Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter

Part 8

Chapter 83,435 wordsPublic domain

Man kann nicht behaupten, daß Walther für den Beruf der Geistlichkeit keine Achtung hege. Er empfiehlt, zu glauben, was die Pfaffen Gutes lesen (I 133b), er klagt, daß Frauen und Pfaffen, zwei so edel Namen, mit den Schamlosen werben (I 115b). Aber eben die Entartung der Geistlichkeit, das Heraustreten aus den Grenzen ihres Berufs, die =pfafflichen Ritter= und =ritterlichen Pfaffen= (I 126b), die Verdorbenheit der Kirche an Haupt und Gliedern, greift er mit dem =scharfen Sange= an.

Jene Anmassungen der kirchlichen Gewalt sind ihm unerträglich. Er verwünscht die Begründung der Priesterherrschaft mittelst der Schenkung Konstantins des Großen, durch welche, nach der von den Päbsten verbreiteten Meinung, die Stadt Rom sammt mehreren Ländereien Italiens dem römischen Bischof übergeben und damit der Kirchenstaat gestiftet worden.

König Konstantin, der gab so viel, Als ich es euch bescheiden will, Dem Stuhl zu Rome: Speer, Kreuze und Krone. Zuhand der Engel laute schrie: »O weh! o weh! zum dritten: weh! Eh' stund die Christenheit mit Züchten schöne, Der ist ein Gift nun gefallen, Ihr Honig ist worden zu einer Gallen, Das wird der Welt hernach viel leid.« Alle Fürsten leben nun mit Ehren, Nur der höchste ist geschwachet; Das hat der Pfaffen Wahl gemachet. Das sey dir, süsser Gott, geklagt: Die Pfaffen wollen Laienrecht verkehren; Der Engel hat uns wahr gesagt[73]. (I 129b)

=bescheiden=, berichten, erklären. =der höchste=, d. i. der Kaiser. =geschwachet=, erniedrigt. =der Pfaffen Wahl=, vermuthlich die Erwählung Gregors IX.

[73] Ohne Zweifel hat =Ottokar= von =Horneck= das obige Lied vor Augen gehabt, (wie auch =Schacht=, in dem lebensvollen Buche: =Aus und über Ottokar's von Horneck Reimkronik, Mainz=, 1821 S. 279 andeutet,) wenn er im Cap. 448 seiner Chronik (Pez, _Script. Rer. Austr. T. III p. 446 sq._) ausruft:

Ei, Kaiser Konstantin! War thät du dein Sinn, Da du den Pfaffen geb Den Gewalt und das Urleb, Daß Städt, Burge und Land Unterthanig ihr'r Hand Und ihr'm Gewalt sollt wesen? Geistlicher Zuchtebesen Ist nu zu scharf worden. Du solltest in dem Orden Die Pfaffen haben lan, Als sein St. Peter begann, Das wär hoher Miethe werth. Was wolltest du das Schwerdt Den Pfaffen zu der Stol geben, Die damit nichts können leben, Noch zu Recht können walten? Lassen und behalten, Als man mit dem Schwerdt soll, Das können sie nicht wohl. Sie haben es vergramaziert Und das Reich verirrt Maniger Ehr'n und Gewalt, Die ihm vor was bezahlt. Konstantin, nu sieh an! Hättest du zu Latran Den Pabst den Psalter lassen lesen Und den Kaiser gewaltig wesen, Als er vor deinen Zeiten was &c.

Anderswo räth Walther den Pfaffen, die Armen zu bedenken, zu singen und Jedem das Seine zu lassen. Dabei erinnert er sie der Gabe, die auch sie einst von König Konstantin empfangen. Hätte dieser gewußt, daß daraus künftig Uebel entstehen würde, so hätt' er der Noth des Reiches vorgebeugt, aber damals waren sie noch frei von Uebermuth (I 103a). Auch die Geschichte vom Zinsgroschen wird erzählt und wie Christus den Pharisäern gerathen: daß sie den Kaiser liessen haben sein Kaisersrecht und Gott, was Gottes wäre (I 103b).

