Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter

Part 9

Chapter 93,642 wordsPublic domain

[83] So kann die Strophe: »Bote, sage dem Kaiser &c.« (I 103a) eingereiht werden. Auch das Gedicht: »Ihr Fürsten, die des Königes &c.« (I 131a) betrifft die Kreuzfahrt. Dasselbe ist muthmaßlich schon um 1220 verfaßt, wo Friedrich, noch nicht als =Kaiser= gekrönt, aber längst mit dem Kreuze bezeichnet, Deutschland verließ.

Die Willkühr, womit die Bannsprüche erlassen wurden, mußte allerdings ihre Wirkung schwächen. =Reinmar= von =Zweter=, der gleichfalls politische Gedichte auf Friedrich II. und Gregor IX. verfaßt hat, unterscheidet den Bann, der mit Gott und nach Gott sey, von demjenigen, worin fleischlicher Zorn stecke (II 143b) Der =Freigedank= behauptet, der Bann habe keine Kraft, der durch Feindschaft geschehe (V. 4117 f.); auch ereifert sich dieser Dichter sehr über die Schwierigkeiten, welche den Unternehmungen Friedrichs im heiligen Lande, besonders durch den päbstlichen Bann, in den Weg gelegt worden, und daß man den Kaiser selbst dann nicht vom Banne losgesprochen, nachdem er die heiligen Stätten den Christen wieder zugänglich gemacht[84].

[84] Wo gefuhr eh' Kaiser über Meer Im Bann und ohne Fürstenheer? Und ist nun kommen in ein Land, Da Gott noch Mann nie Treue fand. (V. 4026 ff.) Was mag ein Kaiser schaffen, Seit Christen, Heiden und Pfaffen Streiten g'nug wider ihn? Da verdürbe Salomons Sinn. (V. 4046 ff.) Der Bann und manche Christen Mit viel manchen Listen Wollten sie es erwendet (=hintertrieben=) han. Nun hat Gott sein Ehre gethan, Daß Sünder sollen das Grab gesehen. Das muß ihm ohn' ihren Dank geschehen. Gott und der Kaiser haben erlost Ein Grab, das ist aller Christen Trost. Seit er das Beste hat gethan, So soll man ihn ausser Banne lan. Das wollen Römer leichte nicht; Was ohn' ihren Urlaub Gut's beschicht, Dem wollen sie keiner Stete jehen, (=keine Dauer zugestehen=) Nun ist das ohn' ihren Dank (=gegen ihren Willen=) geschehen. (V. 4068 ff.)

Wenn wir Walthers Liedern glauben dürfen, so hat er selbst eine Heerfahrt nach dem heiligen Lande mitgemacht. Entsteht aber die Frage: welchem der verschiedenen Kreuzzüge, die in seine Zeit fallen, er gefolgt sey? so spricht die meiste Wahrscheinlichkeit für den von Friedrich II. im Jahr 1228 unternommenen, von welchem zunächst die Rede war. Daß er nicht im Gefolge Leopolds von Oesterreich in Palästina gewesen, ergiebt sich aus dem Liede, womit er die Rückkehr dieses Fürsten feiert. Auch ist die Kreuzfahrt darum in seine spätere Lebenszeit zu setzen, weil er noch in einem Gedichte, das offenbar den vorgerückten Jahren angehört, seine Sehnsucht nach der frommen Reise ausspricht (I 142a).

Ein Kriegsgesang in schöner, volltönender Weise erhebt sich schon wie aus den Reihen des Kreuzheeres, das begeistert nach dem wogenden Meere hinzieht (I 125b). Aber wirklich auf heiligem Boden stehend zeigt sich uns der Dichter in einem andern Liede. Jetzt erst ist sein Leben ihm werth, seit sein sündig Auge das reine Land sieht und die Erde, der man so viel Ehre zuerkennt. Es ist geschehn, was er stets gebeten, er ist an die Stätte gekommen, wo Gott menschlich wandelte. Was er noch von Ländern gesehen, schönen, hehren und reichen, die Ehre aller ist dieses, wo der göttlichen Wunder so viele geschehen sind. In dieses Land hat auch der Herr jenen angstvollen Tag gesprochen, wo der Waise gerächet wird und die Wittwe klagen mag. Christen, Juden und Heiden sagen, daß dieß ihr Erbe sey. Gott mög' es zu Recht entscheiden, alle Welt streitet darum, aber recht ist, daß er =uns= gewähre! (I 104 f.)

