Walther von der Vogelweide: Ein altdeutscher Dichter

Part 6

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Ein Blick in das Leben eines andern Dichters kann diese Verhältnisse erläutern. =Ulrich= von =Lichtenstein=, aus dem steirischen Geschlechte, das jetzt gefürstet ist, einer der liederreichsten Minnesänger, hat bekanntlich selbst sein ritterliches Leben in dem Buche: =Frauendienst=[47] beschrieben. Dieses Buch, dem geschichtliche Grundlage nicht abzusprechen ist, giebt die merkwürdigsten Aufschlüsse über die Sitten damaliger Zeit, über Minnedienst und Minnesang, besonders über das Leben und Treiben der Fürsten und des Adels in Oesterreich, Steiermark, Kärnthen und Istrien. Eben diese Gegenden, wo wir Walthern zuletzt getroffen, hat Ulrich von Lichtenstein, bald als Königin Venus, bald als der aus dem Paradies zurückgekommene König Artus verkleidet, auf Ritterfahrt durchzogen. Eben die Fürsten, an deren Hofe Walther gesungen, hat auch Ulrich gekannt und mit einigen derselben sich im Ritterspiele getummelt. Ulrich ist jünger, als Walther, und keiner gedenkt ausdrücklich des andern, aber sie sind Zeitgenossen und gerade in dem Zeitabschnitte, bei dem wir jetzt verweilen, begegnen sich ihre Bahnen; auch möchte sich aus Ulrichs Liedern nachweisen lassen, daß Walthers Gedichte auf ihn eingewirkt haben.

[47] =Frauendienst= &c. Nach einer alten Hdschr. bearbeitet und herausgegeben von =Ludwig Tieck=. Stuttg. u. Tüb. 1811. Ein Abdruck der Urschrift dieses wichtigen Denkmals wird noch immer vermißt.

Den Herzog Leopold, Walthers Beschützer, finden wir im Buche Ulrichs von Lichtenstein[48], wenn dieser (Cap. II) erzählt:

»Darauf ward ich Ritter, zu =Wien=, bei einer Hochgezeit', die ich seitdem nimmer so schön gesehen habe: da war großes Ungemach von Gedränge. Der Fürst =Leupold= aus Oesterreich gab seine minnigliche Tochter einem Fürsten von Sachsen zum Gemahl. Der edle Fürst gab dritthalb hundert Knappen Schwerdt; den Grafen, Freien, Dienstmann, wohl tausend Rittern, gab der edle Fürst Gold, Silber, Roß und Kleider. Fünf tausend Ritter aßen da des werthen Fürsten Brod, da war viel Buhurt (eine Art des Turniers) und Tanzes, und manches Ritterspiel: da waren die reiche Herzogin und ihre minnigliche Tochter, und manche gute Fraue.«

[48] Auch den vorerwähnten Vetter Leopolds würden wir in dem Markgrafen Heinrich von Oesterreich erkennen, bei welchem Ulrich von Lichtenstein Lehrling war und von dem er so viel Schönes zu rühmen weiß. =Frauend.= Cap. I S. 3-4. Es ist aber zweifelhaft, ob hier nicht =Isterreich= statt =Oesterreich= zu lesen sey? denn späterhin tritt der Markgraf Heinrich von Isterreich auf.

Das Hochzeitfest, welches Ulrich beschreibt, hatte nach den Geschichtschreibern im Jahr 1222 statt[49]. Ein ähnliches Fest, wenn nicht dasselbe, hat Walther vor Augen, wenn er so anstimmt:

Ob Jemand spreche, der nun lebe, Daß er gesehn je größre Gebe, Als wir zu Wien durch Ehre haben empfangen? Man sah den jungen Fürsten geben, Als wollt' er nicht mehr länger leben, Da ward mit Gute Wunders viel begangen. Man gab da nicht bei dreißig Pfunden, Nein! Silber, gleich als wär's gefunden, Gab man hin und reiche Wat. Auch hieß der Fürste durch der Gehr'nden Hulde Die Mallen von den Stellen leeren. Roß', als ob es Lämmer wären, Viel Mancher weggeführet hat. Es galt da Niemand seiner alten Schulde. Das war ein minniglicher Rath! (I 129b)

