grundbesitzer, der an 24,000 -- sage 24,000 -- Stück Rindvieh hinterließ, und deren Weideplätze einen Flächenraum einnahmen, größer als so manches deutsche Fürstenthum.

Zur selben Zeit fand auch einer der öfter vorkommenden Raubüberfälle der Carribes statt, als deren Grund ich aber mehr jene kleinlichen Hetzereien wegen der Gebietsstreitigkeiten ansehe, als wirkliche Feindseligkeiten und Haß; denn so oft ich auch Indianer antraf, fand ich sie doch nur stets von friedfertigem, freundlichem Charakter und sanften Sitten.

XII.

Yuscaran. -- Don Pedro Xatrerha. -- Indianerstämme. -- Gefahren eines Besuches bei ihnen. -- Gewaltsame Requisition. -- Tegucigalpa. -- Sennora L... -- General Cabannas.

Yuscaran, wo ich einen Halt von zwei Wochen machte, ist einer der bedeutendsten Bergbauplätze mit einer großen Anzahl Minen, deren viele schon seit mehren Jahrhunderten betrieben werden. In der Neuzeit ist die Ausbeute allerdings bedeutend geringer geworden, was auch hier seinen Grund in dem höchst unvollkommenen Betriebe hat, so wie in der Schwierigkeit, sich die nöthigen Maschinen und tüchtige Bergleute zu verschaffen, denn Alles, was ich über Dipilto gesagt, hat auch auf hier Bezug. Keine der Minen hat mehr als 500 bis 600 Fuß Tiefe, und doch liegen viele derselben schon lange todt, die bei gehörigem Betriebe noch sehr reiche Ausbeute geben würden. Ich habe auf meinen Touren die verschiedenartigsten Stufen gesammelt, deren reicher Gehalt gewiß die Aufmerksamkeit der Mineralogen fesseln würde, und dennoch tragen viele der Minen, aus denen ich sie gesammelt, kaum die Kosten des Betriebs.

Der Ackerbau ist von keiner großen Bedeutung und genügt kaum, die dünne Bevölkerung zu ernähren; Reis, Bohnen, ja selbst Mais muß nicht selten aus den Niederungen am Pacific herbeigeführt werden, und sogar während meines kurzen Aufenthaltes war wegen geringer Stockung im Transport für einige Zeit eine Art von Hungersnoth eingetreten.

Die weiße Bevölkerung ist auch hier verhältnißmäßig noch schwach, da das Land erst später unter spanische Botmäßigkeit kam. Cortez, auf seinem berühmten, beschwerdereichen Marsche nach Cap Gracias, berührte nur Nord-Honduras.

In den blutigen Revolutionen, die Central-Amerika bis auf unsere Tage erschüttern, hatte auch Honduras seine Rolle; in dem Kriege, den Morozan für die Föderation führte, war Tegucigalpa der Schauplatz einer heldenmüthigen Vertheidigung des Generals Cabannas, desselben, der sich auf Morozan's Rückzug von Guatemala so großen Ruhm erwarb und der heute den Präsidentenstuhl von Honduras einnimmt.

Eine traurige Epoche war die, wo Guardiolas' fanatische Verfolgung der Gegenpartei stattfand und das Land mit Blut überschwemmte. Wenige Familien existiren, die aus jener traurigen Zeit nicht den Verlust eines ihrer Glieder zu betrauern haben. In jener Zeit erwarb sich der damalige Commandant von Yuscaran, Don Pedro Xatrerha, großes Verdienst: als nämlich Guardiolas sich der Stadt bis auf einen Tagemarsch genähert, öffnete Don Pedro auf eigene Gefahr der Verantwortung die Gefängnisse und entzog so Hunderte von unglücklichen Gefangenen einem grausenvollen Tode, eine menschenfreundliche Handlung, die der wackere Mann beinahe mit dem eigenen Leben bezahlt hätte, denn Guardiolas, wüthend, daß seine Opfer ihm entgangen waren, ließ ihren Befreier verhaften, und nur seine anerkannte Bravour als Soldat entzog Don Pedro dem Tode. Derselbe lebt noch heute geehrt und geliebt auf demselben Posten, und ich genoß drei Tage, die ich in der Stadt selbst blieb, seine Gastfreundschaft, die, wie hier überall, gern gegeben und darum dankbar angenommen ward. Für mein Portefeuille fand ich auf meinen Streifereien in der Umgegend besonders reiche Ausbeute und bereue die darauf verwendete Zeit keineswegs.