Heftiger noch werden des Dichters Angriffe. Der neue Pabst wird mit Sylvester II., vorher =Gerbert=, verglichen, der von 999 bis 1003 auf dem päbstlichen Stuhle saß und wegen seiner naturwissenschaftlichen und mechanischen Kenntnisse für einen Schwarzkünstler galt. Wenn dieser nur sich selbst, durch die Zauberei, in's Verderben gebracht, so bringe der jetzige Pabst mit sich die ganze Christenheit zu Falle:

Der Stuhl zu Rome steht nun erst besetzet rechte, Alswie hievor mit einem Zauberer, hieß Gerbrechte. Derselbe gab zu Falle nur sein eines Leben, Nun hat =sich= dieser und alle Christenheit zu Falle geben. Alle Zungen soll'n zu Gotte schreien: wafen! Und rufen ihme: wie lang er wolle schlafen? Sie widerwirken seine Werk' und fälschen seine Wort', Sein Kämmerere stiehlt ihm seinen Himmelhort, Sein Sühner mordet hie und raubet dort, Sein Hirt' ist zu einem Wolfe ihm worden unter seinen Schafen. (I 132a)

=sein eines Leben=, sein, des Einzelnen Leben. =wafen!= wehe! =widerwirken=, vereiteln entgegenwirkend. =Himmelhort=, himmlischer Schatz.

Auf päbstlichen Befehl wurde, noch unter Innocenz III., in den Kirchen der Stock (_truncus_) aufgestellt, worein die frommen Gaben fielen, die von Männern und Frauen zur Unterstützung des heiligen Landes bestimmt wurden[74]. Zwei Gedichte Walthers handeln von diesem Stocke:

Ahi! wie christlich nun der Pabest unser lachet, Wenn er seinen Wälschen sagt: »ich hab's also gemachet.« (Das er da =sagt=, er sollt' es nimmer han =gedacht=.) Er spricht: »ich hab' zween Alemann' unter =eine= Krone bracht, Daß sie das Reiche sollen stören und wasten. All die Weile fülle ich die Kasten. Ich hab' sie an meinen Stock gemännet, ihr Gut ist alles mein, Ihr deutsches Silber fährt in meinen wälschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein, Und laßt die Deutschen fasten! (I 132a)[75]

=wasten=, verwüsten. =gemännet=, als Mannen, Vasallen, pflichtig gemacht.

* * * * *

Saget an, Herr Stock! hat euch der Pabest her gesendet, Daß ihr ihn reichet und uns Deutsche ärmet und schwendet? Wenn ihm die volle Maaße kommt zu Lateran, So thut er einen argen List, wie er eh' hat gethan, Er sagt uns danne: wie das Reiche steh' verworren, Bis ihn erfüllen wieder alle Pfarren. Ich wähne, des Silbers wenig kommet zu Hülfe in Gottes Land. Grossen Hort zertheilet selten Pfaffenhand. Herr Stock! ihr seyd auf Schaden her gesandt, Daß ihr aus deutschen Leuten suchet Thörinnen und Narren. (Ebd.)

=reichet=, =ärmet=, reich, arm machet. =schwendet=, auszehret. =List=, Kunstgriff. =bis ihn= &c., nemlich den Stock. =Gottes Land=, das heilige Land. =zertheilet=, theilet aus. =suchet=, aufsuchet.

[74] »_In illis autem Ecclesiis, in quibus convenit processio generalis,_ truncus _statuatur concavus tribus clavibus consignatus, una penes honestum presbyterum, alia apud laicum devotum, tertia penes aliquem regularem fideliter conservandis, in quo viri et mulieres eleemosynas ponant, in terræ sanctæ subsidium convertendas, secundum dispositionem eorum, quibus fuerit hæc sollicitudo commissa._« _Bulla Innocentii III. ad Christianos pro reparanda terra sancta in Chron. Ursp. ad ann. 1212._

[75] In der =Pf. Hds.= 357 Bl. 9a ist diese Strophe durch derbe Variationen erweitert.

