Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter
Part 7
In Beziehung auf Walthern von der Vogelweide wird, außer dem schon eher genannten =Stolle=, noch eines Herrn =Volknant= (in der =Pf. Hds.= 357 heißt er =Wicman=), als eines solchen gedacht, der den Meistern ihre meisterlichen Sprüche treten (=Pf. Hds. irren=) wolle. Walther und Volknant werden verglichen. Jener ist das Korn, dieser die Spreu; singet Volknant =eins=, so singet Walther =drei=; sie gleichen sich wie der Mond und ein gewisser runder Theil des menschlichen Körpers. Herr Walther singet was er will, des Kurzen und des Langen viel, so mehret er der Welt ihr Spiel; Volknant jagt wie ein falscher Leithund nach Wahne (I 113). Das Lied, welches diese Vergleichungen anstellt, in einer von Walthers Weisen gedichtet, ist gleich andern, welche nicht ihm angehören, aber auf ihn Bezug haben, unter die seinigen gekommen.
Von dem Verfalle der Kunst, den schon unser Dichter beklagt, zeugen auch, durch eigenes Beispiel, die Gedichte des =Tanhuser=, der, wie Nithart, in Friedrichs des Streitbaren Dienste war; meist Tanzreihen, zum Theil in Nitharts Geschmacke, mit allerlei Gelehrsamkeit überladen und durch widerliche Sprachmengerei aus dem Französischen verunstaltet[64]. Anklänge aus Walthers Liedern sind auch in diesen Gedichten unverkennbar[65]. =Tanhuser= überlebte den Fürsten Friedrich und beklagt dessen Tod mit der drolligen Aeusserung: wer nun Thoren (Hofnarren), so gut halte, als Er gethan? (=Man.= II 69a)
[64] Z. B. Daß ich wäre ihr =dulz amis= &c. Ein' =Ripiere= ich da gesach (sah), Durch den =Fores= gieng ein Bach Zuthal über ein' =Planüre=. Ich schlich ihr nach, bis ich sie fand, Die schöne =Creatüre=. Bei dem =Fontane= saß die Klare, Süsse von =Statüre=. (II 61a)
[65] Z. B. Ich bin Gast und selten Wirth, das Leben ist unstete. (II 67b)
Freundlich sind die Verhältnisse der Kunstgenossenschaft, in welchen Walther mit dem =Missener=, Meißner, stand. Daß er unter dieser Benennung einen der meißnischen Markgrafen verstehe, ist nicht bloß aus dem Liede, worin er den Meißner zu den Fürsten zählt, welche die Zurückkunft des Kaisers nach dessen Krönung treulich erwartet (I 103b), sondern mehr noch aus dem äusserlich untergeordneten Verhältnisse zu schließen, in welches Walther auch da, wo er von dem Meißner als einem Dichter spricht, sich zu demselben stellt. Daß sodann unter den Markgrafen von Meissen, welche in Walthers Zeit fallen, =Heinrich= der =Erlauchte= gemeint sey, dafür stimmt theils das Zeugniß =Tanhusers=, welcher, unter offenbarer Beziehung auf jenes Lied unsres Dichters, =Heinrich= den =Missener= aufführt (II 64b f.)[66], theils der Umstand, daß der Markgraf Heinrich von Meissen selbst unter den Minnesängern erscheint. Er war von mütterlicher Seite Enkelsohn Hermanns von Thüringen, befand sich in seiner frühesten Jugend am Hofe von Oesterreich und vermählte sich 1234, sechszehn Jahre alt, mit Constantia, der Schwester Friedrichs des Streitbaren. Die meißnische Chronik meldet von seiner Prachtliebe und seinem ritterlichen Hofhalt[67].
