Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers

Part 10

Chapter 103,643 wordsPublic domain

Hier bot sich dem Auge ein wunderliches Spiel der Natur: gegen Süden erstreckte sich eine großartige Gebirgslandschaft in den so ernsten und doch so graziösen Conturen, ganz ähnlich den Gebirgen Griechenlands und Kleinasiens; nordwärts dagegen war auch nicht mehr ein Schatten tropischer Natur zu sehen. Das Thal von St. Rafael, von kleineren vulkanischen Hügeln umgeben, glich frappant dem Thale von Teplitz in Böhmen und war bewaldet mit Massen von Rotheichen, dazwischen Wiesen und Zuckerrohrfelder, die aus solcher Entfernung für das Auge die Getreidefelder ersetzten; die Gipfel der Hügel mit einer Menge der schönsten Kiefern bedeckt. Selbst die Hütten des Dorfes glichen in Form und Größe von weitem den Häuserchen des sächsischen und böhmischen Erzgebirges -- mit einem Worte: es sah beinahe aus wie daheim im lieben Sachsenlande.

X.

Aufenthalt in San Rafael. -- Viehzucht. -- Versuch mit dem Lasso. -- Weiterreise. -- Nächtliches Concert. -- Totogalpa. -- Der gastfreundliche Cura. -- Eine Hochzeit. -- Ocotal. -- General Guardiola. -- Hahnenkämpfe. -- Spielwuth der Bewohner.

Ich ward genöthigt, einige Tage hier zu bleiben, theils weil Don Eusebio Geschmack an mir gefunden hatte und mich durchaus in seinem Hause beherbergen wollte, was mir sehr angenehm war, um etwas auszuruhen, und dann, weil zwei der Maulthiere am vorigen Tage ganz erschöpft zurückgelassen werden mußten, und ich so meine Bagage zu erwarten hatte, bis Apolinario sie auf anderen Thieren nachgeholt haben würde. Die kurze Rast bekam mir aber vortrefflich und mein Gesundheitszustand besserte sich schnell und merklich.

Don Eusebio zeigte mir seine Besitzung, meist Weideland und an Umfang beinahe so groß, als manches kleine Fürstenthum, mit ungefähr 4000 Stück Rindvieh, nannte sich selbst aber dabei einen armen Mann; er hatte insofern nicht ganz Unrecht, als er von all' seinem Eigenthume kaum 600 bis 700 Piaster jährlich realisiren kann. (Das Stück Rindvieh im Preise von 3, 4, höchstens 5 Piaster.)

Da Don Eusebio eine kleine Ladung Rohzucker nach Ocotal zu senden hatte, so contrahirte ich mit ihm für Thiere nach dem nicht weit von Ocotal gelegenen Dipilto, einem der bedeutendsten Minenplätze des Landes. Es mußten dazu noch einige von den in den Savannahs grasenden Maulthieren eingefangen werden, und auf Don Eusebio's Einladung beschloß ich, auch einen Versuch mit dem Lasso zu machen.