Vom Ablaßhandel hat Walther Ansichten, die man bei einem Dichter aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts nicht gesucht haben möchte:

Ihr Bischöf' und ihr edlen Pfaffen! ihr seyd verleitet (viell. =verkehret=). Seht! wie euch der Pabest mit des Teufels Stricken sehret. Sagt ihr uns, daß er Sankte Peters Schlüssel habe, So sagt, warum er dessen Lehre von den Büchern schabe? Daß man Gottes Gabe je kaufe oder verkaufe, Das ward uns verboten bei der Taufe. Nun lehret's ihn sein schwarzes Buch, das ihm der Hölle Mohr Gegeben hat, und aus ihm lesen sie nun vor. Ihr Kardinäl'! ihr decket euren Chor, Unser Frohnaltar steht unter einer übeln Traufe. (I 133b)

=sehret=, versehret, beschädigt. =der Hölle Mohr=, der Teufel (Vgl. I 181b).

Die Schlußzeilen des vorstehenden Gedichtes schildern die Bereicherung Roms im Gegensatze zu dem Zerfall der deutschen Kirche. Auch der gleichzeitige Geschichtschreiber, selbst ein Geistlicher, erhebt laute Klage über die Habsucht des römischen Hofes und die dadurch eingerissenen Mißbräuche.

»Kaum blieb noch -- sagen die urspergischen Jahrbücher -- irgend ein Bisthum, oder eine kirchliche Würde, oder auch ein Pfarre übrig, die nicht streitig gemacht und dann die Sache nach Rom gebracht wurde, jedoch nicht mit leerer Hand. Freue dich, unsre Mutter Rom, daß die reichen Schatzquellen auf der Erde sich öffnen, damit Ströme Geldes zu dir hin sich ergießen im Ueberfluß! Frohlocke über die Ungerechtigkeit der Menschensöhne, weil bei Vergütung so großer Uebel das Sündengeld dir entrichtet wird! Ergötze dich deiner Gehülfin, der Zwietracht, daß sie aus den Brunnen des höllischen Abgrundes hervorbrach, damit dir die Gelder sich anhäufen! Du hast, wonach du immer gedürstet. Stimm' an ein Jubellied, daß du durch die Bosheit der Menschen und nicht durch deine Heiligkeit den Erdkreis überwunden hast! Zu dir zieht die Menschen nicht ihre Andacht oder ihr reines Gewissen, sondern die Verübung vielfacher Verbrechen und der Streithändel Entscheidung um Geld.«[76]

[76] In gleichem Sinne spricht auch der =Freigedank=, ein Spruchdichter des 13ten Jahrhunderts:

Sünde Niemand mag vergeben, Wann Gott einig, dar sollen wir streben. (=Müll.= Ausg. V 3180 f.) Alle Schatzes Flüsse gehn Zu Rome (=nach Rom=) bis sie da bestehn (=bleiben=), Und doch nimmer wird voll, Das ist ein unsinnig Hohl. So kommet alle Sünde dar, Die nimmt man da den Leuten gar &c. (V. 3185 ff.) Das Netz kam zu Rome nie, Damit Sankt Peter Fische fie (=fieng=), Das Netz ist ihm verschmähet. Römisch Netz fähet Silber, Gold, Burge und Land; Das war Sankt Petern unbekannt. Sankt Peter war zu Recht ein Degen, Den hieß Gott seiner Schafe pflegen, Er hieß ihn nicht Schafe bescheeren, Nun will man Scheerens nicht entbehren. Unrecht ist zu Rome erhaben, Recht und Gericht ist da abgeschaben. (V. 3880 ff.)