Den Christen wurde damals gewährt und groß mag Walthers Freude gewesen seyn, wenn ihm vergönnt war, seinen geliebten Kaiser Friedrich im Tempel des heiligen Grabes mit der Krone von Jerusalem gekrönt zu sehen.

Neunter Abschnitt.

Des Dichters Alter. Seine Religionsansichten. Sein Tod.

Es ist eine Reihe von mehr als dreißig Jahren, durch die wir unsrem Dichter seit den ersten Liedern, denen sich die Zeit ihrer Entstehung nachweisen läßt, d. h. vom Jahr 1198 an, unter dem Fingerzeig der Geschichte gefolgt sind, und schon jene Lieder tragen den Ausdruck männlicher Reife. Wir haben ihn sagen gehört, daß er vierzig Jahre und drüber von Minne gesungen. Sonach ist nicht zu zweifeln, daß er ein ansehnliches Alter erreicht habe.

Wie wenig sein Leben durch äussere Glücksumstände begünstigt war, darüber läßt er sich bald schmerzlich, bald launig vernehmen. Auf letztere Weise in Folgendem:

Frau Sälde theilet rings um mich Und kehret mir den Rücken zu, Da kann sie nicht erbarmen sich; Nun rathet, Freunde, was ich thu'! Sie steht ungerne gegen mir, Geh' ich hinfür, ich bin doch immer hinter ihr, Sie geruhet nicht mich anzusehen; Ich wollte, daß ihr Aug' an ihrem Nacken stünde, So müßt' es ohn' ihren Dank geschehen. (I 119a)

=Frau Sälde=, Frau Glück, die Segensgöttin. =gegen mir=, mir zugewendet, =ohn' ihren Dank=, gegen ihren Willen.

In ähnlichem Tone hat er seinen letzten Willen aufgesetzt. Er will, eh' er hinfährt, sein fahrend Gut und Eigen austheilen, damit Niemand darum streite, dem er es nicht zugedacht. All sein Unglück bescheidet er Jenen, die sich dem Haß und Neid ergeben; seinen Kummer den Lügnern; seinen Unverstand denen, die mit Falschheit minnen; den Frauen: nach Herzeliebe sehnendes Leid (I 115b).

Eben die Ungunst des Geschickes, womit er vielfältig zu kämpfen hatte, konnte frühzeitig seinen Sinn auf das Höhere lenken. Die manigfachen Erfahrungen einer langen Lebensbahn waren geeignet, ihm die Nichtigkeit der irdischen Dinge aufzudecken. Mit dem vorrückenden Alter sehen wir ihn auch immermehr in das Gebiet ernster und frommer Betrachtung hingezogen. Wenn wir an einem Theile seiner Minnelieder die Wärme der Empfindung vermißten, so finden wir die Heimath seiner tieferen Begeisterung da, wo es von Sachen des Vaterlandes und der Religion sich handelt. Sein Zeitgenosse Reinmar der Alte ist so sehr Minnesänger, daß er auch noch als Pilgrim seiner Gedanken nicht Meister wird: den Gott, dem er dienen soll, helfen sie ihm nicht so loben, wie er es bedürfte (I 72a)[85]. Unser Dichter dagegen hat mit dem ungetheiltesten Eifer die Sache des Kreuzes ergriffen.

[85] So gesteht auch =Friedrich= von =Husen=: sein Leib wolle gerne fechten gegen die Heiden, aber seinem Herzen liege ein Weib nahe (=Man.= I 93b); und der von =Johannsdorf= bittet die Minne, ihn so lange frei zu lassen, bis er die reine Gottesfahrt vollendet habe, dann soll sie ihm wieder willkommen seyn (I 176b).