Eines Morgens ritten wir in Begleitung von zwei Mozos, jeder mit seinem Lasso am Sattelknopfe, zur Jagd aus, nachdem ich von Don Eusebio noch einige Lectionen, wie zu verfahren sei, erhalten hatte, denn es ist ein verwünschter Unterschied, einen Lasso zu Pferd oder zu Fuß zu werfen. Nachdem die Mozos in Zeit einer halben Stunde den geschäftlichen Theil erledigt, d. h. die nöthigen Maulthiere eingefangen, kam an mich die Reihe, meine Künste zu produciren. Ein starker Bulle ward ausersehen und ich ritt langsam auf denselben los. Der Stier, Schlimmes ahnend, fing an zu laufen, ich galoppirte hinterdrein, das Pferd scharf in der Faust. In angemessener Entfernung erhob ich mich ein wenig in den Bügeln, wirbelte den Lasso um den Kopf, lehnte mich vorwärts, um ihn zu werfen, als -- schnapp! der Steigbügel mir entschlüpfte, und ich kopfüber zu Boden schoß. -- Ungeheuere Heiterkeit von allen Seiten! -- Das gut abgerichtete Pferd stand im Augenblicke still, und nachdem ich mich überall befühlt und entdeckt hatte, daß alle meine Knochen noch ganz waren, stieg ich wieder auf, mein Glück auf's Neue zu versuchen; diesmal ging's besser, der Lasso fiel, den halben Cirkel beschreibend, dem Thiere kunstgerecht über die Hörner; das Pferd, als ob es die Länge des am Sattel befestigten Lasso genau berechnet hätte, wendete augenblicklich um und brachte durch einen heftigen Ruck den Bullen zu Boden. Nur ist noch eine gewisse Geschicklichkeit erforderlich, sich des Thieres auch ganz zu bemeistern, was meiner Unerfahrenheit doch wahrscheinlich etwas schwer geworden sein dürfte, hätte Don Eusebio nicht, seinen Lasso von der andern Seite werfend, alle weiteren Schwierigkeiten beseitigt, und so endete denn dieser erste Versuch mehr zu meinem Ruhme, als ich in der That verdient hatte. -- Ungeheuere Zufriedenheit!

* * * * *

Nachdem Don Eusebio mich während meines Aufenthalts bei ihm so gastfrei behandelt, als seine Mittel es nur irgend erlaubten, begleitete er mich noch einige Meilen auf meiner Weiterreise.

* * * * *

Ich änderte nun meine Richtung, die bisher eine nordöstliche gewesen war, in eine nordwestliche und, obschon weit im Binnenlande, eine mit der rechtwinkligen Form der Meeresküste parallel laufende Linie beschreibend, setzte ich meine Reise in alleiniger Begleitung eines Mozo fort. Der Weg glich so ziemlich dem vorigen, nur daß in so beträchtlicher Höhe, wie ich mich befand (3000 bis 4000 Fuß auf den tiefsten Punkten), die Nachtluft, zumal auf den Gipfeln der Hügel, recht empfindlich kühl ward, mein Poncho und ein tüchtiges Feuer mir äußerst angenehm waren, desto mehr aber die Thiere zu leiden hatten, denen die Kühle häufig eine Art von Darmgicht oder Kolik zuzieht, die zwar nur einige Stunden anhält, sie aber doch für diese Zeit ganz unfähig macht, zu gehen.

Wasser ist hier häufiger und von vorzüglicher Qualität. Die Zuckerrohrfelder, obwohl nur klein, sind ergiebig, der übrige Boden, wie bisher, Wald und Weideland. Die Landschaft war hier unter dem Einflusse der Morgennebel und des reichlichen Thaues schön grün geblieben. Bergauf- und bergabsteigend bot die Pflanzenwelt eine höchst überraschende Abwechselung dar, denn in der bedeutenden Wärme der Thäler sproßte die tropische Vegetation in vollster Ueppigkeit, während auf den höchsten Höhepunkten, die ich berührte, oft selbst die Kiefer als verkrüppeltes Knieholz hinter mir blieb, und ich so manchmal im Zeitraume eines Tages die Vegetation von 30 bis 40 Breitegraden beobachten konnte.

Ich passirte eine Menge von Dörfern, von bald christlichen, bald heidnischen Namen, unter denen ich mich besonders eines lieblichen Blickes in das Thal Santa Rosa, von der Borda di Santa Rosa herab, mit Vergnügen erinnere. Die Nächte freilich wurden des täglich heftigern Thaues wegen auch im nämlichen Grade unangenehmer und mein Schlummer ward oft gestört vom nächtlichen Geheul der Cayotas oder südamerikanischen Wölfe, welches ganz so klingt, als ob eine Bande ungezogener Gassenbuben im höchsten Discant schrie, und in das sich manchmal das tiefe, langgezogene Geheul eines Jaguars mischt. Obschon man allgemein und, wie ich glaube, mit Recht behauptet, daß diese Bestien, außer vielleicht im furchtbarsten Hunger, den Menschen nie angreifen, so kann man sich doch, wenn das schändliche Concert zu arg wird und gar nicht aufhören will, eines gewissen Büchsenfertigmachungs- und Messerzurechtlegungsgefühles nicht erwehren, und manch' liebes Mal trieb mich die Sorge um die Thiere aus dem Hammock, um mit der Büchse im Arme die Wachtrunde zu machen.