=Reinmar= von =Zweter= singt:

Der Pabest hat viel reiche Kind (=Kinder=), Die minnet er, wo sie gesessen in den Landen sind, Mit ihnen theilt er seinen Segen, so theilen sie mit ihm ihr Gold. Dieselben Kind sind ihm so traut, Daß er ungerne käme mit Schlägen auf ihrer eines Haut. Wollte Gott, es wären ihm die habelosen Kind halb also hold (=lieb=)! Eh' daß der arme Sohn sein Recht behärte, So ist der reiche auf seiner Vorderfährte &c. (=Pf. Hds.= 350)

_Cf. Odon. Ernest. L. I. p. 317._

Wie das schlimme Beispiel der Geistlichkeit auch die Laien irre machen und verderben müsse, führt der Dichter weiter aus:

Welch Herze sich bei diesen Zeiten nicht verkehret, Seit daß der Pabest selber dort den Ungelauben mehret, Dem wohnt ein sel'ger Geist und Gottes Minne bei. Nun seht ihr, was der Pfaffen =Werk= und was ihr' =Lehre= sey. Ehdeß war ihre Lehre bei den Werken reine, Nun sind sie aber anders so gemeine, Daß wir sie unrecht =wirken= sehen, unrecht hören =sagen=, Die uns guter Lehre Vorbild sollten tragen; Des mögen wir dumme Laien wohl verzagen. Ich wähne wieder, mein guter Klausener klage sehr und weine. (I 135b)

=gemeine=, allgemein. =des=, darüber.

* * * * *

Die Christenheit, sie lebte nie so gar nach Wahne, Die sie da lehren sollten, die sind guter Sinne ohne. Es wär' zuviel, und thät' ein dummer Laie das. Sie sünden ohne Furcht, darum' ist ihnen Gott gehaß. Sie weisen uns zum Himmel und fahren selbst zur Hölle. Sie sprechen: wer ihr'n Worten folgen wölle, Und nicht ihr'n Werken, der sey ohne allen Zweifel dort genesen. Die Pfaffen sollten keuscher, denn die Laien, wesen; An welchen Büchern haben sie das erlesen, Des sich so mancher fleisset, wo er ein schönes Weib verfälle? (W. =Hds.= S. 147)[77]

=dort genesen=, jenseits gerettet. =wesen=, seyn. =erlesen=, gelesen, erlernt. =verfälle=, zu Fall bringe.

[77] Vgl. =Ottokar= v. =Horneck=, Cap. 821 (Pez, I c. p. 83):

Gott Herre, durch dein' Güt' Die Christenheit baß behüt' Und weis' uns auf bessre Spur, Denn uns die Pfaffen gehn vor, Die da Gewalt hie tragen! Als uns die Buch sagen, So sollten sie uns Lehr' geben Mit Worten und mit gutem Leben, Des sie leider thun nicht; Wer ihre Werk' ansicht, Die sind viel wahrleich Ihren Worten ungeleich.

Es ist eine alte Ueberlieferung der Singschule, daß die zwölf Stifter des Meistergesangs als Ketzer angeklagt worden seyen und darüber vor dem Kaiser, dem päbstlichen Legaten und einer großen Versammlung von Gelehrten sich haben verantworten müssen. Gedichte, wie die bisher angeführten, konnten allerdings zu einer solchen Sage Anlaß geben.

Daß die freimüthigen Aeußerungen eines so berühmten Meisters, als der unsrige war, nicht wirkungslos verhallten, ist schon zum voraus anzunehmen. Es sind aber auch noch späthin bestimmte Spuren der Nachwirkung vorhanden. =Ottokar= von =Horneck=, der steirische Chronikschreiber am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, der manch hellen Blick in seine Zeit wirft, verräth deutlich seine Vertrautheit mit Walthers Aussprüchen über die Geistlichkeit und ihr Verhältniß zur weltlichen Gewalt[78].

[78] S. Anm. 73 und 77. Es könnten aber noch weitere Nachweisungen über Ottokars Bekanntschaft mit Walthers Gedichten beigebracht werden. Die Ansichten des Erstern von Pabst und Klerus hat =Schacht= a. a. O. Abschn. XI bes. S. 276, 278-84, dargelegt.