[49] »_Solemnitas magna in Wienna fit Duce auctore Liupoldo, cujus etiam filia Duci Saxonum nuptiali thalamo est copulata._« _Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1222._

=Gebe=, Ausspendung. =Als wollt' er= &c. vgl. =Nibel.= V. 171. =durch der Gehrn'den Hulde=, zum Besten der Gehrenden, der Sänger und andrer begehrlichen Leute, die sich bei solchen Festlichkeiten zudrängten. =Mallen=, Koffer. =Stellen=, Gerüste, worauf die Mallen standen. =galt=, bezahlte; man pflegte bei solchen Anlässen den Gehrenden die Pfänder auszulösen.

Im Verfolg seiner Geschichte (Cap. VI) meldet Ulrich von Lichtenstein von einer Fürstensprache, die zu Freisach stattgefunden. Der Markgraf Heinrich von Isterreich[50] wollte den Fürsten von Kärnthen angreifen. Als aber Leopold von Oesterreich dieses vernahm, sprach er: »Das gestatte ich nicht, sondern ich will es versühnen und in kurzem einen Tag machen.« Diese Gelegenheit benützten Ulrich und sein Bruder, auf einem Anger bei der Stadt Freisach Ritterspiele zu veranstalten, woran die Fürsten selbst Theil nahmen und über welchen man mehrere Tage lang nicht zum Hauptgeschäfte kam. Am Ende ward jedoch die Aussöhnung vermittelt. Unter den weltlichen Fürsten, die für dieses Geschäft versammelt waren, erscheinen Leopold von Oesterreich und Bernhard von Kärnthenland, unter den geistlichen der Patriarch von Aquileja. Wir sehen also hier drei von den Gönnern unsres Dichters zu Ernst und Spiel vereinigt, der Verkehr zwischen ihren Höfen ist eröffnet, es sind belebte Pfade, worauf der Sänger wandelt.

[50] Dieser Markgraf Heinrich, aus dem Hause Andechs, ein Bruder des Patriarchen Berthold, war des Antheils an der Ermordung König Philipps verdächtig und wurde deshalb 1209 seiner Würden, Lehen und Einkünfte verlustig erklärt. Das Haus Andechs behauptete aber seine Ansprüche auf die Markgrafschaft. Heinrich starb um 1228.

So melden auch die Geschichtbücher, daß noch im Jahr 1229 der Patriarch von Aquileja, Leopold von Oesterreich und der Herzog von Isterreich nach Italien hinunter ritten, um den Kaiser Friedrich mit dem Pabste auszusöhnen. Leopold starb 1230 zu St. Germano in Campanien und nur seine Gebeine kamen nach Oesterreich zurück[51].

[51] _Chron. Ursp. ad ann. 1229, Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230._

Wie heimisch Walther von der Vogelweide in jenen östlichen Gegenden war, giebt er deutlich zu erkennen. Wenn er sagt: von der Seine bis an die Mur, vom Po bis an die Drave hab' er der Menschen Weise gemerket (I 131b), so hat er offenbar seinen Standpunkt in der Steiermark, die von Mur und Drave durchströmt wird. Dahin zieht er seine Linien von der Seine aus, als der nordwestlichen, vom Po, als der südlichen Gränze seiner Wanderungen. In einem andern Liede (I 105b 4) scheint er die Fürsten von Oesterreich, im Gegensatze zu andern Herren, die auf einem Hoftage zu Nürnberg waren, die =heimlichen= (heimischen) zu nennen.