Großes Verlangen trug ich danach, meine Excursionen bis in das Gebiet der Ikakes und Carribes auszudehnen, unter günstigen Umständen mich sogar länger unter ihnen aufzuhalten und vielleicht manche nicht unwichtigen Beiträge zu Nutz und Frommen der Wissenschaft zu sammeln; allein einige Berichte competenter Männer über die Eigenthümlichkeiten dieser Indianerstämme hielten mich ab, dies Wagniß allein zu unternehmen, und ein Begleiter wollte sich nicht finden.

Es herrscht nämlich bei allen diesen Stämmen, neben der Scheu, die sie überhaupt vor Umgang mit Fremden tragen, eine außerordentliche abergläubische Furcht vor Bezauberung und Ansteckung durch Krankheit. Allein unter ihnen krank werden, heißt seinem gewissen Tode entgegengehen. Man läßt dem fremden Kranken einige nothdürftige Lebensmittel und Wasser, worauf Alles aus seiner verderbenbringenden Nähe flüchtet und erst nach seinem Tode oder, was äußerst selten vorkommt, nach seiner Genesung zurückkehrt; stirbt er, so wird das Haus sammt Allem, was darin ist, niedergebrannt. Dasselbe geschieht ihm aber auch, jedoch bei lebendigem Leibe, wenn er nur zufällig auf die Erde spuckt, so groß ist ihre Furcht vor Bezauberung.

Es möge dies den tabackkauenden Yankees zur Lehre dienen, wenn anders einige von ihnen diese Länderstriche besuchen und, wie überall, einen magischen Kreis braungefärbten Speichels um sich ziehen sollten.

Ich selbst huldige zwar keineswegs der edlen Gewohnheit des Tabackkauens und hatte also von dieser Seite nichts zu befürchten; allein mein viermonatliches Fieber hatte mir denn doch einigen Schrecken in die Glieder gejagt, und wenngleich ich den Tod nicht scheue, wenn's einmal gestorben sein muß, so hat der Gedanke, von aller Welt verlassen gleich einem Paria zu verenden, doch zu wenig Anziehendes für mich. Sollte sich also ein anderer Reisender zur Nachholung des von mir Versäumten verlockt fühlen, so rathe ich ihm wohlmeinend, sich wenigstens mit einer zu Schutz und Krankenpflege geeigneten Begleitung zu versehen, besonders aber sich des Ausspuckens gänzlich zu enthalten.

Nachdem mir die Güte des wackern Mr. George C......, eines der angesehensten Minenbesitzer hiesiger Gegend, ein paar leidliche Maulthiere verschafft, machte ich mich in Begleitung eines Mozo nach Tegucigalpa auf den Weg. Die einzelnen Individuen vom Stamme der Ikaken, die, schon als Kinder geraubt, hier und da zerstreut als Diener leben, sind wesentlich von den Nachkommen der Aztekes und Toltekes verschieden, weniger gut gebaut, mit kleinen geschlitzten Augen, verschwollenen Augenliedern, dicken Lippen und unverhältnißmäßig großen Untertheilen des Kopfes, augenscheinlich von viel geringerer Intelligenz und Capacität als jene. Die Haare, welche die Nicaragua-Indier bis auf einen kleinen Theil über der Stirn abscheren, tragen diese Ikaken lang, auch waren dieselben nicht kraus, sondern schlicht herabhängend.

Um nach Tegucigalpa zu gelangen, hatte ich zuvörderst einen mächtigen Gebirgsstock zu erklettern, was viel leichter gesagt als gethan ist; die trockene Jahreszeit hatte ihren höchsten Gipfel erreicht, die ganze Natur schien mir bis ins innerste Mark verbrannt; die armen Maulthiere waren durch die Spärlichkeit des Futters zu wahren Skeletten herabgekommen, konnten statt der 250 bis 300 Pfund der gewöhnlichen Ladung kaum 150 Pfund tragen, und mein armes Sattelthier machte mein Mitleid so rege, daß ich es vorzog, einen großen Theil der Kletterei zu Fuß abzumachen. Auf der Höhe des Gebirges fanden wir einen Quell, kalt wie Eis, für Menschen und Vieh eine willkommene Erquickung. Meine Tortillas gab ich meinem armen verhungerten Thiere, begnügte mich mit einigen gekochten Bohnen und einem halben Dutzend Strohcigarren zum Nachtisch, worauf es wieder an ein eben so halsbrecherisches Hinabklettern ging, das uns am Abend zu einem mit grünen Ufern kokettirenden Flüßchen als geeigneten Lagerplatz brachte. Die größte Wohlthat war den armen Thieren hier unten die Befreiung von den abscheulichen Stechfliegen, die hier die Größe von einem Zoll haben und eine wahre Höllenmarter für das Vieh sind; ich vergrößerte ihr Wohlbehagen noch dadurch, daß ich ihnen meinen Salzvorrath zu lecken gab.