Bei der Abreise nach Italien im Jahr 1220 hatte Friedrich seinen jungen Sohn Heinrich unter Vormundschaft zurückgelassen und die Verwaltung des Reichs dem Erzbischof =Engelbert= von Köln, aus dem Geschlechte der Grafen von Berg, übertragen. Im Wintermond 1225 wurde dieser auf dem Rückwege von Soest nach Köln von seinem Anverwandten, dem Grafen Friedrich von Isenburg, der als Kirchenvogt von Essen mit dem Erzbischof in Streit gerathen war, überfallen und meuchelmörderisch erschlagen. Die Klosterbrüder zu Berg, welche bei dem Leichnam wachten und Psalmen sangen, behaupteten, zwischen dem Gesang Engelstimmen gehört zu haben. Einem derselben erschien Engelbert als Märtyrer im Traume. An seinem Grabe zu Köln geschahen viele Wunder und in der Folge ward er unter die Heiligen versetzt. Der Mörder hatte sich nach Rom begeben, wo er sich vom Pabste Honorius III. Busse auflegen ließ. Nach seiner Zurückkunft aber wurde er aufgegriffen und ein Jahr nach vollbrachter That zu Köln mit dem Rade hingerichtet[79].

[79] Godefrid. _Colon. Annal. (ap._ Freher. _Germ. rer. Script. T. I) ad ann. 1225, 1226. Chron. Salisb. cit. ad ann. 1226._

Zwei Gedichte Walthers handeln von dem werthen Bischof von Köln. In dem einen, noch bei Lebzeiten dieses Fürsten verfaßt und an ihn gerichtet, werden dessen Verdienste um das Reich gerühmt, er wird als Fürstenmeister aufgeführt, als Ehrentrost eines gepriesenen Kaisers, besser denn je ein Kanzler es war, und zum Schlusse noch, in Beziehung auf die Heiligen von Köln, als Kämmerer von drei Königen und eilftausend Jungfrauen (I 106a). Das andre, ein Seitenstück zu dem vorigen, ist nach der Ermordung des Erzbischofs, aber noch vor bekannt gewordener Hinrichtung des Thäters, abgefaßt und lautet also:

Wes Leben ich lobe, des Tod, den will ich immer klagen. So weh' ihm, der den werthen Fürsten habe erschlagen Von Kölne! o weh', daß ihn die Erde mag noch tragen! Ich kann ihm nach seiner Schulde keine Marter finden; Ihm wäre allzu sanft ein eichner Strang um seinen Kragen, Ich will ihn auch nicht brennen, noch zerglieden, noch schinden, Noch mit dem Rade zerbrechen, noch auch darauf binden: Ich warte alles, ob die Hölle ihn lebend wolle schlinden. (Ebd.)[80]

=zerglieden=, zerreissen, viertheilen. =alles=, gänzlich, jediglich. =schlinden=, verschlingen.

[80] Es ist zu entscheiden, ob nicht beide Gedichte ironisch gemeint seyen. In beiden scheint die Schlußzeile diese Wendung zu nehmen. Diese ironische Weise ist überhaupt dem Dichter nicht fremd. Sie findet sich namentlich in seinen Gedichten auf Otto IV. Was ihn aber veranlaßt haben mochte, sie gegen den Erzbischof, von dem sonst Gutes gemeldet wird, und selbst auf dessen Ermordung anzuwenden, erhellt nicht. Der Abt von Ursperg setzt diese Begebenheit in Verbindung mit damals neu aufgekommenen, von einem Predigermönch aus Straßburg, Johannes, verkündigten Lehrsätzen, die, an sich nicht verwerflich, in der Anwendung durch Mißverstand verderblich geworden und zu den abscheulichsten Frevelthaten Anlaß gegeben. Hievon findet sich jedoch keine Meldung bei dem Mönche von Köln, der dem Ereigniß näher stand und nach dessen Jahrbüchern dasselbe oben erzählt wurde. Uebrigens scheint das Urtheil der Zeitgenossen nicht einhellig gewesen zu seyn. Nach dem Berichte eines andern Geschichtschreibers kam zu Nürnberg bei der Vermählung des Königs Heinrich mit der Tochter Leopolds von Oesterreich die Ermordung des Erzbischofs zur Klage und es erhob sich über diesen Fall Widerspruch zwischen dem Erzbischof von Trier und dem Grafen von Truhendingen. Man griff zu den Waffen und es kamen in diesem Auflauf gegen sechszig Menschen um. _Excerpt. ex Catal. Rom Pontif. et Imp. (ap._ Pez, _T. II) ad ann. 1225._ -- Sonst machen einige Schriftsteller den heiligen Engelbert zum Stifter der Fehmgerichte. Zu wirksamerer Verfolgung der Ketzer soll er diese Gerichte, nach dem Muster der damals aufgekommenen und bestätigten heiligen Inquisition, gestiftet haben. Der geschichtliche Beweis für diese Meinung wir aber vermißt. =Berck=, Geschichte der Westphäl. Fehmgerichte. Brem. 1815 S. 251