Hinwider zeigt eine Stelle im =Frauendienst= S. 119, wie gangbar Walthers Gesang eben in jenen Gegenden war. Als Ulrich von Lichtenstein auf der Ritterfahrt, die er als Königin Venus unternommen, gen Wien reitet, begegnet ihm einer seiner Knechte, der ihm erfreuliche Botschaft von der Frau seines Herzens zu melden hat. Der Bote darf den verkleideten Herrn nicht anreden, er reitet daher bloß hinter demselben her und singt ein Lied, wodurch er kund giebt, daß er gute Botschaft bringe. Dieses Lied ist die erste Strophe eines Gedichts von Walther, welches oben geliefert worden:

Ihr sollt sprechen: willekommen! Der euch Mähre bringet, das bin ich &c.

»Das Lied -- sagt Ulrich -- klang mir in mein Herze und that mir inniglich wohl.«

Noch hören wir Walthern den Verfall des Hofes zu Wien beklagen. Die Ursache dieses Wechsels aber giebt er nicht an. Ob solche in dem 1230 erfolgten Tode Leopolds und in dem kriegerischen Geiste seines Nachfolgers, Friedrichs des Streitbaren, zu suchen sey, lassen wir dahingestellt seyn. Daß Friedrich dem Gesange nicht abhold war, ergiebt sich aus dem, was =Nithart=, =Tanhuser=, =Pfeffel= und =Bruder Werner= von ihm sagen. Sang er doch selbst den Frauen den Reigen, und der =Tanhuser= mit (=Man.= II 59b). Soviel meldet übrigens die Geschichte, daß nach Leopolds Tode fast alle seine Dienstleute sich gegen seinen Sohn Friedrich verschworen, diesen des väterlichen Erbes beraubten und nachher beinahe ganz Oesterreich mit Raub und Brand verwüsteten[52].

[52] _Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230._

Reinmar der Alte giebt ein Trauerlied auf den Tod =Leopolds=, der darin der Herr aller Freuden genannt wird (I 68a), Walther hinwider betrauert den Tod Reinmars (I 105a) und hätte hiernach, wenn in jenem Klageliede wirklich Leopold von Oesterreich gemeint ist, allerdings noch in den Tagen Friedrichs des Streitbaren gelebt.

Das Gedicht selbst, worin er den Wechsel der Dinge am Hofe zu Wien schildert, ist folgendes:

Der Hof zu Wiene sprach zu mir: »Walther! ich sollte lieben dir, Nun leide ich dir, das müsse Gott erbarmen! Meine Würde, die war weiland groß, Da lebte nirgend mein Genoß, Denn Artuses Hof. Nun weh mir armen! Wo nun Ritter, wo nun Frauen, Die man bei mir sollte schauen? Seht! wie jämmerlich ich steh'. Mein Dach ist faul, es tropfen meine Wände, Mich minnet Niemand, leider! Gold, Silber, Ross' und dazu Kleider, Die gab ich und noch hatt' ich meh. Nun hab' ich weder Schapel, noch Gebände, Noch Frauen zu einem Tanze, o weh! (I 129b)

=lieben=, =leiden=, lieb, leid seyn. =mein Genoß=, meines Gleichen. =Gebände=, Kopfbänder.

Siebenter Abschnitt.

Walthers Kunst und Kunstgenossen. Nithart. Der Meissner. Reinmar. Walthers Standpunkt in der Geschichte der deutschen Dichtkunst.

Wie sehr Walther von der Vogelweide seiner Kunst wegen von den Zeitgenossen geschätzt war, beweist nicht bloß die Gunst, der er sich von den angesehensten Fürsten, zumal demjenigen, der, auch dem Geiste nach, vor allen glänzte, von Kaiser Friedrich II., zu erfreuen hatte; auch die gleichzeitigen Meister des Gesanges zollen ihm hohe Achtung.

Dem gepriesenen =Wolfram= von =Eschenbach= ist er wohl bekannt, wie wir bereits aus einer Stelle des =Parcifal= ersehen haben, in welcher ein jetzt verlorenes Lied von ihm angeführt ist. Im =Titurel=, woselbst Walther als einer der =hohen Meister= genannt wird[53], und im =Wilhelm von Orleans= des =Rudolf= von =Ems=[54] ist gleichfalls auf Aussprüche von ihm Bezug genommen. Der Rolle, die er im Kriege auf Wartburg spielt, haben wir erwähnt.