Am dritten Tage gegen Abend gelangte ich nach Totogalpa, einem mit Ausnahme des Cura (Pfarrers), der ein Weißer ist, nur von Indianern bewohnten Dorfe, die sich immer wieder nur unter einander verheirathen und so ihren Stamm rein und unvermischt erhalten. -- Der Cura war ein =compadre= (auf gut deutsch Herr Gevatter) Don Eusebio's, weshalb der Mozo Ordre hatte, mich nach seinem Hause zu bringen. Der Cura, ein respectabel aussehender Vierziger, war die Herzensgüte und Freundlichkeit selbst. Da ich immer noch ein wenig zu schlank im Verhältniß meiner Körperlänge war und blaß aussah, so litt er nicht, daß ich im Hammock schlief, sondern ich mußte durchaus ein Bett annehmen, wie ich erst später zu meinem großen Leidwesen erfuhr, des würdigen Mannes eigenes Bett, da er in dem Artikel nicht eben reichlich versehen war.

Mr. Stevens rühmt in seinem Werke über Central-Amerika mit allem Rechte die Güte der Curas, und ich muß dieses Lob in vollster Ausdehnung bestätigen; mit vielleicht nur wenigen Ausnahmen in den größern Städten ist das Haus des Cura stets die Zufluchtsstätte aller Obdach- oder sonst Hülfebedürftigen, und so auch in Totogalpa. Es blieben in derselben Nacht wenigstens zehn bis zwölf Personen, darunter auch drei Damen, welche auf dem Wege nach Leon begriffen waren, in der Pfarrei, und vielleicht dreißig Maulthiere und Pferde ließen sich die Weide auf des guten Pfarrers Protero trefflich schmecken.

Die bessern Häuser haben hier alle einen Patio oder Veranda, den jeder Reisende ebenso als sein Eigenthum betrachten kann wie die Landstraße; zwischen den Säulen schlingt er seinen Hammock auf, in einer Ecke oder auf dem freien Platze vor dem Hause zündet er sein Feuer an, kocht seine mitgebrachten Vorräthe und zahlt nur dann etwas, wenn er irgend etwas von den Vorräthen des Hauses consumirt, -- =nota bene= wenn Vorräthe da sind. --

Der Cura theilte mir beim Schlafengehen mit, daß am andern Morgen drei junge Paare den ledigen mit dem Ehestande vertauschen wollten, und lange vor Tagesanbruch folgte ich ihm in die Kirche, der Ceremonie beizuwohnen, denn es ist hier Sitte, jede Trauung noch vor Sonnenaufgang zu vollziehen, eine Sitte, die wahrscheinlich noch indianisch-heidnischen Ursprungs ist.

Die jungen Paare erschienen, gefolgt von ihren Verwandten, im Geleite der Brautführer und Brautjungfern; der Cura vollzog die Trauung nach dem Ritus der katholischen Kirche und im Zwielichte des anbrechenden Tages begab sich der ganze Hochzeitszug nach dem Hause des Bräutigams, um dort den Tag bis zur späten Nacht mit Essen, Trinken und Tanzen zuzubringen.

Der Cura führte mich in eins der Häuser, um die Festlichkeiten mit anzusehen. Inmitten der dichtgedrängten Menge ward getanzt, doch stets nur ein Paar auf einmal, beim Klange zweier Guitarren und einer Geige. Das Mädchen stand auf einer Seite des kleinen Tanzraumes und der junge Bursche bewegte sich hüpfend und tänzelnd auf sie zu, bald vorwärts, bald rückwärts, und drehte sich in verschiedenen Bewegungen um sie herum; dann that das Mädchen desgleichen, dann beide zusammen, worauf beide abtraten, um einem neuen Paare den Raum zu überlassen, sich selbst aber mit Tortillas und Bohnen zu erlaben. Aus besonderer Rücksicht auf mich als Fremden und die würdige Begleitung, in der ich mich befand, näherte sich mir eine Art von Ceremonienmeister und forderte mich zum Tanze auf; da aber mittlerweile der Tag angebrochen war und die Thiere gesattelt vor der Thür standen, entschuldigte ich mich mit meinen bestiefelten und pfundbespornten Gemüthszuständen, schüttelte dem wackern Diener Gottes herzlich die Hand und galoppirte lustig dahin in der frischen Morgenluft.