[66] Die Worte =Tanhusers=: »Der sein' Treue nie zerbrach &c.« entsprechen augenscheinlich dem Schlusse von Walthers Lied: »Von Gotte würde ein Engel eh' verleitet.« Auch die weitere Zeile von =Tanhuser=: »Er sollte des Reiches Krone tragen &c.« deutet auf die Stelle in einem andern Liede Walthers:
Möcht' ich ihn han gekrönet, Die Krone wäre heute sein. (I 136b)
Die letztern Worte bezeichnen abermals einen =fürstlichen= Freund unsres Dichters. So singt =Tanhuser= von Friedrich von Oesterreich:
In kurzen Zeiten das geschieht, Daß man wohl eine Krone Schöne auf seinem Haupte sieht. (II 59)
=Köpke=, a. a. O. S. 13, bezieht die politische Strophe: »Herr Kaiser, ihr seyd willekommen &c.« (I 103b) auf Otto IV. und den Markgrafen =Dietrich=, Heinrichs Vater. Mit der Stelle bei =Tanhuser= (II 64b), soferne man solcher Beweiskraft beilegen will, läßt sich diese Annahme nicht vereinigen. Der Beziehung auf =Friedrich= II. ist es zwar nicht günstig, daß dieser erst vierzehn Jahre, nachdem er zu Rom gekrönt worden, nach Deutschland zurückkam, und so kann auch gegen die Beziehung auf =Heinrich= den =Erlauchten= die bedeutende Altersverschiedenheit angeführt werden, welche nothwendig zwischen ihm und Walthern stattgefunden; Heinrich ist im Jahre 1218 geboren. Allein auch Otto IV. blieb nach seiner Krönung zum römischen Kaiser noch dritthalb Jahre von Deutschland abwesend und die Verschiedenheit des Alters ist kein entscheidendes Hinderniß. Der junge Markgraf (jugendlich ist er auch in der Maness. Handschrift vor seinen Liedern dargestellt), mag von dem alten Meister gelernt haben. Die Strophe: »Mir hat ein Lied von Franken &c.« (I 111a) beweist, daß der Meißner Walthern mit Achtung behandelte, und in den Liedern Heinrichs von Meissen (I 5, 6) könnten einige Spuren von Walthers Einflusse bemerklich gemacht werden. Man sieht, daß hier weitere Untersuchungen nicht überflüssig sind. Ein Aufsatz über Heinrich den Erlauchten als Minnesänger und Förderer deutschen Minnesangs, von K. =Förster=, ist neuerlich in =Kinds Muse=, 1821 II 3 erschienen.
[67] =Albinus=, Meißnische Land- und Berg-Chronika. Dresd. 1589 S. 195
Walther hat den Meißner im Liede gelobt, er darf nun erwarten, daß derselbe ihm =wandle=, =Wandels Recht biete=, d. h. das Lob erwidre. Für alles Andre, was er sonst dem Meissner gedient, will er diesem den Lohn erlassen, nur auf das Lob verzichtet er nicht. Wird ihm das nicht, so will er auch seines zurücknehmen, zu Hof und an der Straße (I 136). Der Künstlertrotz, womit er hier auf seinem Sängerrechte besteht, soll wie es scheint, nur beweisen, wie hoch er eine Erwiderung von diesem Fürsten anschlagen würde.
Besser zufrieden zeigt er sich, als ihm der Meißner aus Franken ein Lied mitgebracht hat:
Mir hat ein Lied von Franken Der stolze Meissener gebracht, Das fährt von Ludewige. Ich kann es ihm nicht danken So wohl, als er mein hat gedacht, Als daß ich tief ihm neige. Könnt' ich, was Jemand Gutes kann, Das theilte ich mit dem werthen Mann, Der mir so hoher Ehren gann; Gott müsse auch ihm die seinen immer mehren! Zu fließe ihm alles Segens Fluß, Nichts Wildes meide seinen Schuß, Sein's Hundes Lauf, sein's Hornes Duß Erhalle ihm und erschalle ihm wohl nach Ehren! (I 111a)
=Ludewige=, es ist noch unerrathen, wer dieser Ludewig sey. =gann=, gönnt. =Duß=, Getöse, Schall.