[53] Im 6. Cap. des =Titurel= wird der =Aventeure= d. h. der romantischen Ueberlieferung, welche von dem seligen Leben der Hüter des heiligen Grales Kunde giebt, entgegengehalten, daß sie mit =hohen Meistern= in Widerspruch gerathe:

Ich mein', daß mein Herr Walther konnte sprechen: Hulde Gottes und Gut und weltlich' Ehre Mitsammt wär' Niemand habende.

Das Lied von Walther, worin die angezogene Stelle vorkömmt (=Man.= I 102), ist zuvor, Abschn. II, ausgehoben worden.

[54] Nach v. d. =Hagen's= Anführung aus der Kasseler Handschrift (=Mus.= I 2 S. 563):

Nun seyd ihr doch einander gram, Frau Minne und auch die Kindheit, Als uns Meister Walther seit Von der Vogelweide, Der sang, daß ihr beide Wäret gar einander gram.

Walthers Worte sind diese:

Minne und Kindheit sind einander gram. (I 112a)

Meister =Gottfried= von =Straßburg=, der selbst als ein feiner Hauptschmidt güldene Gedichte wirkte[55], hat in der Stelle seines =Tristan=, welche von den deutschen Dichtern handelt, auch den unsrigen verherrlicht. Die Liederdichter vergleicht er mit Nachtigallen, die ihre süße Sommerweise singen. Wer aber, fragt er, soll dieser Nachtigallen Panier jetzt tragen, seit die von =Hagenau=[56] verstummt ist? wer soll die lebende Schaar führen und weisen? Ihre Meisterin kann es wohl, die =von der Vogelweide=. Hei! wie die über Heide mir hoher Stimme schallet! was Wunders sie stellet! wie spähe (kunstvoll) sie organieret! wie sie ihren Sang wandelieret! Die soll der andern Leiterin seyn, die weiß wohl, wo man suchen soll der Minne Melodie. (=Tristan=, v. =Groote's= Ausg. V. 4750 ff.)

[55] So spricht von ihm =Konrad= von =Würzburg= in seiner =goldenen Schmiede=, V. 97 ff. (=Grimm=, =Altd. Wäld.= Bd. II S. 219)

[56] =Docen= (=Mus.= I 1 S. 167) vermuthet unter dieser Bezeichnung nicht unwahrscheinlich =Reinmarn= den =Alten=; v. =Groote= (Anm. zu V. 4778) glaubt, daß =Hartmann= von =Aue= darunter verstanden sey, was mir, schon nach dem Zusammenhang der Stelle, bedenklicher scheint.

Auch die Späteren erkennen Walthers Meisterschaft an. Insbesondere rühmt noch ein Meistergesang des vierzehnten Jahrhunderts seine schönen und reinen Töne[57].

[57] Diesen Meistergesang des =Lupolt Hornburg= hat Docen im =Mus.= II 1 S. 18 ff. aus der Würzburger Handschrift geliefert.

Von einer Handschrift, welche mit den Singweisen seiner Lieder ausgestattet war, sind nur noch traurige Ueberreste vorhanden[58]. Aber der innere Wohllaut seiner Gesänge, der sich in schönen und manigfaltigen Formen ausdrückt, welchen man oft ihre Singweise anzuhören meint, giebt den Lobpreisungen Gottfrieds von Straßburg und dem Zeugnisse des Meisterliedes volle Glaubwürdigkeit.

[58] =Docen= a. a. O. S. 26

Das Gepräge der Meisterschaft erkennen wir an den Liedern unsres Dichters vornemlich in dem Einklange von Inhalt und Form. Der Gegenstand ist durch die Form harmonisch begrenzt und die Form ist durch den Gegenstand vollständig ausgefüllt. Für das bloße Spiel mit Formen ist Walther zu gedankenreich. Eben darum sind auch seine Formen in der Manigfaltigkeit einfach.