Aber bei all' meiner Thierfreundlichkeit blieb ich doch selbst ohne Nahrungsmittel und schickte daher Salvador, meinen zeitweiligen Sancho Pansa, auf Requisition von Eiern und Hühnern aus, während ich selbst Feuer machte; der Bursche kehrte aber mit der gewöhnlichen Redensart »=No hai=« (es ist nichts da) zurück. Das wurmte mich und meinen Magen gar sehr, deshalb beschloß ich, selbst eine Recognoscirung anzustellen, gürtete meine Hüften, schulterte die Büchse und schlug den Pfad nach einigen zerstreuten Indianerhütten ein, die das Dörfchen Jove bilden.

Wie gewöhnlich war auch hier Alles, wonach ich fragte, nicht vorhanden. Da führte sein Unstern mir ein halbwüchsiges Schweinchen in den Weg, und ich that, wie ich schon früher bei gleicher Gelegenheit einmal gethan, d. h. nachdem ich die anwesenden Indianer gefragt, ob einer von ihnen der Eigenthümer sei und ein »=No Sennor=« zum Bescheid erhalten, schnitt meine Kugel den Lebensfaden des jugendlichen Geschöpfes zugleich mit allen Einwendungen des Mannes kurz ab, eröffnete aber dagegen die Schleusen seines Jammers ob des ungeheueren Verlustes; 10 Pesos Kupfer, ungefähr 2 Thaler und gut der dreifache Werth des Schlachtopfers, stillten jedoch den Jammer und verwandelten ihn in solche Freude, daß der Mann mir ein Geschenk von einem Dutzend Eiern machte und seiner Frau befahl, mir so viele Tortillas zu backen, als mein Herz nur immer verlangen würde.

Da ging es nun an ein Kochen, Braten und Backen, das Feuer ward rundum mit Cochonnerien aller Art besteckt, Wirth und Wirthin wurden meine Gäste, aus meinem kleinen Feldkessel sendete ein köstlicher Kaffee seine aromatischen Düfte empor, und um dem Mahle den größten Reiz zu verleihen, zog ich eine Flasche =Agua ardiente=, zu deutsch Schnaps, aus meiner Satteltasche hervor. Ueberwältigt vom lucullischen Mahle und der Müdigkeit, sank ich dahin und schlief den Schlaf des Gerechten.

Wer wissen will, wie ich den nächsten Tag verlebt, der lese das Obige noch einmal, nur mit dem Unterschiede, daß der reichlichere Vorrath von Tortillas und Schweinefleisch neue Requisitionen unnöthig machte, und daß auf der Höhe des Gebirges der Minenort St. Antonio, zwischen todten, sterilen Sandsteinfelsen gelegen, die Oede etwas unterbrach; nachdem ich aber den zweiten Gebirgskamm überschritten, sah ich das Ziel meiner diesmaligen Reise, Tegucigalpa, in der Ferne liegen, bei welchem Anblicke mein Herr Maulesel, in der Hoffnung auf Erlösung von seinen Leiden, die Lüfte von einer mißtönigen Freudenhymne wiederhallen ließ. Noch ein mühevolles Hinabklimmen, und ich hielt meinen Einzug in besagter Stadt, deren reinlich gehaltene, gepflasterte Straßen, wohnliche Häuser und behäbig aussehende Einwohner einen sehr angenehmen Eindruck auf mich machten.

Im Hause der Schwiegermutter des Herrn C....., Sennora Donna L....., erwartete, wie überall, Menschen und Thiere die freundlichste Aufnahme; mein Gepäck traf aber erst spät am Abend ein, denn das arme verhungerte Thier war zweimal gestürzt; nebenbei hatte Salvador große Aengsten ausgestanden, daß ich mich verirrt haben könne, und war höchlich erstaunt, mich gesund und wohlbehalten beim Schmause zu finden.

Die Stadt Tegucigalpa, inmitten der Gebirge in einer schönen Thalebene am Rio di Choluteca und nicht weit von seinem Ursprunge gelegen, _soll_ eine Bevölkerung von 25,000 bis 30,000 Einwohnern haben, woran ich jedoch billig zweifeln muß, obschon man den über einen großen Theil der Ebene zerstreuten Stadtbezirk hierbei mit einrechnet. Wenn überhaupt alle die hier gewöhnlich erfolgenden Angaben der Einwohnerzahl richtig wären, wie z. B. Granada 40,000, Leon 35,000, Matagalpa 30,000 u. s. w., so müßte Central-Amerika mindestens 10 Millionen Einwohner haben, während es thatsächlich deren kaum 2 Millionen besitzt. Meiner Berechnung nach kann die eigentliche Stadt Tegucigalpa etwa 5000 bis 6000 Einwohner haben.