Daß Walther den Tod =Reinmars= im Liede betrauert, ist bereits erwähnt worden. Reinmar der Alte, den Walther am Hofe zu Wien kennen gelernt haben mochte, ist ein trefflicher Minnesänger, berühmt unter den älteren Meistern. Seine zahlreichen Lieder sind einfach und innig, sie athmen eine sanfte Schwermuth. Er hat, wie er einmal singt, die Minne noch stets in bleicher Farbe gesehen (=Man.= I 66a). Auch äussert er, es werde Mancher ihn nach seinem Tode klagen, der jetzt leicht seiner entbehrte (I 71a). Unser Dichter scheint nicht in völlig gutem Vernehmen mit ihm gestanden zu seyn, doch beklagt er, selbst schon am Ziele seiner Jahre, den Tod desselben auf eine würdige Weise.
Zwei Gesätze Walthers sind dieser Klage gewidmet. In dem einen versichert er: wenn Reinmar nichts gesungen hätte, als die eine Rede: »So wohl dir, Weib, wie rein dein Name!« so hätt' er verdient, daß alle Frauen stets für seine Seele bitten würden[68].
[68] Diese Strophe steht in der =Pf. Hds.= 357 Bl. 41b unmittelbar vor der andern auf Reinmars Tod. Sie ist Walthers nicht unwerth; nur ist der Text in jener Hds. verdorben. Das Lied Reinmars, worauf sie sich bezieht, ist noch vorhanden (I 67a). So finden sich auch unter Walthers Liedern zwei Gesätze (I 137), welche auf Strophen von Reinmar (I 64b Vgl. 68b 7) in der gleichen Tonweise wettstreitend antworten.
Das andre lautet so:
Fürwahr, Reinmar, du reuest mich[69] Vieles härter, denn ich dich, Ob du lebtest und ich wär' erstorben. Ich will's bei meinen Treuen sagen: Dich selben wollt' ich wenig klagen, Ich klage dein' edle Kunst, daß sie ist verdorben. Du konntest all der Welte Freuden mehren, So du's zu guten Dingen wolltest kehren. Mich reuet dein wohlredender Mund und dein viel süßer Sang, Daß die verdorben sind bei meinen Zeiten. Daß du nicht eine Weile mochtest beiten! So leistet' ich dir Geselleschaft, mein Singen ist nicht lang. Deine Seele müsse wohl nun fahren, deine Zunge habe Dank! (I 105a)
=reuest=, schmerzest. =du's=, du sie, die Kunst. =beiten=, warten. =ist nicht lang=, währt nicht mehr lange.
[69] Vgl. =Robyn= (CLXIII):
Reinmar, mich reuet sehre Dein Sinn und auch dein Tod &c.
Die Beziehungen, worin wir unsern Dichter zu den vorgenannten Kunstgenossen gefunden, die achtungsvollen Aeusserungen, welche wir von gleichzeitigen und späteren Meistern über ihn vernommen, führen auf die Frage: welches die Stelle sey, die derselbe in der Geschichte der deutschen Dichtkunst überhaupt einnehme?
Der innere Werth, die Menge und Manigfaltigkeit seiner Lieder, die Länge und die poetische Wichtigkeit des Zeitraums, in welchem er gesungen, müssen ihm schon auf den ersten Anblick eine bedeutende Stelle sichern. Sein dichterisches Wirken umfaßt vollkommen die glänzendste Zeit der altdeutschen Liederkunst. Er reicht hinauf in die erste Blüthe des Minnesangs im letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts, er reicht hinunter in den Uebergang dieser Dichtungsweise zur Betrachtung und zum Lehrhaften gegen die Mitte des dreizehnten; ja er selbst erscheint als Derjenige, der zuerst das jugendlich spielende Lied zu Männlichkeit gekräftigt. Aus der Blüthe der Phantasie und der Empfindung reist ihm die Frucht des Gedankens, die Formen des Minnelieds dehnt er aus, damit sie vermögend seyen, die Sache des Vaterlandes, die Angelegenheiten des Reiches und der Kirche, zu fassen. Wenn er gleich über den Zerfall des Minnesanges Klage führt, so hat doch gewiß er selbst, nur in andrem Sinne, zerstörend auf denselben gewirkt. Je mehr die Wichtigkeit des Stoffes sich geltend machte, um so merklicher mußte das zartere Spiel der Poesie erliegen, und wenn in Walthers Liedern noch der Ernst des Gedankens überall mit Poesie getränkt und umkleidet ist, so tritt dagegen bei seinen Nachfolgern immer mehr die Betrachtung in einseitiger Trockenheit und prosaischer Blöße hervor.