Es ist eine ansehnliche Stufenleiter von Tönen, auf der er sich vom einfachsten Volksliede bis zu jenen großartigen Königsweisen erhebt. Nach Abzug Desjenigen, was sich der Unächtheit verdächtig macht, kann man in seinen Gedichten noch immer etliche und achtzig verschiedene Töne zählen. Er führt uns durch den hohen, den niedern und den mittlern Sang (I 105b). Er singt, wie ein Andrer von ihm meldet, was er will, des Kurzen und des Langen viel (I 113b). Aber stets geht der Inhalt gleichen Schrittes mit der Form und schon der äussre Bau seiner Gedichte läßt auf ihren Gegenstand schließen. Der fröhlichen Weise des Volkslieds entspricht die Lebensfrische des Inhalts und die volleren, gezogenen Töne sind in Uebereinstimmung mit der Würde der Person, an die das Lied gerichtet ist, mit der Wichtigkeit des Gegenstandes, mit der Fülle der Gedanken. Die Spiele der Reimkunst sind ihm zwar nicht unbekannt, doch bedient er sich ihrer mäßig und versteht sie scherzhaft anzuwenden[59]. Er hat zu gewissen Formen Vorlieben und kehrt häufig zu ihnen zurück, aber auch hierin verfährt er nach richtigem Ermessen. Die Betrachtung und die bildnerische Darstellung lieben Stetigkeit, die Leidenschaft, die Empfindung den Wechsel der Formen. Wir haben es bei seinen Minneliedern schön gefunden, wenn es das Erscheinen einer herrlichen Frau in derselben Weise darstellt, worin er sonst die Könige feiert. Jene Gesänge vom ersten Auftreten Friedrichs II. bis wo der Dichter das Lehen empfängt, sind alle in gleicher oder verwandter Form gedichtet, sie treten dadurch in näheren Zusammenhang und bilden gewissermaßen ein episches Ganzes. Eben die Einfachheit der Formen macht sie geeignet, vielfacherem Inhalte zu dienen. Selbst die großartigsten, und gerade diese wiederholt Walther am oftesten, sind nicht vielfach verschlungen, fast kunstlos folgt sich in drei langhingezogenen Zeilen der dreimalige Reimschlag. Es ist der volle Wellenzug eines anschwellenden Stromes.

[59] Z. B. in dem wunderlichen Winterliede (I 125), das durch alle Selbstlauter reimt. Der Truchseß von =Singenberg= (I 157b) und =Rudolf= der =Schreiber= (II 181b) haben es nachgeahmt. Reime an Anfang und Schlusse der Zeilen finden sich in der Strophe: »Ob ich mich selben rühmen soll &c.« (I 121b) und den drei folgenden.

Walthers Gedichte bilden großentheils nur =eine= Strophe. Der Bau eines solchen Gesätzes ist aber genugsam in sich gegliedert, um für eine vollständige Darstellung auszureichen. Man darf Gesätze, die in derselben Weise über denselben Gegenstand gedichtet sind, darum noch keineswegs als Theile =eines= Gedichtes betrachten, Sie können sich auf einander beziehen, eines kann aus dem andern entsprungen seyn, und doch jedes dabei seine Selbstständigkeit behaupten, wie etwa bei einer Reihe von Sonetten über den nemlichen Gegenstand. Unser Meister setzt seine Gedichte nicht zusammen, er schafft sie von innen heraus. Eben diese lebendige Entfaltung des Gedankens, des Bildes, sichert dem Gedichte seine Selbstständigkeit und bedingt seine Begrenzung. Ist der Gedanke dargelegt, das Bild hingestellt, so ist auch das Gedicht abgeschlossen. Bedarf ja doch gerade der kräftigste Gedanke, das klarste Bild, zu seiner vollständigen Erscheinung am wenigsten der Ausführlichkeit.

In einem Theile von Walthers Gedichten findet sich die Grundform, keineswegs aber die überkünstliche Verwicklung des spätern meistersängerischen Strophenbaues. Ebenso ist die prunkende Gelehrsamkeit und der überladene Bilderschmuck der späteren Dichter ihm fremd. Er ist mehr gestaltend, als bilderreich.