Wir haben uns dem Zeitpunkte genähert, wo Friedrich der Anmuthungen des Pabstes, den längst gelobten Kreuzzug wirklich vorzunehmen, sich nicht länger erwehren konnte. Schon im Jahr 1223 hatte Honorius den Glaubigen verkündigt, daß sie sich rüsten sollten, nach zwei Jahren mit dem ruhmreichen Kaiser Friedrich über Meer zu fahren. Wunderbare Naturerscheinungen hatten von jeher die Prediger des Kreuzes unterstützt. Vorstellungen von dem nahenden Weltende, vom tausendjährigen Reiche, dessen Hauptsitz Jerusalem seyn würde, erregten die Geister. Auch unser Dichter hat die Vorboten des heranrückenden Weltgerichtes erkannt, nicht bloß in den Zeichen des Himmels, weit mehr noch in der Verderbniß der Menschen. Es ist höchste Zeit, daß die Christenheit sich aufraffe, die allzu lang im Schlafe lag:

Nun wachet! uns geht zu der Tag, Vor dem wohl Angst verspüren mag Ein Jeglichs: Christen, Juden und auch Heiden. Wir haben der Zeichen viel gesehen, Daran wir seine Kunst wohl spähen, Wie uns die Schrift mit Wahrheit kann bescheiden. Die Sonne hat ihren Schein verkehret, Untreu' ihren Samen ausgeleeret Allenthalben an den Wegen. Der Vater bei dem Kind Untreue findet, Der Bruder seinem Bruder lüget, Geistlicher Orden in Kutten trüget, Der uns zum Himmel sollte stegen. Gewalt geht aufrecht, gut Gerichte schwindet. Wohlauf! hier ist zu viel gelegen. (I 128a)[81]

=stegen=, den Weg weisen oder bahnen. =Wohlauf!= die =Pf. Hds.= 357 hat: =wol hin!= was die Beziehung auf den Kreuzzug noch näher legt.

[81] =Köpke= a. a. O. glaubt, daß dieses Gedicht im Jahr 1234, also geraume Zeit =nach= dem Kreuzzuge Friedrichs II., abgefaßt sey. Er deutet nemlich die Untreue des Kindes gegen den Vater auf die Empörung des römischen Königs Heinrich wider seinen Vater, den Kaiser, und die Worte: »Der Bruder seinem Bruder lüget« auf die Feindschaft zwischen Heinrich und seinem jüngern Bruder Konrad. Diese besondre Beziehung ist mir nicht wahrscheinlich. In dem Lied eines späteren Dichters (=Müll.= Samml. II Bd. CCCCXLVIII) kömmt die ähnliche Stelle vor:

Menschenkind, denket daran! -- Es ist in der Welt wohl Schein, daß Endes Tag will kommmen. -- Das Kind trauet nicht dem Vater sein Noch Vater seinem Kinde nicht, das haben wir wohl vernommen.

(Vgl. =Reinm.= v. =Zwet.= II 134a 4.) Das Ganze beruht auf bekannten Stellen der Schrift, wie unser Dichter selbst zu erkennen giebt.