Soll die Fortbildung der Dichtkunst nach den bedeutendsten Meistern bezeichnet werden, so grenzt Walther in aufsteigender Reihe zunächst an =Reinmar= den =Alten=, in absteigender an =Reinmar= von =Zweter=. Der Erstere lebt noch ganz in den Empfindungen und dem Tönereichthum des Minnesanges, der Letztere, fast nur noch in =einem= streng gemessenen Tone dichtend, hat sich völlig der Betrachtung und der Lehre zugewendet; und in demselben Verhältniß, in welchem Walther den Erstern an Kraft und Reichthum der Gedanken übertrifft, zeichnet er sich vor dem Letztern durch Farbenglanz und manigfaltige Anmuth der Behandlung aus.
Wie häufig Walthers Lieder nachgeahmt wurden, kann schon die flüchtigste Ansicht der alten Liedersammlungen ergeben[70]. Daß er von der Singschule unter die zwölf Altmeister des Gesanges, die Stifter der Kunst, gezählt wurde, ist gleich Eingangs berichtet worden.
[70] Beispiele sind, besonders in den Anmerkungen, manche ausgehoben worden. Was als Gebrauch dichterischen Gemeinguts und was als wirkliche Nachahmung anzusehen sey, darüber mögen freilich im einzelnen Falle die Ansichten verschieden seyn.
=Meister= hieß zu Walthers Zeiten Jeder, der sich der Ausübung irgend einer Kunst mit Auszeichnung widmete. =Meister= hiessen daher auch unter den Dichtern vorzugsweise diejenigen, welche die Sangeskunst zu ihrer eigentlichen Beschäftigung gemacht hatten. Diejenigen dagegen, welche den Gesang weniger ausschließlich und fruchtbar treiben, denen zugleich schon durch ihren Stand ein anderwärtiger Hauptberuf angewiesen war, Fürsten und Ritter, wurden mit ihren fürstlichen oder adelichen Namen bezeichnet, obgleich ihre Kunst dem Wesen nach dieselbe war. Es ist hienach leicht zu erachten, daß Walther von Gleichzeitigen und Späteren als =Meister= benannt wird. Wenn übrigens der Truchseß von =Singenberg= ihn: »unsres Sanges Meister« nennt (=Pf. Hds.= 357 Bl. 20b) und wenn derselbe Dichter (=Man.= I 154a), sowie der =Marner= (I 173a) und ein Ungenannter in der =Pf. Hds.= 350: »mein Meister« von ihm sprechen, so kann hieraus, nach der Sprache der Zeit, kein Verhältniß des persönlichen Unterrichts gefolgert werden. Es heißt nicht mehr, als wenn im =Titurel= (Cap. 6 Str. 632) gesagt wird: »mein Herr Walther.« Am wenigsten aber darf aus dem Meisternamen überhaupt auf damaliges Bestehen einer förmlichen Dichtergilde geschlossen werden.
Zwar liegt es in der Natur der Sache, daß eine so ausgebildete Dichtkunst, wie die deutsche in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, eine Dichtkunst, die mit wirklichem Gesang und begleitendem Saitenspiel innig verschwistert war, nicht wild wachsend sich verbreitete, sondern durch Unterricht fortgepflanzt wurde. Davon giebt unser Dichter klares Zeugniß, wenn er meldet, daß er in Oesterreich singen und sagen gelernt habe. Zugleich weisen seine Lieder nicht blos im Allgemeinen durch ihren wohl abgemessenen Bau, sondern auch durch einzelne nähere Andeutungen, auf Kunstregel und Kunstgebrauch, z. B. wenn er von dreierlei Art des Sanges spricht, wenn er die Meister den Schnarrenzern gegenüberstellt, wenn er Wandels Recht begehrt. Nirgends aber, weder bei ihm, noch bei den andern Dichtern seiner Zeit, findet sich der Beweis, daß unter den =Sangesmeistern= des dreizehnten Jahrunderts zunftmäßige Genossenschaften sich gebildet hatten, wie sie unter den =Meistersängern= der späteren Jahrhunderte bestanden.