Wenn =Frauenlob= (st. 1317) in seinem Liederstreite mit =Regenbog= sich selbst als den Meister Aller rühmt, die je gesungen und noch singen, als einen Koch der Kunst und einen Vergolder des Sanges der alten Meister, =Reinmars=, =Eschilbachs= und des =von der Vogelweide=, die neben kunstreicher Straße den schmalen Steig gefahren seyen (=Man.= II 214b f.), so wird uns dieses nicht abhalten, den unvergoldeten Sang und den schmalen Naturpfad jener älteren Dichter vorzuziehen. Wir werden auf =Regenbogs= Seite treten, der, als erklärter Kämpfe der letzteren, behauptet: die Kunst Walthers und der Andern stehe noch immer frisch belaubt und bewähre die Kraft ihrer Wurzeln (=Ebd.= 215b); übereinstimmend mit dem =Marner=, der ebenfalls Walthern von der Vogelweide an die Spitze der hingegangenen Sangesmeister stellt, aus deren Garten er, unwillkührlich, Blumen lesen müsse (II 173a).

Walther selbst ist sich seiner Meisterschaft bewußt. Er spricht von seinem =werthen Sange= (I 118a) Er klagt, daß man ihn so arm lasse bei =reicher Kunst= (I 131a). Er spricht es aus, daß die Frau, von der er singe, durch seinen Sang geehrt werde; daß nicht leicht Jemand sie besser loben könne; daß, wenn er seinen Sang lasse, Alle, die sie jetzt loben, dann sie schelten werden; daß sie todt sey, wenn sie ihn tödte (I 123b 124b). Ein schöner Stolz aber ist es, wenn er zugleich sich dessen rühmt, daß sein Gesang tausend Herzen froh gemacht.

Rührend ist folgende Aeusserung:

Uns hat der Winter kalt und andre Noth Viel gethan zu Leide. Ich wähnte, daß ich nimmer Blumen roth Sähe an grüner Heide. Doch schadt' es guten Leuten, wäre ich todt, Die nach Freuden ringen Und die gerne tanzen und springen. (I 138b)

Die Kunst ist Walthern eine hohe Sache. Darum entrüstet er sich denn auch vielfältig gegen die Verderber und Entwürdiger derselben. Die Fuge, die Höfischkeit, das höfische, hofeliche Singen stellt er dem Unfuge, der Dörperheit[60], dem unhofelichen Singen, die Meister den Schnarrenzern gegenüber. Die Worte: =höfisch=, =höflich=, hatten aber dazumal einen andern und höheren Sinn, als wie sie heutzutage genommen werden. Sie bedeuteten die edlere Bildung, die feinere Sitte, wie sie an den Höfen gesangliebender Fürsten blühte.

[60] =Man.= I 117b. In der =Pf. Hds.= 357 Bl. 38b kömmt die Strophe: »Uns will schiere wohl gelingen« &c. sammt den übrigen des Mailieds unter den Liedern =Lütolts= von =Seven= vor.

Ungefüge Töne, so klagt er, haben das hofeliche Singen zu Hofe verdrungen, seine Würde liegt darnieder, Frau Unfuge hat gesiegt. Die das rechte Singen stören, deren ist jetzt ungleich mehr, denn die es gerne hören. Wer will noch harfen bei der Mühle, wo der Stein so rauschend umgeht und das Rad so manche Unweise hat? Die so freventlich schallen, sie thun wie die Frösche in einem See, denen ihr Schreien so wohl behagt, daß die Nachtigall davon verzagt, so sie gerne mehr sänge. Wer doch die Unfuge von den =Burgen= stiesse! Bei den =Bauern= möchte sie wohl seyn, von denen ist sie hergekommen (I 112).