Bald bot sich mir von der Höhe der Borda de Ocotal eine wunderliebliche Aussicht in das Thal, wo sich der Riococo hinab nach der Ostküste schlängelt, an seinen Ufern das reizend gelegene Dörfchen Ocotal und drüben auf der andern Seite die grandiosen Berge von Dipilto. Noch ein steiles Hinabklettern, bei dem die Thiere manchmal eine ganze Strecke auf dem Hintertheile rutschend zurücklegten, dann die Passage des Riococo, jetzt ziemlich leicht, doch in der Regenzeit sehr schwierig und gefahrvoll, und ich ritt nach kurzer Zeit über die Plaza von Ocotal nach dem Hause der Sennora, Donna Chepa (Josephine) G., einer großen corpulenten Dame, an die ich eine Empfehlung hatte. Aufnahme wie überall.

Als ich beim Frühstück saß, kam der Militärcommandant des Departements, Don Gabriel Y., in Gesellschaft eines kurzen, dickbeleibten Sennors mit ungeheuerm militärischen Schnurrbart und blauem Oberrock, um der Sennora einen Besuch abzustatten. An mich wurden nun viele Fragen: Leon, die Revolution, Munoz etc. betreffend, gerichtet, die ich ungenirt und so gut ich es vermochte beantwortete. Mir fiel dabei auf, daß der dicke Herr im blauen Oberrock mit dem gewaltigen Schnurrbarte seine übrigens recht hübschen und sanften blauen Augen immer schüchtern wie ein verlegenes Mädchen niederschlug, wenn ich ihn ansah, eine Gewohnheit, die mir an Männern nie recht gefallen will. -- Später in Dipilto, wo ich denselben nochmals antraf, erfuhr ich erst, daß es der General Guardiola sei, auch »der Tiger von Honduras« benannt. -- Dieser Mann hatte sich im Jahre 1844, wo er die Regierung von Honduras unterstützte, eine traurige Berühmtheit erworben durch seine blutige, grausame Verfolgung der Gegenpartei. Im Jahre 1849 conspirirte er dann selbst gegen die Regierung, hatte aber schlechten Succes und hielt sich seit jener Zeit als Verbannter in Costa-Rica auf. Dann ward er von der Regierung von Nicaragua herbeigerufen, um ein Commando gegen Munoz zu übernehmen, konnte sich jedoch nicht mit dem commandirenden General, Don Fruto Chammorro, vertragen und nahm deshalb sehr schnell wieder seine Entlassung.

Ocotal ist die von Manchen als Nuevo Segovia bezeichnete Stadt; die eigentliche Stadt dieses Namens ist jedoch 4 Miles tiefer hinab, am Riococo gelegen, ward im Anfange des vorigen Jahrhunderts aber von Flibustiern, die den Fluß heraufkamen, zerstört und die geflüchteten Bewohner bauten das heutige Ocotal.