Gleichwohl ist zwischen beiden unläugbar ein geschichtlicher Zusammenhang[71]. Es sind verschiedene Stufen einer stetigen Entwicklung und Ausbildung, Entartung und Erstarrung des deutschen Gesanges. Die Regel wurde stets enger gezogen und der Geist entschwand. In der Singschule der Handwerker war es der Form nach auf mühsame Künstlichkeit, dem Inhalt nach auf nützliche Erbauung angelegt. Aber auch in diesem Zustande vergaß die Kunst ihres Ursprungs nicht. Die Meister dieser Singschulen erhielten, wie billig, das Gedächtniß ihrer geschichtlichen Verbindung mit jenen alten Meistern. Walther wird mit Eschenbach, Ofterdingen, Klinsor, Reinmar u. A. zu den Stiftern der Kunst gezählt und einige nach ihm benannte Töne (der =lange=, der =übergüldte=, der =Kreuzton= Walthers von der Vogelweide), laufen in den Töneverzeichnissen der Schule fort. Das Kolmarer Meistergesangbuch enthält Gedichte von ihm nebst Meisterliedern vom Ende des sechszehnten Jahrhunderts.
[71] Diesen hat J. =Grimm= (Ueber den altdeutschen Meistergesang, Gött. 1811) überzeugend nachgewiesen; ebenso die Identität der Meister des dreizehnten Jahrhunderts mit sämmtlichen Minnesängern, nicht minder, daß die Meistersängerschule den Grundsatz der Dreitheiligkeit von den ältern Meistern ererbt. Nur scheint es mir, besonders in Betrachtung der Gedichte Walthers, daß die Abtheilung in Stollen und Abgesang bei den Aelteren nicht in dem Maaße herrschend gewesen, als =Grimm= annimmt.
Bis zu diesem Verhallen seiner Töne sind wir dem künstlerischen Wirken des Dichter gefolgt. Wenn aber seine Wirksamkeit, sofern er sie durch den =Inhalt= der Lieder ausübte, vollständiger gewürdigt werden soll, so ist es nöthig, auf den Schauplatz der politischen Bewegungen zurückzukehren.
Achter Abschnitt.
Friedrich II. und die Päbste. Erzbischof Engelbert von Köln. Die Kreuzzüge. Walthers Kreuzfahrt.
Zweierlei Angelegenheiten, unter sich in genauer Verbindung, bewegten jetzt die Welt: Friedrichs II. Kampf mit den Päbsten und die Wiedereroberung des heiligen Grabes.
Als zwischen Philipp und Otto die Königswahl streitig war, hatte Innocenz III. sich nicht gescheut, den deutschen Fürsten zu erklären, daß die Entscheidung dieses Wahlstreits, wie die Besetzung des deutschen Thrones überhaupt, dem päbstlichen Stuhle zustehe, weil das Reich durch die Päbste von den Griechen auf die Deutschen gebracht sey und der neue König die Kaiserkrone vom Pabst allein erhalte. Der ernstliche Widerspruch der Fürsten bewirkte die Zurücknahme dieses übereilten Wortes, aber das Benehmen des römischen Hofs war gleichwohl beständig von der Absicht geleitet, eine päbstliche Weltherrschaft zu begründen, der das Kaiserthum als ein von ihr abhängiges Lehen untergeordnet wäre.