Gewaltiger noch ertönt die mahnende Stimme in nachfolgendem Aufruf:

Es kommt ein Wind, das wisset sicherliche, Davon wir Beides hören: singen und sagen. Der soll mit Grimm erfahr'n alle Königreiche, Das höre ich Waller und Pilgerime klagen. Bäume, Thürme liegen vor ihm zerschlagen, Starken Leuten wehet er die Häupter abe. Nun sollen wir fliehen hin zu Gottes Grabe! (I 103b)

=erfahr'n=, befahren, durchfahren.

Ein seltsames Lied ist es, worin der Dichter den Engeln das Lob versagt, so lange sie nicht kräftiger gegen die Heidenschaft mitankämpfen (I 126a).

Hinwider läßt er einen Boten Gottes auftreten, an dessen Vogt, den Kaiser, gesendet, um Klage zu führen über die Heidenschaft, die im Lande seines Sohnes schmählich hause. Der Kaiser hat die Erde, Gott das Himmelreich. Jetzt soll der Kaiser dem Herrn Recht schaffen, Gott wird es gegenseitig thun, da wo =er= Vogt ist, und klagte der Kaiser auch über den Teufel in der Hölle (I 135b).

Ein andres Gesätz mahnt den Kaiser, Deutschlands innern Frieden zu befestigen und die ganze Christenheit zu sühnen; das verherrliche ihn und mühe die Heiden sehr. Er habe zwiefache Kaisersstärke: des =Aares= Tugend, des =Leuen= Kraft; die seyen darum Heerzeichen an dem Schilde[82]. Diese zween Heergesellen, wollten sie an die Heidenschaft, was widerstände ihrer Mannheit und ihrer Milde? (=Ebd.=)

[82] Der =Adler= ist das Wappen des Reichs, der =Löwe= das Hohenstaufische. Dieser ist den altdeutschen Dichtern das Sinnbild des Muthes, der Kraft, jener der Milde, der Freigebigkeit. So bei =Reinmar= von =Zweter=, I 140b 146b. Vgl. =Eneidt=, V. 12416 f. Beide sind Herrscher im Thierreich. Dem Könige der Vögel ist es vermuthlich als Freigebigkeit ausgelegt worden, daß er, wie man beobachtet hat, zuweilen von seiner Beute nur das Beste verzehrt und, was ihm nicht gut genug ist, den geringern Vögeln überläßt.

Bei all diesem Eifer für die Sache des Kreuzes bleibt doch Walther seinem kaiserlichen Wohlthäter treu ergeben, auch nachdem dieser wegen der gescheiterten Unternehmung im Jahr 1227, von Gregor IX. mit dem furchtbaren Bannstrale gezeichnet ist. Den Kirchenfluch, der auch die Anhänger des Gebannten traf, weist der Dichter unerschrocken von sich ab, indem er dem Pabst entgegenhält, was dieser bei der Krönung des Kaisers den Völkern geboten:

Herr Pabest! ich mag wohl genesen, Denn ich will euch gehorsam wesen; Wir hörten euch der Christenheit gebieten, Wie wir des Kaisers sollten pflegen, Da ihr ihm gabet den Gottessegen: Daß wir ihn Herren hiessen und vor ihm knieten. Auch sollt ihr nicht vergessen, Ihr sprachet: »wer dich segne, daß der gesegnet sey! Wer dir fluche, der sey verfluchet Mit Fluche vollgemessen!« Durch Gott! bedenket euch dabei, Ob ihr der Pfaffen Ehre irgend suchet? (I 105a)

=genesen=, an meinem Seelenheil unbeschädigt bleiben. =wesen=, seyn. =durch Gott!= um Gottes willen.

Von neuem läßt Walther den alten Klausner klagen: daß man die Guten banne und den Uebeln singe (I 103a). Dem Kaiser aber räth er, unbekümmert um des Pabstes Irrung, dennoch abzufahren[83].