Jetzt, da er sich am Abend seines Lebens befindet, wird es angemessen seyn, eben die religiöse Seite seiner Dichtungen völlig hervorzuheben. Das Irdische schwindet ihm, so wie beim Sinken der Sonne die Thäler sich in Schatten hüllen und bald nur noch die höchsten Gipfel beleuchtet stehen.

Den Vorzug der wahren und daurenden Freuden von den eiteln und flüchtigen bezeichnen nachstehende Lieder:

Ich bin Einer, der nie halben Tag Mit ganzen Freuden hat vertrieben. Was ich je daher der Freuden pflag, Der bin ich hier entblöst geblieben. Niemand kann hie Freude finden, sie zergeh', Wie der lichten Blumen Schein. Darum soll das Herze mein Trachten nach falschen Freuden nimmermeh. (I 114a)

=sie zergeh'=, sie zergehe denn.

* * * * *

O weh! wir müssigen Leute, wie sind wir versessen Zwischen zwei Freuden nieder an die jämmerliche Statt! Aller Arbeit hatten wir vergessen, Da uns der kurze Sommer sein Gesind' zu werden bat. Der brachte uns fahrende Blumen und Blatt, Da trog uns der kurze Vogelsang. Wohl ihm, der nur nach steten Freuden rang!

Weh gschehe der Weise, die wir mit den Grillen sangen! Da wir uns sollten warnen gegen des kalten Winters Zeit. Daß wir viel Dummen mit der Ameise nicht rangen, Die nun viel würdiglich bei ihren Arebeiten leit! Das war stets der Welte Streit: Thoren schalten stets der Weisen Rath. Man sieht wohl =dort=, wer =hie= gelogen hat. (I 103b)

=versessen=, falsch gesessen. =zwei Freuden=, der irdischen und der ewigen. =Da uns= &c. Als uns der flüchtige Sommer einlud, sein Gefolge zu seyn. =fahrende Blumen=, vergängliche, unstete, gleich den fahrenden Leuten (Vgl. =Man.= I 70a 7, I 170a 7); das Bild entspricht dem obigen =Gesinde=. =Blatt=, Blätter. =gegen=, vor. =leit=, liegt.

Wie der Dichter dem Minnesang absagt, den er so lange Zeit geübt, wie er von der vergänglichen Minne sich zu der ewigen wendet, ist schon oben gezeigt worden.

In einem Zweigespräche mit =Frau Welt= (I 111b) nimmt er von dieser seiner bisherigen Pflegerin feierlich Abschied. Sie spricht ihm zu, bei ihr zu bleiben; er soll gedenken, was sie ihm Ehren bot und wie sie ihm seinen Willen ließ. Frau Welt! erwidert er, ich habe zu viel gesogen, ich will entwohnen, es ist Zeit. Gott gebe dir, Frau, gute Nacht! Ich will zur Herberge fahren.

Welt! ich habe deinen Lohn ersehen, -- sagt er in einem ähnlichen Gedichte (I 122b) -- was du mir giebst, das nimmst du mir. Wir scheiden alle nackt und bloß von dir. Ich hatte Leib und Seele tausendmal gewagt um dich, nun bin ich alt und hast mit mir dein Spiel, und zürn' ich des, so lachest du. Lach' uns noch eine Weile so! dein Jammertag wird bald auch kommen.