Wenn das Banner der Freiheit nicht auf Friedrichs Seite weht, wo er die aufstrebende Kraft der oberitalischen Freistaaten bekämpft oder den weltlichen Arm zur Vertilgung der Ketzer herleiht, so gebührt ihm dagegen die dankbare Anerkennung der Nachwelt in seinem rastlosen Ringen gegen jene Anmaßungen der Priesterherrschaft. Das Mühselige und Gefahrvolle seiner Laufbahn ist in einem Liede des gleichzeitigen Dichters, =Bruder Werner=, durch ein schauerlich schönes Bild bezeichnet, wenn Friedrich einem Manne verglichen wird, der im Walde geht, während ein Wolf hinter ihm her schleicht, stets begierig, wenn der Mann straucheln oder fallen würde, sich über ihn herzustürzen (=Man.= II 165b).
Die Kreuzzüge, deren oberste Leitung in den Händen des Pabstes lag, waren diesem ein bedeutendes Mittel zu Erreichung jener großen Zwecke. Er war hier das Oberhaupt einer geistlich-weltlichen Vereinigung aller christlichen Könige und Völker.
Seit der Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahr 1188 waren die heiligen Orte unter der Gewalt der Unglaubigen. Die Kreuzpredigt war unermüdlich, das Abendland zu erregen. Als Friedrich II. im Jahr 1215 zu Aachen gekrönt wurde, ließ er sich, den Anforderungen der Zeit entsprechend, nebst vielen Bischöfen, Fürsten und Rittern, mit dem Kreuze bezeichnen. Nach einem achtjährigen Aufenthalt in Deutschland trat er im Jahr 1220 seinen Römerzug an. Seinen eilfjährigen Sohn Heinrich, der bereits zum Nachfolger im Reich gekrönt war, ließ er unter Vormundschaft zurück. In demselben Jahre ward er zu Rom von Honorius III. als Kaiser gekrönt und bei diesem Anlasse von dem Kardinal-Bischof Hugolin von Ostia, nachherigem Pabst Gregor IX., abermals mit dem Kreuze bezeichnet. Aber so wie bisher die deutschen Angelegenheit, so schoben jetzt die sicilischen die Erfüllung des Gelübdes hinaus. Je mehr, während Friedrichs Anwesenheit in den sicilischen Erblanden, zwischen ihm und dem päbstlichen Hofe Eifersucht und Mißhelligkeit sich erzeugte, um so wünschenswerther war einerseits dem Pabste die Entfernung und auswärtige Beschäftigung des gefährlichen Gegners, anderseits dem Kaiser die Begründung seiner Macht auf heimischem Boden. Als im Jahr 1221 Damiata, kaum erobert, durch die Uneinigkeit der Kreuzfahrer wieder verloren gieng, war Friedrich den bittern Vorwürfen des Pabstes und der Bedrohung mit dem Bann ausgesetzt. Zur großen Zufriedenheit des heiligen Vaters gereichte hingegen Friedrichs zweite Vermählung mit Jolantha, der Erbin des Königreichs Jerusalem. Unter Ermahnungen und Bedrohungen von der einen, Entschuldigungen und Vertröstungen von der andern Seite verzog sich die Abfahrt bis in das Jahr 1227. Jetzt waren die großen Zurüstungen beendigt und die Schaaren der Kreuzfahrer auf der apulischen Küste versammelt. Schon war eine große Zahl von Brindisi abgesegelt, der Kaiser und der Landgraf von Thüringen hatten sich gleichfalls eingeschifft, aber nach drei Tagen liefen diese wieder zu Otranto ein, beide von ansteckender Krankheit ergriffen, woran der Landgraf einige Tage nachher verschied. Auch die vorausgefahrene Flotte kehrte nun zurück und die ganze Unternehmung zerschlug sich.
Gregor IX. hatte kurz zuvor den päbstlichen Stuhl bestiegen. Er war aus einem von Friedrich beleidigten Geschlecht entsprossen, er hatte den Kaiser bei der Krönung mit dem Kreuze bezeichnet und ihn zuletzt noch dringend zum Kreuzzuge gemahnt. Jetzt verwarf er jede Entschuldigung, erklärte Friedrichs Krankheit für Verstellung, schleuderte unerbittlich auf ihn den Bannstral und verkündigte in Deutschland, so wie in allen abendländischen Reichen, des Kaisers ungeheure Schuld und furchtbare Bestrafung.