Ich wünschte noch vor Nacht Dipilto zu erreichen und brach also auf, sobald Menschen und Thiere sich ein wenig erholt hatten. Als ich über die Plaza kam, bemerkte ich eine Menge Menschen und aus ihrer Aufregung und der allgemein auf einen Punkt gerichteten Aufmerksamkeit schloß ich, daß da etwas Absonderliches los sein müsse. Als ich an die Stelle kam, sah ich, daß ein Paar Kampfhähne die Helden der Scene waren, und der heutige Tag, wie man mir sagte, der eines weitberühmten Hahnengefechts. Jetzt erst ward mir plötzlich klar, warum ich unterwegs so viele Leute mit Bretern auf dem Rücken gesehen hatte, auf deren jedem fünf bis sechs Hähne festgebunden waren. Ein Mann zu Pferde kam sogar mehr als 30 Miles weit her, die vier Ecken seines Sattels nach den vier Himmelsgegenden zu mit ebenso vielen Hähnen garnirt, zwei an Stelle der Holftern, zwei an Stelle der Satteltaschen. Die Hähne fechten hier nicht mit den gewöhnlichen Sporen, sondern mit sichelartigen Messerchen, deren haarscharfe Klinge manche so geschickt an das rechte Bein des Hahnes zu befestigen verstehen, daß oft schon beim ersten Anlauf der Gegner ein Bein einbüßt. Eben als ich anlangte, fiel einer der armen Kämpen, von seinem Gegner in die Seite gestochen und schändlich hinterlistig umgebracht, zu Boden und maß den Wahlplatz mit seinem Heldenleibe. Gleich war jedoch ein neues Paar zur Stelle, und ein barfüßiger, ziemlich lumpenhaft toilettirter Sennor frug mich, ob ich nicht mit ihm auf einen der Duellanten wetten wollte. Wie viel? -- Zehn! -- Was zehn, Piaster? (Etwas hoch, dachte ich.) -- Nein, zehn Mark Silber (ziemlich 80 Dollars). Bagatelle! meinte ich und machte, daß ich weiter kam, denn ein so niedriges und grausames Vergnügen schien mir nicht werth, Zeit und noch weniger Geld daran zu setzen. Es ist übrigens eine gewöhnliche Sache, hier anscheinend arme Leute recht hohe Summen bei Hahnen- und Stiergefechten verwetten zu sehen. Das Spiel ist hier die vorherrschendste Leidenschaft und, wie man mich versicherte, sollen am selben Tage auf zwei Hähne von besonderer Kriegsreputation in mehrern Wetten die Summen von 2000 Dollars im Ganzen auf dem Spiele gestanden haben. So fand ich auch, was ich vorher nicht beachtet hatte, in jedem Hause einen oder mehrere Kampfhähne, jeden mit einem Bindfaden am Fuße, auf einer Art von Papageienstock sitzend, die lediglich zu jenem barbarischen Vergnügen aufgefüttert werden.

Bald hinter Ocotal tritt man wieder in eine tiefe Schlucht ein, und gleich im Anfange hören alle bewohnten Plätze auf. Ein zwar enger, aber doch nicht zu beschwerlicher Weg führte bald auf dem einen, bald auf dem andern Ufer des Rio di Dipilto hin, der hell, klar und lustig über die Steine dahinhüpft, hier und da von einem kleinen Salto (Wasserfall) unterbrochen, mühsam an manchen Stellen sich durch das Thal zwängend, dessen vielfache Windungen ihm manchmal das Aussehen geben, als hätte hier die Welt ein Ende. Mein Mozo, für den das Hahnengefecht mehr Anziehungskraft hatte, als für mich die Reize dieser malerischen Natur, war etwas zurückgeblieben, und so verfolgte ich denn meinen Pfad in einer angenehmen Einsamkeit. Die steilen Höhen rechts und links, bedeckt mit majestätischen Kiefern, wie ich sie noch kaum so hoch gesehen, ließen die Sonne nicht so eindringen, und die tiefe Ruhe, durch das sanfte Gemurmel des dahineilenden Flüßchens noch traulicher gemacht, ward nur dann und wann vom leisen Gesange eines Vögelchens unterbrochen. Viele Nordländer sind der Meinung, daß die Vögel der Tropen nicht singen; dem ist aber nicht so, nur muß sich das Ohr an ihren Gesang gewöhnt haben, der so zart ist, daß sie fast leichter zu sehen als zu hören sind. Ich aber fühlte mich so froh gestimmt, daß ich die schweigsamen Wälder lustig vom Gesange deutscher Lieder wiederhallen ließ, was ihnen wohl nicht häufig passiren mag.

Endlich und endlich öffnete sich das Thal ein wenig und auf einem kleinen Plateau, just nur groß genug, um den Gebäuden nothdürftig Raum zu geben, erschienen die Dächer von Dipilto, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne.