Traum und Spiegelglas -- heißt es anderswo -- gelten bei der Stete dem Winde gleich. Laub und Gras, das stets meine Freude war, dazu Blumen manigfalt, die rothe Heide, der grüne Wald, der Vögelein Sang, der Linde Süssigkeit, haben ein traurig Ende. Den thörichten Wunsch zur Welt, ich sollt' ihn lassen, damit er nicht meiner Seele große Noth bringe. Der Busse wäre hohe Zeit. Nun fürchte ich siecher Mann den grimmen Tod, daß er kläglich über mich komme. Vor Furcht bleichen mir die Wangen. Wie soll ein Mann, der nichts denn sündigen kann, hohen Muth gewinnen? Seit ich an weltlichen Dingen Uebel und Gut zu erkennen begann, griff ich, wie ein Thor, zur linken Hand recht in die Glut und mehrte stets dem Teufel seinen Sieg. Ich war mit sehenden Augen blind und aller guten Dinge ein Kind, wie ich auch meine Missethat der Welt hehlte. Heiliger Christ! mache du mich rein, eh' meine Seele versinke in das verlorne Thal! (I 141b)

Mit tiefschmerzlicher Empfindung ist die Nichtigkeit des Irdischen besonders in dem großen Klaggesange dargelegt, den der Dichter anstimmt, nachdem er in späteren Jahren in das Land seiner Geburt zurückgekommen ist. Alles findet er umgewandelt, er wird an der Wirklichkeit irre, ihm ist jetzt das Leben ein Traum. Lautes Wehe erhebt er über die Verderbniß und den Unbestand der Welt. Er will sich hinüber retten in das Heilige.

O weh! wohin verschwanden alle meine Jahr'? Ist mein Leben mir geträumet oder ist es wahr? Das ich stets wähnte, daß es wäre, war das icht? Darnach hab' ich geschlafen und so weiß ich's nicht. Nun bin ich erwachet, und ist mir unbekannt, Was mir hievor war kundig, wie mein' andre Hand. Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn, Die sind mir fremde worden, recht als ob es sey verlorn. Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt, Bereitet ist das Feld, verhauen ist der Wald, Nur daß das Wasser fließet, wie es weiland floß. Fürwahr! ich wähnte, mein Ungelücke würde groß. Mich grüßet mancher träge, der eh' mich kannte wohl; Die Welt ist allenthalben Ungenaden voll. Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag, Die mir entfallen sind, wie in das Meer ein Schlag: Immermehr o weh!

O weh! wie jämmerlich die jungen Leute thunt, Denen nun viel traurigliche ihr Gemüthe stund! Die können nichts, denn sorgen; o weh! wie thun sie so? Wo ich zur Welt hinkehre, da ist Niemand froh. Tanzen, Singen, zergeht mit Sorgen gar. Nie Christenmann noch sah so jämmerliche Jahr'. Nun merket, wie den Frauen ihr Gebände staht! Die stolzen Ritter tragen dörfliche Wat. Uns sind unsanfte Briefe her von Rome kommen, Uns ist erlaubet Trauren und Freude gar benommen. Das mühet mich inniglichen sehr, wir lebten sonst viel wohl, Daß ich nun, für mein Lachen, Weinen kiesen soll. Die wilden Vögel betrübet unsre Klage, Was Wunder ist, wenn ich davon verzage! Was spreche ich dummer Mann durch meinen bösen Zorn? Wer =dieser= Wonne folget, der hat =jene= dort verlorn Immermehr, o weh!

O weh! wie uns mit süßen Dingen ist vergeben! Ich sehe die bittre Galle mitten in dem Honige schweben. Die Welt ist aussen schöne weiß, grüne und roth, Und innen schwarzer Farbe finster, wie der Tod. Wen sie nun verleitet habe, der schaue seinen Trost! Er wird mit schwacher Buße großer Sünde erlost. Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding. Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring, Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwerdt. Wollte Gott, ich wäre solches Sieges werth! So wollte ich nothiger Mann verdienen reichen Sold, Doch meine ich nicht die Huben, noch der Herren Gold: Ich wollte selber Krone ewiglichen tragen, Die möchte ein Söldener mit seinem Speer bejagen. Möchte ich die liebe Reise fahren über See, So wollte ich danne singen: wohl! und nimmermehr: o weh! (I 141b f.)