Friedrich erließ gleichfalls Briefe zu seiner Verantwortung. Er klagte den Geitz und die Herrschsucht der Kirche an, die sich Kaiser, Könige und Fürsten zinsbar zu machen strebe. Zugleich aber erneuerte er die Anstalten zum Kreuzzuge und fuhr wirklich im folgenden Jahr, 1228, mit dem Pabste unversöhnt, nach Palästina ab. Auch dorthin verfolgte ihn Gregors Haß und war ihm in allen Unternehmungen hinderlich. Gleichwohl bewirkte Friedrich die Zurückgabe Jerusalems und der heiligen Stätten, und da kein Priester ihn weihen wollte, setzte er selbst im Tempel die Krone von Jerusalem sich auf das Haupt[72].
[72] Das Vorstehende meist nach der trefflichen =Geschichte Kaiser Friedrichs des Zweiten=. Züllichau und Freist. 1792
Unser Dichter ist eben so sehr ein erklärter Gegner der Priesterherrschaft, als ein begeisterter Herold der Kreuzzüge. Er eifert gegen die Eingriffe der Kirche in die Rechte der weltlichen Gewalt, gegen die Habsucht und Verschwendung des römischen Hofes, gegen den Ablaßhandel, gegen die willkührlichen Bannsprüche, gegen das unerbauliche Leben der Geistlichkeit; zugleich aber ruft er wiederholt den Kaiser zur Vornahme des Kreuzzuges auf. Es kann uns einen Begriff geben, mit welchen Schwierigkeiten Friedrich II. zu kämpfen hatte, wenn wir selbst seine aufgeklärteren Anhänger ihn zu einem Schritte drängen sehen, zu dem er so ungerne sich entschloß.
Damit soll jedoch kein Widerspruch in der Gesinnung des Dichters bezeichnet werden. Gerade der fromm begeisterte Sinn muß am meisten Anstoß nehmen, wenn er das Heilige durch Mißbrauch zu fremdartigen Zwecken entweiht sieht. Die Erscheinung des Heiligen ist zu verschiedenen Zeiten eine verschiedene. Was der einen Zeit Andacht und Begeisterung war, ist der andern Aberglaube und Schwärmerei. Aber von dem Urtheil über Formen und Lehrsätze unabhängig ist die Unterscheidung dessen, was aus reiner Quelle, aus der Inbrunst des Herzens, aus der Sehnsucht nach dem Ewigen, aus der Ehrfurcht vor dem Unendlichen entsprungen ist, von demjenigen, was, aus gänzlich irdischen Triebfedern hervorgegangen, nur äußerlich mit dem Mantel der Heiligkeit sich bekleidet. Wenn Jenes noch in später Folgezeit empfängliche Gemüther, dichterisch wenigstens, anzusprechen vermag, so muß Dieses schon in der Zeit, wo es, durch Umstände begünstigt, seine größte Gewalt ausübt, den Zweifel an seiner inneren Gültigkeit erwecken.
Wenn man sich dafür begeisterte, das Land, wo Gottes Sohn menschlich gewandelt, wo er im Leben und im Tode Wunder gewirkt, der Entweihung durch Unglaubige zu entreißen, so kann dieß auch eine Folgezeit begreiflich finden, welche sich von demselben Eifer nicht zu entflammen vermöchte. Wenn aber der heilige Vater nach Rücksichten der Staatsklugheit heute segnete und morgen fluchte, wenn er Zwietracht im Reich erweckte und nährte, wenn er Eidschwüre nach Gefallen löste, den Ablaß zu einer Erwerbsquelle machte, wenn die Geistlichkeit, statt zu singen und zu beten, sich in Fehden tummelte oder weltlicher Ueppigkeit fröhnte, so mußte solches Aergerniß schon die glaubigen Zeitgenossen entrüsten.