XI.

Dipilto. -- Mangelhafter Zustand des Bergbaues. -- Wiederkehrende Gesundheit. -- Taminos Feuer- und Wasserprobe zu Pferd. -- Erlegter Tiger. -- Der Staat Honduras.

Dipilto, jetzt vielleicht der bedeutendste Minenort in Nicaragua, war, obschon seine Minen schon seit sehr langer Zeit betrieben werden sollen, vor zwanzig Jahren noch nur ein einziges Haus, und ward das Almuercadero (Frühstücksplatz) genannt, weil die Reisenden von Honduras meist hier am Ufer des Flusses im Schatten einiger Bäume, die jetzt noch dastehen, ihr Frühstück einnahmen.

Ich stieg im Hause der Madame L. ab, hier nur glattweg die Madama genannt, an welche ich eine Empfehlung von ihrem Manne aus Massaga hatte. Sie war Französin und hatte sich, obschon bereits 22 Jahre in Central-Amerika, noch ihre echt französische Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit vollkommen bewahrt, in Bezug auf Gastfreundschaft aber mit den Sitten des Landes ganz acclimatisirt. Ich fand hier drei Amerikaner und einen amerikanisirten Deutschen, Mr. Sch....., welcher, sowie ein Engländer in Matagalpa, Mr. P., die einzigen ausländischen Minenbesitzer in Honduras sind. Einer der drei Amerikaner ist jener Mr. Dickson, der im vorigen Jahre mein Schiffsgenosse auf der Reise von New-York nach Central-Amerika war, augenblicklich aber nicht in Dipilto anwesend.

Der Bergbau liegt hier freilich noch sehr in den Urzuständen, und von einem wissenschaftlichen Betrieb ist noch kaum die Rede. Zwei junge deutsche Bergleute, Herr Schmidt, ehemaliger Bergstudent in Freiberg, und Herr Witting aus Hessen, beide im Interesse einer Compagnie arbeitend, waren ganz in Verzweiflung über die vielen Hindernisse, die einem geregelten Betriebe des Bergbaues hier noch im Wege stehen. An einen kunstgemäßen Schachtbau ist noch nicht zu denken; wo sich eine Ader findet, schlägt man ein und folgt ihr in jeder beliebigen Richtung, aufwärts oder abwärts, rechts oder links, nach Art der Maulwürfe. Manche Minen haben allerdings eine Art von Schacht mit Ruheplätzen (Posas) von ungefähr 15 Varas (20 Ellen) Umfang, sowie auch Leitern, die aber nichts weiter sind, als unbehauene Stämme mit rechts und links in dieselben angebrachten Kerben, Papageienstangen nicht unähnlich, auf welchen die Indianer wie die Affen hinauf- und hinunterklettern, auf dem Rücken einen ledernen Sack, der an einem Riemen über die Stirn getragen wird, um das Erz und die Steine zu transportiren. Von regelrechten Fahrten mit Sprossen, Schachten mit Göpeln zum Ausbringen der Erze und des todten Gesteines hat Niemand eine Idee, und ebenso wenig vom Bau eines Stollens, um die unterirdischen Gewässer abzuleiten. Daher werden die meisten Minen schon in einer Tiefe von 200 bis 300 Fuß verlassen, und erst in neuester Zeit hat Herr Sch...... Versuche gemacht, eine aufgegebene Grube auszupumpen und wieder gangbar zu machen. Das größte Hinderniß sind die üblen Straßen, auf denen Alles nur durch Maulesel und Menschen fortgetragen werden muß, und die es natürlich unmöglich machen, zweckmäßige Maschinen zum Auspumpen ersoffener Schachte herbeizuschaffen. Von einer bergmännischen Berechnung, wo man sich unter der Erde befinde, hat hier gleichfalls Niemand eine Ahnung. Trotz des bedeutenden Mineralreichthums (manche Minen geben 18 bis 20, ja sogar 25 Procent Silber) wird es immer noch geraume Zeit dauern, bis Dipilto den Aufschwung bekommt, den es haben könnte, denn Jeder wird einsehen, daß unter so erschwerenden Umständen viel Arbeit nöthig ist, um nur ein leidliches Resultat zu erzielen. --