=icht=, irgend etwas. =kundig= &c. bekannt, geläufig, wie der einen Hand die andre. =von Kinde=, von Kindheit auf. =Ungenaden=, Ungunst, Mißgeschick. =Immermehr=, immerfort. =thunt=, thun. =stund=, geworden, beschaffen ist. =zur Welt=, auf der Welt. =unsanfte=, unerfreuliche; die Bannbriefe. =mühet=, betrübet, quälet. =vergeben=, Gift gegeben. =schwacher=, geringer. =euer Ding=, eure Sache. =Ring=, Panzerring. =Huben=, Grundstücke, Lehengüter. =möchte=, könnte. =bejagen=, erjagen, erwerben.

Es kann mit Recht gefragt werden: was, nach der Verschmähung des Irdischen, dem Dichter das Göttliche sey, das ihn entschädige und erhebe?

Das zuletzt ausgehobene Gedicht benennt uns den Kampf unter der Fahne des Kreuzes. Es ist bemerkenswerth, wie der Dichter, der sonst um das Gold der Fürsten geworben, jetzt, dieses verschmähend, selbst eine Krone, die himmlische, erwerben möchte. Das heilige Land ist ihm die durch Gottes irdischen Wandel verklärte Erde; der Kampf um dieses Land eine höhere Weihe, ein Uebertritt vom Dienste der Welt in den des Himmels; der Tod in diesem Kampfe der geradeste Pfad nach dem Reiche Gottes.

Große Verehrung widmet Walther der Königin der Engel, deren keuscher Leib den umfieng, den Höhe, Breite, Tiefe, Länge nie umgreifen mochte (I 133a).[86]

[86] So auch Meister =Friedrich= von =Sunnenburg=, CCCXCVIII: »Den all die Welt an Breite, an Länge, nicht umgreifen möchte, den umgriff die Reine alleine.« Vgl. =Rumelant=, CCCLXXV; =Boppo=, II 233a 3.

Er theilt diese besondre Verehrung der heiligen Jungfrau mit den andern Dichtern seiner Zeit. Sie hieng selbst mit dem Minnesange zusammen. »Der Welt Hort -- sagt =Reinmar= von =Zweter= (II 143a) -- liegt gar an reinen Weiben, ihr Lob, das soll man höhen und treiben; was Gott je erschuf, das übergelten sie, es ward geboren sein selbes Leib von einer Magd, das gab er ihnen zu Steuer.« Und es geht wohl aus dieser Ansicht von der höheren Weihe der Frauen hervor, wenn derselbe Dichter meint: »flüchtete sich ein Wolf zu Frauen, man sollte ihn um ihretwillen leben lassen.« (II 152b)

Auch über den Kriegsheeren schwebte die heilige Jungfrau. In seinem Kreuzgesange (I 125b) ruft Walther die Königin ob allen Frauen an[87]. »St. Marie, Mutter und Magd, unsre Noth sey dir geklagt!« sangen die Heere, wenn sie in die Schlacht zogen (=Horneck=, Cap. 440 682 83).

[87] Der von =Johannsdorf= (I 174b) findet einen gewichtigen Beweggrund für die Kreuzfahrt in der Schmähung der Heiden: daß Gottes Mutter nicht eine Jungfrau sey.

Ein vorzüglicher Grund des Mariendienstes im Mittelalter lag in dem Glauben, daß Gott keine Fürbitte seiner Mutter unerhört lasse. Walther singt: »Nun loben wir die süße Magd, der ihr Sohn nimmer nichts versagt! Sie ist des Mutter, der von Hölle uns löste. Das ist uns ein Trost vor allem Troste, daß man da zu Himmel ihren Willen thut.« (I 126a). Aus andern Dichtern könnten ähnliche Stellen angeführt werden. So wie aber der Sohn die Mutter erhört, so wird hinwider die Mutter bei dem Namen des Sohnes gemahnt. »Hilf mir durch deines Kindes Ehre, daß ich meine Sünde büsse!« ruft Walther zu ihr (I 133a)[88].