Das Letztere deutet merklich darauf hin, was unter diesem ungefügen Sange hauptsächlich zu verstehen sey. Es scheint damals in den ritterlichen Gesang die Gattung von Liedern eingedrungen zu seyn, welche man unter dem Namen der =Nitharte= begreift, Darstellungen aus dem Dorfleben, Schwänke mit den Bauern, derb und rüstig, aber auch manchmal sehr ungezogen und schmutzig. Den Eingang des Liedes macht häufig eine Beschreibung des Frühlings. Mit dem Frühling rühren sich Freude und Muthwill, und so folgt nun im Liede allerlei ländliche Lustbarkeit, Tanz und Schlägerei.

Von der angegebenen Art sind nicht blos die meisten Lieder, welche unter dem Namen des Herrn =Nithart= auf uns gekommen sind, auch viele andre, ritterliche Sänger haben in derselben Weise gedichtet. Der Schauplatz von Nitharts Darstellungen ist die Umgegend von Wien. Einige seiner Lieder betreffen den Fürsten =Friedrich= in =Osterland=, (Friedrich den Streitbaren,) von dessen milder Gabe ihm ein silbervoller Schrein geworden (=Man.= II 72a). Der Bischof =Eberhard=, an den er sich gleichfalls wendet (II 79a), ist ohne Zweifel der Erzbischof von Salzburg dieses Namens, der von 1200 bis 1246 auf dem erzbischöflichen Stuhle saß[61]. Auch erzählt Nithart von einem Zuge über Meer, den er mit Kaiser Friedrich gemacht und auf dem ein heidnischer Pfeil ihn verwundet[62].

[61] _Chron. Salisb. ad ann. 1200, 1246._

[62] =Leipz. Literat. Zeitung= 1812 Nr. 162. -- v. d. =Hagen=, Briefe in die Heimat &c. I. Bd. Bresl. 1818 S. 65.

Schon durch diese Anzeigen, denen sich weitere beifügen ließen, wird Nithart der Zeit und dem Orte nach, wenn gleich als jüngerer Zeitgenosse, unsrem Dichter nahe gerückt. Es sind aber auch Spuren vorhanden, daß Nithart auf Walthers Gedichte in derjenigen Weise angespielt, die wir Parodie nennen und die vielleicht unter dem früher erwähnten =Verkehren= des Gesanges begriffen ist.

Die mehrfache Anspielung ist in nachstehendem Liede Nitharts, dessen Name schon auf Schlimmes deutet, kaum zu verkennen:

Sie fragen: wer sie sey, die Säldenreiche, Der ich so hofelichen habe gesungen? Sie wohnt in deutschen Landen sicherliche, Das sag' ich den Alten und den Jungen. Sie ist in einem Kreise, der ich diene, Von dem Po bis auf den Sand, Von Elsasse bis Ungerland, In =der= Enge ich sie fand, Sie ist noch zwischen Paris und Wiene. (II 73a)

=Säldenreiche=, Heilbringende, Wonnereiche. =Sand=, Meeresufer.

Man erinnere sich hiebei derjenigen Stellen, worin Walther von seiner Länderkunde spricht, und seines zuvor (Abschnitt V) ausgehobenen Gedichtes:

Sie fragen und fragen aber all zu viel Von meiner Frauen, wer sie sey? (I 122a)

Ergötzlich ist auch sonst der Spott, den jene derberen Dichter mit dem Minnesang und dessen Ueberzartheit treiben. Ein solcher, =Gedrut=, macht sich über den Minnesänger =Wachsmut= von =Künzingen= lustig: Herr Wachsmut minne seine Fraue über tausend Meilen, dennoch sey sie ihm gar zu nahe; es thäte ihm so sanft, wenn er sie auf einem hohen Thurme schauen und von ihrer Hand ein Ringlein empfangen sollte, das küßt' er tausendmal, läg' er aber bei der Wohlgethanen mit ihrem rothen Munde, nimmer würd' er sie berühren (=Pf. Hds.= 357 Bl. 24b). Derselbe[63] äussert: wär' es denen Ernst, die sich also um Minne härmen, in Jahresfrist lägen sie todt; sie seyen zu feist bei der Noth, von der sie klagen (=Ebd.=).

[63] Bei =Man.= II 119a ist das Lied Herrn =Geltar= zugeschrieben.