Die localen Verhältnisse sind übrigens in vieler Hinsicht günstig; der Fluß mit bedeutendem Fall ist während aller Jahreszeiten im Stande, eine hinreichende Wasserkraft zu produciren; als Brennmaterial dient das vortrefflichste Kiefernholz, zum bloßen Preis des Umhauens, und die Arbeiter erhalten die niedrige Bezahlung von 2 Dimes (etwa 8 Silbergroschen) den Tag; die größte Schwierigkeit ist aber eben, diese zu bekommen. Sobald der Indianer nur noch einen Cent in der Tasche hat, kann ihn keine Macht zum Arbeiten bewegen, statt Montag kommt er oft Mittwoch oder Donnerstag zur Arbeit; von einer regelmäßigen Eintheilung in Schichten für Tag- und Nachtarbeit ist gar keine Rede. Was nun daraus für eine Art von Bergbau entsteht, mag Jeder beurtheilen, der nur die oberflächlichste Sachkenntniß hat. Das sicherste Mittel, was noch der Arbeitgebende hat, die Leute zur Arbeit zu zwingen, ist, ihnen einige Dollars vorzustrecken, dann kann er die Leute durch den Alcalden zwingen, das Geld abzuarbeiten, und sollte der Mann vom Sterbebett des Kindes weggeholt werden müssen. Da nun die Indianer in ihrem sorglosen Wesen sehr leicht verschuldet werden, so bringen die Leute meistens ihr Leben in einem Zustande zu, noch schlimmer als Sklaverei. Es ist dies eins der vielen Uebel, die spanische Gesetze nach Amerika gebracht haben.

Da viele der Minen 5 bis 6 Miles von Dipilto liegen, so werden die Erze durch Maulthiere dahin geschafft. Auch das Verfahren beim Ausbringen des Silbergehaltes liegt hier noch in derselben Kindheit, wie vor etwa drei, vier Jahrhunderten in Freiberg und Goslar, und geschieht meistentheils in kleinen Oefen durch Feuer, so daß jede Operation 7 bis 8 Stunden erfordert und ein sehr unvollkommenes Resultat giebt.

Einige Besitzer bedienen sich auch noch einer amerikanischen Originalerfindung auf dem Patio, d. i. ein großer gedielter Platz, auf dem das gemahlene Erz in Haufen (Montones) von 15 bis 20 Centner gebracht, mit etwas Kochsalz und Quecksilber gemischt, mit Wasser durchgetreten und dann etwa 14 Tage der Sonne ausgesetzt wird, welcher Proceß sich oft drei- bis viermal wiederholt; dann wird der Sand ausgewaschen, das gewonnene Amalgama unter Kupferglocken verdampft, die Quecksilberdämpfe in dem darunter befindlichen Wasser condensirt und später das Silber in kleinen Oefen von der geringen darin noch enthaltenen Quantität Kupfer gereinigt. Ein höchst langwieriges Verfahren, welches wegen des dabei unvermeidlichen Verlustes an Quecksilber (hier im Preise von 140 Dollars der Centner) immer mehr in Abnahme kommt.

Das Mahlen des Erzes geschieht im sogenannten Ingenio (vielleicht sogenannt, weil in der Erfindung eben durchaus nichts Ingeniöses ist); diese Maschine besteht aus einem horizontalen Rade, meist 30 Fuß im Durchmesser und ebenso hoch vom Boden entfernt, auf dessen Zähne oder Kästen eine im Winkel von wenigstens 45° herabstürzende Wasserkraft wirkt. An der verticalen Axe, etwa 5 Fuß über dem Boden, durchkreuzen zwei Hölzer, jedes von ungefähr 20 bis 25 Fuß, dieselbe, an deren Enden Steine von 12 bis 15 Centnern, durch das Rad gedreht, einen Kreis beschreiben und so die Erze zerquetschen. Eine sehr schwerfällige Maschine, deren Resultat sich durch viel einfachere Mittel weit vollkommener erreichen läßt.