[88] Schön führt Meister =Stolle= (III) dieses aus: wer sie des mahnet, daß sie Christum gebar, dem wird geholfen. Mehr noch ist ihrer Gnaden, wenn sie daran gemahnt wird, wie ihr wehe ward, als sie ihn an das Kreuz schlugen. Wer sie aber der großen Freude mahnt, als ihr Sohn vom Tode aufstand, der machet sich von seinen Sünden bloß.

Es war sonst schon Anlaß, seine Gedichte mit Gemälden zu vergleichen. Wie zuvor den Kirchenzug des Königs oder den Ausgang einer herrlichen Frau, so stellt er uns jetzt geistliche Bilder auf aus der Geschichte Mariens und ihres göttlichen Sohnes. Besonders schön sind zwei derselben, die Kreuzigung und der Tod Jesu, rührend durch die bloße Darstellung, ohne allen Erguß der Empfindung:

Sünder! du sollt an die große Noth gedenken, Die Gott um uns litt, und sollt dein Herz in Reue senken! Sein Leib war mit scharfen Dornen gar versehret, Und noch ward manigfalt sein' Marter an dem Kreuze gemehret. Man schlug ihm dreie Nägel durch Hände und auch durch Füsse. Jammerlichen weinte Maria, die Süsse, Da sie ihrem Kinde das Blut aus beiden Seiten fließen sach. Traurigliche Jesus von dem Kreuze sprach: »Mutter! ist doch euer Ungemach Mein zweiter Tod. Johann! du sollt der Lieben Schwere büssen!« (I 133a)

=sach=, sah. =Schwere büssen=, Kummer stillen.

* * * * *

Der Blinde sprach zu seinem Knechte: »Du sollt setzen Den Speer an sein Herze! so will ich die Marter letzen.« Der Speer gegen all der Welte Herren ward geneiget. Maria vor dem Kreuze trauriglichen Klage erzeiget; Sie verlor ihr' Farbe, ihr' Kraft, in bitterlichen Nöthen, Da sie jämmerlich ihr liebes Kind sah tödten Und Longinus den Speer ihm in sein' reine Seite stach. Sie sank unmächtig nieder, daß sie nicht hörte und nicht sprach. In =dem= Jammer Christe sein Herz brach. Das Kreuz begunnte sich mit seinem süßen Blute röthen. (=Ebd.=)

=letzen=, endigen. =Longinus=, der h. Longinus ist, nach der Legende, der Kriegsknecht, welcher die Seite Jesu mit dem Speer öffnete. Von dem niederströmenden Blute soll ein Blinder geheilt worden seyn.

Niemand wird sich wundern, den Dichter in den Vorstellungen seiner Zeit befangen zu finden. Aber auch in freier Bewegung zeigt sich uns derselbe.

Von eigener Aufrichtigkeit ist nachfolgende Beichte:

Viel hochgelobter Gott! wie selten ich dich preise! Da ich von dir doch beides habe, Wort und Weise, Wie wag' ich so zu freveln unter deinem Reise! Ich thu' nicht rechte Werke, noch hab' ich wahre Minne Zu meinem Nebenchristen, Herre, noch zu dir. So hold noch ward ich ihrer keinem je, als mir. Gott Vater und Gott Sohn, dein Geist berichte meine Sinne! Wie sollt' ich den wohl minnen, der mir übel thut? Mir muß der immer lieber seyn, der mir ist gut. Vergieb mir andre meine Schuld! ich will noch haben =den= Muth. (I 131a)

Von Walthers freimüthigen Aeußerungen gegen die Priesterherrschaft ist umständlich gehandelt worden. Wenn er zum Kampfe für die Erlösung des heiligen Grabes eifrig ermuntert, so ist er darum nicht eben von blindem Hasse gegen nichtchristliche Mitmenschen beherrscht. »Räche, Herr! -- betet er -- dich und deine Mutter an denen, die eures Erblandes Feinde sind! Laß dir den Christen gleich wenig gelten, als den Heiden! Du weißt wohl, daß nicht die Heiden allein dich irren, die sind wider dich doch =öffentlich= unrein; zeige die in ihrer Unreine, die es mit jenen =heimlich= gemein haben.« (I 103a)[89]. Als den Vater aller Menschen erkennt er den Herrn, wenn er ausruft: »Ihm dienen Christen, Juden und Heiden, der alle lebende Wunder nährt.« (I 128b) Um Vieles duldsamer und freidenkender, als der =Freigedank= (V. 481-84), den es gewaltig verdrießt, daß Gott Christen, Juden und Heiden gleiches Wetter giebt.

[89] Diese Aeußerungen haben wohl dieselbe Beziehung wie die in der Anm. 84 ausgehobenen des =Freigedank=.

Am reinsten aber und über allen Wahn der Zeit erhaben erscheint seine Anbetung da, wo er vor Gott sich niederwirft, als dem Unbegreiflichen, den zu erforschen alle Mühe bei Tag und bei Nacht verloren ist, den keine Predigt und keine Glaubenssatzung erklärt:

Mächtiger Gott! du bist so lang und bist so breit. Gedächten wir daran, daß wir unsre Arebeit Nicht verlören! Dir sind beide ungemessen: Macht und Ewigkeit. Ich weiß an mir wohl, was ein Andrer auch drum trachtet, Doch ist es, wie es stets war, unsern Sinnen unbereit. Du bist zu groß, du bist zu klein; es ist ungeachtet. Dummer Gauch, der daran betaget oder benachtet! Will er wissen, was nie ward geprediget noch gepfachtet? (I 102b)

=unbereit=, unzugänglich. =ungeachtet=, unermessen, ungeschätzt. =daran betaget oder benachtet=, Tag oder Nacht darauf wendet, damit hinbringt (Vgl. II 112a). =gepfachtet=, in Satzungen gefaßt, von =Pfacht=, Satzung, Gesetz.

Unsre Blicke sind dem Dichter in das Gebiet des Unendlichen gefolgt und hier mag er uns verschwinden. Es ist uns keine Nachricht von den äußeren Umständen seiner letzten Zeit geblieben, gleich als sollten wir ihn nicht mehr mit der Erde befaßt sehen, von der er sich losgesagt, und von seinem Tode nichts erkennen, als das allmählige Hinüberschweben des Geistes in das Reich der Geister.

Davon jedoch ist Kunde vorhanden, wo seine irdische Hülle bestattet worden. In der Würzburger Liederhandschrift, aus der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts[90], findet sich die Nachricht, daß Herr Walther von der Vogelweide zu =Würzburg= zu dem Neuenmünster in dem Grasehofe begraben liege. In einer handschriftlichen Chronik aber ist eine liebliche Sage mit Folgendem aufbewahrt: im Gange des Neuenmünsters, gewöhnlich =Lorenzgarten= genannt, sey =Walther= begraben unter einem Baume. Dieser habe in seinem Testament verordnet, daß man auf seinem Grabsteine den Vögeln Waizenkörner und Trinken gebe; und, wie noch jetzt zu sehen sey, hab' er in den Stein, unter dem er begraben liege, vier Löcher machen lassen zum täglichen Füttern der Vögel. Das Kapitel des Neuenmünsters aber habe dieses Vermächtniß für die Vögel in Semmeln verwandelt, welche an Walthers Jahrestage den Chorherrn gegeben werden sollten, und nicht mehr den Vögeln. Im Gange des vorbesagten Gartens, gewöhnlich im =Kreuzgang=, sey von diesem Walther noch Folgendes, in lateinischen Versen, in Stein gehauen, zu lesen: »Der du bei Leben, o Walther, der =Vögel Weide= gewesen bist, Blume der Wohlredenheit! Mund der Pallas! du starbest. Damit nun deine Frömmigkeit den himmlischen Kranz erlangen möge, so spreche, wer Dieses liest: sey Gott seiner Seele gnädig!«[91]

[90] Und zwar in der alten Vorrede zu dem Anm. 56 angeführten Meisterliede des =Lupolt Hornburg=, =Mus.= II 1 S. 22